L., gestern Abend kam Dein lieber guter Brief vom 1. IV. Ich kann Dir
gar nicht sagen, wie sehr und ganz ich mit Deinen Ideen gehe und
besonders künftig gehen will. Es macht mich auch stolz, daß Du errätst,
daß ich vieles von dem, was Du sagst, schon immer als tiefen Grundsatz,
vor allem in meinem Verhältnis zu anderen Menschen, in mir getragen
habe. Gerade diese Geistesrichtung hat sich in mir während dieser
Kriegszeit außerordentlich gestärkt. In meinem Verhältnis zur Kunst
_dachte_ ich, oder besser gesagt: fühlte ich auch immer so, aber ich
handelte nicht immer danach; das weiß ich, daß ich erst noch dazu kommen
muß. Der selbstquälerische Schaffensprozeß ließ mich so viel Umwege
gehen, die vielleicht nicht nötig waren und meinem Schaffen mehr
Hemmungen bereiteten, als Förderung und Reinigung. Hier muß ich
umlernen, d. h. vom reinen Lernen zum reinen _Fühlen_ kommen und mich
immer mehr auf das reine Gefühl verlassen. Ich glaube fest, daß es mir
leicht wird, wenn ich wieder heimkomme; die Zeit hat mich so vieles
gelehrt, mehr und vor allem anderes als Du denkst und aus den Aphorismen
schließen zu können glaubst. Gerade sie sind für mich, sowie sie jetzt
mir in der Erinnerung erscheinen, eine Art Abrechnung, ein
zum-Schlußkommen einer unendlich langen, mich seit Jahren quälenden
Denkarbeit; das Ergebnis scheint Dir »äußerlich«; wörtlich genommen ist
es wohl auch äußerlich; aber das äußerliche Ergebnis kann doch
nach innen schlagen; ich hoffe es jedenfalls, auf Grund des
Befreiungsgefühles, das ich jetzt so oft habe. Es hilft nichts, hier
viele Worte zu machen; man dreht sich dabei nur im Kreise, da man mit
Worten keine Werke vorwegnehmen kann. Das »lebendige Gefühl«, von dem Du
immer sprichst, versteh ich jetzt so gut; ich werde ganz in ihm leben
und an nichts sonst denken. Die Arbeitszeit, die mir bleibt, ist zu
kurz, um sie an die »Welt« zu verschwenden. Was ich in Artikel I
schrieb, scheint mir noch immer nicht »ein unwahrer Trost«, wie Du ihn
zu nennen scheinst, sondern seine einzige und wahre Erklärung, trotz
allem und allem. Gerade, was mit Dir und mir als Resultat erzeugt wird,
beweist mir an einem kleinen Beispiel, daß ich nicht fabuliere mit dem
Leidensopfer und der _Reinigung_. K. hat wohl insofern recht, daß der
Krieg jetzt doch nichts anderes ist als die bösen Zeiten vor dem Kriege;
was man vorher in der Gesinnung beging, begeht man jetzt mit Thaten;
aber warum? Weil man die Verlogenheit der europäischen Sitte nicht mehr
aushielt. Lieber Blut als ewig schwindeln; der Krieg ist ebensosehr
Sühne als selbstgewolltes Opfer, dem sich Europa unterworfen hat, um
»ins Reine« zu kommen mit sich. Alles, was drum und dran ist, ist
gänzlich äußerlich und häßlich; aber die hinausziehenden und die
sterbenden Krieger sind _nicht häßlich_. Da trügt Dich _Dein_ Gefühl,
weil Du nicht weit genug fühlst. Sieh lieber ganz weg vom Krieg, so gut
es Dir möglich ist, wenn Du sein »Bild« nicht ertragen kannst, aber
erkläre ihn nicht für eine Dummheit! Denn das bedeutet nicht: dem Krieg
ins Gesicht sehen, sondern: nichts sehen, wo doch etwas ist, und zwar
etwas sehr Großes und Furchtbares.
Dank für die Blumen im Brief; sie freuen mich immer so. Einliegend Brief
von Lisbeth. -- -- -- -- --
Auf K. freu ich mich sehr. Was Du von seiner Wohnung sagst, ist so nett.
Hoffentlich kommt er heil zurück. Was macht eigentlich Deine Stickerei?
Du schriebst lange nichts mehr davon. Auf die bin ich nämlich sehr
neugierig.