L., gestern abend feierten wir unser Soldatenweihnachten, --
Kasernweihnachten; es war recht nett arrangiert, Baum und Lichter,
Freibier, Tabak und kleine Geschenke, mit denen der Leutnant sehr
liberal die Kolonne versorgte. -- Wir hatten gestern ein kleines
Exerzieren in der Umgebung von Mühlh., Besichtigung durch den General
F., der sehr entzückt schien über »die Bayern«. Es scheint mir sehr
sicher, daß wir bei dieser Division dauernd bleiben. Mir ist's ganz
recht, wenn die Sache nur nicht allzu dauernd ist! Es scheint doch, daß
die Deutschen mit dem Durchbruch warten müssen, bis sie Verstärkungen
aus dem Osten heranziehen können. Die Hartnäckigkeit der Franzosen wird
mir -- politisch gedacht -- immer rätselhafter, der selbstmörderische
Drang ist stärker als die politische Überlegung. Es ist unheimlich zu
sehen, wie die staatliche Interessenpolitik, die ein Werkzeug eines
tieferen Willens ist, sich gegen sich selbst wenden muß, wenn dieser
tiefere Wille es will! Das sind die sogenannten »Fehler« in der Politik.
Wir wollen geduldig sein und kein vorzeitiges, halbes Ende wünschen,
wenn auch unsere »Interessen« ein schnelles Ende verlangen. Wie sehr
ich's verlange!
Habt Ihr was von Wilhelm gehört? Ich vermute und hoffe, daß er jetzt
einen ruhigen Grenzdienst hat, nachdem sich der fabelhafte
Entscheidungskampf so tief südlich abgespielt hat. Am russischen
Schauplatz spielt sich der Krieg, wie ich ihn träume und deute,
zweifellos nicht so rein ab, wie zwischen Deutschland und Frankreich.
Rußland hat zu viel uneuropäische Elemente, um ganz im Kriegstaumel
aufzugehen. Wie mag nur der Krieg mit England gehen? Daran denk ich
immer und kann mir kein Bild davon machen.
Gutes Neues Jahr allen und uns beiden! Spiel nur schön Klavier und denk
an mich, an uns beide. -- -- -- --
Mühlhausen, Weihnachtsabend auf der Wachstube.