L...., bin heute bis _Gorze_ gekommen, wo ich mir bei Kameraden ein
Strohlager gesucht und gut geschlafen habe. Es herbstelt schwer, nasse
Nebel. _Gorze_ ein netter, großer Markt, kurz an der Grenze. Ich suche
heute eine Fahrgelegenheit (Sanitätsauto, od. dergl.), Richtung
_Chamblay_. Professor O. habe ich einen Kartengruß und Glückwunsch
geschrieben. -- Ich muß immer an August denken! Ich kann mir gar nicht
vorstellen, daß ihn sein Glücksstern verläßt.
_Buxières_ 19. X. Montag.
Heute früh fuhr ich mit Offizieren in einem Auto nach _St.
Bénoit-Vigneulles_, von da aus mit Fouragewägen südlich bis _Buxières_,
wo unser Div. Stab ist. Nun kann meine Truppe auch nicht mehr weit sein.
Unsre ganze Stellung liegt zwischen Toul und Verdun, vor St. Mihiel, wo
der Durchbruch und darauffolgende Einschließung von Verdun erfolgen
soll.
In Eile!
_Gorze_, 17. 10. Sonntag.
Ich bleibe heute hier, werde morgen per Auto nach _St. Bénoit_, wo das
Generalkommando ist, gebracht. Dort soll ich dann weiter Gelegenheit
bekommen, meine Truppe wiederzufinden. Sie scheint nicht mehr ganz in
dieser Gegend zu sein. Denn niemand weiß recht, wo sie steckt. Ich bin
froh um diesen Tag hier. Es ist ein so entzückendes friedliches Dorf
zwischen zwei hohen Hügeln, die ganz überzogen sind mit Gemüse- und
Obstgärten, jeder Garten durch eine kleine alte Mauer vom anderen
getrennt; man kann stundenlang dazwischen umherwandern. Alles ganz
herbstlich, die Wälder rot. Ich muß an unser Rieder Gärtchen denken,
pflanz ja in diesem Herbst und Winter ein paar Bäume und ordentlich
Büsche am Zaun, Johannisbeeren etc. und Haselnuß.
Meine Gedanken bedrängen mich jetzt oft, bis zum Kopfweh. Ich denke, es
ist ganz gut, wenn ich wieder mal auf ein Pferd komme. Ich freu mich
jedenfalls darauf. -- Oberhalb der Gärten fand ich ein kleines
Kapellchen und einige Grabstätten darum. Da liegen Soldaten aus der
Schlacht bei _Gorze_ 16. August 1870, es wirkte ganz wehmütig. -- Hier
in _Gorze_ liegen _frische_ Infanterietruppen, seit acht Tagen ganz
unthätig, -- ein Zeichen, daß man sie vorn noch gar nicht braucht! Sie
sehnen sich hinaus und dürfen nicht! Beruhigend ist diese Tatsache
unbedingt, die deutsche Sache steht gut!
_Hagéville_, 20. X. 14.
Liebe M., heute früh bin ich endlich wieder bei meiner Truppe angelangt!
Sie liegt seit 14 Tagen völlig unthätig hier; man hat für unsre
Feld-Art. jetzt, wie es scheint, keine Verwendung; cr. 150 Batterien
sind außer Gefecht! Mir scheint, unsre nächste Bestimmung wird sein,
irgendwo (ev. Belgien) Besatzungstruppe zu werden. Unser Pferdematerial
ist in trostlosem Zustand, viele von der Mannschaft auch krank; diese
tollen anstrengenden ersten Wochen in den Vogesen rächen sich jetzt.
Jedenfalls kannst Du beruhigt sein: wir sind jetzt weder irgend welchen
Gefahren, noch besonderen Strapazen ausgesetzt. Ich bin froh darüber, --
so stark und gefestigt fühle ich mich doch noch nicht; man scheint es
mir auch anzusehen. Der Leutnant sagt, ich soll mich nur in jeder Weise
schonen; er freute sich, daß ich wiedergekommen bin; er ist übrigens
auch krank, an derselben Sache. Ich werde mich jedenfalls mit Essen und
Trinken äußerst zusammennehmen und mich genau beobachten. Das Dorf ist
blutarm, alles in erschreckendem Schmutz. Ich habe mein Gepäck etwas
revidiert: ich bin mit Socken, Hemden etc. sehr gut versorgt; nur Knie-
und Ellenbogenwärmer fehlen. Ich fand nur einen. Um solche wäre ich
jedenfalls sehr dankbar. Desgl. Schokolade, _gute leichte_ Zigarren (die
Du schicktest, waren fein, nur zerbrechlich im Format) und wenn möglich
etwas von _Deinen_ Likören. -- Man redet jetzt viel vom nahen Ende des
französischen Krieges, Bündnis mit Frankreich und dergl. Ich glaube, es
ist etwas daran. Verdun schießt seit drei Tagen nicht mehr, alles steht
in einem ungewissen Warten, das doch seinen Grund haben muß. Wenn es so
ist, dann ist doch denkbar, daß unsre Landwehrdivision einmal nach Hause
geschickt wird! Es ist wenigstens schön, solche Hoffnungen zu nähren!
_Hagéville_, 23. X. 14.
Ach Liebste,
Augusts Tod ist mir so furchtbar, wie ich es innerlich verwinden und
mich äußerlich dazu stellen soll, -- letzteres ganz wörtlich: die nackte
Thatsache will einfach nicht in meinen Kopf. Ich zitterte die letzten
Tage wirklich in Angst um ihn, ich schrieb auch Lisbeth kurz. Ich fühlte
in diesen Tagen, daß meine Nerven angegriffen sind, -- und heute, wo ich
von Dir die bestimmte Nachricht habe, ist mein Bewußtsein ganz dumpf und
stumpf. Ich will wenigstens in ein paar Worten Lisbeth schreiben; zu
einem Nachruf bin ich, glaub ich, in diesen Tagen nicht imstande; in
einiger Zeit mache ich es sicher. Ich fühle tief, wie ich an August
hing; meine künstlerischen Bedenken sind ja dabei ganz belanglos;
Tagesstimmungen; der Mensch war doch tausendmal mehr und war zu _allem_
reif, zu _jedem_ Gedanken, mit denen ich nun allein ringen werde!
Wahrscheinlich _ganz_ allein. Gewiß hast Du mit *** recht. Die Not des
Alleinseins machte mich so optimistisch und die wirkliche
_Erstlingsthat_, die sein Gedanken- und Bilderwerk nun einmal ist.
Sicher ist mir auch, daß wir ihn menschlich und »auf gut deutsch«
mißverstehen. Er ist uns im höchsten Grade fremdrassig, nur
westeuropäisch maskiert. Mit einem gleichbedeutenden Chinesengeist
würden wir uns auch nie verstehen. Vielleicht war es nur einem so
»fernen« Geiste möglich, die kranke europäische Kunst so zu
_durchschauen_. Du schreibst ja auch ganz richtig über *** und ihn --
Slaven; aber bei *** darf man seine That nie vergessen.
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