* * * * *
Die eigentliche Stadt liegt auf einem nach allen Seiten fast gleich
abschüssigen Berge, der eine Höhe von 800 Fuss[136] über dem Meere haben
mag. Sie bildet ein längliches Viereck, dessen schmale Seite dem Meere
zugewandt ist. Die hohen krenelirten Mauern sowie die Bastionen, die jene
unregelmässig flankiren, sind, obgleich in gutem Zustande was das Aeussere
anbetrifft, doch aus schlechtem Material aufgeführt, so dass sie die Stadt
fast ohne Widerstand gegen einen Angriff der Europäer lassen würden. Ebenso
sind die wenigen Kanonen, die sich in den Batterien befinden, ihres Alters
wegen fast unbrauchbar.
[Fußnote 136: Nach Arlett 198 Meter.]
Die Stadt Agadir wurde um 1500 von einem portugiesischen Edelmann[137]
gegründet. Man nannte die Stadt Santa-Cruz, während die Berber den Ort
Tigimi-Rumi, die Araber ihn Dar-Rumia nannten. Einige Zeit später erwarb
der König von Portugal die Veste, und liess den Namen Santa-Cruz bestehen.
Zur Zeit Leo's war der Ort noch im Besitze von Portugal, Leo nannte den Ort
Gargessem. Im Jahre 1536 wurde die Festung vom Scherif Mulei Ahmed erobert,
und blieb seitdem immer im Besitze der Marokkaner. Schon 1572 liess Mulei
Abdallah eine Batterie bei den Quellen "Fonti" errichten.
[Fußnote 137: Siehe Renou p. 36.]
Der Name Agadir, der offenbar gleich nach Eroberung der Stadt durch die
Marokkaner gang und gäbe wurde, bedeutet in der Tamasirht-Sprache
"Umfassungsmauer," auch "Festung". Renou p. 38 fügt noch hinzu: "Da Agadir
ein generischer Name ist, sollte man noch einen zweiten, um denselben zu
vervollständigen, erwarten. In der That nennt sich die Stadt, die uns
angeht, Agadir-n-Ir'ir, die Festung des Ellenbogen, d.h. des Vorgebirges"
etc. etc.
Was das Innere der Stadt anbetrifft, so sind alle Häuser, ausgenommen das
der Regierung, welches der Kaid bewohnt, sowie die Djemma, die sich in
gutem Zustande befindet, halb oder ganz verfallen. Ich glaube die
Einwohnerzahl schon zu gross anzugeben, wenn ich sie auf 1000 Seelen
schätze[138]. Gråberg di Hemsö glaubt kaum 600 Einwohner annehmen zu
dürfen. In neuerer Zeit hat sich der Ort aber etwas gehoben, so dass jetzt
vielleicht gegen 1000 Menschen in Agadir und Fonti leben mögen.
[Fußnote 138: Davidson sagt, Agadir habe bloss 47 Muselmanen und 62
Juden.]
Der zweimalige Markt, der in der Woche ausserhalb vor dem einzigen Thore
der Stadt abgehalten wird, führt derselben einigen Handel zu, und es sind
hauptsächlich die Juden, die für die kleinen Bedürfnisse der Stadt sowohl
als auch des umliegenden Landes Sorge tragen.
Die Stadt liegt auf der südwestlichsten Seite des Atlas, und während nach
Osten und Norden hin das Auge Nichts wahrnimmt, als sich übereinander
häufende Berge, verliert sich nach dem Süden zu die Aussicht in die
unendliche Ebene, die den Ued-Sus vom Ued-Nun trennt. Der Ued-Sus selbst
ergiesst sich eine halbe Stunde südlich von der Stadt in die Meeresbucht.
Diese ist die vortrefflichste von ganz Marokko. Gråberg di Hemsö sagt: "Der
Hafen von Agadir ist der schönste der ganzen Küste, und der werthvollste
für den Handel mit Innerafrika, namentlich wenn er in Händen einer
europäischen Macht sich befände, die denselben sehr leicht erwerben und
davon immer mehr Vortheile würde ziehen können." So sehr wir mit Hemsö, was
die Geräumigkeit der Bucht anbetrifft, übereinstimmen, so sehr möchten wir
bezweifeln, dass es heute leicht sein würde den Hafen käuflich von Marokko
zu erwerben, obschon auch wir überzeugt sind, dass für den Handel kein
Hafen erbiebiger [ergiebiger] sein würde als Agadir.
Gleich beim Eintritt in die Stadt wurde ich überrascht, indem ich über dem
Thore neben einer arabischen Inschrift eine mit lateinischen Buchstaben
geschriebene bemerkte; ich war so glücklich sie später unbemerkt copiren zu
können. Sie lautet:
VREEST . GOD . ENDE
EERT DEN KONING
1746.
Man darf wohl annehmen, dass diese Inschrift von einem Renegaten, der
wahrscheinlich Maurer oder Steinhauer von Profession war, verfertigt wurde.
In Agadir angekommen, begab ich mich zuerst nach einem Kaffeehause, um dort
nach dem Funduk Erkundigungen einzuziehen; zu meinem Erstaunen erfuhr ich,
dass ein solches nicht vorhanden sei, und auch dies deutet genugsam die
Unbedeutendheit des Ortes an. Der Abkömmling eines Spaniers hatte indess
die Liebenswürdigkeit, mir seine Tischlerwerkstätte als Wohnung anzubieten,
was ich dankbarlichst annahm. Ausserdem was Kleidung, Gebräuche und Sitten
anbetrifft ganz Marokkaner geworden, war er der gastfreundlichste Mann, und
schickte täglich aus seiner Wohnung einige Speisen. Aber ich hatte nicht
nöthig in dieser Beziehung dem guten Manne zur Last zu fallen, denn der
Kaid der Stadt sandte mir täglich zu essen oder ich speiste in seiner
Wohnung.
Derselbe hatte nämlich kaum meine Ankunft in Erfahrung gebracht, als er
mich rufen liess. Ich glaubte schon, es gälte ein Examen zu bestehen: wer
ich sei, wes Landes, wohin ich wolle, was ich treibe u. dgl. m.
Aber davon war keine Rede. Der arme Mann war stark erkrankt, und da sollte
Rath geschafft werden. Glücklich für mich konnte ich Linderung bringen, und
von dem Augenblicke an war ich in Agadir ein gern gesehener Gast.
Meine eignen Fieberanfälle stellten sich aber wieder ein, wohl
hervorgerufen durch die starken Nebel, die um diese Jahreszeit täglich dort
herrschten. Es ist auffallend, wie kalt die Luft in Agadir war, selten
durchdrang die Sonne den Nebel vor Mittag und die Leute versicherten, dass
selbst im hohen Sommer diese starken Nebel selten vor Mittag zerstreut
würden.
Ich blieb sieben Tage in Agadir und konnte mich hinlänglich erholen. Vom
Verlassen des Ortes, um spazieren zu gehen, konnte nicht die Rede sein, da
die ganze Gegend äusserst unsicher ist. Unsicherer wird sie noch dadurch,
dass Schmuggler in den Gebirgsabhängen oberhalb von Agadir ihr Wesen
treiben. Der Ort Fonti am Meere ist nämlich, wie gesagt, das eigentliche
Eingangsthor für die directen Karavanen vom Sudan, wenigstens für die,
welche den Weg über Nun eingeschlagen haben.
Ich schloss mich sodann einer durchpassirenden Karavane an, um mit ihr nach
Tarudant zu gelangen. Denn wenn man auch von hier noch nicht Wassermangel
zu befürchten hat, so herrscht das Faustrecht dennoch so sehr, dass es
gerathen schien in Gesellschaft zu reisen. Gerade am selben Tage hatte ich
in Fonti noch Gelegenheit mich zu überzeugen, wie wenig fremdes Eigenthum
respectirt wird: zwei Fremde kamen vollkommen ausgeplündert, sogar ihrer
sämmtlichen Kleider beraubt in die Stadt geflüchtet. Gewiss ist hier nur
die reine Raubsucht der Berber der Beweggrund zu solchen Handlungen,
keineswegs aber Mangel. Man könnte den Rlnema am Ued-Ssaura entschuldigen,
wenn er ein Räuber ist, weil er in einer der ärmsten Gegenden der Welt
lebt, aber das Land am Sus ist eins der reichsten in ganz Marokko.
Wir brachen Nachmittags von Fonti auf, und machten Abends nach
Sonnenuntergang Halt in einem Dorfe; Duar, d.h. Zeltdörfer, findet man in
diesem Theile südlich vom Atlas nicht, die ganze Bevölkerung ist sesshaft.
Und gleich hier am ersten Tage unserer Reise sollten wir einen recht
greiflichen Beweis der Räubereien dieser Völker haben: es wurde uns Nachts
ein Kameel gestohlen. Wenn man nun bedenkt, dass die Kameele Nachts mit
fest zusammengebundenen Vorderbeinen im Kreise lagen, so kann man sich
einen Begriff von der Schlauheit und Kühnheit der Diebe machen. Ich sah das
Thier forttreiben im schnellsten Galopp, wir machten uns gleich auf, man
schoss, aber Alles war bei der Dunkelheit der Nacht vergebens. Als am
anderen Morgen die Eigenthümer der Karavane beim Schich der Oertlichkeit
klagten, der würdige Mann hiess el-Hadj-el-Arbi, versprach er Alles zu thun
die Diebe ausfindig zu machen, aber weitere Erfolge wurden nicht erzielt.
Zum Glück für die Besitzer des verlorenen Kameels waren die anderen Thiere
stark genug, um die Ladung des verlorenen, die aus 4 Centner Zucker
bestand, aufnehmen zu können. Mit dem Kameele waren aber 90 Metkal = 170
Fres. verloren.
Ich wurde nun zum ersten Male recht in das Karavanenleben eingeweiht, das
einfache Frühstück aus Sesometa (geröstete Gerste, die grob gemahlen in
Schläuchen mitgeführt wird, man geniesst sie, indem man Salz, Arganöl oder
Olivenöl zusetzt, ganz arme Leute setzen bloss Wasser zu), das Treiben der
Kameele, Abends das Brodbacken, oder erreicht man ein gastliches Dorf,
Bewirthung durch die Bewohnerschaft--das ist der gewöhnliche Gang der
Sus-Karavanen.
Der Weg, der sich fortwährend in östlicher Richtung hinzieht, und meist dem
Flusse parallel ist, gehört zu einem der schönsten, was die Reichhaltigkeit
der Natur anbetrifft, den man sich nur denken kann. Als Lempriere diese
herrliche Natur durchzog, er giebt die Distanz von Santa-Cruz (Agadir) nach
Tarudant auf 44 engl. Meilen an, muss er sehr übler Laune gewesen sein. Er
sagt davon weiter nichts: ich hatte einen schönen, aber langweiligen Weg,
da wir nichts als Haiden und Waldungen zu durchwandern hatten. Und doch
kann man diese herrlichen Ebenen nur mit der lombardisch-venetianischen des
Po vergleichen. Freilich fehlt der mächtige Strom, aber wie entzückend
schlängelt sich der stets Wasser führende Sus durch die Oliven und
Orangengärten hin. Und im Norden der stolze Atlas, zeigt er auch nicht so
hohe schneegipflige Spitzen, wie der Montblanc und andere Riesenberge der
Schweiz und Tirols, so hatten die Alten doch keineswegs ganz Unrecht das
kolossale Atlasgebirge als Träger des Himmels zu bezeichnen. Das Thal des
Flusses ist ein wahrer Garten, ein Dorf, ein Haus neben dem anderen, Oel-,
Feigen-, Stachelfeigen-, Granaten-, Pfirsich-, Mandel-, Aprikosen-,
Orangenbäume und Weinreben bilden ein liebliches Durcheinander.
Aber so entzückend die Gegend ist, so unheimlich fallt es auf, dass alle
Welt nur bis an die Zähne bewaffnet ausgeht. Jeder Mann hat seine lange
Flinte auf dem Rücken, sehr häufig sieht man hier auch schon Doppelflinten,
welche vom Senegal hierher dringen: ausserdem hat Jeder seinen krummen
Dolch mit meist aus Silber gearbeiteter Scheide.
Ich hatte eigentlich die Absicht nach dem Nun-District vorzudringen, aber
die fortwährenden Fieberanfälle, dann das Verlangen wieder unter
civilisirte Menschen zu kommen, endlich die Schilderung, die man in Agadir
von einem gewissen Scherif Sidi-el-Hussein, der in der Sauya
Sidi-Hammed-ben-Mussa residiren sollte und über dessen Gebiet ich kommen
müsse, liessen mich davon abstehen. Man erzählte in Agadir die
scheusslichsten Grausamkeiten von diesem Menschen, der sogar seinen
eignen Bruder und Sohn hatte köpfen und vor Kurzem noch zwei spanische
Renegaten hinrichten lassen. Das hinderte natürlich nicht, dass er im
Rufe der grössten Heiligkeit steht, und gerade um die Zeit, als ich in
Agadir mich befand, war die Hauptperiode der Wallfahrt nach seiner
Sauya, man nennt diese Wallfahrtszeit "Mogor". Tausende von Leuten aus
der ganzen Umgegend zogen nach der Sauya-Sidi-Hammed-ben-Mussa, um dem
Abkömmling Mohammed's ihre Ersparnisse zu überbringen, wofür sie sodann
den Segen und Ablass für ihre Sünden bekommen.
Ich vermuthe, dass Sidi-Hammed-ben-Mussa der auf der Petermann'schen Karte
angegebene Ort Wesan ist oder, wie wir Deutschen ihn schreiben würden,
Uesan. Denn häufig pflegten die Pilger zu sagen, sie zögen nach Uesan, und
als ich dann meinte, da hätten sie doch einen weiten Weg, denn Uesan läge
weiter entfernt und jenseits Fes', erwiederten sie, nicht nach Uesan Mulei
Thaib's, sondern nach Uesan Sidi-Mohammed-ben-Mussa's wollten sie pilgern.
Gatell, der nach mir bis zum Nun vordrang, erwähnt dieses Ortes nicht.
Wir hätten sicher am zweiten Tage die Stadt Tarudant erreichen können, da
wir aber mit Nachforschungen nach dem gestohlenen Kameel viel Zeit
verbrachten und erst Mittags aufbrachen, übernachteten wir noch ein Mal.
Und an dem Tage wäre ich selbst fast ausgeplündert oder gar ermordet
worden. Ich hatte mich etwas von der Karavane entfernt, als auf einmal zwei
bewaffnete Männer mich anhielten, und während der eine fragte, was es Neues
in Agadir gäbe, spannte der andere den Hahn seines Gewehres; sie hatten
unstreitig die Absicht mich auszuplündern, als glücklicherweise zwei Leute
der Karavane, auch bewaffnet und die ebenfalls zurückgeblieben waren, zu
mir stiessen und mich so der Gefahr meiner Kleidungsstücke beraubt zu
werden, überhoben. Zugleich bekam ich einen derben Verweis von ihnen, und
sie verboten mir, mich wieder von der Karavane zu entfernen, da der Kaid
von Agadir die Karavane verantwortlich gemacht für meine glückliche
Ueberkunft nach Tarudant.
Das Gebirge wird immer höher, je weiter man nach Osten vordringt, obgleich
man fortwährend in der Ebene bleibt. Unendlich viele leere Flussbetten, die
nur im Frühjahr Wasser schwemmen, ziehen sich vom Atlas in den Sus hinein,
aber nur ein einziger (auf der Petermann'schen Karte richtig eingetragen)
einige Stunden westlich von Tarudant hat das ganze Jahr hindurch Wasser.
Dieser Fluss ist wahrscheinlich der von Gatell erwähnte Ued-Eluar. Zu der
Zeit, als ich ihn durchwatete, konnte ich seinen Namen nicht erfragen.
Abends machten wir Halt bei einem Hause, das zufälligerweise von Arabern
bewohnt (die ganze Sus-Gegend hat durchaus Berberbevölkerung) war, die
wenig oder gar nicht Schellah verstanden. Welch ein Unterschied im
Empfange! Während uns am Abend vorher, als wir in einem grossen Dorfe
übernachteten, Niemand etwas zu essen brachte, sondern wir gezwungen waren,
uns selbst zu beköstigen, versorgte hier der Hausherr die ganze Karavane
mit Speise auf die freigebigste Art. Und hier hatten wir wieder einen
Beweis, dass Araber gastfreundlicher als Berber sind.
Am folgenden Morgen waren wir schon vor Sonnenaufgang wieder unterwegs, wir
hatten heute nur einen halben Marsch zu machen, da wir Mittags in Tarudant
eintreffen mussten. Rechts auf der linken Flussseite tauchte jetzt auch
eine Bergkette auf, die, von Nordosten kommend, sich nach Südwesten
hinzieht. Je näher wir der Stadt kamen, desto angebauter fanden wir die
Gegend, obgleich vom ganzen Lande, wie überall, kaum der zwölfte Theil des
Bodens nutzbar gemacht wird. Kurz vor Mittag fragten mich meine Gefährten,
ob ich die Stadt nicht sähe; auf meine Verneinung zeigte man mir einen
nahen Palmwald, hinzufügend: das sei die Stadt, aber die Gebäude könne man
wegen der hohen Palmen und buschigen Olivenbäume nicht sehen. So war es
auch in der That, fortwährend in einem Oelbaumwald fortmarschirend,
befanden wir uns plötzlich vor den Thoren, ohne vorher das Geringste von
den Gebäuden der Stadt wahrgenommen zu haben. Es war gerade Mittag, als wir
das Stadtthor durchzogen; ich trennte mich hier von den freundlichen Leuten
der Karavane, um ein Unterkommen zu suchen, und war auch so glücklich in
einem Funduk ein Zimmerchen zu finden. Die Thür dieser Zelle war aber so
niedrig, dass ein grosser Jagdhund kaum ohne zu schlüpfen, würde Eingang
gefunden haben, und wenn ich auch der Länge nach mich ausstrecken konnte,
so betrug die Breite doch kaum mehr als halbe Körperlänge. Statt der Möbeln
bestand der Fussboden aus gut gestampftem Lehm.
Tarudant, zwei kleine Tagemärsche vom Ocean, fast am Fusse des südlichen
Atlasabhanges[139], dessen südliche Vorberge bis fast zur Stadt stossen,
liegt auf dem rechten Ufer des Sus, ca. eine Stunde vom Flusse selbst
entfernt. Was die Einwohnerzahl anbetrifft, so vergleicht Renou dieselbe
mit der von Tanger oder Lxor, Hemsö giebt dieselbe auf ca. 22,000 Seelen
an, Lempriere, der selbst längere Zeit in Tarudant lebte, spricht sich
nicht darüber ans. Die Stadt könnte indess wohl 30-40,000 Einwohner haben.
Nach Renou erlangte die Stadt erst Wichtigkeit im Jahre 1516, zu welcher
Zeit Schürfa sie neu aufbauten und beträchtlich vergrösserten. Aber auch
hier machte ich wieder die Erfahrung, wie wenig man sich auf die Aussagen
der Eingebornen verlassen kann. Man hatte mir Tarudant geschildert als eine
Stadt, die man nur mit Fes oder Marokko vergleichen könne, sowohl was
Grösse, als auch was die Einwohnerzahl anbeträfe. Ich fand den Umfang der
Stadt nun allerdings gross, grösser als den von Fes, reichlich so gross wie
den von Marokko, jedoch ist fast Alles, was innerhalb der Stadtmauer sich
befindet, Garten. Diese Stadtmauer, in sehr verfallenem Zustande, hat
durchschnittlich eine Höhe von 20 Fuss und an der Basis 4 oder 6 Fuss, ihre
Breite ist oben da, wo sie noch die ursprüngliche Höhe bewahrt hat, 2 Fuss.
Sie bildet eine unregelmässige Linie, ohne Plan und Kunst angelegt. Alle 50
Schritte werden die Zickzacke von Thürmen flankirt, die jedoch nicht höher
als die Mauer selbst sind. Was das Material anbetrifft, aus dem sie sowie
alle Häuser erbaut sind, so besteht dasselbe aus mit Häckerling gemischtem
und zwischen zwei Brettern gegossenem Lehm, kann also europäischen
Geschützen, keinen Widerstand leisten; auch Gräben sind nicht einmal
vorhanden.
[Fußnote 139: Leo, Marmol und Lempriere drücken die Entfernung der
Stadt vom Atlas in Zahlen aus, ohne bedacht zu haben, dass der Fuss
des Gebirges bei Tarudant nicht steil, sondern allmälig sich
absenkt, man also auch sagen könnte, Tarudant liege unmittelbar am
Fusse des Gebirges.]
Die Stadt ist ein einziger grosser Garten, nur nach dem Centrum drängen
sich die Häuser, welche meist nur aus einem Erdgeschoss bestehen, mehr
zusammen, und hier befinden sich auch die Buden und Gewölbe, wo man
arbeitet und verkauft, hier sind auch die Funduks. Moscheen giebt es eine
grosse Anzahl, grössere jedoch, die ein Minaret haben, nur fünf. Die
Hauptmoschee, Djemma-el-Kebira schlechtweg genannt, zeichnet sich durch
nichts Besonderes aus. Den inneren grossen Hof derselben, in den man
Orangen gepflanzt hat, umgeben ungemein plumpe Säulen, die eben so
unförmliche Bogen tragen. Die zweite Hauptmoschee, fast eben so gross, ist
dachlos, von den übrigen ist keine bedeutend. Ebenso habe ich in der ganzen
Stadt kein einziges nur etwas geschmackvolles Gebäude gefunden.
Einen eigentlichen besonderen Handelszweig hat die Stadt nicht, man lobt
die Lederarbeiten und Färbereien. Hauptgewerk ist Kupferschlägerei, indess
beschränkt sich das bloss auf Kessel, auf kleine Geschirre und Sachen, wie
sie von den Eingebornen hergestellt werden können. Aber wie ausgedehnt
diese Manufactur ist, geht am besten daraus hervor, wenn ich anführe, dass
diese kupfernen Geschirre bis Kuka, Kano und Timbuktu ausgeführt werden.
Und wie ergiebig müssen erst die Kupferminen in der Nähe von Tarudant sein,
wenn man bedenkt, auf wie primitive Art die Eingebornen dort eine solche
Mine ausbeuten. Nach der Aussage der Eingebornen soll nicht nur dies
Metall, sondern auch Gold, Silber, Eisen und Magneteisenstein in grosser
Menge vorkommen. Alle übrigen Landesproducte sind wie in Agadir und im
ganzen Sus-Lande sehr billig. Das Pfund Fleisch wird mit 2 Mosonen bezahlt,
für eine Mosona erhält man 6-10 Eier und im Frühjahr noch mehrere.
Bei der Beschreibung von Tarudant kann ich nicht unerwähnt lassen, dass die
einst so berühmten Zuckerplantagen heute nicht mehr existiren. Indess
findet man in Marmol und Diego de Torres so glaubwürdige Angaben, dass an
der einstigen Existenz der Zuckercultur nicht gezweifelt werden kann.
Als im 16. Jahrhundert die Dynastie der Schürfa Marokko neu umgestaltete,
suchten sie vor allen Dingen sich in Tarudant festzusetzen. Es wurde Zucker
um Tarudant gepflanzt und um einen Ausgangshafen für das Product zu
gewinnen, unternahm der Scherif Mohammed die Belagerung von Santa Croce,
damals den Portugiesen gehörend. 1536 war dieser Hafen in den Händen der
Gläubigen. Ein Slami oder übergetretener Jude hatte unter der Zeit Mühlen
in Tarudant errichtet und von dem Augenblick an war der Handel mit Zucker,
wie Marmol als Augenzeuge berichtet, der ergiebigste von allen
marokkanischen Handelszweigen.
Auch christliche Sklaven wurden nun zur Fabrikation von Zucker verwandt,
und nicht nur aus Marokko oder aus den Sudanländern kamen Leute nach
Tarudant, um Zucker zu kaufen, auch Europäer stellten sich ein, sobald sie
erfuhren, dass man sie gut behandle. Der Ertrag ergab für den Sultan
jährlich 7500 Metkal, eine für damalige Zeit grosse Summe.
In welcher Zeit der Verfall des Zuckerbaues vor sich ging, habe ich nicht
ergründen können, vielleicht wurden bei einer der so häufig in Marokko
stattfindenden Revolten die Zuckergärten zerstört und nachdem nicht wieder
angebaut. Aber die Erinnerung vom einstigen Zuckerreichthum in der Provinz
existirt in Marokko heute noch.
Ich musste mehrere Wochen in Tarudant bleiben und überstand während dieser
Zeit eine förmliche Krankheit, da ich fortwährend von Wechselfiebern
geschüttelt war.--Den zweiten Tag nach meiner Ankunft liess mich der Kadi
der Stadt rufen. Er unterwarf mich einem langen Examen, woher ich komme,
warum ich in Tarudant sei, wohin ich gehen wolle, warum ich Mohammedaner
geworden sei, u.s.w. Ich glaubte schon, da er immer sehr ernsthaft blieb,
dass er mich trotz meiner genügenden Antworten, als Sohn eines Christen ins
Gefängniss senden würde, als er plötzlich die Unterhaltung auf die Medizin
brachte und ein Mittel gegen Gichtschmerzen von mir verlangte. Zugleich
wurde Thee servirt und ein gut zubereitetes Frühstück hereingetragen. Das
Gespräch ging dann hauptsächlich auf die christliche Civilisation über, und
ich sah mit Erstaunen im Kadi einen dem Fortschritte huldigenden Mann vor
mir. Nach beendigtem Frühstücke verabschiedete er mich, und sagte, er würde
mich rufen lassen, damit ich in seiner Gegenwart die Medizin bereite.
Am folgenden Tage gegen Abend musste ich zu ihm gehen, und da ich nichts
Anderes zu thun wusste, so bereitete ich eine Kamphersalbe und liess ihn
Einreibungen damit machen. Ich musste wieder Thee mit ihm trinken und zu
Abend essen; beim Abschiede gab er mir ausserdem einen grossen Korb mit
Datteln und einen kleineren mit Mandeln, dann eine Schüssel mit süssem
Backwerke, das sehr gut zubereitet war und sich fast jahrelang hält.
Obgleich die Datteln und Mandeln von der letzten Ernte und von
ausgezeichneter Güte waren, so verkaufte ich doch den grössten Theil
derselben. Ich bekam für das Pfund Mandeln den für dortige Gegend hohen
Preis von 6 Mosonat; es war Missernte für die Mandeln gewesen, denn in
guten Jahren erhält man für Eine Mosona mehrere Pfunde.
Am vierten Tage stellte sich mein Fieber heftiger als je ein, ich glaubte
schon vom Typhus befallen zu sein; acht Tage musste ich meine Höhle hüten.
Ich nahm die letzte mir übrig gebliebene Dosis Chinin, genoss die ganze
Zeit hindurch bloss Wasser und Brod und alle Tage einige Granatäpfel, die
mir der Fundukbesitzer aus seinem Garten brachte.
Mit einer ziemlich grossen Karavane brach ich sodann auf. Sie setzte sich
aus etwa 20 Mann und 30 Stück beladenen Maulthieren und Eseln zusammen. Die
Leute selbst waren aus der Oase Draa. Vom Thaleb des Kadi war ich ihnen
empfohlen und deshalb gut bei ihnen aufgenommen worden. Diese Art Karavanen
rechnen von Tarudant acht Tagemärsche, welche aber sehr stark sind; das
Vieh wird dabei von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit der
grösstmöglichsten Eile vorwärts getrieben. Es war also eine harte Tour für
mich, da ich von den Fiebern mitgenommen, sehr erschöpft war, und manchmal
dafür, dass ich mitgenommen wurde, und was Nahrung anbetrifft von den
Eigenthümern des Viehs freigehalten wurde, das Vieh mit treiben helfen
musste.
Den ganzen ersten Tag folgten wir dem Ued-Sus, der an beiden Seiten
lachende Gärten bildet. Rechts und links hatten wir hohe Berge, doch ist
die Kette im Norden wenigstens noch einmal so hoch, als die nach Südwesten
streichende, welche überdies nur ein Zweig vom grossen Atlas ist. Gegen
Mittag, wir marschirten immer in östlicher Richtung, machten wir bei einem
Dorfe der Beni-Lahia Halt; es wurde dort Markt abgehalten, und die Leute
unserer Karavane wollten nun noch Getreide einkaufen, um es mit in ihre
Heimath zu nehmen. Nach beendetem Einkauf ging es weiter. Ich weiss nicht,
durch welchen Zufall es kam, dass der Theil der Karavane, bei dem ich mich
befand, von dem anderen sich trennte, kurz, wir verloren den Weg und es
war, glaube ich, Mitternacht, als wir das Dorf erreichten, wo die Anderen
seit Abends campirten. Dazu hatten wir elende Wege gehabt, da das ganze
Land von breiteren und schmäleren Rinnsalen, welche zur Bewässerung des
Bodens dienen, durchschnitten ist, in der Dunkelheit geriethen wir nun alle
Augenblick in ein solches Wasser, oder auch ein Esel versank in den Schlamm
und sein Herausziehen konnte nur mit Mühe und Zeitverlust bewerkstelligt
werden.
Desto kürzer war der folgende Tagesmarsch, wir mussten sehr bald in einem
Dorfe Halt machen, weil vor uns zwei Volksstämme sich bekriegten und
dadurch die Gegend unsicher gemacht war. Sieben Tage mussten wir in diesem
Orte liegen bleiben, fanden jedoch die gastlichste Aufnahme daselbst. Ich
war mit vier Anderen in einem grossen Bauernhofe einquartiert und so war
die ganze Karavane vertheilt. Endlich schienen die feindlichen Parteien
Frieden gemacht zu haben und wir konnten aufbrechen, der Weg war offen. Wir
folgten dem Ued-Sus, bis fast an seine Quelle, welcher Landestheil, wie
überall, den Namen Ras-el-Ued hat, und schlugen von da an eine südöstliche
Richtung ein.
So scharf markirt der südwestlich vom Atlas sich abzweigende Gebirgszug,
vom Sus-Thale gesehen, sich ausnimmt, so wenig ist er es in der That, man
kömmt südöstlich fortgehend in keinen Gebirgszweig, sondern in ein
zerrissenes Gebirge. Obschon man nun auch aus dem eigentlichen überall
culturfähigen Lande heraus ist, hat man doch noch die eigentliche Sahara
nicht erreicht. Allerdings sind die Berge nackt und kahl, aber die Gegend
ist äusserst abwechselnd, Wasser nicht selten und kleine Oasen auf Schritt
und Tritt. Gegen Sonnenuntergang erreichten wir eine Oase, die erste echte
Palmpflanzung, die ich zu sehen bekam (den Palmen in Marokko und Tarudant
merkt man gleich an, dass sie eigentlich für den dortigen Boden und das
Klima noch fremd sind), einige Dörfer lagen darin versteckt. Wir lagerten
von jetzt an nie mehr im Dorfe, sondern immer im Freien, und suchten dann
zu dem Ende ein zwischen Felsen liegendes sicheres Versteck auf. Auf diese
Art marschirten wir 4 Tage immer in südöstlicher Richtung fort. Die Gegend
bewahrte ihren eigenthümlichen Charakter, nackte, kahle Felsen, von Bergen
eingeschlossene Ebenen, ohne Vegetation, nur von Steinen bedeckt, hie und
da eine Oase, welche sich schon von Weitem durch die hohen Palmen
ankündigte, manchmal auch noch grosse Strecken mit Schih (Artemisia)
bedeckt, Zeichen, dass wir die eigentliche Sahara noch nicht erreicht
hatten, solche Bilder waren stets vor unseren Augen.
Am fünften Marschtage kamen wir, nachdem wir verschiedene Ebenen
durchschritten hatten, an einen Bergpass, wie ich noch nie einen gesehen
habe, und auch wohl kein ähnlicher auf der Erde existirt. Mit diesem
Bergpass, oder vielmehr mit dieser Schlucht, die ebenfalls durchschnittlich
in unserer Marschrichtung war, hatten wir zugleich das eigentliche Gebirge
hinter uns. Diese Schlucht war etwa 5 Schritt breit, an beiden Seiten von
senkrechten Marmorwänden gebildet, und in derselben rieselte ein kleiner
Bach mit reizenden grünen Ufern. Am Austritte der Schlucht gab der Bach
Veranlassung zu einer Oase. Der Marmor, der sich in der Sonne spiegelte und
stellenweise so glatt war, als ob er künstlich polirt wäre, glänzte in
allen möglichen Farben.
Was das Interesse dieser einzigen Schlucht noch erhöhte, war, dass sich am
Austritte oder am südöstlichen Ende derselben eine kohlensaure Quelle
befand. Ich glaube, es giebt wohl kaum ein zweites an Kohlensäure so
reiches Wasser, wie dieses; dicke Blasen steigen fortwährend auf, und beim
Trinken prickelte es Einem im Munde, als ob man Champagner tränke. Das
Land, worin sich diese Schlucht und Quelle befindet, heisst Tassanacht, und
die vom Flüsschen gebildete Oase, Tesna[140]. Die Gegend war hier, wie auch
sonst fast überall, äusserst metallreich, ich fand auf dem Wege bei Tesna
offen zu Tage liegend, Antimon-Stücke von 1-1/2 Zoll Dicke, reines,
unvermischtes Metall.
[Fußnote 140: Siehe Petermann's Mitteilungen 1865, Tafel 6.]
Die nächsten Tage gingen vorüber, ohne dass sich etwas Besonderes
ereignete, ich hatte jedoch grosse Mühe, diese anstrengenden Märsche
mitzumachen, zumal mich eine erschöpfende Diarrhöe, durch die ungewohnte
Nahrung hervorgerufen, befallen hatte. Die Leute mischten nämlich Mehl mit
gestampften Datteln zu einem Teige, gossen etwas Oel hinzu, und roh wurde
dies genossen, oder man ass auch, bloss mit Wasser vermischt, gestampfte
Datteln. Dazu kam, dass wir manchmal sehr an Durst zu leiden hatten, denn
die Thiere waren alle übermässig beladen, so dass man für Wasser keinen
Platz hatte. Die schlimmste Strecke war die letzte. Wir waren noch einen
guten Tag vom Draa entfernt und lagerten Abends in einem öden Thale. Um den
Ued-Draa am folgenden Tage früh zu erreichen, brachen wir um Mitternacht
auf. Unglücklicher Weise waren meine Schuhe gänzlich unbrauchbar geworden,
die Sohlen waren abgefallen. Ich behalf mich damit, dass mir die Leute aus
den Lederresten Sandalen zusammenflickten, welche mit Riemen an den Füssen
befestigt wurden. Ueberhaupt tragen südlich vom Atlas fast alle Leute
Sandalen. Für Einen, der nicht daran gewöhnt ist, ist es aber ein
qualvolles Schuhzeug, da die Riemen gleich tief einschneiden. In der
dunklen Nacht stiess ich nun jeden Augenblick gegen einen Stein, und es
schien mir eine Ewigkeit bis die Morgenröthe anbrach. Als endlich der Tag
anfing und wir frühstückten, hatten wir kaum das nöthige Wasser, aber die
Aussicht, noch wenigstens einen halben Tagemarsch gehen zu müssen, ohne
Hoffnung einen Brunnen oder Quelle anzutreffen. Gegen Mittag war mein
Gaumen ganz trocken, und als wir endlich von Weitem die Palmen sahen, mit
dem lachenden Grün der Orangen, Feigen, Granaten, Pfirsichen und Aprikosen
darunter, glaubte ich, sie nicht erreichen zu können; erst um 4 Uhr
Nachmittags waren wir im Dorfe Tanzetta, wo mehrere Leute unserer Karavane
zu Hause waren. Mein Erstes war, meinen brennenden Durst zu löschen, ich
trank wenigstens 3 Liter Wasser auf ein Mal.
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