L..., heut kam endlich Dein großer und kluger Brief über die Aphorismen.
Ich kann unmöglich schnell und ausführlich antworten und schreibe diese
kurze Karte nur um Dir zu sagen, daß ich mit keinem Gedanken traurig
über Deinen Widerspruch bin, sondern nur _dankbar_. Über Kunst kann man
nicht »reden«, höchstens über die _Mittel_. Es wird gewiß mein Fehler in
den Aphorismen sein, daß sie durch sehr viel mißverständliche Worte und
Unklarheiten den Anschein erwecken, als wollte ich die Kunst definieren,
während ich nie mehr als eben die Mittel definieren kann (wie es
Delacroix und van Gogh z. B. getan haben). Wenn ich sie je überarbeite
und herausgebe, müßte ich dies in voller Klarheit herausstellen. Aber
daß die »Form« von selber kommt, wenn man nur wirklich etwas zu sagen
hat, das scheint mir nicht wahr. Beständige Meditation über die Form,
beständigen Willen zur Form, den man immer wieder korrigiert, verwirft,
neu ansetzt, mit allen Hebeln der Welt und Erfahrung, -- ohne das geht's
nicht. Blos leben, das Leben fühlen bis zum Kern und auf die Form warten
wie die Blumen auf den Frühling, das war und ist nie produktive Kunst.
Das _Werk_ freilich muß den dornenvollen Weg ganz vergessen machen. Der
Beschauer soll und kann nur das reine Werk sehen, unsre Nöte gehen ihn
nichts an, auch unsre »Mittel« nicht. Ich schrieb Dir schon einmal, daß
ich die Aphorismen eigentlich _nur für mich_ geschrieben habe, und Du
errätst richtig, daß ich sie eigentlich geschrieben habe, um mich von
meiner »Romantik«, die mir schon so viel Qual verursacht hat, da ich sie
als unrein empfinde, zu befreien. Ich bin _sehr_ neugierig auf Tolstoi.
Soweit ich ihn kenne, ist gerade Tolstoi derjenige, der immer _Zweck_ in
der Kunst sieht! (z. B. Einigung der Menschen, was ich als Phrase
empfinde); aber ich will ihn lesen, ehe ich urteile und will Dir noch
viel über alles schreiben: -- Schreib mir einmal: ist *** _produktiv_?
_schafft_ er wirklich oder _lebt er nur rein_? Ist er ein mehr passiver
oder aktiver Geist?
--
Dein Frz.