L.,

nun ist doch Dein Weihnachtspaketchen mit allen seinen guten Sachen und

Lichtchen noch angekommen, vom Regiment direkt hierher! Das Regiment hat

natürlich von unserm Alarm sofort gehört, und da es per Auto die Sachen

bringt, kam es heute schon hier an. Ich hab mich schrecklich gefreut; es

wäre mir Weihnachten doch traurig gewesen, ohne Dein Paketchen

dazusitzen. Allerdings esse ich die Sachen natürlich jetzt schon kräftig

an, erstens schmeckt alles viel zu schön, um nicht sofort damit

anzufangen, ich war gerade heute sehr empfänglich, da die Reise sehr

anstrengend war und dann jetzt die Alarmgefahr, d. h. plötzlicher

Quartierwechsel zu drohend ist; da kann man nicht Vorräte aufstapeln.

Von Koehler kam auch großes Paket, eine riesige Hartwurst und vieles

andere, eine sehr männliche Sendung gegen die Deine süße. Die Äpfelchen

freuten mich so. Hoffentlich kommt mein ganz schlichter Weihnachtsgruß

auch in Deine Hände! Verlebe Weihnachten nur recht fröhlich und

zuversichtlich. An Urlaub ist nicht zu denken, aber daß es

verhältnismäßig bald und plötzlich zu Ende gehen wird mit dem Krieg, das

glaub ich mit jedem Tag mehr. Es wäre doch heller Wahnsinn von

Frankreich noch Monate die nicht mehr zweifelhafte Entscheidung

hinauszuzögern, nachdem Rußland so versagt hat und die Kosten für

Frankreich ins Ungemeßne steigen, wenn es den Krieg bis zum letzten

Tropfen ficht. Ich glaube, es gibt irgendwo einen Sieg und Durchbruch

der Deutschen und darauf folgend einen ganz plötzlichen Umschwung der

ganzen Lage. England wird allein weiter machen, aber ohne den Franz

Marc.

Hier ist jetzt regelrechtes Kasernenleben, das mir so unsympathisch ist

wie am Anfang in München. Das ist nicht Krieg, sondern Garnison, obwohl

wir nahe am Feind sind (ebenso nahe als ungefährlich). Was »Kaserne«

ist, wirst Du etwas nachfühlen, wenn Du jetzt vielleicht in der Max II.

warst; _ça pue_, man ist völlig unfrei durch das Milieu, durch den

Mangel an Originalität und Intimität des Milieus. Das Einzige, was mich

freut, sind die Ställe. Wie sich die armen Pferde darin freuen und ins

Stroh legen! Es ist der Stall der Jäger zu Pferd, prachtvoll gebaut. In

den Ställen in _Hagéville_ konnte man die armen Tiere kaum im Stall

satteln, da der Sattel an den Dachbalken streifte, nirgends frisches

Stroh; es zog meist so entsetzlich, daß ich vor Angst eigener Erkältung

mich nie dort aufhalten konnte. Die Wunden heilten schlecht, weil sie in

der Dreckluft und Staub der Ställe sich immer neu infizierten. Mir

blutete oft mein Herz um die armen Pferdchen. Und jetzt dieser

Unterschied! Leider war ich am ersten Tag hier nicht dabei; man erzählt,

nach einer Stunde hatten sich fast sämtliche Pferde _gelegt_ und im

trocknen Stroh gewälzt vor Vergnügen!! Der Gedanke an die Pferde

versöhnt mich mit dem langweiligen Kasernbetrieb. Ich glaube übrigens

nicht, daß unsres Bleibens hier lange ist. Die II. Batterie, die in

Stellung war und _glänzend_ geschossen hat, kehrt morgen schon wieder

siegreich nach Mühlhausen zurück. Der Ruf der Bayern scheint durch

dieses kurze »scharf schießen« dieser Batterie einen neuen Lorbeer

errungen zu haben; die Begeisterung, mit der man überall, auch Metz,

Straßburg und hier, uns Bayern begrüßt, ist unbeschreiblich. Man glaubt

kaum an einen Sieg, wo nicht Bayern dabei waren und durch ihr Draufgehen

den Ausschlag gegeben haben.

Dank Dir sehr für die Mombert-Bücher; ich bin sehr neugierig welchen

Eindruck sie jetzt auf mich machen. Ein paar zufällige Zeilen, die ich

drin las, haben in mir schon wieder dieses leise Glücksgefühl geweckt,

das ich bei vielen seiner merkwürdigen Zeilen habe. Dank Muttchen für

das _eau de Cologne_, das mir recht wohlthun wird. Also den

Weihnachtsabend wollen wir alle fröhlich sein und unsrer sehnsüchtig

aber nicht traurig gedenken; es wird für uns alle wieder alles gut, nur

um August werden wir zwei immer trauern.

Ich habe in den 3 stillen _Hagéviller_ Tagen scharf an meinem

Gedankengang gearbeitet, -- nun ist alles durch den Alarm wie abgerissen

und ich entwirre es wie einen zerfahrenen Knäuel.

Nun, brennt Ihr Euch ein paar Lichtchen; ich zünd die meinen auch an und

das kleine Bäumchen von Lasker. -- -- -- -- --

Mühlhausen, 22. XII. 14.

L., eben sandte ich Dir ein Kärtchen, als hinterher die erste Post alter

Adresse mich hier erreichte, von Dir den seinerzeit ungeduldig

erwarteten Brief über den Empfang meines Artikels; er hat mir mit allem,

was drin steht, damals sehr gefehlt. Es freut mich riesig, daß Dir meine

Gedanken so gut eingehen, es wird mit dem 3. Artikel, an dem ich jetzt

arbeite und der viel schwieriges, wenigstens für mich schwieriges

enthält, hoffentlich und gewiß auch so sein. Es ist so ziemlich die

Kehrseite der Münze, die ich im vorigen Artikel geprägt habe. Ich habe

Angst, daß man meinen Gedanken für schön und gut aber utopistisch

erklärt, -- es ist der Einwurf, dem ich am leidenschaftlichsten begegnen

will. Die Verwirklichung meiner Zukunftsvorstellung werde ich ja nur in

Bildern versuchen können, aber ich hoffe mit aller Glut, daß Männer

kommen, die es in Literatur und Philosophie und Sitte verwirklichen,

wenigstens für einen kleinen Kreis von Menschen; dieser kleine Kreis

würde mehr beweisen als wenn die schwerfällige Masse sich in Bewegung

setzte. Daran denke ich gar nicht. -- -- -- -- --

Ich bin hier oft nervös und gedrückt und zwinge mich mit aller Herbheit

zur Ruhe inmitten eines greulichen Milieus und wundere mich über mich

selber; denn es gelingt mir, daß mich alle Kameraden gern haben und

soviel ich merke, auch die Vorgesetzten. Jedenfalls hatte ich noch nie

die geringsten Unannehmlichkeiten; freilich bin ich innerhalb meiner

Truppe der Einzige, der auf Ehrenzeichen und Beförderung nicht ehrgeizig

ist, -- solche Leute sind gut zu haben und leicht zu lieben! --

Einliegend Brief von Helmuth. Gewiß wird er ein anderer Mensch werden

durch den Krieg; er ist doch noch ganz, ganz jung; wenn ich diesen

lieben Brief lese und dann denke, wie wir vor 4 (oder sind es 5) Jahren

den Maler Helmuth ansahen, -- ist es nicht komisch? -- -- -- -- --

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 27 / 158 题