L....,

heut kam Dein Brief vom 9. Es thut mir herzlich leid, daß Ihr soviel

Unruhe mit den Hunden habt; ich halte Russi wohl für ziemlich alt. Wenn

ihr die Notwendigkeit seht, seinem Leben ein krankes Alterssiechtum zu

ersparen, so gebt ihm ruhig das Gnadenmittel. Ich hab auch hier Pferde,

die ich lieb hatte, ruhigen Herzens erschossen, wenn ich sie leiden sah.

Man kann die Tiere beneiden, daß man ihrem Leben diesen Abschluß geben

darf. Ich glaube nach den Sindelsdorfer Erfahrungen nicht, daß er noch

einen Winter überleben wird. Seine Zähne und sein Magen sind schlecht.

-- Jetzt gibt es keine heiße Hündinnen, die Zeit ist -- meines Wissens

wenigstens -- unbedingt zu spät. So glaube ich auch nicht, daß Welf

jetzt darunter leidet. Frühjahr und Frühherbst sind die Zeiten. Auch

merkt man es dem Hunde, an schlechten Gewohnheiten, meist an; ich merkte

nie etwas an Welf. Wenn Welf einmal allein ist, -- und mit den Jahren

wird er wohl noch ein sehr guter Hund werden. Bewegung hat er wahrhaftig

genug, vor allem jetzt im Herbst und Winter, wo er im ganzen Garten

laufen kann. So lang Russi lebt, würde ich Welf nicht zum Spazierengehen

mitnehmen. Die Eifersucht und Wut wird nur noch größer und auch Welf

wird eher, wenn er dann einmal daheimgelassen wird, erst recht närrisch.

Eher gebe ich Euch den Rat, Russi B.'s in Pflege zu geben, damit die

Rauferei einmal ein Ende hat. Ihr könnt ihn dann bei B.'s, oder wo Ihr

ihn sonst habt, zum Spazierengehen abholen. Dann ist wenigstens Ruhe im

Hause und Garten, und Welf, den wir _brauchen_, wird nicht ganz närrisch

und verdorben, wie ich es etwas fürchte; ich kenne ja die Geschichte zur

Genüge und wie machtlos man ist. Welf wird ganz anders sein und sich

ziehen lassen, wenn er allein ist. Wenn man mit ihm zuweilen spielen

darf, hat er _genügend_ Bewegung.

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Wie ich lebe? Die Kolonne hat 3 »Züge« _à_ 3 Wagen. Ich bin als Unt.

Off. dem 3. Zugführer (Sergeant) zugeteilt, ohne besondere Funktion, da

ich Meldereiter der Kolonne bin. Ich wohne mit ihm, einem sehr netten

Menschen, Stadtgärtner St. (der uns bestimmt nach dem Kriege besuchen

will und Dir Rat in Gartenangelegenheiten geben wird) und noch zwei

anderen Gefreiten in einem Zimmer. Ich allein hab ein anständiges Bett,

die 3 anderen schlafen auf einem Heulager, das wir ins Zimmer eingebaut

haben. Früh zwischen 5 und 6 stehe ich mit St. auf, das Kaminfeuer wird

angezündet und Kaffee gebraut. Dann sitzen wir meist 1-2 Stunden Pfeifen

rauchend am Kamin, Stunden, die ich sehr gern habe. Natürlich trifft ab

und zu Dienst, sodaß man gleich früh anspannen und wegreiten muß. Wenn's

hell wird, gehe ich _vis-à-vis_ ins Quartier vom Wachtmeister, wo ich

eine, den hiesigen Umständen nach nicht einmal so schlechte

Waschgelegenheit habe. Seife langt noch für lange, ich hab auch von

K.... bekommen. Soweit ich nicht abkommandiert werde, kann ich meinen

Aufenthalt am Tage zwischen unserm Zimmer und dem Kanzleizimmer teilen,

je nachdem hier oder dort mehr Ruhe ist; abends wird zuweilen tarokt.

Für meine Sachen hab ich einen ziemlich großen Wandschrank. --

Heute erhielt ich einliegenden Brief von Kandinsky, gestern ein

Schokoladepaket von Münter. -- -- -- -- --

Mit dem *** bin ich jetzt wenig zusammen, da er ständig mit den

Offizieren der Abteilung ißt. Ich bin im Grunde sehr froh darüber, da

ich mehr allein bin und für mich arbeiten kann. Ich sehne mich noch

nicht nach Verkleinerung der Zeit, der Höhepunkt ist noch nicht da; nur

jetzt nichts halbes. Wir müssen die Härten der Zeit tapfer tragen, der

Geist der Stunde ist es wert.

_Hagéville_ 18. XI. 14.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 22 / 158 题