Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet.
Ich war noch gestern und vorgestern mit meinen Wagen in der Stellung
vorn; gestern Nachmittag und Nacht kamen wir in strömenden Regen und
heute morgen ½ m Schnee! Die armen Störche frieren und sehen sehr
bekümmert drein. Es wird ja wohl nicht lange dauern. Die kriegerischen
Operationen hier zeigen dasselbe Bild wie überall in den Vogesen: ein
auf und ab, wie wir es seit 7 Monaten gewöhnt sind. Ihr lest es ja aus
den amtlichen Berichten. An ein Hinausdrücken des Feindes ist zunächst
wohl für lange nicht zu denken. Ich muß dabei oft an die Aufgaben der
Österreicher in den Karpathen und Serbien denken; vielleicht thun wir
ihnen doch auch etwas Unrecht mit unsrer geringschätzenden Ungeduld. Was
Kämpfe in starkgebirgigem Gelände bedeuten, das wissen nur die, die es
erlebt haben.
Eine Beobachtung verfolgt mich stark in meinem ganzen Kriegsleben: die
ewige Wiederkehr des Gleichen, nämlich der gleichen Menschentypen! Es
ist mir oft, als gäbe es nur eine bestimmte begrenzte Anzahl von
menschlichen Existenzeinheiten, resp. Verschiedenheiten. *** dient bei
mir in meinem Zug (ein sehr ordentlicher Mensch), *** ist hier
Kellnerin, Kubin, Kandinsky, Klee, -- alle sind so und so oft im Krieg
vertreten. Desgleichen wiederholen sich in unglaublichem Maße
»Situationen«, wenn man ein etwas somnambules Gefühl dafür hat und sie
»sieht«. Die Tiere gehören selbstverständlich auch in diesen ewigen
Typenkreislauf. Die uralte Lehre von der Reinkarnation und Nietzsches
ewige Wiederkehr des Gleichen hat für mich einen ganz neuen Sinn
bekommen, den ich früher nie erfaßt hatte. Es ist durchaus kein müßiger
Gedanke; denn er greift tief in das Geheimnis der künstlerischen
Gestaltung hinein; vielleicht ist er überhaupt seine Erklärung.
Wirkliche Kunstformen sind wahrscheinlich nichts, als dieses somnambule
Sehen des Typischen, das Sehen zwingender (und daher _richtiger_)
Spannungsverhältnisse. Das Richtige war immer schon richtig, immer schon
einmal da. Ich weiß nicht, ob es verständlich ist, wie ich mich
ausdrücke. Es ist so stark halb- d. h. unterbewußtes _Erlebnis_, keine
Klügelei und man müßte erst die ganz richtigen Worte dafür finden;
vielleicht gibt es sie auch nicht; denn es ist gar nicht notwendig
möglich, alles mit unserer unvollkommenen menschlichen Sprache
auszudrücken. Der Gedanke ist deswegen doch da. Der Sternenhimmel, den
ich in diesem Winter außerordentlich viel beobachtet habe, ist für mich
gewissermaßen ein Leitfaden, die Logarithmentafel dieses Gedankens: Die
Spannungsverhältnisse der einzelnen Sterne und Sternbilder zueinander
sind wie die Typenformeln, für den Sehenden wie ein aufgeschlagenes Buch
des Lebens, der »möglichen Situationen«. Ich verstehe jetzt auch die
vielverspotteten Astrologen. Ihre Gedanken sind nicht etwa Aberglaube
oder Irrtümer sondern nur frühere mittelalterliche Formung von Gedanken,
die uns auch heute wieder begegnen; wir formen sie künstlerisch, die
Alten zogen soziale Schlüsse aus ihnen, aber der Grundgedanke und
Ursprung dieses mythischen Sehens ist gewiß derselbe.
In acht Tagen ist Ostern, -- verleb es friedlich und glücklich.
Hoffentlich ist das Frühlingswetter bis dahin wieder da. Ich werde in
diesen Tagen mit meinen Gedanken lebhaft und sehnsüchtig in Ried, bei
Dir und allem was zu _unserm Leben gehört_ sein. --