[3] In zutreffenden Worten hat neuestens _J. J. Borelius_
(Professor an der Universität Lund) in seiner auch in
deutscher Übersetzung erschienenen Abhandlung »Blicke
auf den gegenwärtigen Standpunkt der Philosophie in
Deutschland etc.« (Berlin, Fischer ~p.~ 22 ~ff.~) _Langes_
Anschauung über Religion, wenn auch von einem anderen Lager
ausgehend, kritisirt, indem er sagt: »Eure Religion, welche
ausdrücklich als illusorisch erklärt wird, (ist) keine
Religion; kann auch ein ernstes Streben nach dem Idealen
neben der Einsicht bestehen, daß alle unsere Versuche das
Ideale aufzufassen und zu begreifen unvollkommen sind,
so wird dabei doch die Überzeugung vorausgesetzt, daß
dieses Ideale nicht bloße Dichtung, sondern etwas an sich
Substantielles und Wirkliches ist. Eine Anerkennung dieser
Ansicht liegt in der That in _Langes_ Annahme des Ideals
als eines bildlichen Repräsentanten der vollen Wahrheit,
aber da er dessen ungeachtet das Ideal ausschließlich
auf die Dichtung verweist, übersieht er dabei, daß das
Urbild selbst nur soweit ein Abbild ist, als es eine
Übereinstimmung mit dem Abgebildeten enthält. Ist das
Ideale aber als reine Illusion erkannt, so kann man nicht
länger daran glauben; es kann dann nicht einmal als Bild
einer höheren Wahrheit gelten, sondern nur als Dichtung,
als bewußter Selbstbetrug.« Und nun eine Wendung gegen
_Vaihinger_: »So hat auch _Langes_ erklärter Anhänger
_Vaihinger_ seine Ansicht verstanden, welche er in Kürze
wie folgt zusammenfaßt: »Eine Religion ohne die Grundlage
des Glaubens, eine Metaphysik ohne den Anspruch auf Wissen,
das sind Ideen, scheinbar paradox und doch thatsächlich die
einzigen, die wissenschaftlich haltbar sind!« Es läßt sich
aus mehreren Gründen bezweifeln, daß Lange selbst, wenn
er noch lebte, sich mit dieser Formulirung seiner Ansicht
zufrieden gegeben hätte, jedenfalls drückt sie aber das
logische Resultat seiner Ansicht aus. Aber dieses Resultat
ist in Wahrheit eine ~deductio in absurdum~. In gewissen
Formen des Wahnsinns kommt es vor, daß der Kranke, ohne
das Bewußtsein seines persönlichen Ichs verloren zu haben,
sich gleichzeitig einbildet, ein ganz anderer zu sein. Es
ist schwer ein treffenderes Bild eines Menschen zu finden,
der im vollen Ernst _Vaihingers_ philosophischen Standpunkt
realisiren würde.«
[4] Mit einem Vorworte von _Julius Baumann_ (Leipzig 1886).
[5] Der Verfasser geht so weit, schließlich auch noch
Vorschläge für einen neuen Cultus zu machen, der aus diesem
»Glauben« (~sic!~) erwachsen soll. Man erbaue sich an den
folgenden Ausführungen:
»Ein Hauptbedürfniß des Gemüthes ist zeitweilige Befreiung
von dem Drucke der Irdischkeit, gerade dies treibt den
Gedanken eines überweltlichen Gottes und der seligen
Unsterblichkeit hervor und den Cultus, der aus diesem
Glauben erwächst. Ich kann mir denken, daß man einer
solchen Religion in derselben Weise sich hingebe, wie
man sich der Betrachtung von Kunstwerken, dem edlen
Naturgenuß, der Poesie hingiebt. Die Cultusstätten
müßten von der Art sein, daß sie die Vorstellung eines
seligen geistigen Lebens unterstützten, also Alles, was
den Geist hemmt, muß zurücktreten, was ihn weckt und
beflügelt, hervortreten, und zwar den Geist als Hoffnung
und Phantasie. Vom Protestantismus wäre dabei zu nehmen
Lied, Gebet, begeisterte und zugleich beschwichtigende
Rede; vom Katholicismus die Kunst, was sowohl den Bau
als die Ausschmückung betrifft. Die ausschmückende Kunst
hätte die großen Erscheinungen der Natur und Geschichte
darzustellen, welche eine erhebende oder sittlich-weckende
Kraft haben. Grundton des Gottesdienstes müßte sein: Im
Leben seid Ihr mit Gutem und Ueblem ausgestattet, je mehr
Ihr lernt das Uebel mit dem Guten überwinden, desto mehr
erwacht in Euch die Hoffnung in einem höheren und reineren
geistigen Zustand zusammengehalten durch Einen großen
Friedensgeist ewig zu leben nach dieser Erde. An dieser
Hoffnung und ihrem stärkenden Frieden sammelt Ihr Euch und
genießet in dem religiösen Verein einen Vorschmack des
Gehofften.« Ein Schatz für Predigt, Gebet und Lied müßten
die hier einschlagenden Worte aller Religionsstifter und
großen Männer aus allen Völkern und Zeiten sein. Kurzum,
der Gottesdienst müßte ein Weltbild geben und zugleich,
den Menschen in der Welt haltend, ihn mit Hoffnung darüber
hinaus erfüllen, aber nicht durch Kontrast, wie bisher
in den großen Religionen (die Welt ein Jammerthal, der
Himmel Erlösung), sondern aus den Anfängen befriedigenden
geistigen Seins auf Erden müßten Glauben und Hoffnung eines
seligen Seins mit einem geistigen Mittelpunkte anwachsen.«
-- Doch genug.
~III.~
Bevor wir an unser Problem herantreten, müssen wir die Anschauung
widerlegen, als handle es sich bei der neuen Weltbetrachtung oder Lehre
um die Aufstellung einer neuen vollkommeneren Religion.
Woraus entspringt diese irrige Anschauung? Ganz offenbar aus einer
willkürlichen, dem eigentlichen Wesen der Religion widersprechenden
Auffassung derselben. Wenn wir der bekannten Formen der Religion uns
erinnern, so liegt allen nicht nur das Gefühl der Abhängigkeit --
welches Schleiermacher ohne nähere Bestimmung als Grundgefühl der
Religion bezeichnet[6] --, sondern das Gefühl der Abhängigkeit des
Menschen von einer animistisch und persönlich gedachten Weltmacht,
zu Grunde. Ob die oberste Weltmacht nun mit gröberen oder feineren
menschlichen Attributen ausgestattet wird, so wird sie doch immer
in der Form solcher gedacht werden. Folgt daraus nicht, daß eine
Weltanschauung, welche sich jeder Characterisirung der letzten
Dinge enthält, weil echte Philosophie die Bestimmbarkeit derselben
leugnet, über die Religion hinausgeht und demnach als überreligiös
bezeichnet werden muß? Dennoch nennt _August Comte_ _seine_ neue
Lehre, in welcher der Gottesbegriff keine Stelle findet und die an
Stelle des Gottes- einen Menschheitscultus setzt, Religion, und
_Herbert Spencer_ verwechselt ganz offenbar Religion mit Philosophie
(wie dies auch schon _Schiller_ in dem bekannten Distichon gethan
hat), indem er jeden Versuch den Weltgrund zu charakterisiren als
irreligiös bezeichnet, als religiös hingegen die Erkenntniß, daß wir
von einem unergründbaren Mysterium umgeben sind.[7] Die Konsequenz
dieser seltsamen Anschauung ist jedoch die, daß sämmtliche historische
Formen der Religion gar keine Religionen sind, da sie insgesammt eine
Charakterisirung des Weltgrundes unternehmen, ein Wagniß, welches
_Spencer_ eben als irreligiös betrachtet. Hand in Hand mit dieser
falschen Auffassung des Wesens der Religion geht bei _Spencer_ die auf
irrigen Voraussetzungen beruhende Bemühung, Wissenschaft und Religion
mit einander zu versöhnen. Mit Recht zwar weist _Spencer_ darauf hin,
daß die Wissenschaft ursprünglich vielfach zur Klärung, Läuterung und
Erweiterung der religiösen Begriffe beigetragen hat. Aber er übersieht,
daß die Wissenschaft eine trügerische Genossin der Religion ist, indem
sie diese mit denselben Waffen, mit welchen sie zu ihrer Läuterung
und Klärung beigewirkt hat, schließlich zerstört und vernichtet.[8]
Verwechselt nun _Spencer_ Religion mit Philosophie, so verwechselt
_W. M. Salter_, der amerikanische Morallehrer, der auch in Deutschland
mehr und mehr zur Anerkennung gelangt, Religion mit Moral, indem er
von der »Religion der Moral« spricht. Auch hier wird also für einen
überreligiösen Standpunkt das Wort »Religion« beibehalten und so ließe
sich noch manche unberechtigte Uebertragung dieses Wortes auf eine
Sphäre, welche weit über diejenige hinausreicht, die es ursprünglich
bezeichnete, hervorheben[9].
Da gebührt unter allen, welche sich mit der Frage eines höheren
Ersatzes der Religion beschäftigt haben, _Eugen Dühring_ das Verdienst,
die Sphäre der Religion und die einer auf Erkenntniß gegründeten
Weltanschauung streng auseinander gehalten zu haben. Vermögen wir auch
Dühring's Versuch, das in Frage stehende Problem zu lösen, nicht für
einen befriedigenden zu bezeichnen, so müssen wir um so mehr seiner
scharfen Sonderung dessen, was gesondert werden muß, beistimmen[10].
Wer den überreligiösen Standpunkt deßhalb immer noch mit Religion
bezeichnet, der beweist nur, daß er entweder die alte Lehre nicht
genügend überwunden, oder daß er zwischen den verschiedenen
Geistesgebieten nicht genügend unterscheidet, oder daß er endlich von
falschen Rücksichten geleitet, das Neue mit dem Alten zu verbinden
strebt, ohne daß eine solche Verbindung möglich ist.