verrathen doch noch deine Liebe. Liebst du mich noch?« »Undankbarer!«
»Nein, Coya, ich liebe dich so sehr wie die Morgenluft, so sehr wie den
Glanz der Morgenröthe, so sehr wie meinen Gott!« Unfreiwillige Thränen
quollen an den Wangen der beiden Liebenden herab und tiefe Seufzer
unterbrachen ihre Worte. »Oh! Almagro! Denke an jene einsame Nacht, an
jenen klaren Bach, wo ich den Glauben meiner Vorfahren verließ, wo ich,
das Wasser der Taufe empfangend, an meinem Gotte meineidig wurde....
Ich betete Jesus an, nicht daß ich ihn kannte, sondern weil er der Gott
meines Almagros war; mein Verbrechen ist, in Finsterniß und in ewigem
Geheimniß begraben, in der Tiefe meines Herzens geblieben; aber beim
Niederknieen vor den Altären der Sonne haben dunkle Gewissensbisse
meine Seele zerrissen und nur die Erinnerung an Almagro tröstete mich
in meinem Wahnwitz.... Undankbarer, und du wirst in das Lager der
Deinen zurückkehren, und du wirst das Vaterland deiner Coya verheeren,
und vielleicht auf meinem Grabe sitzend, wird dir mein Gedächtniß
nicht eine Thräne, nicht einen Seufzer gelten!« »Ach, Coya! Deinen
Namen wiederholend, deinen Namen anbetend, deine Schönheit preisend,
deinem Gedächtniß tausend Thränen weihend, habe ich hundert Mal die
Sonne in den Abgründen der Erde untergehen und ebenso manchmal von den
Tiefen des Meeres aufgehen sehen. Die Hoffnung, dich zu sehen, dich zu
sprechen, dir meine Liebe zu schwören, hat mein Dasein erhalten und hat
mich in den Kämpfen unbesiegbar gemacht.« »Und bereitest du dich etwa
schon vor, mir den letzten Abschiedsgruß zu geben.« »Ich werde dich
in dichten Wäldern, unter den Pfeilen deiner Krieger, auf unbekannten
Meeren suchen.« »Unter den Trümmern meines Vaterlandes, zwischen den
Leichen der Peruaner wirst du mich wohl im Blute schwimmend suchen.«
Vielleicht würde ihr Almagro bei seinem Gott geschworen haben, seine
Gefährten zu verlassen und seinen Degen für die Unabhängigkeit Perus
zu schwingen, wenn die schöne, in Trauer gekleidete Ocollo, mit
der Traurigkeit und dem Schmerze in ihrer Miene, Almagro suchend,
unter einem zahlreichen Volke nicht ebenfalls im Palaste Coyas
angekommen wäre. »Du, der du gefühlvoll bist, Krieger, wirst den
Wahnwitz einer Unglücklichen verzeihen, welche deine Gefährten zur
Wittwenschaft und zu den Thränen verdammten. Sind die Ueberreste des
unglücklichen Atahulpas, seine Asche, noch in eurem Lager vorhanden?
Wenn sie noch da sind, Sohn der Sonne, bitte ich darum, gieb mir
einen so unaussprechlichen Schatz zurück, damit ich sie alle Tage
mit meinen Thränen benetze.« »Ah! unglückliche Ocollo, sie wurden in
den Wind gestreut, er starb als ein Götzendiener.« »Er starb als ein
Tugendhafter.« »Ich war nicht verbrecherisch.« »Die Geschichte wird
das Verbrechen bekannt machen, die entfernten Geschlechter werden seine
Mörder hassen.« »Tröste deine Thränen, göttliche Ocollo, denke nur an
die Glückseligkeit deines Vaterlandes; deine Schönheit und deine Reize
vermögen mehr als die zahlreichen Heere.« »Ich kann meinem betrübten
Vaterlande nur das unfruchtbare Opfer meiner Thränen anbieten.« »Nein,
Ocollo, du kannst es vor seinem Untergange retten, du kannst die
Ketten der Sklaven zerbrechen, du kannst den Eroberer deines Reiches
überwinden. Pizarro liebt dich rasend, deine Blicke sind in sein Herz
gedrungen und haben in ihm einen schrecklichen Vulkan entzündet, du
weißt es, er hat dir das Geheimniß enthüllt, du kannst ihn lieben....«
»Den Mörder Atahulpas!« »Das Wohl Perus befiehlt es.« »Ein Opfer, das
meine Kräfte übersteigt, der Schatten Atahulpas, welcher Schrecken!...«
Almagro, der Pizarros ungestümen Charakter und die Liebe, die in
dessen Herzen glühte, kannte, sah, als er die feste Entschlossenheit
der Schönen gewahrte, die traurigsten Schicksale in der Zukunft der
neuen Welt voraus. Beredte Blicke auf seine Coya heftend, »gehen wir,«
sagte er zu ihr, »der Rath wird das Schicksal des Reiches bereits
entschieden haben.« Unter glänzender Begleitung zogen Ocollo, Coya und
Almagro in der größten Besorgniß nach der Rathsversammlung. Die Räthe
hatten bereits berathschlagt und überreichten dem Boten den Frieden.
»Wenn deine Gefährten,« rief Huascar aus, »den Frieden wollen, sind sie
ihrer Tapferkeit und der Macht ihres großen Herrschers würdig; wenn sie
aber unsere Vorschläge verweigern, hoffet nicht auf die Demüthigung
der Peruaner, ihre Gesetze und ihre Tempel aufrecht haltend, werden
sie rühmlich unter den Trümmern des Reiches begraben werden. Von dem
unglückseligen Augenblick an, in dem sie diesen Boden betraten, sind
wir die Opfer unserer Unschuld gewesen, und wir wollen, wenn uns nicht
Gewährleistungen geboten werden, uns nicht von Neuem auf Treu und
Glauben hingeben.«
Almagro brach aus: »Ich bin der Beauftragte, den Frieden zu
unterhandeln: Meine Gefährten werden ihren Schwur nicht verfehlen. Es
ist schwierig, euch zufriedenstellende Bürgschaft zu geben; aber wenn
sie die Vorschriften unserer heiligen Religion nicht hören wollen,
schwöre ich euch bei Jesus Christus, daß ich ihre Reihen verlassen, daß
ich an eurer Seite kämpfen werde; ich habe ebenfalls Anhänger in meinem
Lager, die vielleicht den Krieg blosstellen würden.«
»Deine Tugenden haben das Zutrauen des Reiches verdient,« erwiderte
Huascar; »mit dir wäre der Sieg unser: So höre denn das Abkommen.«
1. Die Tempel und Gesetze Perus sind frei und nur die Peruaner können
ihre politischen und religiösen Gesetze wieder einsetzen oder abändern.
2. Die Spanier leben unter dem Reiche der Gesetze ihres Herrschers und
der freien Ausübung ihres Cultus.
3. Die Spanier können ihre Religion verkünden, indem sie sich, um zu
ihrem Glauben zu bekehren, dabei der Ueberzeugung bedienen.
4. Das peruanische Reich bezahlt an den großen Beherrscher im Osten
jährlich hundert Viertelzentner Gold und zwölf Tausend Silber.
5. Die Spanier können in Peru frei kaufen und verkaufen.
6. Auswechselung der Gefangenen.
»Das sind die Uebereinkünfte,« wiederholte Huascar, »an den Artikeln
darf nichts geändert werden; wenn ihr den Frieden wollt, wenn Almagro
die Schwüre gewährleistet, werden Tod und Verderben aufhören; wenn ihr
aber unsere Schande sucht, erklären wir euch den Krieg, bis wir in den
Staub versinken.«
Bedächtig schrieb Almagro die Artikel nieder und rief in der
Rathsversammlung aus: »Der Frieden ist eurer und des großen Herrschers
im Osten würdig, ich nehme ihn an; ich werde darnach trachten, daß
meine Gefährten ihn vor dem heiligen Evangelium beschwören, und alsdann
wird Almagro dessen Unverbrüchlichkeit verantworten. Aber Peruaner,
ein einfaches Mittel bietet uns das Schicksal an, um unsere Bande zu
umschlingen; Ocollo seufzt in der Wittwenschaft, Pizarro vergöttert
sie; die Schöne gebe ihm vor dem Altare den süßen Namen eines Gatten.«
»Dem Mörder Atahulpas,« schrie Ocollo auf, »ich kann ihn nur
verabscheuen....«
Vericochas bestätigte, daß in Peru die Liebe unverbrüchlich sei, daß es
einzig Ocollo anginge, dem Krieger zu antworten. »Ich verabscheue ihn,«
wiederholte sie. »Sage Pizarro, er solle seine Liebe ersticken,« brach
Huascar aus, »daß das Reich nicht über die Herzen befiehlt, daß Ocollo
ihn nicht lieben kann.«
Tausend rührende Betrachtungen stellte Almagro an den Senat, aber auf
der Stirne Ocollos erglänzte der Abscheu, den ihre Seele zu Pizarro
hatte, und es war kein Abkommen möglich, weil die Peruaner die Schöne
niemals zum Opfer ihrer Angelegenheiten machen würden. Nachdem der
Spanier Huascar, Vericochas und den Räthen tausend zärtliche Umarmungen
ertheilt, bat er sie, ihm zu gestatten, auch die Gefangenen zu umarmen;
er weinte innig mit ihnen, versprach ihnen, daß sie bald in ihr Lager
und in ihr Vaterland zurückkehren würden, und fröhlich ging er aus der
Stadt, um die Uebereinkünfte mit seinen Gefährten zu behandeln.
Die schöne Coya schwur ihrem Geliebten von Neuem ihre Liebe zu.
Tausend Zärtlichkeiten und tausend Liebkosungen versicherten ihr
diejenige Almagros und glücklich sahen sie dem Ende ihrer Qualen
entgegen. Obschon im Heere erzogen, segnete Coya den Frieden, und
obwohl unter dem Getöse der Waffen geboren, fand Almagro nur im Frieden
das Mittel, sich an den Liebkosungen seiner Coya zu erfreuen. Die
Peruaner behielten ihre Gesetze und ihre Tempel, ihre Ehre war in
Nichts herabgewürdigt; wenn sie auch den Spaniern ungeheure Summen
bezahlten, lernten sie doch ihre Wissenschaften, ihre Künste und ihre
Civilisation; die einen wie die andern wären glücklich, die Zeiten
und die Sitten umschlängen ihre Bande, in Spanien würden Ströme
peruanischen Goldes fließen und Freunde und freie Brüder wären ihnen
vortheilhafter als unglückliche Sklaven. So schrieb es die Zukunft vor
und befahl es das Wohl der Nationen, aber im sechszehnten Jahrhundert
wogen am Hofe Karls des Fünften und seiner Abgesandten das Schwert und
das Kreuz mehr als die Vernunft, mehr als die Menschlichkeit und mehr
als das Wohl der Nationen.
[Illustration]
Kapitel 19.
Sieg.
Der Donner der Kanone erschreckte die Cuzcaner nicht, es glänzten
keine Waffen in den Strahlen der Sonne und zwischen den beiden Heeren
herrschte die tiefste Ruhe. Voll von den süßen Hoffnungen, welche ihm
seine Vernunft, seine Empfindsamkeit und seine Liebe einflößten,
ging Almagro aus der Stadt hinaus, und der Senat und die Peruaner
warteten ruhig das Endergebniß der Unterhandlung ab. An der Spitze
ihrer Bataillone, schien Coya jene kriegerische Begeisterung, welche
sie in den einheimischen Kämpfen zum Siege geführt hatte, bereits zu
verlieren; das Schmachten der Liebe glänzte in ihrer Miene, und die
Liebe versüßte ihre Seele und erhöhte ihre Reize. In Schmerz versunken,
weinte Ocollo um Atahulpa und den Untergang ihres Vaterlandes; sie an
den Namen Pizarros zu erinnern, war ihre größte Qual; die Erde konnte
den Mörder des Inkas nicht zugleich mit der Schönen tragen.
Almagro kam in seinem Lager an, und unermüdlich dachten Pizarro und
Luque nicht an einen ehrenvollen Frieden mit den Peruanern, sie
dachten nur daran, ihre Zerstörungs- und Eroberungspläne mit Feuer und
Schwert auszubreiten und zu entrollen. Sie warteten jedoch ungeduldig
auf den Boten, um den Zustand der Niedergeschlagenheit zu kennen, in
welchem sich zufolge der von ihm einzuleitenden Friedensvorschläge der
Hof befand, und um die Tapferkeit und die Begeisterung der Peruaner
vollends zu kennen. Voller Zufriedenheit umarmte Almagro seine
Gefährten; »einen eurer Tapferkeit und der Größe unseres Herrschers
würdigen Frieden anerbietet uns das Reich: Dieses sind die Bedingungen,
sie werden unsere Brüder sein, sie werden unsere Größe ausmachen und
werden uns ihr Glück verdanken. Wenn ihr den Frieden annehmt, wie es
die Vernunft und das Interesse vorschreibt, werden die Schwüre nicht
von Neuem übertreten werden, mein Schwert ist für deren Heiligkeit
eingestanden«. Pizarro und Luque schwiegen mit geheimnißvollem
Stillschweigen.
Nachdem die Bedingungen, welche Almagro brachte, gesehen worden
waren, schrie Pizarro, daß er Sklaven wollte, und Luque, daß er im
Namen Jesus die Zerstörung der Sonnentempel verlangte. »Nein, weder
Waffenstillstand, noch Frieden«, sagte der Statthalter, »niemals«. »Die
Ehre der spanischen Waffen, das Interesse meines Herrschers befiehlt
den Krieg; die an Ketten gebundenen Peruaner werden das Kreuz anbeten
und werden dem Innern der Berge die Schätze erpressen, um den Thron des
Königs von Castilien zu zieren«. »Du weißt es, Pizarro,« unterbrach
ihn Almagro, »im Kriege erzogen, bin ich der erste gewesen, sich in
Gefahren zu stürzen, der Tod macht mir nicht bange, die Unehre entsetzt
mich; für mein Vaterland zu kämpfen und zu sterben ist meine Wonne
gewesen und wird mein Ruhm sein. Das Interesse aber unseres Monarchen,
die Vernunft, die Billigkeit, Alles schreibt den Frieden vor, welchen
uns das Reich anbietet; euch reißt vielleicht euer allzugroße Eifer,
eure Tapferkeit hin. Zur Sklaverei der Knechtschaft verdammt, durch
unsere Waffen zerfleischt, wird das Geschlecht der unglücklichen
Peruaner von der Erde verschwinden, und Menschen und Städte sind
vortheilhafter als Schutt und Leichen.«
Von Fanatismus erfüllt schrie Luque übermäßig auf: »Und du, Almagro,
du sähest die Tempel der Götzendiener, und fürchtetest dich nicht vor
dem Zorne deines Gottes?« »Mein Gott«, antwortete Almagro, »wird ihren
Verstand mit der Fackel des Glaubens erleuchten, sie werden seine
Allmacht kennen und seine Barmherzigkeit anbeten lernen. Dolch und
Flammen nehmen die Vernunft nicht gefangen, sie erpressen den Lippen
nur kalte Worte, die Seelen rühren sie nie, und Jesus Christus will
den innern Glauben, der äußere ist eitle Pracht.« »Satan bemächtigt
sich deines Herzens; flehe die Gnade Gottes an, den du verehrst.«
Luque schauderte vor Entsetzen. In tiefes Stillschweigen versunken
löste Pizarro dort in seinen Gedanken blutige Pläne.... »Und Ocollo«,
sagte er zu Almagro, »ist sie meiner Liebe zugänglich, geben ihre
Reize der Macht des Siegers von Peru nach? Deine Schmeicheleien
und deine Liebkosungen könnten vielleicht, wenn dein Herz auf die
Zärtlichkeit hört, ihre Seele fesseln, jetzt aber graut ihr davor,
den Namen Pizarros zu hören. -- Sie schaudert. -- Noch fließt in
ihrem Gedächtniß das Blut Atahulpas.« »Und soll die Liebe«, sagte
Luque, »die kostbaren Augenblicke, welche ihr Gott und eurem König
schuldet, mit Gewalt entreißen! Denkt einzig an die Eroberung von
Peru, verachtet die eitle Pracht des Satans: Ocollo und Coya sind vom
Teufel besessen, um die Zwietracht in unserm Lager zu säen; hört auf
die Stimme eures Verwesers. Meine Söhne, eilt zu den Waffen, verkündigt
den Sieg, fordert nicht den Zorn Gottes heraus, macht nicht, daß euch
der fürchterliche Bannstrahl zerschmettere«. »Hört das Mitleid an,«
rief Almagro. »Dein Gott befiehlt den Sieg«, sagte Luque. »Die Ehre der
spanischen Waffen verlangt die Zerstörung« rief Pizarro aus.
Umsonst war die Vermittlung Almagros; der Fanatismus trifft niemals
Vergleiche, der Untergang des Reiches war beschlossen. Inzwischen litt
sein Herz die roheste Qual. Würde der Friede nicht angenommen, sähe
er seine Angebetete nicht wieder: An der Spitze ihrer Krieger ginge
Coya in den Tod, das Grab entrisse seine Wonne, oder die Erbitterung
des Krieges trennte sie auf ewig. Pizarro im Gegentheil, fand nur im
Kriege seine Hoffnungen von wegen Ocollo; seine Gemüthsart gestattete
ihm nicht, sich der Zärtlichkeit nachgiebig zu zeigen, und der Stolz
als Sieger vermochte in seiner Seele mehr, als die Einflüsterungen der
Liebe.
Tausend Gedanken quälten Almagro. Seiner Liebe zu entsagen, war ihm
nicht möglich; sein Vaterland zu verrathen, war ein Verbrechen; wider
sein Leben zu trachten, war eine dem Christenthum entgegengesetzte
Moral. In so bedauernswerthem Zustande rannte er, vor Wahnwitz außer
sich, in die Nähe von Cuzco: »Fliegt zu den Waffen«, sagte er zu den
Peruanern, »Luque und Pizarro leugnen den Frieden; sagt dem Senate,
daß Almagro die Seelen seiner Gefährten nicht zu erweichen vermochte,
daß der Untergang des Reiches beschlossen ist; sagt Coya, daß Almagro
sie anbetet.« Ebenso schnell wie der Blitz floh er von den Mauern
und kehrte, die Cuzcaner voller Schrecken und Verwirrung lassend, zu
seinen Zelten zurück; und indessen Luque und Pizarro sorgfältig das
Entzücken ihres Gefährten beobachteten, sahen sie sich vor, sich vor
einem Verrath seiner Waffen zu sichern und bereiteten den Schlag vor,
um einen Anführer, der ihnen bei ihren Plänen in keinerlei Hinsicht
nützlich sein konnte, zu vernichten.
Das Abkommen wurde nicht so geheim gehalten, als daß nicht das ganze
spanische Lager die Bedingungen wußte, welche die Peruaner anboten, und
wenn die Mehrzahl für Raub und Angriff war, hatte auch Almagro seine
Anhänger, weil es gefühlvolle Menschen gab. Pizarro jedoch setzte,
gewaltthätig in seinen Befehlen, auf den Ungehorsam den Tod, und Luque
hatte, im Namen des Himmels redend, über die Fanatiker des sechszehnten
Jahrhunderts eine zauberische Gewalt. Einer wie der andere wußten sie,
den militärischen Schwenkungen Ueberstürzung gebend und so keinen Raum
zu Vernunftgründen und Verschwörungen lassend, sich die Augenblicke
nutzbar zu machen, und Pizarro drohte mit dem Tode und Luque mit dem
Kirchenbann. Den gewaltthätigen Schritt zu thun, Almagro abzusetzen,
konnte sie in den mißlichsten Augenblicken bloßstellen, und einmüthig
beschlossen sie, bis zur Vervollständigung des Sieges sich weiter zu
verstellen.
In der Stadt nahm man eine schnelle Bewegung wahr, die Rufe Almagros
griffen gar bald bis vor die Rathsversammlung um sich und widerhallten
in den fernsten Umkreisen von Cuzco; Alle eilten zu den Waffen:
Unermüdlich beseelte Huascar mit seiner Begeisterung die Krieger
und die Sonnenpriester ergossen mit trügerischen Schmeicheleien und
Prophezeihungen das Zutrauen unter die Tapfern. Von Vaterlandsliebe
entflammt, zerrissenen Herzens bei der Erinnerung an die Verlassenheit
ihrer Altäre, ermuthigte Coya, andrerseits die in ihren Augen
erhabenen Tugenden Almagros bewundernd, ebenfalls ihre Soldaten, und
Alle gingen, Gesänge an die Sonne und an die Freiheit anstimmend, in
den Tod.
Pizarro stellte seine Division von Neuem auf und wild begann der Kampf.
Die schwachen, beinahe schon zertrümmerten Mauern erbebten beim Donner
der Kanone und stürzten zusammen. Drei Mal rückte Pizarro an der
Spitze seiner Colonne zum Ansturm vor, drei Mal schlugen die Peruaner,
mit wehrlosen Brüsten gegen die Panzer und die Waffen fechtend, die
Spanier von den Mauern zurück; tausende von Peruanerleichen dienten
den Belagerern als Sturmleiter, aber die den Gefahren und dem Tode
überlegene Tapferkeit der Indianer erschrak nicht beim Zischen des
brennenden Bleies, noch beim Glanze der Waffen. Der Kampf war blutig:
Die kriegstüchtigen und von den Waffen ihrer Gegner unverwundbaren
Spanier gaben jedoch der Zahl und der Anstrengung nach und die Fahne
des Reiches flatterte ruhig auf den Mauern.
So lange Zeit in Peru kämpfend, kannte Pizarro die Taktik und die
Art der Kriegsführung der Peruaner. Bald aus sichern Beobachtungen,
bald aus Nachrichten, welche er von Gefangenen nahm, wußte er, daß,
die Fahne des Reiches ergreifend, das Heer sich zur Flucht erklärte
und der Sieg dem Feinde war. Von diesem Gedanken überzeugt, ordnete
er sein Angriffssystem an. An die Spitze von hundert auserlesenen
Soldaten gestellt und von seiner ganzen Abtheilung in geschlossener
Colonne unterstützt, ging er rasch auf die Fahne zu, welche auf den
Trümmern der Bresche wehte. Huascar und die vornehmsten Krieger thaten
hier Wunder der Tapferkeit; mit hundert Klauen verschlang hier der Tod
jeden Augenblick tausend Opfer, das Blut floß, die Zerstörung flog
umher, aber die unwiderstehliche Gewalt Pizarros, seine Waffen, seine
Mannszucht sollten über den Sieg entscheiden, und den Degen in seiner
Rechten schwingend, riß Pizarro mit seiner Linken die Fahne weg, und
das Reichsheer erklärte sich in eilfertiger Flucht.
Das Verderben hinter sich her führend, stürzten sich die Sieger auf die
Stadt und gaben sich lieber der Plünderung hin, als daß sie den Resten
des besiegten Heeres folgten; Pizarro aber, vorhersehend und immer
nach der schönen Ocollo ausschauend, hatte, indeß er siegreich die
Hauptstadt überzog, dem verwegenen Kapitän Soto befohlen, dem übrigen
Heere, das durch Feld und Fluren floh, mit der ganzen Reiterei so lange
nachzusetzen, bis daß er sich im schlimmsten Falle mit aller Gewalt
der Schönen bemächtigte, die er vergötterte, indem er ihm, wenn es ihm
gelänge, seinen entscheidenden Schutz für sein Vorrücken und einen
unermeßlichen Antheil an der Beute von Cuzco anbot. So würde, wenn
Ocollo in der Stadt geblieben war, Pizarro sich ihrer bemächtigen, floh
sie mit dem Heere, war es möglich, daß sie die Gefangene des kühnen
Sotos wurde; denn er glaubte, daß die Eroberung von Cuzco ihm auch den
Triumph seiner brennenden Wünsche sicherte, und nur das Grab Ocollo vor
ihrem unwiderstehlichen Verfolger retten könnte.
Ihre Hauptstadt verlierend, kamen die Peruaner um das ganze Reich:
Die ungeheuren Ebenen stellten ihnen, wenn sie, schon schwach und zu
Boden geworfen, auf’s Neue wagten, ihre Arme mit den unwiderstehlichen
Waffen der Spanier zu messen, nur Gräber vor. Dennoch boten sie von
den Cordilleren der Anden, wie Covadonga den Gothen, immer noch eine
Zuflucht dar; zwischen den steilen und uneinnehmbaren Gebirgen konnten
sie ihre physische Freiheit und ihr Dasein erhalten, um den Untergang
des Reiches zu beweinen.
Zwanzigtausend Peruaner fielen unter der Wucht der Waffen;
zwanzigtausend legten auf Gnade oder Ungnade der Sieger die Waffen ab;
viele flohen in entlegene Gegenden und noch andere folgten Huascar und
dem Rathe auf die Gipfel der Anden. Ocollo, welche als schwaches Weib
ebenfalls floh, war nicht im Stande, der Flucht des Heeres längere Zeit
zu folgen; Soto hieb den Nachtrab der Besiegten unwiderstehlich nieder,
und umsonst verkauften tausend Peruaner theuer ihr Leben, um die Schöne
zu retten, welche endlich Sotos Gefangene wurde, mit der er stolz nach
der Stadt marschirte. Coya, die nach Almagro, nach ihrem Vaterlande
seufzte, fuhr, um ihre Krieger jammernd, fort, sich zu schlagen und
sich in den Tod zu stürzen, aber das Blei und die Waffen achteten ihr
kostbares Leben und sie rettete sich mit den Ihrigen in die Anden.
Pizarro gab die Stadt der Plünderung preis; überall verbreitete er
Schrecken, und auf den Trümmern von Cuzco sitzend, gebot er als Sieger
über das Reich der Inkas; Luque hob die Hände zum Himmel empor und
dankte dem Herrn für den Sieg; und Almagro schien, bei dem Anblick der
Trophäen der spanischen Waffen, in tiefer Erstarrung wie versteinert.
Der Thron Karls des Fünften stieg auf den Schultern Pizarros über einem
Berg von Gold bis an den Himmel; die von diesem ruhmreichen Tage ab
leuchtende Sonne verbarg sich niemals für die spanischen Besitzungen.
Als sie sich, um dem mächtigen Hofe der Gothen Ruhe zu gönnen, zwischen
den Wellen begrub, fing sie an, für die neuen Erdtheile, wo ihre
Sklaven die Schätze, womit sich der Hof von Castilien schmückte, aus
dem Innern der Erde schafften, zu glänzen. Paul III. sah über den
Gestaden des südlichen Meeres vom Vatikane aus das Kreuz erglänzen, und
für die alte Welt und für das Christenthum eröffnete sich um die Mitte
des sechszehnten Jahrhunderts ein neuer Zeitabschnitt.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 20.
Duell.
Die Einnahme der Hauptstadt und die vollständige Niederlage des
Heeres entschied das Schicksal des Reiches. Als Pizarro die schwachen
Mauern von Cuzco stürmte, beherrschte er die Grenzen des ausgedehnten
Inkareiches; der Schrecken breitete seine Flügel über Peru aus, die
Kreuzesfahne flatterte siegreich auf den Trümmern der Sonnentempel und
die Unterthanen der Inkas bogen vor der Macht des Königs von Spanien
den Nacken. Als das feindliche Banner von Pizarro ergriffen wurde,
setzte sich das Heer in eilfertige Flucht. Von einer kleinen Abtheilung
gefolgt und von den Großen des Reiches begleitet, rettete sich Huascar
in die Unzugänglichkeiten der Anden, und die Stadt wurde viele Stunden
lang der Plünderung und der Zerstörung preisgegeben.
Nachdem die Abenteurer den Ehrgeiz gesättigt hatten, dachte Pizarro
daran, sein Staatssystem zu befestigen und als Statthalter des Reiches
seine Befehle auszubreiten. Dieselben Verordnungen, dasselbe Benehmen,
das man in Cajamalca beobachtete, wiederholten sich in Cuzco; die
Einwohner wurden zur Knechtschaft, und indem sie das Wasser der
Erlösung empfingen, dazu verdammt, ihren frommen Glaubenslehren zu
entsagen, und die militärische, von dem rohesten Fanatismus geschürte
Gewaltherrschaft bildete die Grundlage der peruanischen Regierung.
Zu allen Zeiten Despoten, haben sich die Sieger unter den gleichen
Trümmern begraben, welche ihre Wuth niedergerissen hat.