11. Okt. 14.

-- Eben kommt der Stabsarzt und sagt, daß er jetzt einen Ersatz bekommt

für mich und ich, wenn ich den eingearbeitet habe, abreisen könnte. Ich

will noch hoffen, daß mich Euer Paketchen erreicht und auch M., dem ich

sofort telegraphiere. Ich denke, ich werde am Mittwoch mein Bündel

schnüren; einen Vorwand zu längerer Faulenzerei hab ich jetzt nimmer,

leider! Aber ich gehe auch wieder gern weg; es ist draußen doch

tausendmal schöner.

Also von nun an wieder Truppenadresse.

Schlettstadt, 13. X. 14.

Liebste,

siehst Du eigentlich auch fleißig nach dem Kriegskometen? Ich entdeckte

ihn zum erstenmal, als ich nach Straßburg (von _Lubine_) reiste und war

ganz aufgeregt, da ich nicht begreifen konnte, daß keine Zeitung ihn

erwähnte. Keiner wußte auch was davon, aber jeder, dem _ich_ ihn zeigte,

mußte zugeben, daß es ein Komet sein müsse. Letzthin las ich nun doch

zufällig in einer Zeitung darüber. Er scheint mir größer und klarer, als

der Halleysche Komet von damals. Er steht stets in großer Nähe des

Großen Bären, in den Abendstunden. Guck mal nach ihm und denk an mich!

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Den Artikel III werde ich ganz neu schreiben, er ist nicht gut, das fühl

ich selber. Ich werde das Professoren-Thema berühren, aber in ganz

anderer Form und den ganzen Gedankengang erweitern. Fern liegt mir die

Sache nicht, wie Du meinst; gerade über die »exakten Wissenschaften«

denke ich jetzt viel nach und brauche sie unbedingt in allen meinen

neuen Gedankengängen, die ich jetzt gehe, resp. grabe wie ein Maulwurf.

Ihr tut mir wirklich aufrichtig leid, Ihr in der Heimat: denn da scheint

man komplett zu spinnen; die Zeitungsausschnitte muteten mich wie

schlechte Faschingsscherze an. Traurig, traurig. Was wird es für einen

mühevollen Kampf dagegen geben. Wie wenig Freunde werden mir zur Seite

stehen. Heute sah ich zufällig einen Atlas an, suchte mein Kochel und

fand sogar _Ried_ darauf! Mein Herz klopfte! Dann fand ich Sindelsdorf

-- Aidling, Riegsee -- Murnau: ich erschrak, wie fern das klang!!

Zeiten, in denen man friedlich zu einem Geistesgenossen wie Kandinsky

über die Hügel pilgerte! und heute. Diese Gedanken sind für mich heute

eigentlich das Schmerzlichste. Wenn ich auch oft unzufrieden war mit

Kandinsky und nicht alles so war wie wir wollten, -- heute bedeutet das

für mich nichts gegenüber dem unersetzlichen Verlust. Denn ich fürchte,

er wird für mich verloren sein. Er wird in Rußland bleiben und dort

predigen; oder in der Schweiz, -- ich selbst bin aber mehr Deutscher

geworden als je. Wer bleibt noch? Wolfskehl ist ein Trostblick, aber

_kein Maler_! August?? Du weißt, ich glaub nicht mehr daran, so lieb ich

ihn habe. Das sind _meine_ Sorgen!

Deiner Mama Brief hat mich riesig interessiert. Wie unglaublich, Hertha

von der Flucht abzuhalten! Nun alles gut vorbei ist, ist's ja gut, aber

es läuft einem doch kalt über den Rücken, wenn man dran denkt! Der arme

Onkel H.! Er hatte sich doch auf seinen Lebensabend gefreut! Nun sollst

Du Dich, liebe Mutter, recht recht ausruhen und kräftigen nach all dem

Schrecklichen, -- es kommen auch wieder bessere und fröhlichere Zeiten.

Bleib nur jetzt recht lang in Ried.

Seid beide herzlichst gegrüßt ....

Schlettstadt, 15. X. 14.

L...., beiliegend No. III. Mein Name kann am Anfang, unter dem Titel

stehen. Ändere an Kleinigkeiten, so viel Du willst, aber das Ganze

möchte ich doch gebracht wissen, auch wenn es in seinem (wahrlich

milden) Angriff gegen die Professoren Widerspruch erregt. Die Sache ist

symptomatisch doch ein ernster Fall und ich kann sie nicht gut heißen.

Du wirst Dich wohl wundern, daß ich heute so über die »Wissenschaft«

denke, im Gegensatz zu früher. Ich fand den Ausgleich nicht zwischen

moderner Wissenschaft und der Kunst, die ich im Kopf hatte. Er _muß_

aber gefunden werden und nicht _au détriment des sciences_, sondern in

voller Verehrung vor der europäischen exakten Wissenschaft, -- sie ist

das Fundament unsres Europäertums; wenn wir wirklich eine eigene Kunst

haben werden, wird sie nicht in Feindschaft mit der Wissenschaft leben.

Schicke Exemplar der »Vossischen« an Köhler (mit ein paar Worten, daß

ich es im Lazarett geschrieben etc.), dann an Kubin; ich bekam heute

einen sehr netten Brief von ihm. Vielleicht besucht er Dich einmal; er

möchte gern, hat nur sehr wenig Geld zum Reisen. Kandinsky und Jawlensky

sind in der Schweiz, Klee scheinbar auch nach Kubins Brief. Schreib mir

mal Kand. Adresse, wenn Du sie erhalten kannst, vielleicht durch Klee.

Schick eine Nummer an Niestlé, er schrieb mir auch heute.

Morgen geht's wieder los! Ich freu mich recht, wieder viel zu sehen und

zu erleben. Ich hätte wohl einen Tag nach Kolmar fahren können, wollte

aber nicht weil ich mir es für meine Vogesenreise mit Dir aufsparen

will, -- ist es nicht lieb von mir? So hab ich doch etwas, was ich nicht

kenne, den Clou der Reise, noch vor mir. Aber in Straßburg, wo ich

Station mache, um über die Richtung meiner Truppe etwas zu erfahren (sie

soll bei Metz stehen, hörte ich heute) will ich in die Galerie gehen und

Memling und Kölner sehen! Ich hab das Elsaß, von dem ich jetzt scheide,

sehr lieb gewonnen; der französische Einschlag macht es so traulich und

graziös, auch melancholisch. Der Dialekt ist sehr komisch, aber nicht

unsympathisch. Furchtbar ist mir der Dialekt der Württemberger und

Schwaben, -- ich kann ihn so wenig ohne Nervosität hören wie das

Sächsische, während ich erst jetzt ein Ohr für die Originalität des

Kölnischen bekommen habe, das ich sehr gern höre. Der Krieg ist nämlich

die reine Schule für Dialekt hören. Das Bayrische wirkt auch anders als

daheim, auf mich viel besser, es hat etwas würdiges, bedächtiges und

ungeheuer _sicheres_; wenn man einen Bayer zwischen all diesen Mundarten

hört, imponiert er; es liegt etwas in sich Ruhendes darin. Etwas dumm

wirken Hannöveraner auf mich, während famos Ostpreußen; ich hatte

längere Zeit einen Ostpreußen als Putzer. -- -- -- -- -- -- --

Ich warte hier _jedenfalls_ Dein Paket ab. Im Notfall reise ich erst

Freitag mittag; es wird aber wohl schon vorher kommen. -- Heut saß ich

genau so friedlich, nur leider ohne Dich auf einer Bank im

Stadtgärtchen, wie damals mit Dir auf der Bank unter unserm Apfelbaum,

ehe ich fortzog, in ähnlicher Abschiedsstimmung wie damals. Die Tage

hier waren wirklich so nett, daß es für mich ein wirklicher Abschied von

hier wird. Und wie kam ich hier an! Als ich aus der Bahn stieg und 100

Schritt gegangen war, setzte ich mich erschöpft auf eine Bank; ich muß

doch recht elend ausgeschaut haben; zweimal kamen Leute und frugen, ob

sie mir etwas bringen könnten, Limonade oder dergl! Limonade und mein

Magen! Um die Leute nicht weiter zu beunruhigen, schlich ich damals

weiter in die Jägerkaserne. Abends war es mir ja dann besser und ich

bummelte durch das Städtchen. Aber den Gang vom Bahnhof in die Kaserne

werde ich nie vergessen. Ähnlich schlecht war es mir, als ich mich

andern Tages ins Garnisonslazarett schleppte. Nachher amüsiert man sich

über solche Erinnerungen, die mir eigentlich erst heute wieder kommen,

wo ich weggehe.

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 19 / 158 题