Fußnoten

[6] Und nach Schleiermacher unter anderen auch D. Fr. Strauß in

»Der alte und der neue Glaube«, wo er sagt: »Die Religion ist

uns nicht mehr, was sie unseren Vätern war, daraus folgt aber

nicht, daß sie in uns erloschen ist. Geblieben ist uns in jedem

Falle der Grundbestandtheil aller Religion, das Gefühl der

unbedingten Abhängigkeit.« Zu dieser Bezeichnung des Grundzuges

der Religion muß eben eine nähere Bestimmung der Macht, von

welcher der Mensch sich abhängig fühlt, hinzutreten.

[7] Wir geben die für diese Anschauung charakteristischste Stelle

aus »Die Grundlagen der Philosophie« (deutsch von _B. Vetter_,

Stuttgart 1875) hier wieder. S. 14: »Jeder hat von dem Könige

gehört, der wünschte, daß er bei der Erschaffung der Welt

zugegen gewesen wäre, um gute Rathschläge ertheilen zu können.

Er war aber bescheiden im Vergleich mit jenen, die da vorgeben,

nicht allein die Beziehungen zwischen Schöpfer und Geschaffenen

zu verstehen, sondern auch, wie der Schöpfer beschaffen sei.

Und doch ist diese transcendentale Frechheit, die sich brüstet,

die Geheimnisse einer Macht zu durchschauen, welche sich uns

in allem Seienden offenbart, ja sogar dieser Macht über die

Achsel sehen und die Bedingungen ihrer Thätigkeit beobachten

zu können -- sie ist es denn, deren Paß auf »Frömmigkeit«

lautet. Dürfen wir nicht ohne weiteres behaupten, daß eine

aufrichtige Anerkennung der Wahrheit, daß unsere eigene und

alle andere Existenz ein durchaus und für immer jenseits unsers

Verständnisses liegendes Mysterium ist ein besser Theil wahrer

Religion enthält, als alles, was in dogmatischer Theologie

geschrieben worden ist?«

[8] Von dem _Spencer_'schen Gedanken der Versöhnung zwischen

Wissenschaft und Religion zeigt sich der amerikanische Prediger

_M. J. Savage_ in seinem, auch in deutscher Übersetzung

erschienenen Werke: »Die Religion im Lichte der Darwin'schen

Lehre« (Leipzig 1886) beeinflußt. Nach _Savage_ ist die

Welt eine stufenweise Entwickelung Gottes; seine Lehre wird

also am besten als Panentheismus bezeichnet werden. Von der

Evolutionslehre heißt es »sie gehe auf das reine Wort Jesu

zurück und erfülle es kräftig mit der ganzen Erkenntniß und

Macht der modernen Wissenschaft. Indem sie jedes Gesetz der

Natur, des Geistes und der Religion nur als einen Ausfluß

des lebendigen, liebenden und gerechten Gottes auffaßt,

identificirt sie Moral und Religion durchaus, oder macht

vielmehr die Moral zu einem Zweige der Religion, welche

größer ist und umfassender.« Das Buch ist voll naiver

Wunderlichkeiten, wie wenn der Verfasser auf die Frage, wie

lange es währen wird, bis die Welt ihren Höhepunkt erreicht

hat, antwortet: »Tausende von Jahren, denn Gott hat _keine

Eile_, ihm bleibt die Ewigkeit für sein Wirken« etc. Wohlthuend

aber wirkt das Vertrauen des Verfassers, daß der Menschheit

eine große Zukunft bevorsteht.

[9] So faßt auch _Wundt_ in der »Ethik« (Stuttgart 1886) ~p.~ 41

den Begriff Religion zu weit, wenn er darunter »diejenigen

Vorstellungen und Gefühle, die auf ein ideales, den Wünschen

und Forderungen vollkommen entsprechendes Dasein sich beziehen«

versteht.

[10] Wir selbst haben auf die Nothwendigkeit einer genauen

Unterscheidung und Abgrenzung der Gebiete der Religion und

einer höheren Weltanschauung bereits hingewiesen in unserer

Schrift »Moderne Versuche eines Religionsersatzes« (Heidelberg,

_Weiß_ 1886).

~IV.~

Die neue Lehre oder Weltanschauung nun wird, wie wir bereits

hervorhoben, auf ein effektives Erfassen des Weltproblems und eines

höchsten Zieles, wie eine kritische Philosophie und echte Wissenschaft

sie uns betrachten lehrt, gerichtet sein müssen, ein Erfassen, aus dem

dann von selbst Pflichten und Antriebe für den handelnden Menschen sich

ergeben werden.

Aus dieser Bestimmung geht hervor, daß die neue Lehre nicht im Begriffe

der Moral aufgehen kann, in welcher so Manche ein Aequivalent für die

Religion erblicken, während wir eine Erhöhung und Vervollkommnung der

Moral vielmehr nur als eine der Wirkungen betrachten, welche die neue

Weltanschauung hervorbringen muß.

Für Andere haben die bekannten Verse _Goethe's_, nach welchen, wer

Wissenschaft und Kunst besitzt, keiner Religion bedarf, wer jene

beiden nicht besitzt, Religion haben müsse, etwas Bestechendes. Diesem

berühmten Ausspruche zufolge ist also die Beschäftigung mit Kunst

oder Wissenschaft in ihrer Allgemeinheit ein volles Aequivalent für

die Religion. Eine tiefere Erwägung jedoch ergiebt, daß keine jener

beiden Sphären in ihrer Allgemeinheit diese Leistung zu vollbringen

vermag. Was die Wissenschaft betrifft, so kommen für unser Problem

vielmehr nur jene ihrer Ergebnisse in Betracht, welche sich auf die

höchsten Weltfragen beziehen, während die Kunst und zwar hauptsächlich

die Poesie hier nur insofern eine Rolle spielt, als sie jenen höchsten

Gedanken einen idealen Ausdruck verleiht. Im Begriffe der Kunst liegt

in seiner Allgemeinheit ja nur eine formale Bestimmung, während die Art

des Inhaltes völlig dahingestellt bleibt; unser Problem erfordert aber

einen sehr bestimmten, höchsten Gedankengehalt.

Es fehlt nun nicht an Versuchen, eine neue Welt- und Lebensanschauung

an Stelle der Religion zu setzen, Versuche, welche sich hauptsächlich

an die Namen _Comte_, _Feuerbach_, _Dühring_, _Duboc_, _Nietzsche_ und

_Salter_ knüpfen, welch' letzterer allerdings vornehmlich Ethiker ist,

und zwar einer der ausgezeichnetsten Ethiker, die wir kennen. Wir haben

die Ausführungen jener Philosophen in unserer Schrift »Moderne Versuche

eines Religionsersatzes« einer kritischen Würdigung unterzogen. Wie

viel Bedeutendes und Beherzigenswerthes wir bei jenen Denkern auch

fanden, so konnten wir doch keinem unsere volle Beistimmung geben. Wir

würden die negative Seite des in jener Schrift gewonnenen Ergebnisses

heute noch schärfer betonen als damals, weil wir unsere eigene Stellung

zu dem Problem in mancher Beziehung einer Correctur zu unterwerfen

hatten. Doch kann es nicht unsere Absicht sein, unsere Kritik jener

Versuche hier einer Revision zu unterziehen. Diese wird sich durch

nähere Darlegung unserer eigenen Anschauungen über den Inhalt dessen,

was wir im Gegensatze zur Religion als neue Lehre bezeichnen möchten,

von selbst ergeben. Wir wiederholen jedoch, daß wir keineswegs der

Meinung sind, etwas absolut Richtiges oder Allgemeingültiges zu sagen,

wir geben vielmehr nur unserer persönlichen Anschauung Ausdruck, hoffen

jedoch in Anderen verwandte Saiten zu berühren.

Wie also vermögen wir durch Erkenntniß geleitet -- sei dieselbe nun

positiv oder negativ -- zu einer Idee des Weltgrundes und eines

höchsten Zieles zu gelangen, welche, indem sie unser Leben und Streben

mit etwas uns Ueberragendem verbindet, als Grundlage erhebender und

begeisternder Gefühle zu dienen vermag? Diese Gefühle aber werden keine

anderen sein, als die der tiefsten Ehrfurcht vor dem Weltgrunde, der

höchsten Hoffnung auf ein Welt- oder doch Menschenziel.

Durch welche Erkenntniß aber wird zunächst der Weltgrund für uns zum

Gegenstande der tiefsten Ehrfurcht? Allein durch die Erkenntniß, daß

eine Charakterisirung desselben oder der letzten und höchsten Dinge

unserer Beurtheilung sich entzieht, daß die Welt für unsere geistige

Organisation ein unlösbares Räthsel, ein unergründliches Mysterium ist.

Unsere Erfahrung, so lehrt die kritische Philosophie und eine ihre

Lehre bekräftigende Naturforschung, erschöpft den Weltinhalt nicht.

Unsere Vorstellungen decken sich nicht mit dem realen Sein, die

Armuth und Beschränktheit unserer Sinne, die Unzulänglichkeit unseres

Verstandes vermag uns nur ein völlig subjektives und unvollkommenes

Bild der Welt zu bieten, und jeder Schluß, der von unserer

Vorstellungswelt auf das reale Sein gezogen wird, erweist sich als

trügerisch, denn es liegt, so wie wir beschaffen sind, nicht in unserer

Macht, die Schranken zu durchbrechen, welche uns von der Erkenntniß

der Welt trennen. -- Ebensowenig wie die Außenwelt, erkennen wir uns

selbst, denn auch die psychischen Phänomene sind eben nur Phänomene.

Doch was ist ihr tiefstes Wesen? was sind sie selbst? Wir können keine

Antwort finden. Ein Räthsel ist die Welt, ein Räthsel sind wir selbst,

ein Räthsel ist das Leben, ein Räthsel der Tod. Lassen wir voreilige

Metaphysiker in dem Glauben, die Weltformel gefunden und der Weisheit

letzten Schluß gezogen zu haben. _Unserer_ Weisheit letzter Schluß

sei der, daß die letzten Dinge unergründlich für uns sind, daß wir

von Räthseln umgeben inmitten eines Mysteriums leben, wir selbst ein

Mysterium. Durch diese Einsicht aber beweisen wir den höchsten Fragen

gegenüber eine tiefere Ehrfurcht, nicht nur als die Metaphysiker,

sondern auch als die Religiösen, welche den Weltgrund als etwas ihnen

Bekanntes erfassen.

Wir leugnen nun nicht, daß das Bewußtsein, eine Ergründung des

Weltwesens sei uns versagt, auch ein Gefühl in uns erwecken kann,

welches wahre Ehrfurcht ausschließt, nämlich das eines dumpfen

Schmerzes, ein Gefühl, als wären wir in einen Kerker gebannt, von

dem aus wir uns vergebens nach dem Lichte sehnen, an dessen ehernen

Wänden all unsere Versuche scheitern, der Wahrheit näher zu kommen.

Auch dieses Gefühl ist berechtigt, und in manchen Gemüthern mag es

das vorherrschende sein. Andere aber wird es nur flüchtig berühren,

während die edlere Empfindung des ehrfurchtvollen Erfassens des

Weltgeheimnisses ihnen homogener ist. Es mögen ja, namentlich in

unseren Tagen, nur Wenige dieser Vertiefung fähig sein; unsere

Zeit ist arm an Ehrfurchtsmenschen und das schöne Selbstbekenntniß

_Goethe's_: »Mein Gemüth war von Natur zur Ehrerbietung geneigt und

es gehörte eine große Erschütterung dazu, um meinen Glauben an irgend

ein Ehrwürdiges wanken zu machen«, dürfte nur von Wenigen in seiner

Tiefe erfaßt werden können. Einzelne aber werden der ehrfurchtsvollen

Versenkung in das Weltproblem dennoch fähig sein, und der wahrhaft

philosophische Geist, welcher zugleich die Kraft der Phantasie besitzt,

gewonnene Denkergebnisse in das lebendige Gefühl aufzunehmen, wird

immer wieder von diesem Gefühle erfaßt werden. Denn immer wieder wird

das Verlangen sich bei ihm regen, von dem Gegebenen, in welchem der

gemeine Sinn befangen bleibt, zu dem Gedanken des Mysteriums sich zu

erheben, oder die Dinge im Zusammenhange damit zu betrachten, wodurch

ihre Bedeutung eine wunderbare Vertiefung erfährt. In den Momenten

der höchsten Steigerung aber wird dieser Affekt der Ehrfurcht in der

Form eines inneren Erbebens auftreten, indem der Geist, die gegebene

Welt der Erscheinungen verlassend, hinabtaucht in die Räthsel des

Daseins. Und dieser Affekt hat eine kathartische Wirkung, denn er

bedeutet die Abwendung von der Unzulänglichkeit, Beschränktheit und

Vergänglichkeit der gegebenen Welt, von den Dissonanzen und der

dualistischen Zerrissenheit des Lebens, so weit wir dasselbe erkennen

und begreifen. Richten wir das Auge ausschließlich auf das Gegebene, so

gelangen wir leicht zu einer pessimistischen Verurtheilung des Seins

überhaupt. Davor kann nur das Bewußtsein uns schützen, daß der tiefste

Sinn des Seins und seine eigentliche Bedeutung uns verschlossen ist und

keinerlei Beurtheilung desselben uns zusteht.

Wir verwahren uns gegen eine Verwechselung des Gedankens, die Welt als

Mysterium zu verehren, mit dem, in die Unermeßlichkeit des Weltalls

und die Unübersehbarkeit des Weltprozesses sich zu versenken. Bleiben

wir hierbei doch innerhalb der Welt der Erscheinungen, während wir

durch die Erfassung des Weltgrundes als eines undurchdringlichen

Geheimnisses über die Phänomenalität uns erheben. Wenn wir ferner

innerhalb der Erscheinungswelt verharren, so ist die Gesammtheit

der Dinge, trotz ihrer Unfaßbarkeit doch um nichts wunderbarer, als

ein scheinbar verschwindendes Einzelding, die kosmische Harmonie um

nichts wunderbarer, als die Harmonie der Theile eines Kunstwerkes,

und es ist immer das Zeichen eines gröberen Sinnes, durch bloße

Quantitätsverhältnisse sich blenden zu lassen.

Geziemt es dem Menschen, seiner geistigen Organisation gemäß, das

Weltgeheimniß ehrfurchtsvoll zu erfassen, so wäre es doch der

vollkommenere Zustand, wenn eine Erkenntniß der letzten Dinge für ihn

erreichbar wäre, wenn sein Denken mit dem Sein sich zu decken, sein

Verstand den Weltinhalt zu erfassen, die Kraft zu begreifen vermöchte,

welche in der geistigen wie in der materiellen Welt sich offenbart.

Wäre es aber undenkbar, daß latente Kräfte im Menschen schlummern,

deren Erwachen und schrittweise Entwickelung -- wenn auch nimmermehr

den Menschen der Gegenwart oder einer nahen Zukunft, so doch den einer

ferneren Zukunft -- auf jene höhere Stufe emporzuheben vermöchten?

Sollte in der Menschheit nicht die Fähigkeit liegen, aus ihrem Zustande

der Unvollkommenheit, der Halbheit, aus dem Dualismus, in welchem

selbst ihre edelsten Geister befangen bleiben, einst herauszutreten?

Sollte es nicht im Bereiche der Möglichkeit liegen, daß nicht nur

die idealen Kräfte, welche die Menschheit bisher gezeigt hat, einer

gewaltigen Steigerung fähig wären, sondern daß auch neue, unbekannte

Potenzen dereinst in ihr zu Tage treten, welche schließlich eine

Verwandlung des Weltbildes und mit dieser höchst wahrscheinlich den

Wegfall von tausend Unvollkommenheiten der Natur herbeiführen würden,

welche der menschliche Wille nie würde überwinden können, die aber

zuletzt doch nur in unserer mangelhaften subjektiven Vorstellungsweise

begründet sind? Denn eben durch die reichere und vollkommenere

Gestaltung des Weltbildes in dem höher organisirten vorstellenden

Geiste würde die Erkenntniß des Weltinhaltes vermittelt werden.

Bietet die Wissenschaft nun irgend welche Stütze für die Annahme,

die Menschheit könnte berufen sein, zunächst auf dem Wege bewußter

Vervollkommnung, später aber durch das Erwachen neuer geistiger Kräfte,

einem Ziele entgegenzugehen -- unter welchem kein Millenium, kein

Zukunftsparadies, und was der kindlichen Träumereien mehr sind, zu

denken ist -- einem Ziele, welches den Sieg bedeutet, den Sieg der

höheren Seite der Natur über die niedere, ja eine Durchbrechung der

Schranken, in welche die menschliche Erkenntnißkraft jetzt noch gebannt

ist, durch die Entwickelung höherer geistiger Organe, wenn auch dieses

Ziel an sich noch kein letztes wäre?

Es giebt mattherzige Naturen, für welche der Gedanke des Fortschrittes,

wenn sie sich schon nicht skeptisch zu demselben verhalten, doch nichts

Anregendes, nichts Erwärmendes hat; es giebt wieder andere, welche

lebhaft an demselben festhalten, jedoch mit gewissen Verbesserungen

der menschlichen Gesellschaft, insbesondere mit einer Versittlichung

derselben sich zufrieden geben würden; endlich aber können wir uns auch

so beschaffene Geister vorstellen, welche der Menschheit und ihrer

Entwickelung nur dann Werth beimessen würden, wenn es irgend welche

Anzeichen gäbe, daß dieselbe zum Siege, zur höchsten Erkenntniß, d. h.

zum Uebergange in eine höhere Ordnung -- von dessen Bewerkstelligung

wir uns freilich keine Vorstellung bilden können -- berufen sei. Und

ist der Gedanke eines Zieles, eines Abschlusses und, wenn auch nur

eines vorläufigen, nicht ein Bedürfniß des menschlichen Geistes? Ist es

nicht ein Bedürfniß desselben ein _über alles Gegebene hinausreichendes

Ziel_ über sich zu sehen? So lange wir den Menschen als ein Wesen

betrachten, welches niemals höhere Kräfte, als die von ihm bisher

bekundeten, offenbaren wird, _so giebt es in der That kein Ziel für

ihn_; ein solches stellt erst dann sich ein, wenn wir die Möglichkeit

einer Erhebung der Menschheit zu einer höheren Organisationsstufe ins

Auge fassen, wenn auch dieses Ziel an und für sich noch kein letztes

und höchstes wäre. Für den Menschen aber müßte es ein Gegenstand der

höchsten Hoffnung, des höchsten Vertrauens sein.

Bietet die Wissenschaft irgend eine Stütze dafür, daß der Mensch dieser

Hoffnung sich ergebe?

In der That scheint in der Darwin'schen Evolutionslehre eine Stütze

dafür geboten zu sein. Diese Lehre ist keine Gewißheit, wohl aber eine

Hypothese von höchster Wahrscheinlichkeit, die in den verschiedensten

Wissenschaften unentbehrlich geworden ist. Nur Wenige, die in sie

eingedrungen sind und nicht von ihr bekehrt worden wären, so groß

ist die Kraft der Ueberzeugung, die von ihr ausgeht. Das Höhere hat

sich nach ihr aus dem Niederen entwickelt. Der Mensch ist auf dem

Wege langsamen Fortschrittes aus der niederen thierischen Stufe

hervorgegangen. Zugleich aber ist mit ihm ein Wendepunkt im organischen

Leben der Erde eingetreten, denn sein Auftreten bezeichnete die

Möglichkeit einer unermeßlichen Bewußtseinssteigerung und geistigen

Fortschrittsfähigkeit bei Beibehaltung derselben physischen

Lebensform, weshalb auch mit Recht angenommen werden darf, daß ein

etwaiger Fortschritt über den Menschen hinaus nur durch geistige

Vervollkommnung, durch die Weckung und die Entwickelung bis jetzt

unbekannter oder doch kaum angedeuteter psychischer Organe erfolgen,

daß eine _geistige Organisationssteigerung unabhängig von einer

physischen_ eintreten könne. _Darwin_ und die Mehrzahl seiner Anhänger

machen beim Menschen, in seiner jetzigen höchsten Entwickelung, Halt,

als ob mit ihm der Höhepunkt des organischen Fortschrittes der Erde

erreicht wäre. Doch deutet die ungeheure Fortschrittsfähigkeit des

Menschen, sein gewaltiges Ringen und Streben nicht darauf hin, daß er

über sich selbst hinaus will? Entspricht dem Fortschrittsgesetze die

Annahme nicht mehr, daß die Menschheit berufen sei, in einen höheren

Typus einzumünden, bei welchem ihr ideales Wollen in ein erhabenes

Können sich verwandeln würde, und daß die aufsteigende organische

Entwickelung erst in Wesen gipfle, bei welchen Denken und Sein sich

decken und die Vernunft Herrscherin geworden ist?

In Deutschland hat der Gedanke einer biologischen

Organisationssteigerung über den Menschen hinaus seinen beredtesten

Vertreter in _Carl du Prel_. In seinem Hauptwerke »Philosophie der

Mystik«[11] weist der geistvolle Forscher auf die Unvollkommenheit

hin, mit welcher die Entwickelungslehre den Menschen betrachtet,

indem sie in Bezug auf ihn nur eine ihrer Folgerungen gezogen hat.

Wenn aber bei jedem höhern Gliede der organischen Entwickelung zwei

Seiten in Betracht kommen, nämlich erstens eine Seite, welche auf die

biologische Vergangenheit zurückweist, sodann aber auch eine andere,

welche gleichsam prophetisch auf die kommende Entwickelung hindeutet,

so müsse auch der Mensch unter diesem doppelten Gesichtspunkte

betrachtet werden. »Wenn wir die Entwickelungslehre nicht als den

Mohr betrachten wollen«, sagt der Verfasser, »der seine Schuldigkeit

gethan, nachdem er uns bis zum Menschen geführt, wenn wir logisch sein

wollen, so müssen wir auch den Menschen unter diesen Gesichtspunkt

stellen. Der Darwinismus hat einen retrospektiven Blick auf die

Entwickelungsgeschichte des irdischen Lebens geworfen, giebt sich aber

keine Mühe, in der Menschennatur diejenigen Ansätze zu entdecken,

welche prophetisch sind und bei dem _derzeitigen_ Endgliede der

Entwickelung so gut vorhanden sein müssen, wie bei jedem früheren.

Wie einem jeden Naturprodukte sowohl die Rudimente der Vergangenheit,

als auch die Ansätze künftiger Entwickelung ankleben, so muß auch

der Mensch sein Janus-Gesicht haben.« Die Ansätze einer höheren

psychischen Entwickelung des Menschen -- denn nur auf psychischem

Gebiete wird, wie schon früher bemerkt, die höhere Entwickelung

erfolgen -- würden aber doch selbst ein Entwickelungsprodukt sein und

zwar offenbar ein zeitlich späteres, als die übrigen Geisteskräfte

des Menschen. Folgt daraus nicht, daß jene Ansätze und Keime einer

höheren Organisationsstufe keineswegs zur Zeit schon im Menschen sich

bemerkbar zu machen brauchen, sondern möglicherweise erst in Zukunft

sich ankündigen werden? _Du Prel_ aber betrachtet es, wie aus jenen

Sätzen hervorgeht, als selbstverständlich, daß jene Symptome zur Zeit

schon müssen bemerkbar sein. Deshalb durchforscht er das menschliche

Seelenleben. Nun ist es gewiß ein richtiger Gedanke, daß jene Symptome

nur in abnormen seelischen Zuständen könnten gefunden werden. Solche

sind die Erscheinungen des Somnambulismus, der Wahrträume, des

doppelten Gesichtes, des Gedankenlesens u. a., die wir insgesammt

als visionäre Phänomene bezeichnen können. Diese aber verdienen auch

dann ernste Beachtung, wenn man sich gegen den Spiritismus durchaus

ablehnend verhält und demselben keine reale Bedeutung beimißt.

Das Eigenthümliche bei all jenen Erscheinungen besteht darin, daß

gleichsam durch andere Organe als die normalen, über Zeit und Raum

hinausgehend, Wahrnehmungen gemacht oder Wirkungen erzielt werden.

Die Beziehungen zwischen Subjekt und Objekt erscheinen dabei theils

unmittelbarer, theils mannigfaltiger als im normalen Zustande. Es ist

nicht zu leugnen, daß jene abnormen Zustände solche einer geistigen

Erhöhung sind und dem Subjekt, wie auch unter Umständen dem Objekt

Vortheile gewähren. Wir wollen ferner nicht in Abrede stellen, daß

es viel Verlockendes an sich habe, jene Erscheinungen als Symptome

einer biologischen Organisationssteigerung zu betrachten. Eine

Gewißheit ist jedoch nicht vorhanden, um so weniger, da in jenen

Phänomenen doch nur gleichsam eine geistigere Art der Verbindung

zwischen Subjekt und Objekt geschaffen wird, nicht aber entweder

Wahrnehmungen gemacht oder Wirkungen erzielt werden, die sich innerhalb

der subjectiven Anschauungsformen nicht gleichfalls herbeiführen

ließen. Noch weniger, als in jenen immerhin auffälligen Erscheinungen

mit Sicherheit prophetische Anzeichen zu erblicken, steht das Recht

uns zu, darin mehr als höchstens Ansätze einer höheren Entwickelung

zu sehen. Obwohl _du Prel_ nun selbst einräumt, daß wir in jenen

abnormen Zuständen nur gewissermaßen ein »Wetterleuchten« zu erblicken

haben, so zögert er andrerseits nicht, die höchsten Schlüsse aus

diesen Beobachtungen zu ziehen, und in ihnen den Schlüssel zur Lösung

der schwierigsten Fragen zu erblicken. Aus dem Umstande, daß in

jenen visionären Zuständen gleichsam ein zweites, höheres Bewußtsein

in uns erwacht, ergiebt sich für _du Prel_ sofort, daß der Mensch

ein Doppelwesen sei, bestehend aus der empirischen Person, welche

im normalen Bewußtsein sich offenbart, und einem transcendentalen

Subjekt, welches eben in jenen abnormen Erscheinungen von Zeit zu Zeit

hervortritt. Weiter schließt unser Philosoph aus der Kenntniß, welche

die Somnambulen in ihren Heilsverordnungen vom menschlichen Körper und

den Gesetzen des inneren Lebens verrathen, daß das transcendentale

Subjekt das organisirende Prinzip und der Schöpfer der empirischen

Person ist. Demnach ist die irdische Verkörperung eine freie That des

transcendentalen Subjektes, eine freiwillige Inkarnation zum Zwecke der

Läuterung und Vervollkommnung, und nun ist kein weiter Schritt mehr

zum Gedanken der Palingenesis, die jedoch bei _du Prel_ in Gestalt

eines metaphysischen Darwinismus auflebt, indem die verschiedenen

biologischen Entwickelungsstufen als freiwillige Verkörperungen des

transcendentalen Subjekts in aufsteigender Linie erscheinen; die

biologische Steigerung endlich, welche über den Menschen hinausführt,

bedeutet die Befreiung des transcendentalen Subjekts von seiner letzten

sinnlichen Verkleidungsform, indem der Zweck unserer individuellen

Entwickelung die Vorbereitung des künftigen Typus des planetarischen

Menschen ist. -- Es würde eine besondere Schrift erfordern, um das

Gewebe von Irrthümern, Trugschlüssen und Unklarheiten zu entwirren,

welches in dieser Begriffsdichtung enthalten liegt, die, indem sie

Schwierigkeiten zu beseitigen glaubt, nur solche schafft. Der ganze

Gedankenbau schwebt in der Luft, da sein scheinbares Fundament, der

Schluß nämlich, daß in somnambulen und verwandten Zuständen ein

transcendentales Subjekt sich offenbare, ein Trugschluß ist, wie die

Metaphysik keinen schlimmeren sich zu Schulden kommen ließ, und der

nur aufs Neue beweist, wie ohnmächtig der menschliche Geist in seiner

jetzigen Beschaffenheit ist, die letzten Dinge zu ergründen.

Während _du Prel_ demnach von der Thatsache, daß es abnorme Zustände

giebt, eine ganze Theorie ableitet, so betrachten wir es nur als

_Möglichkeit_, daß jene abnormen Funktionen schon Ansätze höherer

psychischer Formen seien;[12] während sich für unseren Philosophen

aus jenen Phänomenen die Lösung der schwierigsten Probleme ergiebt,

so halten wir es _nur nicht für ausgeschlossen_, daß eben aus jenen

Phänomenen die psychischen Kräfte sich entwickeln können, welche den

Zukunftsmenschen oder die höhere Wesensstufe, zu welcher die Menschheit

emporsteigen wird, befähigen werden, das Wesen der Erscheinungen zu

begreifen. Dann erst würde erkannt werden, was wie allen Erscheinungen,

so auch der Persönlichkeit zu Grunde liegt.[13]

Die wesentlichen Gründe aber, weshalb wir eine vertrauensvolle

Hingebung an den Gedanken, daß die Menschheit berufen sei, durch

Organisationssteigerung zum Siege fortzuschreiten, d. h. zur höchsten

Erkenntniß, zur Ueberwindung des Dualismus, in dem sie jetzt befangen

ist, zu einer nicht nur wahrhaftigeren, sondern auch reicheren und

vollkommeneren Weltanschauung für berechtigt halten -- gleichviel ob

bereits Ansätze zu diesem höheren Zustande vorhanden sind oder nicht

-- sind das durch den Darwinismus betonte Gesetz der Entwickelung

des Höheren aus dem Niederen und der unbestreitbar gewaltige

Vervollkommnungsdrang des Menschen, seine tiefgehende Unzufriedenheit

mit allem Geleisteten, seine erhabene Sehnsucht nach einem höheren

Daseinszustande.

Ein großer Theil des zu vollziehenden Fortschritts würde allerdings

nur durch Vorgänge in der geistigen Organisation des Menschen

erfolgen können, welche gänzlich außer dem Bereiche seiner bewußten

Anstrengung fallen, wie ja auch schon der Gedanke, welcher im Genius

aufleuchtet, und, wenn verkündet, eine allgemeine Bewußtseinssteigerung

herbeiführt, frei aus der Tiefe des Geistes aufsteigt. Allein bevor

jene höheren Kräfte im Menschen in Wirksamkeit treten würden, bevor sie

möglicherweise in Wirksamkeit treten _können_, müssen die gewaltigsten

bewußten Anstrengungen, sowohl intellektueller als auch moralischer

Art vorhergehen, die dann dem höheren Daseinszustande offenbar zu

Gute kämen, der Art, daß letzterer nicht nur ein Ziel der Hoffnung,

sondern auch in einem gewissen Sinne ein Ziel des Strebens ist. Man

darf annehmen, daß die erwiesenen Kräfte des Menschen erst müssen

ausgeschöpft werden, bevor neue Kräfte in ihm auftreten können. Solche

aber werden ein reicheres, den Weltinhalt umfassendes Wahrnehmungs- und

gesteigertes Begriffsvermögen sein, während auch unser ästhetisches und

ethisches Bewußtsein für den Zukunftmenschen nicht kann verloren gehen.

Der Gedanke eines Ueberganges des Menschen in eine höhere Ordnung mag

den Meisten, obgleich er im Grunde, wie wir schon früher bemerkten,

nur der Ausdruck eines tiefen Bedürfnisses des über alles Gegebene

hinausstrebenden menschlichen Geistes ist, als phantastisch und

befremdend erscheinen. Doch rührt dies wohl hauptsächlich daher,

weil man jenes Ziel zu nahe an unser Entwickelungsniveau heranrückt

und nicht bedenkt, daß das letztere mit dem ersteren durch eine

unermeßliche Kette von fortschreitenden Bewußtseinssteigerungen und

-Erweiterungen, durch eine stete Vermehrung der Beziehungen zwischen

Geist und Welt, durch eine immer souveränere Beherrschung der Natur

mittelst immer vollkommenerer Erfindungen, durch eine wachsende

Freimachung der menschlichen Kräfte, durch eine fortschreitende

Verfeinerung unseres Willens, eine Vergeistigung des Lebens, eine

unendliche Bereicherung unseres Wissens, eine immer vollkommenere

Ausgestaltung ihrer spezifischen moralischen und intellektuellen

Vorzüge durch die modernen Kulturvölker und endlich durch das

_Hervortreten neuer Kräfte_ im Menschen würde vermittelt werden. Dieser

Fortschritt wird nur in Form eines langsamen, mühsamen Prozesses vor

sich gehen können,[14] aber der Fortschritt selbst ist unleugbar. Sehr

schön bemerkt _Philipp Mainländer_, wenn auch vom Standpunkte des

dogmatischen Pessimisten aus, welchem ein dereinstiger freiwilliger

Untergang der Menschheit durch ein Erlahmen der Lebenskräfte eine

Gewißheit ist: »Wie Sterne stille stehen, ja, rückläufig zu sein

scheinen, so scheint auch dem in das Einzelne versunkenen Geist die

Menschheit bald stille zu stehen, bald rückläufig. Der Philosoph

aber sieht überall nur resultirende Bewegung und zwar eine stetige

_Vorwärtsbewegung_ der Menschheit.«[15]

In unserer Aera ist nicht nur der Gedanke des Fortschrittes durch

die Evolutionslehre mächtiger, als zu irgend einer anderen Zeit,

hervorgetreten, sondern macht der Fortschritt selbst -- wie

wir den Verkleinerern unserer Zeit, die an Einzelheiten haften

bleiben, gegenüber behaupten wollen -- in intensiver Weise auf

den verschiedensten Gebieten sich bemerkbar, wie unvollkommen das

Vorhandene auch immer noch sei.

Da zeigt sich zunächst ein Fortschritt in der Sphäre der Moral.

Wie mangelhaft unsere Moral auch noch ist, so ist doch nicht zu

bestreiten, daß heute eine höhere Achtung vor dem Menschen besteht,

daß die Menschen mehr aneinander denken, und daß die Idee einer

gerechten socialen Ordnung in höherem Maße die Geister beschäftigt,

als zu einer früheren Zeit. Unser moralisches Ideal ist ein höheres

geworden und _W. M. Salter_[16] weist nach, daß die Sittenlehre

Jesu unseren Ansprüchen nicht mehr genügen könne. Daß aber unser

moralisches Ideal ein vollkommeneres geworden ist, ist ein Beweis

dafür, daß unsere Moral selbst sich vervollkommnet hat. Eine

Verbreitung der Entwickelungstheorie kann ihrerseits nur zur Erhöhung

der Moral beitragen, »denn die Erkenntniß der Thatsache der Vererbung

geistiger und physischer Eigenschaften, wenn nicht auf Kinder so auf

Kindeskinder, der Vererbung, deren Wirkungsbereich wir im einzelnen

Falle nie bestimmen können -- muß auf eine Erhöhung des Gefühls der

Verantwortlichkeit hinwirken, da wir so gewahren, daß die Folgen des

guten wie des schlechten Handelns sich noch weiter erstrecken, als wir

zuvor geahnt hatten«[17]. Als Zeichen der Zeit muß auch die erfreuliche

Erscheinung der Gesellschaften für ethische Cultur in Nord-Amerika

begrüßt werden, deren Zahl im Wachsen begriffen ist.

Wir brauchen kaum an den mächtigen Aufschwung der Wissenschaften in

den letzten Decennien, an das Aufblühen neuer Wissenszweige und neuer

Methoden der Forschung, an die enormen Fortschritte in der technischen

Beherrschung und Verwerthung der Naturkräfte, als Beweis für unsere

oben ausgesprochene Behauptung, zu erinnern. Wenn _Dühring's_

Ausspruch, daß die Größe unseres Jahrhunderts allein in dessen

polytechnischen Errungenschaften zu suchen sei, auch ein einseitiger

ist, so weist er doch auf ein Gebiet hin, auf welchem in der That die

größten Fortschritte gemacht worden sind. Und doch scheinen wir am

Vorabende neuer Entdeckungen und Erfindungen zu stehen, und lassen sich

gewisse technische Ergänzungen unserer unvollkommenen körperlichen

Organisation wohl jetzt schon vorherbestimmen.[18]

Die Leugner des Fortschrittes sind wohl am leichtesten durch die

Thatsache des _wachsenden Geschichtsüberblickes_ zu widerlegen, der

doch gewiß als eine Form des Fortschritts muß betrachtet werden.

Durch das Aufblühen zahlreicher neuer Wissenschaften ist der

Geschichtsüberblick gerade in unserer Zeit außerordentlich erweitert,

unser Bewußtsein dadurch ungemein bereichert worden. Aber nicht nur

unsere Gedanken-, sondern auch unsere Empfindungswelt hat z. B.

durch die Vermittlung der Dichtungen alter oder fremder Völker eine

Bereicherung erfahren, sowie eben dadurch wieder für unsere moderne

Poesie neue Stoffgebiete sind erobert worden. Das wichtigste Ergebniß

des wachsenden Geschichtsüberblickes dürfte aber dieses sein, daß

wir den Menschen immer genauer kennen lernen, immer deutlicher die

Ursachen wahrnehmen, welche den Fortschritt der Völker gefördert und

welche ihn gehemmt haben, wodurch wir wieder der Wege klarer uns

bewußt werden, welche die Völker in Zukunft einzuschlagen haben, um

sicherer und rascher vorwärts zu schreiten und nicht immer wieder von

den »retardirenden Dämonen« beirrt und zurückgehalten zu werden. An die

Möglichkeit eines Zusammenbruchs der modernen Kultur, gleich demjenigen

der antiken, durch den Anprall barbarischer oder halbbarbarischer

Völker braucht aber nicht gedacht zu werden, weil heute umgekehrt die

culturtragenden Rassen es sind, welche die rohen Völker mehr und mehr

in ihrer Existenz bedrohen. Die Cultur kann nicht verloren gehen, wenn

auch einige der weniger lebenskräftigen Culturvölker einst von der

Bildfläche verschwinden sollten.

Die Künste scheinen bei oberflächlicher Betrachtung allerdings eher

in einem Rückgange begriffen zu sein, aber man übersehe nicht, daß

unsere Zeit einen epochemachenden musikalischen Genius höchster Ordnung

hervorgebracht, daß einige Kunstzweige einen Aufschwung genommen haben,

wie sie einen solchen zu keiner früheren Epoche aufzuweisen hatten, daß

die Technik mancher Künste sich vervollkommnet, der Stoffkreis sich

ungemein erweitert hat und daß manche Nationen, welche bis vor kurzem

als künstlerisch unproduktiv galten, mit einem Schlage eine Reihe

bedeutender Dichter und Künstler hervorgebracht haben, die, aus dem

Vollen schöpfend, die Kunst mit neuen Typen und Formen bereichert haben.

Trotzdem muß zugestanden werden, daß die Phantasie in den

Wissenschaften und auf technischem Gebiete heute weit größere Triumphe

feiert, als in den Künsten. Aber es sind Anzeichen vorhanden, daß die

Kunst, wenn die maßgebenden Nationen aus ihrem jetzigen socialen

Revolutionszustande werden herausgetreten sein und die Gesellschaft

festere Formen wird angenommen haben, wenn ferner die Resultate der

Naturforschung und die dadurch geschaffene enorme Erweiterung des

Gesichtskreises die Phantasie mächtiger werden ergriffen haben, auf

neuer Grundlage nur um so machtvoller aufblühen wird.

Einer der wichtigsten Fortschritte der modernen Culturvölker in der

Gegenwart aber ist die wachsende Lossagung von der Religion, einer der

wichtigsten Fortschritte der Zukunft wird es sein, daß unter jenen

Nationen, welche zur Führung der Menschheit berufen sind und die

dereinst vielleicht den Inbegriff der Menschheit bilden werden, eine

neue Lehre sich befestige, vermöge welcher alles Leben und Streben

eine höhere Bedeutung erhalten wird. Daß die Evolutionslehre mit den

gewaltigen Perspektiven, die sie, wenn richtig verstanden, eröffnet,

hierbei eine große Rolle spielen wird, indem das _effektive Erfassen

des Fortschrittsgesetzes den Fortschritt selbst beschleunigen wird_,

scheint uns keinem Zweifel zu unterliegen. Der Individualität wird

in der Art der Verwerthung jener Lehre immer ein weiter Spielraum

bleiben. Die Idee des Fortschritts, wenn mit Phantasie erfaßt, hat,

wenn selbst das Ziel des Fortschritts völlig unbestimmt gelassen wird,

etwas Erregendes, Begeisterndes. Um so mächtiger muß sie den Geist

ergreifen, wenn mit ihr die Idee eines höchsten Zieles verbunden

wird, in dem einst alle Errungenschaften des Menschen, wie die Ströme

in dem Weltmeer, einmünden sollen. Dieser Uebergang wird eben von

jenen Völkern oder von jenem Volke vollzogen werden, welches am

lebenskräftigsten und fortschrittsfähigsten sich bewährt hat und

dadurch der natürliche Herr der Erde geworden ist.

Somit wäre unsere Weltanschauung eine ausgesprochen optimistische?

Allerdings, wie die Evolutionslehre selbst es ist, aber nur in dem

Sinne, daß dem Menschengeschlechte eine unermeßliche Kraft des

Fortschritts zugetraut und eine große Zukunft von ihm erwartet wird.

Aber daß das Vollkommene erst von der Zukunft erwartet, daß auf

sie unsere Hoffnung gerichtet wird, ist ein Beweis, daß wir eine

optimistische Auffassung der Gegenwart und Vergangenheit, bei aller

Verehrung für einzelne große Errungenschaften, nicht für gerechtfertigt

halten. Wir wollen hier nicht das Urtheil der großen Philosophen und

Dichter des Pessimismus über die gegebene Welt wiederholen, die jedoch

darin fehlten, daß sie erstens die Welt, wie wir sie kennen, mit dem

realen Sein verwechselten, zweitens aus der trüben Vergangenheit

und trüben Gegenwart voreilig auf die Nothwendigkeit einer trüben

Zukunft schlossen, -- eine Anschauung, welche der Evolutionslehre

und dem gewaltigen Fortschrittsstreben der Menschen widerspricht.

Die pessimistische Betrachtung des Gegebenen aber ist selbst wieder

ein Hebel des Fortschritts, denn nur aus tiefer Unzufriedenheit mit

dem thatsächlich Gegebenen wird jeder Fortschritt geboren. Nur indem

wir beständig von dem Gefühle unserer Unvollkommenheit begleitet

werden, vervollkommnen wir uns. Dasselbe gilt vom allgemeinen wie vom

Einzelleben, und das Bewußtsein, daß das Leiden der gewaltigste Urheber

alles Fortschritts ist, daß die Beseitigung des Leidens das Ende alles

Strebens und aller Vorwärtsbewegung wäre, vermag uns vor ungemessenen

Klagen zu bewahren und an einem vorschnell verdammenden Urtheil über

den Lebensinhalt zu hindern. Die blos pessimistische Auffassung des

Gegebenen muß zu stumpfer Resignation und Entmuthigung führen, wenn wir

nicht von dem Vertrauen beseelt sind, daß die menschliche Natur durch

unentwegtes Vorwärtsstreben, welches das Leiden hervorruft, verbessert

werden kann, und daß der Menschheit ein hohes Ziel winkt.

Eine Gewißheit ist jenes Ziel, welches den Sieg bedeutet, allerdings

nicht. Möglicherweise ist die Menschheit nur eines gewissen Grades

der Vervollkommnung fähig, ohne diese Grenze überschreiten zu

können. Möglicherweise bezeichnet der Mensch in einem etwas höheren

Vervollkommnungszustand, als er ihn jetzt aufweist, dennoch den

Gipfelpunkt der organischen Entwickelung der Erde. In diesem Falle

wäre die bisherige Entwickelung eine _ziellose und trügerische_, das

Streben und Ringen der Menschheit ein _vergebliches_ gewesen, da

unüberwindliche und unausrottbare Mängel und Gebrechen sie, so wie sie

ist, ewig hindern würden, Vollkommenheit und Seligkeit zu erlangen.

Wie sollen wir uns in einem solchen Falle die Zukunft der Menschheit

denken? Da würde wohl _Mainländer's_ Prophezeihung zur Wahrheit werden.

Demnach würde die Civilisation und Bildung zunächst in immer weitere

Kreise dringen, bis sie, nachdem die unzähmbaren Feinde der Cultur im

Kampfe mit den Culturträgern sich aufgerieben, alle Menschen umspannt

hätte. Allmählig aber würde ein Nachlassen und endlich ein Stillstehen

der schöpferischen Kräfte sich bemerkbar machen. Die Menschheit

würde nicht mehr fortschreiten. Da aber die ursprüngliche Macht der

Leidenschaften durch die Cultur gemäßigt wäre, so würde der Zustand der

Stagnation bald zu einem solchen der allgemeinen Ermüdung und Ermattung

überleiten, die Todessehnsucht den Lebenstrieb überwinden, wobei nicht

an einen allgemeinen Selbstmord, sondern an ein natürliches Aufhören

der Menschheit zu denken wäre.

Das Ziel, welches die Evolutionslehre verheißt, hat weit größere

Wahrscheinlichkeit für sich, als dieses, da jedoch auch dieses Ziel

keine _volle Gewißheit_ ist, so ergiebt sich, daß der Werth des

Lebens, _unseres_ Lebens allerdings zur Zeit noch nicht mit Gewißheit

bestimmt werden kann -- in dem Sinne nämlich, ob das Sein dem Nichtsein

oder dieses jenem vorzuziehen sei --, und daß die Philosophen,

die es dennoch unternommen -- und die Mehrzahl derselben hat es

unternommen --, voreilig geurtheilt haben, denn so lange wir Werdegang

und Ziel des Lebens nicht mit Gewißheit beurtheilen können, _vermögen

wir auch seinen Werth nicht mit Sicherheit zu schätzen_.

Demnach wäre uns allerdings nur _eine_ Gewißheit gegeben, diese

nämlich, daß die Menschheit _in jedem Falle ihrer Erlösung

entgegengeht_, sei es der Erlösung von der Unvollkommenheit durch

den Sieg, sei es der Erlösung von einem ziellosen Leben durch einen

freiwilligen Untergang. Aber auch in dem letzteren Falle würde den

Menschen nicht das Recht zustehen, das Nichtsein höher zu schätzen,

als das Sein überhaupt, sondern nur als _dasjenige Sein, welches eben

der Menschheit beschieden war_. Sollte aber eine Erdkatastrophe die

Menschheit hinwegraffen, bevor sie zur Gewißheit über ihre Bestimmung

gelangt ist, dann wäre dies nur ein Beweis, daß von vornherein die

Bedingungen gefehlt haben, die der Menschheit den Fortschritt zu einem

höheren Ziele ermöglicht hätten.

Wenn nun aber auch nur die Erlösung der Menschheit an sich, sei es

in der einen oder in der anderen Form, nicht aber die Erlösung durch

den Sieg eine volle Gewißheit ist, so ist die letztere Form ihrer

Erlösung doch die _unvergleichlich wahrscheinlichere_ und auf den

größeren Grad der Wahrscheinlichkeit kommt es hier wie überall an. Es

kann über Entwickelung und Schicksale der Menschheit ja _keinerlei

bestimmte Prophezeiung_ gemacht werden, die größere _Wahrscheinlichkeit

eines Zieles_ aber wird unser Hoffen und Streben bestimmen müssen,

und deshalb geziemt es uns, im Hinblick auf die Evolutionslehre und

auf die Consequenzen, welche sich aus ihr ergeben, den Gedanken eines

unermeßlichen Fortschrittes der Menschheit, einer Hervorkehrung neuer,

unbekannter Kräfte, einer Annäherung an ein erhabenes Ziel zu unserem

Leitstern zu erheben.

Nun wird es nicht an Stimmen fehlen, welche einwenden werden, daß,

wie hoch das Ziel auch sei, welches der Zukunftsmensch erringen wird,

dieser Gedanke dem gegenwärtigen Menschen doch keine Erhebung gewähren

könne, da er persönlich nichts von jenen Errungenschaften wahrnehmen

werde, und kein Mitgenuß ihm zu Theil werden kann. Dem gegenüber

muß jedoch hervorgehoben werden, daß es nicht minder unzulässig

ist, die Unsterblichkeit absolut zu negiren als sie zu behaupten,

wiewohl weit mehr Gründe gegen, als für die Annahme einer solchen zu

sprechen scheinen, und daß Derjenige, welchem die Hoffnung auf einen

persönlichen höheren Existenzzustand ein unabweisbares Bedürfniß

ist, dieselbe nicht vollständig braucht sinken zu lassen, obgleich

es würdiger wäre, er würde mit dem Gedanken sich begnügen, daß die

_guten Thaten_, die er vollbracht, stets fortwirken werden, daß _diese_

unsterblich sind.

Muthigere, stärkere und selbstlosere Geister aber werden, unbekümmert

um ihr persönliches Schicksal, in der Idee einer unermeßlichen

Fortschrittsfähigkeit der Menschheit und eines großartigen Zieles,

eines siegreichen Abschlusses der aufsteigenden planetarischen

Entwickelung, eine Erhebung und Ermunterung zum persönlichen

Vorwärtsstreben finden. Indem der Mensch zu jenem hohen Ziele

emporblickt, fühlt er sich Eins mit der lichtschaffenden Naturkraft

selbst, und was er sucht und liebt, wird gleich jener das Große und

Vollkommene sein. Der »Nützlichkeitslehre«, die heute wieder so

viel Beifall findet, wird ein von dieser Idee Durchdrungener nicht

zum Opfer fallen, denn ihm wird es klar sein, daß es nimmermehr

auf die Gefühlszustände der Individuen, sondern auf ihr Werk, ihre

Leistung ankommt. Der Utilitarismus betrachtet als oberstes Princip

der Moral »das größte Glück der größten Anzahl« oder die »Maximation

der Glückseligkeit«; allein die Voraussetzung, daß mit der Erhöhung

der Moral das Glück der Menschen im Allgemeinen eine Steigerung

erfahre, ist einfach eine Täuschung. Indem wir uns eine eingehendere

Begründung dieser Behauptung für eine andere Gelegenheit vorbehalten,

wollen wir an dieser Stelle nur Folgendes zum Beweise für dieselben

hervorheben: es läßt sich zunächst in Bezug auf jene, an welchen

_gehandelt wird_, nur sagen, daß durch die Vervollkommnung der Moral

einerseits allerdings viele Leiden beseitigt werden, während sich doch

durchaus nicht bestimmen läßt, inwiefern dadurch auch positives Glück

geschaffen wird, indem Gerechtigkeit, Rücksicht und Theilnahme von

Seiten der Mitmenschen keineswegs immer als Glück empfunden werden --

zeigen sich in der Art, wie die Menschen dieselben Dinge betrachten

und empfinden, doch die allergrößten Verschiedenheiten --, während

andererseits Ungerechtigkeit und Unterdrückung durchaus nicht immer

als Leiden empfunden werden und Jemand durch ein Unrecht, welches ihm

widerfahren ist, ebensogut gefördert wie geschädigt werden kann; in

Bezug auf die _Handelnden_ aber läßt sich mit Bestimmtheit sagen, daß

je mehr die Menschen der Stimme der Pflicht, statt dem Lockrufe ihrer

egoistischen Neigungen folgen, je ausdauernder sie auf ihrem Posten

beharren, je mehr sie sich zur Gerechtigkeit zwingen, je strenger sie

sich selbst überwachen, je empfindlicher ihr Gewissen wird, um so

strenger, ernster und mühevoller das Leben sich gestalten wird. Um es

zu wiederholen: so wenig wie der Mensch, so wie er beschaffen ist, zur

Vollkommenheit berufen ist, ebenso wenig ist er zur Glückseligkeit

berufen, denn aller Fortschritt der Cultur besteht in einer Steigerung

der Strenge des Menschen gegen sich selbst. Der Utilitarismus

betrachtet den Menschen irrthümlicher Weise als Selbstzweck, während

er nur ein transitorischer Typus ist und aller Wahrscheinlichkeit nach

auf eine höhere Seinsordnung hinstrebt, der all seine Errungenschaften

dereinst zu Gute kommen werden. Deshalb handelt es sich auch in der

moralischen Sphäre nicht um die Gefühlszustände der Individuen, sondern

um Befestigung, Kräftigung und Stärkung der menschlichen Gemeinschaft,

als der nothwendigen Voraussetzung und Grundlage aller höheren Cultur,

deshalb frägt es sich bei Aufstellung höchster Principien nicht darum,

was der Mensch empfindet, sondern was er wirkt, voraussichtlich wirkt

zu Gunsten einer höheren Ordnung, als deren Vorläufer er zu betrachten

ist.

Etwas soll der Mensch über sich anerkennen. Da er selbst das

Vollkommene nicht darstellt, so soll er es verehren und seine Dienste

ihm widmen, denn das Vollkommene soll uns nicht nur ein Gegenstand

der Verehrung sein, sondern unser gesammtes Streben soll dadurch

eine Directive erhalten. Jede ideale Kraftanspannung bedeutet einen

Fortschritt, und um so freudiger muß das Erreichbare erstrebt

werden, _je größer der Zusammenhang, in dem man es betrachtet_.

Durch den Hinblick auf ein erhabenes Ziel wird aber zugleich unsere

Beurtheilung des Gegebenen und durch den Menschen in seiner jetzigen

Gestalt Erreichbaren, berichtigt. Demnach werden wir die einzelnen

Errungenschaften zu schätzen wissen, ohne sie jedoch als etwas

Endgiltiges oder Letztes zu betrachten, und wird uns ferner klar

werden, daß, wie der Mensch zur Zeit beschaffen ist, eine harmonische

Entwickelung und allseitige Vervollkommnung von ihm nicht erwartet

werden kann, daß er immer nur in einzelnen Richtungen Bedeutendes

wird leisten können und daß es genug ist, wenn jeder die Kraft, die er

besitzt, übt und entfaltet.

Wenn aber Jemand einwenden sollte, das Ziel, welchem die Menschheit,

wenn nicht alle Zeichen trügen, voraussichtlich entgegengehen wird, sei

zu entfernt, um als Antrieb auf unser Thun zu wirken, so ist diesem

Kleinmüthigen zu entgegnen, daß in jedem idealen Gedanken, in jeder

edlen und schöpferischen That bereits ein Strahl der künftigen Sonne

aufleuchtet, bereits ein Ton der künftigen Harmonie erklingt, die den

Übergang zu einem höheren Zustande vorbereiten werden.

In der ehrfürchtigen Versenkung in das Mysterium der Welt und in dem

Ausblick auf ein erhabenes Ziel, für dessen Wahrscheinlichkeit so

gewichtige Gründe sprechen, welches aber die Menschheit zum Theil

durch bewußtes Vorwärtsstreben, zum Theil durch das Erwachen höherer

geistiger Potenzen in ihr wird erringen können, scheint uns in der

That eine Weltanschauung geboten zu sein, die nicht nur an Wahrheit,

sondern auch an ethischem Werth über der Religion steht, letzteres aber

dadurch, daß nicht der persönliche Egoismus es ist, welcher in jenem

Ziele Befriedigung findet.

Zur neuen Lehre: Betrachtungen · 第 5 / 7 题