Auf einem grauen, verwaschenen Felsen in der See, der durch ein

zackiges Riff mit dem Festland verbunden ist, liegen die Ruinen

der Stammburg, Tore, Bogen und Türme, durch welche das tiefe Blau

des Himmels scheint; ein ungemein malerisches Bild, wie denn das

Meergestade von Duino in seiner Art etwas einzig Schönes hat.

In der Nähe ist eine kleine Sardellenfabrik und der Hafen von Duino.

Nichts Angenehmeres, als sich hier hinausrudern zu lassen auf das

träumende Meer, unter dem Schloß hin und längs der steilen, zerrissenen

Uferfelsen. Hier wäre der Ort für eine südliche Lorelei! Oben in einem

Saal des Schlosses steht eine goldene Harfe; allein ich vermute,

daß sie, die wohl von Harfner oder Harfnerin einst in Minneleid und

Minnefreude geschlagen worden, nun gute Ruhe hat.

Und wie sollte eine Lorelei hier Stätte haben, wo der Sterblichen

Gewaltigster einer gedichtet hat. -- Dante! Man zeigt unter dem Schloß

einen in die See vorspringenden Felsen, welchen die Sage zu einem

Lieblingsaufenthalt des großen Florentiners weiht.

Die Landschaft östlich vom Schloß mahnte mich etwas an den Urnersee.

Es ist wunderbar still da unten; nur die prächtig gefärbten zierlichen

Quallen, die in geselligen Schwärmen durch die Meerflut ziehen und vor

der nahenden Barke fliehen, das Aufblinken sich tummelnder Seefische

und das Geschrei aus- und einfliegender Tauben und Spyrschwalben, die

ihre Geniste in den Löchern des Felsensturzes haben, bringen etwas

Leben in den strengen Ernst des Ufers und das sonnige Lächeln des

Meeres. Drei Felsen, die aus dem Steilhang des Ufers treten, heißen die

»drei Altäre.«

Die Bucht von Sistiana, ein reizendes Meeridyll, legt eine Bresche in

den Felsengürtel, der das Meer von Duino umschlingt. An ihrem Eingang

sieht man nach Aurisina hinüber, das ein halbes Stündchen entfernt sein

mag. Dort steht das Maschinenhaus der Wasserversorgung von Triest.

Die Pumpwerke derselben schaffen das am Meeresstrand den Felsen

entquellende Wasser auf das Plateau von Nabresina hinauf, das hundert

Meter über dem Seespiegel liegt.

Bei Sistiana, wo eine Menge der Steine, die zum Hafenbau von Triest

verwendet worden sind, gebrochen wurden, stiegen wir wieder hinauf

auf die Straße Monfalcone-Triest. Sie führt durch eine Landschaft vom

echtesten Karsttypus. Ringsum starrt ein Chaos zernagter Felsen, wie

aus dem Boden gewachsen, uns entgegen. Doch bilden sie eine Menge, zum

Teil großer Dolinen, seltsame, dem Karst eigentümliche Gesteinskessel,

deren Grund mit einer üppigen Vegetationsdecke ausgeschlagen ist. Die

Dolinen sind ein ungemein liebliches Kontrastbild zu der Trostlosigkeit

der übrigen Landschaft; denn auf den Miniaturäckern, die im Grund

derselben liegen, gedeihen, dem zerstörenden Hauch der Bora entrückt,

die zuweilen mit furchtbarer Gewalt über diese Gegend fegt, Wein und

Öl, Mandel und Feige wie drunten am Meer.

In einem weiten Bogen überspannt ein Kolossaldamm der österreichischen

Südbahn das Küstenplateau, und durch ein Tor dieser gewaltigen Baute

gelangen wir in das berühmte Steinbruchgebiet von Nabresina, dessen

mattweißer Marmor schon der Stolz des ehemaligen Aquileja war und das

heutige Wien mit den Prachtbauten der Ringstraße schmückt.

Durch einen Bogen eines zweiten, sechshundert Meter langen

Bahnviaduktes gelangen wir nach Nabresina selbst, einem slavischen

Dorf, bei dessen Station sich aus der Hauptlinie Venedig-Wien der

Schienenstrang nach Triest herauslöst, um sich längs der Ufer von

Miramare in die adriatische Handels- und Hafenstadt hinabzusenken.

Nabresina und die mehr nach Osten vorgeschobenen Dörfer Santa Croce

und Prosecco sind beliebte Ausflugsziele des nahen Triest, von dem

die Straße in zahlreichen, engen Windungen nach Prosecco emporklimmt,

fröhliche Stelldichein der lebenslustigen Jugend. Bei der eingebornen

Landbevölkerung hat sich noch eine hübsche Mädchentracht, ein Schapel,

ein weißes, geschmeidiges Brusttuch und eine rote oder blaue Schürze,

alles von Seide und reich gestickt, erhalten. Es liegt etwas ungemein

Gutmütiges, mehr Trauriges als Fröhliches, mehr Demütiges als Keckes

in den Gesichtern ihrer Trägerinnen, deren wasserblaue Augen und wenig

belebte Züge scharf gegen das ewig bewegliche Element und die Glutaugen

der italienischen Strandbewohnerinnen abstechen.

Da sind wir auf der Höhe von Prosecco, jenem kühnen Vorgebirg nächst

Triest! »~Vedere e morire!~« Sieh's und stirbt -- So spricht der

Neapolitaner von seiner Stadt; allein schöner kann Neapel nicht sein,

als der Blick von Prosecco. Da steht man, schaut man, -- und schweigt!

Tief zu unsern Füßen liegt wonnig und sonnig die Adria, und weiße

Segler ziehen nah und fern auf leuchtender Flut. Etwas links baut sich,

vom Mastenwald seines Hafens emporsteigend, Triest an grünen Hügeln

auf. Über dem Golf von Capo d'Istria winkt Pirano auf olivenreichem

Vorgebirg herüber, während in blauender Ferne Himmel und Meer eines

ins andere übergehen. Zur Rechten senkt sich steil eine Riviera

von silbergrauen Ölbäumen und dunkelgrünen Lorbeerwäldchen, von

Rebengrün und Myrtenhainen zur Punta Grignana ab, auf deren äußerstem

Vorsprung ein zu Stein gewordenes Märchen, Schloß Miramare, aus einem

Terebinthen- und Lorbeerparke steigt. Noch weiter rückwärts gegen Duino

stürzen die Karstfelsen jäh und handlos zur blauen Flut. Meerherüber

grüßen die Pinien von Barbana, Grado, die Inselstadt, der Campanile

von Aquileja, die Lagunen und in träumender, nordwestlicher Ferne die

julischen und italienischen Alpen.

Allein das sind nur einige Fixpunkte; denn ein Bild wie dasjenige von

Prosecco läßt sich nicht wiedergeben; es kann nur ein selbstgeschautes,

kein übertragenes sein. Was ich nicht zu beschreiben vermag, das

ist der jäh wirkende Zauber des Meerbilds, der Wandel der übers

Meer spielenden Sonnenlichter, jenes Geheimnisvolle, mit dem eine

fast grenzenlose Meerperspektive auf die Seele wirkt und sie mit

einem leisen Heimweh nach dem sonnigen Hellas und den Märchen des

Morgenlandes füllt.

Zögernd scheiden wir von dem herrlichen Punkt, zögernd, als könnte

unserem Auge das schöne Bild mit den sonnigen Weiten plötzlich entzogen

werden, und steigen durch die Weinberge von Prosecco, wo ein feuriger

Schaumwein wächst, durch hochromantische Felsenpartien, malerische

Kastanienwäldchen und Olivenhaine hinunter zur Südbahn, welche von

Triest aus an dem üppigen Küstenhang das Plateau von Nabresina gewinnt,

und hinunter zu den Lustgärten von Miramare.

Miramare! -- Liegt nicht schon im Wort südlicher Wohllaut? »Wunder des

Meeres« heißt's zu deutsch, und ein Wunder ist's, das Marmorschloß

am Meer mit seinen Gärten. Da rauschen die Pinien im lauen Wind, und

zierliche Wege ziehen drunter hin; da glänzen und duften Myrte und

Lorbeer; da schreitet man unterm grünen Dach der Madeirareben, durch

schattige Lauben und kühle Grotten, an halbverborgenen Teichen, über

welche die Schwäne ihre Ringe ziehen, hinab zum Marmelpalast. Fast zu

üppig ist hier der Duft blühender Schlingpflanzen, die über die Arkaden

klettern. Die Kamelien blühen, die wie aus Wachs gegossen im Weiß der

Lilie und im Rot der Rose prangen. Er ist einzig, der Kamelienflor von

Miramare. Da, auf der Gartenterrasse nächst dem Schloß, wo herrliche

Erzbilder auf ihren Postamenten stehen, wo wehende Palmen mächtig auf

zum Sonnenlichte streben, mutet's den Wanderer märchenhaft an; da

scheint eine Fee ihren lieblichsten Träumen Gestalt verliehen zu haben;

da scheint alles gefeit gegen Sorge und Gram, gegen Unglück und Tod;

ein Eden, dieses Miramar!

Und dennoch trauert Miramare! Es trauert um den Erzherzog

Max, seinen Schöpfer, der sich als ehemaliger Statthalter des

lombardisch-venetianischen Königreichs mit freiheitlicher Gesinnung

eine heute noch lebendige Sympathie in den Herzen der Küstenbewohner

erworben hat, eine Sympathie, die mit schuld sein soll an der

tragischen Geschichte des hochbegabten Fürsten.

Es war im Jahr 1856, in seinen Bräutigamstagen, als Max auf der Punta

Grignana Miramare, das in normännischem Stil gehaltene Schloß, dessen

heller Schein so wundersam über das triestinische Golfrund leuchtet,

und die Parkanlagen schuf. Im folgenden Sommer führte er sein junges

Weib Charlotte, die schönheitsstrahlende, ehrgeizige Belgierin, in

den zauberhaften Meerpalast heim. Er stand damals an der Schwelle der

dreißiger Jahre und war ein liebenswürdiger, hochgebildeter Mann, der

auf mannigfachen Reisen durch die gesamten Mittelmeerländer und auf

einer Pilgerfahrt nach Jerusalem ein schönes Stück Welt gesehen hatte;

sie eine kaum Siebenzehnjährige, mit allen Vorzügen einer ungewöhnlich

tüchtigen Bildung, dabei von ernstem, arbeitsamem Wesen, aber auch von

einem maßlosen Ehrgeiz. Das liberale Österreich sah mit Hoffnungen auf

das Paar, welche den Neid der Wiener Hofburg herausforderten; denn Max

war um seiner persönlichen Ritterlichkeit und Liebenswürdigkeit willen

weitaus der volkstümlichste der Habsburger, doch für einen Staatsmann

von zu weichem Naturell, und das hat denn auch die furchtbare Tragik in

sein Leben gewoben.

Man kennt das »Trauerspiel« in Mexiko. Das Land und die Ereignisse,

welche damals zwei Welten in fieberhafter Spannung hielten, sind zwar

in den geschichtlichen Hintergrund getreten; von den Hauptbeteiligten

sind alle tot: Kaiser Max, das Opfer, Napoleon, der Komödiant und

Verführer, Bazaine, das Werkzeug, Juarez, der großmütige Feind, Lopez

der Verräter, General Diaz, der Scherge; nur eine lebt noch, wenn

Irrsinn leben heißt, Charlotte, die schöne ehrgeizige Belgierin. Auf

dem Schloß Tervueren bei Brüssel lebt sie noch.

Allein wenn man auf den Parkwegen von Miramare wandelt, wird einem die

Geschichte, die Johannes Scherr mit bitterer Ironie eine »Tragikomödie«

nennt, wieder neu, und die Toten stehen wieder auf.

Es war im Jahr 1860, als Napoleon ~III.~ zum erstenmal als Versucher an

den Erzherzog herantrat und ihm die Kaiserkrone von Mexiko anbot. Man

kann von Max zwar nicht sagen: »Versucht und verführt.« Nur zögernd,

erst am 10. April 1864, als zu Miramare eine mexikanische Deputation

erschien und ihm die Krone namens des mexikanischen Volkes bot, nahm

er sie; allein er nahm sie, denn er war ehrgeizig, sein Weib Charlotte

noch mehr, und die kaiserlichen Verwandten, denen die Volkstümlichkeit

des Erzherzogs schon lange ein Dorn im Auge gewesen war, hatten nichts

dagegen einzuwenden.

Vier Tage später sagten Maximilian und Charlotte Miramare Lebewohl. Nie

zuvor und nie später haben sich in den Wegen der herrlichen Gärten so

viel Menschen bewegt, wie am Morgen des Scheidetags. Beim Einstieg des

kaiserlichen Paars ins Boot blieb kein Auge trocken. Mit Recht! Was Max

dem Küstenland gewesen, das haben die folgenden Jahrzehnte in keiner

Weise ersetzt.

Unter einem Blumenregen, unter den Segenswünschen des sich zudrängenden

Volkes schritt das Paar zum kleinen Hafen, und ein Boot, auf dem ein

roter Sammet-Baldachin aufgeschlagen war, führte es hinaus auf den

Golf, wo die »Novarra«, das Lieblingsschiff des Kaisers, im Schmuck

der Wimpel und Flaggen zur Aufnahme der kaiserlichen Passagiere bereit

stand.

Dann donnerten die Kanonen; vom Ufer schollen die »Lebewohl«; die

»Novarra« fuhr, von dem französischen Kriegsschiffe »Themis« begleitet,

im Glanz des jungen Frühlingsmorgens, beim klarsten Lächeln des

südlichen Himmels hinab gegen Pirano, bis sie am Horizont verschwand.

-- Die »Novarra« ist wiedergekehrt, der Kaiser nicht!

Als Maximilian ~I.~ in Mexiko zu herrschen begann, waren alle tüchtigen

Elemente des von den Franzosen vergewaltigten Volkes gegen ihn,

den aufgezwungenen Herrscher, eingenommen, und der Widerstand der

Freisinnigen trieb ihn in die Arme der Priesterpartei. Sie verführte

ihn zu dem Dekrete vom 3. Oktober 1865, das seine mexikanischen Gegner

für »vogelfrei und außer dem Gesetze stehend« erklärte, Hunderte von

patriotischen Mexikanern dem Standrecht preisgab und im Land eine

furchtbare Erbitterung gegen den Kaiser erregte.

Zudem hatten die amerikanischen Nordstaaten Maximilian nie als Kaiser

von Mexiko anerkannt, und als diese über die rebellischen Südstaaten,

die dem Kaiser günstig gestimmt waren, gesiegt hatten, verlangte

Johnson, der Präsident der Union, von Frankreich, daß es seine Truppen

aus Mexiko zurückziehe.

Vor seiner festen Sprache gab Napoleon nach; die Zustände in Mexiko

wurden immer unhaltbarer und im Sommer des Jahres 1866 wollte

Maximilian die mexikanische Kaiserkrone ablegen. Allein Charlotte hielt

die Feder, welche diesem Entschluß Rechtskraft geben sollte, zurück;

denn der Kaiserinnentraum war für sie zu schön, und sie verteidigte ihn

mit einer Kraft, die einer bessern Sache wert gewesen wäre. Zwei Tage

nach diesem Ereignis brach sie im fernen Mexiko nach Frankreich auf,

um Napoleon ~III.~ um Innehaltung seines Vertrages zu bitten. Am 10.

August kam sie in St. Cloud an und erlangte, als sie der wortbrüchige

Herrscher nicht vorließ, mit Gewalt eine Unterredung mit ihm. Erst

eine demütig um Hülfe Bittende und, als der Kaiser hart blieb, eine

Furie, hat sie diesem Manne vielleicht das Bitterste gesagt, was er aus

Frauenmund je gehört hat.

Vierzehn Tage später irrte sie, eine Verzweifelnde, durch die Gemächer

ihres Marmelpalastes am Meer; Verzweiflung und Irrsinn peitschten sie

wieder fort, nach Rom zu den Füßen Pius ~IX.~ Dann kam sie wieder nach

Miramare, eine vollständig Wahnsinnige. Maximilian hat sie nie mehr

gesehen.

Napoleon zog vertragsbrüchig Truppe um Truppe aus Mexiko zurück, und

nach vergeblichen Versuchen, Maximilian zur Abdankung zu bewegen,

überließ er ihn seinem Schicksal.

Eine Weile schien es, als wollte Maximilian, den Tatsachen weichend,

ernstlich den Rückzug vor den immer mächtiger vordringenden

republikanischen Heeren vorbereiten; allein auf diesem Rückzug ereilte

ihn in einer einsamen Hazienda bei Orizaba eine Depesche, welche ihm

über das Schicksal seines Weibes Aufschluß gab.

Niemand weiß nun recht, was im Hirn und Herzen des unglücklichen

Kaisers vorging; genug, Maximilian kehrte um die Jahreswende 1866/67

in die Hauptstadt Mexiko zurück, und am 15. Mai erreichte ihn, von den

republikanischen Heeren bis an die Grenze des Landes hinausgedrängt,

zu Queretaro das Verhängnis. Von Oberst Miquel Lopez, einem Verwandten

des Marschalls Bazaine, um 10000 Pesos verraten, gab Maximilian,

nachdem er das letzte Bollwerk, den Cerro de las Campanas, mit einem

Häuflein getreuer Österreicher verteidigt, den Degen ab und war der

Kriegsgefangene der Republikaner.

Ein Kriegsgericht von sieben Mann sollte über das Los des Gefangenen

entscheiden; die europäische Diplomatie tat alles, um ihn zu retten;

selbst Juarez, der feindliche Anführer, wollte großmütig das Leben

Maximilians schonen. Allein der Fluch des Oktoberdekrets fiel auf

seinen Urheber zurück. In der Mitternacht des 14. Juni wurden

Maximilian ~I.~ und zwei seiner Generäle von dem republikanischen

Kriegsgericht zum Tode verurteilt.

Vier Tage später stand in der Morgenfrühe auf dem Cerro de las Campanas

ein Truppenviereck und in dessen offener Seite Maximilian mit seinen

zwei Generälen.

Nachdem der Kaiser seinen letzten Besitz, eine Hand voll Geld, die er

bei sich trug, durch einen Unteroffizier hatte verteilen lassen, rief

er: »Möge mein Blut das letzte sein, welches für das Vaterland geopfert

wird ... Es lebe Mexiko ... Auf die Brust! Zielt nach dem Herzen!

Zielt gut! ... Arme Charlotte!«

Unter dem Knattern der Gewehre, dem Wirbeln der Trommeln, dem Klang

der Hörner und unter den freudigen Rufen der Mexikaner: »Freiheit und

Unabhängigkeit!« sanken die drei Männer auf den Grund ...

So starb Maximilian ~I.~ Ein Schrei der Entrüstung ging durch Europa;

aufrichtig betrauert aber und nicht vergessen hat man Max nur an der

Adria, im Küstenland.

Seit er an jenem schönen Aprilmorgen auszog ins Kaiserelend, steht das

Lustschloß vereinsamt und verwaist. Selten, und immer nur für wenige

Tage, kehren die Glieder der kaiserlichen Familie in die luxuriösen

Hallen ein; es scheint ihnen nicht wohl zu sein in den duftschwülen

Gärten am Meer.

Dafür wallt in blühender Sommerszeit der Naturschwärmer und Künstler

Triests zum Lustschloß Miramar.

Treten auch wir jetzt durch den mit mittelalterlichen Waffen

geschmückten Korridor ins weite, helle Kaiserhaus, an der Hauskapelle

vorbei in die marmelverzierten Gemächer, in die weite Bibliothek, wo

die Büsten Homers, Dantes, Shakespeares und Goethes stehen. Bis an den

Plafond reichen die offenen Büchergestelle, von prachtvollen Einbänden,

von Gold und Silber schimmernd; aber die Bücher sind tot; seit Max

gestorben, hat sie keine Hand mehr aufgeschlagen.

Nebenan ist das Arbeitszimmer Maximilians. Es hat die Form der Kajüte,

welche er auf der »Novarra«, jenem Schiff bewohnte, das ihn in seinen

jungen Jahren in die verschiedenen Mittelmeerländer und später nach

Mexiko geführt. Hier hat er jene anziehenden Bücher: »Aus meinem

Leben« und »Aphorismen« geschrieben, die nach seinem Tod das teuerste

Vermächtnis für seine Freunde waren. An den Wänden dieser Koje

hangen zwei Bilder: »Die Ermordung Cäsars« und »Maria Antoinette im

Gefängnis.« Ob der fürstliche Arbeiter sich's je geträumt, daß sie zu

seinem eigenen Geschick beziehungsvoll würden?

So geht es fort durch eine weite Flucht von Gemächern. Da funkelt's

von Gold- und Seidentapeten; da stehen kunstvoll geschnitzte Möbel,

altertümliche Uhren und Schränke; da gleitet der Fuß auf Wunderwerken

von eingelegten Parketts; da hangen von herrlichen Decken zierliche

Lustres, Meisterwerke der Goldschmiedekunst. Alles erzählt von der

üppigen Phantasie seines Schöpfers, der einen großen Teil der Pläne und

Zeichnungen für den Bau mit eigener Hand entworfen hat.

Genug von dieser wundersamen Pracht. Viele stolze Schlösser und größere

als Miramare habe ich in jüngern Wandertagen in Frankreich gesehen,

aber keines, wo Natur und Kunst sich zu einem so wirkungsvollen Ganzen,

zu so bestrickender Schönheit verschwistern wie in Miramare.

Treten wir hinaus auf eine der Balustraden. Noch ist's das Bild von

Prosecco:

»Es singt und klingt das blaue Meer

So sagenreich, so wunderhehr.

Es rauscht der weiße Schaum der Welle

Melodisch an die Marmorschwelle

Und drücket auf des Schlosses Fuß

Den schauerkühlen Nymphenkuß,

Und als zurück die Wogen prallen,

Da zittert's wonnig durch die Hallen.«

Ich habe den schönen Versen, mit denen Max selber sein stolzes

Haus gefeiert, nichts beizufügen. Und nun reißen wir uns los; denn

freiwillig scheidet wohl keiner von dem »Wunder des Meers.« Drunten im

Hafen an der Gartenterrasse wartet unser der Fährmann, der uns zurück

nach Monfalcone führen soll.

Das Ruder plätschert in kristallner Flut; die Berge stehen im

Abendglanz; alles ist Daseinswonne, Frieden und Licht, und von Miramare

her streicht der Blütenduft über die See.

Bald ziehen Glockentöne übers Meer. »Ave Maria! Ave Maria!« Nah und

fern fallen die rauhen, sonnverbrannten Fischer in ihren Segelbooten

auf die Kniee und beten zur gnadenreichen Gottesmutter um glücklichen

Fischfang, um ihren Schutz zur See, um gnädige Erhaltung von Weib und

Kind.

So kommt die Nacht, die laue Südnacht mit ihrem Sternbrevier. Von

Triest her flammen tausend Lichter; der Leuchtturm spielt mit seinen

wechselnden Signalen; doch schon beginnt

»Den Osten Mondlicht zu erhellen,

Und zitternd funkelt's auf den Wellen.

Still wird's auf weitem Meeresplan,

Und rauschen hört man nur den Kahn.«

[Illustration]

[Illustration]

Triest.

Wenn man von Venedig kommend bei Monfalcone den innersten Busen

der Adria umfährt, dann schimmert an der östlichen Küste blendend

weiß, wie der Leib eines schönen Menschen, der zum Bad ans Meerufer

niedergestiegen ist, die Stadt Triest. Im Halbzirkel baut sie sich vom

lachenden Golf zum Kastellhügel und malerischen Uferhöhen empor. Olive

und Lorbeer haben die Unfruchtbarkeit des Karstgesteins besiegt und

schlagen mit herrschaftlichen Gärten einen üppig grünen Rahmen um das

glänzende Stadtbild.

Von ferne könnte man glauben, alle Häuser seien von Marmor; kommt man

aber hinein, so sind sie kaum anders als irgend sonst wo in einer

großen Stadt; mächtig und prächtig, an die schönsten Plätze von Wien

oder Paris erinnernd im neuen Teil, der das Vorland zwischen Küstenhang

und Meer bedeckt, klein, düster und elend in der Altstadt, deren

Straßen sich eng und steil von der Zitadelle zum neuen Stadtteile

hinunterziehen. Doch hat Triest etwas Besonderes, was manch größere

Stadt nicht hat, nämlich einen hochragenden Mastenwald vor seinen

Häusern.

Der Nationalstolz nennt Triest das »österreichische Hamburg«, eine

Metapher, bei der man etwas Übertreibung mit in den Kauf nehmen muß.

Triest ist kein Hamburg, aber immerhin das gewaltigste Handelsemporium

an der Adria und, abgesehen von Fiume, das die Ungarn zur Blüte zu

bringen suchen, der einzige große Hafen der habsburgischen Monarchie.

Der Zug fährt von Nabresina in drei Viertelstunden in die Stadt

hinunter und legt auf dem Wege dahin dem Reisenden die ganze Pracht des

Golfes von Triest, ein wundersam wonniges Bild, zu Füßen.

Aus der hohen Halle des schönen Bahnhofes tritt man auf den geräumigen

Vorplatz, und vor dem eigentümlichen Reiz, der beim Anblick eines

Seehafens das Herz der Landratte packt, muß in der ersten Stunde jedes

andere Interesse dem am Hafenbilde weichen.

So ging's mir nicht nur das erste, so ging's mir auch die folgenden

Male, als ich nach Triest kam. Ich wurde nicht müde, den Quai auf und

ab zu wandeln, mich an den bunten Flaggen und Wimpeln, die lustig gegen

den dunkelblauen Himmel emporflatterten, an dem Gewirre von Masten,

an den riesenhaften Kauffahrteischiffen, an dem lebendigen Gewühl der

Gaete, Mistici, Navicelli, Trabaccoli, Brazzere, Tartome, und wie

immer noch das Gewimmel jener kleinern Boote, Schaluppen und Kähne,

die zwischen den Riesenleibern der Ostindienfahrer durchschwärmen,

sich nennen mag, zu ergötzen. Diese gebrechlichen Nußschalen, oft

von bizarrer Form und buntem Anstrich, mit ihrem sonnengebräunten,

malerisch verwilderten Matrosen- und Fischervolk, sind nicht weniger

interessant als die Giganten des österreichischen Lloyd, als der

»Polluce«, der »Helios«, die gewaltige »Pandora« oder die »Medusa«,

in deren Tauwerk die braunen Jungen mit der Gelenkigkeit von Katzen

auf- und niederklettern. Macht ein solcher Schiffspalast »klar«, so

verfinstert eine Rauchpinie den Molo, bis der Koloß hinauswogt in den

offenen Golf.

Man sagt, daß jährlich 1600 Dampfer und 7000 Schiffe langer Fahrt

in den Hafen von Triest einlaufen und daß sie zusammen für über 400

Millionen Kronen Waren bringen. Kein Wunder, wenn hier alles Leben und

Bewegung, Handel und Wandel ist!

Dennoch fühlt sich der Fremde vom Hafenbild Triests einigermaßen

enttäuscht; denn die durch acht größere und viele kleinere Moli

voneinander getrennten Bassins, die sich in der Länge einer halben

Stunde eines ans andere reihen, sind gegen das Meer hin offen und

widersprechen durchaus jenem typischen Hafenbilde von der dreiseitig

sturmverschlossenen Bucht, wo die Schiffe ruhsam ankern können.

In der Tat war der Hafen von Triest früher wegen seiner vielen

Schiffbrüche in Verruf, und die Stadt hätte nie der blühende

Handelspunkt werden können, wenn sie sich nicht durch gewaltige Bauten

jenen Schutz, den die Natur ihrer Rhede versagt, selber geschaffen

hätte. Die neue Anlage hat dreißig Millionen Kronen gekostet. Ein dem

Hafen vorgelagerter, sechszehn Meter vom Grund der See aufragender

Damm, »der Wellenbrecher«, schützt ihn nun gegen den Wogendrang

der hochgehenden Adria, so daß jetzt die ungünstigen natürlichen

Verhältnisse desselben aufgehoben sind.

Ferien an der Adria: Bilder aus Süd-Österreich · 第 6 / 11 段