kostbarerem Material gebaut als manche der elenden Pächterhütten in
Aquileja; allein weitaus das grellste Bild aus dem Kapitel bäuerlicher
Barbarei ist der Stall eines Signore Moschettini. Ein solcher steht
wohl in der ganzen, weiten Welt nicht mehr, und an Originalität kann
sich kein Antikenmuseum der Erde mit ihm messen.
Seine Mauern samt und sonders sind aus einem Trümmerchaos von Statuen,
Säulen, Gedenk- und Inschriftentafeln, Sarkophagen und Mosaikböden
aufgebaut. Götterköpfe, Aphroditenleiber, Füße und Hände von Marmor,
Säulenkapitäle, Kolumbarien sind zu diesem Zweck in handliche Stücke
zerschlagen, vermauert und nach außen mit altchristlichen Grabsteinen,
Inschriftenplatten, Aschenbehältern, Kaiserbildern, Medusenhäuptern
und Büsten von Göttinnen belegt worden. Selbst das arme Hirn eines
Geisteskranken könnte nicht so tollen Widersinn erdenken, wie an diesem
Gebäude der Mörtel zusammenleimt. Es könnte einen Hypochonder zum
Lachen bringen, einen Kunstschwärmer in Verzweiflung treiben, dieses
zu Kraut und Rüben gemengte, zerschlagene Aquileja des marmornen
Stalls! Zum Glück hat Aquileja nur einen Moschettini von solch genial
barbarischem Geschmack besessen.
Spät kam der Staat, um im Interesse der Archäologie seine schützende
Hand über die Antiken Aquilejas zu legen; allein er kam. Im Herbst 1882
wurde in dem kleinen Ort feierlich ein Staatsmuseum eingeweiht und in
einem zweckmäßig gebauten, geräumigen Haus untergebracht. Indes wären
seine Schätze noch wenig bedeutend, hätten nicht die Gemeinde, die im
Jahre 1873 zu sammeln begann, und die Gebrüder von Ritter in Monastero
ihre hübschen Sammlungen leihweise dem öffentlichen Museum überlassen,
so daß dieses jetzt dem Fremden ein lebendiges Bild von der Kunstfülle
des römischen Aquileja zu geben vermag.
Der weite, gegen die Straße liegende Hof des Museums, in welchem die
kolossalsten der Monumente ihre Aufstellung gefunden haben, gleicht
einem mit Denkmälern überladenen Kirchhof. Durch denselben wandelnd,
weiß man nicht, soll man mehr die Kunstgewalt der alten Meister, die
dem spröden Stein so herrliche Gebilde abgewonnen, soll man mehr die
Wucht der Zerstörungskräfte bewundern, welche diese riesenhaften
Säulen, diese Marmorquadern brachen. Doch hat im wilden Ringen der
Verneinungsgeister gegen die lichte Kunstgewalt die letztere gesiegt.
Durch allen Graus der Zerstörung und Verwitterung haben viele der
Gebilde eine wunderbare Anmut, eine zu Herzen gehende Schönheit
bewahrt, und denkt man an die Paläste, die Tempel, die Theater zurück,
deren Teile sie einst gebildet, so drängt sich einem wie dem Dichter zu
Venedig die Frage auf die Lippen:
»Wo ist das Volk von Königen geblieben,
Das solche Häuser durfte bauen?«
Tausende von Skulpturen und eine Menge merkwürdiger Anticaglien,
Nutz- und Schmuckgegenstände des altaquilejensischen Haushalts,
haben im Innern des Museums ihre Aufstellung gefunden. Schon die
Vorhalle bereitet mit ihren zahlreichen römischen und altchristlichen
Grabsteinen, mit herrlichen korinthischen Kapitälen, mit einer
prächtigen Sammlung schön geschweifter Henkelkrüge, Kolumbarien, die
zum Teil noch die verbrannten Knochen enthalten, unsere Stimmung
auf den Eintritt in die Museumssäle vor. Es ist nur zu bedauern,
daß jene schöne Mosaik, welche die Entführung der Europa durch Zeus
darstellt, zerbröckelt und unkenntlich geworden ist. Sie war so
kunstvoll gearbeitet, daß sie als ein würdiges Gegenstück der berühmten
Dariusschlacht galt, die man auf einem Fußboden zu Pompeji entdeckte.
~Avete Caesares!~ -- Der erste Museumssaal ist jenen Steindenkmälern
gewidmet, die sich auf die römischen Kaiser und ihre Beamten
beziehen, und fesselt besonders mit zwei fast vollständig erhaltenen
Marmorstatuen das Kunstinteresse. Die eine derselben stellt in kühner,
kräftiger Arbeit den Kaiser Tiberius dar, von dessen Haupt sich die
Toga in herrlichem Faltenwurfe um den Körper drapiert; die andere
ist das nicht minder schöne Bild des Kaisers Claudius. Man vermutet
jedoch des eingesetzten Kopfes wegen, daß diese Statue erst Caligula,
jenem Tollmenschen »~memoriae damnatae~«, der vom Jahr 37--41 auf dem
römischen Thron gesessen, gegolten, und erst, als dieser in einer
Palastrevolution fiel, das Haupt des Claudius erhalten habe.
Beide Statuen sind von mehr als Lebensgröße, wie denn die kolossalen
Verhältnisse der in Aquileja gefundenen Marmorbilder ein hervorragendes
Charakteristikum derselben bilden. Unter den über lebensgroßen
Torsen interessiert besonders deswegen eine nackte, starkbewegte
Männergestalt, weil die unfertige Statue jene Vertiefungen -- Puntelli
-- an die sich der Künstler bei seiner Arbeit hielt, noch zeigt und uns
so einen Einblick in die Bildhauertechnik des Altertums gewährt.
Der zweite Saal ist zum größten Teil eine Sammlung von Grabsteinen,
die uns bald das Bild der Toten in Relief darbieten, bald mit kürzern
und längern Inschriften von ihnen erzählen. So berichtet der eine
von Cippus, dem Perlenhändler, der andere von dem Freigelassenen
Sextilius Crescens, dem Fleischer. Hier hat ein antiker Salber einem
kaiserlichen Haussklaven, dort ein Priester seinem Vorgänger, der 110
Jahre alt geworden war, ein frommes Andenken gestiftet. Der merkwürdige
Grabstein des Afrikaners Restutus meldet, daß dieser die weite Reise
aus seiner Heimat einzig deswegen unternommen habe, um Aquileja, die
herrliche Stadt, zu sehen, daß er eine Weile da gelebt und von einer
Bestattungsgesellschaft begraben wurde.
Nun kommen wir in hohe Gesellschaft. Im dritten Saal schauen die
lichten Gestalten des Olymps, Jupiter, der Vater der Götter und
Menschen, im Schmuck des langwallenden Haupthaars und Barts, Merkur,
der Gott mit geflügeltem Hut, dessen Gunst sich Aquileja so lange
erfreute, der schmiedende Vulkanus, Mars mit reichverziertem Helm
und Federbusch, Venus, die meergeborne Göttin mit dem Perlendiadem
aus großen Medaillons auf uns Sterbliche nieder. Auf einem Grabstein
spielt der efeubekränzte Silenus die Leier, und Pan, der friedliche,
bläst auf der Hirtenflöte. Die Statue Neptuns, des meerbeherrschenden
Gottes, ist leider nur noch ein Torso. Einem Marmorbild der Venus, die
in der Stellung der medizäischen zu Florenz dargestellt ist und durch
sorgfältige Ausführung und edle Verhältnisse eines der herrlichsten
Stücke der Sammlung bildet, fehlt leider das Haupt. Ein allerdings
entzückend schöner Venuskopf, der auf einer nahen Säule aufgestellt
ist, entschädigt nicht ganz für das fehlende.
Ein Gefühl des Mitleids mit den verstümmelten Bildern will sich in die
Seele des Beschauers schleichen; denn, wenn auch gebrochen, sind sie
doch nicht tot, sondern reden kraft der ihnen innewohnenden Schönheit
mächtig zu seinem Gemüt.
Verlassen wir nun die Säle, in deren Bildwerken sich die Künstlerschaft
der antiken Meister noch in den Fragmenten so achtunggebietend
offenbart, und treten wir in die Räume, wo die Anticaglien, jene
zumeist in den Gräbern gefundenen zierlichen Werke der Kleintechnik
hinter Glas und Rahmen liegen. Sie sind in ihrer Art nicht weniger
interessant als der Marmorprunk der durchwanderten Gemächer.
Eine Menge dieser kleinen Sachen führt ins altaquilejensische Haus.
Es sind bronzene Nägel und Nadeln, Griffel, die zum Schreiben auf die
Wachstafeln dienten, Zirkel, Lote, Schnellwagen, Gewichte, Schlüssel,
und einige Messer da. Besonders schön ist eine Sammlung arretinischen
Tischgeschirrs aus korallenrot gefärbter Terrakotta, die mit ihren
zierlichen Reliefs in den Oberflächen gewiß einst den Stolz eines
tafelfreudigen Aquilejensers gebildet. Tonplatten, welche in erhobener
Arbeit Szenen aus der Mythologie oder dem täglichen Leben darstellen,
schmückten, ähnlich wie unsere Gemälde, die Zimmerwände. Mannigfaltig
ist die Ausstellung von Tonlampen, die, selten eines Reliefschmuckes
entbehrend, bald zierliche Traghenkel, bald eine Einrichtung zum
Aufhängen zeigen und manchmal für mehrere Dochte zugleich eingerichtet
sind.
Manche derselben tragen eine Inschrift, häufig einen Glückwunsch zum
Jahreswechsel. Einige dieser Neujahrslampen, mit denen man seine
Freunde zu beschenken pflegte, sind von zierlicher Schönheit und
entfalten in Reliefdarstellung diejenigen Gaben, die der Geber dem
Beschenkten wünschte: Feigen, Kuchen oder Münzen. Eine der schönsten
stellt eine Siegesgöttin dar, die auf erhabenem Schilde die Inschrift:
»~Annum novum faustum felicem mihi~« trägt.
Allerliebste Tonfigürchen waren die Puppen der aquilejensischen Kinder.
An den bittern Ernst des Lebens erinnern eine Menge Tränenfläschchen,
die mit wohlriechenden Salben gefüllt, von den Alten in die brennenden
Totenfeuer geworfen oder in die Gräber gelegt wurden. Den größten
Reichtum der Anticagliensammlung indes bilden die vielen Schmuck- und
Nippsachen: geschnittene Steine von Karneol, Jaspis, Onyx, in welche
Szenen aus der Mythologie, aus dem täglichen Leben oder Tierbilder
eingegraben sind. Bernsteinfigürchen, Haftnadeln und zierliche
Statuetten aus Bronze, sehr große Fingerringe von Gold und Silber, die
in der Stärke, wie sie da sind, nur als Totenschmuck gedient haben
können, und endlich eine Menge Kaiser- und Familienmünzen.
So prangt nach anderthalb Jahrtausenden noch der aquilejensische Luxus,
das reiche, häusliche Leben. Allein mitten in unsre Bewunderung für das
Kunstschöne, das sich an diesem Wohlleben so reich entwickelt, erinnert
uns die Inschrift, die wir auf einem Ziegel lesen: »~Cave malum, si non
raseris lateres sexcentos; si raseris, minus malum formidabile~«: »Wenn
du nicht sechshundert Ziegel verfertigst, so hüte dich vor einem Übel;
verfertigst du sie, so wird das Übel weniger groß sein«, daran, daß die
ganze Kultur des Altertums, die ganze römische Herrlichkeit auf einem
sozialen Institute beruhte, von dessen Härte und Grausamkeit wir uns
mit Abscheu wenden, auf der Sklaverei.
Das ist der schwarze Punkt im lichten Bild der Antike. Aus der
Sklaverei hat das Altertum Jahrhunderte lang seine Stärke geschöpft;
an der Sklaverei ist es gestorben. Hätte im römischen Reich, als
der Völkersturm durch Europa wogte, eine gewaltige Volksmasse, die
nichts zu verlieren, wohl aber manches zu gewinnen hatte, nicht
sympathielos das Alte stürzen sehen, sondern ihre Wucht mit derjenigen
der Kriegsheere in die Wagschale der Geschicke geworfen, dann wäre
es nicht zu schwer gewesen, den schönen Süden vor dem Schrecken der
eindringenden Barbaren zu bewahren.
Aquileja fiel. Nach ihm fiel Rom. Allein dort wie hier rang sich aus
dem Schoß des untergehenden Altertums eine neue Welt: das Christentum.
Dieses hat um die gewaltige Metropole des römischen Reichs mit dem
kräftig aufstrebenden Papsttum einen neuen, die Völker blendenden
Glanz gewoben; als ein heller Stern hat es auch über dem zerstörten
Aquileja gestrahlt. Der herrliche Dom und sein stolzer Campanile, der
in wahrhaft majestätischer Größe über die Hütten des modernen Aquileja
steigt, zeugen dafür.
Nur Rom selber kann sich rühmen, eine um wenige Jahre ältere
Pflanzstätte der christlichen Idee gewesen zu sein, als Aquileja.
Aus dem Blut überzeugungstreuer Märtyrer und aus einer Reihe wilder
Verfolgungen heraus wuchs hier mitten im rauschenden Taumel des sich
verzehrenden Römertums eine starke Anhängergemeinde, und als Konstantin
die Göttertempel schließen ließ, hielt das Evangelium von Aquileja aus
seinen Siegeszug in die norditalischen Lande und in die Alpen, so daß
die Stadt als ein Mittelpunkt christlichen Lebens galt. Ihre Bischöfe
genossen so hohes Ansehen, daß sie nach dem Papst als die ersten in der
Christenheit gefeiert wurden und an den Kirchenversammlungen zu Rechten
desselben saßen. Sie nannten sich Patriarchen.
Um die Wende des Jahrtausends lächelte Aquileja noch einmal etwas
wie Gedeihen und Entwicklung. Nachdem schon seine Vorgänger die
Grundsteine dazu gelegt, bildete und festigte sich unter Popo, dem
tatkräftigsten der aquilejensischen Kirchenfürsten, ein Staat eigenster
Art, das Patriarchat von Aquileja, dessen Herrscher folgenschwer in
die deutsche und italienische Geschichte, in jene gewaltigen Kämpfe
zwischen Kaiser und Papst eingegriffen haben, indem sie bald den einen,
bald den andern unterstützten.
Allein der kurzdauernde Glanz dieses Kirchenstaates glich doch mehr
einem plötzlichen Aufflackern als einer ruhigen Entwicklung. Schon zwei
Jahrhunderte nach Popo, der die Ländereien vom Po bis an die ungarische
Grenze in seine geistliche, das Friaul, Istrien und Krain in seine
weltliche Machtsphäre gezogen hatte, begann der Verfall. Um die Mitte
des fünfzehnten Jahrhunderts siedelten die Geistlichen von Aquileja,
dessen Klima sich infolge mangelhafter Instandhaltung der Wasserläufe
und säkulärer Senkungen sehr verschlechtert hatte, nach Udine über, und
nachdem Venedig und Österreich die Gebiete des Patriarchats an sich
gezogen, nachdem der Papst das Erzbistum aufgehoben und dafür dasjenige
von Udine und Görz gegründet hatte, erlosch der letzte Schein der
zweiten Glorie, die über dem Tieflandsorte aufgegangen war. Aquileja
sank und sank. Im Anfang des 17. Jahrhunderts sollen daselbst nur noch
35 Fischerfamilien gelebt haben. Tiefer kann ein Ort, der einst gegen
eine halbe Million Einwohner zählte, wohl nicht erniedrigt werden.
Allein noch steigt der altersgraue Dom mit seinem gewaltigen Campanile
über die Flur. Er hat nichts gemein mit den kleinen Hütten, die
ihn umstehen; er ragt in stolzer Vereinsamung in der prosaischen
Gegenwart; er träumt von alter Patriarchenherrlichkeit; er träumt
weit zurück in das jugendliche Christentum, denn während fünfzehn
Jahrhunderten hat er den Gang der christlichen Religion gesehen.
Als wir in der Frühe jenes schönen Morgens, der uns zu unserer Fahrt
durch die Campagnen geleuchtet, in das große Gotteshaus eintraten, las
eben ein blutjunger Priester von kleiner, schmächtiger Gestalt die
Messe. Eine kleine Schar buntgeschmückter Weiber, sowie einige Koloni
knieten vor dem Altar und hörten dem in einförmigen Kadenzen durch die
Halle tönenden Meßgemurmel zu.
Der junge Priester, das bißchen Volk, die bäuerlichen Meßknaben, sie
verschwanden fast in der Weite des feierlichen, von einundfünfzig
Fenstern mit Licht vollauf gesättigten Raums.
Der Fußboden des Domes, unter dessen Platten die Patriarchen in ihren
Grüften den Schlaf der Gerechten schlafen, liegt fast einen Meter
tiefer als die äußere Umgebung des Gottshauses. Um so viel hat sich die
letztere von der Zeit, wo man den Dom baute, bis jetzt erhöht.
Die Baukunst von fünfzehn Jahrhunderten in sich vereinend, gehört die
Basilika wesentlich dem romanischen Stil an. Ihre Grundform bildet ein
Kreuz, dessen Stamm 70 Meter lang und 29 Meter breit ist, während der
Querraum nur 43 Meter mißt. Der aus fünf Bogenabteilungen bestehende,
netzartige Plafond des Mittelschiffes, welches bedeutend höher als die
Seitenschiffe ist, ragt 22 Meter über den Fußboden empor.
Je fünf Säulen, die durch Spitzbogen unter sich verbunden sind, trennen
das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Sie verraten die Kirche als
ein Epigonenwerk. Ihre an Dicke und Höhe verschiedenen granitnen oder
marmornen Schäfte, von denen einigen mit Unterlagen hatte nachgeholfen
werden müssen, beweisen deutlich, daß man als Material zum Bau einfach
die Ruinen des römischen Aquileja verwendet hat.
Während wir das schmucklose, aber erhabene Innere der Kirche
besichtigten, ging die Messe zu Ende. Wir baten den jungen Priester,
uns die Krypta, die unter dem Chor liegende Unterkirche zeigen zu
lassen, und zuvorkommend übernahm er selbst den Führerdienst.
Als wir durch einen halbdunklen Gang in diese Krypta niederstiegen,
mahnte es mich an die Kasemattengänge einer Festung; allein um wie viel
älter sind diese ehrwürdigen Mauern als die älteste Burg; denn sie wie
die Krypta stammen noch aus der Zeit vor dem Hunnensturme, vom ersten
Kirchenbau Aquilejas her.
Rohe Säulen mit sehr einfachen Kapitälen, aber ohne Sockel, stützen
die in runden Halbbogen sich wölbende Decke. Fünf kleine, halbrunde
Fenster verbreiten in dem kühlen, moderigen Raum ein geheimnisvolles
Halbdunkel, das von den uralten, kunstlosen Malereien, welche Wände
und Wölbung bedecken, nur wenig erkennen läßt. In der Mitte dieser
unterirdischen Kapelle steht ein großer Sarkophag, der einst die
Knochen des heiligen Hermagoras, des ersten Bischofs von Aquileja,
enthielt. In den vielen Kriegen sind die heiligen Gebeine gestohlen
worden. Der junge Führer sprach sich sehr bedauernd darüber aus; wir
aber atmeten auf, als wir wieder in die gute Luft der Oberkirche kamen.
Auf der Westseite des Domes steht eine andere, die Heidenkirche, die
~chiesa dei pagani~, ein öder, vernachlässigter Bau aus jener frühen
Zeit unmittelbar vor der letzten Christenverfolgung.
Interessanter ist das darangebaute Baptisterium, eine Taufhalle, wie
aus der christlichen Vorzeit nur wenige auf uns gekommen sind. In einem
achteckigen Hofe steht ein sechsseitiges, geräumiges Taufbecken, in
das der Täufling über drei große Stufen hinabstieg. Wenn das Becken
gefüllt war, reichte das Wasser einem Erwachsenen bis über die Brust
hinauf, und durch dreimaliges Untertauchen vollzog sich die symbolische
Handlung.
Auf der Südseite des Domes stehen als letzte Reste des
Patriarchenpalastes zwei stark verwitterte, mächtige Säulen; auf der
Nordseite aber ragt der aus den Quadern des römischen Amphitheaters von
Popo erbaute, 72 Meter hohe, freistehende Glockenturm empor. An der
südlichen Flanke, eines breiten, aus Römerzeit stammenden Grundbaues,
führt eine Freitreppe in den eigentlichen Turm hinauf. Ein junges
Weib geleitete uns die hundertacht beschwerlichen Stufen, die von
schießschartigen Löchern nur schlecht beleuchtet sind, zur Glockenstube
empor.
Da oben ist's wundervoll! Die Aussicht ist zwar nur aus wenigen
Elementen zusammengesetzt, der endlosen, grünen Flur, dem unbegrenzten
blauen Meer, den fernen, verschwimmenden Küsten von Istrien, den
fernen, blassen Alpen, dem düster dämmernden Markusturm von Venedig.
Fast fehlt es dem Bild an Linien; aber unsäglich schön ist der Luftton,
halb Schleier, halb Klarheit!
Tief unter uns liegt das kleine, unscheinbare Aquileja im
Morgensonnenglanze; hoch über uns wölbt sich ein Himmel, wie es nur
einen gibt auf der Erde, den italienischen, der so dunkel, so strahlend
ist, wie das Auge der Italienerin.
So war dieser Himmel schon, als die Römer über die Gefilde wandelten,
und feuchte Augen haben schon damals in der Not der Seele aufgeblickt
zum Firmament; auf unserm Stern aber waltet das Schicksal. Aquileja --
»gezählt, gewogen und geteilt!«
[Illustration]
[Illustration]
Die Lagune von Grado.
In einem halben Tag hat man zu Aquileja alles gesehen, was zu sehen
ist, den Patriarchendom und die Rundsicht auf dem Campanile, die
Antikensammlung und den Stall Moschettini. Ist man dazu ein paar
Mal durch die wenigen Straßen spaziert, an denen in losen, kurzen
Häuserzeilen das moderne Aquileja steht, ist man da und dort bei einem
besonders zierlichen Relief still gestanden, das ein in seiner Art
kunstsinniger Bauer in die Front seiner Hütte hat einmauern lassen,
hat man über die Umfassungsmauern in einige kleine Gärten geblickt, in
deren Pflanzengrün halb versteckt hübsche private Sammlungen enthalten
sind, hat man gesehen, wie die Schweine aus antiken Sarkophagen, Katzen
und Hühner aus antiken Graburnen fressen, dann hat man in der Tat alles
gesehen, was das moderne Aquileja dem Fremden bieten kann. -- Auch bei
einem zweiten Besuch habe ich in dem großen geplünderten Römerkirchhof
nicht mehr entdeckt. Also »~partiamo!~«
Der Kutscher warf sich in die Brust und knallte gewaltig, als wollte
er die alten Aquilejenser aus dem Schlafe wecken; wir flogen südwärts
über das ebene Land nach Beligna und Belvedere ungefähr eine Stunde
Wegs durch einen dunklen Ackergrund, dessen Boden so fein ist, als wäre
er durch ein Sieb gegangen.
Waren hier die Gartenpaläste der Reichen; war hier die Nekropolis des
ehemaligen Aquileja? Man sagt das eine und das andere, vielleicht
ist keines wahr; hingegen weiß man, daß zu Beligna ein feierlicher
Tempel des Sonnengottes Belenus stand, zu Belvedere ein römisches
Arsenal war und eine Kolossalstatue mit brennender Fackel auf das Meer
hinausleuchtete.
Wir wollten nach Grado, jener kleinen Inselstadt, hinüberfahren, deren
Namen sich mit Aquileja derart verschwistert hat, daß man den Namen der
einen nicht nennen kann, ohne der andern zu gedenken, daß die beiden,
in Glück und Unglück schicksalsverwandt, zusammengehören wie das
Dioskurenpaar im Mythus der Hellenen.
Bei dem Dorfe Belvedere erstirbt die Campagna im Dünensand; die gute
Straße geht aus; die Räder sinken tief in den beweglichen Grund, die
Gräser weichen dem Salzkraut, dem Meerginster und wie die Gewächse des
Hallophytengeschlechtes heißen, die oft mit seltsamen, fettkrautartigen
Bildungen den Strand überwuchern. Noch ein Viertelstündchen, und wir
sind an der Lagune.
Da steht, wie ein Stück Ideallandschaft anzuschauen, auf einem
Dünenrücken ein nicht gar großer, aber alter Pinienwald, der mit
seinen breiten, dunkeln Schirmen das Lagunenbild wundersam verschönt.
Die Pineta, sagt man, sei nur ein Rest eines Piniengürtels, der im
Altertum die ganze adriatische Nordküste umschlang. Wenn das richtig
ist, dann ist dieses weite Meerufer um einen seiner herrlichsten Reize
ärmer geworden.
Als wir wenig nach Mittag am Strande ankamen, war die Barke, die wir
von Aquileja aus telegraphisch in Grado bestellt, mit zwei tiefbraunen
Gradoneserfischern schon an Ort und Stelle; die Lagune aber bot den
seltsamsten Anblick, den man sich denken kann.
Es herrschte tiefe Ebbe. Vom Land her strömten die Wässerlein, welche
sonst die Niederungen bei Belvedere mit einem braunen Brackwasser
füllen, in eiliger Hast, wie Kinder in den Schoß der Mutter fliehen,
dem zurückweichenden Meere nach und furchten Dutzende von Rinnen
in den grauen Lagunenschlamm. Die breiten Sandrücken, die vom Meer
zurückgelassenen Tümpel und Lachen durchsetzten sich derart, daß
man nicht sagen konnte, überwog die See das Land oder dieses die
See. Es war ein interessantes Etwas, das niemand gefallen konnte
als den Amphibien, den sich sonnenden Wasserschlangen und den im
Schlamm steckenden Schildkröten. Selbst der Menge von Krustentieren,
den Taschenkrebsen und Langschwänzern, die neben vielen kleinern
und größern Muscheln den Schlamm bedeckten und hundert vergebliche
Versuche machten, kriechend oder springend ihr natürliches Element zu
erreichen, schien die Gegend schlecht zu bekommen. Man konnte es in
der Tat für gleich unmöglich halten, zu Fuß oder zu Schiff nach Grado
überzusetzen, dessen Häuser klar und fast zum Erlangen nah über die
Lagune schimmerten; denn für das eine war zu wenig Land, für das andere
zu wenig Wasser.
Allein, was will eine Landratte urteilen! -- Unsere Gradoneserfischer
stachelten ohne viel Besinnen die Barke durch den flüssigen Schlamm,
bis wir in einen jener Kanäle kamen, die sich wie Flußbette in vielen
Windungen durch den Lagunenboden ziehen.
An eine direkte Fahrt nach Grado war nicht zu denken. Wir fuhren statt
nach Süden weit ostwärts gegen die kleine Insel Barbana hinunter,
wo einige feierliche Zypressen um eine alte Wallfahrtskirche stehn.
Diese soll sich laut Legende da erheben, wo nach jener furchtbaren
Naturkatastrophe vom Jahre 585 Schiffer ein auf den Wellen treibendes
hölzernes Marienbild fanden, das heute noch wundertätig alljährlich
Pilgerflotten von 30000 bis 40000 Wallfahrern nach Barbana lockt.