Eine traurige, von den Seufzern der Sterbenden und von den Androhungen

der Sieger unterbrochene Todtenstille herrschte in der Stadt und

auf dem Lande, und nach dreitägigem Verweilen in Cuzco zerstreute

Pizarro den größten Theil seiner Macht in kleine, unter dem Befehl

der tapfersten Kapitäne stehende Colonnen, damit sie die Umkreise

des Gebietes durchzögen und die Mittheilungen der Hauptstadt in Gang

brächten. Beinahe nicht ohne Widerstand liefen die Detachements die

Umgegenden ab; kleine Horden von Peruanern flohen entsetzt, und in

wenigen Wochen dehnte sich die spanische Herrschaft in allen Grenzen

des Reiches aus.

Wie wir angegeben haben, wurde Ocollo auf dem Rückzuge durch den

Kapitän Soto zur Gefangenen gemacht, aber auch Huascar führte viele

spanische Gefangene mit sich, welche bisher nicht als Feinde behandelt

worden waren, sondern wie Männer, die, den Befehlen ihrer Anführer

gehorchend, unterlagen; als er aber die Greuelthaten von Cuzco erfuhr,

bemächtigte sich die Verzweiflung seiner Brust; er schwur vor der

Sonne, den Krieg bis auf den Tod zu führen, und die Gefangenen

wurden durch die Wuth der Besiegten zerfleischt. Jene gefühlvollen

Männer, welche von einer süßen, zarten Religion begeistert, sich damit

begnügten, ihre Feinde zu besiegen und sie über das Meer hinüber zu

werfen, verwandelten sich in blutdürstige Tiger, die verzehrten, was

ihnen in den Weg kam. Da sie ihre Freiheit, ihre Gesetze verloren

hatten, ihre Tempel zerstört und sie an die schmähliche Sklaverei der

Knechtschaft gebunden waren, konnte nur das Blut ihre Rache stillen;

beim Anblick des Todes malte sich die Fröhlichkeit in ihren Zügen, und

das Grab war die Stätte des Friedens der Peruaner.

Das wäre künftighin der Krieg, den die Inkas führten; die von Osten

Gekommenen würden ein Gegenstand ihres unversöhnlichen Hasses sein, der

Rachedurst würde sich auf die Geschlechter übertragen und der Boden der

neuen Welt würde sich mit Blut röthen. Ein Volk, das seine Freiheit

ausbreitend, in Verzweiflung geräth, ist ein rasender Strom, der den

Sieg hinter sich her reißt. Ein Volk, das für seine Freiheit und für

seine Voreingenommenheiten kämpft, ist unbesiegbar.

Als Pizarro erfuhr, daß Ocollo gefangen genommen worden war, glaubte er

alle seine feurigen Wünsche erfüllt. Peru hatte er bereits bezwungen

und er sah den Triumph seiner Liebe sehr nahe; Ocollo mußte seinen

verliebten Bitten nachgeben, oder die Stimme des Eroberers sollte die

Unglückliche zu Boden schlagen. Soto zog nach einigen Tagen in der

Stadt ein, und in Thränen versunken, mit aufgelösten Haaren, stellte

sich Ocollo vor den Sieger des Reiches, und vor Schmerz zerrissen,

aber mit kalter Ruhe, rief sie aus: »Ja, Pizarro, ich weiß mein

Schicksal bereits; glaube nicht, daß ich mich schwach zu deinen Füßen

niederwerfe, um ein Dasein flehend, das ich verabscheue. Als das

Leben Atahulpas mir Thränen abforderte, vergoß ich sie über deinen

Füßen; jetzt leidet Ocollo allein.« Wie von Raserei hingerissen, faßte

Pizarro die Schöne am Arme und trennte sie ein wenig von den Spaniern,

welche sie beobachteten. »Siehe, Unglückliche,« rief er aus, »siehe

meine Macht und fürchte meinen Zorn. Du, die du Atahulpa liebtest,

wirst den Taumel der Liebe fühlen können. Deine Schönheit, Ocollo,

entzündete, wenn es mir nicht gelingt, dieselbe in deinen Armen zu

ersticken, in meiner Brust eine unauslöschliche Feuerflamme; gieb

meinen Schmeicheleien nach, du sollst im Reiche befehlen, und ich werde

dein Sklave sein und werde glücklich sein.« »Du kannst dein Glück

nur unter Schutt und Leichen finden, du wirst schon glücklich sein.«

»Meine Seele giebt auch den Reizen nach, du allein hörst mich jetzt....

Diese Siegespracht, diese Berge von Gold, von Trophäen, das Alles

tauschte ich für deine Liebkosungen um, bedaure mich und zittere.«

»Ich bin ruhig.« »Liebe mich, Ocollo.« »Du bist besudelt mit dem Blute

Atahulpas.« »Mein Vaterland forderte es.« »Seine Liebe befiehlt, daß

ich dich verabscheue.«

Lange Zeit hindurch schien Pizarro, bleich, erstarrt, ein Opfer der

Ueberraschung und der Wuth, ein lebloses Wesen zu sein; aber wie

der Sturmwind das schwache Rohr hinreißt, so schleppte er sie, die

keusche Gattin, wüthend packend, bis vor seine Soldaten. »Fliegt, sie

soll sterben,« rief er verstimmt aus; doch ruhig, verwirrte weder ein

Seufzer, noch eine einzige Thräne das Antlitz Ocollos. Die Leidenschaft

Pizarros war dem Heere nicht unbekannt, und beim Anblick seiner

Gewaltthätigkeiten, seines geheimnißvollen Schweigens, durchschauten

sie alsbald die Ursache, welche das Opfer zur Richtstätte schleppte,

und ein dumpfes Gemurmel rührte die Abenteurer. Endlich erhob, als

Ocollo ihre schmachtenden Blicke nach ihm richtete, Almagro, voller

Tapferkeit und Edelmuth, seine Stimme und brach entschlossen aus:

»Nein, Pizarro, hoffe nicht, dieses arglose Opfer nach dem Richtplatze

zu schleppen; ich bin ein christlicher Ritter, meine Religion und

meine Empfindsamkeit rühren meinen Degen zugleich; Ocollo stirbt

nicht, ohne daß wir zuvor die Waffen messen.« Die Wuth erglänzte in

den Augen Pizarros, die Ruhe in den Mienen Ocollos und Almagros und

die Verwirrung in den Stellungen Luques und aller Abenteurer. Niemals

daran gewohnt, sich nicht befolgt zu sehen, und am wenigsten von einem

Menschen, auf den er mit Haß und als seinen Untergebenen herabsah, zog

Pizarro mit Blitzesschnelle seinen Degen, um sich auf den gefühlvollen

Ritter zu stürzen, und auch Almagro setzte sich im Augenblick zur

Wehre. Ein so edler und so tapferer Krieger rechnete auf Anhänger

im Lager, und eine elektrische Bewegung theilte sich der Masse mit:

Die blitzenden Waffen kochten in ihren Scheiden, und der Bürgerkrieg

drohte in einem Augenblick mit seiner ganzen Schrecklichkeit. Weltklug

genug, um die Resultate des immer bedrohlicher werdenden Ausbruches zu

erkennen, griff Luque, seinem Brauche gemäß, zur Stimme des Himmels,

um die Rechte zu entwaffnen. »Jesus Christus sieht euch, meine Söhne,

euch droht der Bannstrahl, haltet ein mit eurer Wuth.« Die Abenteurer

zogen sich ein wenig zurück, aber die Anführer waren bei der Stimme

des Priesters bereits taub, und umsonst hob der Verweser zwischen den

Degen das Kreuz empor. »Bei der Stimme Pizarros giebt das Weltall

nach,« rief der Statthalter aus. »Almagro fürchtet ihn nicht,« bestritt

sein Stellvertreter. »Vertheidige dich, Bösewicht.« »Nimm deine Brust

in Acht.« Benalcazar und Soto bemühten sich ebenfalls, die wüthenden

Degen zurückzuhalten, und Luque gelang es endlich, das Duell so lange

aufzuschieben, bis daß sie sich, von der Truppe getrennt, als Ritter

schlugen.

Die Empfindlichkeiten wurden wegen der Uebereinkunft nicht schwächer,

noch verminderte sich die Wuth. Man kam überein, daß Ocollo von

zwanzig, zehn von Pizarro und zehn von Almagro, gewählten Soldaten

bewacht würde, und der Eine wie der Andere befahlen, ihre Pferde zu

schirren, um in den Kampf zu ziehen. Die unglückliche Ocollo weinte

trostlos bei der Betrachtung der Lage ihres großmüthigen Vertheidigers

Almagro, und bekümmert rief sie: »Nein, Almagro, setze dein kostbares

Dasein nicht aus, um meine Qualen zu verziehen; der Tod ist mein

einziger Trost, das Ende meiner Leiden. Lebe, großmüthiger Krieger,

lebe, um Coya anzubeten und um an ihrem Glück zu schaffen.« Es war

nicht mehr Zeit; die Ehre gilt mehr, als das Leben und die Liebe;

Almagro sollte siegen oder besiegt werden.

Schon am Abend neigte sich die Sonne nach Westen hin, als die beiden

von Luque, Soto und Benalcazar und der ganzen spanischen Abtheilung

begleiteten Krieger muthig zum Kampf hinauszogen. In kurzer Entfernung

von Cuzco sollten sich die Klingen kreuzen, und zum ersten Mal genoß

die neue Welt das angenehme Schauspiel, zu sehen, wie sich deren

Eroberer untereinander die Brust zerfleischten, und wie sich zwischen

ihren Uneinigkeiten der Baum ihrer Freiheit und ihrer Unabhängigkeit

erhob. Kaum waren sie bei der Stelle angelangt, wurden die Entfernungen

genommen und die Degen aus der Scheide gezogen: Die blassen Strahlen

der scheidenden Sonne leuchteten trübselig auf den Hinterhalt, die

Helme und die Panzer, und die traurigen Ceremonieen Luques und die

Niedergeschlagenheit der Zuschauer erhöhten das Schauspiel mit dem

ganzen erhabenen Aufwand des Ritterstandes. Auf die Erde niedergeworfen

und die Hände zum Himmel emporgehoben, betete Luque zu dem ewigen Gott,

daß er die erregten Seelen erleuchtete und das Christenthum rettete,

die Kriegshelden aber bereiteten sich von einem Augenblick zum andern

vor, den Kampf zu beginnen. Man erwartete nur noch das Zeichen zum

Angriff; Soto gab das Zeichen, und wie wüthende Tiger stürzten sie

aufeinander los. Vom Sturmwind fortbewegten Mühlenflügeln glichen

die Degen; ihr Widerschein war ein weißliches, nie verschwindendes

Blitzen, und das Krachen der Panzer ähnelte dem Donner am fernen

Horizonte, der sich dumpf zwischen unwegsamem Gebirgslande dahinzieht.

Mit Blitzesschnelle folgten die Schläge aufeinander, und der Muth

und die Geschicklichkeit machten ihre letzten Anstrengungen. Die von

den spitzen Sporen angestachelten Pferde wieherten, weiß geworden

vor dampfendem Schaum, und dem furchtsamen Schauspiele entfliehend,

begrub sich die Sonne in den Bergen und schickte nur einen schwachen

Dämmerschein auf die Erde. Vergebens beabsichtigten die Kämpfenden mit

den blitzenden Waffen, dem Tode einen Weg zu bahnen; die Rechte ließ

ermüdet nach und die Schatten der Nacht dehnten sich am Himmel aus. Die

Zuschauer, welche unbeweglich die Kämpfenden bewundert hatten, gaben

das Zeichen, den Kampf einzustellen, und Luque hob das Kreuz zwischen

den Degen empor. Beim Aufschieben eines Duells verschwand unter Rittern

des sechszehnten Jahrhunderts der Zorn, die Feinde wurden zu Gefährten,

welche bis zur Wiederkehr des Kampfes einander fröhlich bei den

Schmäusen zutranken, und Almagro und Pizarro waren zu höflich und zu

sehr Ritter, um nicht den Einwirkungen ihres Jahrhunderts zu gehorchen;

alle zogen sich nach der Stadt zurück und gaben sich unter dem Lebehoch

der Soldaten den Annehmlichkeiten eines Gastmahles hin.

Ocollo unterdessen bewahrte ihre Seelenruhe in einem bequemen, ihrer

hohen Rangordnung entsprechenden Gefängnisse, ihr Herz aber war von den

grausamsten Qualen bekämpft. In Mitten ihrer Feinde, von den Mördern

Atahulpas umgeben, unter dem Drucke der Erinnerung an Huascar, Coya und

des Rathes, die am Ende frei lebten, Schreckensauftritten beiwohnend,

sehnte sie sich bald darnach, zu sterben um ihre Leiden zu beschließen,

bald war ihr das Leben kostbar, um das Schicksal derer zu sehen, die

sich in die Anden retteten. Almagro verließ sie nicht; nach dem Kampfe

waren seine ersten Sorgen sie zu trösten, und am nächsten Tage sollte

er zu ihrer Vertheidigung wieder zum Duell gehen.

Coya, die Dank der Raschheit ihrer Fußgänger das großmüthige Benehmen

Almagros mit ihrer zärtlichen Freundin erfahren hatte; Coya, welche

wußte, daß das Dasein Almagros und Ocollos zugleich Gefahr liefen,

konnte, ohne auf Kosten irgend welcher Gefahren zur Vertheidigung ihrer

beiden Lieben in die unmittelbare Nähe von Cuzco zu fliegen, nicht

unter den Ihrigen bleiben. Umsonst widersetzte sich der Rath ihren

Plänen, Coya gab mit unwiderstehlichem Zauber zu erkennen, daß sie, von

wenigen und flinken Kriegern begleitet, die Flur von Cuzco befeinden

würde, und der unerschrockene Huascar, der schon vor Blutgier brannte,

billigte den Plan Coyas, indeß er ein neues Heer vorbereitete, um damit

in einen wilden Feldzug zu ziehen.

Die Peruaner hatten auf Kosten von Strömen von Blut die Kriegskunst

der Spanier erlernt und hatten sich mit dem Gewieher der Pferde und

dem Knalle der Kanonen vertraut gemacht. Mit den Gefangenen hatten sie

einige Pferde ergriffen, und Huascar und Coya führten bereits Krieg

auf den Vierfüßlern, welche ihnen so großen Schrecken einflößten. An

der Spitze von tausend Peruanern fiel die verliebte Kriegerin, nicht

nur von dem brennenden Verlangen, ihren Almagro zu sehen, sondern

auch von dem Wunsche getrieben, die Rettung ihrer geliebten Ocollo zu

bewerkstelligen, oder einen ruhmvollen Tod zu finden, über die Fluren

von Cuzco her. Als Almagro erfuhr, daß Coya sich der Stadt näherte,

war das Feuer seiner Liebe bereits unwiderstehlich; in Mitten seines

Taumels glaubte er, daß es einzig ihre Liebe war, welche die Schöne

führte, bald aber sah er andrerseits, daß ein von der Anstrengung der

Eroberer besiegtes, furchtbares Heer floh. Was konnte sich Coya mit

tausend Kriegern mehr versprechen, als eine sichere Niederlage? Huascar

hatte die Spanier, welche besiegt worden waren, eines grausamen Todes

sterben lassen; Pizarro verbreitete Schrecken in Cuzco und im ganzen

Reiche, einzig die schwarze Fahne flatterte an den westlichen Gestaden,

und Coya würde, gefangen genommen, unter Qualen aushauchen. Ocollo

fühlte bereits keine Kraft mehr, ihre Leiden zu ertragen, tausend Mal

zöge sie den Tod dem Unglücke Coyas vor, und Almagro sollte sich immer

noch für sie schlagen.

Die Kriegsmacht, welche Coya anführte, schüchterte Pizarro wenig ein;

eine kurze Truppenabtheilung genügte, um sie zu besiegen; Luque aber,

wie gewohnt vorherzusehen, fürchtete ihren Einfluß auf die Spanier;

mit Schätzen schon zufriedengestellt, erkannte er mit den innern

Zerwürfnissen das Mißliche des spanischen Lagers. Es schien ihm, daß

das, was sich am Besten mit der Sache des Christenthums schickte,

wäre, den ganzen Einfluß des Priesterthums geltend zu machen, um das

Duell der Anführer einige Tage aufzuschieben und so die Einigung

herbeizuführen, darnach zu trachten, daß Ocollo der Liebe Pizarros

nachgeben würde, oder Almagro einen Schlag vorzubereiten, dessen

er sich nicht erwehren könnte. Das war seine Thätigkeit, das war

die Macht, welche der Verweser über die Fanatiker des sechszehnten

Jahrhunderts ausübte, denn er siegte endlich, und das Duell wurde für

zehn Tage aufgeschoben.

Da die Kriegsmacht Coyas keine gebietende war, und sich, damit

begnügend, die nahen Berge zu besetzen und die Auswanderung zu

beschützen, kaum feindselig zeigte, ging man ebensowenig in deren

Verfolgung thätig vor, und nur eine kurze, so viel wie möglich war,

von Almagro lahm gelegte Truppenabtheilung sorgte dafür, daß sie nicht

auf die Fluren herniederstiegen, noch die Mittheilungen hinderten.

Benalcazar befehligte das Detachement; Benalcazar, wiewohl er im

Verborgenen der erste von Almagros Anhängern war, und Coya lief niemals

Gefahr.

Sobald die Nacht ihren schwarzen Schleier ausbreitete, ritt, trotz

des Hasses und dem fortwährenden Mißtrauen, das er seinen Gefährten

einflößte, der verliebte Ritter auf seinem schnellen Pferde in die

Berge, auf der Suche nach seiner Angebeteten. Luques und Pizarros

gewaltthätiger Charakter konnte nicht mehr länger einen Gefährten

dulden, welcher, weit entfernt, bei der Zerstörung der neuen Welt

mitzuwirken, ihre sämmtlichen Pläne durchkreuzte und die Zwietracht

säete: Die Entzweiung war unerläßlich, und Almagro sollte, weil es

sowohl dem Throne als auch der römischen Curie also daran lag, ein

Opfer ihrer Wuth werden.

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel 21.

Staatsklugheit.

Wir werden mit der schnellen Erzählung der Ereignisse einen Augenblick

inne halten, und dabei verweilen müssen, einen flüchtigen Blick auf

das sechszehnte Jahrhundert zu werfen und die politische Lage Europas

zu untersuchen, und folglich auch die politische Lage, worauf die

neuen Festländer gegründet werden sollten, wohin der Ehrgeiz die

Europäer schleuderte. Das große peruanische Reich gehorchte, wie wir

gesehen haben, den Befehlen Pizarros, und hatte als erobertes Land,

und am meisten in jenem unheilvollen Zeitabschnitte, gerade eine

schreckliche militärische Gewaltherrschaft zu erleiden, und nur in den

Unwegsamkeiten der Anden athmete man den balsamischen Duft der Freiheit

und der Unabhängigkeit; aber das geringe in die Berge geflüchtete Heer

konnte keinerlei Hoffnungsstrahl auf sein Vaterland zurückwerfen.

Das Reich der Inkas war unter den siegreichen Fußstapfen Pizarros

verschwunden; Pizarro als Eroberer war das unumschränkte Oberhaupt des

Reiches, und bei der Stimme Pizarros erzitterten die eroberten Gestade.

Wie wir bereits ebenfalls gesehen haben, nahmen bei der Ankunft

Fernandos in Cajamalca mit den achthundert Abenteurern von Panama und

den umliegenden Kolonieen viele von den mit der unermeßlichen Beute

schon Bereicherten ihren Urlaub und kehrten mit Schätzen beladen an

ihren Herd zurück. Die Folgen waren natürlich; der Ehrgeiz mußte

sich durch die zunächst liegenden Festländer in schnelle Bewegung

setzen, und da die Verbindung mit Panama, Darien und den angrenzenden

Kolonieen gesichert war, würden Tausende von neuen Abenteurern nach

dem zerstörten Reiche der Inkas strömen, begierig, ihren Ehrgeiz an

seinen unversiegbaren Quellen des Reichthums zu stillen. So war es in

Wirklichkeit, und alle die nahen Festländer fielen über die Bucht von

San Mateo her; und Cajamalca und Cuzco und alle irgendwie bedeutenden

Ortschaften wurden von neuen Abenteurern verheert, die entweder bald

in die Reihen der Kriegsmacht Pizarros eintraten oder bald wegen

andern weniger ehrlichen Mitteln ihr Thunlichstes zur Beraubung des

Landes beitrugen, doch so, daß ein jeder ein vortheilhaftes Glück

dabei machte. So eröffnete sich denn, aber unter dem Siegel der

Unredlichkeit, der Gewaltthätigkeit und des Raubes, weil es in einem

vom Schwerte und vom Fanatismus beherrschten Lande unmöglich wäre,

an ehrenvolle Handelsbeziehungen zu denken, binnen sehr kurzen Tagen

in der ganzen Ausdehnung der südlichen Gestade ein thätiger Handel.

Verächtliche Manufakturen wurden zu übermäßigen Preisen verkauft, die

köstlichen Früchte Perus wurden mit fünffachem Gewinne exportirt, und

wie ein gehaltreicher Strom floß das Gold und das Silber des üppigen

Inkareiches Europa zu.

Aber so einträgliche Resultate so ein schmählicher Handel auch

darbot, bot sich dem Ehrgeiz eine andere, reichlichere und schnellere

Quelle dar, und das war die Bergwerkskunde. Obschon Pizarro so

vielen erheblichen Ausgrabungen und Ausbeutungen, welche unternommen

wurden, den Stempel königlicher Unternehmungen gab, blieben für die

Arbeitsamkeit und den Gewerbefleiß doch noch große Hülfsquellen übrig.

Die Ströme führten verschiedene Edelsteine mit sich; die Gebirge warfen

in dichte Erdschichten, welche die Menge nicht kannte, eingehüllte

Adern von Gold und Silber wie aus ihrem Schooße heraus, und der

unangebaute Reichthum der neuen Welt erfüllte den Ehrgeiz Aller. Selbst

die königlichen Unternehmungen bedurften, da deren Gewinne wegen des

gänzlichen Mangels an Rechnungsführung und Dazwischenkunft begrenzt

waren, für ihre ungeheuren Arbeiten hundert gewerbsthätiger Arme, und

Pizarro, um den Ehrgeiz der Heeresanführer und nachher den Hof von

Castilien zu befriedigen, gewährte, um sich seinen Günstlingen dankbar

zu erzeigen, vielen Ehrgeizigen, welche auf ihre Rechnung gründliche

Einblicke hätten, Bergwerkspatente, die ihnen allgemein als Resultat

üppige Reichthümer gaben.

Dieser ungeheure Bergwerkszweig erforderte zu den großen Ausgrabungen

gezwungenerweise unendliche körperliche Arme, und hier ist es, wo

sich die Seele entsetzt, die Feder sich sträubt, und kaum die dunklen

Blätter des sechszehnten Jahrhunderts zu durchdringen und seine

Greuelthaten zu beschreiben wagt. Alles wäre dieser unheilvollen

Epoche zu verzeihen, wenn ihre Herabwürdigung nicht so weit ginge, das

Blut der Menschen zu verschachern: Aber die Geschichte aller Nationen

ermächtigte unglückseligerweise die Eroberer von Peru, die Sklaverei

mit allen ihren entsetzlichen Folgen nach jenen jungfräulichen Gestaden

zu bringen. Die Kriegsgefangenen, die Unglücklichen, gegen welche

irgend eine politische oder religiöse Angeberei erlassen wurde, die

Unglücklichen, denen wegen Anklagen irgend welcher Art das Beil des

Scharfrichters oder der Scheiterhaufen des Inquisitionsgerichtes

verzieh, waren als Sklaven erklärt, deren Eigenthum die Kriegsanführer

oder die Verwandten der Mächtigen erwarben, und deren Besitzthum

man durch das Kaufrecht wie irgend eine andere Waare von den einen

Europäern auf die andern übertrug. Die an schwere Ketten gebundenen

unglücklichen Sonnenanbeter wurden zu den Ausgrabungen und zur Führung

der Transporte verwendet, und an ein mildes Klima, und weil der Boden

Perus seine köstlichen Früchte hervorbrachte, ohne daß der Landmann

seinen bittern Schweiß über die Schollen vergoß, auch an leichte Arbeit

gewöhnt, fielen sie, von der Arbeit und der Schärfe einer schwefeligen

Atmosphäre übermannt, in den tiefen Ausgrabungen zu Tausenden erstickt

nieder, und das geringste, mit der Stimme der Empörung geschilderte

Anzeichen von Ungehorsam wurde mit dem Blute von tausend Opfern

bestraft.

Der Feudalismus, welcher in dem barbarischen sechszehnten Jahrhundert

Europa noch beherrschte, schien die Grundlage der ominösen Knechtschaft

Amerikas zu sein; zwischen einem Lehensmann und einem heidnischen

Sklaven war gar kein so großer Unterschied. Ein Christ im sechszehnten

Jahrhundert war ein von der Erde bevorzugtes Wesen, der Lehensherr

jedoch zeichnete ihn wie einen Lieblingshund mit einem eisernen

Halsband aus; ein Götzendiener der Sonne war ein im Himmel und auf

Erden verfluchtes, verabscheuungswürdiges Geschöpf, ein ekelhafter

Aussatz. Was konnte er im sechszehnten Jahrhundert von seinen Siegern

mehr erwarten, als Ketten, Schmach und Knechtschaft? In Peru hatte der

Herr das Recht über Leben und Tod seiner Sklaven, das Recht, den Vater

aus den zarten Armen seiner Kinder zu reißen, das Recht, die Gattin

von dem keuschen Lager des Gatten hinwegzuführen; und das Blut der

unschuldigen Sonnenanbeter war der erste Handelsartikel der Europäer.

Oh! daß sich das Gedächtniß jener Schreckensauftritte nimmermehr

erinnerte!!

Ganze, in Knechtschaft geborene Familien und Kinder hielten sich für

glücklich, die Ketten nachzuschleppen, wenn sie sich wenigstens der

väterlichen Zärtlichkeit und Liebkosungen erfreuen durften; aber

kaum ergoß die Sonne ihr Licht über die Erde, als sich der Horizont

für jene Opfer mit dem Schatten der Hölle färbte. Der rüstige Vater

verließ träge das Lager der Gattin und der Pfänder seiner Liebe, um an

die Arbeit zu gehen, bei der er vielleicht an jenem Tage sein Leben

aushauchte; vielleicht streichelte ihn das zarte Kind mit seinen

unschuldigen Händchen, und der Vater benetzte sie mit Thränen der

Trostlosigkeit, wenn die unerbittliche Peitsche des Herrn auf seine

Schultern niederfiel und ihn seiner Wonne benahm. Hier sah die Gattin

den Europäer den Preis des Gatten merken, und ihn aus ihren Armen

entreißend, ihn fortschleppen, um in der weiten Welt zu sterben;

dort schaute der gefühlvolle Vater in einem blassen Metalle das Blut

seines zarten Sohnes, und gab, wenn ihn der Europäer seinen Armen

entriß, damit er in entlegenen Himmelsstrichen die Ketten der Schmach

schleppte, vor Schmerz den Geist auf. Ah! wie viele Unglückliche

stürzten sich hinter den Schiffen her, welche ihre süßen Lieben

entführten, in die Wogen! Wie viele gaben sich, in Verwünschungen wider

den Herrn ausbrechend, die Augen zum Himmel gewandt, einen gewaltsamen

Tod! Wie viele waren in Todesängsten ein Opfer des Schmerzes, den sie

in ihrer Brust erstickten! Genug, genug, mehr nicht, werfen wir einen

dichten Schleier über so großen Schrecken und so große Schmach.

Die Eroberung von Peru · 第 12 / 17 段