6. IV. 15.

L., gestern Abend kam Dein lieber guter Brief vom 1. IV. Ich kann Dir

gar nicht sagen, wie sehr und ganz ich mit Deinen Ideen gehe und

besonders künftig gehen will. Es macht mich auch stolz, daß Du errätst,

daß ich vieles von dem, was Du sagst, schon immer als tiefen Grundsatz,

vor allem in meinem Verhältnis zu anderen Menschen, in mir getragen

habe. Gerade diese Geistesrichtung hat sich in mir während dieser

Kriegszeit außerordentlich gestärkt. In meinem Verhältnis zur Kunst

_dachte_ ich, oder besser gesagt: fühlte ich auch immer so, aber ich

handelte nicht immer danach; das weiß ich, daß ich erst noch dazu kommen

muß. Der selbstquälerische Schaffensprozeß ließ mich so viel Umwege

gehen, die vielleicht nicht nötig waren und meinem Schaffen mehr

Hemmungen bereiteten, als Förderung und Reinigung. Hier muß ich

umlernen, d. h. vom reinen Lernen zum reinen _Fühlen_ kommen und mich

immer mehr auf das reine Gefühl verlassen. Ich glaube fest, daß es mir

leicht wird, wenn ich wieder heimkomme; die Zeit hat mich so vieles

gelehrt, mehr und vor allem anderes als Du denkst und aus den Aphorismen

schließen zu können glaubst. Gerade sie sind für mich, sowie sie jetzt

mir in der Erinnerung erscheinen, eine Art Abrechnung, ein

zum-Schlußkommen einer unendlich langen, mich seit Jahren quälenden

Denkarbeit; das Ergebnis scheint Dir »äußerlich«; wörtlich genommen ist

es wohl auch äußerlich; aber das äußerliche Ergebnis kann doch

nach innen schlagen; ich hoffe es jedenfalls, auf Grund des

Befreiungsgefühles, das ich jetzt so oft habe. Es hilft nichts, hier

viele Worte zu machen; man dreht sich dabei nur im Kreise, da man mit

Worten keine Werke vorwegnehmen kann. Das »lebendige Gefühl«, von dem Du

immer sprichst, versteh ich jetzt so gut; ich werde ganz in ihm leben

und an nichts sonst denken. Die Arbeitszeit, die mir bleibt, ist zu

kurz, um sie an die »Welt« zu verschwenden. Was ich in Artikel I

schrieb, scheint mir noch immer nicht »ein unwahrer Trost«, wie Du ihn

zu nennen scheinst, sondern seine einzige und wahre Erklärung, trotz

allem und allem. Gerade, was mit Dir und mir als Resultat erzeugt wird,

beweist mir an einem kleinen Beispiel, daß ich nicht fabuliere mit dem

Leidensopfer und der _Reinigung_. K. hat wohl insofern recht, daß der

Krieg jetzt doch nichts anderes ist als die bösen Zeiten vor dem Kriege;

was man vorher in der Gesinnung beging, begeht man jetzt mit Thaten;

aber warum? Weil man die Verlogenheit der europäischen Sitte nicht mehr

aushielt. Lieber Blut als ewig schwindeln; der Krieg ist ebensosehr

Sühne als selbstgewolltes Opfer, dem sich Europa unterworfen hat, um

»ins Reine« zu kommen mit sich. Alles, was drum und dran ist, ist

gänzlich äußerlich und häßlich; aber die hinausziehenden und die

sterbenden Krieger sind _nicht häßlich_. Da trügt Dich _Dein_ Gefühl,

weil Du nicht weit genug fühlst. Sieh lieber ganz weg vom Krieg, so gut

es Dir möglich ist, wenn Du sein »Bild« nicht ertragen kannst, aber

erkläre ihn nicht für eine Dummheit! Denn das bedeutet nicht: dem Krieg

ins Gesicht sehen, sondern: nichts sehen, wo doch etwas ist, und zwar

etwas sehr Großes und Furchtbares.

Dank für die Blumen im Brief; sie freuen mich immer so. Einliegend Brief

von Lisbeth. -- -- -- -- --

Auf K. freu ich mich sehr. Was Du von seiner Wohnung sagst, ist so nett.

Hoffentlich kommt er heil zurück. Was macht eigentlich Deine Stickerei?

Du schriebst lange nichts mehr davon. Auf die bin ich nämlich sehr

neugierig.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 48 / 158 题