[1] So schief wie die Behauptung, die Religion müsse bestehen
bleiben, so unhaltbar sind die Gründe, mit welchen man
diese Behauptung gewöhnlich zu stützen pflegt. So soll
die Religion vor Allem die Grundlage der Moral bilden.
Sie ist dies jedoch in so geringem Grade, daß man mehr
und mehr die Nothwendigkeit einsieht, in den Volksschulen
einen Moralunterricht einzuführen, und Frankreich gebührt
der Ruhm, mit dieser wichtigen Neuerung bereits Ernst
gemacht zu haben. Unter deutschen Philosophen ist es
_B. Carneri_, welcher in seinem Werke »Entwickelung und
Glückseligkeit« S. 415 ff. für den Moralunterricht in der
Schule eingetreten ist. Eine edle Moral wird durch die
Religion, so lange Furcht vor der Strafe der Hölle oder
die Aussicht auf himmlischen Lohn als Antriebe wirken,
nicht hervorgebracht werden. Wie aber steht es mit dem
sittlichen Einflusse der Religion, wenn nun gar der Glaube
im Schwinden begriffen ist? Der Glaube aber kann nicht
künstlich in den Gemüthern festgehalten werden, er erwächst
aus der individuellen Veranlagung des Menschen, daher die
Religion niemals eine feste Grundlage der Sittlichkeit
bildet. Diejenigen, welche die Religion ihres poetischen
Inhaltes wegen -- der überdies sehr überschätzt wird --
vertheidigen, sind offenbar keine aufrichtigen Freunde der
Wahrheit. Sehr richtig bemerkt über diesen Punkt _M. Guyau_
~»L'irréligion de l'avenir« (Paris 1886)~. ~Préface p. XIX~:
»~Aujourd'hui, où l'on en vient à douter de plus en plus
de la valeur de la religion pour elle-même, la religion
a trouvé des défenseurs sceptiques, qui la soutiennent
tantôt au nom de la poésie et de la beauté esthétique des
légendes, tantôt au nom de leur utilité pratique. Il se
produit par moments dans les intelligences modernes une
revanche de la fiction contre la réalité. L'esprit humain
se lasse d'être le miroir trop passivement clair où se
réflètent les choses; il prend alors plaisir à souffler sur
sa glace pour en obscurcir et en déformer les images ...
Pour notre part nous sommes loin de rejeter la poésie et
nous la croyons excessivement bienfaisante pour l'humanité,
mais à la condition qu'elle ne soit pas dupe de ses propres
symboles et n'érige pas ses intuitions en dogmes ... La
poésie est souvent plus philosophique non seulement que
l'histoire, mais que la philosophie abstraite; seulement,
c'est à la condition d'être sincère et de se donner pour
ce qu'elle est. -- Mais, nous diront les partisans des
»erreurs bienfaisantes«, pourquoi tant tenir à dissiper
l'illusion poétique, à appeler les choses par leur nom?
N'y-a-t-il pas pour les peuples, pour les hommes, pour
les enfants des erreurs utiles et des illusions permises?
A coup sûr, on peut considérer un grand nombre d'erreurs
comme ayant été nécessaires dans l'histoire de l'humanité;
mais le progrès ne consiste-t-il pas précisément à
restreindre pour l'humanité le nombre de ces erreurs
utiles?~« Von dem Versuch einer Aufrechterhaltung der
Religion als bewußter Illusion wird später die Rede sein.
-- Einer häßlichen Perfidie endlich machen diejenigen
sich schuldig, die für das Fortbestehen der Religion zu
Gunsten der »Armen und Elenden« sprechen. Nach diesen
Menschenfreunden ist die Freiheit von Religion ein
Privilegium der Gutsituirten, während das »niedere Volk«,
welches von der Doppellast der Arbeit und Noth gedrückt
wird, im religiösen Irrthum erhalten werden muß, damit es
nicht den letzten Trost und Halt und -- auch nicht die
Geduld verliere. Daß statt einer Niederhaltung der Massen
durch die Illusionen der Religion an eine Reform ihrer Lage
gedacht werden müsse, durch diese Erwägung werden jene
Philanthropen nicht beunruhigt.
[2] Mit Recht bemerkt _W. M. Salter_, der edle Moralprediger
von Chicago, im Hinblick auf die bloßen Atheisten, in
einer seiner neueren Reden, betitelt: »~The Duty Liberals
owe their Children~«. [»~A Lecture before the Society
for Ethical Culture of Chicago. Nov. 1886.~« Wir citiren
nach S. 4 des uns vorliegenden Separatabdruckes]: »~The
liberal spirit in the world is simply a possibility. The
vainest and emptiest person is one who thinks, that with
the rejection of the old creeds, he has reached the end-all
and be-all of wisdom. If he has not something else to give
color and tone, and substance and purpose to his life, such
a liberal is apt to be as thin and flat in his mental and
moral life, as juiceless as any a man you can well find.
Liberalism in religion simply means that the old order is
breaking up but it is not itself the soil, that has been
ripped up by the plow, but in which the seed of a new
harvest are yet to be sown.~« Salter spricht allerdings von
einem einseitig moralischen Standpunkte aus, allein seine
Worte sind in diesem Falle völlig zutreffend.
~II.~
Wie aus dem Gesagten hervorgeht, wird das geistige Ideal der neuen
Lehre in einer Übereinstimmung des Denkens und Fühlens bestehen.
Einen Gegensatz zu diesem monistischen Ideale bildet die Anschauung
jener Gruppe von Atheisten, denen zu Folge der Freidenkende der
religiösen Vorstellungen und Empfindungen sich nicht enthalten,
sondern fortfahren soll, sich ihnen hinzugeben, ob auch mit dem vollen
Bewußtsein, daß sie rein subjektive Gebilde seien und keinerlei
Anspruch auf objektive Bedeutung zu erheben vermögen. Es knüpft
sich diese Anschauung bekanntlich vornehmlich an den Namen _A. F.
Langes_. Nach ihm sind Metaphysik, Kunst und Religion ein Ausfluß
des synthetischen, dichtenden Triebes im Menschen und bilden eine
Ergänzung zu dem in der Erfahrung Gegebenen. So wenig, wie die Gebilde
der Dichtung der Wirklichkeit entsprechen, so wenig besitzen Religion
und Metaphysik realen Werth, so daß im Grunde beide im Begriffe der
erstgenannten aufgehen, eine Auffassung, welcher jeder, der weder
Gläubiger noch Metaphysiker ist, beistimmen wird. Wenn _Lange_ jedoch
meint, daß wir, wenn wir religiösen und metaphysischen Vorstellungen
keinen realen Werth mehr beimessen, dennoch in ihnen Erhebung finden
sollen, so wird der unbefangene Beurtheiler stets einwenden, daß ein
derartiges Verfahren jeder höheren Berechtigung entbehre. Nun müssen
wir allerdings hinzufügen, daß _Lange_ die religiösen Vorstellungen
allegorisch, als dichterische Symbole ethischer Wahrheiten aufgefaßt
sehen wollte. Genau betrachtet aber ist der dichterische Werth jener
Symbolik doch nur ein geringer und was die Wahrheiten, welche die
Religion enthalten soll, anbetrifft, so hat es damit ein eigenes
Bewandtniß und können wahre Ideen wohl besser aus einem anderen Borne
geschöpft werden.[3]
Unsympathischer noch, als _Langes_ Begründung der Aufrechterhaltung der
als illusorisch erkannten Religion, ist diejenige, welche in dem anonym
erschienenen und posthumen Werke »Religionsphilosophie auf modern
wissenschaftlicher Grundlage[4]« dargelegt ist. Während für _Lange_ die
religiösen Vorstellungen doch den Werth tiefsinniger Symbole haben,
so gelten sie dem Verfasser jenes Werkes nur als Illusionen, die man
aber nicht unterdrücken soll, weil sie wohlthätige Illusionen sind und
einem Phantasiebedürfnisse entsprechen. Auch wahrhaft wissenschaftliche
Aufklärung dürfe Jemanden, der eine rege Phantasie besitzt, nicht
hindern, sich dennoch religiösen Vorstellungen hinzugeben, die er als
Illusionen erkannt hat.
Der Mensch ist nämlich nach unserem Verfasser »überwiegend
weder ein sinnliches, noch ein vernünftiges Wesen, sondern nach
wissenschaftlicher Ausdrucksweise ein phantasirendes d. h. er bildet
Vorstellungen aus Anlaß der Empfindungen, aber diese verhalten
sich meist zu denselben wie Illusion und Hallucination, wenn man
genau zusieht. Vernunft hat er nur in dem formalen Sinne, daß er
letzte Principien setzt, aber diese denkt er überwiegend in der
Weise der Phantasie, sie stimmen nicht mit der genauen Wahrnehmung,
und diese läßt sich auch nicht formal aus ihnen herleiten. Diese
Phantasieauffassung aber erscheint ganz instinctiv, sie ist offenbar
eine überwiegende Lebensäußerung der physiologisch-psychologischen
Beschaffenheit des Menschen«.
Vermöge dieser geistigen Organisation ist es eine Neigung des Menschen,
die der sinnlichen Wahrnehmung entrückten Ursachen mythologisch, als
persönliche Wesen aufzufassen. Und dieser Zug sei in der Menschheit
nicht nur einmal gewesen, wir stehen vielmehr alle noch mehr oder
weniger lebhaft unter seinem Einflusse, »nur daß in uns, was sich
einst als Evidenz göttlicher Macht gab oder als Offenbarung und
Abzeichen einer solchen, zwar ähnlich noch so auftaucht, aber durch
die Vorstellungen, welche eine lange Entwickelung genauer Wissenschaft
hervorgerufen hat, sofort paralysirt wird.« Bei dieser Stelle fällt
vor Allem auf, daß der Verfasser der Meinung zu sein scheint, es gebe
unter den Gebildeten keine Gläubigen mehr, welche die Religion für
objectiv wahr hielten, sondern alle Gebildeten haben dieselbe als
Illusion erkannt, fahren aber -- wenigstens die Meisten unter ihnen
-- dennoch fort, sich in ihren Vorstellungskreisen zu bewegen, weil
es ihrer Phantasie so behagt. Wir halten diese Anschauung aber für
durchaus falsch. Erstens ist auch unter den Gebildeten der Glaube noch
keineswegs erloschen, zweitens dürften unter den Aufgeklärten wohl
nur die Allerwenigsten aus Phantasiebedürfniß religiösen Gedanken
sich ergeben, weil dieses Phantasiebedürfniß keineswegs eine so große
Rolle im Menschen unserer Zeit spielt, wie der anonyme Verfasser
annimmt. Wenn der Verfasser meint, daß ein Mensch, dem nach seiner
ganzen geistigen Constitution die religiöse Auffassung natürlich ist,
sich gänzlich physiologisch-psychologisch ruiniren würde, wenn er an
Stelle derselben die wissenschaftliche setzen wollte, so müssen wir
hinzufügen, daß ein derartig organisirter Mensch überhaupt nicht für
das Wissen, sondern für den Glauben geschaffen sein wird, womit wir
aber die Meinung des Verfassers wohl nicht treffen werden, der seinen
leitenden Gedanken in dem -- nebenbei bemerkt höchst dilettantisch
komponirten Werke -- in den verschiedensten Variationen zum Ausdrucke
bringt. Wie die Lerche zu Grunde gehen oder wenigstens ihre Freudigkeit
verlieren würde, wollte sie ihren Singtrieb unterdrücken, ebenso
der Mensch, wenn er seine religiösen Vorstellungen unterdrücken
wollte, denn die wissenschaftliche Auffassung darf die religiösen
Vorstellungen in ihrer unmittelbar psychologischen Art nicht aufheben
wollen, wie wir nicht den Versuch machen dürfen, nicht Farben zu
sehen, nicht Töne zu hören u. s. w., obwohl wir überzeugt sind,
daß Farben, Töne u. s. w. nicht existiren. »Wie man sich geistig
ruiniren würde und zwar ganz nutzlos, wenn man kopernikanisch und
nicht ptolemäisch die Weltkörper auch _sehen_ wollte, so ruinirt man
sich geistig, wenn man die sich immer wieder aufdrängenden nächsten
Vorstellungen über jene geistigen Erscheinungen unterdrücken und
durch die wissenschaftlichen ersetzen wollte. -- Die Einbildungskraft
als Grundzug des Menschen darf man nicht stören, in ihr muß sich
sein unmittelbares Leben entfalten und ausgestalten, in ihr drückt
sich seine geistig angeborene Art aus, durch Empfindungen innerlich
erregt und von da aus zu Strebungen und äußeren Handlungen bewegt zu
werden. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
»Der Mensch darf nicht glauben, daß er es mit bloßem Wissen und
strengem Anschluß an genaue Erfahrung aushalte; er muß ein großes
Gebiet haben, wo er frei d. h. ohne solchen Selbstzwang idealisirt
und braucht daher entweder Kunst in freier Weise wie sie ihm gerade
individuell, oder Poesie oder Aberglauben oder Religion. -- Wenn Jemand
durch blaue Farbe seines Zimmers besonders angeregt wird zur Thätigkeit
oder zum Denken, so soll er sich dieser Anregung hingeben, wenn Jemand
durch die Vorstellung, ein Schutzgeist oder ein Gott wache über ihn,
besonders getröstet und gestärkt wird, so soll er sich derselben nicht
entziehen u. s. w.[5].«
Offenbar sind die Vorstellungen und Ideale von geistiger
Vervollkommnung sehr verschieden. Wir unsererseits betrachten die
Fürsprache des anonymen Verfassers zu Gunsten eines schroffen Dualismus
zwischen Verstandes- und Phantasieleben, wobei der Verstand negirt,
was die Phantasie behauptet, und umgekehrt; seine Fürsprache zu
Gunsten der Trennung der verschiedenen Geistesgebiete, zu Gunsten
der intellektuellen Gewissenlosigkeit und des bewußten Illusionismus
für vollkommen verwerflich und sehen darin nichts anderes als einen
geistigen Epikuräismus der schlimmsten Art. Verwundert, ja, mit
Widerwillen dürfte der Gläubige von einer Beschäftigung mit religiösen
Vorstellungen ohne den Ernst innerer Überzeugung, bloß weil man sie
angenehm und schön findet, hören; mit nicht geringerem Widerwillen
wird aber derjenige, der auf dem entgegengesetzten Standpunkte steht,
der wahre Freidenker, bei dem die Erkenntniß so zu sagen in Fleisch
und Blut übergegangen ist, von jener Theorie sich abwenden; denn nicht
um das bloße Wissen handelt es sich, sondern darum, daß der Wissende
von der gewonnenen Erkenntniß sich auch innerlich durchdrungen zeigt,
daß sein gesammtes Denken davon Zeugniß ablegt. Der Freidenkende,
welcher diesen edlen Namen verdient, wird, statt seiner Phantasie
Wanderungen in das Reich der religiösen Illusionen zu gestatten,
vielmehr in der Erkenntniß selbst eine Grundlage für erhabene Gefühle
zu finden trachten, und in dieser Weise Gedanken und Empfindungen,
Verstand und Gemüth in Uebereinstimmung zu bringen suchen. Also nicht
einer charakterlosen Vereinigung von Aufklärung und Aberglauben
ist das Wort zu reden, sondern einer Lebendigmachung der Erkenntniß
durch das Gefühl. Diese Versöhnung zwischen Wissen und Empfinden
herbeizuführen, ist, wie wir bereits hervorhoben, die Aufgabe einer
neuen Weltanschauung.