27. III. 15.

Liebe, Deine Briefe freuen mich jetzt so, sie sind endlich alle auf

einen andern Ton gestimmt, auf den ich so lange gewartet. Was hilft

alles deprimiert sein. In mir tritt allmählich an die Stelle der sich

periodisch ablösenden pessimistischen und optimistischen Stimmungen die

-- _Neugierde_. Ich werde allgemach _Zuschauer_ dieses tollen

europäischen Dramas; die Unberührtheit ***'s!! usw. mache ich freilich

nicht mit. Um so mehr lebe ich in meinen eigenen Plänen und Gedanken so

wie Du auch. Ja, das bl. R.-buch! Damit hast Du völlig recht;

buchtechnisch und als »Klang« _äußerlich_ ganz verfehlt und innerlich

verworren, weil voll Rücksichten und Verbeugungen vor Dingen, die im

Grunde nicht das Geringste mit unserer persönlichen Aufgabe zu thun

haben. -- -- -- -- -- Ich werde auch nie an etwas Ähnlichem (wie den

Plänen von ***) wieder mitarbeiten, sondern möglichst allein Dinge

»bilden«. So denk ich mir auch die Aphorismen; den prophetischen Ton

möglichst vermeiden (höchstens daß man bei jedem Wort fühlt: der Pfeil

ist nach vorn abgeschossen, nicht nach der Seite und daß nichts darin im

toten Zirkel läuft). Das Ganze als Selbstgespräch wie jedes gute Bild,

die Art Bach's, dessen Musik im Grunde den _Hörer_ nicht braucht, -- im

Gegensatz zu Wagner und Schönberg, deren Musik nur im _Zuhörer_ lebt und

auf dessen Seele lauert; ein ähnlicher Gegensatz wie Mantegna und Dürer;

Dürers _meiste_ Sachen (nicht alle, z. B. die Holzschnitte nicht) sind

ohne den gebildeten Zuschauer tote Dinge. Mantegna's Bilder leben auch,

wenn kein Mensch sie ansieht; man erschrickt, wenn man ihnen zufällig

begegnet. (National-Galerie!) ähnlich wie man über das geheime,

selbstschöpferische, unabhängige Leben erschrickt, vor dem neu

angekauften Bild eines alten Italieners (Seitenkabinett der Pinakothek,

ich glaube Nähe des Tiziansaales) Mann, Frau, Kind und Falke; ich

glaube, ich zeigte Dir einmal die Photographie dieses wunderbaren

Bildes.

Daß Kam.... wirklich Komponist ist, wußte ich gar nicht. Dann verstehe

ich natürlich, daß er nicht in dem Sinne zum Musizieren zu bringen ist.

Aber das ist ja auch das, was ich immer bei Dir und bei *** vermisse. Du

verstehst, wie ich das meine; Musikmachen ist für mich Unerfahrenen

etwas so Wunderbares, daß ich immer zu leicht aus dem Spielenkönnen die

Folgerung eines schöpferischen Gestaltenkönnens ziehe; daher aber auch

meine alte Abneigung gegen alles pedantische oder virtuose Spiel, das

beides unwesentlich ist. Ich sehne mich nach nichts mehr, als einmal

einen Komponisten spielen zu hören. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- --

Dein

Frz.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 43 / 158 题