28. III. 15. Palmsonntag!

Heut über Nacht ist plötzlich hoher Schnee gefallen, ganz unerwartet.

Ich war noch gestern und vorgestern mit meinen Wagen in der Stellung

vorn; gestern Nachmittag und Nacht kamen wir in strömenden Regen und

heute morgen ½ m Schnee! Die armen Störche frieren und sehen sehr

bekümmert drein. Es wird ja wohl nicht lange dauern. Die kriegerischen

Operationen hier zeigen dasselbe Bild wie überall in den Vogesen: ein

auf und ab, wie wir es seit 7 Monaten gewöhnt sind. Ihr lest es ja aus

den amtlichen Berichten. An ein Hinausdrücken des Feindes ist zunächst

wohl für lange nicht zu denken. Ich muß dabei oft an die Aufgaben der

Österreicher in den Karpathen und Serbien denken; vielleicht thun wir

ihnen doch auch etwas Unrecht mit unsrer geringschätzenden Ungeduld. Was

Kämpfe in starkgebirgigem Gelände bedeuten, das wissen nur die, die es

erlebt haben.

Eine Beobachtung verfolgt mich stark in meinem ganzen Kriegsleben: die

ewige Wiederkehr des Gleichen, nämlich der gleichen Menschentypen! Es

ist mir oft, als gäbe es nur eine bestimmte begrenzte Anzahl von

menschlichen Existenzeinheiten, resp. Verschiedenheiten. *** dient bei

mir in meinem Zug (ein sehr ordentlicher Mensch), *** ist hier

Kellnerin, Kubin, Kandinsky, Klee, -- alle sind so und so oft im Krieg

vertreten. Desgleichen wiederholen sich in unglaublichem Maße

»Situationen«, wenn man ein etwas somnambules Gefühl dafür hat und sie

»sieht«. Die Tiere gehören selbstverständlich auch in diesen ewigen

Typenkreislauf. Die uralte Lehre von der Reinkarnation und Nietzsches

ewige Wiederkehr des Gleichen hat für mich einen ganz neuen Sinn

bekommen, den ich früher nie erfaßt hatte. Es ist durchaus kein müßiger

Gedanke; denn er greift tief in das Geheimnis der künstlerischen

Gestaltung hinein; vielleicht ist er überhaupt seine Erklärung.

Wirkliche Kunstformen sind wahrscheinlich nichts, als dieses somnambule

Sehen des Typischen, das Sehen zwingender (und daher _richtiger_)

Spannungsverhältnisse. Das Richtige war immer schon richtig, immer schon

einmal da. Ich weiß nicht, ob es verständlich ist, wie ich mich

ausdrücke. Es ist so stark halb- d. h. unterbewußtes _Erlebnis_, keine

Klügelei und man müßte erst die ganz richtigen Worte dafür finden;

vielleicht gibt es sie auch nicht; denn es ist gar nicht notwendig

möglich, alles mit unserer unvollkommenen menschlichen Sprache

auszudrücken. Der Gedanke ist deswegen doch da. Der Sternenhimmel, den

ich in diesem Winter außerordentlich viel beobachtet habe, ist für mich

gewissermaßen ein Leitfaden, die Logarithmentafel dieses Gedankens: Die

Spannungsverhältnisse der einzelnen Sterne und Sternbilder zueinander

sind wie die Typenformeln, für den Sehenden wie ein aufgeschlagenes Buch

des Lebens, der »möglichen Situationen«. Ich verstehe jetzt auch die

vielverspotteten Astrologen. Ihre Gedanken sind nicht etwa Aberglaube

oder Irrtümer sondern nur frühere mittelalterliche Formung von Gedanken,

die uns auch heute wieder begegnen; wir formen sie künstlerisch, die

Alten zogen soziale Schlüsse aus ihnen, aber der Grundgedanke und

Ursprung dieses mythischen Sehens ist gewiß derselbe.

In acht Tagen ist Ostern, -- verleb es friedlich und glücklich.

Hoffentlich ist das Frühlingswetter bis dahin wieder da. Ich werde in

diesen Tagen mit meinen Gedanken lebhaft und sehnsüchtig in Ried, bei

Dir und allem was zu _unserm Leben gehört_ sein. --

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 44 / 158 题