Grüße und streichle die Rehkinder

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-- Frz.

Sonntag 25. X. 14.

Liebste, 8 Wochen! Das wunderschöne milde Herbstwetter dauert immer

fort; wir leben unser friedliches Dorfleben; bis auf die fast täglichen

Fliegerkämpfe über uns merken wir jetzt nicht viel vom Krieg. Das

Beschießen der Flieger mit unseren Steilfeuergeschützen ist sehr

interessant und aufregend; einen regelrechten Kampf von Flugzeug gegen

Flugzeug hab ich noch nicht erlebt. Die Deutschen drücken den

feindlichen Flieger noch von seiner Bahn ab und suchen ihn in die

Batteriebereiche zu drängen.

Einiges von Eurer Post, auch ein paar Briefe scheinen wohl bestimmt

verloren zu sein, und zwar beim Brand von _Saales_, bei dem 8 große

Postsäcke nicht mehr gerettet werden konnten. Ich schrieb Euch damals,

daß französische schwere Geschütze _Saales_ plötzlich in Brand

geschossen haben. Das Gleiche passierte am 21. X. hier in _Buxières_, wo

der Div. Stab war und die Post. Es sollen 2-3 Säcke verbrannt sein. Das

sind halt unvermeidliche Dinge im Krieg und man muß sich damit abfinden.

Sonst kann ich speziell sehr zufrieden sein, im Gegensatz zu manchen

Kameraden. Durch die Bezeichnung 1. und 4. F. A. R. soll manches in die

aktiven Regimenter sich verlieren, darum lassen wir diese Bezeichnung

jetzt ganz weg. Offizier- und Mannschaftspost wird vollkommen gleich

behandelt. --

Ich fühle mich gleichmäßig wohl, gleichmäßig traurig. Ich verwinde

Augusts Tod nicht. Wie viel ist uns allen verloren; es ist wie ein Mord;

ich komme gar nicht zu dem mir sonst ganz geläufigen Soldatenbegriff des

Todes vor dem Feind und für die Gesamtheit. Ich leide schrecklich

darunter.

_H...._, 30. 10. 14.

L. M., Seit 3 Tagen stockt die Post für meinen Teil wenigstens ganz; ich

bin immer unruhig über Augusts Schicksal was zu hören; wenn es

Nachrichten über ihn gibt, wiederhole sie bitte des öfteren in Deinen

Briefen und Karten, wenn etwas verloren geht, erfahre ich es dann beim

nächsten Schreiben. Ich sandte Dir einen kleinen Nekrolog, in der guten

Hoffnung, daß er umsonst geschrieben sein möge. Hier gibts nichts Neues;

wir essen und leben gut. Was mir abgeht, ist vor allem etwas von

Dir Gebackenes zum Thee und Kaffee; ev. einmal, wenn das

Regimentspaketköfferchen kommt, etwas Eingemachtes in Blechbüchsen. Es

geht mir famos.

_Hagéville_, 1. Nov. 14.

Liebe Maman, heut an »Allerheiligen im Felde« schicke ich Dir einen

kleinen Gruß aus meinem Gärtchen, in dem ich jetzt viel sitze und

nachdenke und schreibe. Es ist jetzt der richtige Nachherbst, der

»Altweibersommer«, wie wir ihn in Bayern nennen, gekommen, Tage von

einer melancholischen Stille und unsagbarer Milde, nur vom ewigen

Kanonendonner im Westen und Süden (Toul-Verdun) durchrollt. Auch in der

Nacht zittern die Fenster oft unaufhörlich. Es sind jetzt die schweren

Geschütze vor Verdun und Toul, die wir am dumpfen Rollen kennen. Heute

war der erste Feldgottesdienst, den wir im Felde erlebten, draußen auf

der freien Wiese, bei den Geschützen, da die Kirche als Vorratshaus

eingerichtet ist. Ich gehe öfters auf den kleinen Friedhof, der dem

Pippinger sehr ähnlich ist. Es ist so merkwürdig und rührend, all die

fremden französischen Namen zu lesen, noch aus der 1. Napoleonszeit und

früher mit alten Grabsteinen. Ich dachte heut so lebhaft an Papas

kleines Grab, dessen einfache Platte auch an diese Gräber erinnert, und

hab ihm in Gedanken einen kleinen Strauß darauf gelegt. Unser Leben hier

ist unverändert; ich reite jetzt wieder jeden Tag 1-2 Stunden mein Pferd

(einen kräftigen Fuchsen, dem die Ruhe jetzt sehr wohlthut); sonst

schreibe und lese ich und gehe stundenlang mit meinen Gedanken im Garten

auf und ab. Dazwischen kommen Tage mit Wachdienst, Requirierungen;

letzthin hatte ich Straßenbau zu beaufsichtigen usf. Aber viel Dienst

ist nicht. Ich fühl mich jetzt wieder so kräftig wie früher, nur darf

ich kein Bier trinken und muß überhaupt vorsichtig mit Essen und Trinken

sein. Mein Darm (oder ist es der Magen, ich weiß es nicht) ist

merkwürdig empfindlich geworden; aber ich kann mich hier gut halten; --

-- -- -- -- Nimm mit diesem kleinen Allerseelengruß einen lieben Kuß von

D. Frz.

_Hagéville_, 11. XI. 14.

Liebe Maman, jetzt wird's allmählich wirklicher Herbst, auch bei uns,

kalt und fröstelnd. Beschämt sitzen wir in unserem gemütlichen Quartier,

wenn wir an unsere Kameraden in der Front denken, in den Geschützständen

und Schützengräben. Das einzig Trostvolle auch für jene, ist, daß sie

die Siegenden sind; denn wenn es auch langsam geht, so schließt sich der

Ring um das feindliche Heer immer enger und drückender; man stürmt

wenigstens hier und in den Vogesen nicht mehr so wahnsinnig vor, wie im

September und August, um das gute Menschenmaterial nach Möglichkeit zu

schonen. Nun tobt dieser fürchterliche Krieg auch bald über ganz Asien,

Persien, China werden unrettbar hineingerissen und ich glaube nicht, daß

Amerika sich bis zum Ende dem Kampf entziehen kann. Dieser Weltbrand ist

wohl der grausigste Moment der ganzen Weltgeschichte. Ich denke oft, wie

ich als Bub und Jüngling trauerte, keine große weltgeschichtliche Epoche

zu erleben, -- nun ist sie da und fürchterlicher als es sich irgendeiner

träumen konnte. Man wird klein vor der Größe dieser Ereignisse und fügt

sich geduldig in den Platz, der einem vom Schicksal gewiesen wird. Ich

empfinde diesen Krieg schon lange nicht mehr als deutsche Angelegenheit,

sondern als Weltereignis. Gewiß hast Du recht, daß viele zum Bewußtsein

von Gedanken und religiösen Gefühlen kommen werden, die sie lange für

verloren und überwunden glaubten. Mir geht es ebenso. Die ungeheure

seelische Erschütterung läßt uns unser ganzes Wissen und unsere

Überzeugungen bis zum Grunde prüfen. Nur denke ich, daß man nicht auf

alte Glaubensformeln und Gewohnheiten zurückgreifen kann, wenn man

wirklich Grund fassen will in diesem Meer von Unruhe und Kriegsgewühl,

sondern daß sich neue religiöse Gedanken bilden werden, ein ganz neues

europäisches Reich. Das religiöse Gefühl bleibt im Menschen immer

dasselbe, aber es äußert sich in immer neuen Formen. Die alten Griechen

waren in ihrer Art ebenso religiös wie die Inder und Mohammedaner und

Christen, und die neuen Europäer des 20. Jahrhunderts werden nicht

weniger religiös empfinden, nur eben auf ihre Art. Darüber grüble ich

viel, wohin, auf welches Ziel und in welche Formen sich der moderne

Mensch verändern und entwickeln wird. So wie Europa gewesen ist, _kann_

es nicht lange bleiben, auf keinen Fall nach diesem ungeheuren Kriege.

So schmerzlich und wehmütig mir die Trennung von meinem Heim und meiner

Arbeit ist, so bin ich doch froh, heraußen zu sein. Ich würde mich zu

Hause bedrückt und krank fühlen. So lebe und erlebe ich alles mit. Ich

werde auch hoffentlich alles gesund überstehen. Hier in H. können wir

Kräfte sammeln. Wir sind gut verpflegt, Hunger und Durst leidet hier

kein Soldat. -- -- -- -- --

_Hagéville_, 16. XI. 14.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 21 / 158 题