ich fühle mich ganz glücklich, wieder ein bißchen im Treiben des Krieges
zu sein; ich bin körperlich so erholt und frisch, daß ich die damit
verbundenen Strapazen nicht tragisch nehmen kann, zudem man heute
Mannschaft und Pferde bei uns ganz anders schont, als dazumal in den
Vogesen, wo in der ersten Kriegsbegeisterung und Kriegsunerfahrenheit
viel Unsinn gemacht wurde. Der ganze, sehr kleine deutsche Winkel, in
dem die Franzosen noch sitzen, soll endlich gesäubert werden. Direkter
Anlaß zum Vorgehen waren die Vorstöße der Franzosen selbst, die man,
wären sie ruhig in den paar Dörfern geblieben, wahrscheinlich
unbehelligt bis zum Friedensschlusse dort gelassen hätte. Die Kämpfe der
Infanteristen, deren Zeuge ich gestern war, sind freilich grausiger, als
ich sie je vorher gesehen. Ich war gestern Abend ganz erschüttert; der
Mut, mit dem sie vorgehen und die Gleichgültigkeit, ja Freudigkeit für
Tod und Wunden hat etwas Mystisches; diese Stimmung ist natürlich auch
das Versöhnende, die Erklärung des dem gewöhnlichen Verstande
Unerklärlichen. Unsre Artillerie schießt jetzt glänzend, bedeutend
besser als am Anfang. Gestern Nacht sollten wir in Wattweiler, von wo
aus wir schossen, bleiben. Ich hatte schon zwei Nächte fast ohne Schlaf
vollbracht und mir ein schönes Heulager zurechtgemacht und schlief bald
wie ein Stein, als schon um 11 Uhr Alarm kam; sofort abrücken, da
schwere Artillerie den Ort zu beschießen anfing. Es ging alles in
tadelloser Ordnung nach Berrweiler zurück, wo wir noch einen kleinen
Rest der Nacht schlafen konnten. Heute früh kam unsre 3. Batterie auch
an und fuhr mit der 1. auf. Ich habe als Meldereiter für den
Munitionsersatz wenig zu thun und sitze hier in Bertschweiler bei der
Staffel. Es war ein schwerer Frost heute Nacht und heute ein herrlicher
Tag; dieses trockene Wetter ist eine riesige Wohlthat. Ihr braucht Euch
ja keine Gedanken über etwaige Gefährlichkeit meines Dienstes machen.
Ich stehe sozusagen unter dem Schutz meiner Munition, die man natürlich
um alles in der Welt vor direkter Beschießung behütet. Meine
Schreibereien ruhen natürlich in solchen Tagen. Das Interesse ist
notwendig nach außen gerichtet; man wird Artillerist mit seinen ganzen
Sinnen. Viele Freude machen mir auch die verschiedenen neuen Dörfchen
und Städtchen, die man kennen lernt, der »Impressionismus«. Wir glauben
nicht, daß wir sehr lange in Aktion sein werden; die Franzosen weichen
an den meisten Punkten. Immer muß ich jetzt an Euch denken, daß Ihr
traurig im lieben Häuschen sitzt, ohne frohe Herzen und traure mit Euch.
Wenn Ihr aber an mich denkt, so denkt froh, wie ich es auch thue und auf
das Wiedersehen harre.
Neujahr 1915.
Prosit Neujahr! Es ist ein fabelhafter schöner Tag, rührend schön, als
ich im ersten Morgenlicht wieder in meine Stellung ritt. Die Berge sind
alle weiß, aber herunten im Thal spüren wir noch keinen Winter. Wir
tranken gestern so beträchtliche Mengen Punsch, daß wir ganz schwer und
taumelig einschliefen. Das famose Bett und richtige Mittagessen, das ich
jetzt habe, bringt mich oft ganz vom bitteren Ernst des Krieges ab; ich
bin viel weniger nervös und aufgeregt und leb jetzt mehr in
Heimatgedanken, trotz der dröhnenden Kanonen. So traurig es ist, daß im
Osten die Entscheidung sich so in die Länge zieht und vielleicht ganz
neuer Operationen bedarf, so bleibt doch immer die eine Beruhigung: Ins
Land kommt der Feind nicht, weder im Osten noch im Westen. Jeder Versuch
der Franzosen, im offenen Gelände vorzudringen, wird von unsrer
Artillerie spielend (oder wie der amtliche Bericht sagt: »leicht und
unter schweren Verlusten für den Feind«) zurückgewiesen. So war es vor
Verdun, in den Vogesen und hier und wohl auf der ganzen Linie und im
Osten. Die 42 stehen _alle_ an der Küste, dort oben wird die
Entscheidung fallen, -- wie, kann ich mir freilich nicht vorstellen; die
ganzen Operationen im Norden entziehen sich leider so ganz meiner
Vorstellung. Die Äußerung von T. über den Handelskrieg mit
Unterseebooten ist toll in ihrer Unverblümtheit; ich bin neugierig oder
besser gierig auf das, was im Norden sich noch ereignen wird.
Gottlob liegt das süße kleine Ried in einem vor dem Weltkrieg so
geschützten stillen Winkel. Halte und verwalte es nur treu, bis ich
einmal wieder mit dem Kochler Zügelchen da hinaus und _heim_komme! Um
unsre Zukunft ist mir nicht bang. Ich finde Menschen. -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- Fr.