* * * * *
Ein volles Jahr verlebte ich nun in Uesan unter, im Ganzen genommen,
angenehmen Verhältnissen. Und die Zeit verbrachte ich hauptsächlich damit,
recht viel unter die Leute zu gehen, um mich mit ihren Eigenthümlichkeiten
vertraut zu machen. Dabei fehlte es keineswegs an Unterhaltung, Gatell
hatte mir einen Theil seiner Bücher geliehen, so dass, wenn ich allein war,
ich durch Lectüre meinen Geist auffrischen konnte.
Ueberdies wurde der Aufenthalt in Uesan durch verschiedene kleinere Touren
unterbrochen, die ich theils allein, theils in Gesellschaft des
Grossscherifs machte. So unternahm ich von hier einen Abstecher nach L'xor,
um einige Medicamente zu kaufen, die in Uesan, wo man nur mit Amuletten
heilt, nicht zu haben waren. Merkwürdigerweise schien, was seine Person und
seine Familie anbetraf, Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam nicht sehr an die
Wunderkraft seiner Unfehlbarkeit zu glauben, da ich mehrere Male sowohl ihm
selbst als auch seinen beiden kleinen Söhnen Medicin verabfolgen musste.
Der Grossscherif hatte so viel Zutrauen zu mir, dass er nicht das vorherige
Kosten der Medicamente verlangte.
Es fiel in später Herbstzeit ein Besuch, den der Grossscherif dem Sultan in
Arbat machte, wohin er von Mikenes übergesiedelt war, und auf welcher Reise
ich ihn begleitete. Und gerade auf Reisen wird das Ansehen und der Einfluss
des Grossscherifs am anschaulichsten. Man hat keine Idee davon, wie weit in
Marokko der Menschencultus getrieben wird. Sidi-el-Hady Abd-es-Ssalam reist
entweder zu Pferde oder in einer Tragbahre, die fast wie eine verschlossene
vergitterte Kiste aussieht, und die so niedrig ist, dass man nur darin
liegen kann. Zwei Maulthiere, von denen eines vorne, das andere hinten
geht, tragen die Bahre. Es würde vergeblich sein, die Zahl der sich
herandrängenden Leute schätzen zu wollen, das ganze Land scheint
herbeizuströmen, aus weitester Ferne kommen ganze Stämme an den Weg, den
der Grossscherif durchzieht. Man sucht ihn selbst zu berühren, oder die
Tragbahre, das Pferd oder irgend einen anderen dem Grossscherif gehörenden
Gegenstand. Man glaubt aus einer solchen Berührung den göttlichen Segen
ziehen zu können. Oft genügen die bewaffneten Diener nicht, mit der flachen
Klinge den andringenden Haufen fern zu halten, und es müssen dann förmliche
Angriffe gemacht werden, die Leute auseinander zu treiben.
Die Gouverneure der Provinzen, die durchzogen werden, nahen sich immer
schon von weitem ehrerbietig, und natürlich nie mit leeren Händen, sie
betrachten es als eine besondere Gunst, wenn Sidi bei ihnen absteigt, um
ein Mahl einzunehmen, oder wenn er gar in der Nähe ihrer Residenz seine
Zelte aufschlägt.
Der Grossscherif reist immer nur in kleinen Etappen, und mit einem
zahlreichen Gefolge, welches nie aus geringerer Zahl als hundert Personen
zusammengesetzt ist. Alle einflussreichen Schürfa, die nächsten Verwandten,
seine Tholba (Schriftgelehrten) müssen mit. Alle haben, ausser dass jeder
beritten ist, Maulthiere für ihr Gepäck und ihre Zelte, welche vom
Grossscherif gestellt werden. Dieser Lagertrain marschirt immer voraus, so
dass man, wenn man ankommt, das Lager schon aufgeschlagen findet. Der
Grossscherif selbst hat für seine Person drei grosse Zelte, eins, in dem er
die Nacht zubringt, eins zum Empfang bestimmt, und eins, worin er nur seine
nächsten Freunde empfängt.
Sobald er installirt ist, d.h. auf den weichen Teppichen, welche die
Beni-Snassen[120] verfertigen, und von denen ein einziger 4 Centner
(eine Kameelladung) wiegt, Platz genommen hat, kommen aus Nah und Fern
die Bittenden. Hier bringt einer ein Schaf, und verlangt, dass seiner
Frau ein Sohn geboren werden soll, dort bringt einer Korn, und fleht um
Segen für seinen Acker, da fragt einer ob er sein Pferd verkaufen soll,
ob er Glück dabei habe, das und das Haus zu kaufen; hier will ein
Blinder sehend gemacht werden. Der Grossscherif hilft Allen, und je mehr
die Bittsteller Geld und Gaben bringen, desto wirksamer ist der Segen.
[Fußnote 120: Berbervolk an der Oranischen Grenze.]
Manchmal kommen die komischesten Scenen dabei vor. So einstmals als ich mit
dem Grossscherif im festverschlossenen Zelte sass, die Diener und Sklaven
aber strengen Befehl hatten, Niemand ans Zelt herankommen zu lassen, sie
jedoch dem andrängenden Publikum nicht gewachsen sein mochten, rissen
plötzlich die Gurten, das Zelt wurde gewaltsam geöffnet, und herein wälzte
sich der Haufen: alte schmutzige Weiber, starkriechende Kinder, Männer und
Greise, alle fielen über mich her und bedeckten mich mit ihren fanatischen
Küssen. Im Halbdunkel hatten sie mich als auf dem Teppich sitzend (der
Grossscherif sass in dem Augenblick auf einem Stuhl) für den Abkömmling
Mohammed's genommen. Und während ich unter Geschrei und Streiten ihnen klar
zu machen suchte, ich sei nicht der Grossscherif, sass dieser auf seinem
Stuhle, lachte aus vollem Herzen und rief: "Mustafa hennin", d.h.
Wohlbekomm's. Ich musste nachher eine Extrareinigung mit mir und meinem
Anzüge vornehmen, um die greulichen und fühlbaren Andenken dieser heiligen
Umarmungen loszuwerden.
In Arbat blieben wir nur wenige Tage, nahmen indem wir auf dem Hinwege den
Weg durch das Gebiet der Beni-Hassen genommen hatten, den Rückweg längs des
Meeres bis zur Mündung des Ssebu. Von hier gingen wir stromaufwärts bis
fast zu dem Punkte, wo der Ordom-Fluss den Ssebu vergrössert, und von da
aus direct nordwärts nach der Karia ben Auda. Die Karia ben Auda, eine Art
befestigter Häuserhaufen, liegt an den westlichsten Vorbergen der südlich
von Uesan streichenden Berge, die Karia selbst jedoch in vollkommener
Ebene. Sie ist Residenz des Bascha's vom Rharb-el-fukani oder dem oberen
Westen, wie diese Statthalterschaft heisst, dicht um die Karia liegen noch
die von hohen Cactushecken umgebenen Dörfer. Die Häuser sind wie im ganzen
Rharb von Steinen und Lehm gebaut und mit Strohdächern gedeckt, so dass man
von Weitem ein deutsches Dorf zu sehen glaubt. Der vorzügliche Reichthum
des Landes besteht in Viehheerden, hier wie in Beni-Hassen vorzugsweise in
grossen Rinderheerden; Schafe und Ziegen hingegen werden in diesen
Provinzen verhältnissmässig in geringerer Zahl gezüchtet. Die
marokkanischen Rinder halten aber keineswegs einen Vergleich auch nur mit
den schlechtesten in Europa aus. Klein von Statur giebt eine marokkanische
Kuh kaum mehr Milch als eine gute europäische Ziege. Der Grund davon ist
die Sorglosigkeit, mit der überhaupt die Viehzucht in Marokko betrieben
wird, und dann auch die mangelhafte Nahrung im Winter. Es fallt keinem
Marokkaner ein, daran zu denken Vorrath von Heu zu machen, wie denn
überhaupt Wiesen zum Heumachen nirgends existiren. Natürlich giebt es hier
und da längs der Flüsse, dann auch in den feuchten Niederungen namentlich
der Kharbprovinzen und Beni-Hassen ausgezeichnete Wiesen und Wiesengründe,
aber das Gras wird nur grün benutzt, und ist, ohne dass Jemand daran denkt
es zu mähen oder zu schneiden, Mitte Juli verbrannt von der Alles
austrocknenden Sonne. Im Winter sind daher Rinder und auch Schafe und
Ziegen auf die vertrockneten, kraftlosen Kräuter angewiesen, welche sie
draussen finden. Für die Pferde dient im Winter Stroh von Gerste oder
Weizen.
Wir waren kaum Angesichts der Karia, als der Kaid Abd-el-Kerim, von seinen
Brüdern begleitet, auf uns zugesprengt kam, und uns zu einem Frühstück
einlud. Das konnte nicht ausgeschlagen werden, und so zog der ganze Tross
nach seiner Wohnung, wo wir ein reichliches Mahl schon vorbereitet fanden.
Und der Kaid, der den Titel Bascha hat, bat Sidi so inständig einen Tag zu
bleiben, dass Befehl gegeben wurde, Zelte zu schlagen.
Es waren dies förmliche Essschlachttage, denn je höher man in Marokko einen
Gast ehren will, desto mehr Speisen setzt man ihm vor. Abends kam der Kaid
ins Zelt des Grossscherifs, wo er nun gleichfalls mit vielen Schüsseln
bewirthet wurde, aber kaum war er fort, als er eine noch grössere Anzahl
Gerichte zurück schickte, und am anderen Morgen, als wir eben unser
reichliches Frühstück genossen hatten, kam auch schon der Kaid, um uns zu
einem, zweiten Mahle abzuholen, ausschlagen durfte man nicht, kurz während
der Zeit unseres dortigen Aufenthaltes hatte der Magen kaum eine Stunde
Ruhe. Als wir uns verabschiedeten, legte der Kaid dem Grossscherif noch
einen Beutel mit 5000 Frcs. zu Füssen, wofür er natürlich einen recht
langen Segen erhielt.
So langweilig, was Natur anbetrifft, die Gegend in den Rharb- und
Beni-Hassen-Districten ist, wo Ebenen von Zwergpalmen, Lentisken und
Lotusbüschen bestanden mit Kornfeldern und Wiesen wechseln und
allerdings das Bild des fruchtbarsten Bodens zeigen, aber auf die Dauer
einförmig erscheinen, so sehr ändert sich dies, wenn man das Gebirge
erreicht. Gewiss giebt es keine romantischere Umgegend, als die der
heiligen Stadt Uesan. Die dicht bewachsenen Berge der nächsten Umgebung,
im Hintergründe die zackigen Felsen der Rifberge, die strotzende
Fruchtbarkeit des Bodens, der dem Auge überall das saftigste Grün der
verschiedenen Bäume und Stauden bietet, wie sie überhaupt die Länder um
das Mittelmeer in so grosser Mannichfaltigkeit hervorbringen, alles dies
verursacht, dass die Zeit und wenn auch der Weg beschwerlich und
ermüdend ist, rasch verläuft.
Gegen Mittag wurde im Westen der Stadt Halt gemacht, da der Einzug am
anderen Tage stattfinden sollte. Aber Abends hatten wir schon viel Besuch
von Uesan, unter anderen kamen auch die kleinen Söhne des Grossscherifs,
von denen der eine 9, der andere 7 Jahre haben mochte, mit ihrem Lehrer
herangeritten, so dass der Abend recht munter und vergnügt verbracht wurde.
Vor Sonnenaufgang am folgenden Tage weckten mich schon die Flintenschüsse
und die schrecklichen Klänge der unvermeidlichen Musik, es war dies nur die
Einleitung zur statthabenden Feierlichkeit. Nachdem wir in aller Eile den
Kaffee (ich genoss immer die Auszeichnung zum Kaffee in des Grossscherifs
Zelt gerufen zu werden, sowie ich dort auch mit essen musste) getrunken und
gefrühstückt, stiegen wir zu Pferde und unter knatterndem Feuer, dem Lärm
der Musikanten, dem Lululu der Weiber setzte sich der Zug in Bewegung. Aber
obschon wir nur eine Stunde von der Stadt entfernt waren, erreichten wir
dieselbe erst gegen Mittag. Alle Augenblick kam eine neue Musikbande mit
ihren abscheulichen Instrumenten und es wurde Halt gemacht, oder es kamen
mit Flinten bewaffnete Abtheilungen, und gaben eine Salve dicht vor den
Füssen des Grossscherifs, man bildete Kreise und dann, wie die Teufel
herumspringend, schossen sie ihre Flinten in den Boden und warfen sie
darauf hoch in die Lütt, um sie hernach geschickt wieder aufzufangen.
Reiter organisirten sich, und im gestreckten Galopp auf uns losjagend,
schossen sie dicht vor uns die Flinten ab und schwenkten dann mit ihren
Pferden zu beiden Seiten auseinander. Ich war froh, als wir endlich die
Stadt erreichten, aber hier war uns das Entsetzlichste noch vorbehalten,
gewissermassen der Triumphbogen, durch den der Grossscherif den Einzug in
seine getreue und heilige Stadt Uesan halten sollte.
Es nahten sich ungefähr zwanzig der Secte der Aissauin. Unter zitternden
convulsivischen Bewegungen, unter einförmigen Tönen: "Allah, Allah" tanzten
sie heran; jeder hatte eine Lanze, einige waren ganz nackt, andere hatten
nur die unentbehrlichsten Lumpen um. Die Lanze trugen sie in der einen
Hand, in der anderen einen Rosenkranz. Die Verwundungen, welche sie sich
selbst beigebracht hatten, verursachten, dass der ganze Körper mit Blut
bedeckt war, einige schlugen sich auf die Nase, dass das Blut in Strömen
herausschoss, andere schlitzten sich die Lippen zu Ehren Sidi's, andere
zerkrazten sich die Brust und Gesicht, Gott zu Ehren und um dem
Grossscherif, dem Abkömmling des "Liebling Gottes", ihre Hingebung zu
bezeugen. Dabei steigerte sich ihr Allah, Allah zu einem wahren Geheul,
einigen traten die Augen aus dem Kopfe, sie schienen wahnsinnig zu werden,
andere schäumten, die von Gott am meisten Inspirirten wollten sich vor die
Füsse des Pferdes des Grossscherifs werfen, um überritten zu werden, nur
ein schneller Spornstich drückte rasch das Pferd in die Menge, welche dicht
zu beiden Seiten war. Ich sah, wie es auch dem Grossscherif schauderte, und
er war wohl eben so froh als ich, als die eigentliche Sauya, das
Allerheiligste von Uesan, erreicht war.
Auch der Winter wurde nicht unangenehm verbracht; ob schon die Spitzen der
Rif-Berge alle mit dickem Schnee überzogen, merkte man in Uesan nicht viel
von der Kälte. Eine Einrichtung zum Heizen hat natürlich Niemand, bei
grosser Kälte, d.h. wenn das Thermometer Morgens auf +6 oder +4° R.
herabsinkt, oder gar wohl einmal unter Null ist (es soll vorkommen, ich
habe es indess nicht erlebt), lässt man sich ein Becken mit glühenden
Kohlen ins Zimmer bringen. Und diesmal war der Winter so milde, dass die
Gesellschaft, welche der Grossscherif täglich bei sich empfing, in einer
Art von Veranda seines Hauses empfangen wurde, keineswegs aber in einem
geschlossenen Zimmer.
Bald darauf, im Januar 1862, trat ein anderes Ereigniss ein, welches
abermals eine Reise des Grossscherifs nothwendig machte, und weil es
charakteristisch für die politisch-socialen Zustände des Landes ist,
verdient, hier erzählt zu werden. Es hatte sich eine Art von Gegen-Sultan
gebildet.
Man erfuhr zuerst in Uesan gerüchtweise von einem Marabut oder Heiligen,
der in der Nähe der Stadt sich aufhielt, und vorgab alle Kranke gesund
machen zu können; er predigte zugleich den heiligen Krieg gegen die
Ungläubigen (der Krieg gegen Spanien hatte den alten Fanatismus der
Gläubigen gegen die Christen recht wieder ins Leben gerufen) und
proclamirte die Stunde des Sultans habe geschlagen, es würde ein neuer
kommen, der bestimmt sei die gesunkene Macht der Gläubigen wieder
aufzulichten, und der mit erneuerter Kraft und Herrlichkeit den Islam der
ganzen Welt auferlegen werde. Es strömte ihm natürlich viel Volks zu, da
der spanisch-marokkanische Krieg Räuber und Strolche genug herangebildet
hatte, und überdies, je unwahrscheinlicher eine Prophezeiung ist, sie um so
leichter bei den Marokkanern gläubige Anhänger findet, namentlich wenn den
Leidenschaften und religiösen Eitelkeiten des Volkes geschmeichelt wird.
Der Grossscherif verhielt sich äusserst ruhig bei diesem Treiben, da seiner
Macht und seinem Einfluss kein Abbruch geschehen konnte, weil der
Weltverbesserer kein Scherif seiner Herkunft war, nicht einmal ein Thaleb,
d.h. ein der Schrift kundiger Mann. Nach einigen Wochen, während der Zeit
Sidi Djellul (er hatte sich den Scheriftitel angemasst) einen Haufen von
einigen Tausenden von Taugenichtsen um sich versammelt hatte, beging er
indess die Frechheit, dem Grossscherif einen Brief zu schreiben, d.h.
schreiben zu lassen, ihm zu sagen, er (Sidi Djellul) sei der Mann der
Stunde (mul' el uogt, d.h. der erwartete Messias), der Grossscherif habe
sich Angesichts dieses Briefes zu ihm zu begeben, und in Gemeinschaft
wollten sie sodann gegen den Sultan und die grossen Städte ziehen.
Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam würdigte ihn natürlich keiner Antwort; sandte
aber sofort an den Sultan einen Courier, um ihn auf die Gefahr dieses
Abenteurers aufmerksam zu machen.
Mittlerweile wuchs der Anhang Sidi Djellul's in grossen Proportionen. Seine
Genossen lebten von Raub und Plündern, und grössere Raubzüge stellte er in
Aussicht: "Die grossen Städte, wie Fes, Mikenes, müssten ganz verschwinden,
die Bewohner hätten ihr Geld durch Handel mit den Christen gewonnen, daher
sei es ein gutes Werk sich dieser in den Städten angehäuften Schätze zu
bemächtigen."--Merkwürdigerweise rührte sich nach mehreren Wochen die
Regierung noch immer nicht, denn es hält ungemein schwer, den Sultan zu
irgend einem entscheidenden Schritt zu bringen.
Im Anfange Februar desselben Jahres wagte er sich schon an befestigte
Punkte; mit seinem ganzen Anhang, von denen einige mit Flinten, die meisten
aber nur mit Knütteln und Lanzen bewaffnet waren, zog er gegen die
Karia-ben-Auda, und nach einer dreitägigen stürmischen Belagerung
bemächtigte er sich derselben mit Gewalt, und enthauptete denselben
Bascha Abd-el-Kerim, der vor Kurzem dem Grossscherif eine so grossartige
Gastfreundschaft erwiesen hatte. Die 16 oder 20 Mann Maghaseni, eine
ebenso grosse Anzahl Diener des Bascha's wurden ebenfalls ermordet, die
Bewohner der um die Karia gelegenen Dörfer entflohen zum Theil nach
Uesan, zum Theil gingen sie zu Sidi Djellul über.
Der Bascha wurde übrigens vom Volke kaum betrauert, seine Habsucht und
Grausamkeit hatten ihn zum Feinde aller deren gemacht, denen er als
Gouverneur vorstand. Was Sidi Djellul anbetrifft, so stieg nach der
Einnahme der Karia sein Einfluss von Tage zu Tage, und obschon er durch den
Bascha, der sich in der Karia hinter hohen Mauern gut vertheidigt
hatte[121], einigen Verlust erlitten hatte, so behauptete das
leichtgläubige Volk, alle die mit Sidi Djellul zögen seien kugelfest, und
namentlich er selbst unverwundbar. Während 14 Tagen schwelgten die Räuber
sodann auf der Karia, ihr Chef erliess Proclamationen, worin er verkündete
mit allen Baschas so verfahren zu wollen, und namentlich auch mit dem
Sultan.
[Fußnote 121: Er musste sogar Revolver und Lefaucheux'sche Flinten
gehabt haben, da der Grossscherif später von Leuten mehrere
derartige Waffen geschenkt bekam, und die als in der Karia gefunden
bezeichnet wurden.]
Endlich rührte sich der Sultan; sein Bruder Mulei Arschid hatte Befehl
bekommen mit 1000 Mann Soldaten, ebenso vielen Reitern und 4 Kanonen über
Media, an der Mündung des Ssebu gelegen, nach der Karia zu marschiren, und
Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam war gebeten worden zum Heere zu stossen, um
durch seine Anwesenheit der Sache des Sultans in den Augen des Volkes
grösseres moralisches Gewicht zu geben. Der Grossscherif leistete der Bitte
des Sultans Folge und mit grossem und kriegerischem Trosse wurde auf die
Karia-el-Abessi marschirt, die wir in zwei Tagemärschen erreichten, am
selben Tage, an welchem von der anderen Seite der Bruder des Sultans, Mulei
Arschid anlangte. Der Eindruck, den das Erscheinen des Grossscherifs
hervorbrachte, war ein ausserordentlicher. Die ganze Rharbprovinz war im
offenen Aufruhr gewesen, Mulei Arschid hatte sich von Media nur mit Gewalt
einen Weg bis zur Karia-el-Abessi bahnen können. Wir selbst aber waren dort
ohne auf irgend feindselige Leute zu stossen angekommen, und die Leute,
welche zurückgeblieben waren, sagten aus: Sidi Djellul habe sich mit seinem
Anhang durch die Berge nach Sidi Kassem, einem südlich gelegenen Orte,
geflüchtet. Mit Ausnahme derer, die keine Heimath hatten und fest zu Sidi
Djellul standen, war damit der eigentliche Aufstand gedämpft; d.h. die
beiden Rharbprovinzen waren durch die Anwesenheit des Grossscherifs bei der
Armee Mulei Archid's vollkommen beruhigt und hatten sich ohne weitere
Zwangsmassregeln unterworfen.
Merkwürdigerweise wurde nun aber Sidi Djellul nicht durch einen raschen
Marsch auf Sidi Kassem beunruhigt und er selbst mit seinen Anhängern
vernichtet oder gefangen gebracht. Wir lagerten bis Mitte März ruhig bei
der Karia-el-Abessi. Aber der Anhang Sidi Djellul's verlor sich nun immer
mehr, freilich hatte er auch den Ort Sidi Kassem noch überrumpeln und
plündern können, die Behörde war mit den meisten Bewohnern schon vorher
geflohen, es war dies aber sein letztes Heldenstück. Von fast Allen
verlassen, versuchte er es das Grabmal von Mulei Edris el Akbar in Serone
zu erreichen, wo er eine sichere Zufluchtsstätte gefunden haben würde. Aber
gleich beim Eintritt in die Stadt, wurde er erkannt und von den Schürfa
gefangen genommen. Diese, ohne weitere Umstände, enthaupteten ihn,
schnitten dem Rumpfe Hände und Füsse ab, und diese Trophäen wurden dem
Sultan geschickt. Sidi Mohammed, der Sultan, befahl den Rumpf ans Stadtthor
von Serone zu nageln, der Kopf wurde zur Ausstellung nach Maraksch
geschickt, und die übrigen Extremitäten den anderen Städten zur Ausstellung
überlassen. Die Schürfa aber, die eigenmächtig getödtet hatten, bekamen vom
Sultan ein Geschenk von 3000 Mitcal (c. 5000 frcs.), ein für Marokko sehr
ansehnliches Geldgeschenk. Von seinen Parteigängern wurden viele gefangen
genommen, einfach enthauptet, einige aber auch, die etwas Vermögen hatten,
eingekerkert, um erst ihrer Habe beraubt zu werden. So endete der Versuch
eines Marokkaners den Thron des Sultans umzustürzen und eine andere
Regierung einzusetzen. Nicht immer aber sind solche Revolten ohne Frucht
geblieben, namentlich wenn der Empörer ein Scherif war, und am Hofe selbst
schon Ansehen hatte, endete oft genug eine aus ebenso kleinen Anfängen
entsprungene Revolution damit, dass der regierende Sultan das Feld räumen
musste, oft sogar das Leben verlor.
Uebrigens war damit das Land keineswegs ganz beruhigt, die Hiaina, die
Beni-Hassen, die Rifprovinzen waren in Gährung, man wusste nicht ob die
Rifbewohner das Gebiet um Melilla abtreten wollten; der zu dem Ende vom
Sultan an die Gebirgsstämme entsandte Scherif von Uesan, Sidi Mohammed ben
Akdjebar, kehrte unverrichteter Sache zurück.
Endlich verliessen wir mit der Armee die Karia-el-Abessi, und in östlicher
Richtung marschirend, zogen wir über den Ued-Teine und den Ued-Ardat, und
campirten an einem Orte Had genannt. Hier blieben wir wiederum einige Tage
liegen, und marschirten dann längs des Ardatstroms aufwärts, um bei einem
Orte Arba zu campiren. Das Wort Arba bedeutet Mittwoch, und an dem Orte
wird Mittwochs Markt abgehalten. In ganz Marokko stösst man überall auf
Oertlichkeiten, die manchmal ohne alle Bewohner, die Bezeichnung Had
Sonntag, Tnein Montag, Tleta Dienstag, Arba Mittwoch, Chamis Donnerstag,
Djemma Freitag und Sebt Samstag führen. Solche Oertlichkeiten dienen als
Marktplätze, und es giebt ihrer Hunderte im ganzen marokkanischen Reich.
Das Land war in dieser Gegend durchaus gewellt, überall gut angebaut, und
das Erdreich, schwarzer Humus, sehr fruchtbar. Wie man an den Ufern der
Flüsse sehen konnte, hat die Humusschicht meistens eine Dicke von 5-6
Meter. Von hier aus zogen wir nach einigen Tagen nach dem Ued-Uarga und
lagerten südlich, Angesichts der Bergkette der Uled-Aissa. Das Lager war
hier in reizender Gegend aufgeschlagen, die schönen Ufer des Flusses, von
20 Fuss hohen Oleanderstauden und Tamarisken dicht bestanden, die Gebirge
mit zahlreichen Dörfern, die aus ihren Oliven- und Feigengärten
herauslugten, im Südosten der eigenthümlich geformte Berg Mulei Busta,
geben der ganzen Landschaft eine grosse Abwechselung. Aber der Ramadhan war
angebrochen, und da wir im Lager waren, musste ich natürlich aufs strengste
die vorgeschriebenen Fasten mitmachen, was bei der grossen Hitze, wir waren
jetzt Ende April, keineswegs angenehm war.
Endlich kam ein Danksagebrief vom Sultan an den Grossscherif, wir
verabschiedeten uns von Mulei Arschid und erreichten, rasch heimwärts
ziehend, in anderthalb Tagen Uesan. Mulei Arschid aber vereinigte sich mit
dem Sultan, der von Arbat aus mit der ganzen übrigen Armee gegen die
Beni-Hassen ins Feld gerückt war. Da wir ganz unerwartet in Uesan
eintrafen, so war natürlich auch kein Empfang.
Nachdem der Ramadhan vorüber, das Aid-el-Sserir mit grossem Gepränge
gefeiert worden war, und ich mich von den Anstrengungen des mehrere Monate
dauernden Feldzuges erholt hatte, brach ich von Uesan auf, um Tetuan zu
besuchen. Reichlich mit Medicamenten versehen und unter dem Titel "ssahab
Sidi", d.h. Freund, Diener oder Anhänger des Grossscherifs, wollte ich es
wagen, allein die Gegenden zu durchstreifen, es sollte dies gewissermassen
als Versuch und Vorbereitung zu meiner Abreise dienen. Ein Spanier, schon
seit 15 Jahren in Uesan ansässig und dort verheirathet, begleitete
mich[122].
[Fußnote 122: Einige Monate später wurde er, als er allein von Uesan
ins Gebirge reiste, ermordet.]
Von Uesan aufbrechend, ich hatte ein eigenes Maulthier und einen vom
Grossscherif geliehenen starken Esel, ging es über Tscheralia nach L'xor,
und nach einem mehrtägigen Aufenthalt auf dem Westabhange der Rif-Berge,
welche man von L'xor aus in einigen Stunden erreicht, nordwärts. Vom Orte
Arba el Aiascha gingen wir nach Had bei Arseila, wo ich mein Maulthier
verkaufen wollte, da es sich, als nicht besonders stark, schlecht bewährt
hatte. Aber wegen zu schlechten Wetters, welches uns zwang, einen ganzen
Tag in einem Duar zuzubringen, war der Markttag des Had verpasst worden,
und dicht bei dem Sanctuarium Mulei Abd-es-Ssalam ben Mschisch, einer
berühmten Sauya und sehr besuchtem Wallfahrtsorte vorbeikommend, zogen wir
dann durchs Gebirge Tetuan entgegen.
Bis jetzt waren wir überall gut aufgenommen worden, aber je näher wir
Tetuan kamen, desto misstrauischer zeigten sich die Bergbewohner, und eines
Abends wollten Tholba eines Dorfes, wo wir zu übernachten beschlossen
hatten, uns nur gegen Erlegung von einigen Metkal Quartier geben, "dann
würden wir überdies ihres Segens theilhaftig werden." Auf meine
Erwiederung, der Segen des Grossscherifs von Uesan, dessen Freund ich sei,
genüge mir, zogen sie sich drohend zurück, indessen schienen sie später
ihre Gesinnungen geändert zu haben, denn sie brachten ein reichliches
Nachtessen. Auf dem Wege von Tanger nach Tetuan angekommen, brachten wir
dann eine Nacht in dem Caravanserai zu, bekannt geworden durch den letzten
Krieg der Spanier. Hier erblickte ich in den Gebirgsschluchten zum ersten
Male die deutsche Eiche wild wachsend, welche mir sonst nirgends mehr in
Marokko aufgestossen ist. Sonst hat man in Marokko in den Ebenen
vorzugsweise die Korkeiche und auf den Abhängen der Berge die immergrüne
Eiche und die Cerriseiche.
Im Caravanserai oder Funduk hatten wir für nächtliches Unterkommen, d.h.
für eine leere Zelle und Hofraum fürs Vieh, einige Mosonat zu zahlen, für
Geld bekamen wir auch etwas Brod, Milch und einige Eier. Am anderen Morgen
erreichten wir gegen 10 Uhr die Stadt Tetuan oder Tetaun, wie die
Marokkaner sie nennen. Die Spanier waren gerade beim Abmarsch, denn Tetuan
liegt bekanntlich nicht unmittelbar am Meere, so dass die Truppen nicht
direct eingeschifft werden können. Ich unterlasse es eine Beschreibung
dieser von reizenden Orangengärten umgebenen Stadt zu geben, sie ist
hinlänglich aus dem letzten Kriege bekannt.
Nach einigen Tagen Aufenthalt kehrte ich Tetuan den Rücken, und begab mich
mit einer grossen Karavane nach Tanger. Der Weg wird gewöhnlich in zwei
Tagen gemacht, wir brauchten indess nur Einen. Sehr belebt war er durch
heimkehrende Tetauni (Bewohner Tetuans), welche während der spanischen
Besatzung die Stadt verlassen hatten, und die nun zurückkehrten, um von
ihren Immobilien wieder Besitz zu nehmen. Nachdem ich sodann in Tanger mein
Maulthier verkauft hatte, trat ich den Rückweg nach Uesan an, zuerst längs
des Strandes.
Man muss indess nicht glauben, dass ein eigentlicher Weg längs des Meeres
läuft, davon ist keine Spur vorhanden. Aber der Strand ist so breit,
besteht aus so festem Sande, dass er, ausgenommen für Wagen, vollkommen
eine macadamisirte Chaussee ersetzt. Man muss aber die Ebbezeit wählen,
weil bei Fluth das Meer bis dicht an die Dünen oder Felsen hinantritt. Man
kann hier sehen, wie der Atlantische Ocean, dessen breiteste Stelle hier
ist, selbst nach tagelangen Windstillen, dennoch immer grosse Wellen
schlägt, und alle Zeit ist die Brandung oder das Rauschen der den Sand
hinaufrollenden Wellen weit im Innern des Landes zu hören.
Man kann recht gut, längs des Strandes reisend, in einem Tag Arseila
erreichen, aber wir hatten ein Hinderniss an der Mündung des Ued-Morharha,
worüber ein ganzer Tag verging. Zu breit und tief an der Mündung, um
durchwatet werden zu können, hat man für Fahr-Einrichtung gesorgt, das Boot
aber lag auf der anderen Seite, und kein Fährmann war zu finden oder durch
Rufen herbeizulocken. Wir zogen, nachdem wir vergeblich versucht hatten,
hindurch zu schwimmen, flussaufwärts, ohne eine Furt zu finden, auf das
Bereden der Leute eines Duars kehrten wir um, und diesmal war denn auch der
Fährmann an Ort und Stelle, und wir wurden hinüberbefördert. Ehe man
Arseila erreicht, hat man dann noch die Mündung des Ued-Aiascha zu
passiren.
Arseila, von den Alten Zilia. Zelis und Zilis genannt, wird von einigen
Schriftstellern, darunter Hemsö, Höst und Barth, Asila genannt. Wenn nun
aber auch die Herleitung des Namens von Zilis unzweifelhaft ist, so ist
heute doch nur die Schreibweise mit einem r die einzig richtige, und ist es
wohl seit Jahrhunderten gewesen, da Leo, Marmol, Lempriere, Jackson und die
meisten Schriftsteller so schrieben. Ohne Zweifel von den Eingeborenen
gegründet, später im Besitze der Carthager, der Römer, der Gothen, wurde
nach Leo Arseila 712 n. Chr. von den Mohammedanern erobert und 200 Jahre
von ihnen behauptet. Dann sollen die Engländer (nach Leo) eine Zeitlang die
Stadt besessen haben, und später wieder im Besitze der Mohammedaner wurde
sie 1471[123] von den Portugiesen erobert und bis zum Jahre 1545 behauptet.
Seit der Zeit ist die Stadt im Besitze der Marokkaner geblieben.
[Fußnote 123: Nach Leo 1477.]
Ob das alte Zilis übrigens genau an der Stelle des heutigen Arseila gewesen
ist, ob es nicht vielmehr an der Mündung des Ued-Aiascha einige hundert
Schritte weiter im Norden gelegen hat, möchte wohl erst noch festzustellen
sein. Jedenfalls ist die heutige Stadt so gelegen, dass sie nie besonders
durch Handel und Wandel blühend gewesen sein kann. Am Strande ziehen sich
allerdings rechtwinkelig ins Meer hinein Felsblöcke, aber angenommen, sie
hätten ehemals einen Hafen gebildet, so würde dies Bassin kaum gross genug
gewesen sein 12-16 Fischerböte aufzunehmen. Ueberdies sind die Blöcke so
klein, dass sie bei halber Fluth schon vom Wasser bedeckt sind. Die Mündung
des Ued-Aiascha, wo man ebenfalls Mauerüberreste bemerkt hat, muss in
früherer Zeit ein guter Hafen gewesen sein. Plinius sagt überdies: "Zilis
juxta flumen Zilia", welcher Fluss wohl kein anderer sein kann, als der
ebenerwähnte Aiascha.
Arseila, in der Gegend von Hasbat gelegen, liegt unmittelbar am Meere. Ein
rechtwinkliges Oblongum, von halbverfallenen Mauern und Thürmen umgeben,
mit zwei Thoren, von denen das eine nach Norden, das andere nach Osten
sieht, hat Arseila c. 500 Einwohner mohammedanischer und israelitischer
Confession. Man findet in Arseila wie in allen Seestädten Marokko's
zahlreiche Spuren christlicher Herrschaft an den alten Bauwerken. Einige am
Boden liegende Säulen, ebenso Säulen, die jetzt im Innern der Djemma sind,
dürften vielleicht römischen Ursprungs sein. Ein Djemma, ein elendes Funduk
sind die öffentlichen Gebäude, ein marokkanischer Jude versieht das
englische Consulat. Arseila besitzt nicht einmal Fischernachen, geschweige
grössere Schiffe. Trotz der nächsten sandigen Umgebung haben die Bewohner
es verstanden, leidlich gute Gärten anzulegen und Feigen, Melonen, Pasteken
und die Rebe gedeihen vortrefflich. Aber kein Ort ist so theuer, was
Lebensmittel anbetrifft, wie Arseila, und selbst Früchte, die in anderen
Theilen von Marokko fast umsonst zu haben sind, kosten hier
verhältnissmässig viel Geld.
Die ganze Stadtbevölkerung fanden wir unter Zelten auf einer grünen Wiese
dicht am Meere gelagert, da der Sultan für sein ganzes Reich eine
dreitägige Festlichkeit angeordnet hatte aus Freude über den glücklich
bewältigten Aufstand Sidi Djellul's. Wie der Juden Laubhüttenfest, werden
alle derartigen Feierlichkeiten der Marokkaner im _Freien_ abgehalten,
wie ja auch bei den grossen religiösen Festen, Aid el kebir, aid sserir und
Molud die gottesdienstliche Ceremonie nicht in der Moschee, sondern
draussen auf freiem Felde celebrirt wird. Zwischen Tanger und L'Araisch
können auch Christen in christlicher Tracht längs des Meeres reisen, ohne
befürchten zu müssen belästigt zu werden. So traf denn auch am selben
Abend, wo wir in Arseila waren, ein spanischer Kaufmann ein (Christen giebt
es sonst keine im Städtchen), der in eben dem Funduk die Nacht zubrachte,
welches uns beherbergte.
Von Arseila, das wir am anderen Morgen verliessen, bis L'Araisch hat man
längs des Meeres, dessen Ufer immer denselben Charakter beibehält, nur
einen halben Tagemarsch, und man muss, um in die Stadt zu gelangen, die
Mündung des Ued-Kus übersetzen. Ohne uns aufzuhalten, erreichten wir immer
durch einen schönen Korkeichenwald reisend, am selben Tage L'xor. Und auch
hier war kein Aufenthalt für uns, da uns die Kunde wurde Sidi-el-Hadj
Abd-es-Ssalam beabsichtige eine Reise nach Marokko. Zwei Tage darauf
waren wir wohlbehalten in Uesan nach einer Abwesenheit von drei Wochen.
Der Grossscherif, der mich wie immer sehr freundlich empfing, sagte mir,
allerdings habe er eine Einladung vom Sultan erhalten, ihn nach Maraksch zu
begleiten, aber später habe der Sultan in einem anderen Briefe den Wunsch
ausgedrückt, nicht zu kommen, da seine Anwesenheit in der Nähe des Rharb,
dessen Bevölkerung eben erst eine Revolution durchgemacht hätte,
notwendiger sei, als in Maraksch.
So glaubte ich denn auch, dass die Zeit gekommen sei, mein Geschick von dem
des Grossscherifs zu trennen, dessen liebenswürdige und uneigennützige
Gastfreundschaft ich nun seit einem Jahre genoss; zudem fühlte ich, dass
ich der arabischen Sprache täglich mächtiger wurde, denn hat man die ersten
Schwierigkeiten überwunden, so ist diese Sprache als Umgangssprache nicht
schwer. Und wenn man ausgerechnet hat, dass ein europäischer Landmann, ein
englischer Bauer z.B. in seinen gewöhnlichen Lebensverhältnissen nur ca.
400 Wörter braucht, mit deren Hülfe er alle seine Ideen seinen Mitmenschen
mittheilen kann, so hat man sicher in Marokko auch nicht mehr nöthig.
Die ganze Lebensart ist so einfach, der Gegenstände, die der Mensch dort
nöthig hat, sind so wenige, die Unterhaltung ist so stereotyp und dreht
sich so ziemlich immer um dieselben Gegenstände, dass, wenn man einmal erst
mit der Construction der marokkanischen Redeweise vertraut ist, und den
nöthigen Wörtervorrath im Gedächtniss angesammelt hat, das Reden ganz von
selbst geht. Hauptsache ist dabei, immer Gott und Prophet im Munde zu
haben, von Paradies und Hölle zu sprechen, den Teufel nicht zu vergessen,
und dabei andächtig mit dem Munde murmelnd den Rosenkranz durch die Finger
gleiten zu lassen. Fällt einem dann auch nicht gleich eine Redewendung ein,
hat man ein Wort plötzlich vergessen, und sagt statt dessen: "Gott ist der
Grösste", oder "Mohammed ist der Liebling Gottes", oder "Gott verfluche die
Christen", so findet das kein Marokkaner, auch wenn diese Redensarten gar
nicht dahin passen, auffallend, und er wird selbst den Satz ergänzen, oder
das gesuchte Wort finden.
Ehe ich indess Uesan verliess, bot sich mir Gelegenheit dar, mit einem
"Emkadem", Intendant, des Grossscherifs nach der kleinen zwischen Fes und
Udjda gelegenen Stadt Tesa zu reisen; derselbe war abgeschickt worden,
rückständige Gelder für die Sauya Uesan einzukassiren. Den ersten Tag
verfolgten wir den von Uesan nach Fes führenden Weg und lagerten am
Ued-Ssebu an einer Oertlichkeit, Manssuria genannt, welche aus einigen
Hütten bestand und einem Duar, beides Eigenthum des Grossscherifs.
Merkwürdig ist diese Gegend dadurch, dass in der Nähe von Manssuria
ein steinigtes Feld ist, aus dem beständig Schwefeldämpfe und nach
den Aussagen der Eingeborenen mitunter auch kleine Flammen
emporsteigen[124]. Es ist dies die mir einzig in Marokko bekannte
Oertlichkeit, wo vulkanische Erscheinungen heute noch in Thätigkeit
sind. Am zweiten Tage, im Thale des Ssebu aufwärts gehend, das die
zahlreichen Krümmungen abgerechnet von Osten herkommt, blieben wir noch
eine Nacht in einem Tschar (Bergdorf) und erreichten am dritten Tage das
malerisch am Berge gelegene Städtchen Tesa.
[Fußnote 124: Vielleicht das Pyrron Pedion, dessen Ptolemaeus in
Mauritania Tingitana erwähnt.]
Nach Ali Bey liegt Tesa auf dem 34° 9' 32" N. B. und 6° 15" W. L. v. P. auf
dem Unken Ufer des Ued-Asfor (gelber Fluss, wie hier der Ssebu heisst),
jedoch fast eine halbe Stunde von ihm entfernt. Ausserdem wird die Stadt
vom kleinen Ued-Tesa durchströmt, der vom Süden kommt. In der Lage, d.h.
am Abhange eines Berges gelegen, hat Tesa eine ausserordentliche
Aehnlichkeit mit Uesan. Leo giebt der Stadt 5000 Feuerstellen, was
jedenfalls jetzt viel zu hoch ist, denn sie dürfte kaum mehr als 5000
Einw. haben, von denen ca. 800 Seelen jüdischen Bekenntnisses sind.
Hemsö wagt die Vermuthung, dass Tesa das Babba der Alten ist.
Die Stadt, mit einer einfachen Mauer umgeben und einer Kasbah, hat eine
beständige Garnison von 500 Maghaseni, eine Auszeichnung, die sie nur noch
mit Udjda theilt, welches eine ebenso grosse Besatzung hat, während in
allen anderen Städten des Reiches nur ca. 20 Soldaten dem Gouverneur zur
Verfügung stehen. Die Lage der Stadt, die Nähe der unruhigen Hiaina, und
der anderen vollkommen unabhängigen Bergvölker im Osten und Süden der Stadt
machen eine so starke Besatzung sehr nothwendig. Tesa ist Hauptmittelpunkt
des Handels zwischen Algerien, resp. Tlemçen und Fes. Aber östlich von Tesa
ist die Gegend so unsicher, dass jede Karavane von einer Abtheilung
Maghaseni begleitet sein muss. Stark besuchte Karavanenwege führen
ausserdem von Tesa nach dem Figig und Tafilet. Die Häuser im Innern der
Stadt bekunden Wohlhabenheit der Einwohner, die grosse Moschee, mit antiken
monolithischen Säulen im Innern, deutet darauf hin, dass einst die Stadt
noch bedeutender gewesen ist, als jetzt, und was die Gesundheit der Luft,
die Reichhaltigkeit der Fruchtbäume und die wunderbar schöne Gegend
anbetrifft, so kann man nur mit Leo übereinstimmen, der sagt: "Billig
sollte dieser Ort, wegen der gesunden Luft, die im Winter sowohl als im
Sommer hier stattfindet, die königliche Residenz sein."
Wir waren in Tesa in der Sauya der Tkra Mulei Thaib abgestiegen, und wurden
selbstverständlich gut bewirthet. Nach zwei Tagen Aufenthalt, als der
Emkadem seine Gelder einkassirt hatte, gingen wir auf demselben Wege nach
Uesan zurück, da der directere aber durch die Hiaina führende Weg nicht
genug Sicherheit bot, selbst für den Emkadem des Grossscherifs.
In Uesan wieder angekommen, waren meine Tage gezählt; es handelte sich nur
darum, die Erlaubniss zur Abreise zu bekommen. Ich durfte nicht daran
denken, dem Grossscherif zu sagen, dass ich ihn für immer verlassen wollte,
da er sich einmal vollkommen mit dem Gedanken vertraut gemacht hatte, ich
würde immer bei ihm bleiben. So bekam ich denn endlich die Erlaubniss eine
kleine Reise machen zu dürfen, und sagte der Stadt Uesan für immer (wie ich
damals glaubte, später kam ich aber doch noch wieder nach Uesan) Lebewohl.
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