Gebirge die Stadt betrat und der Kapitän Soto mit zwanzig Mann auf
Pizarros Befehl seiner wartete, um ihn gefangen zu nehmen. So sehr
Almagro überrascht war, setzte er dem Befehle seines Vorgesetzten
nicht den geringsten Widerstand entgegen; als guter Soldat achtete
er die Unterwürfigkeit und Mannszucht, und folgte Soto, der ihn nach
dem Palaste des Statthalters führte, wo der versammelte Kriegsrath
bereits seiner wartete. Ein geräumiger, düsterer Saal war der Ort,
wo die Richter sich versammelten; Pizarro war Vorsitzender im Rathe
und Luque wohnte als Priester für die religiösen Anklagen ebenfalls
bei. Dahin wurde Almagro mit den Feierlichkeiten eines Verbrechers
gebracht, aber sein Antlitz und sein Herz waren ruhig, obschon seine
Seele überrascht war. Kaum erschien er in der Versammlung, las ihm der
Staatsanwalt die Anklageschrift, als Verschwörer gegen sein Vaterland,
wegen seiner fortgesetzten Mittheilungen mit dem feindlichen Lager und
als Abtrünniger des Christenthums, wegen unerlaubten Umgangs mit einer
Götzendienerin, vor. Voller Majestät brachte Almagro mit der Kraft
und dem Nachdruck, die ihm seine Unschuld eingab, seine Vertheidigung
vor, er erinnerte die Richter an die Thaten der Tapferkeit und
die Aufopferungen, welche er seinem Vaterlande anrechnete, an die
Anstrengungen, die er für die Eroberung jenes Reiches herzählte,
und verneinte unter wüthendem Drohen den unerlaubten Umgang, dessen
er bezichtigt wurde. »Coya ist ein Schatz von Tugend,« wiederholte
er ihnen, »und Almagro achtet ihre Tugend, wie auch ihr sie achten
dürftet.« Alles war umsonst, das Urtheil war, ehe sich der Rath
versammelte, vorgeschrieben, und Almagro sollte zum Tode verurtheilt
werden. Luque konnte lange Zeit hindurch den Haß, der in seinem
Herzen brannte, nicht verbergen, und mit der Sprache, welche ihm sein
grausamer Fanatismus einflößte, beschuldigte er ihn auf’s Härteste
und Ungerechteste, und bat, daß er als gottlos verbrannt werde. Der
Zweck der Rathsversammlung beschränkte sich jedoch darauf, daß Almagro
zu leben aufhörte, und er wurde endlich verurtheilt, als Soldat,
erschossen zu werden.
Trotz aller Tapferkeit und aller Ruhe Almagros konnte ein so
unerwarteter Schlag nicht umhin, ihn zu überraschen, und seine
entwaffnete Rechte erzitterte. Er verwahrte sich thatkräftig gegen
die Gewaltthätigkeit, aber entwaffnet und von Degen umgeben, fand er
im Ungehorsam nur Schande und Tod. Andrerseits hatten seine Gegner
alle nöthigen Vorsichtsmaßregeln getroffen, um ihn bis zum Richtplatz
zu schleppen, ohne daß ihn ein einziges Schwert vertheidigt hätte.
Benalcazar und einige andere seiner Ergebenen waren außerhalb der
Stadt und auf dem Lande oder in den Provinzen zerstreut, und ein tiefes
Stillschweigen besiegelte die Gefangennahme und die Verurtheilung
des Kriegers. In jener selben Nacht sollte er den geistlichen
Zuspruch empfangen, um beim Anbruch des Tages seinen letzten Seufzer
auszuhauchen. Kein Mensch durchdrang das Geheimniß; die Richter
bewahrten ein tiefes Schweigen, und das Grab that sich für den
großmüthigen Almagro auf.... »Coya ... Coya....« wiederholte er
einzig bei seinen Seufzern, »barbarische Henkersknechte entreißen mich
deinen Armen, du wirst meinen Tod nicht überleben, schnell werden wir
uns in den Wohnungen der Gerechten wiedersehen.«
Ocollo beherrschte das Herz Pizarros, und bald, weil es bei der, die
man anbetet, keine Geheimnisse giebt, oder bald, damit sie, nachdem
er ihren Vertheidiger ermordet hatte, ihn nicht beschuldigte, sagte
er zu ihr, wie wenn er das Schicksal Almagros bedauerte, daß er zum
Tode verurtheilt sei und daß er bei Tagesanbruch erschossen werden
sollte. Ocollo, welche das Dasein des Großmüthigen so nahe bedroht
sah; Ocollo, welche eine tiefe Dankbarkeit empfand, warf sich zu Füßen
Pizarros nieder, benetzte sie mit tausend heißen Thränen und brachte
den Statthalter in den größten Widerstreit; aber er versicherte ihr,
daß er nicht den geringsten Antheil an seinem Urtheilspruche gehabt
habe, daß die Richter unerbittlich und die Vergehen Almagros ungeheuer
seien; er betheuerte ihr endlich, daß er ihn nicht retten konnte, und
zeigte sich unbeugsam. Die Unglückliche erlangte weder Erlaubniß, nach
dem Gefängniß zu gehen, den Verurtheilten zu trösten, noch fand sie in
ihrer Einsamkeit Hülfsquellen, um ihm ihre Dankbarkeit zu zeigen und
ihn zu retten: Sie seufzte trostlos, sie war ein Opfer des tiefsten
Schmerzes, inzwischen aber verflog stillschweigend die Nacht, und
Almagro sollte um die Morgenröthe das Blutgerüst besteigen.
Dem Kriegshelden wurde von einem Geistlichen beigestanden, der ihn
unter traurigen Bräuchen auf den Tod vorbereitete, und ruhig erfüllte
Almagro die christlichen Pflichten. Das Bild Coyas kam ihm keinen
Augenblick aus dem Sinne, und in den letzten Augenblicken schrieb er
ihr, um sie zu trösten: »Entsetzliche Bösewichte schleppen mich zum
Schaffot, und ich sterbe, deine Liebe athmend, Coya verehrend: Mein
Gewissen ist ruhig; obschon einer der Eindringlinge deines Vaterlandes,
sterbe ich mit dem Troste, daß sich kein Peruaner meines Namens mit
Schrecken erinnern wird. Lebe wohl, angebetete Coya, liebe den Gott
der Christen, und in den Wohnungen der Gerechten werden wir uns wieder
unsere Arme ausstrecken. Lebe wohl, ich bete dich an, ich bin deiner
Liebe zum Opfer gebracht; aber ich liebe dich bis an das Grab«. Nachdem
Almagro seine Schulden gebeichtet hatte, empfing er das Abendmahl,
und bereitete sich mit der ganzen Ruhe einer großen Seele vor, zum
Blutgerüst zu gehen.
Noch brach der neue Tag nicht an, als schon einige spanische
Reiterschaaren ohne kriegerische Instrumente hinauszogen, um das
Viereck zu bilden, wo der edle Krieger aushauchen sollte. Soto und
andere vom Statthalter in’s Vertrauen gezogene Offiziere befehligten
das Geleite; Benalcazar und die hauptsächlichsten Ergebenen Almagros
waren außerhalb der Stadt, und das Volk wußte nichts von dem grausamen
Urtheil. So groß war die Dunkelheit und die Schnelligkeit, mit der es
verhängt wurde! Todtenstille lag über Cuzco und der Flur; und unter
Nacht und Grausen brach die Morgenröthe hervor, und die Ruhe schien
verbürgt. Schon erschien das Opfer unter starker Bedeckung, und von
dem grausamen Schauspiel fliehend, verbarg sich die Sonne hinter
schweren Wolkenstreifen, die Erde in dichte Finsterniß versunken
zurücklassend. Der Statthalter hielt es für gerathen, der Hinrichtung
nicht persönlich beizuwohnen, und er anempfahl sie Soto; und von
Priestern umgeben, ohne daß man ihm gestattete, seine Stimme an seine
Gefährten zu richten, stimmte Almagro bereits mit Inbrunst die ersten
Worte des Credo an, und der Tod streckte seine Krallen nach ihm aus,
als wie ein vom Himmel herabgestürzter Strom Coya mit tausend Kriegern
über die barbarischen Henkersknechte herfiel.
Die Spanier schliefen im Vertrauen, die Ueberraschung war schrecklich;
Coya, um ihren Abgott zu retten, war ein rasender Sturmwind; Pizarro
fehlte an der Spitze seiner Gefährten; die Spanier geriethen in
Unordnung und Coya entriß ihren geliebten Almagro aus deren Krallen.
Von den Priestern, welche ihn am nächsten umstanden, waren viele ein
Opfer der Tapferkeit der Peruaner, und obschon ihnen der wilde Soto
eine große Niederlage beibrachte, waren ebenfalls viele Spanier Opfer
auf dem Felde der Ueberraschung. Die Bewegung theilte sich der Stadt
mit; mit Blitzesschnelle flog der Statthalter an den Ort der Gefahr, es
war aber bereits spät, Almagro und Coya entkamen auf schnellen Pferden,
und die Peruaner begruben sich von Neuem zwischen den Unwegsamkeiten
des Gebirges.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 23.
Die Anden.
Coyas Ueberraschung und die Rettung Almagros erfüllte, weil kein
Mensch sich so ein außergewöhnliches Ereigniß genügend erklären
konnte, Luque, Pizarro und alle Eindringlinge, und insbesondere die
militärischen Oberhäupter, welche den Kriegsrath gebildet hatten, mit
Schrecken und Bewunderung. Eine zahlreiche unter dem Befehl Benalcazars
stehende Sondertruppe beobachtete, wie wir bereits angegeben haben, die
Abtheilung Coyas und lähmte und verunmöglichte alle ihre Bewegungen;
und die Gefangennahme, Verurtheilung und Hinrichtung Almagros war mit
so großer Schnelligkeit und so undurchdringlichem Geheimniß gehandhabt
worden, daß es kein Mensch in der Stadt erfahren hatte und noch weniger
auf dem Lande hätte erfahren können.
Die schöne Ocollo, welche Almagro so viel verdankte, und in deren
Busen die reinste Dankbarkeit glühte, benachrichtigte, da sie ihre
Bitten und ihre Thränen zu Füßen Pizarros nutzlos sah, durch einen
ihrer allervertrautesten Fußgänger, einen schnellen Indianer, sogar
in jenen ängstlichen Augenblicken Coya; sinnberaubt und taumelnd,
stürzte sich Coya in die Gefahr, weil ihre größte Qual gewesen wäre,
ihren Angebeteten zu überleben. Benalcazar, der erste Freund und
Parteigenosse Almagros, schon früher im Einverständnisse mit Coya,
schwur, um seinem Freunde zu gefallen, weit entfernt, die Bewegungen
der Peruanerin zu lähmen, mit ihr den Helden zu retten, und nachdem
alle von Benalcazar befehligten Streitkräfte beisammen waren, fielen
sie über das Viereck her, worauf der großmüthige Geliebte jeden
Augenblick so unmenschlicherweise hingeopfert werden sollte.
Die Rathsmitglieder, die einzigen Personen, welche mit in das Geheimniß
gezogen waren, schienen die einzigen Verantwortlichen zu sein, es
gebrochen zu haben, und sehnlichst suchte man den Meineidigen, damit
er eine exemplarische Strafe erlitte, aber kein Mensch wagte den
Statthalter zu beschuldigen. Pizarro jedoch in seinem Gewissen,
zweifelte an Ocollo, da aber sein Herz von der Peruanerin beherrscht
und unterjocht war, beruhigte er es, sich ihrer Reize bedienend, gar
bald.
Ihre Streitkräfte wieder ordentlich zusammenfaltend, zogen sich
Almagro, Coya und Benalcazar in die uneinnehmbaren Gebirge zurück,
und bereits fern von der Gefahr, fingen sie an den süßesten Trost
zu fühlen, der sich wie beim Abschütteln eines düstern Traumes über
den Sterblichen ergießt. Erstaunt sahen sie gerührt einander an und
zweifelten noch, ob der Schrecken, der sie so nahe bedroht hatte, eine
fantastische Einbildung wäre; aber endlich wieder ruhiger geworden,
schwor Almagro seinen grausamen Peinigern ewigen Haß, und Coya ermahnte
ihn zur Rache, und Benalcazar bot ihm großmüthig seinen tapfern Degen
an. Coya berichtete ihm die Art und Weise, womit ihr Ocollo die
Mittheilung machte, daß er ohne Ocollo nicht am Leben wäre, daß Ocollo
Pizarro nicht liebte; daß seine Wohlthäterin und ihr Vaterland gerettet
werden mußte, daß gekämpft und immer wieder gekämpft und die Freiheit
Perus ausgerufen werden mußte, wenn sie sich der Liebe, welche die
Götter in ihrem Herzen entzündet hatten, ruhig erfreuen sollten.
Trotz so vieler Unziemlichkeiten, die er von seinen Gefährten empfing,
trotz den Greuelthaten, die in der neuen Welt begangen wurden und die
seinem Herzen so zuwider waren, liebte Almagro sein Vaterland und die
Spanier, und bereitwillig gäbe er sein Dasein für sie her; als er
aber das treulose Urtheil sah, als er sah, daß sein Blut ebenfalls
den verzehrenden Durst sättigen sollte, der in den Eindringlingen der
neuen Welt brannte, war seine Seele nur noch für das Rachegeschrei
empfindlich, sein Verlangen, seinen Degen in der Brust Pizarros zu
begraben, und sein ganzes Glück, die Spanier aus dem Vaterlande seiner
Coya zu werfen, um ruhig seine Liebe zu genießen. Kaum sahen sich
die süßen Geliebten in dem Gebirge, dachten sie nur noch daran, die
Krieger, welche Coya folgten, geordnet dem Befehle Benalcazars zu
überlassen, und auf verborgenen und schwierigen Wegen marschirten sie
nach den Anden, um sich Huascar vorzustellen, und an den Feldzugsplan
zu denken. In kurzen Tagen gelangten sie dahin, sich mit dem Nachfolger
der Inkas zu vereinigen, und es wäre unmöglich, die Ueberraschung des
Monarchen zu schildern, als er Almagro in seinem Lager sah, und ihm den
süßen Namen eines Freundes gab. Von jenem Augenblicke an hielt er den
Sieg für sich, und die Ankunft Almagros wurde mit größerem Gepränge
gefeiert als die Krönung eines Inkas. Der tapfere, edle und großmüthige
Huascar kannte die Kriegskunst immer noch nicht, um sich in’s Feld zu
wagen; Almagro war unter den Peruanern wegen seiner Tapferkeit und
seiner militärischen Erfahrenheit wohl bekannt, und Almagro mußte die
Zielscheibe aller Hoffnungen sein.
Obschon die Peruaner sich lange Zeit mit den Spaniern geschlagen
hatten, hatten sie ihre Waffen und noch weniger ihre Strategie nicht
begriffen, und obgleich sie die Pferde und die Artillerie nicht mehr
mit so großem Schrecken ansahen, waren sie dessenungeachtet in dem
Augenblicke besiegt, da sie sich auf dem Schlachtfelde zeigten. Almagro
wurde feierlich und ausführlich von Huascar ermächtigt, mit allen
möglichen Mitteln die nöthigen Vorbereitungen zu einer entscheidenden
Schlacht zu treffen, in welcher entweder Peru auf immer die Ketten
schleppte, oder das Lied der Freiheit anstimmen konnte; und Almagro
fing mit der ganzen Schnelligkeit, die ihm seine Rachgier eingab, zu
handeln an.
In Mitten der Gewaltherrschaft, mit der Pizarro und Luque Peru
heimsuchten, war es unerläßlich, daß die Peruaner tausend Mal vorzögen,
in den Tod zu gehen, als das grausame und schimpfliche Joch ihrer
Knechtschaft zu ertragen; und sogar aus den entferntesten Provinzen
des Reiches wanderten trotz der spanischen Truppen, welche das Gebirge
umgaben oder die Mittheilungen verunmöglichten, Unglückliche nach den
Anden aus, um sich unter die Fahnen einreihen zu lassen. Arme waren
genügend vorhanden, es bedurfte nur der Betriebsamkeit und Leitung.
Von dem Augenblicke an dachte Almagro an die Befestigung des beinahe
unüberwindlichen Bollwerks, das ihm die Natur in den Anden darbot; an
die Herstellung von Hieb- und Feuerwaffen und an die Unterweisung der
Krieger. In wenigen Monaten wurden Gewehre und Feldstücke verfertigt,
die Peruaner mit der Handhabung der europäischen Waffen vertraut
gemacht und die strenge Mannszucht verdoppelt, welche zum Siege führt.
Almagro arbeitete unermüdlich Tag und Nacht; er hielt die Peruaner in
steter Thätigkeit; aus Allem zog er Hülfsquellen, und zu Allem wurde
er durch die Blicke seiner Coya aufgemuntert. Die Anden liehen ihm
in ihrem Schooße so viele Hülfsmittel, als er zu den Verarbeitungen
bedurfte; die reichsten und überflüssigsten kleinen Pfützen warfen
für sich allein das Eisen, den Schwefel und aller Art von Metallen
aus, und die Gipfel der Berge schienen die Stätte Vulkans zu sein.
Huascar seinerseits, der sich der Liebe der Peruaner erfreute, hielt
die sicherste Kundschaft; thätige Werber, welche der Wachsamkeit der
Staatsbeamten entwischend, die schmeichelhaftesten Hoffnungen unter
die unglücklichen Sklaven verbreiteten, durchzogen alle Provinzen,
und belebten die Auswanderung nach dem Gebirge, und im ganzen Reiche
gährte ein heftiges und verborgenes Feuer, das dem Scharfblick des
Statthalters und aller Eindringlinge entging, das aber eines Tages wie
ein rasender Vulkan losbrechen sollte.
Almagro war die Triebfeder aller Unternehmungen und das Bollwerk
der Freiheit Perus; aber Almagro war ein Christ und Fanatiker des
sechszehnten Jahrhunderts, und lebte unter Götzendienern, und dies war
ein unüberwindliches Hinderniß. Freilich hatten ihn seine Tugenden im
ganzen Reiche verehrt gemacht, und ein tugendhaftes Wesen empfiehlt die
Religion, die es verehrt, für sich allein; aber die Christen hatten das
Land mit Blut überschwemmt, und mit Schrecken sahen dessen unschuldigen
Bewohner die Religion, welche zerstörerische Menschen zu Anhängern
zählte. Sich seiner Stellung und seines Ansehens bedienend, dachte
Almagro daran, Proselyten im Gebirge zu machen: Seine erste Sorge war
eine Klause zu erbauen, worin er so viel als möglich dem wahrhaftigen
Gott Anbetung erwies, und er machte, daß Coya ihn bei allen frommen
Handlungen begleitete, und machte endlich bekannt, daß Coya das
Christenthum umarmt hatte. Weder Huascar noch die Peruaner konnten sich
diesem Betragen widersetzen, noch Coya anklagen; Almagro war mit ihren
Interessen verschmolzen; Almagro war ihre Zukunft und ihre Hoffnung;
sie vermochten seinen Wünschen selbst im Allergeringsten nicht zu
widersprechen; Almagro setzte sie mit seinen Tugenden in Erstaunen,
und auf dem Gipfel der Anden gab es eine Klause Christi’s und einen
Sonnentempel. Las-Casas, ein ehrwürdiger, christlicher Priester,
durch sein Wissen wie durch seine Tugenden gleich ausgezeichnet, litt
grausame Verfolgungen von seinen Gefährten, weil er sich ihren Plänen
der Zerstörung widersetzte, und von derselben Gemüthsart wie Almagro,
vereinigte sie die innigste Freundschaft. Der Krieger konnte ihm
heimlicherweise eine Nachricht hinterbringen, indem er ihm versicherte,
daß es für das Christenthum von der größten Wichtigkeit sei, daß er
an seiner Seite stände im Gebirge, und Las-Casas zweifelte keinen
Augenblick; er flüchtete sich in die Anden, und die Klause Almagros
hatte den ehrwürdigsten Priester. Von jenem Augenblick an dachte
man mit Inbrunst an die Verkündigung des Christenthums; Almagro und
Las-Casas waren die Vorbilder der reinsten Tugenden; weit entfernt von
Dolch und Scheiterhaufen, waren das Beispiel und die Ueberzeugung ihre
Waffen. Täglich predigte der ehrwürdige Las-Casas in seiner Klause
über die Unsterblichkeit der Seele, die Reinheit der Religion Jesus,
die ewige Belohnung der Tugenden, und über die ewige Bestrafung der
Vergehen jener Handlungen, welche dem Bereiche der bürgerlichen Gesetze
entgingen. Er schilderte einen gerechten die Gewissen beherrschenden
Gott der Wahrheit, aber nur in seinen Privatansprachen trat er auf die
Auslegung der Wunder und Mysterien ein, er wollte nicht von begrenzten
Verstandeskräften riesenhafte Anstrengungen fordern, und unmerklich
bereiteten sich die Gemüther zur Annahme des Christenthums vor.
Der erste Neubekehrte, um den sich die Christen bemühten, war, als Inka
und Herrscher des Reiches, Huascar; aber trotz der Verehrung, welche er
für Almagro und den Priester hatte, hielt er sich für einen Sohn der
Sonne, und war wenig geneigt, den Glauben seiner Väter zu verlassen:
Andrerseits sah er, daß ein übereilter Schritt die Liebe seiner
Unterthanen in Abscheu vertauschen könnte, und Huascar betete trotz
der Bekehrung Coyas und den Ermahnungen der Christen die Sonne an; sie
erlangten aber endlich, daß er seinen Unterthanen vollständige Freiheit
gewährte, den Cultus zu bekennen, den ihnen ihre Vernunft vorschrieb,
und viele empfingen, nicht aus Furcht, sondern aus Ueberzeugung
getrieben, das Wasser der Taufe.
In Vericochas, wie in allen Sonnenpriestern, brannte unauslöschlich
das Feuer des Fanatismus, das gemeiniglich die Herzen der Diener aller
Religionen verzehrt. Der Sonnencultus ergoß freilich die Erhabenheit
und die Lieblichkeit seiner Glaubenslehren in die Seelen, aber
dessen Priester trieben ihre Tugend nicht bis zur Duldung, andere
Glaubenslehren noch andere Culte möglich zu finden; mit Entrüstung
sahen sie die in den Anden erbaute christliche Klause, und verbreiteten
unter die Peruaner die Besorgnisse, welche ihre Einbildung aufregte,
wenn sie den Gott des Tages erzürnt glaubten. Als Vericochas die
Bekehrung Coyas erfuhr, als er sich davon überzeugte, daß es unmöglich
war zu verhüten, daß Almagro das Christenthum ausbreitete, und
Las-Casas das Evangelium predigte, als er die Neubekehrten gewahrte,
die sie machten, und endlich selbst Huascar schwanken sah, bemächtigte
sich seines Herzens eine düstere Traurigkeit, und unablässig, in
Thränen versunken, vor dem Sinnbilde der Sonne knieend, bat er seinen
Gott, dem Reiche sein wohlthätiges Feuer und sein belebendes Licht
nicht zu versagen. Seine Thränen und seine tiefe Schwermuth zehrten
sein Leben sichtlich auf, und in Kürze bezahlte er der Natur seinen
Tribut. Sein Tod wurde, wie man den Tod des Gerechten beweinen soll,
durch das ganze Reich beweint; bei seinem Begräbniß entfaltete man die
ganze Herrlichkeit des Cultus, und seine Büste wurde im Tempel zwischen
den Bildnissen der Schutzgötter Perus beigesetzt.
Inzwischen betrieb man die Vorbereitungen zum Kriege mit erstaunlicher
Schnelligkeit; die in das Gebirge Geflüchteten beliefen sich auf
zwanzig Tausend Mann, von denen die einen die Nahrungsmittel besorgten,
die andern sich in der Handhabung der Waffen ausbildeten, andere
unermüdlich in den Gießereien arbeiteten, und Alle sich, immer
unter der Leitung des thätigen und arbeitsamen Almagros, bei den
verschiedenen Arbeiten ablösten. Ah! die Gipfel der Anden gewährten
bereits das Bild der Wiedergeburt der neuen Welt.
Pizarro und Luque fuhren in ihrem Schreckenssystem, das sie über alle
Provinzen ausbreiteten, in Cuzco fort; die rohe Militärgewaltherrschaft
führte Tausende von Opfern zum Blutgerüst, und die ewig brennenden
Scheiterhaufen der Inquisition gaben der Luft in dichten Rauchsäulen
die Glieder der Unglücklichen, welche der Götzendienerei angeklagt
waren. Die ominöseste Knechtschaft führte Tausende von Unglücklichen
in die harte Sklaverei, und ihre tiefen, mit dem Freudengeschrei
der Eindringlinge vermischten Seufzer hörte man einzig im Reiche
an. Der Metropole war das politische und religiöse Betragen des
Statthalters und der Priester wohl bewußt, aber trotz der Gründung
legaler Körperschaften athmeten die Gesetze den gleichen Schrecken und
menschliche Entwürdigung, und deren Vollziehung man Pizarro und Luque
anvertraute. Das ganze staatliche und religiöse System der Metropole
beruhte auf der Entziehung von Schätzen der neuen Welt, und darin,
dem Christenthum Neubekehrte zuzuführen; über die Folgen einer so
ungeheuerlichen Politik sah man hinweg, und Pizarro und Luque empfingen
vom Hofe von Madrid beständig Beifallsbezeigungen, und Machtentfaltung,
um als Herrscher und Despoten zu handeln.
Einen so sonderbaren Gegensatz bildete die Verwaltung Pizarros und
Luques mit derjenigen Almagros und Las-Casas. Bei der einen war Alles
Milde, Ueberzeugung und Tugend; bei der andern Tod, Gewaltherrschaft
und Schwelgerei. Und es waren Alle Christen! So sehr wechseln, je
nach der Faser eines jeden Gläubigen, die religiösen Sekten ab!
Die christliche Religion in der neuen Welt war den Peruanern ein
unerklärliches Räthsel; abscheulich im Munde Luques, und verehrt im
Munde Las-Casas; die Herrschaft der Spanier bildete unter dem Reiche
Almagros das Glück Perus, unter dem Reiche Pizarros war sie seine
Zerstörung und sein Untergang; ohne Despotismus hätte die Metropole
jene unermeßlichen Kolonieen Jahrhunderte lang behalten, aber mit ihrer
traurigen Politik konnte sie, das Blut von vierzig Tausend Spaniern
verlierend, während der Dauer ihrer kurzen Herrschaft kaum die Schätze
zurückzahlen, die sie ihr kosteten.
Das war die Thätigkeit für die Kriegsvorbereitungen in den Anden,
und das die Hoffnungen, die sich in den Provinzen verbreiteten, die
trotz dem Vertrauen, in welchem der Statthalter schlief, nichts desto
weniger seine Aufmerksamkeit nach den Bergen hinlenkte. Alsbald
setzte er voraus, daß Almagro an der Spitze jenes Aufstandes sein
mußte, aber niemals glaubte er, daß er auf so gewaltige Hülfsquellen
rechnete. Pizarro war nicht Staatsmann genug, um die Macht eines
Helden zu berechnen, der bei einem geknechteten Volke die Fahne der
Freiheit erhebt! Mit dreihundert Mann zog der Kapitän Soto aus, die
Aufständischen anzugreifen, und der Statthalter in Cuzco gab sich
inzwischen den verstellten Liebkosungen Ocollos hin, und überließ sogar
die Zügel der Regierung Luque und der Geistlichkeit.