Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf
einen andern Ton gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft
alles deprimiert sein. In mir tritt allmählich an die Stelle der sich
periodisch ablösenden pessimistischen und optimistischen Stimmungen die
-- _Neugierde_. Ich werde allgemach _Zuschauer_ dieses tollen
europäischen Dramas; die Unberührtheit ***'s!! usw. mache ich freilich
nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plänen und Gedanken so
wie Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du völlig recht;
buchtechnisch und als »Klang« _äußerlich_ ganz verfehlt und innerlich
verworren, weil voll Rücksichten und Verbeugungen vor Dingen, die im
Grunde nicht das Geringste mit unserer persönlichen Aufgabe zu thun
haben. -- -- -- -- -- Ich werde auch nie an etwas Ähnlichem (wie den
Plänen von ***) wieder mitarbeiten, sondern möglichst allein Dinge
»bilden«. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton
möglichst vermeiden (höchstens daß man bei jedem Wort fühlt: der Pfeil
ist nach vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und daß nichts darin im
toten Zirkel läuft). Das Ganze als Selbstgespräch wie jedes gute Bild,
die Art Bach's, dessen Musik im Grunde den _Hörer_ nicht braucht, -- im
Gegensatz zu Wagner und Schönberg, deren Musik nur im _Zuhörer_ lebt und
auf dessen Seele lauert; ein ähnlicher Gegensatz wie Mantegna und Dürer;
Dürers _meiste_ Sachen (nicht alle, z. B. die Holzschnitte nicht) sind
ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna's Bilder leben auch,
wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man ihnen zufällig
begegnet. (National-Galerie!) ähnlich wie man über das geheime,
selbstschöpferische, unabhängige Leben erschrickt, vor dem neu
angekauften Bild eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek,
ich glaube Nähe des Tiziansaales) Mann, Frau, Kind und Falke; ich
glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie dieses wunderbaren
Bildes.
Daß Kam.... wirklich Komponist ist, wußte ich gar nicht. Dann verstehe
ich natürlich, daß er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist.
Aber das ist ja auch das, was ich immer bei Dir und bei *** vermisse. Du
verstehst, wie ich das meine; Musikmachen ist für mich Unerfahrenen
etwas so Wunderbares, daß ich immer zu leicht aus dem Spielenkönnen die
Folgerung eines schöpferischen Gestaltenkönnens ziehe; daher aber auch
meine alte Abneigung gegen alles pedantische oder virtuose Spiel, das
beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr, als einmal
einen Komponisten spielen zu hören. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
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Dein
Frz.