Leuchtturm, welcher im Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Modell
des berühmten Turmes auf der Eddystoneklippe in nach oben verjüngt
zulaufender Form gebaut worden ist. Während des Tages schmücken die
Flaggen der jeweilen ankommenden Schiffe seinen Signalmast; wenn
die Nacht hereinbricht, spielen die Feuersignale seiner Laterne mit
blitzartigen, durch Momente vollkommener Dunkelheit getrennten, bald
hellern, bald schwächern Lichtern über die See, sodaß der Adriafahrer
schon 30 Kilometer von Triest das helle Blinken gewahrt.
Wenn ich an den Leuchtturm von Triest denke, dann stehen zwei Bilder,
die ich von der Höhe seiner Plattform genossen, vor meinem Blick:
ein wundersamer, stiller Meeresabend, an dem die See regungslos und
lächelnd, golden besonnt und unermessen vor mir lag. Das verworrene
Geschrei der Lastträger, das Rasseln der Fuhrwerke und der schrille
Laut der Dampfpfeife erreichten schon halb verhallt den schönen
Standpunkt. Die lichtübergossene Uferlehne von Miramare im Norden,
die schroffen istrianischen Küstenhänge im Süden und die Stadt mit
ihren leuchtenden Häuserfronten zwischen ihnen fesselten das Auge
gleichermaßen. Von Pirano her, der hellschimmernden Stadt auf dem
westlichen Vorgebirge von Istrien, kam das winzige Lokalboot, während
eine Flottille größerer Segler, die jedenfalls nur einen Levante
abwarteten, um nach Venedig hinüberzufahren, unbeweglich vor der
Bucht von Capo d'Istria stand. Andere stiegen am fernsten Horizont als
schimmernde Punkte malerisch auf oder versanken; Scharen von Möven und
andern Vögeln zogen über dem herrlichen Golfe ihre Kreise.
Etwas unendlich Weiches, Träumerisches, ein wundersamer Frieden, der
erlösend in die Menschenbrust übergeht, lag da im Meerbilde von Triest.
Wie ganz anders habe ich die gleiche Landschaft das zweitemal gesehen!
friedlos, von schmerzlicher Melancholie bewegt; das Land, sturmempört,
vom Scirocco gepeitscht die See, ängstlich sich zum Hafen flüchtende
Barken, bald hoch auf zerspritzenden Schäumen, bald tief in den
Mulden der Wogen. In langgestreckten Zügen, wogend und ringend, hier
zergehend, dort auferstehend, fluteten die Wellen, zerbarsten mit
furchtbarem Prall an den Fundamenten des Turmes, daß es zitternd durch
seinen Steinleib ging, und strömten brausend ins Meer zurück. Dazu
rauschte und pfiff, sang und klang der Sturm.
Es ist auch herrlich und unaussprechlich schön, aber liebe- und
erbarmungslos, das stürmende, hochgehende Meer!
Die nördlichen Hafenmauern sind durch Schienengeleise mit dem
Warenbahnhofe verbunden, so daß die Eisenbahnfrachtwagen ihre Lasten
bis dicht an die Flanken der Kauffahrteischiffe bringen können.
Allein diese Verkehrserleichterung scheint dem lauten, beweglichen
Leben auf dem Hafenquai, wo italienische und deutsche, slovenische
und kroatische, morlakische und neugriechische Zunge vieltönig
durcheinandergehen, keinen Eintrag zu tun. Der Lärm und die Zurufe von
hundert emsigen Menschen, die sich um das Verladen der Schiffsfrachten
auf die Fuhrwerke bemühen, das Rasseln der heransprengenden, das
Geknarre der abfahrenden Lastwagen gestaltet das Ufer zu einem
wunderbaren Tummelplatze der Arbeit.
Doch auch die Idylle ist nicht weit. Drunten liegen italienische
Schiffer und feiern Hafenrast. Sie singen abgebrochene Strophen
alter Seemannslieder. Es ist seltsam; auch die bedürfnislosen Söhne
des sonnigen Südens legen wie die Fergen der Nordlandsbuchten etwas
Tieftrauriges, das einem nicht so leicht wieder aus dem Gehöre kommt,
in ihre meergebornen Lieder, in jene eintönigen, getragenen Melodien,
deren Schlußakkorde gerade so lange gehalten werden, als der Atem der
Sänger reicht.
So ist das triestinische Hafentreiben, hier ein ~dolce far niente~,
dort Arbeit, aber voll eigentümlichen Lebens überall. Am Uferrand der
Quais liegen die mannigfaltigsten Frachtgüter aufgespeichert: Fässer
mit dalmatinischen Weinen, Salztonnen von Pirano, Baumwollballen
aus Ägypten, Kaffeesäcke von Java, Indigo von Senegal, Wallonen aus
der Levante, Farbholz aus Brasilien und die schwarzen Diamanten aus
England, kurz, Schätze von allen Enden der Welt.
Man beziffert den Wert der alljährlichen Einfuhr auf etwas mehr,
denjenigen der Ausfuhr auf etwas weniger als 400 Millionen Kronen.
Die teuerste Fracht aber ist der Mensch, der Mensch, dem das weite
Heimatland zu eng wird und der das Glück im märchenträumenden
Morgenland oder im Sonnenbrand Afrikas oder im fernen aufblühenden
Westen suchen geht. Ich kann nicht sagen, wie viel Auswanderer jährlich
den Weg über Triest nehmen; ich weiß nur, daß die einen lächeln, die
andern weinen, alle prächtige Luftschlösser bauen, wenn das Schiff aus
dem Hafen rauscht; daß die einen reich, die andern arm werden; daß sie
alle schließlich wieder ein Luftschloß bauen, aber ein enges, kleines,
ein wundersam bescheidenes: Sechs Fuß Raum in der Heimaterde. Manchem
wird's zu teil, und wem es nicht zu teil wird, den drückt der fremde
Boden auch nicht schwer.
Wenden wir uns vom lauten Hafentreiben ab und der Stadt zu, die auf
Strand und Hang so herrlich vor uns ausgebreitet liegt, so gelangen
wir auf den mit dem Hafen in enger Beziehung stehenden Fischmarkt. Er
ist in einem Gebäude der Salzquais untergebracht und bietet ein ins
Italienische übersetztes Stück des berühmten Pariser Hallenlebens.
Die Menge der in den ersten Morgenstunden zum Verkaufe gebrachten
Seefische, Krebstiere und Muscheln wird nur erklärlich durch die
Aufnahmefähigkeit, welche das triestinische Volk diesen Meerprodukten
entgegenbringt.
Das Meer ist die Delikatessenkammer des Wohllebens und der Garten der
Armut, die sich das trockene Polentamahl mit in Öl gebratenen Sardellen
würzt, den Tintenfisch im Topfe siedet, oder eine Art kleiner, den
Asseln ähnlicher Krebse zum Abendbrote röstet.
Der stachelflossige, bläuliche Tunfisch, der oft zwei Meter lang
und zentnerschwer wird, ist der Riese des Marktes; doch liefern
Tintenfisch, Meeraale und plattgedrückte, schiefmäulige Brassen die
größte Warenmasse.
Von wirklich feinem Geschmack und auch dem Gaumen des Binnenländers
schmeichelnd sind indessen nur die blaue, goldig glänzende Makrele,
eine schon bei den Römern hochgeschätzte Tafelzierde, und der Branzin,
ein Brackwasserfisch, der in den furlanischen Lagunen häufig gefangen
wird. Die Austern von Triest dagegen stehen den venetianischen im
Wohlgeschmacke nach.
Ich habe den durchdringenden Fischgeruch der Halle und den Anblick der
im Sterben liegenden, schnappenden, zuckenden, oft bei lebendigem Leib
verstümmelten Flosser nie lange ertragen können. Ihr Fang und Verkauf
enthält ein furchtbares Stück menschlicher Grausamkeit.
Am ruhigsten scheint das Geschlecht der gewaltigen Hummer und der
langbeinigen Meerspinnen den Übergang aus der kühlen Salzflut in die
warme Luft zu nehmen; denn sie führen, der gemeinsamen Not vergessend,
einen letzten Scherenkampf.
Merkwürdigerweise ist der Handel mit den schönen Muscheln in Triest
viel weniger zu Haus als in mancher Binnenstadt; denn außer ein
paar durchaus gewöhnlichen Exemplaren in einer an die Fischhalle
lehnenden Bude fand ich in den triestinischen Läden nichts käuflich.
Allerdings sollen hie und da schöne private Sammlungen bestehen, und
das Ferdinand-Maximilian-Museum enthält die zum Teil prachtvollen,
farbenreichen Muscheln der südlichen Meere in seltener Vollständigkeit.
Östlich vom Hafenquai und südlich vom Bahnhof liegt die Neustadt.
Der »große Kanal« dringt vom Hafen bis in den Hintergrund dieses
Stadtteils und gestattet selbst Quersegelschiffen, unmittelbar bei den
Magazinen zu löschen. Am Ende des Kanals steht St. Antonio nuovo, eine
im Anfange dieses Jahrhunderts erbaute einschiffige Kirche mit hübschem
Säulenportikus.
Romantische Gedanken läßt die Neustadt nicht aufkommen. Dazu sind ihre
Häuser zu modern, ihre Straßen zu rechtwinklig, ihr Pflaster zu gut;
die Nüchternheit der triestinischen Handelsleute ist in der Architektur
dieses Quartiers zu ihrem entsprechenden Ausdruck gekommen.
Ich wüßte überhaupt keine Stadt von der Größe Triests, wo der Wanderer
so unbeschwert von baulichen Merkwürdigkeiten und kunstgeschichtlichen
Reminiszenzen seines Weges gehen könnte, wie in Triest. Es ist in
dieser Hinsicht das Widerspiel Venedigs, dessen Kunstschätze es
nicht zugleich mit dessen Handel geerbt hat. Das Wenige, was es an
sehenswerten Gebäuden und Monumenten in der Tat besitzt, drängt sich
im Süden der Neustadt um die gegen den Hafen offene »Piazza grande«
zusammen.
Den Hintergrund dieses Platzes schließt die reichgegliederte Fassade
des Munizipalpalastes, eines modernen Prachtbaues, würdig ab. Auf
dem Dach desselben schlagen wie auf der Markuskirche zu Venedig zwei
eherne Mohren die Stunden. Davor stehen ein im blühendsten Rokokostil
gehaltener, mit vielen Figuren verzierter Springbrunnen und die
Marmorstatue Kaiser Karls ~VI.~, des letzten Herrschers aus dem
Mannesstamme der Habsburger, der mit ihm im Jahre 1736 ausgestorben
ist.
Bedeutender noch ist das neue Gebäude, das sich im Süden des Platzes
und angesichts des Hafens erhebt. Gleich ausgezeichnet durch seine
einfache, edle Gliederung, wie durch seine monumentale Größe, ist
es das prunkende Heim des österreichisch-ungarischen Lloyd, jener
mächtigen Dampfschiffgesellschaft, die mit ihren gewaltigen Kapitalien
und siebenzig in ihrem Dienst stehenden großen Meerdampfern nicht
nur den Schiffsverkehr der Adria, sondern auch einen großen Teil des
europäischen Handels nach der Levante und Indien beherrscht.
Im Norden der Piazza grande stehen das Stadttheater und das Tergesteum,
der größte der triestinischen Paläste, von vier engen Gassen umzogen,
ziemlich vergraben in den umgebenden Häusern. Sein Erdgeschoß bildet
einen Bazar, wo man alles, was schön und teuer ist, kaufen kann.
Auf dem Vorplatze der alten Börse, eines im dorischen Stil gehaltenen
Baues, steht auf hoher Säule das in Erz gegossene Standbild Leopolds
~I.~
Als ich einen meiner Triestiner Bekannten fragte, wie der grausame
Unterdrücker des Protestantismus in Ungarn zu der Ehre eines solchen
Denkmals komme, lächelte er fein und sagte: »Die Ehre gilt im Grunde
nicht dem Kaiser; sie gilt seinem genialen Feldherrn, dem Prinz Eugen,
dem Sieger von Belgrad, und dem Starhemberg, dem Verteidiger Wiens in
der Türkennot. Indem wir den Kaiser sehen, denken wir an seine Helden!«
Auf dem Börsenplatze beginnt die Via del Corso, die fashionable Straße
von Triest, die, zu beiden Seiten mit großen, reichen Kaufläden
besetzt, sich zur Piazza della Legna hinaufzieht. Auf ihren Trottoirs
wandelt am Nachmittag die feine Triestiner Welt auf und ab.
An feiner Toilette, an Geschmack und an Luxus weicht der Triestiner
keinem andern Städter der Welt. Selbst Paris hat keine feinern Ponies,
keine zierlicheren Breaks als die ~jeunesse dorée~ der adriatischen
Handelsstadt, und auf der Karosse des Grafen von Paris haben wie
auf der Kutsche des Triestiner Baumwollbarons auch höchstens vier
galonierte Lakeien, zwei hinten und zwei vorn, Platz. Viele Damen
entstellt der Reispuder.
Man sieht unter den feinen Schichten der triestinischen Gesellschaft
stets viele Armenier und Griechen, prächtige Gestalten mit kühn
geschnittenen, ausdrucksvollen Gesichtern, während man die schönen
Frauen dieses Volkes, das eine Aspasia, eine Laïs besaß, in Triest wohl
vergebens sucht. In Anmut und Temperament werden die Fremden alle von
der italienischen Triestinerin besiegt.
Obwohl das gebildete Triest einen ausgesprochenen kosmopolitischen
Charakter trägt und dieses Gemisch deutscher, französischer,
griechischer und armenischer Elemente die stärkste Stütze seines
Gedeihens bildet, ist es eine vorwiegend italienische Stadt. Von den
110000 Einwohnern sind vier Fünftel Italiener; der Rest wird durch die
kulturell wenig bedeutenden Slaven und etwa 5000 Fremde gebildet.
Dieses starke Übergewicht des italienischen über das slavische und
das deutsche Element läßt die reiche Stadt zu einem Schmerzenskind
des habsburgischen Reiches werden. Die Irredenta, die Gesellschaft
des »unerlösten Italiens«, die dem jungen Königreich vor allem gern
die schöne Adriabraut zuführen möchte, wühlt in der Handelsstadt. Es
waltet in den triestinischen Kreisen kein Zweifel, daß die italienische
Rauflust ihre nächsten Lorbeeren im Bereiche des schönen Golfes holen
wird.
Heute führt Triest noch den Ehrennamen der »allergetreuesten Stadt.«
Auf ihrem Korso hängt die glutäugige Italienerin am Arme des
deutsch-österreichischen Offiziers, und ihr helles Geplauder klingt
nicht wie Kriegserklärung.
Der Korso scheidet die Neustadt von der Altstadt. Unmittelbar hinter
den stolzen Häusern dieser Straße liegt jener verrufene Stadtteil, wo
der Typhus und die Blattern kaum ausgehen, die Cholera je und je, wenn
sie ihren Totenritt durch die Südlande unternimmt, ihr Rastquartier
aufschlägt, wo die Werkstätten der italienischen Handwerker und die
düstern Matrosenkneipen sind und manch ein armes Kind dem Laster
erzogen wird.
Doch hat Alt-Triest mit seinen vom Rauch der Jahrhunderte geschwärzten
Bauten einen Vorzug vor der neuen Stadt. Seine Häuser haben eine lange
Geschichte, doch keines eine längere als das Gotteshaus von San Giusto,
das, dem Dom von Aquileja und der Kathedrale von Parenzo in Istrien an
Alter ebenbürtig, aus der legendenumsponnenen Kindheit des Christentums
stammt.
Durch die Gassen und Gäßchen der Altstadt flanierend kam ich in die
Via Trionfo, zu dem Rest eines alten Bogens. Er mag in Wahrheit von
einem römischen Siegestor oder auch nur von einer antiken Wasserleitung
herrühren. Vom Volke aber wird er dem König Richard Löwenherz, jenem
ritterlichen Kreuzfahrer zugeschrieben, der im Jahre 1192 siegreich
aus Palästina zurückkehrend von einem Sturm an die Küste von Aquileja
verschlagen worden war, und heißt Arco di Ricardo.
Nun hinauf zu der Kathedrale von St. Just! In ihrer jetzigen Gestalt
ist sie ein Doppelbau aus zwei Basiliken. An die ältere, schon drei
Jahrhunderte nach dem Stifter des Christentums entstandene, wurde
im 6. Jahrhundert eine byzantinische Kirche angefügt und beide im
14. Jahrhundert zu einer einzigen Halle vereinigt, welche durch vier
Säulenreihen in fünf Schiffe geschieden wird.
Durch einen von ein paar Bäumen beschatteten Hof tritt man vor die
Giebelfassade des Baues. Sie hat eine riesige Fensterrose. Christliche
Insignien sind zwischen der Türe und dem massigen, das Gotteshaus
flankierenden Turm, der römische Säulen enthält, eingemauert. Das
höchste archäologische Interesse gewähren zwei Mosaiken im Innern. Sie
schmücken die Apsis und bilden ein herrliches Zeugnis künstlerischen
Könnens im Mittelalter. In Farben auf Goldgrund stellen sie die
Gottesmutter und einen sie umschwebenden Chor von Engeln, sowie die
zwölf Apostel dar. Ihr Ursprung geht zum Teil ins 7., zum Teil ins 11.
Jahrhundert zurück.
Neben der Kathedrale, dem einzigen kunstgeschichtlich merkwürdigen
Baudenkmal der großen Adriastadt, liegt ein ehemaliger Kirchhof. An
einem in grünumrankter Bogenwölbung stehenden Sarkophag liest man die
Inschrift: »~Joanni Winckelmanno, domo Stendelia -- -- --~«
Es ist das Grab Johannes Winckelmanns, des Schöpfers der deutschen
Kunstgeschichte, der zu Rom als Kustode des antiken Museums lebte
und im Sommer 1768 seiner nordischen Heimat einen Besuch abstatten
wollte. Auf dieser Reise fiel er in einem Gasthofe Triests unter den
Messerstichen eines italienischen Räubers.
Dicht über der Kathedrale erheben sich die grauen Mauern des 200 Jahre
alten, auch gegenwärtig noch Befestigungszwecken dienenden Kastells,
das Stadt und Hafen schützend überschaut. Es mag wohl an der Stelle
des Kapitols stehen, das im Beginn unserer Zeitrechnung die römische
Kolonie Tergeste beherrschte.
Ein Weilchen rastend hier zu stehen und Überschau zu halten über
Triest, seinen Hafen und seinen Golf ist herrlich. Allein ich hatte
einen Empfehlungsbrief für einen Seemann in der Tasche, dessen Schiff,
der gewaltige Lloyddampfer Jupiter, im Arsenal der Bucht von Muggia lag.
Ich eilte wieder hinunter zur Piazza grande, wo sich ein lärmendes
südliches Markttreiben entfaltet hatte. Es geht nichts über welsche
Lungen, welsche Verkäufer und Verkäuferinnen; denn so ausdauernd,
unverwüstlich wie jene, so abenteuerlich und drollig sind diese. Man
kann bei ihnen alles Mögliche und noch einiges kaufen: Juwelen und
Perlen aus Glas, Uhren und Zigarrenetuis, Stubenvögel und junge Ziegen,
Käse und Salami, von Insekten umschwärmte Orangen, frische Datteln,
die in langen Trauben noch aneinander hängen, Sträuße und Blumen in
Töpfen. Immer führen zum Erbarmen schwer beladene Maultiere und Esel,
von schmutzigen Titschenbauern gelockt und getrieben, neue Lasten von
Lebensmitteln herbei.
Ich stand vor der Auslage eines italienischen Antiquars, der
Volksbücher, Heiligenbilder, Holzschnitte, mittelalterliche Erd- und
Himmelsgloben, sowie einen Wust deutscher und italienischer Literatur
aus dem vorigen Jahrhundert feilbot. Ich entdeckte darunter eine alte
Ausgabe der Gedichte von G. A. Bürger mit einigen Stichen und blätterte
darin.
»Kaufen Sie es, mein Herr«, sagte der Jude, abgefeimt lächelnd in einem
Tone, als hätte er mir das größte Geheimnis mitzuteilen; »der Autor hat
so pikant geschrieben, und er hat alles selbst erlebt -- -- -- --.«
Was er noch sagte, trieb mir die Zornröte ins Gesicht. Es ist wahr, der
Amtmann zu Gelnhausen hat nicht für Kinder geschrieben; aber für die
Marktkniffe eines italienischen Antiquars war mir der ehrbare, brave
Bürger denn doch zu gut. Ich warf das Buch hin und eilte auf die schöne
Piazza Lipsia, einem prächtig grünen öffentlichen Garten südlich von
der Piazza grande.
Es drängte mich hinaus aus der Stadt. Nur das prächtige Standbild
Maximilians ~I.~ auf der Piazza Giuseppina hielt mich noch auf, denn
die tragische Geschichte des mexikanischen Kaisers hatte mir nun
einmal seine Gestalt menschlich nahe gerückt. Der Erzguß ist ein
Meisterwerk Schillings, des gefeierten Dresdener Bildhauers, der auch
das Nationaldenkmal auf dem Niederwald geschaffen hat. Er stellt den
Kaiser als eine imposant schöne Gestalt mit hoher, träumerischer Stirne
dar. Ein mit allegorischen Figuren reich geschmückter Sockel trägt vier
Inschriftentafeln. Drei feiern den Kaiser als Schützer der Kriegs- und
Handelsflotte und als Verschönerer von Triest, während diejenige der
Frontseite den Testamentspruch enthält, worin er seiner Freunde an der
Adria und der österreichischen Marine am Tage vor seinem Tode mit einem
letzten Lebewohl gedenkt.
Vom südlichsten Teile des Hafens zieht sich ein angenehmer Spaziergang
längs des Meeres, an den Landhäusern von Sant' Andrea vorüber, zum
Lloyd-Arsenal, das ein Halbstündchen von der Stadt entfernt liegt. Da
die Straße langsam steigt, übersieht man am Eingangstor des Arsenals
die ganze Anlage der gewaltigen Schiffsbauwerkstätten, die sich
zwischen Straße und Meer ausbreiten.
»~Signore Rossi, macchinista sul Giupitro!~« las der Portier als
Adresse auf meinem Empfehlungsschreiben. »Treten Sie ein«, sagte er;
»wo das Schiff eben liegt, kann ich Ihnen nicht sagen; doch wird man
Sie drunten weisen können.« Ungehindert stieg ich durch ein turmartiges
Treppenhaus in den Fabrikhof hinunter und schlug mich glücklich
zwischen den Gebäuden, dem Rauschen, Rasseln und Dröhnen, das aus den
Werkstätten klang, zum Meeresstrande durch.
Da war wieder ein Teil jenes Waldes, der in aller Herren Ländern
gewachsen ist, zwar nicht so groß, wie der im Hafen von Triest, aber
immerhin groß genug, um mich in einige Verlegenheit zu bringen.
Welche der ragenden Bäume gehörten dem Jupiter an? Als Ausweis meine
Briefadresse zur Hand, wanderte ich über die provisorisch von Schiff zu
Schiff geschlagenen Stege, bis ich fast zufällig vor dem Bauch eines
der gewaltigsten Schiffe stand. »Giupitro« glänzte der Name am Pavillon
desselben.
Herr Maschinist Rossi empfing mich mit großer Liebenswürdigkeit.
Ein Schiff ist ein Schiff und wesentlich immer dasselbe; aber ein
Ostindienfahrer wie dieser Jupiter nötigt der Landratte doch einen Zoll
ehrlicher Bewunderung ab. Es ist nicht allein seine Größe, die dazu
zwingt; es ist fast mehr noch die Art, wie eine in sich vollkommene
Welt in die Planken des schwimmenden Meerpalastes gefügt ist, die
technisch vollendete Einteilung des Raumes von den Kohlenbehältern
durch drei Etagen hinauf bis zu den Salons, die mit Glühlichtlampen
erhellt werden und im Glanze luxuriösen Komforts strahlen.
Als das Schiff bei Anlaß des russisch-türkischen Krieges im Jahre
1878 nebst anderen Lloyddampfern von den Russen zum Militärtransport
gemietet war, faßte es, wie mir Herr Rossi erzählte, 3500 Mann, also
die Bewohnerschaft einer kleinen Stadt.
Eine Maschine treibt mit der Kraft von 2000 Pferden dieses gewaltige
Haus von einem Ende der Welt zum andern, daß es leicht und schön
einherzieht wie ein über die See hinschwebender Riesenaar.
Jetzt war diese Maschine zerlegt. In einem elf Tage andauernden Sturme
im indischen Ozean, während dessen selbst an den Wogengang des Meeres
gewöhnte Matrosen eine Beute der Seekrankheit wurden, hatte sie sich
überarbeitet. Doch sollte das Schiff schon in vierzehn Tagen wieder in
die See stechen.
»Auf Matrosen, die Anker gelichtet,
Segel gespannt, den Kompaß gerichtet,
Liebchen, ade!
Morgen, da geht's in die wogende See!«
So singt das deutsche Lied; allein der Seemann, wenn er vom heimischen
Strande fährt, singt nicht. Auch er in seinem großen Kasten empfindet
sein Handwerk als einen Kampf ums tägliche Brot und beneidet den
Arbeitsmann zu Land, der nach getanem Tagewerke wenigstens ein Heim
hat, wo er im Kreise seiner Lieben und auf fester Erde ruht. Den
Seemann wiegt die falsche Woge, und nur ein Brett scheidet ihn vom Tode.
Als wir auf der Steuermannsbrücke des Schiffes standen, hatten wir
einen reizenden Blick über die Bucht, an welcher das Arsenal gelegen
ist, auf Muggia, eine kleine, altertümliche Stadt, und gegenüber auf
einer hügeligen Landzunge, auf die benachbarten Schiffswerften von San
Rocco und das großartige Etablissement Strudthoff, wo man die stolzen
Panzerschiffe der österreichischen Kriegsmarine baut, auf uralte
Burgen, die im Hintergrunde der Bucht wie Geierhorste an den felsigen
Küstenwänden kleben, und auf das sich freundlich im Golfe spiegelnde
Servolo. Dieses hat seinen Namen vom Schutzpatron der Stadt Triest
bekommen, der dort als seltsamer Grottenheiliger gelebt haben soll.
Nachdem wir unsern Rundgang durch das Schiff beendet hatten, führte
mich Herr Rossi in die Werkstätten des Lloyd, in welchem 2000
Arbeiter beschäftigt sind. Ein paar Dutzend derselben krabbelten
eben wie Ameisen an den Rippen eines auf der Werfte im Bau liegenden
Ostindienfahrers und nieteten die Wandplatten fest.
Ich habe später die nicht minder interessanten Werkstätten des
österreichisch-ungarischen Kriegshafens zu Pola gesehen. Da der
Eindruck, den der Fremde hier und dort empfängt, wesentlich der gleiche
ist, will ich mir die Schilderung eines Marine-Arsenals für jene
Gelegenheit aufsparen.
Nur das sei noch anerkennend erwähnt, daß der Lloyd in der Nähe seiner
Werkstätten freundlich auf das Meer ausblickende Arbeiterhäuser hat,
die zum Besten gehören, was ich in dieser Art im südlichen Österreich
entdeckte.
Und nun zurück nach Triest! Wenn sich zwei Männer befreunden, dann darf
ein kühler Trunk nicht fehlen, und die Stadt hat feine Bierquellen. Wir
haben lang getrunken und lang geplaudert.
Eine junge, hübsche Triestinerin hörte mit mir dem jungen,
liebenswürdigen Erzähler Rossi zu und wurde recht nachdenklich. Ich
glaube erraten zu haben, was sie dachte: »Mag Gott das junge Blut
behüten!« Und wenn schöne Lippen so recht innig für einen fernen
Seemann beten, dann tut der Himmel wohl ein Einsehen!
Als ich drei Wochen später wieder nach Triest kam, war der »Giupitro«
bereits nach Bombay unterwegs.
[Illustration]
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