Meine Liebste, heut ist wieder Sonntag, -- sechs Wochen bin ich nun
schon fort! Wie wird es in noch einmal sechs Wochen aussehen? Mir geht
es hier glänzend. Nun hab ich auch noch ein prima Restaurant entdeckt,
_bouc-aigle_, Bock-Adler, in dem man so gut und raffiniert ißt, wie in
Paris oder Brüssel; ich gehe zuweilen des Abends hin, zu einem kleinen
»Nachessen, mit Rotwein«. Es ist nicht teuer, aber ein bißchen Geld
kostet es natürlich immer. Das schadet aber nichts! Ebenso wirkt eine
glänzende Konditorei für mein Wohlergehen! Ich sehe uns zwei schon immer
hier einmal sitzen! Ich hab das Städtchen so lieb gewonnen, daß ich
sicher später einmal herkomme, auf einer Reise Kolmar, Schlettstadt,
Vogesenausflug, -- Straßburg etc. -- Paris? Vielleicht finde ich Zeit,
in Straßburg jetzt nochmal heimlich Station zu machen und die Galerie zu
sehen; ich hab hier diese wunderbaren Karten entdeckt.[1] Ist die
verhaltene, herbe Morgen- und Auferstehungsstimmung nicht köstlich? Ich
bin ganz bezaubert davon. Das Pathetische des Vorganges ist (im
Gegensatz zu Grünewald, dessen berühmte Auferstehung ich nie ganz liebe,
sie hat einen sentimentalen und auch rationalistischen Zug) keusch
verhalten; man liest das große Ereignis zwischen den Zeilen. _Das
Ungesagte wird im Beschauer zum Wort._ Mantegna und Bellini haben es ja
noch vollkommener erreicht, als dieser Mazzola. Erinnerst Du Dich in
London? Noch fabelhafter ist aber der Straßburger Meister, -- ist es
nicht herrlich? So empfinde ich manches von Bach, genau so wie das
gemalt, -- gebaut ist.
[Fußnote 1: Filippo Mazzola, Auferstehung -- und Straßburger Meister, d.
Hl. Konrad von Konstanz.]