unser Leben geht still weiter, oft viel Dienst, Ritte nach der oder
jener Etappenstelle, Fuhrdienst in die Front vor, (wo die Artillerie
übrigens auch keinen besonders schweren Dienst hat, -- kein Vergleich
mit den Vogesen!).
Das in den amtlichen Berichten angegebene »langsame Vorrücken«, kleine
Erfolge, Zurückweisung französischer Ausfälle und Angriffe ist
buchstäblich wahr; das schöne dabei ist, daß die lakonische Ruhe dieser
Berichte der Ruhe und Sicherheit der deutschen Stellungen entspricht;
alles wartet auf die Entscheidung im Norden. Sobald wir dort die Sieger
sind, ist die französische Frontstellung nicht mehr haltbar, weil wir
dann von Norden her die Etappenlinien der Franzosen eindrücken können.
Es waren jetzt wieder wundervolle Herbsttage, schwerer Frost und ganz
weiße Morgen; es ist großartig, bei Sternenlicht losreiten oder fahren
und dann die Sonne kommen sehen, die den weißen, glitzernden Reif löst.
In den Dörfern dampfen die Misthäufen, -- Du kennst ja die Stimmung.
Eine merkwürdige Steigerung derselben liegt für mich in dem
französischen Dorfbild, lauter Monets, Sisley und van Goghs. Das
Aussehen der französischen Dörfer ist ja auch hier äußerst typisch.
Nirgends Ziegelbauten, sondern alles aus einem graugelben Sandstein,
meist nur schlecht getüncht. Diese französisch-impressionistische
Stimmung ist für mich wie eine Kindererinnerung; ein wehmütiges Gefühl
beschleicht mich dabei; aber immer, wenn ich mich in solche Szenen
vertiefe, ertappe ich mich dabei, daß ich statt dem Kalt und Warm und
der Luftperspektive, Zahlen sehe, rein abstrakte Klänge und schnell ist
der impressionistische, anheimelnde Traum vorbei und die Arbeit beginnt!
Hab ich Dir eigentlich erzählt, daß ich jetzt viel mit Herrn ***, den
ich als Kriegsfreiwilligen in München unter mir hatte, zusammen bin? Er
ist seit einigen Wochen hier, als »Schreiber« bei der Abteilung. Er ist
ein sehr feiner, hochgebildeter Mensch, dessen Verkehr mir eine große
Wohltat ist.
-- -- -- -- --
Oft treffe ich auf meinen Etappenritten mit rheinischen Truppenteilen
zusammen, was mir früher immer eine Freude war, der rheinische Dialekt,
-- ist mir jetzt fast qualvoll, da ich immer an August denken muß, -- so
wie ich eben auch vorher an ihn erinnert wurde, aber im gegenteiligen
Sinn. Ich bin ganz wehmütig, wenn ich es jetzt höre.
Von den vielen guten Sachen, die Du mir geschickt hast, haben mich doch
am meisten die -- Äpfelchen gefreut; ich habe sie mit solchem Stolz
verzehrt! _Ausgezeichnet_ mundet mir auch der Kurfürstliche. Ich kann
den schlechten Schnaps, den man hier bekommt, nicht trinken. Anfang des
Krieges habe ich ihn unbedenklich getrunken, vielleicht zu viel; ich bin
froh, daß er mir widersteht, -- um so größere Wohlthat war mir Euer
Schnaps; das nette, korbgeflochtene Fläschchen hab ich noch nicht
probiert. Jedenfalls seid Ihr beide sicher, daß mir Euer Rieder Leben
durch die Sendung besonders nah gerückt ist; beim Kurfürstlichen muß ich
sogar immer an die lieben Abende in Berlin denken. Wie ist das alles
fern und weit zurück!!! Morgen werd ich in Gedanken den Geburtstag von
Mama mitfeiern. Ich schrieb Mama ein Kärtchen. Lebt wohl; bleibt gesund
-- -- -- -- --
_Hagéville_, 23. XI. 14.
L.... Einliegend das Manuskript. Ich bin neugierig, wie es Dir gefällt
und ob Du es für verständlich hältst. Natürlich fehlt mir hier die Ruhe,
Form und Ausdruck ganz auszuarbeiten, vor allem die Stille, um das ganze
Gedankengefüge auszubalanzieren. Ich muß mir meine Arbeitsstunden zu
sehr stehlen. Aber doch möchte ich es gedruckt wissen, eben jetzt, in
dieser unzeitgemäßen Stunde, in der alle bloß an das Heute und Morgen
denken. Vielleicht antwortet jemand, das wäre mir sehr recht, zur
Gegenantwort. Denn ich bin im tiefsten Grunde überzeugt, daß meine
Gedanken über Europa wahr sind, wenigstens _möglich_ sind, -- letzteres
wäre mehr als wahr, weil es auch die ganze Zukunftsaufgabe in sich
schlösse. Ich werde in meiner kommenden Arbeit immer wieder um dieses
Thema kreisen und es immer wieder neu zu fassen suchen, bis ich auf den
reinsten Ausdruck komme. Ihr (darunter verstehe ich Dich und Klee) könnt
unbesorgt kleine Änderungen an meinem Konzept vornehmen, den einen oder
anderen Sprung logischer verbinden, wenn es Euch nötig scheint. Im
übrigen fürchte ich keine Angriffe, meine Waffen sind heute geschliffen;
Angriffe könnten meine Gedanken nur stärken und erweitern.
Gestern kam Dein Brief vom 7. XI., also verspätet. Die Gefahren, die
Wilhelm als Batterieführer drohen, sind eher _geringer_, als als
Zugführer, da er nicht mehr unmittelbar bei den Geschützen steht, die
doch immer das Hauptziel bilden. Aber schließlich sind die
artilleristischen Gefahren sehr unberechenbar, -- man muß einfach Glück
haben. Anfang des Krieges waren die Artillerieverluste, auch bei den
Kolonnen, selbst den _schweren_ Artillerie-Kolonnen weit größer als
jetzt, weil die Etappentechnik und Sicherungen im Anfang nicht so
geregelt sein konnten. Heute ist man hundertfach vorsichtiger geworden,
man kennt den Mechanismus, die gefährlichen Infanterieangriffe, die uns
so viele Verluste gebracht, sind heute kaum mehr denkbar, höchstens bei
panikartigen Rückzügen, die uns hoffentlich erspart bleiben. -- Sehr
nett ist die Geschichte der Palästinawanderer; schlecht ***'s Antwort.
-- Habt Ihr die Bäumchen im Rehgarten vor dem bösen Schlick geschützt?
Thut es bitte. -- Gestern kam einliegender Brief vom Helmuth! _via_
Schlettstadt. An H. werd ich schreiben. Schnee haben wir keinen. Ich
fühl mich wohl; vor allem haben die Nervenschmerzen, an denen ich nach
der Lazarettzeit litt, ganz aufgehört. Mit Essen und Trinken muß ich
immer gleich vorsichtig bleiben, aber so geht es wenigstens ohne
Störung.
Weihnachten werden wir wohl sicher hier verleben; schick mir nur
Backwerk und dergl. -- Selbstgemachtes, das freut mich am meisten und
macht mich gesund.