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Vom ewigen Schnee des Atlas gespeist, hat der Ued-Draa, der längste der
marokkanischen Ströme, Veranlassung zu einer der schönsten Oasenbildungen
gegeben, wie man sie überhaupt nur in der Sahara findet. Denn nur da, wo
überirdisch immer rieselndes Wasser ist, bildet sich so üppige Vegetation
und gedeihen die Fruchtbäume, die das glückliche Klima des
Mittelmeerbeckens hervorbringt. Und wenn man nach tagelangen Märschen durch
die steinigte und vegetationslose brennende Wüste, jenes lachende Grün
erblickt, wie es sich frisch unter dem schirmenden Dache hochstämmiger
Palmen entwickelt, dann vergisst man fast die Mühen und Beschwerlichkeiten
einer Fussreise durch die Wüste, denn man glaubt eine der Inseln der
Glückseligen erreicht zu haben.
Der bewohnteste und fruchtbare Theil des Ued-Draa ist das vom Gebirge nach
dem Süden zu laufende Flussthal, sobald der Draa nach dem Westen umbiegt,
d.h. etwa unter dem 29° N. B. fängt er an unbewohnt und unfruchtbar zu
werden. Es hat das seinen Grund darin, weil die vom Atlas kommenden
Gewässer _ständig_ nur bis zu dem Punkte fliessen, den atlantischen
Ocean aber nur ein Mal im Jahr, nach der _grossen_ Schneeschmelze des
Gebirges, erreichen. Ist der Draa-Fluss aus dem sonderbar geformten
Gebirgslande, welches südwärts vom Atlasgebirge, unabhängig von diesem,
liegt, heraus, dann durchströmt er sein mehr oder weniger breites Thal,
welches er sich selbst geschaffen hat. Aber auch hier sind die Ufer und
Bänke des ursprünglichen Flussthales manchmal so hoch, so sonderbar
geformt, dass man, vom Flussbette aus gesehen, sie für zwei nach Süden
streichende paralell laufende Gebirge halten könnte. Einmal und zwar
ziemlich in der Mitte des von Norden nach Süden laufenden Flusses erhebt
sich aber ein wirklicher Berg, der Sagora, auf dem _linken_ Ufer des
Ued-Draa. Dass der grosse Debaya weiter nichts ist als ein Sebcha und nur
zeitweise ein See genannt werden darf, wage ich Renou und Delaporte
gegenüber aufrecht zu erhalten. Renou sagt p. 180: "ce grand lac d'eau
clouce est remplie de poissons et les indigènes naviguent dessus et y font
la pêche d'après Mr. Delaporte."--Ich will nicht in Abrede stellen, dass
der Debaya sich ein Mal im Jahre mit Wasser füllt, ich will ebenfalls nicht
bezweifeln, dass er zu der Zeit ohne Fische sei, dass er mit Schiffchen
befahren werde, aber das dauert nur eine kurze Zeit, vielleicht nur einige
Wochen; so rasch, so gewaltig die Gewässer vom Atlas herabbrausen, so rasch
und schnell eilen sie dem Ocean zu. Und wenn diese ausserordentlichen
Schwemmungen den Debaya nicht mehr erreichen, so trocknet er rasch aus,
wird Sebcha und zuletzt vielleicht weiter nichts als eine grosse
Einsenkung.
Es liegen ausserordentlich wenig sichere Nachrichten über die Draa-Gegend
vor. Freilich als solche wird dieselbe schon im Mittelalter genannt. Aber
darauf, dass man die Draa Landschaft _nennt_, höchstens noch eine
Ortschaft derselben notirt, beschränkt sich auch Alles. Leo hebt nur den
Ort Beni-Sabih hervor, offenbar die grosse von mir besuchte Ortschaft
Beni-Sbih in der südlichen Provinz Ktaua. Marmol führt die Stadt Quiteoa
(offenbar Ktaua) an, er nennt auch Tinzeda, welches wohl mein Tanzetta
ist. Ferner nennt er die Oerter Taragale, Tinzulin (die Provinz Tunsulin
von mir), Tamegrut, Tabernost, Afra und Timesquit (wohl Mesgeta).
Delaporte kennt ebenfalls Quiteoa. Mouette nennt einen Berg, den Lafera
oder den höhlenreichen Berg, Marmol nennt diesen Berg Taragale oder
Taragalt, und es ist dies jedenfalls der Berg, der mir von den
Eingebornen als der Dj. Sagora bezeichnet wurde[141]. Es ist das das
Hauptsächlichste, was vom Draalande bekannt war, denn Caillié streifte
auch nur die südöstlichste Umbugsecke des Thales, beim Orte Mimmssina.
[Fußnote 141: Siehe Renou, Empire de Maroc, p. 175 u.f.]
Das Draa-Land zerfällt vom Norden nach dem Süden (ich spreche immer nur von
dem bewohnten Theile, der sich nach Süden bis zu dem Punkte erstreckt, wo
der Draa nach dem Westen umbiegend seinen Lauf ändert) in fünf Provinzen:
die nördlichste Mesgeta, dann Tinsulin oder Tunsulin (Tinjulen), drittens
Ternetta, viertens Fesuoata und endlich die südlichste und grösste Provinz
Ktaua. Obschon in der Provinz Ternetta ein Kaid des Sultans residirt, also
eine Regierung von Marokko aus eingesetzt ist, so existirt dieselbe bloss
als nominal. Das Ansehen des Kaid und seiner Maghaseni geht wohl nicht über
seinen Wohnort hinaus. Die ganze Gegend im Draa-Gebiete ist derart, dass
jede einzelne Ortschaft unabhängig von der anderen ist, und jede Gemeinde
durch ihren Schich dem die Djemma, (Versammlung der ältesten und
angesehensten Männer) zur Seite steht, regiert wird. Selbst nicht einmal
die einzelnen Provinzen haben eine eigene gemeinsame Regierung. Als
Hauptort oder Hauptstadt des Draa-Landes kann man Tamagrut bezeichnen, aber
auch nur insofern, als hier eine berühmte religiöse Genossenschaft, eine
Sauya sich befindet. Aber keineswegs ist Tamagrut eine officielle
Hauptstadt, auch nicht einmal was Einwohnerzahl anbetrifft die erste. Die
grösste Ortschaft im Draa-Thale ist die in Ktaua gelegene Stadt Beni-Sbih.
Sämmtliche Ortschaften sind mit einer hohen Thonmauer umgeben, einzelne
haben auch noch mehr oder weniger breite und tiefe Gräben. Alle haben
wenigstens eine Moschee, die grösseren auch mehrere. Die Häuser, von
gestampftem Thon erbaut, haben im Innern einen meist geräumigen Hofraum,
haben alle ein flaches Dach und meistens ein Erdgeschoss und ein Stockwerk.
Im Erdgeschoss verwahrt man das Vieh, und oben halten sich die Menschen
auf. Die Strassen in den Ortschaften sind schmal, staubig und voller
Unrath, obwohl auch hier wie in Tafilet und Tuat überall öffentliche
Latrinen zahlreich vorhanden sind. Die Palmgärten, welche alle wohl
eingefriedigt sind durch hohe Thonmauern, erhalten ihre Berieselung durch
den ewig strömenden Ued-Draa, und da das Wasser sehr reichlich vorhanden
ist, so hat man keine Zeitbestimmung über die Vertheilung des Wassers zu
treffen nöthig gehabt. Die Datteln, welche in der Draa-Oase producirt
werden, gehören zu den vorzüglichsten der ganzen Sahara, und da sie kein
anderes Absatzgebiet dafür haben als nach Marokko, das überdies noch von
Tafilet und Tuat und anderen kleinen Oasen seinen Dattelbedarf bezieht, so
sind sie äusserst billig, in guten Jahren verkäuft [verkauft] man eine
Kameelladung (ca. 3 Centner) für einen halben Thaler. Der Getreidebedarf
muss indess von aussen bezogen werden, das was die Eingebornen bauen,
reicht nicht hin sie zu ernähren, obschon das ganze Jahr hindurch
gepflanzt und geerntet wird. Es kommt das deshalb, weil ein groser
[grosser] Theil der Gärten nur zum Gemüsebau, Kohl, Rüben, Carotten,
Zwiebeln, Pfeffer, Knoblauch, Tomaten, Melonen etc. verwandt wird, und
weil die grösste und schönste Provinz, Ktaua, derart von Süssholz
(Glycirrhiza) überwuchert ist dass dies fast den ganzen fruchtbaren
Boden unter den Palmen einnimmt.
Das Thierreich bietet nichts Besonderes da, das Schaf ist in den südlichen
Provinzen von Ternetta an ohne Wolle, Pferde, Esel, Maulthiere und Ziegen
sind gut und von derselben Art wie in Marokko, Rinder sind sehr selten. Von
Vögeln hat man wild die Taube, Sperlinge, Schwalben, dann einen reizenden
kleinen Vogel, ebenfalls zu den Sperlingen gehörend, aber mit buntem
Gefieder und hübscher Stimme. Die Eingebornen nennen ihn Marabut (der
Heilige) und man findet ihn frei, aber zahm in jedem Hause, jeder Oase
südlich vom grossen Atlas.
Was die Bevölkerung anbetrifft, deren Zahl auf 250,000[142] Seelen sich
belaufen kann, so nennt man sie Draui. Der Mehrzahl nach sind sie Berber:
die Araber, vornehmlich Schürfa, leben nur vereinzelt in Ksors. Zu erwähnen
sind noch die in Palmhütten lebenden Beni-Mhammed, reine Araber ihrer
Abkunft nach, sie sind durchs ganze Draa-Thal zerstreut in kleinen
Gemeinschaften von wenigen Familien anzutreffen. Auch einige Berberstämme
haben diese Art des Wohnens in Palmhütten. Während die Araber, welche diese
Oase bewohnen, vorzugsweise Schürfa, Marabutin und vom Stamme der
Beni-Mhammed sind, gehören die Berber fast alle der grossen Fraction der
Ait-Atta an.
[Fußnote 142: In Petermann's Mittheilungen ist die Zahl der
Bevölkerung in meinem Berichte zu 25,000 angegeben: ein
Schreibfehler meines Manuscriptes.]
Der Neger, der natürlich auch zahlreich vertreten ist, hat auf die
_grosse_ Menge der Bevölkerung wenig Einfluss gehabt, aber der
Draaberber, wenn er es auch nicht liebt, sich mit dem Schwarzen zu
vermischen, hat doch unmerklich Negerblut aufgenommen, dann haben Sonne und
Staub das Ihrige dazu beigetragen der Hautfarbe eine dunkle Färbung zu
gehen. Die Schwarzen, welche man im Draa antrifft, sind meistens von Haussa
und Bambara, auch Sonrhai-Neger sind nicht selten.
Die in einigen Ksors ansässigen Juden leben hier nicht in derselben
unterdrückten und ausgestossenen Weise wie im übrigen Marokko, obschon sie
auch hier sich manche Vexationen gefallen lassen müssen. Sie sind hier
weniger dem Handel zugethan, vertreten hingegen mehr den eigentlichen
Handwerkerstand. Büchsenschmiederei, Blechschlägerei, Tischlerarbeit,
Schneiderei und Schusterei sind ihre hauptsächlichsten Beschäftigungen. Und
eben weil sie durch diese Handwerke den Draa-Bewohnern unentbehrlich
geworden sind, werden sie weniger gequält. Nach dem heiligen Ort Tamagrut
dürfen sie indess nicht hinkommen, nicht einmal den dort _ausserhalb_
der Stadt abgehaltenen Wochenmarkt besuchen. Aber damit sie die Strenge
dieser Maassregel weniger fühlen, hat man doch die Rücksicht gehabt, den
Markttag für Tamagrut auf einen Samstag zu verlegen, Tag, wo es den Juden
ohne das untersagt ist zu handeln und zu verkaufen.
Ausser der Sprache bemerkt man, was das Aeussere (abgesehen natürlich von
den Schwarzen) anbetrifft, zwischen den Draui keinen Unterschied, wäre
dieser nicht, würde man glauben, das Land sei von einem Volke bewohnt. Die
Lebensweise der Bewohner ist äusserst einfach. Morgens wird eine dünne
heisse und stark gepfefferte Mehlsuppe mit Datteln gegessen, Mittags und
Nachmittags Datteln, wozu die Reichen ungesalzene Butter nehmen, auch
Buttermilch dazu trinken, während der Arme bloss Wasser zum Trunk hat, und
Abends ist Kuskussu die allgemein übliche Kost. So lebt der Draui täglich
und Jahr aus Jahr ein.
Tanzetta, Ort wo ich zuerst ankam, ist wie alle Ortschaften durch eine hohe
Mauer umgeben und befestigt. Nördlich dicht dabei liegt der nur von Schürfa
(Abkömmlinge Mohammed's) bewohnte Ort Alt-Tanzetta, und ausserhalb von
Alt-Tanzetta ist eine Milha (Judenviertel). Eine halbe Stunde südlich
von Tanzetta liegt der grosse Ort Sauya-Sidi-Barca, und dicht dabei
erhebt sich der sonderbar geformte und unter den Draa-Bewohnern sehr
berühmte Berg Sagora, berühmt, weil er eine Höhle enthält, in welcher in
der Vorzeit die Christen einen grossen Schatz verborgen hätten, den bis
jetzt noch Niemand gehoben. Der Sagora bildet gerade die Mitte des
Draa-Landes oder Draa-Thales (d.h. des von Nord nach Süd laufenden
Stromtheiles), und er ist ein wirklicher Berg, nicht nur eine Erhöhung
des Ufers.
Nach einem Aufenthalte von acht Tagen brach ich von Tanzetta nach dem Süden
auf, um nach dem berühmten Hauptorte, dem heiligen Tamagrut, Oertlichkeit,
die nur eine kleine Tagereise südlich von Tanzetta liegt, zu kommen. Ich
hatte Begleitung, was mir schon deshalb lieb war, da ich mich mit der
berberischen Bevölkerung gar nicht verständlich machen konnte. Da eine
ausserordentliche Hitze herrschte, machten wir den Weg in zwei Tagen, und
blieben am ersten Tage in einem grossen Ksor, von Berbern bewohnt, Namens
Alaudra. Der Weg folgte nicht den Krümmungen des Flusses, sondern lief
gerade südwärts, und so befanden wir uns bald in steiniger Wüste, bald in
einem lachenden Thale. Mittags erreichten wir am anderen Tage Tamagrut, das
sich nur durch seine Grösse, und dadurch, dass ein beständiger Markt darin
gehalten wird, von den übrigen Ortschaften unterscheidet. Die Sauya, nach
Sidi-Hammed-ben-Nasser genannt, ist eine der grössten, die ich gesehen
habe.
Sidi-Hammed-ben-Nasser war ein berühmter Heiliger, aber kein Nachkomme
Mohammed's. Dafür hatte Allah ihm die Gabe verliehen, in der eignen Sprache
der Thiere mit den Thieren sich unterhalten zu können (nach dem Glauben der
Marokkaner konnte das vor ihm nur Sultan Salomon, dann Harun al Raschid und
Djaffer sein Minister); aber leider hat diese grosse Gabe auf seine
Nachkommen sich nicht vererbt. Wenigstens kann ich constatiren, dass die
Urenkel weder mit dem Kameele, noch mit dem Pferde oder anderen Thieren
sich unterhalten konnten.
Ich habe an anderer Stelle entwickelt, dass die Mohammedaner einen grossen
Vorzug vor uns Christen haben: dass ihre Heiligen schon häufig _bei
Lebzeiten_ heilig gesprochen werden, dass ihre Heiligen heirathen
dürfen, dass die Kinder und Nachkommen solcher Heiligen _auch_ für
heilig erachtet werden, ja, dass das Heiligsein bei den Mohammedanern
_wachsend_ ist, d.h. dass die Nachkommen solcher Heiligen für heiliger
erachtet werden, als die Vorfahren selbst.
Aber hat man im Christenthum nicht ganz dasselbe. Sind auch die Päpste
nicht fleischliche Nachkommen Christi, so folgt doch einer dem anderen als
geistiger Erbe, und verfolgt man vom ersten Bischof in Rom, die zunehmende
Macht und Heiligkeit bis zum letzten jetzt regierenden, der sich Gott
gleich gestellt hat durch seine Unfehlbarkeit, so findet man, dass wir doch
nicht so sehr hinter der anderen semitischen Schwesterreligion
zurückstehen. Und ist es in den anderen christlichen Bekenntnissen nicht
ebenso?
Der derzeitige Besitzer der Sauya, Si-Bu-Bekr, ein Ur-Ur-Enkel des
erwähnten Heiligen, wurde denn auch für viel heiliger gehalten, als der
Vorfahr selbst. Seine Familie war übrigens eine, die sich von jeher durch
Frömmigkeit, durch Gelehrsamkeit in den Schriften, aber auch durch
Glaubenseifer ausgezeichnet hatte.
Ich begab mich sogleich in die Sauya, wo man mich zu Sidi Bu-Bekr führte.
Es war gerade die Zeit des öffentlichen Empfanges, der ehrwürdige Greis
nahm daher bei der Menge der Leute, die von allen Seiten herbeigeströmt
waren, wenig Notiz von mir, sondern gab bloss Befehl mir ein Zimmer
anzuweisen. Desto zuvorkommender empfingen mich seine beiden Söhne, ich
musste mehrere Wochen bei ihnen bleiben und täglich überhäuften sie mich
mit Aufmerksamkeiten aller Art. Als ich Sidi[143] Bu-Bekr einige Tage
später meine Aufwartung machte, entschuldigte er sich, dass er mich nicht
zuvorkommender empfangen, indem er nicht verstanden habe, dass ich von
Europa (Blad-el-Rumi) käme; er fragte, ob ich mit Allem zufrieden sei, und
gab seinen Söhnen den Auftrag für mich zu sorgen.
[Fußnote 143: Im eigentlichen Marokko würde man nur Si, nicht Sidi
zu ihm sagen.]
Diese Sauya kam mir gerade wie ein Kloster vor; die grossen von Bogengängen
umgebenen Höfe, in welche die Zimmerchen oder vielmehr die Zellen münden,
die von länger verweilenden Reisenden, oder von Studenten und
Schriftgelehrten, die hier ihren Studien obliegen, bewohnt werden; das
ewige Beten und Ablesen des Koran, die wallfahrenden Leute, die täglich
kommen, um das Grab Sidi Hammed-ben-Nasser's zu besuchen, und ihre Gaben,
die in Geld oder Sachen aller Art bestehen, zu den Füssen des Marabuts
legen, alles dies erinnert an unsere Klöster, nur ist hier die Prälatur in
einer Familie erblich, und zwar geht bei den Marabutin die Würde nur auf
den ältesten Sohn über, während die übrigen Söhne, einmal aus dem
elterlichen Hause ausgeschieden, in den gewöhnlichen Bürgerstand
zurücktreten. Bei den Schürfa geht die Würde auf Söhne und Töchter über,
ist dann nur erblich durch die Söhne.
Ehe ich weiter reiste, begab ich mich nach Ktaua, um einige Notizen über
den Handel mit dem Sudan zu erhalten. Ktaua, diese grosse selbstständige
Oase, hat allein für sich gegen 100 Ksors, die von Berbern, oder auch von
Araber-Schürfa oder vom Stamme der Beni-Mhammed bewohnt sind. Ich ging
zuerst nach dem grossen Orte Aduafil, ausschliesslich von Schürfa bewohnt.
Von hier aus wird der hauptsächlichste Handel mit dem Sudan betrieben. Gold
(in geringer Qualität), Elfenbein, Leder und Sklaven sind die
hauptsächlichsten Gegenstände, welche man von dorther holt. An eignen
Producten liefern indess die Draui den Schwarzen Nichts, sie können ihnen
nur europäische Producte zuführen, denn das Kupfer, welches sich von
Tarudant aus nach dem Sudan verbreitet, geht wohl zumeist über Tekna und
Nun. Die Sklaven kauft man im Sudan zu den billigen Preisen von 15-20
Thaler, junge hübsche und hellfarbige Mädchen sind jedoch theurer. In Fes
und Marokko werden sie dann mit bedeutendem Gewinne abgesetzt, zu 100 bis
150 Thaler. Von Aduafil bis Timbuktu brauchen die Karavanen ca. 8 Wochen,
die längste wasserlose Strecke soll 10 Tage (nach Aussage der Eingebornen,
jedoch halte ich das für übertrieben) betragen.
Ich blieb in Aduafil 14 Tage, und besuchte von hier aus auch die wichtigen
Handelsplätze und Märkte Beni-Haiun und Beni-Sbih südlich gelegen. Dann
begab ich mich nach Beni-Smigin, Ort, der am nördlichsten in Ktaua liegt,
und nahm die Gelegenheit wahr, mit einer Karavane von hier nach Tafilet zu
gehen.
Während man auf dem Wege von der Provinz Ternetta nach Tafilet die grosse
Oase Tessarin antrifft, hat man von Ktaua aus nur wüstes Land. Man braucht
fünf Tage und hält immer Nordost-Richtung. Die Wüste ist indess auch hier
nicht aller Vegetation bar, man trifft hin und wieder auf Akazien. Ich war
froh, als ich am fünften Tage Nachmittags von einer Felsanhöhe die Palmen
Tafilets erblickte. Vom Orte Beni-Bu-Ali, dem östlichsten Ksor, auf den wir
trafen, begab ich mich direct nach dem Hauptorte der Oase Abuam, und da ich
ohne Bekannte war, ging ich direct in die grosse Moschee. Ich hatte mich,
müde wie ich vom Wege war, schlafen gelegt, fand mich aber unangenehm
erweckt durch einen Fusstritt. Vor mir stand ein Scherif, er fragte, wer
ich sei, wie ich hiesse, was ich wolle. Wie gewöhnlich antwortete ich, ich
sei ein zum Islam übergetretener Deutscher, Namens Mustafa (ich machte nie
Hehl daraus, dass ich übergetreten sei, und konnte das auch nicht, da ich
zu der Zeit das Arabische noch sehr mangelhaft sprach). Für uns Deutsche
haben die Marokkaner das durch die Türken den Arabern zugebrachte und aus
dem Slavischen entlehnte Wort Nemsi. Aber mit dieser Erklärung war der
Scherif nicht zufrieden. Wie überhaupt durch die drohende Nähe der
Franzosen in Algerien, die Filali (Bewohner Tafilets) bedeutend
misstrauischer gegen Fremde sind, so schien Misstrauen, Glaubenseifer,
Religionsdünkel und jesuitischer Fanatismus in diesem Scherif personificirt
zu sein. Die übrigen Tholba wurden herbeigeholt, man wollte einen
sichtbaren Beweis meines Islams haben, und als sie nach einigem
Kopfschütteln erklärten, dass man in dieser Beziehung mir nichts vorwerfen
könne, fingen sie trotzdem an, meine Kleider zu durchsuchen. Und um mein
Unglück voll zu machen, fanden sie einen alten Pass, den ich aufbewahrt
hatte.
Mit fanatischem Geheul wurde ich nun von diesen Zeloten nach Rissani, der
officiellen Hauptstadt, wo der Kaid des Sultans residirt, geschleppt, und
ich glaubte schon mein letztes Stündchen sei gekommen, denn was ist gegen
fanatische Glaubenseiferer zu machen. Fortwährend brüllten sie: "er ist ein
Spion, er ist ein Sendling des christlichen Sultans", womit sie den Kaiser
Napoleon der Franzosen meinten, "er ist gekommen, um unser Land
auszukundschaften, zu verrathen und zu verkaufen."--So dumm sind nämlich
diese fanatischen Leute, wie ja überhaupt Dummheit und Fanatismus immer
Hand in Hand mit einander gehen, dass sie überzeugt sind, ein einzelner
Christ könne nur so ohne Weiteres ihr Land verkaufen.
Glücklicherweise aber traf ich im Kaid des Sultans einen Mann, der schon
irgendwo einen Pass gesehen haben musste, oder doch wusste, welche
Bewandniss es damit hatte, aber auch er würde wohl kaum den wutschnaubenden
Volkshaufen haben besänftigen können, wenn nicht zur rechten Zeit ein
marokkanischer Prinz, nach der Meinung Vieler der rechtmässige Sultan von
Marokko, herbeigekommen wäre: Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Sliman.
Als nämlich Sultan Sliman gestorben war, folgte nicht sein Sohn, sondern
sein Neffe Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Hischam, und als dieser im Jahre 1859
starb, hätte nach dem Herkommen der Aelteste der Familie und zwar Mulei
Abd-er-Rhaman-ben-Sliman folgen müssen. Sultan Abd-er-Rhaman hatte aber bei
Zeiten dafür gesorgt, dass sein Sohn Sidi Mohammed nachfolgen würde, und in
der That fand im Herbste 1859 Abd-er-Rhaman-ben-Sliman den Thron besetzt.
Da er sich bis dahin 16 Jahre in der Sauya Sidi Hamsa's, nördlich von
Luxabi gelegen, verborgen aufgehalten hatte, um dem Dolche und Gifte seines
Vetters zu entgehen, brach er Ende 1859, von einigen wenigen Getreuen
begleitet, auf nach Fes, um sich des Thrones zu bemächtigen. Aber schon
hatte sich Bascha ben Thaleb und Kaid Faradji von Fes für den jetzigen
Sultan erklärt, der lange Zeit vorher dort Chalifa gewesen war und sie
durch reiche Geschenke an sich gezogen hatte. Wenig fehlte, so wäre der
Sohn Sliman's mit seinen einigen hundert Reitern gefangen genommen.
Dieser Mulei Abd-er-Khaman-ben-Sliman lebte jetzt in Tafilet, und ihm, in
seiner Eigenschaft als Prinz und seinem unfehlbaren Charakter als
Scherif--ihm war es ein Leichtes das tobende Volk zu besänftigen. Es
könnte befremdend erscheinen, dass dieser geächtete und vom Throne
ausgestossene Prinz so friedlich an der Seite des Kaids des Sultans
stand, aber man muss bedenken, dass die Regierung von Marokko südlich
vom Atlas nur eine Scheinregierung ist, und namentlich dieselbe in
Tafilet gar keine Autorität besitzt.
Der Prinz fasste für mich Freundschaft, und diese wuchs noch, als sich
herausstellte, dass ich in der Campagne der Franzosen gegen die
Beni-Snassen 1859 schon seinen ältesten Sohn, der ebenfalls
Abd-er-Rhaman hiess, kennen gelernt hatte. Derselbe war dahin gekommen,
um die Hülfe des französischen Generals Martimprey gegen seinen
Verwandten, der den Thron von Fes usurpirt hatte, anzurufen; Martimprey
lehnte selbstverständlich jede Einmischung in die inneren
Angelegenheiten Marokko's ab. Ich blieb längere Zeit bei dieser
gastfreundlichen Familie, die für gewöhnlich in Marka, Provinz Ertib der
Oase Tafilet[144], wohnt, und sodann bereitete ich mich vor, meine Reise
zu vollenden.
[Fußnote 144: Die Beschreibung von Tafilet ist in "Uebersteigung des
Atlas etc.", Bremen Kühtmann, 2te Auflage, und in Petermann's
Mittheilungen, Jahrgang 1865.]
Ich hatte im Laufe der Zeit durch Prakticiren wieder einiges Geld
zusammengebracht, allerdings durch mühsames Sparen, denn die ärztliche
Praxis muss in Marokko und namentlich in den regierungslosen Theilen ganz
anders ausgeübt werden, als bei uns. Namentlich muss sich der Arzt, der
keine starke Sippe oder Verwandtschaft hinter sich hat, wohl hüten, einem
Patienten eine Medicin zum inneren Gebrauche zu verabfolgen, denn hat er
das Unglück sodann einen Kranken durch den Tod zu verlieren, so ist
entweder die Medicin, oder der Arzt die Ursache davon gewesen; andererseits
hat der Arzt aber von wirklich guter Medicin gar nicht einmal den erhofften
Erfolg, denn gesundet ein Kranker, dann haben weder die Medicin noch der
Arzt geholfen, sondern irgend ein Heiliger, auch wohl Mohammed, in
seltneren Fällen Gott[145], dies Wunder bewirkt. Es ist daher am besten die
Praxis so auszuüben, wie es landesüblich ist: durch Feuer und Amulette.
[Fußnote 145: In dieser Beziehung haben die Mohammedaner viel
Aehnlichkeit mit den Katholiken: bei einem Wunder denken sie
zumeist an einen Heiligen, seltener an ihren Propheten, in den
seltensten Fällen an Gott.]
Mit einer Karavane machte ich mich sodann auf den Weg und zwei Tage nach
unserem Aufbruche von Ertib erreichten wir die nordöstlich davon gelegene
Oase Budeneb. Wir blieben hier nur einen Tag, und am folgenden Tage Abends
erreichten wir die Oase Boanan, den ganzen Weg hatten wir ebenfalls in
nordöstlicher Richtung zurückgelegt. Mit einem Empfehlungsbriefe vom
obengenannten marokkanischen Prinzen für den Schich der Oase versehen,
kehrte ich bei ihm ein, und wurde auch gastfreundlich empfangen. Der Schich
hiess Thaleb Mohammed-ben-Abd-Allah.
Zehn Tage lang war ich sein Gast, und täglich assen wir aus Einer Schüssel.
Ich hatte dort einen so langen Aufenthalt, weil Thaleb Mohammed der Meinung
war, ich solle nur mit einer grösseren Karavane weiter reisen, da je näher
der algerinischen Grenze, desto unsicherer der Weg sei. Zu der Zeit nun
lebte ich noch in den Illusionen, wie man dieselben so häufig durch Bücher
solcher Reisenden genährt bekommt, die nur einen oberflächlichen Blick in
das Leben der Mohammedaner geworfen haben und uns erzählen, wer mit einem
Muselman aus Einer Schüssel gegessen habe, für heilig und unverletzlich
gehalten werde. Zu der Zeit glaubte ich noch an die Heiligkeit des
Gastrechtes. Und hierdurch unvorsichtig gemacht; liess ich eines Tages mein
Geld sehen. Im Ganzen mochte ich ca. 60 französische Thaler haben. Aber
auch für einige Thaler marokkanisches Kleingeld war darunter, welches ich
den Schich bat, gegen französisches umzutauschen, da ich wusste, dass
ersteres in Algerien keinen Cours hatte.
Thaleb Mohammed wechselte, aber von dem Augenblick an musste er auch schon
den Entschluss gefasst haben, mich zu ermorden. Jetzt war nicht mehr die
Rede davon eine Karavane abzuwarten, er meinte nun, mit Hülfe seines
Dieners, der ganz gut als Führer würde dienen können, könne ich auch ohne
Karavane die nur zwei Tagemärsche entfernte Oase Knetsa erreichen. Er fügte
noch hinzu, ich könne mich vollkommen auf seinen Diener verlassen, und der
Preis für das Führen, 8 Frcs., wurde von mir im Voraus bezahlt.
Mit Freuden war ich auf den Voschlag [Vorschlag] eingegangen, denn nach
mehr als zweijähriger Anwesenheit unter diesen durch ihre Religion
verthierten Menschen hatte ich die grösste Sehnsucht wieder unter
Civilisation zu kommen. Ich fand es auch gar nicht auffällig, als Thaleb
Mohammed vorschlug, Abends abzureisen, da man in der Sahara ja so häufig
die Nacht zu Hülfe nimmt, um der Sonne zu entgehen, und um vom Durste
minder gequält zu werden.
So machten wir uns Abends auf den Weg, der Führer, ein Diener und ich. Es
hatte sich nämlich vom Draa her ein Pilger an mich angeschlossen, der gegen
Kost, aber sonst ohne Lohn, in ein Dienstverhältniss zu mir getreten war.
Nach einem Marsche von etwa 4 Stunden lagerten wir in der Nähe eines
kleinen Flusses und machten von trocknen Tamarisken-Aesten ein hoch und
hell loderndes Feuer an, welches der Führer besonders gut im Brennen
unterhielt, um damit seinem Herrn den Ort zu zeigen, wo wir gelagert wären.
Mein Diener und ich beim Feuer ausgestreckt, waren bald eingeschlafen,
ebenso schien der Führer sich der Ruhe hinzugeben. Ausser dass ich eine
Pistole trug, hatte der Diener und ich keine Waffen, der Führer hatte einen
Karabiner. Wie lange ich geschlafen, erinnere ich nicht. Als ich erwachte,
stand der Schich der Oase dicht über mich gebeugt vor mir, die rauchende
Mündung seiner langen Flinte war noch auf meine Brust gerichtet. Er hatte
aber nicht, wie er wohl beabsichtigt hatte, mein Herz getroffen, sondern
nur meinen linken Oberarm zerschmettert; im Begriff mit der Rechten meine
Pistole zu ergreifen, hieb nun der Schich mit seinem Säbel meine rechte
Hand auseinander. Von dem Augenblick sank ich auch schon durch das aus dem
linken Arm in Strömen entquellende Blut, wie todt zusammen. Mein Diener
rettete sich durch Flucht.
Als ich am folgenden Morgen zu mir kam, fand ich mich allein, mit 9 Wunden,
denn auch noch, als ich schon bewusstlos dalag, mussten diese Unmenschen,
um mich ihrer Meinung nach vollkommen zu tödten, auf mich geschossen und
eingehauen haben. Meine sämmtlichen Sachen, mit Ausnahme der
blutdurchtränkten Kleider, hatten sie weggenommen. Obgleich das Wasser
nicht weit von mir entfernt war, konnte ich es nicht erreichen, ich war zu
entkräftet, um mich zu erheben, ich versuchte mich hinzurollen, Alles
vergebens, ich litt entsetzlich vom brennenden Durste.
In dieser hülflosen Lage blieb ich zwei Tage und zwei Nächte. Halb war mein
Zustand wachend, halb ohnmächtig. Ich hatte dann die schrecklichsten
Visionen. Manchmal glaubte ich Leute zu sehen, und strengte nun alle Kräfte
an, um sie herbeizurufen, aber immer war es Täuschung. Mit dem Leben hatte
ich vollkommen abgeschlossen. Hauptsächlich quälte mich die fürchterlichste
Angst von Hyänen oder Schakalen angefallen und lebendig verzehrt zu werden.
Denn diese Uebergangsgegend der Sahara ist besonders das Gebiet dieser
feigen Raubthiere. Ich wäre ihnen eine vollkommen hülflose Beute geworden.
Endlich am dritten Tage kamen zwei Menschen. War es diesmal Wirklichkeit,
oder wieder Täuschung? Nein, es waren Menschen, sie antworteten auf mein
schwaches Rufen durch Winken, mit der Stimme. Es waren Marabutin der
unfernen kleinen Sauya Hadjui. Ihre Freude mich lebend anzutreffen, war
fast grösser als die meine. Ich stammelte nur "el ma, el ma!" (Wasser).
Aber, dachte ich dann, ist ihre Freude auch aufrichtig? Sie hatten eiserne
Hacken auf der Schulter, offenbar in der Absicht mich zu beerdigen, aber
hauptsächlich waren sie wohl durch den Umstand hergezogen, der jedenfalls
ruchbar geworden war: nämlich dass man mir meine Kleidungsstücke gelassen
hatte, für die dortige so sehr arme Gegend immer noch ein sehr kostbarer
Gegenstand.
Und nun erklärten sie zwar freundlichst mich retten zu wollen, aber sie
müssten nach dem zwei Stunden entfernten Hadjui zurückkehren, um behuf
meines Transportes ein Maulthier zu holen. So entfernten sie sich wieder,
und jetzt durchlebte ich erst die entsetzlichste Zeit.
Diese vier Stunden, die ich jetzt allein zubrachte, kamen mir vor, wie eine
nie enden wollende Ewigkeit. "Sie haben dich nur verlassen, um dich sterben
zu lassen, und um, wenn du gestorben bist, sich deiner Kleidungsstücke zu
bemächtigen", das war der Gedanke, der fortwährend durchgedacht wurde,
nachdem ich soeben durch einen Trunk Wasser zu etwas erneuertem Leben
gekommen war. Wie konnte ich überhaupt nach einem solchen Mordversuche noch
Glauben zu den dortigen Menschen haben.
Da endlich hörte ich Geräusch, ich versuchte den Kopf zu erheben, ich sah
ein starkes Maulthier, getrieben von mehreren Menschen, sich nähern, meine
Retter waren wieder da. Mit Vorsicht luden sie mich auf das Thier, was
keine Kleinigkeit war, da mein linker Arm nur noch an Haut und Muskeln
hing, meine rechte Hand auseinanderklaffte, mein rechter Oberschenkel
ebenfalls durchschossen war. Das Bluten hatte schon längst von selbst
aufgehört, es mussten sich Pfröpfe gebildet oder die Ohnmachten das bewirkt
haben.
Wie lachte mein Herz, als ich die Palmen von Hadjui auftauchen sah, und
doch wusste ich nicht, wie ich vor Schmerzen auf dem Maulthiere es würde
aushalten können. Und die wenigen Palmen, die wenigen armseligen
Häuser[146] schienen mir ein Paradies zu sein.
[Fußnote 146: Die Oase Hadjui ist nur eine ganz kleine von circa 100
Palmen bestandene Insel, mit etwa 50 Wohnungen.]
Ich wurde nach der Wohnung des Schichs der Oase gebracht. Das Haus
Sidi-Laschmy's war aber keineswegs gross, es bestand aus einem
Vorzimmer, Aufenthaltsort für das Maulthier, für einen Esel und zwei
Ziegen, dann kam ein grösseres Gemach, das als Wohnzimmer für die ganze
Familie und zugleich als Küche diente. Daran stiess ein kleines Zimmer,
Vorrathskammer, endlich waren oben zwei Mensa, d.h. Räumlichkeiten, die
auf dem flachen Dache gebaut waren, und worin die beiden Brüder, denn
Sidi-Laschmy bewohnte das Haus mit seinem jüngeren Bruder Abd-er-Rhaman,
mit ihrer resp. Frau schliefen. Man machte mir dicht neben der
Feuerstelle mein Lager. Mein erster Wunsch war, nachdem ich etwas
Mehlsuppe genossen hatte, nach einem Messer, und als man ein solches
brachte, bat ich Sidi-Laschmy, mit einem herzhaften Schnitt meinen
herabhängenden Arm abzuschneiden.
Aber da kam ich schlecht an. "Das kann bei euch Christen Sitte sein," sagte
der Marabut, "aber wir schneiden nie ein Glied ab, und da du, der Höchste
sei gelobt, jetzt rechtgläubig bist, wirst du deinen Arm behalten."
Mittlerweile hatten sie auch schon aus Ziegenfell eine Binde genäht, in
welche Stäbe aus Rohr, um dem Ganzen Halt zu geben, eingezogen waren. Diese
Binde wurde umgelegt, mit Thon umschmiert, und so eine Art festen Verbandes
hergestellt. Der Arm wurde auf weissen Wüstensand gebettet. Hätte man nicht
vergessen gehabt, den Verband zu fenstern, so wäre er vollkommen gewesen.
Die übrigen Wunden wurden einfach mit Baumwolle verbunden, welche von
Butter, in welche man vorher Artemisia getaucht hatte, um sie aromatisch zu
machen, durchtränkt war.
Welch' wonniges Gefühl hatte ich Abends, als ich mich unter Dach und Fach
wusste, zwar hart gebettet, denn ich lag auf Stroh und war nur mit
Teppichen bedeckt, aber doch in Sicherheit mit der Aussicht wieder
hergestellt zu werden und noch leben zu können. Man hatte mir meine
Kleidung vom Leibe geschnitten, um das Blut heraus zu waschen, aber während
der Zeit befand ich mich in Adam's Kleidern, denn die Leute waren so arm,
dass sie mir keine anderen verschaffen konnten. Ueberhaupt schien Hadjui
einer der dürftigsten Oerter zu sein, die Leute der Oase waren aber auch
die gastfreundlichsten der Welt. Sie waren so arm, dass sie in der ganzen
Ortschaft nicht einmal Weizen hatten, aber im Glauben, ich dürfe ihre
schwere Kost aus Gerstenmehl nicht geniessen, wurde für mich auf
Gemeindekosten Weizen von einer anderen Oase gekauft. Auch Butter wurde für
mich auf Gemeindekosten geholt, und die jungen Leute mussten dann und wann
hinaus, um Strausseneier zu suchen, oder wo möglich einen Strauss zu
erlegen, damit ich animalische Kost bekäme. Es war rührend, wie die jungen
Mädchen täglich an mein Lager kamen, um mir frisch aufgesprossene Gerste zu
bringen. In dieser an Grün so armen Gegend, wo Gemüse, wie Rüben, Zwiebeln
und Kohl zu den feinsten und kostbarsten Gartentrüchten [Gartenfrüchten]
gerechnet werden, verschmäht man es nicht, das zarte Gras der Gerste zu
geniessen.--Ja, fast erstickten mich im Anfange die Frauen durch ihre Güte:
von dem Grundsatze ausgehend, dass der grosse Blutverlust nur durch grosse
Quantitäten von Nahrung zu ersetzen sei, waren in den ersten Tagen
beständig zwei Frauen an meiner Seite damit beschäftigt, mir grosse Klumpen
Kuskussu in den Mund zu schieben, und ich, des Gebrauches meiner beiden
Hände zu der Zeit beraubt, musste es ruhig geschehen lassen.
Endlich nach langem Schmerzenslager, um so unangenehmer deshalb, weil ich
keine Kleidungsstücke zum Wechseln hatte, konnte ich das Ende meiner Reise
antreten. Die Wunden am Körper, an den rechten Hand, der Schuss durchs
rechte Bein waren geheilt, der zerschossen gewesene linke Arm hatte zwar
durch Callusbildung um den zerschmetterten Oberarmknochen Festigkeit
gewonnen, aber die Wunden waren offen und von Zeit zu Zeit eiterten
Splitter[147] heraus.
[Fußnote 147: Erst im Jahre 1868 war der Arm vollständig geheilt,
nachdem ich stets mit offenen Wunden, die Reise nach dem Tschad-See
und die Expedition nach Abessinien damit zurückgelegt hatte.]
Wir nahmen Abschied von einander und Sidi-Laschmy liess es sich nicht
nehmen, mich bis zur grossen Ortschaft Knetsa zu begleiten. Auf dem Wege
dahin haben die Beni-Sithe Minen mit Blei und Antimon, die sie bearbeiten.
Knetsa mit einer Einwohnerschaft von ca. 5000 Seelen ist eine für dortige
Gegend berühmte Sauya, indess ebenfalls nicht von Schürfa, sondern nur von
Marabutin gegründet. Die Schichs Sidi Mohammed-ben-Abd-Allah und Sidi
Ibrahim sind die ansehensten. Da ersterer sich in Fes befand, stieg ich bei
letzterem ab, für beide hatte ich Empfehlungsschreiben von Mulei
Abd-er-Rhaman-ben-Sïiman von Tafilet. Merkwürdigerweise hatte mir
nämlich der Schich Thaleb Mohammed-ben-Abd-Allah von Boanan auf Bitten
der Marabutin von Hadjui nicht nur meine Empfehlungsbriefe, sondern auch
einen Theil meines Tagebuches zurückerstattet. Aber hartnäckig den
Mordanfall läugnend, behauptete er, diese Gegenstände dort gefunden zu
haben, leider waren Croquis, sowie Notizen über Einwohner, Einwohnerzahl
der Ortschaften und eine ganze Reihe von Berge-, Flüsse- und Orts-Namen
unwiederbringlich verloren.
Ich wurde gut in Knetsa aufgenommen, aber auf meine Klage, mich zu
unterstützen gegen Thaleb Mo-hammed-ben-Abd-Allah, erwiederte Sidi Ibrahim,
Nichts thun zu können, da sie keine obrigkeitliche Regierung hätten. In der
That ist in diesen Gegenden von Regierung und Obrigkeit keine Spur
vorhanden, das Faustrecht in der ganzen primitiven Bedeutung des Wortes
herrscht überall. Knetsa selbst liegt in einem breiten Ued gleichen Namens,
der meist oberirdisch ohne Wasser ist, indess stöst [stösst] man in
geringer Tiefe auf eine Schicht desselben.
Nach einigen Tagen Aufenthalt vernahm ich, dass eine Karavane von Tafilet
nach Tlemçen den westlich einen Tagemarsch entfernt sich erstreckenden
Ued-Gehr passiren würde; mit mehreren Gefährten brachen wir also von
Knetsa auf. Unsere Richtung war den ganzen Tag über westlich, und nach
einem für mich entsetzlich mühevollen Marsche erreichten wir spät Abends
den Gehr. Hätten an dem Tage die Gefährten mich nicht unterstützt, so
wäre ich auf halbem Wege liegen geblieben; mein Schuhzeug war ganz
zerrissen, meine Kräfte aber so wenig hergestellt, dass ich alle paar
hundert Schritt ausruhen musste. Und am Gehr angekommen, erfuhr ich, die
Karavane würde gar nicht nach Tlemçen gehen, sondern nach dem
Ued-Ssaura. Ich musste also nach Knetsa zurück, aber bald darauf traf
ich denn auch Leute, die nach der Oase Figig reisen wollten.
Sobald man Tafilet hinter sich hat, hört die eigentliche Sahara auf. Man
hat alle Tage Wasser, Flüsse, Brunnen und Ortschaften. Aber nirgends hat
die Gegend einen eigenthümlicheren, wild durch einander gemischten
Charakter wie hier. Selbst in Abessinien, obschon dort die Berge mächtiger
und bedeutend höher sind, man aber nur Berge hat, giebt es kaum
wunderlichere Formen. So sieht man auf dem Wege zwischen Hadjui und Knetsa
einen Berg, der vollkommen die Gestalt einer Kirche mit daneben stehendem
Thurm hat, senkrecht aus der Ebene hervorragen. Als ich von Weitem diese
eigenthümliche Formation erblickte, glaubte ich zuerst, es sei eine alte
kolossale Baute ehemaliger Christen. Hier ist denn auch die Heimath der
Antilopen, Gazellen und Strausse, grössere reissende Thiere sind sehr
selten, Hyänen, Füchse und Schakale häufig.
Man braucht von Knetsa nach Figig drei Tagemärsche, die aber tüchtig
gemessen sind. Meine Gefährten gingen indess nur bis zum Orte
Bu-Schar[148], einer kleinen Oase am Flusse gl. N., von den Uled Djerir
bewohnt. Die Bu-Schar-Oase hat ausserdem noch zwei kleinere Ksors. Ich
glaubte schon zu einem längeren Aufenthalte verdammt zu sein, als sich
ein Mann erbot, mich nach Figig bringen zu wollen, gegen den geringen
Lohn von einem (französischen) Thaler. Er hatte den Empfehlungsbrief des
Scherif-Prinzen von Tafilet an Schich Humo-ben-Taher von Figig gelesen
und meinte, der würde den Thaler zahlen. Mit diesem guten Manne, der
noch dazu einen Schlauch Wasser und einige Lebensmittel trug, brach ich
auf. Nach zwei harten Tagemärschen sahen wir die dichten Palmwälder der
Oase Figig vor uns. Es ist dies die letzte Oase nach dem Norden zu,
deren Datteln noch gesucht werden; alle von hier an nördlich gelegenen
Oasen produciren wohl noch Datteln, jedoch von geringerer Güte. Renou t.
IX, p. 120 führt nach Carette noch Figig als eine von "Berbern bewohnte
Stadt mit 400 bis 500 Häusern oder 2000 bis 2500 Einwohnern" an. Figig
ist kein Ort oder keine Stadt, sondern eine ziemlich grosse, 3 bis 4
Stunden im Umfange haltende sehr fruchtbare Oase, mit acht Ksors, die
alle befestigt sind, und fast fortwährend in Feindseligkeiten mit den
auswärtigen Ortschaften oder unter sich selbst sind. Der Hauptort heisst
Snaga, im SO der Oase gelegen, hier residirte auch Schich
Humo-ben-Taher. Von den anderen Orten kann ich Maise, dann
Hammam-Tachtani und Hammam-Fukkani (oberes und unteres Bad) nennen. Der
Name deutet schon an, dass hier Thermalen sind, denn unter Hammam
versteht der Araber immer "heisses Bad." Es dürfte wohl nicht
übertrieben sein, wenn wenn [wenn] man die Gesammtbevölkerung der Oase
Figig auf 10,000 Seelen annimmt. Auch Juden wohnen in Snaga und Maise.
Die Oase producirt ausser der Dattel sämmtliche Früchte der
Mittelmeerzone. Der Handel ist sehr lebhaft, Araber-Nomaden, besonders
aus Algerien bringen Butter, Oel, Felle, Wolle, Schafe, Ziegen und
Getreide, und holen dafür Pulver, Kleidungsstücke, Datteln, Waffen und
Sklaven.
[Fußnote 148: Ort, von Moula-Ah'med auf seiner Pilgerreise erwähnt.
S. Renou.]
Leider konnte ich mein Versprechen, dem Führer einen Thaler zu geben, nicht
halten. Schich Humo-ben-Taher nahm mich zwar sehr freundlich auf, aber
einen harten Thaler für mich auszugeben, dazu war er nicht zu bewegen.
Statt dessen rief er den armen Kerl, und ertheilte ihm seinen Segen, er
meinte der Segen würde besser sein, als Geld. Betrübt schlich der arme Mann
von dannen, er nahm selbst Abschied von mir ohne Fluch und Verwünschung,
meinte nur, wenn ich das Geld gehabt hätte, würde ich ihn wohl belohnt
haben. Und darin hatte er nicht Unrecht, denn als ich später auf meiner
zweiten Reise in der heiligen Stadt Uesan mit ihm zusammentraf, konnte ich
ihm reichlich sein mir erwiesenes Gute zurückerstatten.
Von Figig bis zur französischen Grenze hat man noch einen starken
Tagemarsch, nach einem mehrtägigen Aufenthalt in Snaga brach ich mit einer
grossen Karavane von Algerinern auf und mit Isch hat man die Grenze des
Gebietes, das dem Namen nach zu Marokko gehört, hinter sich, und bald
darauf ist man auf französischem Grund und Boden.
Ehe ich aber über Ain-Sfran, Schellala etc. und durch zahlreiche Duars
nomadisirender Araber kommend, Géryville, die südwestlichste von den
Franzosen besetzte Stadt, erreichte, vergingen noch saure, mit starken
Anstrengungen verknüpfte Tage.
Mit Géryville aber hatten meine Leiden ein Ende. Herr Burin, Commandant des
Ortes, dann der dortige Militairarzt, nahmen mich mit der offensten
Gastfreundlichkeit auf, wochenlang wurde ich dort aufs liebevollste im
Hospitale der Garnison verpflegt, und bald darauf bekam ich Briefe aus der
Heimath, mein ältester Bruder Dr. Hermann schickte die Mittel zur
Weiterreise, und als ich dann, kurze Zeit später, in Algier selbst
anlangte, brachte nach einigen Tagen der Dampfer eben diesen Bruder, der
die weite Reise von Bremen nicht gescheut hatte, "den Wiedergefundenen" an
sein treues Herz zu drücken.