L.,

ich bin ganz vergnügt über dieses Wachstubenweihnachten. Die Nachricht

über Wilhelm hat mich so melancholisch gemacht, daß ich heute lieber

nicht unter den Kameraden sitze. Ich kann ungestörter an Euch alle, an

mein Leben und unsre Zukunft -- und Vergangenheit denken. Vergangen ist

so viel in diesem Jahre! Das Haus »Hinter der katholischen Kirche«, das

Haus in Bonn, Haus Kandinsky, nun auch Gendrin, -- die Frauen sind

überall dageblieben, aber der Sinn jener Häuser ist dahin. Wie glücklich

sind wir, unser kleines Ried zu haben, als feste Insel in diesem

Vergehen. An ihm will ich mit allen Fibern meiner Seele halten, daß uns

und anderen wenigstens diese Feste bleibt. Ich denke mit jedem Tage

sehnsüchtiger nach Hause. Aber ehe der Krieg vorbei ist, will ich gar

nicht heim -- schon weil ich es nicht kann. Ich bin froh, wieder so

gesund geworden zu sein, daß an Urlaub nicht zu denken ist. Ich bereue

auch keinen Tag, mich ins Feld gemeldet zu haben. Ich wäre in München

stets unglücklich, gedrückt und unzufrieden gewesen und hätte für mein

Wesen und Denken zu Hause nichts gewonnen, sicher nicht das gewonnen,

was mir heraußen der Krieg gegeben hat. Ein bißchen stiller und

melancholischer wirst Du mich vielleicht finden, -- Du wirst es auch

sein; die Klugen und Denkenden alle werden nicht dieselben sein wie

früher. Eine solche Zeit durchleben die Menschen nicht alle 100 Jahre,

viel seltener sogar. -- Was mir das Soldatenleben schwer machte, (-- es

wäre in München das Gleiche), daß ich neben und zwischen dem Dienst

hindurch immer andere Gedanken und Pflichten im Kopf habe und den Dienst

immer gegen meine Kopfarbeit und diese gegen den Dienst ausspielen muß.

Ich beneide so oft meine Kameraden, die im Feld nur Soldaten zu sein

brauchen und von nichts anderem innerlich gequält und beschäftigt werden

als höchstens der Sehnsucht nach Hause, die ich genau so habe wie sie.

Aber ich kann mich von meinen Gedanken und Träumen nicht losmachen, will

es auch gar nicht. Die kleinste Zeitungsnotiz, die gewöhnlichsten

Gespräche denen ich zuhöre, bekommen für mich einen geheimen Sinn und

Hintersinn; hinter allem ist immer noch etwas; wenn man dafür einmal das

Ohr und Auge bekommen hat, läßt es einem keine Ruhe mehr. Auch das Auge!

Ich beginne immer mehr hinter oder besser gesagt: durch die Dinge zu

sehen, ein Dahinter, das die Dinge mit ihrem Schein eher verbergen,

meist raffiniert verbergen, indem sie den Menschen etwas ganz anderes

vortäuschen, als was sie thatsächlich bergen. Physikalisch ist es ja

eine alte Geschichte; wir wissen heute, was Wärme ist, Schall und

Schwere, -- wenigstens haben wir eine zweite Deutung, die

wissenschaftliche. Ich bin überzeugt, daß hinter dieser noch wieder eine

und viele liegen. Aber diese zweite Deutung hat den menschlichen Geist

mächtig verwandelt, die größte Typusveränderung, die wir bis jetzt

erlebt haben. Die Kunst geht unweigerlich denselben Gang, freilich auf

ihre Art; und diese Art zu finden, das ist das Problem, unser Problem!

An solchen Problemen herumfingern und sich quälen und gleichzeitig

Soldat sein und kein schlechter (denn das bin ich keineswegs), ist

wirklich oft recht schwer. Wann es wohl Schluß sein wird? Ich glaube

immer noch an ein _plötzliches_ Nachgeben der Franzosen, an das »Wunder«

auf das Niestlé und Du gewartet habt. (Der Krieg selbst ist übrigens

Wunder genug, um die alte Prophezeiung zu rechtfertigen.) Sie werden

plötzlich einsehen, wohin die englische Politik sie treibt: die

Engländer haben das größte Interesse daran, daß Deutschland und

Frankreich sich gegenseitig verbeißen und bis zur Verblutung schwächen.

Ein ganz geschwächtes Frankreich ist das gefügigste Werkzeug der

späteren Engländer. Darum ziehen die Engländer den Krieg auch so in die

Länge und verteidigen höchstens Calais mit aller Hartnäckigkeit, denn

hier liegen englische strategische Interessen. Am _Anfang_ war das

anders; da bestand noch das Triple-Entente-Interesse. Aber seit die

Russen und Franzosen in der _Offensive_ versagt haben, ist der Plan und

die Politik der Triple-Entente längst dahin; sie besteht nicht mehr.

England kämpft nur mehr für sich und profitiert von der Schwächung

_aller_ Staaten. Die letzte große Offensive der Franzosen seit dem 16.

Dezember auf der ganzen Linie ist kläglich gescheitert. Vor Verdun

sowohl als hier stimmen die amtlichen Berichte _genau_ mit den

Thatsachen, das kann ich Euch zur Beruhigung sagen. Im Norden wird es

wohl auch so sein. Frankreich _kann_ nicht mehr lange standhalten. Ich

glaube, ihr wunder Punkt ist der Argonnenwald. Hier wird der deutsche

Durchbruch erfolgen; ein Aufrollen der französischen Frontlinie von

Norden her scheint unmöglich. Freilich hab ich immer gedacht, daß die

Ereignisse schneller kommen würden; aber _kommen_ werden sie und mit

ihnen der Tag, wo man »_das Ganze halt!!_« blasen wird. Dann komm ich

wieder!

Schreib mir von Eurer Reise; von Hertha und dem armen kleinen Piep. Wo

ist der gute Wilhelm bestattet? Ich war in Gedanken mit Euch; bleibt

gesund und laßt Euch vom Gram nicht niederdrücken. Ein besseres neues

Jahr uns allen!

27. Dez. 14.

Bertschweiler (südlich Gebweiler)

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 29 / 158 题