Bald einer Sandbarre ausweichend, bald über eine hinschleifend, bald

durch Meergras und Binsen wogend, änderte die Barke jeden Augenblick

ihren Kurs, so daß wir auf unserer fast dreistündigen Fahrt nach Grado

mindestens die zwiefache Strecke zurücklegten und es fast unmöglich

schien, nach dem durch seine Nähe neckenden Städtchen zu gelangen.

Es wäre etwas Mißliches um eine solche Fahrt im Zickzack, böte sie

nicht ein ganz ungewöhnliches landschaftliches Interesse dar. Ein Lido

flacher, grüner Inseln umschließt die Lagunen, und zwischen ihnen durch

schimmert scheinbar erhöht der Azur des offnen Meers, das leistönend

seine Wellen in den Lagunenfrieden treibt. Dazu zieht sich von der

Isonzomündung bis gegen Grado hin ein vielfach vom Meer durchbrochener

und unterwaschener Dünenzug, dessen einzelne steilabstürzende Hügel

wie riesige Blockhäuser aus der wogenden See aufsteigen.

Die kleine Inselstadt, die grünen, flachen Inseln des Lido, der

Ausblick auf die offene See, die fernen Dünenpalisaden geben zusammen

der Landschaft ein seltsam Reizvolles, das weniger schön als merkwürdig

ist. Der Schaffensdrang der umgestaltenden Natur offenbart sich

vielleicht nirgends gewaltiger als am Meeresstrand.

Zweifellos war jener Dünenzug, dessen ruinenhafte Hügel dem

Zusammensturz nahe scheinen, vor Zeiten eine geschlossene Sandbarre,

und noch in römischer Ära muß die Lagune ganz anders ausgesehen

haben als in unsern Tagen. Von Istrien, wo ein ehemaliger Stadtteil

von Parenzo in der See versank, bis nach Venedig, wo im Gang der

Jahrhunderte die unterirdischen Räume der Markuskirche ins Wasser

zu stehen kamen, bemerkt man die Folgen einer säkularen Senkung des

Bodens. Diese beträgt im Bereich der furlanischen Küste zwei Meter,

und bei der Flachheit des Strandes hat sie dem Meer die Herrschaft

über weite ehemalige Landstriche eingetragen. So kommt es, daß die

Inseln des Lido, welche in der römischen Zeit mit Werkstätten für den

Schiffsbau und Hafenanstalten jeder Art dicht besetzt waren, viel

kleiner geworden sind, daß an der Stelle der ehemaligen Inselwälder, wo

noch die Dogen Venedigs des Weidwerks pflogen, an der Stelle, wo der

Pflug des mittelalterlichen Bauers den Acker furchte und das Vieh auf

fetten Gründen weidete, die Lagunenwelle im Röhricht plätschert und von

den zahlreichen Eilanden, Grado ausgenommen, keines mehr dem Menschen

eine dauernde Wohnstätte bietet. So kommt es, daß große Strecken

landeinwärts gegen Aquileja, welche früher in der Pflanzenüppigkeit

der Campagna prangten, Meersumpf geworden sind, daß Mauerreste und

Inschriftensteine, Mosaikböden und Lager von Amphoren, in welchen die

Römer den Wein aufzubewahren pflegten, im Grund der Lagune und der

Meersümpfe liegen.

Man sagt, daß zur Blütezeit Aquilejas ein Damm von Belvedere nach

Grado hinüber geführt habe. Vielleicht im Angedenken der ehemaligen

Schönheit dieser Landschaft ist ein großartiges Projekt aufgetaucht:

die ganze Lagune von der Isonzomündung bis zur italienischen Grenze,

also auf eine Strecke von 30 Kilometern, durch Dämme, die sich von

einer Lidoinsel zur andern ziehen, gegen die See abzuschließen, die

Lagune selber durch Maschinen zu entwässern und ein Gebiet von sechzig

Quadratkilometern Meer in Kulturland umzuschaffen.

Allein dem schöngedachten Plan eines »adriatischen Hollands« mit

Polderwerken und fetten Marschen, wo ein glückliches Volk, den

Niederländern nacheifernd, auf altem Meergrund seine Felder baut,

haftet der eine große Fehler an, daß es auf den griechischen Kalenden

steht. Selbst für jenen andern, ungleich bescheidenern, jene

Dammverbindung von Grado und Belvedere zu erneuern, lebt, obwohl die

Existenzfähigkeit des Lagunenstädtchens eng damit verknüpft ist, in den

Kreisen, die ihn vermöge ihrer sozialen Stellung zu einer allgemeinen

Landessache machen könnten, wenig Sinn.

Der Gedanke an Italien, das nur eine Gelegenheit abwartet, wo die

Heere Österreichs anderwärts gebunden sind, um eine Erweiterung seiner

Grenzen bis an den Golf von Triest oder sogar drüberhin zu versuchen,

und die Möglichkeit eines Erfolges legt in Finanzkreisen jede größere

Unternehmung im untern Friaul lahm.

Bei Barbana nahm unsere Barke eine ziemlich gerade Richtung nach

Grado. Auf vielen der binsenumwachsenen, niedrigen Sandinseln,

welche sich längs der Lagunenkanäle hinziehen, standen zeltartige

Schilfhütten. Das sind die Sommerfrischen gradonesischer Fischer, und

wie eine Robinsonade mutet das Leben des Inselvölkleins an. Malerisch

verwilderte Männergestalten besserten ihre Netze aus oder legten sie

zum Trocknen an die Sonne, bronzefarbene Weiber schabten die gefangenen

Fische, und junge Burschen und Mädchen wälzten sich kichernd und

halbnackt in den Binsen.

Oft hat -- ich weiß nicht durch welche Ideenassoziation -- der Anblick

irgend einer Meerlandschaft in mir die Erinnerung an Hochgebirgsszenen

wachgerufen, und als ich die rauchgeschwärzten Schilfhütten sah, die

nur mit einer offenen Feuerstelle, einem Binsenlager im Hintergrund

und einigen Holzklötzen zum Sitzen ausgestattet sind, mußte ich

unwillkürlich an jene letzten Hütten, die der Mensch gegen die Grenzen

des ewigen Schnees emporgebaut hat, denken. Allein wie viel einfacher

lebt noch der adriatische Strandfischer, dessen ganzer Reichtum sein

Schilfzelt, sein Kahn, sein Netz und sein Segel ist, gegen den letzten

Sennen, der doch wenigstens noch jene Reihe von Geräten, wie man sie

zur Käsebereitung bedarf, in seiner Alphütte birgt.

Man sieht unter diesen Lagunenfischern und ihren Weibern viele

Gesichter von hoher natürlicher Intelligenz und prächtig

aufgeschlossenen Gesichtszügen und es lebt auch ein großes Stück

Selbstgefühl in diesen malerischen Gestalten.

Fordert Ihnen ein Gradonese am Strand von Belvedere fünf Gulden für die

Überfahrt nach seiner Inselheimat und bieten Sie ihm zwei, womit seine

Arbeit vollauf bezahlt wäre, eher kehrt er Ihnen den Rücken und fährt

allein in seine Lagunen zurück, um in einer Woche mühsamer Fischerei

die zwei Gulden nicht zu verdienen, als daß er auf Ihren durchaus

billigen Vorschlag eingehe; er läßt nicht mit sich markten.

Allein nicht minder groß als ihr Selbstgefühl ist ihre

Gleichgültigkeit; sie sind wahre Diogenesnaturen.

Als wir bereits in der Nähe von Grado waren, mußten unsere zwei

Barkenführer noch eine lange, schmale Sandbarre umrudern.

»Warum«, fragten wir einen derselben, »haben Sie denn diese Bank nicht

längst durchstochen; es kürzte ja den Weg ungemein?«

»Wer soll es machen?« antwortete er schulternzuckend.

»Diese Arbeit von einem oder zwei Tagen, wir denken Sie oder Ihre

Gefährten oder die Stadt Grado«, sagten wir.

»Das Meer hat diesen Sand daher gespült«, erklärte er nun; »unsere

Väter sind schon um denselben her gefahren; wir machen es ebenso;

soll der Sand weg, dann mag ihn das Meer wegschaffen -- es wäre uns

allerdings recht.«

Wir bemühten uns nicht weiter, dem Manne die Vorteile einiger

Spatenstiche klar zu machen; wir fuhren an einigen venetianischen

Booten, die bei der Schlammbank in Quarantäne standen und mit der

Wäsche ihrer Mannschaft beflaggt waren, vorbei, und ein kleines

Weilchen später waren wir nach zweieinhalbstündiger Fahrt im Hafen von

Grado, der schicksalsreichen Inselstadt.

Zur Blütezeit Aquilejas war Grado das Herz des aquilejensischen

Seelebens, der Mittelpunkt der Flottenstation und zugleich der

Angelpunkt des aquilejensischen Urchristentums, den eine ganze

Mätyrerschar, darunter viele Jungfrauen, mit ihrem Blute weihten.

Dann wurde das Laguneneiland Port und Asyl der heimatlosen

Aquilejenser. Wie mag das Wehegeschrei der Frauen und Kinder durch

das kleine Inselland gehallt haben, als über den Meeresarm her der

Lärm und das Getöse des Hunnensturms erscholl, als aus der glänzenden

Heimatstadt die Feuerlohe zum Himmel schlug, als das erste wunde

Kriegerhäuflein, das sich durch die Hunnenscharen geschlagen, an den

Strand von Grado kam und auf die hundert durcheinander schwirrenden

Fragen todestraurig die Antwort: »~Finis Aquilejae~« gab.

Die schöne Aufgabe, ein Friedensport im Kriege zu sein, hat Grado

durch die ganze schwere Zeit der Völkerwanderung gegenüber den Land-

und Städtebewohnern des Friauls erfüllt. Es war nicht sein Schaden;

denn »Neu-Aquileja«, wie sich der Ort im sechsten Jahrhundert nannte,

war, ehe dem venetianischen Löwen die Flügel gar so mächtig wuchsen,

der Vorort der Lagunenstädte. Die mittelalterlichen Schriftsteller

rühmen seine starken Mauern und Türme, seine zahlreichen Kirchen und

herrlichen Paläste, und von der Festlandsstadt hatte es nicht nur viele

Kunstwerke, sondern auch einen Teil ihres blühenden Handels geerbt.

In der Hunnenzeit war auch der Patriarch von Aquileja nach Grado

geflohen. Seine Nachfolger hielten bald hier, bald dort ihre

Residenz, bis in jenen uns kaum mehr verständlichen Streiten der

orthodoxen Kirche gegen die verschiedenen Schismen auf Grado ein

Konkurrenzpatriarchat zu demjenigen von Aquileja entstand, das, später

auch rechtgläubig geworden, erst nach fast tausendjährigem Bestand von

den Patriarchen des letztern aufgerieben wurde.

Dann wurde es stiller und stiller auf dem Eiland; die Bevölkerung

verarmte im Laufe der Jahrhunderte; die Insel wurde, von den

Meereswogen zernagt, kleiner und kleiner; die Stadtmauern stürzten ins

Meer, und heute ist Grado ein kleines Städtchen von 3000 Einwohnern,

deren Ackerfeld, Garten, Werkstätte, Vorratskammer, deren ganzer

Reichtum das Meer ist; denn die Gradonesen alle sind Fischer.

Das Städtchen ist grad so groß als die Insel, deren Strandoval man

in einem Viertelstündchen bequem umwandelt. So freundlich es von der

Lagune her aussieht, so unreinlich ist es im Innern.

Wie die Patriarchen von Aquileja sich in ihrem Dom und dessen

weitausschauendem Campanile ein Denkmal errichteten, das ihre eigene

Existenz um Jahrhunderte überdauerte, sicherten sich diejenigen von

Grado in der Kathedrale Sant' Eufemia ein heut noch wohlerhaltenes

Monument. Ihr Äußeres wird freilich in seinem Eindruck durch die

umgebenden Häuser beeinträchtigt, und mit dem stolzen Gotteshaus von

Aquileja darf sie sich nicht messen; aber ihr Inneres wetteifert an

Alter und archäologischem Wert mit dem Dom von Aquileja.

Sonst bietet die kleine Stadt kaum etwas Sehenswertes; doch ist ein

Spaziergang auf dem neuen Damm, der die Südseite des Städtchens zum

Schutz gegen die Meereswogen in einem Halbrund umzieht, von bedeutendem

Reiz; denn von seiner Höhe genießt man einen wundervollen Blick auf die

offene, in dunkelblauen Wellen pulsierende See.

Dieser Damm und die an der Ostseite des Städtchens liegende, erst

kürzlich in leichtem Holzstil aufgeführte Badeanstalt zeigen, daß

Grado sich nicht willenlos in sein dereinstiges Schicksal, vom

Meer aufgefressen zu werden, ergibt. Vorher möchte es noch eine

Gesundheitsstation ersten Ranges, ein adriatisches Rügen werden.

Es hat seine dankbare Klientel, die vom Seebade Grados entzückt ist.

Sie spricht von seinem herrlichen Wellenschlage, als ob das Meer

nirgends mehr so lieblich wogte, wie an diesem Strand, und findet den

feinen, weißen Sand unvergleichlich. Allein die dankbarste Kundschaft

ist die alljährliche wiederkehrende Kolonie einiger hundert skrofulöser

Kinder, welche die Städte Triest und Graz auf das kleine Inselland in

die Ferien senden.

Diese armen, glücklichen Kinder untersuchen nicht; sie baden, sie

spielen und werden gesund. Die roten Wangen, die lachenden Augen, sie

sind die besten Anwälte für Grado.

Allein so ein echter, rechter Kurort -- eben ein adriatisches Rügen

-- kann Grado doch nicht werden. Dazu fehlt es an allem, an einer

Promenade, wenn man nicht den bei ruhiger Luft unangenehm ausdünstenden

Strand längs des Inseldammes dafür nehmen will, an Wohnungen, denn das

Städtchen ist von den eigenen Einwohnern bereits übervölkert und an

Platz für etwas ausgedehntere Neubauten, wenn man nicht ein neues Grado

in die Lagunen hinaus gründen will.

Wenn sich wenigstens nur etwas Baumgrün auf das Inselland pflanzen

ließe, damit das Auge etwas mehr hätte, als das endlose Blau der See

und des Himmels, den südlichen Sonnenschein und die reflektierenden

Mauern der Stadt; allein alle Versuche, auf der Insel Bäume längere

Zeit zu erhalten, scheitern. Sie verderben in kurzer Zeit an dem

salzigen Grundwasser oder fallen, da ihnen der lockere Inselsand keinen

Halt gewährt, den Seewinden zum Opfer.

Selbst das freundliche Bild grünender, blühender Sträucher hat sich

in einige ganz kleine Privatgärten, die zwischen den Häusern des

Städtchens eingeklemmt sind, zurückgeflüchtet.

Manches wird in Grado, um Kurgäste anzulocken, noch getan werden

können. Von all den kleinen Anfängen, welche das Kurleben dort

gezeitigt hat, schien uns die Gründung einer deutschen Bierhalle das

bedeutsamste Ereignis. Wir haben es gewürdigt! Schäumender Gerstensaft,

ein blühendes Gärtchen, eine gute Kegelbahn; wer wollte auf einem so

kleinen Meereilande sich nicht damit zufrieden geben!

Als wir nach einem dreistündigen Aufenthalt in der kleinen Inselstadt

wieder unsere Fischer und unsere Barke aufsuchten, bot die Lagune

ein ganz anderes Bild, als am Nachmittag. Die steigende Flut hatte

die Sandbänke mit dem Blau des Meerwassers bedeckt; nur einige der

höhern, auf welchen die Schilfhütten der Fischer standen, ragten

noch, zwar um vieles verkleinert, über die hereinbrechende See. Die

Gegend war kaum mehr zu erkennen. Die Lagune gestattet jetzt eine

fast geradlinige Fahrt von Grado nach Belvedere; dazu schwellte ein

angenehmer Seewind das Segel. Glücklich schwebten wir über der aus

allen Tiefen emporquellenden Flut durch den schönen Meeresabend,

tranken dunkeln Wein von Monfalcone und hellen von Gumboldskirch, aßen

kaltes Geflügel und italienische Rauchschinken, Vorräte, die wir alle

der gütigen Vorsorge unserer Hauswirtin verdankten, und sangen die

Lieder unserer Heimat dazu. Die niedergehende Sonne zögerte noch ein

Weilchen, als sie so fröhliche Menschen sah. Ihre Strahlen glühten über

der kleinen Fischerstadt. Wir wünschten Grado, dem meerumschlungenen,

viele Kurgäste und noch manche Jahre gedeihlichen Daseins; denn sterben

muß es einmal doch. Wer es in tausend Jahren besuchen will, findet

vielleicht nichts mehr von dem Eiland. Es sinkt und sinkt; die See nagt

immerfort an seinen Flanken; überall beißen sich die Wellen in seine

Ufer; Sandkorn um Sandkorn wird hinweggespült. Wenn später einmal der

Fischer mit seinem Kahn über die Stelle fährt, dann faltet er die Hände

und betet ein Requiem über der versunkenen Stadt.

Als wir am Strand von Belvedere nach nicht viel mehr als einstündiger

Fahrt ankamen, versank die Sonne rotgolden und groß in der

venetianischen Tiefebene; als die stillen Straßen Aquilejas vom

Hufschlag unserer Pferde widerhallten, hatte sich der Sternenschleier

der südlichen Nacht über den dämmernden Dom und den riesengroßen

Campanile gespannt; als wir durch die furlanische Campagna nordwärts

flogen, da stoben lichte Schwärme von Leuchtkäfern in Büschen und

Bäumen auf und erloschen im Campagnenwald, und als wir in Monfalcone

ankamen, tanzte beim Klang der Trompete und den leidenschaftlichen

Tönen des Fagotts noch das junge Volk unter den Kastanienbäumen.

Qualmende Lichter warfen ihre Strahlen auf die Gruppen; in geröteten

Gesichtern und in funkelnden Augen lag Liebesglut und Feuer des Südens.

[Illustration]

[Illustration]

Im Frühling von Miramare.

Wenn die junge Süderde im Lenzgeschmeide prangt, wenn es in den

adriatischen Gärten blüht und duftet, dann pilgert der Naturfreund

Triests hinaus zu dem Marmelschloß von Miramare, das in sonniger,

märchenträumender Schönheit am innersten Golfe der Adria prangt.

Gedenk ich jener Stunden, wo ich im blühenden Burgfrieden von Miramare

die stillen Parkwege gewandelt, so kommt wieder der ganze Zauber jener

Meerlandschaft, zu der sich wie im Heimweh nach der mütterlichen Flut

der Karst, der dunkle Tarnovanerwald und die julischen Alpen mit ihren

leuchtenden Berggesichtern niederdrängen, über mich.

Es ist von Monfalcone nach Miramare fünf Stunden Wegs um das innerste

Golfrund der Adria. Sie bieten dem Wanderer das Schönste, was im

Bereich dieses Meeres liegt!

Zwar weicht schon nach der ersten Wegstunde die Campagna stagnierenden

Reissümpfen; allein auch sie sind nicht reizlos. Zwischen Sumpf und

Meer steht, malerisch an einen Felsrücken gelehnt, die altersgraue

Kapelle Sant' Antonio, welche alljährlich zur Frühlingszeit die

Schiffer der Umgebung zur Bootsweihe in ihre Räume sammelt. Bereits im

Sumpf erhebt sich ein hübsches, modernes Gebäude, das Bad Monfalcone.

In seinem Hof dringt eine Schwefelquelle von 40 Grad Celsius aus dem

Moorboden, die mit dem Meere ebbt und flutet. In den Gängen hangen

die Krücken dankbarer Gichtbrüchiger, die als Lahme gekommen und als

Gesunde gegangen sind. Die heilsame Quelle lockt allsommerlich eine

kleine Fremdenkolonie nach Monfalcone. Da das Badegebäude wegen der

fiebererregenden Dünste, welche am Abend aus den Sümpfen aufsteigen,

nicht bewohnt werden kann, beleben die Badegäste die paar Gasthöfe der

Stadt. Regte sich hier der nämliche Unternehmungsgeist, wie in manchen

Tälern des Gebirges, so wäre Monfalcone der Welt schon lange als ein

südösterreichisches Ragaz bekannt.

Der Sumpf östlich vom Bad war um die Wende unserer Zeitrechnung noch

ein mit dem Meer zusammenhängender Binnensee, in welchem hin und wieder

eine römische Flotte vor Anker lag. Jetzt schleicht vom Karste her die

Lokavaz, ein unheimliches, trübes Gewässer, durch diese Gegend zum

nahen Meer.

Jenseits des Flusses liegt der merkwürdige Ort, wo an der letzten

innersten Bucht der Adria die lombardisch-venetianische Tiefebene

ausgeht, die Alpen mit ihren felsklippigen Ausläufern sich ans Meerblau

drängen, der flache, reizlose Lagunenstrand des adriatischen Westens

den malerischen Felsenufern des Ostens weicht und sich die östlichste,

von der Romantik der Halbkultur umschleierte große Halbinsel vom

europäischen Festland löst.

Es ist, als ob die Natur den Angelpunkt, wo sich Alpen, Meer und

Tiefland stoßen, der europäische Osten sich vom Westen scheidet, selber

mit einem ihrer herrlichsten Wahrzeichen hätte schmücken wollen; denn

da rauscht in drei Quellen aus unerforschten Felsenschlünden der

kürzeste Strom Europas, der Timavo auf.

Die altersgraue Kirche San Giovanni, eine Mühle, deren Werke seit

längerer Zeit ruhen, einige kleine Häuser und etwas Grün schmücken die

Quellen, und Barken fahren bis an den Ursprung den langsam abfließenden

Strom hinauf, der sich schon nach wenigen Kilometern Laufes in die

Bläue des Meeres verliert.

Seine Geschichte greift hinauf bis in die graue Sagenzeit, und seine

Wasser sind geweiht durch Argonautenzug und Äneis. In einem heiligen

Eichenhain stand an seinem Ufer ein Tempel des Diomedes, der den

Griechen im Kampf gegen Troja mit achtzig Schiffen zu Hülfe gekommen

war, und später einer der Hera, der großäugigen, lilienarmigen Göttin.

Der Trimavus muß im Altertum, als er die damaligen Schriftsteller

und Dichter, einen Virgil, einen Strabo, einen Plinius, Martial und

Cornelius Nepos, zum höchsten Staunen hinriß, noch ein ganz anderer

gewesen sein als in unserer Zeit; denn sie feiern ihn in bewundernden

Ausdrücken als die »Mutter des Meers«, und der Sänger der Äneis meldet:

»~... Per ora novem vasto cum murmure montis

It mare proruptum et pelago premit arva sonanti~«[1]

[1] »... Durch neun Münde und unter dem Seufzen des Berges

Bricht er ins Meer und peitscht mit tönender Woge die Felder.«

Neun Quellen, nach andern Schriftstellern auch zwölf, hatte also damals

der Timavus, und schauerlich großartig trat er zu Tage -- heute ist

er bis auf drei versiegt. Dennoch tritt auch jetzt noch der Wanderer

mit einer gewissen Ehrfurcht an den seltsamen Fluß, der mit immer noch

starker Wasserfülle als ein herrliches Naturrätsel von dannen strömt.

Naturrätsel! Wenn das Rätsellösen so viel bedeutet, als an die Stelle

des einen ein anderes zu setzen, dann ist auch der Timavo, seine

einstige Wassergröße, seine jetzige Kleinheit, dann sind seine Zuflüsse

enträtselt.

Eine scharfsinnige Hypothese bringt nämlich seinen Wasserverlust mit

der Bildung des Isonzo in Zusammenhang. Dieser soll im Altertum bei

Görz im Karst verschwunden sein; allein im Mittelalter haben sich die

unterirdischen Verbindungskanäle dann verstopft, der Isonzo sei nach

Süden ausgebrochen, wodurch der jetzige Unterlauf desselben entstand,

der Timavus aber um eine Reihe von Quellen verarmte.

Diese Hypothese hat ungemein viel für sich. Noch heute existiert

zwischen der Wippach und dem See Dobredo ein Zusammenhang; denn bei

großen Wasserständen des Flusses steigt auch der See, und heute noch

hört man in der Grotte von Jaminiano das Rauschen unterirdischer

Wasser, die in der Richtung gegen Timavo abfließen.

Seinen jetzigen Hauptzufluß -- das steht ganz außer Zweifel -- erhält

der Timavo von der Reka, einem Karstwasser, das sich bei San Canziano

ein paar Stunden gebirgseinwärts von Triest in eine Kalksteingrotte

verliert. Die Entfernung von San Canziano zum Timavo beträgt über

dreißig Kilometer. Man hat die Grotte, die sich in unmittelbarer Nähe

der Kirche des Dorfes zum Empfang der Reka öffnet, eine Strecke weit

erforscht. Es soll, so sagen die Höhlenpioniere von Canziano, ein

wunderbares, unbeschreibliches Gefüge von Gängen, Hallen und Erkern

sein, durch welches sich die Reka windet, ein Seitenstück zur Grotte

von Adelsberg.

Jenseits des Timavo beginnt die Straße mählich anzusteigen. Da liegt

zwischen ihr und dem Meer der Wildpark von Duino, ein großer, dichter

Terebinthenhain, der ein beredtes Zeugnis dafür bildet, daß der Karst

von Natur aus kein kärglicher Boden ist, daß erst der Unverstand der

Menschen ihn zu der dürren Steinwüste gemacht hat.

Hinter dem Park ragen die altersgrauen, verwitterten Mauern des

Schlosses Duino auf hohen, malerisch zur See abstürzenden Felsen auf ...

»Es stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr,

Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer.«

Man muß unwillkürlich an diese Uhlandsverse denken, wenn man die

alte gewaltige Feste sieht. Man sagte mir, es sei die größte am

Mittelmeer! Uralt ist sie; denn schon die Hohenstaufen haben auf ihren

Italienfahrten in Tybein, wie der alte, deutsche Name der Burg lautet,

gern gerastet; ja ihre Anfänge gehen bis in die Römerzeit zurück. Es

muß damals in dieser Gegend ein vorzüglicher Wein gewachsen sein; denn

Livia, die Gemahlin des Augustus glaubte es diesem zu verdanken, daß

sie über die achtzig Jahre alt geworden ist.

Landeinwärts vom Schloß bildet ein Dutzend dazu gehöriger Pächterhütten

eine kleine Ortschaft. In ihrer Mitte ist das schwarze, ungemein feste

Eingangstor zum Schloß. Dieses selber besteht aus einem Gefüge von

Bauwerken aus verschiedenen Jahrhunderten, die sich alle um einen

dicken, viereckigen Turm drängen.

Die gegenwärtige Besitzerin des Schlosses, eine Fürstin Hohenlohe,

hat die weitläufigen Gemächer desselben mit vielen römischen

Fundstücken, alt-venetianischen Holzschnitzwerken und herrlichen

Gemälden geschmückt, von denen manche den besten italienischen Meistern

angehören. Sie ist selber eine Malerin von hohem Talent, und es kann

für eine Künstlerin in der Tat keinen Ort geben, wo sich die Phantasie

mehr befruchtet, als in dem sagen- und efeuumrankten Schloß, vor dem

das südliche Licht über den Azur des Meeres zuckt und flutet. Achtzig

Meter steigen die zerrissenen Uferfelsen lotrecht von der See auf, und

in ihren Rissen grünt eine Vegetation, die mit ihren Agaven und Kakteen

an noch südlichere Gestade erinnert.

Ferien an der Adria: Bilder aus Süd-Österreich · 第 5 / 11 段