13. Reise längs des atlantischen Oceans

* * * * *

Nach Tanger aufbrechend, deponirte ich ein Kästchen mit Papieren bei Sir

Drummond und zog längs der Küste, denselben Weg bis L'Araisch weiter. Als

Ausrüstung hatte ich weiter nichts als einen Esel mit zwei Schuari

(Seitenkörben), welche einige Vorräthe enthielten; ein spanischer Renegat,

der gewissermassen mein Gefährte, Diener, Eselwärter und Doctorgehülfe war,

hatte sich angeschlossen. Ehe wir weiter zogen, blieben wir noch einige

Zeit in der Stadt.

L'Araisch liegt auf der äussersten Seite des linken Ufers des Ued-Kus

derart, dass eine Seite nach dem Flusse, die andere nach dem Ocean Front

macht. Ungefähr 4 K.-M. stromaufwärts des Ued-Kus am rechten Ufer lag das

alte Lya der Punier oder wie es später von den Griechen und Römern genannt

wurde Lina, ehedem die bedeutendste Niederlassung an dem atlantischen

Ocean. Etwas weiter stromaufwärts fallt dort der Ued-Maghasen in den Kus.

Die Ruinenstätte ist von Sir Drummond Hay und Barth besucht worden, ohne

dass jedoch Beide besondere Entdeckungen gemacht hätten, die auch wohl kaum

ohne Reinigung des Bodens und Ausgrabungen zu machen sind. Von Drummond Hay

werden die Ruinen Schemmies genannt. Barth will aus den Grundmauern bei der

Kasbah erkannt haben, dass auch auf dem heutigen Boden der Stadt L'Araisch

eine alte libysche Stadt gelegen habe, was durch Scylax's Aussage bestätigt

würde.

Von der von den Alten als in der Mündung des Lixos liegend erwähnten

Hesperiden-Insel ist heutzutage keine Spur vorhanden. Allerdings taucht bei

tiefer Ebbe eine etwa 1 K.-M. haltende Sandbank, in der beutelartigen

Mündung des Flusses auf, und möglicherweise, man braucht nur eine

allgemeine Senkung der atlantischen Küste anzunehmen, war dies die einst so

fruchtbare Hesperiden-Insel. Diese Mündung, im Norden durch hohe Sandberge

geschützt, könnte, wollte man sich die Mühe geben die Barre wegzubaggern,

zu einem trefflichen Hafen eingerichtet werden. Jetzt können bei Fluth

höchstens Schiffe von 150 Tonnen Gehalt einlaufen; als wir in L'Araisch

waren, befanden sich sechs europäische Schiffe im Hafen, ausserdem

verfaulten am Strande die beiden letzten Kriegsschiffe der Marokkaner, zwei

elende Brigantinen. Und doch hatte Marokko vor noch nicht hundert Jahren

die Frechheit, mit seiner elenden Seemacht die ganze Welt herauszufordern.

Der Name L'Araisch ist nach Hemsö entstanden aus dem Worte

el-araisch-ben-Aras, d.h. der Weinspalier der Beni Aros. Nachdem die

Stadt wechselsweise im Besitze der Marokkaner und Portugiesen gewesen

war, bemächtigte sich 1689 nach einer fünfmonatlichen Belagerung Mulei

Ismaïl derselben. Seit der Zeit ist L'Araisch von den Europäern noch oft

angegriffen worden, so im Jahre 1785 von den Franzosen, 1829 von den

Oesterreichern, die dabei der marokkanischen Flotte den Gnadenstoss

versetzten.

Man bemerkt in L'Araisch an den Gebäuden der Stadt noch deutlich den

christlichen Einfluss. So ist der hübsche Marktplatz ein regelmässiges

Rechteck mit gewölbten Arcaden versehen, die Säulen sind Monolithen aus

Sandstein. Die Hauptmoschee, die ebenfalls nach dem Marktplatze zu Front

macht, muss eine christliche Kirche gewesen sein, die Façade ist in dem

sogenannten Jesuitenstyl gehalten. Ausserdem befindet sich noch ein anderes

stattliches und mehrstöckiges Gebäude, mit hohen schönen Fenstern versehen,

am Marktplatze. Vielleicht war es ehemals Gouvernementsgebäude, vielleicht

ein Kloster, denn erst im Jahre 1822 musste eine hier bestehende spanische

Mission aufgegeben werden. Heute steht das Haus leer und unbenutzt da, und

der durch die Fenster streichende Wind, und die fressende Atmosphäre wird

bald das ihrige thun, um das Gebäude zu einer Ruine zu machen.

Ausser recht gut erhaltenen aber widerstandslosen Mauern ist die Stadt

durch ein mit vier Bastionen versehenes Fort, christlicher Anlage und

ursprünglich aus gutem Material erbaut, geschützt. Dieses Fort liegt auf

der westlichsten Spitze der Stadt nach dem Meere zu. Im Inneren dieses

Forts ist ein Schloss, dessen runde Kuppeln man schon von Weitem sehen

kann. Das Schloss soll vom Sultan Mulei Yasid erbaut sein. Unterhalb des

Forts nach dem Hafen zu sind zwei gemauerte Strandbatterien. Nach S.-O. zu

die Stadt beherrschend, befindet sich die Kasbah, ein Fort von viereckiger

Form, an den vier Ecken mit sehr scharfwinkligen Bastionen versehen. Die

Mauern der Kasbah, welche auch wohl eine Baute der Portugiesen oder Spanier

ist, sind gut erhalten, aber trotz aller Vertheidigungsanstalten wird

L'Araisch einem Angriffe der Europäer nicht lange Widerstand entgegensetzen

können, einerlei ob er vom Ocean aus oder vom Lande her unternommen wird.

Sonst hat L'Araisch keine merkwürdigen Gebäude, wenn nicht eine kleine

Grabstätte in den Gärten südlich von der Stadt, der Lella-Minana gewidmet,

einer Sherifa, die dort begraben liegt. Bei Lebzeiten soll sie Wunder

gethan haben, und auch jetzt noch sollen die in der Grabcapelle der

Lella-Minana betenden Frauen von Unfruchtbarkeit geheilt werden: zwei

fromme in der Nähe wohnende Einsiedler öffnen den Frauen gegen eine

kleine Gabe die Thür zum Grabmal und unterstützen sie im Beten.

Die Stadt hat ca. 5000 Einwohner, von denen wohl 1200 Juden sein mögen,

welche letztere, wie alle Juden in den Hafenstädten Marokko's, sich der

spanischen Sprache bedienen. Die wenigen Europäer, vielleicht 30 oder 40

Individuen stehen unter dem Schutze ihrer Consuln, deren es hier mit

Ausnahme eines deutschen von allen Nationen giebt.

Der Handel der Stadt ist nicht unbedeutend und umfasst dieselben Artikel,

die in Tanger zur Aus- und Einfuhr kommen, d.h. ausgeführt werden besonders

Wolle, Thierhäute, Wachs, Oel, Butter, Früchte: als Mandeln, Orangen,

Citronen und Feigen, getrocknete Oliven, Eier, Federvieh (anderes Vieh

auszuführen ist verboten), Getreide und Hülsenfrüchte. In L'Araisch kommt

noch hinzu die Rinde der Korkeiche, die in Europa verarbeitet wird. Gummi

und Kupfer wird aus Marokko nach Europa nicht mehr ausgeführt, da man

Kupfer in Europa und Gummi von Senegal billiger beziehen kann. Blutigel

werden ebenfalls von L'Araisch ausgeführt, doch mehr noch von Tanger und

Mogador. Einfuhrartikel sind: Baumwollenstoffe, Tuche, rohe und gefertigte

Seide, Papier, Waffen, Metalle, wie Eisen, Blei, Quecksilber, Schwefel,

Alaun, Salpeter, Colonialwaaren, darunter besonders Thee und Zucker, und

verschiedene Gegenstände, schlechte Schmucksachen, Porzellan und

Glaswaaren, Spiegel u. dergl. m. Die eben angeführten Gegenstände sind so

ziemlich in allen Häfen des Landes im Handel dieselben.

Der Weg zwischen L'Araisch und Media oder Mehdia läuft ununterbrochen auf

einer Sandzunge hin, zwischen dem Meere einerseits, den Sümpfen und

Landseen andererseits gelegen. Auf der ausgezeichneten Karte von A.

Petermann, Mittheilungen Jahrgang 1865, Taf. 4, dann auch auf der Karte von

Renou ist dies recht deutlich zur Anschauung gebracht. Nehrungen und Haffe

können nur an flachen, sandigen Küsten entstehen, und so ist es ganz

natürlich, dass, wo die übrigen Bedingungen zur Haff- und Nehrungbildung

vorhanden sind, diese entstehen. Wie der Sand Product des Meeres ist, so

sind die Nehrungen, die aus Sand bestehen, immer nur an flachen Küsten mit

vielem Sande zu beobachten. Es giebt nun Nehrungen, die an beiden Seiten

noch mit dem Festlande zusammenhängen, oder solche, die am Meere

durchbrochen sind. Erstere können entstehen dadurch, dass hohe Dünen bei

ausserordentlichen Fluthen nicht durchbrochen werden, vom Ocean aber Wasser

durchlassen, welches Wasser dann hinter den parallel mit dem Meere

laufenden Dünen einen See bildet, oder es sammelt sich landwärts der Dünen

das Wasser von kleinen Flüssen an, bildet einen See, das Wasser, ist aber

nicht stark genug, die Nehrung zu durchbrechen, oder auch das Wasser aus

dem Landsee ergiesst sich unter der Nehrung in den Ocean. Nehrungen werden

durchbrochen dadurch, dass sich die Flüsse einen Ausgang bahnen, oder durch

den Ocean selbst, in beiden Fällen sind Haffe hergestellt.

An verschiedenen Stellen von Afrika hat man Nehrungen und Haffe, so vor dem

Delta des Nil in Aegypten, die bedeutender sind, als unsere deutschen in

der Ostsee, oder an der Küste von Guinea; die Nehrung an der Küste von

Marokko zieht sich von L'Araisch bis Rbat hin, hat also eine Länge von fast

17 deutschen Meilen.

Landeinwärts von der Nehrung ist im Winter ein 2-3 Meilen breiter See, der

im Sommer zum Sumpf wird, daher im Norden bei Mulei Bu Slemm der Name

Mordja[125] Ras el Daura, und südlich von Mehdia, Mordja el Mehdia. Gleich

unmittelbar östlich vom See oder Sumpf stösst jener ausgedehnte

Korkeichenwald, der nördlich bei L'Araisch beginnend im Süden bei Rbat

endet.

[Fußnote 125: Mordja heisst Sumpf]

Zahllose Wasservögel, Enten, Pelicane, Ibisse und andere halten sich hier

auf, und im Sommer kommen Hyänen, Schakale und Wildschweine aus dem

Korkeichenwald, um im feuchten Sumpfe zu jagen. Die ganze Nehrung selbst

ist bewohnt von Arabern. Meistens haben sie ihre Zelte auf der Landseite

und zwar nie kreisförmig, sondern, als ob sie gewissermassen der langen

Form der Nehrung sich anpassen wollten, immer in einer langen Reihe

aufgeschlagen. Die Dünen sind zum Theil gut bewachsen, meist mit Lentisken,

aber auch Grasfutter für Rind- und Schafheerden ist reichlich vorhanden.

Gewöhnlich legt man den Weg bis Mehdia längs des Wassers in zwei

Tagemärschen zurück, der grossen Hitze wegen, und weil wir uns häufig damit

aufhielten, im Ocean zu baden, brauchten wir vier Tage. Ueberall fanden wir

übrigens ausgezeichnete Gastfreundschaft, und die herrlichen Wassermelonen,

welche die Nehrung hervorbringt, haben mir nirgends besser gemundet als

hier. Zwei hübsche Grabstätten sind unmittelbar am Meeresstrande erbaut:

Mulei Bu Slemm[126], eine Tagereise südlich von L'Araisch, aus mehreren

Domen bestehend, dann Mulei Hammed bel Cheir, gleich vis-à-vis von Mehdia

auf einer kleinen Anhöhe. Gegen 3 Uhr Nachmittags am vierten Tage

erreichten wir Mehdia, am linken Ufer des Sebu gelegen.

[Fußnote 126: Die meisten Geographen halten Mulei Bu Slemm für das

alte Mamora, Mamora antica, und doch glaube ich kaum, dass jemals

bei Bu Slemm dieser Ort gestanden hat.]

Um überzusetzen mussten wir aber erst eine ziemlich weite Strecke ca. ein

K.-M. stromaufwärts gehen, wo sich die Fähre befand, sodann kehrten wir auf

das linke Ufer zurück und erklommen den Pfad, der auf den steilen 417 Fuss

(nach Barth) hohen felsigen Hügel führt, auf dem Mehdia liegt. In einem

sehr schlechten Funduk fanden wir Unterkommen. Mehdia ist ein kleines

elendes Dorf, von vielleicht zweihundert Einwohnern, wegen seiner

beherrschenden Lage war es einst wichtig und könnte am schiffbaren Sebu,

dem Flusse, an dem Fes liegt, leicht wieder zu einer blühenden Stadt

gemacht werden. Die Mündung des Sebu ist jedoch nicht breiter als

vielleicht 1000 Schritt, aber sehr tief unmittelbar unterhalb der Stadt.

Der Sebu ergiesst sich aber nicht in gerader Linie in den Ocean, sondern,

schief nach Norden geneigt. Eine starke Barre sperrt den Fluss ab.

Als ich von Aussen den Ort besichtigte, fand ich unterhalb desselben ein

Labyrinth von Mauern, 4 Fuss dick und 20 Fuss hoch aus massiven Steinen

aufgeführt; ein Netz von viereckig gemauerten Räumen darstellend. Die

darüber befragten Bewohner wussten keine Auskunft zu geben, aber in Leo

finden wir vollkommenen Aufschluss darüber:

Von Jacob el Mansor, der von 1184 bis 1199 regierte, erbaut, als

Vertheidigungsfeste des Eingangs des Sebu, wurde Mehdia später zerstört und

im Jahre 1515 schickte Don Manuel von Portugal eine Flotte dahin ab, um

dort eine Festung anzulegen. Kaum im Bau begriffen, kam aber der zu der

Zeit in Fes regierende Sultan Mohammed ben Oatas mit einem Heere und

überfiel Soldaten und Arbeiter. Leo, der als Augenzeuge diesem Ueberfalle

beiwohnte, giebt davon eine ergreifende Schilderung. Die Portugiesen wurden

alle getödtet, die Schiffe verbrannt. Von 6-7000 Mann Besatzung, durch

Verrath zur Streckung der Waffen bewogen, wurden die Meisten niedergemacht.

Aus der Mündung des Sebu soll der König von Fes hernach 400 Kanonen

herausgefischt haben.

Später, am 6. August 1614, nahmen die Spanier noch einmal Mamora (wie die

Europäer und auch Leo Mehdia nannten), errichteten ein Fort, welches aber

am 2?. April 1681 [? unlesbar in der gedruckten Ausgabe] von Mulei Ismail

überfallen und zerstört wurde. Seit der Zeit ist Mehdia, was es jetzt ist,

ein elendes Dorf.

Was nun die eben erwähnten Constructionen anbetrifft, so sagt Leo[127]

davon: "Die Portugiesen fingen gleich nach ihrer Ankunft den Bau an; alle

Fundamente waren schon gelegt, mit den Mauern und Bastionen war ein Anfang

gemacht etc." Einen solchen _unfertigen_, nicht aber _zerstörten_

Eindruck machen denn auch die Bauten bei Mehdia. Was Mamora antica

anbetrifft, so dürfte dasselbe am anderen Ufer des Sebu zu suchen sein,

oder vielleicht der Hügel der Stadt, der ebenfalls befestigt war,

"Alt-Mamora", die am Strande von den Portugiesen errichteten Bauten

dagegen "Neu-Marmora" gewesen sein. Aber in dem entfernten Mulei Bu

Slemm Alt-Mamora suchen zu wollen ist vollkommen unstatthaft, weil

"Mamora" immer einen felsigen Hügel bedeutet in Tamasirht-Sprache, ein

solcher aber bei Bu Slemm nicht vorhanden ist.

[Fußnote 127: Uebersetzung von Lorsbach, p. 185.]

Barth fügt noch hinzu, dass keineswegs, wie die meisten Geographen

anzunehmen geneigt seien, hier Banasa gestanden habe (Hemsö meint, Banasa

habe gelegen, wo jetzt Mulei Bu Slemm ist, eine Oertlichkeit, die gar

nichts Einladendes zur Gründung einer Stadt hat), welches eine Binnenstadt

am oberen Laufe des Sebu gewesen, sondern dass in Mamora die vom Ptolemaeus

erwähnte Stadt Subur zu erblicken sei. Ich füge noch hinzu, dass im Lande

bei den Eingebornen der Name Mamora vollkommen unbekannt ist.

Wir blieben in Mehdia nur Nachts, am anderen Morgen früh aufbrechend, waren

wir Mittags in Sla, setzten gleich über und blieben in Rbat in einem

Funduk. Der Weg bot nichts Neues, Nehrungformation war auch hier, nur

müssen die hiesigen Dünen älter sein, denn sie waren nach der Landseite

dicht mit Eichen, welche eine ausserordentlich zart- und süssschmeckende

Frucht tragen, bestanden, ausserdem waren Korkeichen, Lentisken und wilde

Oliven sichtbar.

Die Stadt Sla auf dem rechten Ufer des Bu Rgak oder Bu-Raba[128] gelegen,

ist ein Ort, welcher von Aussen gesehen das allerregelmässigste Ansehen

hat. Fast viereckig ist die Stadt von hohen aber widerstandslosen Mauern,

welche ausserdem viereckige Vertheidigungsthürme haben, umgeben. Mit ca.

10,000 Einwohnern, dürfen bis auf den heutigen Tag in Sla keine Christen

und Juden wohnen, der Grund davon ist, dass die Bevölkerung sich

hauptsächlich aus aus Spanien vertriebenen Mohammedanern bildete, somit den

glühendsten Hass gegen Juden und Christen bewahrt hat. Am Ende des vorigen

Jahrhunderts war Sla, das sich den marokkanischen Herrschern gegenüber fast

als Republik gerirte, der berüchtigtste Seeräubersitz am atlantischen

Ocean. Im Hafen von Sla und Arbat, oder in der Mündung des Sebu, fanden die

Piraten vor den verfolgenden Kriegsschiffen der Christen sichere Stätten.

[Fußnote 128: Buragrag bei Leo und Maltzan.]

Sla ist offenbar, wenn auch nicht genau der Lage nach, doch was den Namen

anbetrifft, das alte Sala. Ptolemaeus verlegt Sala südöstlich von der

Mündung des Flusses, also da wo Arbat heute steht. Ebenso Plinius, der Buch

V, 1 sagt: "Die Stadt Sala am Flusse gl. N. gelegen, schon nahe der Wüste,

und durch Elephantenheerden, noch mehr aber durch den Stamm der Autolalen

unsicher gemacht, durch welche der Weg zum Atlasgebirge führt" etc. Dass

nun Arbat heute nicht den Namen Sla, sondern Arbat hat, erklärt sich wohl

aus dem Umstände, dass nach der Zerstörung des alten Sala, die neue Stadt

auf dem rechten Ufer des Bu Raba angelegt wurde, während gegenüber die

Stadt Rbat um 1190 von Jacub el Mansor neu gegründet wurde, und nach

Delaporte den Namen Rbat el Ftah, d.h. Wahlstätte des Sieges erhielt. Es

ist also nicht nöthig um das alte Sala im heutigen Rbat wiederzufinden, wie

Barth es thut, auf die Grabmäler der Beni-Merin bei der Mssala von Arbat

hinzuweisen, welchen Ort Barth: "Schaleh", Hemsö: "Scella, Seialla" und

Marmol: "Mensala" aussprechen hörten. Ich habe an anderen Orten gezeigt,

dass jede grössere marokkanische Stadt ihr Mssala hat, wo bei grossen

religiösen Festen die Gebete abgehalten werden[129].

[Fußnote 129: Maltzan sagt B. IV, p. 129: In der Nähe von Rabat liegt

auf demselben Ufer des Flusses ein kleiner Ort esch = Schaleh

genannt. Dieser Ort hat eine auffallend grosse Aehnlichkeit mit dem

des antiken "Sala". Es sind dies aber weiter nichts als Hütten und

Häuser, und Grabmäler um die "Mssala" gebaut, wie das auch bei Fes,

Uesan etc. vorkommt.]

Die Stadt Sla ist von ihrem einstigen durch Piraterie erworbenen Reichthum

sehr heruntergekommen, so dass auch die Häuser der Einwohner, die sich

Slaui nennen, sehr klein und unansehnlich sind. Als ich mit dem

Grossscherif in der Stadt war, fand sich kein einziges Gebäude gross genug

ihn aufzunehmen, wir campirten daher am Strande in unseren Zelten.

Innerhalb der Mauern ist die Hälfte der Stadt jetzt unbebaut. Die beiden

Moscheen sind gross und geräumig, aber sonst zeichnen sie sich durch nichts

weiter aus. Der Markt oder Bazar, Kessarieh, ist überdacht wie in den

meisten Städten, wie zur Zeit Leo's findet man hier auch heute noch eine

grosse Kammfabrikation aus Lentiskenholz.

Rbat, sowie es jetzt steht, eine Stadt von ca. 30,000 Einwohnern, hat ein

fast modernes südeuropäisches Aussehen, namentlich von der Westseite her.

Hier haben sich hauptsächlich Christen und Juden Häuser gebaut, und

besonders letztere sind in Rbat zahlreich vertreten, da sie wie auch die

Christen in Sla nicht wohnen dürfen. In der Mündung des Flusses könnten

Rbat und Sla einen guten Hafen haben, wenn nicht eine gefährliche Barre auf

der Rhede wäre, und wenn für eine gehörige Ausbaggerung gesorgt würde.

Jetzt kann der Hafen nur Schooner und kleine Briggs aufnehmen. Der Handel

ist indess ziemlich lebhaft, denn eigentlich ist Rbat jetzt der natürliche

Hafen für Mikenes sowohl, als auch für Fes. Man exportirt hier vorzugsweise

Oel, Häute und Kork. Als eigne Fabrikation betreibt man in Rbat

hauptsächlich die Verfertigung wollener Teppiche, an Güte und

Dauerhaftigkeit kommen sie den syrischen gleich, im Muster und in den

Farben stehen sie allerdings zurück. Ferner sind Schuhe, Burnusse und

Matten gerühmt.

Rbat auf dem bedeutend höher gelegenen linken Ufer des Flusses gelegen, hat

ein Castel auf seiner äussersten nach dem Meere gerichteten Seite, mit

sogen. bombenfesten Gewölben, und dicht dabei eine ziemlich grosse Djemma

(Moschee) mit einem sehr hübschen Smah (Minaret). v. Maltzan taxirt den

Thurm auf 180' und zieht ihn der Giralda von Spanien vor. Dieser Sma-Hassan

ist wie die Moschee selbst von Sultan Mansor erbaut. Leo sagt von ihm: "Vor

dem Süderthor liess er auch einen Thurm, dem zu Marokko ähnlich, errichten,

er hat aber viel breitere Treppen, worauf 3 Pferde nebeneinander

hinaufkommen können. Ich (Leo) rechne diesen Thurm in Rücksicht auf seine

Höhe zu den bewundernswürdigen Gebäuden."--Für Marokko, welches in keiner

einzigen Stadt einen nur irgend bedeutend hohen Minaret hat, ist dieser

Thurm des Hassan allerdings eine ausnahmsweise hohe Baute, aber im Orient

trifft man bei den Mohammedanern bei Weitem höhere Minarets.

Der Palast des Sultans ausserhalb der Stadt Rbat im Süden und fast hart am

Meere gelegen, ein vollkommen neues Gebäude, und irre ich nicht, erst vom

jetzigen Sultan erbaut, zeichnet sich nur durch Kasernenhaftigkeit aus. Es

ist ein ziemlich unbedeutendes Gebäude, mit einer Beletage, hat viele

Fenster, die aber nicht Glasscheiben besitzen, sondern durch hölzerne

Jalousien verschlagen sind. Vor dem Schlosse nach dem Strande zu befinden

sich Erdschanzen auf europäische Weise errichtet; einige Kanonen sind

ebenfalls darin.

Der von Maltzan erwähnte "römische Aquaduct" ausserhalb der Stadt, dessen

Ruinen noch heute vorhanden sind, ist indess nicht römischen Ursprungs,

wenn man anders den Aufzeichnungen von Leo Glauben schenken kann. Derselbe

sagt p. 177: "Weil in der Nähe der Stadt kein sonderlich gutes Wasser war,

so liess Sultan Mansor eine Wasserleitung von einer Quelle, die ungefähr 12

Meilen von der Stadt entfernt ist, hier anlegen; sie besteht aus schönen

Mauern, welche auf Bogen ruhen, gleich denen, die man hier und da in

Italien, vornehmlich um Rom sieht. Diese Wasserleitung theilet sich in

viele Theile: einige führen Wasser in die Moscheen, andere in die Schulen,

andere in die Paläste des Königs, andere in die öffentlichen Brunnen,

dergleichen für alle Districte der Stadt gemacht wurden. Nach Mansor's Tode

nahm die Stadt allmälig so ab, dass nicht ein Zehntel mehr übrig ist. Die

schöne Wasserleitung ist in den Kriegen der Meriniden gegen Mansor's

Nachfolger zerbrochen worden." So Leo. Ich muss indess bekennen, dass nach

Besichtigung der Ruinen dieser Wasserleitung ich ebenfalls geneigt bin mit

Maltzan sie für römischen Ursprungs zu halten, da nirgends anderswo, soviel

ich das Land habe kennen lernen, die Marokkaner selbst irgend ähnliche

Bauten aus massiven Quadersteinen errichtet haben.

Heutzutage entbehrt Rbat sehr dieser Wasserleitung, die Einwohner behelfen

sich zum Theil mit dem Wasser ihrer Cisternen, zum Theil holen sie weither

ihr Trinkwasser in Schläuchen. Nirgends ist daher auch das Trinkwasser

theurer als in Rbat. In allen grösseren marokkanischen Städten durchziehen

Wasserverkäufer mit einem grossen Schlauch auf dem Rücken, in der einen

Hand eine Glocke, in der anderen einen Becher haltend, die Strassen und

verkaufen dem Durstigen für einen Fls. den Labetrunk, der dann so bemessen

ist, dass der Käufer so viel trinken kann, wie er Durst hat. In Rbat aber

muss ganz genau das Maass inne gehalten werden.

Im Uebrigen hat die Stadt nichts Merkwürdiges, nur will ich nicht

unterlassen auf die unvergleichlich schönen Gärten aufmerksam zu machen,

die sich längs des linken hohen Flussufers hinziehen. Was nur das

glückliche Klima des Mittelmeeres hervorbringt, findet man hier blühen und

grünen.

Ich blieb nur kurze Zait [Zeit] in Rbat, und durch die lang ausgedehnte

jetzt leere Stätte der Mhalla (die Armee des Sultans), welche südwärts der

Stadt sich befand, dahin eilend, zog ich dem Süden weiter entgegen. Ich

hatte nun vollkommen unbekanntes Land vor mir, bis Rbat, wo ich auch früher

schon gewesen war, hatte ich fast alles Land kennen gelernt, was im

Bereiche des "civilisirten Marokko" lag. Einsam ohne Karavanen zogen meine

Begleiter und ich längs des Strandes dahin, den grauen Esel vor uns

hertreibend. Der Weg längs des Strandes bleibt auch hier einförmig und

langweilig. Indess so wenig die Natur bietet, so belebt ist andererseits

dieser Weg durch Menschen, denn bis Asamor ist hier die Hauptroute von Rbat

nach Marokko, von Asamor verlässt die Strasse das Meer, um ins Innere sich

hineinzuziehen.

Längs der Küste ziehen sich eine Menge Kasbahs hin, zum Theil in leidlichem

Zustande, zum Theil verfallen; sie erinnern lebhaft an die Befestigungen in

Spanien und Italien, deren Küsten ebenfalls überall mit Thürmen und

Festungen garnirt sind. In diesen Kasbahs kann der Wanderer Schutz vor

schlechter Witterung finden, oder übernachten, sonst bieten sie aber in der

Regel nichts, und die meisten sind ohne Insassen. Wir gingen bis

Mitternacht und nächtigten sodann in der Kasbah Scharret, am Flüsschen gl.

N. gelegen. Diese Kasbah bildet zugleich eine Cavalleriekaserne, es

befanden sich etwa 200 Reiter mit ihren Pferden in derselben. Wir konnten

von diesen Reitern unser Abendbrod kaufen, eigentliche Kaufleute waren aber

nicht vorhanden.

Zwischen Rbat und Asamor finden sich eine Menge von kleinen Flüssen, die

von Osten kommend alle das Meer _mit Wasser_ erreichen, und auch das

ganze Jahr Wasser halten. So passirten wir am folgenden Tage den

Ued-Bu-Steka und drei andere kleine Flüsse, und befanden uns Mittags am

Ued-Mansuria, der an seiner Mündung, zur Fluthzeit, nicht zu passiren

ist. Nach langem Suchen fanden wir endlich stromaufwärts gehend eine

Furth, die uns durchliess. Der auf den Karten angegebene Ort Mansuria

_existirt nicht_. Auf dem linken Ufer des Flüsschens befinden sich die

Trümmer der Kasbah Mansuria. Der Ort Mansuria soll nach Leo auch nicht

am Ocean, sondern zwei Meilen stromaufwärts am Flüsschen, das er Guir

nennt, gelegen sein. Aber schon zu Leo's Zeiten war das genannte

Städtchen nur noch ein Trümmerhaufe.

Wir gingen selben Tags noch bis zur Mündung des Flusses Ued-el-Milha, an

dessen linkem Ufer die Kasbah Fidala liegt. Ob Fidala nach der Meinung

Gosselin's das alte Kerne[130] gewesen sei, wage ich nicht zu entscheiden;

eine Insel ist in der Mündung des Flusses nicht, wohl aber ist auch hier

eine Nehrung. Im Innern der sehr geräumigen Kasbah lagerte ein ganzer Stamm

unter Zelten, aber auch feste Wohnungen waren da. Namentlich zeichnete sich

die in der Mitte der Burg liegende Djemma durch Sauberkeit der Arbeit und

gute Conservirung aus. Die Tholba (Schriftgelehrten) luden uns freundlichst

ein, in derselben die Nacht zuzubringen. Die meisten Häuser, die in Fidala

sind, liegen in Ruinen, der edle Styl derselben, die Abwesenheit des

maurischen Schwibbogens an Fenstern und Thüren sagen uns mit Sicherheit,

dass diese Gebäude von Europäern erbaut wurden. Renou behauptet indess,

dass Fidala 1773 von Sultan Mohammed gegründet sei. An vielen der Fenster

waren sogar noch Balcons.

[Fußnote 130: Kerne möchte eher beim heutigen Agadir zu suchen sein,

obgleich auch dort in der Bucht keine kleine Insel sich befindet,

aber keineswegs, wie Knötel meint, die Insel im Rio do Ouro sein.]

Am folgenden Morgen passirten wir eine lange über den schmalen Fluss

Ued-Dir führende Brücke, derselbe soll jedoch manchmal weit austreten.

Die Gegend bleibt immer dieselbe, rechts das Meer, und links die nicht

enden wollende Gegend der Provinz oder Landschaft Temsena, nur einmal

unterbrochen durch den grossen längs der Küste sich hinziehenden Sumpf

Um-Magnudj. Die gut bevölkerte Gegend bringt hauptsächlich Mais hervor,

der den Leuten als Hauptnahrung dient, indem sie ganz wie die Italiener

eine Polenta davon bereiten. Man kann sagen, dass an der ganzen Küste

von L'Araisch bis Asamor nicht die zu Kuskussu verarbeitete Gerste,

sondern der Mais oder türkische Weizen die Nationalkost ist. Auch wird

davon viel nach Spanien und Portugal exportirt.

Am selben Abend noch waren wir in Dar-beida (Weissenstadt und von den

Spaniern Casa bianca übersetzt), wo wir bald bei einem Kaffeehausbesitzer,

den ich von Fes her kannte, ein gastliches Unterkommen fanden. Dar-beida

bildet eine Art befestigten Vierecks, dessen Mauern jedoch ausser Stande

sind, den geringsten Widerstand gegen Europäer zu leisten. Sowie von

Masagan und Safi wird auch von hier aus bedeutend exportirt, und

hauptsächlich sind es Wolle, Oel, Mais, Weizen, Mandeln und Felle, welche

die Eingeborenen den Europäern zu Markte bringen. Die Einwohnerschaft von

Dar-el-beida beläuft sich auf ca. 300 [3000] Seelen, unter denen sich

eine zu den übrigen Hafenstädten Marokko's verhältnissmässig grosse Zahl

von Europäern befindet. Ich fand es höchst auffallend, dass alle

Lebensmittel hier so theuer waren, vielleicht ist die Concurrenz der

Europäer daran Schuld. In der Meeresbucht befanden sich sieben grössere

europäische Fahrzeuge, im Begriffe, ihre Ladungen einzunehmen. Sie

kommen meist ohne Waaren an, wenn man anders nicht die Silberthaler

(spanische und französische) als Importationsartikel rechnen will. Aber

der Vortheil, den die Europäer auf die eben angeführten

Exportationsartikel machen, ist ein sehr grosser. Deutschland betheiligt

sich gar nicht daran. An Merkwürdigkeiten hat die Stadt nichts

aufzuweisen.

Maltzan nimmt an, dass Dar-beida oder Dar-el-beida die Stadt Anfa Leo's

sei. Es ist auch wohl nicht daran zu zweifeln, aber Leo's Angaben über die

Entfernung Anfa's sind höchst ungenau, er sagt: "Anfa ist eine grosse von

den Römern erbaute Stadt am Ufer des Oceans, ungefähr 60 Meilen vom Atlas

gegen Norden, ungefähr 60 Meilen von Azemur gegen Osten und ungefähr 40

Meilen von Rabat gegen Westen gelegen." Leo scheint die Stadt gleich nach

der Zerstörung derselben durch die Portugiesen besucht zu haben, er fand

sie ganz verödet und von Einwohnern verlassen. Nach Maltzan wurde sie erst

1750 von Mulei Ismaïl unter dem Namen Dar-el-beida wieder aufgebaut. Nach

Renou wiedererbaute sie Sultan Mohammed, was wahrscheinlicher ist, da

Ismaïl von 1672-1727 regierte. Von Dar-beida nach Asamor brauchte ich zwei

Tage. Der auf fast allen Karten Marokko's angegebene Ort Mediona, der an

der Küste liegen soll, existirt dort nicht, wohl aber ca. 3 Meilen

landeinwärts; Mediona ist weiter nichts als eine von einigen Duar umgebene

Kasbah.

Endlich war die weite Mündung des Um-Rbea, oder wie man gewöhnlich sagt

Mrbea erreicht. Der Fluss ist so tief, dass er selbst zur Ebbezeit nie

durchwatet werden kann, aber eine gute Fähre ist vorhanden, mit der man

übergesetzt wird. Der Fluss Um-Rbea, vom Atlas entspringend, hat auf seinem

linken Ufer die bedeutende Stadt Asamor; aber so bedeutend dieselbe ist,

ich schätze die Einwohnerzahl auf 30,000 [3000] Seelen, so wird ihrer

selten in den geographischen Handbüchern gedacht. Der Name Asamor

bedeutet aus der Tamasirht-Sprache übersetzt, die Oelbäume, und

eigentlich hat die ganze Stadt den Namen Asamor-es-Sidi-Bu-Schaib, d.h.

die Oelbäume des gnädigen Herrn Bu-Schaib. Ursprünglich war hier nämlich

weiter nichts als ein Sanctuarium dieses Schaib's, dessen kleine

"Kubba", in der er begraben liegt, sich noch heute in Asamor befindet

und die in naher Umgegend als ein grosses Heiligthum gilt. Die

Zahlenangaben über den Angriff von Asamor durch die Portugiesen sind bei

Maltzan nicht genau. Erst 1508 begannen die Portugiesen zu belagern,

jedoch ohne Erfolg, aber im Jahre 1513 wurde die Stadt erobert, zerstört

und nach einem zweiunddreissigjährigen Besitze von den Christen

freiwillig aufgegeben[131].

[Fußnote 131: Siehe darüber Leo, Dapper und Renou.]

Asamor, auf einer ca. 150' hohen Anschwellung des Erdbodens gelegen, wird

merkwürdigerweise von Arlett mit nur 700 Einwohnern angegeben. Andere aber,

die doch auch gute Notizen über die Stadt hatten oder auch Asamor selbst

gesehen haben, sind darüber auch anderer Meinung, so nennt Dapper sie

"überaus volkreich", Lempriere "ein grosser Ort." Die Sache ist nämlich

die, dass von allen Häfen, Asamor und Agadir die einzigen sind, wohin

Europäer selten kommen. In _allen_ marokkanischen Hafenstädten, so

klein sie auch sein mögen, giebt es Consuln und Consularagenten. So in

Arseila, in L'Araisch, in Masagan etc., aber in der Stadt Asamor und Agadir

sind weder christliche Consuln noch Europäer. Allerdings sind in Sala auch

keine Consuln, aber der Grund liegt mehr in der Nähe von Neu-Sala oder

Arbat, als in einer anderen Ursache.

So ist denn auch Asamor eine vollkommen marokkanische Stadt, der ganze

Handel, die Industrie hat etwas urwüchsig Marokkanisches an sich. In dieser

schönen Flussmündung, welche meilenweit nach oben hin noch salziges

Meerwasser hinauftreibt, sieht man nie europäische Schiffe. Der ganze

Handel von Asamor mit dem Binnenlande beruht auf eigner Production und

Manufactur. Man verfertigt namentlich Haike, Burnusse, Matten, Schuhe und

Töpfergeschirr. In der Nähe der Stadt ist bedeutender Gemüsebau, aber die

Früchte werden mehr nach aussen hin, nach Dar-beida und Masagan exportirt,

als in der Stadt selbst aufgebraucht.

Ich durfte nicht unterlassen "den berühmten Heiligen Mulei Bu-Schaib zu

besuchen", so sagt man in der That in Marokko, einerlei ob der Heilige noch

lebt oder todt ist. Man redet dann auch einen solchen Heiligen wenn er

gestorben ist so an, als ob er noch lebte: "es ssalamu alikum ia Mulei

Bu-Schaib" etc. Als ich eintrat in den kleinen Grabdom, war denn auch

das ganze Mausoleum voller Bittsteller, alle umhockten oder Umlagen den

Sarkophag, d.h. ein hölzernes mit rothem Tuch und reich mit Seide

gesticktes umhangenes Holzgestell. Den grössten und eigentlichen Segen

hatten indess nur die Schriftgelehrten des Mulei Bu-Schaib, die von

jedem Betenden eine Gabe zu erpressen wussten. Als höchst merkwürdig

fiel mir auf, dass diese Tholba (Schriftgelehrte) durch besondere Tracht

sich auszuzeichnen suchten von ihren Mitgläubigen, wie die Pharisäer der

Bibel. Bei den übrigen Marokkanern unterscheidet sich aber, wie schon

angeführt, der Schriftgelehrte von seinen Mitgläubigen nie durch Tracht,

und wenn er auch der erste Faki der Djemma Mulei Abd Allah Scherif von

Uesan wäre. Sowie durch eigne Tracht, so zeichneten sich denn auch diese

Tholba durch grosse Selbstgefälligkeit und religiöse Eitelkeit aus.

Ehe ich von Asamor aus weiter zog, muss ich eines kurzen Abstechers

erwähnen, den ich von hier aus mit einer Karavane nach der Stadt Marokko,

von den Eingebornen Marakesch genannt, machte. Es war nur eine kleine

Karavane aus lauter Eseltreibern bestehend, welche Töpferwaaren ins

Innere des Landes führten, dabei bis Marokko wollten, um von dort andere

Waaren zurückzubringen. In Gesellschaft dieser Leute war es vollkommen

unmöglich irgendwie nur Aufzeichnungen zu machen. Die Gegend sah zu der

Zeit sehr traurig aus, da es Herbst war und die ersehnten Regen wollten

sich nicht einstellen, so dass man hatte glauben können in der Vorwüste zu

sein. Und doch muss diese Landschaft im Winter und Frühling ein ganz

verändertes Aussehen haben. Die kahlen Lotusbüsche bekleiden sich dann mit

frischen hellgrünen Blättern, die einförmige Zwergpalme sendet neue Fächer

aus der Erde und reift ihre kleinen äusserlich der Weintraube nicht

unähnlichen Beeren, Zwiebeln und Gräser spriessen aus der Erde und die

Heerden kehren von den immergrünen Weideplätzen der Atlasstufen zurück.

Wir marschirten den ersten Tag sehr anstrengend, um zur rechten Zeit auf

dem Markte el Had (Sonntag) zu sein, und noch denselben Tag wieder

aufbrechend, überzogen wir sodann einen niederen Gebirgszug von Nordwest

nach Südost streichend, der an der Gegend, wo wir ihn überschritten, den

Namen Dj. Ssara führte. Sobald man den Kamm dieser Hügel, welche zugleich

die Wasserscheide zwischen dem Mrbea und Tensift bilden, überschritten hat,

erblickt man die schneeigen Gipfel des grossen Atlas. Aber so nahe die

Berge zu sein scheinen, so fern sind sie noch; ehe man nur die Stadt

Marokko erreicht, hat man noch drei Tagemärsche.

Der Sultan war zu der Zeit mit der ganzen Armee dort; er hatte sich den

Eintritt in die zweite Hauptstadt seines Landes erkämpfen müssen. Die

Stämme der Rhammena, südwestlich von Marokko auf den Abhängen des Atlas

heimisch, hatten sich kurz vor seiner Ankunft empört und hielten die Stadt

umschlossen. Aber die Rhammena hatten nicht auf die Kanonen des Sultans

gerechnet, trotzdem sie sich ziemlich hartnäckig bei der Sauya-ben-Sassy

südlich von der Stadt vertheidigten. Sobald die Kanonen erdröhnten, wurden

sie leicht bewältigt, und nachdem so und so viel Köpfe waren abgeschnitten

worden, welche als Warnung an sämmtliche Städte des Reiches vertheilt

wurden, nachdem sie aller Habe waren beraubt worden, war wieder Ruhe im

Lande.

Ich blieb nur zwei Tage in Marokko und verliess das Funduk (Gasthaus) nur

Abends, um nicht Bekannten zu begegnen. Denn trotzdem der Sultan durch

Vermittelung des englischen Gesandten mir beim Weggange von Mikenes

freigestellt hatte, im Lande zu bleiben und überall frei hingehen zu

können, fürchtete ich, falls er erführe, ich sei in Marokko, festgehalten

zu werden.

Die Stadt Marokko ist nach Beaumier's Beobachtungen mit einem

holosterischen Barometer 408 Meter über dem Meere gelegen. Die Einwohnezahl

[Einwohnerzahl] der Stadt ist, sehr wechselnd, je nachdem der Sultan

anwesend ist oder nicht. Sir Drummond Hay, der zuverlässigste Gewährsmann,

und der von allen Europäern am besten die Städte des Innern kennen lernte,

nimmt 70,000 Einwohner an. Zur Zeit, als er dort den Sultan besuchte, ist

das auch wohl richtig gewesen, in gewöhnlichen Zeiten sind aber wohl nicht

mehr Bewohner in der Stadt, als wie Maltzan, Beaumier und Lambert annehmen:

50,000.

Nach Leo und den meisten Geographen soll Marokko von Yussuf-ben-Taschfin

erbaut sein, Renou, sich auf Cooley stützend, giebt das Jahr 1073 als

Erbauungsjahr an. Es ist indess wohl genauer, wenn wir mit Sedillot

festhalten, dass der Feldherr Abu-Bekr, ein Partisan von

Abd-Allah-ben-Taschfin, einige Jahre früher die Stadt anlegte. Von der

Bedeutung aber, wie Marokko unter Yussuf, unter seinem Sohne Ali gewesen

ist, von welcher Epoche Leo sagt, die Stadt habe hunderttausend Häuser

gehabt, davon hat dieselbe nur den grossen Umfang behalten. Nach Lambert

sollen die jetzigen Mauern der Stadt, die aus Tabi (d.h. einer Mischung

aus Thon, Kalk und kleinen Steinchen, welche Masse zwischen Brettern

gestampft und gepresst wird) bestehen, und die wie die Umfassungsmauern

aller marokkanischen Städte von Entfernung zu Entfernung flankirende

Thürme haben, vom Sultan Mohammed ben Abd-Allah (1757-1790), dem

fähigsten und bedeutendsten marokkanischen Kaiser der Neuzeit, gegründet

sein.

Ganz entgegengesetzt zu Fes hat die Stadt Marokko mit wenigen Ausnahmen nur

einstöckige Wohnungen, und an den Seiten der _breiten_ Gassen findet

man oft grosse Gärten. Nur im Handelscentrum der Stadt verengen die

engstehenden Häuser die Strassen. Im Uebrigen hat die Stadt ihre Kessaria

(eine ganz neu erbaute für fremde Artikel ist nach Lambert kürzlich

hinzugekommen), ihre Ataria, ihre grossen und kleinen Funduks, ihre

Marktplätze, auf denen der bedeutendste Markt vor der Djemma el Fanah und

der andere ausserhalb der Stadt vor dem Thore "Chamis" abgehalten werden.

Auch ein Narrenhaus, Morstan, befindet sich in Marokko mit ähnlicher

Einrichtung wie in Fes.

An öffentlichen Gebäuden ist die Stadt arm, der Palast des Sultans, obschon

äusserst umfangreich, zeichnet sich durch nichts aus. Die berühmteste

Moschee ist die Kutubia, so genannt von den Adulen (Schreibern) und Ketabat

(Büchern), welche dort, erstere ihr Handwerk treiben, letztere ebenda zu

kaufen sind. Der hohe Thurm der Kutubia soll nach Lambert ca. 250 Fuss,

nach Maltzan ca. 210 Fuss hoch sein, und v. Maltzan schätzt die Architektur

auch dieses Thurmes höher als die der Giralda von Sevilla, welche doch von

Lübke in seiner Geschichte der Architektur als eines der schönsten

Baudenkmäler spanisch-maurischer Architektur hervorgehoben wird. Was die

innere Anordnung der Djemma anbetrifft, so gleicht sie fast der grossen den

"Erzengeln" gewidmeten Moschee in Fes. Auch hier die grosse Zahl von

Säulen, die von Spanien hergeholt sein sollen, auch hier die reizenden

Springbrunnen, die aber oft genug kein Wasser spenden. Denn die einst so

schönen Wasserleitungen der Stadt, weiche von den Bergen Misfua und Mulei

Brahim das Wasser der Stadt zuführen, liegen in verwahrlosetstem Zustande.

Von den übrigen Moscheen ist wenig zu berichten. Das grösste Heiligthum der

Stadt ist die Sauya des Sidi-bel-Abbes, im Norden der Stadt gelegen.

Sidi-bel-Abbes ist zugleich der Schutzpatron der Stadt, er liegt dort in

einer kleinen Kubba begraben. Alle Fremde, namentlich Pilger, werden

hier unentgeltlich drei Tage lang verpflegt; es versteht sich, dass

diese Sauya auch Zufluchtsort für Verbrecher und unrechtmässig Verfolgte

ist.

Das Ghetto der Juden, wie in allen marokkanischen Städten "Milha" genannt,

d.h. der gesalzene Ort, wird nach Lambert häufig Spasses halber von den

Mohammedanern "Messus", d.h. der "salzlose Ort" genannt; man schätzt die

Zahl der Juden auf 6000 Seelen. Moses Montefiori, der im Jahre 1864 in

Marokko war, um beim Sultan eine verbesserte Lage für seine unglücklichen

Glaubensgenossen herbeizuführen, hat dies trotz seiner reichen Geschenke

keineswegs zu Wege bringen können, sie leben dort heute noch in derselben

unglücklichen und unterdrückten Art, wie bisher. Für die Christen scheint

aber dort ein Umschwung eingetreten zu sein. Beaumier konnte mit seiner

Frau, freilich in seiner Eigenschaft als Consul, im Jahre 1868 unbehindert

die Stadt nach allen Richtungen hin durchziehen, und der schon mehrere Male

genannte Hr. Lambert bewohnt Marokko seit Jahren. Um dies zu können, muss

man aber vor allem der Sprache vollkommen mächtig sein, und man muss es

verstehen, Demüthigungen und Vexationen, ähnlich wie sie von den

Mohammedanern den Juden täglich auferlegt werden, zu ertragen. Aber

keineswegs möchte ich doch empfehlen, wie Hr. Lambert das am Ende seines

der Pariser geographischen Gesellschaft überreichten Berichtes thut: "die

Touristen einzuladen, statt nach oft besuchten Gegenden zu gehen, nach

Marokko zu kommen, um Ausflüge in die Umgegend zu machen". Solche sichere

Zustände herrschen heute im Innern dieses Landes noch nicht[132].

[Fußnote 132: Die Folge eines solchen französischen Berichtes

verursachte auch den Tod von Alexandrine Tinne. Sie berief sich

stets auf die zwischen Colonel Mircher und den Tuareg vereinbarten

Verträge, als man ihr rieth nicht ins Land der Tuareg zu gehen;

Obschon sie wissen musste, dass diese Verträge nur auf dem

französischen Papiere existirten, da von Seiten der mächtigen und

besitzenden Tuaregfürsten Niemand erschienen war mit Oberst Mircher

zu unterhandeln.]

Ausser diesen vereinzelten Christen und den der Zahl nach genannten Juden

besteht die Bevölkerung von Marokko aus Berbern, Arabern und Schwarzen.

Letztere, vorzugsweise wie in ganz Marokko aus Haussa- und Bambara-Negern

zusammengesetzt, fasst man auch hier unter dem Namen Gnaui zusammen, sie

sind alle Bekenner des Islam, haben aber viele von ihren einheimischen

Sitten beibehalten. Dadurch, dass man fast mehr Schellah als Arabisch in

Marokko reden hört, könnte man versucht sein zu glauben, die

Berberbevölkerung sei überwiegend. Das ist aber nur anscheinend und

namentlich an den Markttagen, wo die ganze Landbevölkerung in die Stadt

hereinkommt, der Fall. Der eigentliche Städter ist arabischer Herkunft, hat

zwar oft viel fremdes Blut, pocht aber darauf, für einen Araber gehalten zu

werden. Wie in den übrigen Städten Marokko's findet man auch hier viele

Bewohner aus den übrigen grossen Ortschaften Nordafrika's, die manchmal

einzelne Jahre lang, andere auch für immer sich fixiren, oder auch noch im

Alter, nachdem sie ein kleines Vermögen erworben, in die Heimath

zurückkehren.

Für die Aussätzigen hat man im Norden der Stadt ein eignes Dorf,

Harrah[133] genannt; diese, die nur unter sich heirathen, dort eine eigene

Djemma (Gotteshaus) und eigne Medressen (Schulen) haben, deren Vorstände

ebenfalls Aussätzige sind, dürfen nie die Stadt betreten. Dagegen sieht man

dieselben den ganzen Tag vor dem Thore "Dukala" herumlungern, um Almosen zu

erflehen. Es giebt übrigens auch Begüterte unter ihnen, denn sie treiben

Industrie, haben ihren eignen Grund, auf dem sie ackern und Gärten bebauen,

und die übrigen Marokkaner scheuen sich nicht, mit ihnen zu handeln; wenn

aber Lambert sagt, die Furchtlosigkeit vor den Aussätzigen würde so weit

getrieben, dass die Stadtbewohner mit den Leprösen aus einer Schüssel

assen, oder in einem Zimmer schliefen, so ist das wohl übertrieben. In

diesem Harrah giebt es eine Milha für die aussätzigen Juden.

[Fußnote 133: Mit diesem Worte bezeichnet man in den östlichen

Städten Nordafrika's das Judenquartier.]

Der Handel von Marokko ist gegen den von Fes gehalten gering, es fehlt den

Marokkanern die Geschicklichkeit und der Unternehmungsgeist. Die einst so

hoch berühmten Gerbereien von Leder (Corduan, Maroquin, Safian) liegen im

Verfall, allerdings existiren noch ganze Strassen, wo man nur gelbe und

rothe Leder, oder davon fabricirte Schuhe kaufen kann, aber das schönste

Leder wird heute in Fes bereitet. Hauptwichtigkeit hat Marokko im Handel

für die südwärts gelegenen Atlastheile und die grosse Oase des Ued-Draa. So

beziehen denn auch sämmtliche Arabertriben, die den beschwerlichen Weg über

den Atlas scheuen, ihre Dattelvorräthe von Marokko, und die Marokkaner

holen ihren Vorrath vom Draa.

Schon am dritten Tage Morgens verliessen wir die Stadt wieder. Was mich

anbetrifft, so hatte ich von derselben höchstens ein Bild gewonnen, so wie

es der jetzige Reisende mit nach Hause bringt, wenn er die Eisenbahn

verlässt, um sich in irgend einer Stadt am Wege einen Tag lang aufzuhalten.

Aus eigner Anschauung hatte ich nur die Märkte bei Abend, die Kutubia und

die Sauya Sidi-bel-Abbes kennen gelernt.

Der Rückweg wurde auf dieselbe Art gemacht, nur für mich auf angenehmere

Weise, da einige reiche marokkanische Kaufleute sich der Karavane

angeschlossen hatten, welche Zelte hatten, und die sich ausserdem täglich

den Luxus einer Tasse Thee erlaubten, und wenn wir in der Nähe eines Duars

lagerten, dafür sorgten, dass die ganze Karavane auf ihre Kosten Fleisch

bekam. Es ist sehr häufig, dass in diesem Lande, wo das Alleinreisen mit

der grössten Gefahr verbunden ist, sehr reiche Kaufleute sich mit

Maulthierkaravanen zusammenthun, und dass sie unter dem "Aman", Schutz

einer solchen "Gofla", Karavane weite Reisen zurücklegen.

Wieder angekommen in Asamor, trennten wir uns, der reichere Theil der

Karavane zog nach dem Norden, der grösste Theil blieb im Ort selbst, oder

in der Umgegend, und wir beide zogen längs des Oceans weiter, nachdem wir

noch einige Tage Rast in der Stadt gemacht hatten. Bis zum nächsten Orte el

Bridja, d.h. kleine Burg, von den Europäern Masagan genannt, ist gerade

eine deutsche Meile Weges.

El Bridja, ein länglichtes ummauertes Viereck, wird fast nur von Europäern

und Juden bewohnt, und der Handel, der in Asamor sein sollte, wird hier

betrieben. Die Mohammedaner begnügen sich damit ausserhalb der Stadtmauer,

die übrigens halb in Ruinen ist, in Hütten und Zelten zu wohnen. In el

Bridja, Masagan, oder wie sie drittens von den Gläubigen genannt wird: Dar

djedida, d.h. Neustadt[134], ist denn auch ein bedeutender Export-Handel,

den Beaumier auf 1/8 der Gesammtausfuhr vom Lande anschlägt. Ich traf dort

über 20 europäische Schiffe auf der Rhede, und wie lebhaft der Handel dort

florirt, geht am besten daraus hervor, dass in diesem kleinen Orte, wo 1864

sicher nicht mehr als 1000 Einwohner waren, alle europäische Nationen einen

Vertreter hatten.

[Fußnote 134: Diese kleine Stadt scheint sich durch den Reichthum an

Namen auszuzeichnen, man hört sie auch El-Maduma, d.h. die

Zerstörte, nennen.]

Wir verliessen Masagan und wieder längs des Meeres ziehend, kehrten wir

Nachts bei Arabern in einem Duar (Zeltdorf) gelagert, ein. Ein neues

Unglück sollte mich hier erreichen, der Spanier mein Begleiter war Nachts

mit dem Esel aufgebrochen und hatte das Weite gesucht. Er hatte mir nichts

zurückgelassen, als was ich auf dem Leibe trug, und ein kleines

Ledertäschchen, welches ich als Kissen unter dem Kopfe hatte, und worin

glücklicherweise etwas Geld war. Die Hauptsumme aber, alles was ich an

Kleidung besass, hatte er aufgepackt und war damit verschwunden.--Es wäre

unnütz gewesen hinterdreinlaufen zu wollen, zumal ich annehmen musste, dass

die Leute des Zeltdorfes wohl mit ihm im Einverständnisse gehandelt hatten,

denn ohne ihr Wollen hätte er sich unmöglich Nachts allein aus dem Duar

entfernen können. "Mktub er Lah", es war von Gott geschrieben, sagte ich

nach Sitte der Marokkaner, verliess das Zeltdorf, und erreichte ziemlich

früh Ualidia.

Dies ist jetzt ein kleines Dorf ohne alle Bedeutung, scheint aber früh eine

ziemlich bedeutende Stadt gewesen zu sein. Ein Theil der Stadtmauern und

der Thore sind noch vorhanden. An der Küste befindet sich, südlich vom

Dorfe, der beste Hafen des ganzen marokkanischen Ufers, wenn derselbe auch

nicht gross ist. Es ist dieser Hafen lagunenartig, haffartig

eingeschnitten, der Art, dass die davorliegende Nehrung von Felsen gebildet

ist. In früheren Zeiten soll dieser Hafen auch benutzt worden sein, jetzt

liegt derselbe unbeachtet und fast unbekannt da. Verschiedene Reisende,

welche die Küsten Marokko's besucht haben, haben auch auf die

Vortrefflichkeit des Hafens von Ualidia aufmerksam gemacht, unter ändern

Frejus.--Nach Jackson wird Ualidia so genannt, weil es vom Sultan Ualid

erbaut worden ist.

Ich blieb in diesem Orte nur um zu frühstücken, das Essen wurde mir auf

zuvorkommende Weise von den Schriftgelehrten der Djemma angeboten, und alle

erflehten auf mich den Segen Allah's herab, um mich für meinen Verlust zu

trösten, und zugleich verfehlten sie nicht den Vater des Diebes und ihn

selbst (in Gedanken und mit Worten) zu verbrennen, zu verfluchen und auf

ewig zu verdammen. Leider bekam ich dadurch meinen Esel nicht wieder, und

ihr Segen befreite mich auch nicht vom Fieber. So musste ich Nachmittags

schon wieder Zuflucht in einem Zeltdorfe suchen, da ich von wahren

Schüttelfrosten befallen wurde. Am anderen Tage früh aufbrechend, erreichte

ich nach einem für mich recht anstrengenden Tagesmarsch spät Abends Saffi.

Saffi, wie die Europäer die Stadt, Asfi, wie sie die Eingeborenen nennen,

liegt in einer weiten nach Westen offenen Bucht, deren äusserster Nordpunkt

vom Cap Cantin gebildet wird. Die Stadt liegt unmittelbar am Ocean, ist von

Mauern umgeben, besitzt an der Nordseite ausserdem eine Kasbah und hat ca.

3000 Einwohner, darunter einige Hundert Juden und ca. 50 Christen. Asfi

wurde 1508 von den Portugiesen erobert, und sie blieben im Besitze der

Stadt bis 1541, in welchem Jahre sie dieselbe freiwillig aufgaben. Chénier

führt an mehreren Stellen an, die Portugiesen hätten Asfi 1641 verlassen,

was aber wohl irrthümlich ist, wenn man anders nicht nachweisen kann, dass

sie es zum zweiten Male genommen. Das beim Cap Cantin anfangende oder

endigende Gebirge Dj. Megher tritt, Asfi umgehend, zurück, sendet aber

kleine Ausläufer bis dicht zur Stadt, dadurch wird die Ufer-Gegend weniger

einförmig, und das Gebirge selbst muss seines reichen Baumschmuckes halber

je näher man kommt desto romantischer sein.

Ich fand in Asfi alle Funduks besetzt, fand aber bei einem Juden

Unterkommen. Mein erster Gang war zum englischen Consul Mr. Carstensen,

denn so sehr ich sonst auch mied, mit Europäern in Berührung zu kommen, so

zwang mich andererseits mein Zustand, mich auf alle Fälle wieder in den

Besitz von Chinin zu setzen. Ich fand selbstverständlich den freundlichsten

Empfang, nicht nur fand ich das ersehnte Medicament, auch mit einer kleinen

Geldsumme half Hr. Carstensen (die ich ein Jahr später die Freude hatte,

ihm persönlich in Tanger zurückerstatten zu können) auf edelmüthige Art

aus. Ehemaliger dänischer Officier, hatte Mr. Carstensen später in dem

Krimkriege unter den Engländern Dienste genommen, und war durch

Verheirathung in die englische Consulatscarrière gekommen. Seine Einladung,

auf dem Consulate zu logiren, schlug ich indess wohlweislich aus, ebenso

verführten mich auch nicht die Anerbietungen des französischen Consuls,

dessen beiden Söhne, obschon Christen, auffallenderweise immer in

marokkanischer Tracht gingen. Aber das Essen, welches mir Hr. Carstensen

nach meinem Judenquartier während meines Aufenthaltes schickte, Teller,

Messer und Gabeln, Servietten und Wein fehlten auch nicht, liess ich mir

herrlich schmecken. Seit zwei Jahren das erste Mal, dass ich das Essen

nicht direct mit _den Fingern_ in den Mund zu bringen brauchte.

Ich blieb zwei Tage in dieser regen Handelsstadt, auf welche nach Beaumier

1/8 des gesammten Seehandels kommt. Auf der Rhede lagen auch hier mehrere

europäische Kauffahrer.

Der Weg von Asfi bis zum Fluss Tensift ist äusserst beschwerlich; wenn

Fluth ist, tritt das Wasser nämlich dicht an die Felsen, und über diese

muss man dann bergauf bergab klettern, da das Gebirge gegen das Meer hin

sich durch zahllose Rinnsale zerklüftet. Man braucht von der Hauptstadt der

Landschaft Abda, d.h. von Asfi bis zum Ued-Tensift, der zugleich die Grenze

der Landschaft Schiadma ist, 6 Wegstunden.

Obschon die Mündung des Tensift sehr breit ist und hohe abschüssige Ufer

hat, kann man sie zur Zeit der Ebbe durchwaten. Aber die Eingebornen müssen

zur Hand sein, um die Stelle zu zeigen. Das äusserste rechte Ufer wird

gebildet durch den südlichen Vorsprung des Megher-Gebirges, welches

eigentlich mit dem Hadid-Gebirge Eins ist, denn am linken Ufer des Tensift

zeigen die Gesteinmassen des Dj. Hadid so vollkommene Uebereinstimmung mit

dem Megher-Gebirge, dass man zur Annahme berechtigt ist, der Ued-Tensift

habe diesen Gebirgszug durchbrochen, um das Meer zu gewinnen. Einen Ort

Rabat el Kus, wie er im Maltzan und auf verschiedenen Karten an der Mündung

des Tensift angegeben ist, fand ich nicht. Hingegen stiess ich (das

Uebersetzen hatte viel Zeit weggenommen) auf dem linken Ufer auf die kleine

Sauya Sidi el Hussein, in der ich freundliche Aufnahme fand und nächtigte.

Höchst romantisch nahmen sich von hier ca. 1 Stunde entfernt, im Osten die

Ruinen einer alten Burg, Namens Kasbah Hammiduh, aus. Mitten im Walde auf

schroffem Felsen gelegen, hatte es ehemals wohl die Aufgabe, die Einfahrt

in den Tensift zu vertheidigen.

Die Gegend wird jetzt immer abwechselnder, tiefe Buchten, welche das Meer

macht, bewaldete Bergabhänge, entschädigen für den langweiligen Marsch auf

dem weissen Sande des Strandes. Ich nächtigte noch einmal bei einer

Grabkapelle Sidi Abd Allah Bettich und erreichte sodann am dritten Tage

nach meiner Abreise von Asfi am Morgen früh die Stadt Ssuera oder Mogador.

Mogador ist eine Schöpfung neuester Zeit. Ob der Ort Tamusiga des

Ptolemaeus oder, wie Knötel will, Suriga hier gelegen hat, lasse ich dahin

gestellt sein. Letzterer meint, der Name Ssuera sei von Suriga abgeleitet.

So ähnlich nun auch beide Namen sind, so dürfte die Etymologie de Laporte's

die richtigere sein. Er leitet Ssuera von Ssura Bildniss her, Ssuera würde

dann kleines Bild bedeuten, und da in Marokko manchmal mit dem arabischen

Diminutiv etwas Hübsches, Niedliches, verbunden gedacht wird, so würde

Ssuera "liebliches Bildchen" bedeuten. Diese Herleitung des Wortes Ssuera

von Ssura hat um so mehr Wahrscheinlichkeit, als die Berber die Stadt

Tassurt nennen und dies bedeutet in der Berbersprache ebenfalls ein

hübsches Bildchen.

Der Name Mogador kommt ohne Zweifel vom Grabmal des Heiligen Sidi Mogdal

oder Mogdur her, dessen Kapelle sich südlich vom jetzigen Orte in nicht

weiter Ferne befindet. Wenn übrigens die Stadt Mogador erst 1760 vom Sultan

Mohammed-ben-Abd-Allah gegründet, und wie eine noch am Hafen befindliche

Inschrift bekundet 1184 (1773 nach J.C.) vollendet wurde, so wissen wir aus

den Berichten der Väter der Provinz Touraine, dass der Name Mogador, den

sie auf die vor Mogador liegenden Inseln anwenden, schon bedeutend früher

vorkommt; ja, man findet Hafen und Insel Mogador schon auf der

catalanischen Karte von 1375 eingetragen[135].

[Fußnote 135: Renou p. 43.]

Die Stadt liegt auf einer kurzen, flachen und nach Südwest ins Meer sich

senkenden Landspitze. Vor der Bucht, welche so gebildet wird, zieht sich

dann eine grössere Insel hin, und weiter nach Süden und dem Lande näher,

noch vier kleine Eilande. Die grosse Insel ist durch ein Fort befestigt,

das aber jetzt nur marokkanische Sträflinge enthält, und seit dem

Bombardement des Prinzen Joinville am 14. August 1844 nur äusserst

nothdürftig wieder hergestellt ist. Eine der kleineren flachen Inseln hat

ebenfalls eine Fortification. Die Stadt, selbst, fast viereckig von Form,

ist eigentlich nach der Seeseite zu befestigt, denn die Mauern nach der

Landseite zu, etwa 20' hoch sind kaum 6' dick und aus dem schlechtesten

Material erbaut. Nach der Wasserseite aber ist die Kasbah mit ca. 30' hohen

Mauern und Bastionen, und diese Kasbah, worin der Gouverneur, die Consuln,

vornehme Christen und Juden wohnen, ist auch von der eigentlichen Stadt

durch eine gleich hohe Mauer getrennt. Diese hat breitere und vollkommen

gerade Strassen und nur einstöckige Wohnungen, während in der Kasbah die

Strassen zwar auch gerade, aber eng sind, was noch um so mehr hervortritt,

weil die Häuser der Kasbah meist mehrere Stock haben. Der Marktplatz des

Ortes hat Säulengänge, ähnlich wie in L'Araisch.

Die Zahl der Bevölkerung dürfte 10-12000 Seelen incl. der Juden und

Christen betragen. Dass Mogador, obschon am entferntesten von Europa

gelegen, bislang von allen marokkanischen Häfen den bedeutendsten Handel

hatte, verdankt es nicht allein den Anstrengungen der marokkanischen

Regierung, sondern zum Theil seinem reichen Hinterlande; dann auch weil

Agadir den Europäern verschlossen worden ist, und somit alle Producte der

Landschaften südlich vom Atlas, ja von einem Theile des Sudan her, hier

zusammenströmen. Indess dürfte Tanger, was Werth und Menge der Aus- und

Einfuhr anbetrifft, wohl bald Mogador überflügeln. Importirt werden hier

besonders Baumwollenstoffe und Thee aus England, Zucker aus Belgien und

Frankreich, Tuche, Wachszündhölzchen und Stearinlichte aus Frankreich

(letztere, sowie auch Salonzündhölzchen, ebenfalls aus Wien), Bretter aus

Oesterreich, Stahlwaaren und Waffen aus England und Deutschland, endlich

eine Menge kleinerer Sachen aus Deutschland, welche aber nur durch

Zwischenhandel dahin gelangen. Exportirt wird Getreide, hauptsächlich

Weizen, Gerste und Mais, trockne Hülsenfrüchte, besonders Saubohnen,

Thierfelle, Schafwolle, und an Früchten Mandeln, Datteln, Oliven; aus dem

Sudan werden Federn und Elfenbein gebracht, Gummi kommt heute in Mogador

wohl kaum mehr zum Export. Ebenso hat die Sclavenausfuhr von hier, die in

den dreissiger Jahren auch von deutschen Schiffen unter dem Namen von

"Ebenholzhandel" stark betrieben wurde, ganz aufgehört.

Mogador hat wirkliche Consuln aller Mächte, mit Ausnahme des Deutschen

Reiches.

Ich hatte mir in einem Funduk ein leidliches Zimmer zu verschaffen gewusst

und blieb einige Tage in der Stadt, um meine Gesundheit wieder etwas

herzustellen. Der englische Consul versorgte mich mit Chinin.

Und dann sagte ich mit Mogador dem letzten Hauche der Civilisation

Lebewohl; ich wusste, weiter nach dem Süden zu sei kein Christ mehr

anzutreffen, ich wusste sogar, dass weiter nach dem Süden zu mir die

arabische Sprache mit Ausnahme in den Städten, nichts mehr nützen

würde.--Sobald man die Stadt verlässt, befindet man sich in grossen

Sandpartien neueren Ursprunges, in Dünen, welche in jüngster Zeit aus

dem Meere ausgeworfen sein müssen. Ich wanderte zum südlichen Thore

hinaus, ganz ohne Begleitung. Einige, besonders Juden und Christen,

hatten mir den Weg bis Agadir sehr gefahrvoll vorgestellt; andere,

Mohammedaner, meinten, ich habe nichts zu fürchten. Nachdem man eine

halbe Stunde von der Stadt entfernt die Kubba Sidi-Mogdal's passirt hat,

des Heiligen, welcher der Stadt den Namen gegeben hat, und der besonders

bei der weiblichen Bevölkerung in grosser Verehrung steht, erreicht man

zwei halb vom Sande verschlungene Schlösser des Sultans.

Der Weg, der sich Anfangs gen Süden längs des Meeres hinzieht, wendet sich

bald darauf nach Osten und die Dünen erreichen ihr Ende. Statt dessen kommt

man in einen dichten 10-12' hohen Binsenwald. Die Bewohner flechten Matten

und Körbe aus diesen Binsen, die jedoch bei Weitem nicht so dauerhaft sind,

wie jene aus den Blättern der Zwergpalme oder aus Halfa. Dieser Binsenwald

ist 3 Stunden breit, dann erreichte ich Mittags eine gut ummauerte Quelle

mit herrlichem Trinkwasser.

Von hier an nahm nun die Gegend einen ganz anderen Charakter an; wilde

Oliven, immergrüne Eichen, Lentisken- und Lotusgebüsche wurden immer

seltener, dagegen trat aber ein Baum, der Argan, welcher in den

Landschaften von Dukala, Abda, Schiadma nur vereinzelt auftritt, hier

derart seine Herrschaft an, dass man wohl annehmen muss, diese Landschaft

Haha, welche die westlichsten Ausläufer des Atlas in sich begreift, sei die

eigentliche Heimath dieses nützlichen Baumes. Eigenthümlich genug, findet

sich dieser Argenbaum nur in diesen Gegenden, sonst _nirgendwo_ auf

der Erde. Der Elaeodendron Argan hat in der Regel die Grösse unserer

Obstbäume, mit dem Oelbaume hat er aber, obschon andere Reisende ihn damit

verglichen haben, keine Aehnlichkeit. Das helle saftgrüne Blatt gleicht

vielmehr den Myrtenblättern. Die Frucht selbst, von der Grösse einer Olive,

sieht, wenn vollkommen reif, hochgelblich aus und hat einen widerlich

süssen Geschmack, für Menschen ist sie vollkommen ungeniessbar. Aber desto

mehr wird sie von den auf den Bergabhängen weidenden Ziegen und Schafen

aufgesucht. Und da der Baum das ganze Jahr hindurch nach und nach Früchte

zeitigt, so hat man hier die fettesten und schönsten Heerden. Der braune

faltenreiche Stein der Frucht, länglich von Gestalt und so gross wie ein

Aprikosenkern, schliesst einen weissen Kern ein, der äusserst bitter

schmeckt, aber ein sehr gutes Oel liefert, das in diesen Gegenden allgemein

von den Eingeborenen zur Speisebereitung benutzt wird. Auch in Mogador wird

das Oel von den Eingeborenen benutzt, von den Europäern aber nicht. Ich

selbst habe es natürlich immer essen müssen, und fand, hat man sich erst

etwas an den eigenthümlich angebrannten oder räucherigen Geschmack gewöhnt,

das Oel vollkommen geniessbar. Der Arganbaum erreicht bisweilen die Höhe

und den Umfang, dass seine Stämme als Nutzholz verwerthet werden können.

Für die Zukunft, d.h. wenn Marokko in den Kreis der Civilisation wird

gezogen worden sein, dem es sich auf die Dauer ebenso wenig wie ein anderes

Land wird entziehen können--wird dieser Baum der Landschaft Haha eine

grosse Rolle spielen. Leider denken jetzt die Eingeborenen so wenig daran,

materiell ihre Lage zu verbessern, dass sie es verschmähen, die Früchte des

Arganbaumes, von dem es ausgedehnte und dichte Waldungen giebt, zu sammeln

und zu Markte zu bringen, sondern es vorziehen, sie meist auf dem Boden

verfaulen zu lassen.

Ich übernachtete in einer Sauya, wo nur der Thaleb Arabisch verstand, alle

übrigen, Berber ihrer Nationalität nach, sprechen und verstanden nur

Schellah. Es war hier das letzte Dorf, wenn man einige Hütten und Zelte,

die sich um die Sauya herum gruppirt hatten, so nennen will. Denn wenn die

Gegend schon dadurch einen eigenthümlichen Reiz bekömmt, dass der im

herrlichsten Grün prangende Arganbaum so vorwiegend sein Reich hier inne

hat, so wird man andererseits, je weiter man in Haha nach dem Süden zu

vordringt, durch die eigenthümliche Bauart, durch das merkwürdige Wohnen

der Eingebornen berührt. Im Norden vom Atlas, im eigentlichen Marokko

(Rharb el Djoani) wohnen alle Eingeborenen, einerlei ob Berber oder Araber,

entweder in Häusern aus Stein zu Städten und Dörfern _vereint_, oder

in Zelten zu Zeltdörfern _vereint. Einzelne_ Wohnungen,

_einzelne_ Zelte findet man fast nie. Hier ist nun Alles anders. Man

glaubt sich plötzlich ins Mittelalter zurückversetzt, die kleinen Berge und

fast jeden Hügel sieht man von einer grossen kastellartigen Burg gekrönt.

Sei es nun, dass es von jeher diesen Berbern gefallen hat so zu wohnen, sei

es, dass die grosse Unsicherheit der Gegend, die steten Feindseligkeiten

der einzelnen Stämme und Familien, ein solches _befestigtes_

Wehrsystem nothwendig machte, gewiss ist es einzig in seiner Art. Denn die

Städte, Dörfer, Zeltdörfer oder _unbefestigte einzelne_ Wohnungen

fehlen ganz und gar. Vier, fünf oder noch mehr Familien bewohnen solche

kastellartige Schlösser, welche meist viereckig von Form eine Höhe von 20

bis 30 Fuss haben. Fast alle haben an zwei Ecken hohe flankirende Thürme,

und fast alle haben oben auf der Umfassungsmauer Zacken. Sie sind aus

soliden Steinen mit Mörtel aufgeführt, haben einen schmalen Graben,

besitzen nur Ein Thor, welches in der Regel durch eine Zugbrücke von dem

umgebenden Terrain erreicht wird.

Im Innern dient der ganze untere Raum, sowie der grosse Hof fürs Vieh, die

Menschen haben in der zweiten Etage, die einen gewölbten Boden hat, ihre

Stätte, zu der man mittelst einer Leiter, die man im Nothfalle nach sich

ziehen kann, hinaufkömmt; jede Familie hat nur ein Zimmer.

Da die hier vom grossen Atlas entspringenden Flüsschen alle nur im Winter

Wasser fortschwemmen, so haben die Eingeborenen für Cisternen gesorgt, die

man manchmal am Wege, manchmal an irgend einer Oertlichkeit, die den

Erbauern günstig schien, eingerichtet findet. Diese Cisternen sind ganz in

der Art und Weise gebaut, wie die der Römer. Es sind 15 bis 20 Fuss lange,

5 bis 10 Fuss breite, 20 Fuss tiefe und aus behauenen Steinen ausgemauerte

Gruben, die oben _überwölbt_ sind. Durch ein kreisrundes Loch wird

mittelst eines Eimers das Wasser heraufgeholt, welches selbst, aus

Regengüssen oder aus einem Rinnsale gesammelt, mittelst eines anderen

Loches hineinfliesst. Cisternen mit mehreren Abtheilungen sind mir nicht zu

Gesichte gekommen, indess mögen sie auch vielleicht existiren. Einzelne

dieser Wasserbehälter, und dieses sind die schlechteren, scheinen aus

verhältnissmässig neuer Zeit herzustammen, die Mehrzahl aber trägt ein sehr

altes Gepräge an sich.

Am zweiten Tage hielt ich der grossen Strasse (d.h. man muss dabei an

marokkanische Strassen denken) folgend durchaus südliche Richtung, es ging

bergauf bergab, denn ich hatte alle die unzähligen, oft breiteren, oft

schmäleren westlichen Abhänge des Atlas zu übersteigen. Dabei war man

fortwährend im herrlichsten Arganwald, und hin und wieder tauchten

Schlösser und Burgen, oder auch nur die hohen Wartthürme derselben vor

meinen erstaunten Augen auf. Mittags desselben Tages hatte ich noch

Gelegenheit, in einem solchen Schlosse einer Hochzeit beizuwohnen. Schon

von Weitem hörte ich durch den Wald die Musik, vorzüglich das Trommeln und

das Ui-Ui-Ui der alten Weiber. Ich ging dem Lärm nach, und kaum hatte mich

die lustige Gesellschaft erblickt, als ich mit "Willkommen, Willkommen"

begrüsst wurde. Die Berber halten es für ein gutes Zeichen, wenn wirkliche

Fremde von weither zu einer Hochzeit sich einstellen. Man war am zweiten

Tage; die Braut, das Kind einer fremden Burg, war noch nicht geholt; es

geschieht das erst am dritten Tage. Dagegen amusirten sich die

beiderseitigen Anverwandten auf Kosten des Vaters des Bräutigams ungeheure

Quantitäten von Nahrung zu vertilgen, dabei wurde getanzt (von Sclavinnen,

mit denen sich die Berber nicht nach Art der Araber vermischen), musicirt

und allerlei Allotria getrieben. Der Bräutigam selbst, ein junger hübscher

Mann von etwa 25 Jahren vom Stamme der Ait-Ischar, sass in einem neuen

Gewande, schweigend auf einer Erhöhung. Mit Ausnahme einiger Redensarten

verstand Niemand Arabisch, selbst ihr Schriftgelehrter sprach die

Religions- und Schriftsprache nur sehr mangelhaft. Es war daher sehr schwer

für mich, mich mit ihnen näher einzulassen. Sie hatten übrigens bald genug

herausgebracht, dass ich grossen Hunger hatte, und ein reichliches Mahl von

Kuskussu, von Brod, Butter und Honig half dem ab. Aber wahrscheinlich hatte

ich der Mahlzeit auf zu berberische oder arabische Weise gehuldigt, d.h.

meinen Magen überladen (ich hatte seit dem Abend vorher nichts genossen);

denn kaum hatte ich meine Wanderung südwärts wieder angetreten, als ich vom

heftigsten Fieber abermals überfallen wurde.

Nur mit Mühe ging es vorwärts, aber da ich mitten im Walde war, musste ich

Abends ein Unterkommen zu erreichen suchen. Gerade als die Sonne untergehen

wollte, entdeckte ich ein stattliches Schloss, wanderte den Hügel hinauf,

und obschon die Leute kein Wort von dem verstanden, was ich wollte, merkten

sie doch, ich wünsche nur ein Unterkommen, und das gaben sie mir.

Am anderen Morgen befand ich mich bedeutend besser, ich hatte eine grosse

Gabe Chinin genommen, und das Fieber war endlich gewichen. Der Weg hielt

dieselbe Richtung, die Berge wurden nun immer wilder und höher, aber die

Gegend gleich gut bevölkert und reich mit hellgrünen Arganbäumen bewaldet.

Das leere Bett des Ued-Tamer wurde durchstiegen, der stärkste und längste

Gebirgsausläufer des Atlas, der Dj. Ait-Uakal (Cap Gher) erreicht, und

sobald ich den Kamm dieses Höhenzuges überschritten hatte, wandte sich der

Weg nach Westen und bald darauf hatte ich das Meer erreicht. Es war

Nachmittags, als ich es endlich zu Wege gebracht hatte, die steile Küste

hinabzuklimmen, mit grösstem Staunen aber bemerkte ich, wie gleich darauf

ebenfalls eine Karavane, aus beladenen Eseln und Maulthieren bestehend,

diesen Weg herabklomm. Hatte ich gewollt, so würde ich wohl noch am selben

Tage Agadir erreicht haben, aber meine Schwäche nöthigte mich Zuflucht in

einer dicht am Meere gelegenen Burg zu suchen.

Am anderen Morgen längst des Meeres weiter gehend, erreichte ich gegen 10

Uhr Fonti, das Dorf, welches am Fusse des Berges gelegen ist, auf dem sich

Agadir oder Santa-Cruz befindet. Das Dorf Fonti hat seinen Namen von einer

Quelle, die sich auf dem Berge von Agadir etwas unterhalb der Stadt

befindet, die Portugiesen nannten die Quelle Fonte, woraus die Eingebornen

Fonti machten und dies Wort auch auf das Dorf am Strande ausdehnten. Ich

war anfangs der Meinung diese Oertlichkeit sei die Stadt Agadir, da wegen

des starken Nebels, welcher die ganze obere Partie des Berges einhüllte,

nichts von Gebäuden zu erblicken war.

Fonti selbst ist nur ein ärmliches Nest aus kleinen Hütten, ist aber

dennoch auf gewisse Art befestigt. Nach der Landseite zu wird es durch den

Berg von Agadir und zwei Mauern, die sich längs des Berges hinaufziehen,

geschützt, nach der Seeseite war der Ort offen, weil er der Aermlichkeit

selbst wegen keinen Angriff zu fürchten hatte. Nach dem Kriege mit Spanien

scheint aber Sultan Sidi-Mohammed-ben-Abd-er-Rhaman anderer Meinung

geworden zu sein.

Irren wir nicht, so existirte ein geheimer Vertrag in den Friedensartikeln,

wonach die Marokkaner diesen Ort, d.h. Agadir, den Spaniern abtreten

sollten, oder jedenfalls war die Rede davon, dass die europäischen Mächte

wieder das Recht haben sollten hier Consuln zu installiren. Aber nach Sitte

der Marokkaner dachte man nicht daran sein Wort zu halten. Aufs Eifrigste

war man deshalb beschäftigt den Ort Fonti durch massiv steinerne Batterien

auf europäische Weise zu befestigen, und leider waren es spanische

Renegaten, die sich zu diesen Arbeiten hergaben. Auch bei der

_Quelle_, Fonti wurden neue Batterien errichtet.

Ob nun aber diese Befestigung dennoch hinlänglich sein wird, auch nur ein

einziges Kanonenboot vom Bombardement und von der Zerstörung der Werke

abzuhalten, möchte ich bezweifeln. Sonst hat der untere Ort, dessen

Einwohner ausschliesslich vom Fischfange leben, noch Bedeutung als

Zollstation, alle Waaren, die aus dem Sus, dem Nun und südlich davon

gelegenen Districte kommen, müssen hier ihren Eingangszoll zahlen, so dass

bei Agadir die eigentliche politische Grenze des Kaiserreiches ist. Sobald

die Sonne die Nebel zertheilte, zeigte sich hoch oben auf dem Berge Agadir,

und ich machte mich auf, den steilen Berg zu erklimmen.

* * * * *

Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet. · 第 18 / 20 题