Aber dem sechszehnten Jahrhundert genügte die körperliche Sklaverei des

Menschengeschlechtes nicht, die Gewissen mußten ebenfalls geknechtet

werden. Luque konnte in den ersten Augenblicken der Eroberung nicht

für sich allein erwarten, weder seines Amtes als Priester zu walten,

noch allen Götzendienern der Sonne zu predigen oder sie zu erschrecken

und über deren Häupter das Wasser der Taufe auszugießen, oder dann

sie als unbußfertig und verflucht in die Flammen zu werfen; und seine

Einladungen einerseits und der Ehrgeiz andrerseits brachten auch in

jene Regionen Priester von allen Klassen und Ständen, welche mit dem

Fanatismus ihres Jahrhunderts die Henker der unschuldigen Anbeter

des Gottes, der die Tage entflammt, wären. Die berühmten Dekrete

von Cajamalca wurden in dem ganzen Reiche zur Ausführung gebracht,

und die Unglücklichen, welche nach dem Gebirge flohen, mußten ihre

neuen Glaubenslehren verleugnen, oder waren Opfer der Wuth und der

Flammen der Inquisition; und diejenigen, welche dem Schrecken oder der

Ueberzeugung entrissen, zur christlichen Kirche gingen, wurden mit der

ganzen Härte eines Katechumenen der ersten Jahrhunderte behandelt.

Von den unglücklichen Sonnenanbetern empfingen die einen, um ihren Tod

zu verzögern, das Wasser der Erlösung, und die wenigsten traten aus

Ueberzeugung getrieben in den Schooß der Kirche ein. Das Gewissen

der Erstern war ihre grausamste Geißel; sie mußten sich bei den

Feierlichkeiten des christlichen Gottesdienstes einfinden, und wenn

sie die Sonne im Osten erglänzen sahen, wurden sie, ihre Abtrünnigkeit

verfluchend, von Schrecken erfaßt, und vielleicht lästerten sie

das Christenthum, und litten mit doppeltem Grausen die Schläge

ihres Gewissens. Diejenigen, welche von ihrem Herzen begeistert, an

Jesus Christus glaubten, waren, ebenfalls unglücklich, Opfer ihrer

Unwissenheit! Die fanatischen Priester erfüllten ihre Seele mit

schwermüthigen Vorurtheilen; sie verkauften den Himmel zu so theuern

Opfern, daß alles Gold und alle menschliche Tugend nicht genügte, die

ewige Seligkeit zu erlangen, und die Gewissensangst ist der größte

moralische Jammer des Menschengeschlechtes. Die zarte Religion Jesus

war ihrem Gründer nicht bekannt; ihr süßes Wesen, ihre einfache

Moral verwandelte sich in die Furcht einer qualvollen Nacht; die

Inquisition verbreitete ihre Greuel, und niemals gelangte an Luque, als

Generalverweser, die Berufung einer Verleumdung; die untergeordneten

Priester genügten, die Opfer bis vor die Flammen zu bringen.

Das war der gesellschaftliche und innere Zustand Perus, und von den

angrenzenden Kolonieen strömten dem Reiche beständig neue Ehrgeizige

zu, und die Kriegsmacht Pizarros war schon beträchtlich, und eben

so üppig waren die Schätze der Abenteurer, als er in den Tagen, da

der Waffenstillstand mit Almagro dauerte, zum ersten Mal von der

Metropole Befehle empfing. Der Hof von Castilien sah mit Erstaunen

die Fortschritte der Expedition von Panama; er bewunderte das Genie

und den kriegerischen Charakter Pizarros: Pizarro war der Abgott der

Könige, der Großen und des Volkes, und mit Uebermuth sah Philipp

II. von seinem umtrauerten Throne herab die Sonne in seinem Reiche

niemals untergehen. Bei den Nachrichten Pizarros und Perus setzte

sich die Diplomatie des Jahrhunderts in schnelle Bewegung; kaltblütig

berechneten die Thronräthe ihrer Gewohnheit gemäß die Interessen ihres

Monarchen und verachteten die Menschen und traten die Menschheit

mit Füßen. Alsbald wurden Gesetze und Vorschriften aufgestellt,

worin man die Sklaverei billigte, worin man den Verkauf von Sklaven

gewährte, worin man die Priester und die Kriegsanführer für die größte

Verbreitung des Christenthums verantwortlich machte, worin man die

Inquisition unter den ungerechtesten Grundlagen festsetzte und worin

man endlich die Zerstörung des neuen Reiches befahl.

Da in jenem dunkeln Jahrhundert die wahrhaftigen Grundlagen des

Reichthums und der Macht der Reiche unbekannt waren, dachte man

nur daran, die Kolonieen zu plündern und ihre Reichthümer nach der

Metropole zu schleppen. Die Throne verachteten im sechszehnten

Jahrhundert die Fortschritte der Künste; der Ackerbau war ein

eingebildeter Name, dessen Resultate dem spärlichen Scharfsinn der

Epoche entgingen, und die gesellschaftlichen Rechte waren mit der

wilden Gewaltherrschaft, welche ihre Flügel von der einen Welt bis

zur andern erstreckte, durchaus im Widerspruch. Von Pizarro wurden

nur Schätze gefordert; die Art und Weise, sie zu entziehen oder zu

entreißen, blieben seiner Willkür überlassen. So ungeheuerliche

Prinzipien bildeten in den ursprünglichen Zeiten die Grundlagen des

Verkehrs der Metropole mit den neuen Festländern.

Die Eroberung von Peru verkleidete sich außerdem mit dem religiösen

Deckmantel, der alle widerrechtlichen Besitzergreifungen jenes

Jahrhunderts zudeckte. Der erste Abenteurer, welcher in einem Festlande

zu Boden sprang, nahm im Namen des höchsten Stellvertreters Christis,

der alsdann den zeitweiligen Königen die Verleihung gewährte, davon

Besitz. Der Hof von Rom entfaltete alle seine Rechte und seinen ganzen

Einfluß auf die Eroberung von Peru, aber er hatte vom Hofe Philipps zu

viel Geschenke empfangen, um ihm undankbar zu sein, und Philipp hatte

zu viel Fußvolk und Reiterei, als daß Rom ihn nicht fürchtete und ihm

seine pflichtschuldigsten Huldigungen darbrachte. Der Hof von Rom

gewährte den Königen von Castilien die Verleihung Perus, aber der Hof

von Rom forderte der Gewohnheit in jenen Jahrhunderten der Unwissenheit

gemäß, für seine eingebildeten Rechte unerhörte Zurechnungen. Das Recht

der Erwählung von Prälaten, die übertriebenen Erpressungen für Bullen

und Bewilligungen, der thätigste und gewinnbringendste Einfluß aller

Art Handel haftete der römischen Curie stets an.

In Mitten der Unruhen seiner heftigen Liebe zu Ocollo, in den

Augenblicken, da er auf das Duell mit Almagro zurückkommen sollte,

empfing Pizarro Mittheilungen von der Metropole, die seinem Stolze und

seiner wirklichen Macht zu sehr schmeichelten. Der Hof von Castilien

ernannte ihn feierlich zum Statthalter und unumschränkten Gebieter des

ganzen Reiches; Pizarro war der erste Priester, das erste militärische

Oberhaupt und die erste obrigkeitliche Person; er war der Caligula

und der Domitian der neuen Welt, und die Metropole forderte nur einen

Fünftel von all’ den Reichthümern, welche er erpreßte, als Belohnung.

Bei der ungeheuren Eroberung war eine unschätzbare Beute in den Händen

der Abenteurer geblieben, und Pizarro, scharfsichtig genug, um die Art

zu kennen, seinen Einfluß bei Hofe zu sichern, hatte für die Krone eine

Unmenge von Gold und Silber vereinigt, womit in San Mateo viele Schiffe

und Galeeren beladen wurden.

Das Schicksal des Reiches änderte sich bei den Mittheilungen der

Metropole in nichts. Die Rathsherrn von Madrid wußten nicht mehr,

noch waren sie menschlicher als die Eindringlinge; derselbe Ehrgeiz,

derselbe Fanatismus beherrschte sie, und die Vorschriften oder legalen

Körperschaften, denen sie die Metropole unterwerfen sollte, mußten

den Raub, die Zerstörung und die Schmach bezwecken. Das Ansehen

Pizarros erwarb neue Kraft und neuen Muth, vergebens mochte irgend ein

gefühlvoller Mensch am Hofe die Stimme gegen seine grausame Tyrannei

erheben; am Hofe Philipps wollte man nur Schätze und Anhänger des

Christenthums; Pizarro überschüttete sie mit Strömen von Gold, und die

Scheiterhaufen der Inquisition brannten fortwährend. Das Schicksal

der neuen Welt schien bereits festgesetzt zu sein; der Hof von Rom

und der Hof von Madrid sollten jenem unschuldigen Boden den Charakter

und das Genie des sechszehnten Jahrhunderts aufdrücken, aber dessen

Bewohner mußten, um sich von der Götzendienerei zu reinigen, den Vater

des Lichtes angebetet zu haben, von der Erde verschwinden. Das war das

Schicksal aller von andern Europäern in Besitz genommenen Festländer

gewesen. Die Diplomatie jener Aera schien ihr Behagen einzig an der

Zerstörung zu finden.

Die bewaffneten Männer und die Priester in Peru waren die Beauftragten,

das Reich seiner Schätze zu berauben, und die unermeßlichen Schätze,

welche ihnen noch übrig blieben, der Metropole zu überweisen. Am

Hofe Philipps schlief man unter dem Golde ein; bis auf unsere Tage

kreuzten schnelle, spanische Galeeren die Meere, um die Reichthümer der

neuen Welt nach Spanien zu überführen; der Hof von Madrid schwelgte

im Ueberfluß, das Gold floß in Strömen: Mit einem Berge von Gold

errichtete man San Lorenzo im Escurial, diesen Prachttempel, das achte

Wunder der Welt; mit einem andern Berge von Gold machte man in der

herrlichen Granja die reizenden Springbrunnen von Versailles vergessen;

ein Berg von jenem Golde sollte dazu bestimmt sein, Alcazar[5] der

Könige in Madrid zu werden; mit einem andern beherrschte man den Tajo

in Aranjuez, um dessen üppige Gärten zu heben; die Kirchthürme und

Münster verschlängen ebenfalls ein Meer von Gold, aber niemals dachten

Philipp noch seine Höflinge daran, auch nur den geringsten Ueberfluß

so übermäßiger Schätze dafür zu bestimmen, dem öffentlichen Reichthum

ihres Vaterlandes aufzuhelfen, die Verkehrswege zu erleichtern, noch

dessen Handel zu beschützen. Ueppige Tempel und Thürme, worin sich der

Stolz und der Hochmuth des Fanatismus des sechszehnten Jahrhunderts

hervorthat; prächtige und prunkhafte Festungspaläste, fantastische und

köstliche Gärten und Obelisken zwischen unfruchtbaren Gebirgen, worin

sich die Könige dem Vergnügen hingaben und ihre armen Gehirne in Stolz

und Wollust schwelgten; das sind die glänzenden Andenken, welche uns

unsere Väter hinterließen, für die Ströme von Gold, von Schweiß und

von Blut, die sie den Sonnenanbetern, den Unterthanen der Inkas, den

unglücklichen Bewohnern der neuen Welt entrissen.

[5] Festungsschloß.

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel 22.

Verurtheilung.

Wir werden die trübseligen Betrachtungen der religiösen und politischen

Lage der Festländer der neuen Welt in den ursprünglichen Zeiten der

Eroberung der Einsicht unserer Leser überlassen und wiederum auf die

Ereignisse unserer Geschichte zurückkommen.

In den Mittheilungen, welche er vom Hofe empfing, fand Pizarro seinem

Stolze und seinem unbegrenzten Ansehen geschmeichelt; aber die neue

Macht des Statthalters entkleidete ihn nicht des Charakters eines

sonderbaren Ritters und verschmähten Liebhabers; Ocollo war seine Liebe

und seine Qual, und der Waffenstillstand ging zu Ende, und er sollte

auf das Feld der Ehre fliegen, um sich mit Almagro zu schlagen. Luque

hatte die Bestätigung seiner Eigenschaft als Generalverweser ebenfalls

erhalten, und seine Seele hatte mit derjenigen Pizarros zu viele

Berührungspunkte, als daß sie nicht eine innige Freundschaft und ein

vollständiges gegenseitiges Vertrauen vereinigte; und er verzieh kein

Mittel von so vielen, die in seinem Bereiche lagen, um zu verhüten,

daß er von Neuem auf das Duell zurückkam. Er kannte den Muth und die

Standhaftigkeit Pizarros sehr wohl, aber ebensowenig verbarg sich ihm,

daß Almagro tapfer und in der Handhabung der Waffen zu erfahren war,

und Luque schauderte bei der bloßen Betrachtung, daß Pizarro besiegt

werden könnte. Aber er griff ein schwieriges Unternehmen an; umsonst

redete er im Namen des Himmels zu den beiden Kriegern: Pizarro kannte

kein anderes Ziel, als von Ocollo geliebt zu werden, oder ihr ihre

Ehrbarkeit zu entreißen und sie auf den Scheiterhaufen zu schleppen;

und Almagro hatte vor seinem Gott betheuert, daß er die Tugend und die

Unschuld nicht mit Füßen treten sehen würde.

Um seinen Zweck zu erreichen, verwundete Luque, indem er ihm

schilderte, wie unpassend es wäre, sich mit einem Untergebenen zu

schlagen, den Stolz Pizarros, und er sah einen Mord oder eine fromme

Verleumdung für einfacher an; aber immer ritterlich, gab Pizarro Luque

mit Festigkeit sein Mißfallen zu verstehen und bereitete sich zum

Kampfe vor. »Er lebe,« wiederholte er, »um der Gewalt meiner Klinge zu

weichen.« Für seinen Theil waren Almagro an der Seite seiner Ehre sein

Leben und seine Liebe nur zu verächtlich; ein wahrhaft ritterlicher

Charakter beherrschte ihn, und umsonst gebrauchte Luque seine ganze

Macht und seinen Einfluß.

Unterdessen sah, ein Opfer der rohesten Qual, Ocollo Coya großmüthig

in die Gefahren fliegen, um das Vaterland zu retten; sie sah Huascar

und die Adeligen die heldenmüthigsten Anstrengungen machen, um den Muth

der Peruaner wieder zu beleben, um wieder für ihre Freiheit zu kämpfen,

und sie indessen war nahe daran, ihr Leben, ohne das Blut Atahulpas

zu rächen und ohne ihrem Vaterlande einen leichten Trost zu leihen,

auf einem Schaffot auszuhauchen. Andrerseits sollte der großmüthige

Almagro abermals sein Leben aussetzen, um sie zu retten, und Almagro

mußte in dem Kampfe unterliegen oder den Fluch der Meisten seines

Lagers auf sich nehmen und dem Dolche eines Mörders ausgesetzt sein.

Alles konnte ihn retten, indem sie der Liebe Pizarros nachgab, aber es

war unmöglich, daß sie davon ließ, den Mörder ihres angebeteten Inkas

zu hassen, und ihre Seele seufzte, von heftigen und widerstrebenden

Stürmen bekämpft. Jedoch, das Blut Atahulpas, immer vor ihren Augen

gegenwärtig, schrie um Rache, und Ocollo entschloß sich, Pizarro eher

ihre Liebe zu heucheln, als, wenn ihr Blut dem Vaterlande doch nichts

nützte, auf dem Schaffot zu sterben.

Schon rüsteten die beiden Krieger von Neuem ihre Waffen, um in den

Kampf zu fliegen, als Ocollo Almagro an ihr Gefängniß rief, damit er

das Duell aufhöbe. »Ja, mein großmüthiger Almagro«, wiederholte sie

ihm, »dein Name wird ewig in meinem Gedächtniß und meine Dankbarkeit

wird ewig sein; gürte deine Waffen los, ich bin entschlossen, Pizarro

zu lieben.« »Pizarro zu lieben!« entgegnete ihr Almagro. »Ja,

großmüthiger Kriegsheld, Pizarro zu sagen, daß ich ihn liebe; aber mein

Herz lebt nur noch für Atahulpa.« »Ich kann nicht begreifen, Ocollo.«

»Es ist ein großes Geheimniß.« »Ich achte sogar die Geheimnisse der

Schönen, aber wenn du etwa, um mir das Duell zu vermeiden, Ocollo,

deiner Seele Gewalt anthätest....« »Nein, Almagro, nein, ich schwöre

es dir, ich will das Christenthum umarmen.« »Lebe wohl, Ocollo, zähle

stets auf meinen Degen.« »Ah! warte, wenn du Coya sehen solltest, wenn

dich irgend ein Peruaner frägt, sage, daß Ocollo nicht meineidig ist

an ihrem Vaterlande, daß sie Atahulpa mehr als je verehrt, daß sie die

Gattin des Inkas nicht für schwach, noch für verbrecherisch halten.«

Nach kurzem Stillschweigen ging Almagro voll Erstaunen, und Ocollo

richtete einen höflichen Gruß an Pizarro aus.

Trotz Pizarros Hochmuth war die heftige Liebe, welche er zu Ocollo

hatte, eine solche, daß er es nicht verschmähte, nach ihrem Gefängnisse

zu gehen, um sie anzuhören. »Was hast du mir mitzutheilen?« sagte er

zu ihr. Bebend, mit stammelnden Lippen, vermochte Ocollo, weil ihre

Seele nicht an Erdichtung gewohnt war, kaum das Schweigen zu brechen.

»Endlich, Pizarro, triumphirtest du über mein Herz; ich liebe dich!«

»Du liebst mich! Du, die du wiederholtest, daß uns beide nicht zugleich

die Erde tragen könnte!« »Ja, es ist wahr, aber die Hand der Zeit hat

meine Wunden vernarbt, ich will das Christenthum umarmen, mit dir

leben und will dich lieben, Pizarro.« »Und ich werde mich an deinen

Liebkosungen erfreuen, und du wirst meine süße Ehegefährtin sein!« Ein

Lächeln hob sich von seinen Zügen ab; Ocollo seufzte dort in ihrem

Herzen, aber sie erstickte die Seufzer zwischen ihren Lippen, und

Pizarro, nachdem er sie den süßen Schwur hundert Mal hatte wiederholen

lassen, befahl, sie aus dem Gefängnisse hervor zu holen, und sie, da es

der Palast der Inkas war, nach seinem Palaste zu führen.

Gar bald wußte Luque und das ganze Volk, daß Ocollo der Liebe Pizarros

nachgegeben hatte, und der Stellvertreter Christis in der neuen Welt

sah jene plötzliche Umwandlung als ein sichtbares Wunder an, das die

Eroberung von Peru befestigte. Pizarro würde sein kostbares Leben

bereits nicht mehr aussetzen, um sich mit Almagro zu schlagen, und mit

der Gattin des Inkas, durch das Band der Ehe vereint, würden ihn die

Peruaner fröhlicher als ihren rechtmäßigen Herrscher verehren. Ah! ohne

Zweifel wußte Luque nicht, daß die freien Völker die Tyrannen stets

verabscheuen, unter was für einer Gestalt sie sich auch verkleiden!

Alsbald wurde das Duell mit den gewohnten Feierlichkeiten aufgehoben,

und Pizarro strengte sich an, Almagro seine Freundschaft und seine

Achtung vorzuheucheln.

Pizarro, der den Augenblick ersehnte, seine brennenden Begierden

zu erfüllen, belästigte die Schöne unaufhörlich mit feurigen und

unzüchtigen Bitten. Jedoch Ocollo hatte früher an die Art gedacht, die

Hoffnungen desjenigen, den sie haßte, zu narren, und ihren Plan zu Ende

zu führen, und indessen, daß sie die Einbildung und das Anziehende

ihrer Liebe in Pizarro aufrecht erhielt, spottete sie seiner Begierden.

»Du weißt es,« wiederholte sie ihm, »deine Religion verlangt, daß

die Gatten denselben Glauben bekennen; mir Unglückseligen ist deine

Religion nicht bekannt, noch bin ich in deren Geheimnisse eingeweiht;

in Kürze werden mich die christlichen Priester unterweisen, ich

empfange das Wasser der Taufe, und dann, Pizarro, werden wir uns der

Liebeswonne überlassen.« Jener wilde Charakter, jener Pizarro, der Blut

vergießend, sich zum Schrecken des Reiches gemacht hatte, gab, wie ein

unbändiger Stier nachgiebt, den Einflüsterungen der Liebe nach, und

Ocollo hielt ihre Hoffnungen mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit

aufrecht. Weit entfernt von Pizarro der Gedanke an Gewaltthätigkeit,

bei den Thränen der Peruanerin war sein Herz gefühlvoll, und mehr

als ein Mal retteten sie das Leben einiger Unglücklichen. Ocollo

wußte wohl, daß jener Zustand ein gewaltsamer war, daß der feurige

Spanier nicht auf lange Zeit der Spielball ihrer Kunstgriffe war, aber

inzwischen dachte sie über ihre Rache nach und war die großmüthige

Beschützerin ihrer unglücklichen Unterthanen. Mit Pracht im Palaste

behandelt, gewann sie sich ebenfalls die Liebe der Spanier, und das

Christenthum war ihr sicherstes Bollwerk, um den ungestümen Bitten

ihres Liebhabers zu widerstehen.

Luque war der Beauftragte, Ocollo in die Geheimnisse des Christenthums

einzuweihen, damit sie das Wasser der Taufe empfing, und während die

Peruanerin in Anhörung des Priesters Gelehrigkeit zeigte, suchte sie

in ihrem klaren Verständniß nach Ausflüchten, um das Christenthum

vernunftgemäß zu bestreiten. Es ist wohl wahr, daß die neue Welt sich

niemals daran gewöhnte, die Katechumenen in die Lehren einzuweihen: Ein

Priester predigte in dem Tempel über die Vorzüglichkeiten der Religion

Christis, und von der ewigen Pein und der ewigen Seligkeit, es war

aber, nachdem sie das Wasser der Erlösung empfangen hatten, da sie

bis dahin keinen Zutritt in den Tempel gehabt hatten, und die Sprache

der Priester immer prophetisch und erhaben war, wie wenn die neuen

Gläubigen von der Fackel des Glaubens erleuchtet wären. Wie manchmal

gebrauchte ein Priester seine geheimnißvolle Sprache umsonst, damit

die Peruaner die Dreieinigkeit, das Wesen und die Eigenschaften Gottes

begriffen; damit sie die Jungfrauschaft Marias und die Menschwerdung

des Sohnes Gottes erkannten! Von kräftigem, lebhaftem Verstande, sagte

Ocollo, daß es das größte Verbrechen sei, das Wasser der Taufe zu

empfangen, so lange man nicht fest an die christlichen Lehren glaubte,

und Ocollo war geachtet, weil sie den Willen Pizarros beherrschte. Der

Statthalter jedoch, immer den Augenblick des wonnevollen Genusses der

Liebe ersehnend, trieb Luque an, Ocollo zu taufen, und die Lage der

Peruanerin wurde von Tag zu Tag mißlicher und gefährlicher, aber die

Ereignisse der Freiheit des Landes folgten einander sehr schnell, und

Ocollo schöpfte Muth in ihren nächsten Hoffnungen.

Indessen war Almagro mehr als je ein Opfer der Liebe Coyas; seine Wonne

war, an deren Seite zu stehen. Coya war sein Wollen und Verlangen,

Coya sein Ideal, und nur für Almagro lebte Coya auf der Welt. Zwischen

den Bergen liegend, die Cuzco umgaben, sah die Schöne tagtäglich ihre

Streitkräfte mit den Unglücklichen, die der Kette der Knechtschaft

oder den Krallen der Inquisition entrinnen konnten, zunehmen, und

beständig schickte sie Huascar Verstärkungen. Almagro hatte seine Liebe

bereits veröffentlicht, und weder den Spaniern noch den Peruanern war

seine traurige Leidenschaft unbekannt, und er mußte alle Tage nach

dem Gebirge gehen, um seine Schöne zu sehen. Weder Pizarro noch Luque

konnten eine Liebe ertragen, die ihrem Interesse und den Interessen

ihres Vaterlandes so sehr zuwider war, und die Entzweiung mit Almagro

war unerläßlich.

In Wahrheit ließ es Almagro offen an den Regeln der militärischen

Disziplin fehlen, er verkehrte mit dem feindlichen Lager und trug

mit so vielen Mitteln wie immer thunlich zur Erhaltung Coyas bei.

Andrerseits hätte man, da er eine Peruanerin liebte, welche die Spanier

für eine Götzendienerin hielten, an seinem religiösen Glauben zweifeln

können, und es lagen überwiegende Gründe vor, um ihn dem Ausspruch

eines Kriegsgerichtes zu unterwerfen.

Kaum breitete die Nacht ihren friedlichen Schleier aus, als Almagro

sich die Waffen umgürtete, das Pferd anschirrte und schnell nach

dem Gebirge ritt. Hier erwartete Coya ihren Geliebten bereits, ein

wenig von ihren Kriegern getrennt, und der reinsten Wonne überlassen,

sahen sie den Mond das Himmelszelt durchziehen. Die zärtlichste Liebe

vereinigte sie, Almagro lebte für Coya, und Coya für Almagro. »Ah!«

wiederholte ihm in einer heitern Nacht die Schöne, »wie gut sagte mir

mein Herz voraus, daß unsere Liebe ein schwarzer Unstern sein würde!

Grenzenlos ist unser Unglück, jeder nachfolgende Tag scheint unsere

Bitterkeit zu verdoppeln. Mein Vaterland ist in Staub versunken, die

Sonnentempel sind verschwunden, das Blut der Peruaner röthet die

fruchtbaren Fluren, ich habe meinen Gott verkannt.« »Schöne....«

»Vereinige deine Anstrengungen mit den meinen, da du doch als ein von

Osten Gekommener den Dolch in mein unglückliches Vaterland stießest,

heile als Angebeteter Coyas dessen Wunden zu.« »Mein Vaterland,

Coya....« »Ich verließ meinen Gott....« »Als Götzendienerin hätte ich

dich nicht geliebt....« Die Lage jener unglücklichen Seelen läßt sich

nur empfinden; Almagro konnte nicht zum Verräther an seinem Vaterlande

werden, Coya war zu getreu, um ihr Lager zu verlassen, worin sie das

Ansehen bereits verlor, weil man anfing, an ihrem religiösen Glauben zu

zweifeln; und zwei so zärtliche Geliebte konnten sich im Kampfe treffen

und einander tödten.

Coya war im Gebirge vor den Augen Pizarros verächtlich, sie hatte weder

Streitkräfte, noch befeindete sie die Fluren, und der Eroberer hielt

es nicht der Mühe werth sie zu schlagen. Coya ihrerseits erkannte

ebenfalls, daß sie keine Schlacht wagen durfte, und sie besorgte bloß,

den Spaniern wie eine Verliebte zu erscheinen, welche die Annäherung

ihres Geliebten suchte; inzwischen aber waren ihre Streitkräfte ein

Vereinigungspunkt für die Peruaner, die den Ketten entrannen, und ohne

jemals viele Leute heranzubilden, internirte sie dieselben nach den

Anden.

Die Eroberung von Peru · 第 13 / 17 段