ihre reine Keuschheit erwarben ihr die Achtung und die Bewunderung
Huascars, Vericochas und des Senates; und bei den frommen Handlungen
war sie die erste, welche vor dem Altar der Sonne schwur, für den
Glauben und die Freiheit ihres Vaterlandes zu sterben, und bei
der Erinnerung an die unzüchtige Liebe, welche Pizarro ihr in den
kummervollen Stunden erklärte, zog sich ihr Herz zusammen und entsetzte
sich ihre Seele. Voll Feuer in Liebe zu Almagro entbrannt, fand Coya
nur darin Trost, an ihrem eigenen Schmerz zu zehren. Almagro war
ihr Athmen und ihre Wonne, sie hatte das Gleichgefühl ihrer Seelen
erkannt und Coya war das traurigste Opfer der Liebe. Sie hatte ihren
Glaubenslehren entsagt und das Glaubensbekenntniß eines Gottes
abgelegt, den sie nicht kannte, den sie aber verehrte, da er der Gott
ihres Almagros war. Der Schatten ihres Vaterlandes beunruhigte ihre
Träume, der Schatten ihres Angebeteten zerriß ihr das Herz.
Das war die Lage der Helden des Reiches; Alle seufzten und ihre
Thränen fruchteten dem Vaterlande nichts. Tapfer, kühn, gefühlvoll,
mit denjenigen seiner Landsleute viel überlegeneren Kenntnissen, war
Huascar der Abgott des Heeres und des Senates, und er handelte mit der
größten Thätigkeit, um sich zum Kriege zu bereiten; er kannte jedoch
die Ueberlegenheit der Waffen der von Osten Gekommenen und zweifelte an
dem Siege. Seine ersten Besorgnisse waren, seine Feinde auszuspähen, um
ihre Bewegungen im Voraus zu wissen, und er erfuhr die Ankunft neuer
Streitkräfte und den Marsch Pizarros auf Cuzco. Obwohl bereits weit
entfernt, die Eindringlinge für Söhne der Sonne, noch für Gottheiten
zu halten, sank den Peruanern doch der Muth, als sie erfuhren, daß sie
Verstärkungen empfingen; sie setzten schon einen sehr zusammengesetzten
Plan voraus, und fünfzig bis sechszig ihrer Unterdrücker zu tödten,
hatte dem Reiche mehr als fünfzehn- bis zwanzigtausend Opfer jeden
Standes und Ranges gekostet; aber immer edel und menschlich, behielten
sie eine kleine Anzahl Gefangener, welche sie in ihrer Gewalt hatten,
am Leben. Die moralische Stärke der Heere stand etwa auf gleicher Höhe;
der Ehrgeiz der Eindringlinge und ihr düsterer Fanatismus befahlen die
Ausrottung der Peruaner; die Religion und die Freiheit des Reiches
forderten das Blut der Eindringlinge.
Zwanzig Tagereisen war Cuzco von Cajamalca entfernt, und es gab
Engpässe und Gebirge, welche, mit einer geringen peruanischen
Kriegsmacht besetzt, der Feldzugsabtheilung nichtsdestoweniger
Verlegenheiten verursachten, aber in diesen kleinen Scharmützeln
blieben, obschon sie dennoch einige Verluste erlitten, stets die
Europäer Sieger, und von Neuem bewunderten sie die heldenhafte
Tapferkeit und den wilden Muth der Peruaner. Alle Tage boten sich
ihnen Beispiele von Kriegern dar, welche, die Griechen bei Thermopylä
nachahmend, bald um ihre Gefährten zu retten, bald um im Grabe eine
unverletzliche Zufluchtsstätte ihrer Freiheit und ihrer Religion zu
finden, einem sichern Tod entgegengingen. Pizarro und die Seinen
wälzten todesmuthig ihre Feinde fort, und bereiteten sich zu neuen
Siegen vor; die Tapferkeit der Spanier war im sechszehnten Jahrhundert
die Bewunderung Europas, die neue Welt die Wiege der Helden und der
Thron der Gothen ein die Erde verachtendes, dem Himmel zustrebendes
hohes Gebirge.
Nach tausend Mühseligkeiten bekam die spanische Abtheilung Cuzco zu
sehen, und der Senat, das Heer und das Volk erzitterte. Die Auftritte
von Cajamalca waren allgemein bekannt; Cuzco, die Hauptstadt des
Reiches, war der letzte Seufzer ihrer Freiheit und ihrer Anbetung,
das Grab that sich unter den Füßen der Krieger auf und das Getöse der
schnarrenden Ketten erschreckte das Kind und den Greis. Oh! verfluchte
Schätze! Es wäre besser gewesen, wenn euch die Natur in die tiefsten
Meeresgründe gestürzt hätte und die Erde sich nicht in dem Blute
Unschuldiger tränkte!
Als Almagro die Mauern von Cuzco entdeckte, glänzte ein süßes Lächeln
auf seinen Wangen und eine einschmeichelnde Wehmuth heftete sich an
seine Blicke; dort war seine schöne Coya, seine Wonne und seine Qual.
Das Wohl seines Vaterlandes befahl die Eroberung des Reiches, seine
religiösen Gefühle die Zerstörung der Sonnenaltäre; Coya verehrte den
wahrhaftigen Gott, aber Coya liebte ihr Vaterland glühend, und ihre
Liebe wäre ein trauriges Gespenst, das, so lange als das Vaterland der
beiden Liebenden nicht ein einziges wäre, ihr Dasein quälen würde.
Bei den Scharmützeln unterwegs waren viele peruanische Gefangene
festgenommen worden, Alle frug Almagro nach seiner Angebeteten und
Alle antworteten ihm, reichliche Thränen vergießend: »Coya ist eine
Abkömmlingin der Inkas, sie ist eine Tochter der Sonne, ihr Vaterland
ist ihr Abgott und für ihr Vaterland zu sterben, ist all’ ihre Wonne.«
Wenn Coya in einem Augenblick der Zärtlichkeit, des Entzückens, ein
Opfer der Liebe, ihren Cultus verließ, hatte sie mit reichlichen
Thränen ihren Meineid geläutert, und ihr Vaterland zu verrathen wäre
nicht ihr zweites Verbrechen.
Da die spanische Abtheilung vielen Kämpfen zu trotzen hatte und mit
Schnelligkeit marschirt war, nahm sie vor Cuzco einige Tage Ruhe,
um sich von ihren Mühseligkeiten zu erholen und um die Politik der
Belagerten zu beobachten. In Cajamalca kamen die Spanier wie Freunde
an, und bequeme, mit Lebensmitteln versehene Zelte und eine mit
Früchten gesegnete Flur boten ihnen bequeme Rast und reichlichen
Unterhalt dar; bei der Ankunft in Cuzco fanden sie nur dichte
Wälder, welche ihnen Schutz gewährten, und kräftige Stämme, um die
Scheiterhaufen zu schüren, vor; die Flur aber war verwüstet, und
Pizarro stieß auf nicht geringe Schwierigkeiten, um sich Lebensmittel
zu verschaffen, da ihm die Peruaner innerhalb der Mauern Alles
entrissen hatten.
Wenn er mit seiner einzigen Abtheilung von achthundert Mann Alles
abgewartet hätte, so wäre er auf noch größere Hindernisse gestoßen,
viertausend Sklaven aber führten ihm die Transporte von Cajamalca,
und von einigen Spaniern geleitet, durchstreiften sie die Fluren von
Cuzco und brachten aus großen Entfernungen Lebensmittel her. Von diesen
Unglücklichen, die, ohne daß ihr Herz der Anbetung der Sonne entsagt
hatte, vor dem Tode fliehend, das Wasser der Taufe empfingen, schaffte
ein jeder fünf Viertelcentner fort, ein den Kräften eines Peruaners
weit überlegenes Gewicht, und zu Hunderten fielen sie von ihren
Lasten erdrückt und erstickt an den Wegen hin, oder ließen mangels an
Nahrungsmitteln schweißtriefend nach. Aus Mangel an Pferden und durch
die Erfahrung des Schreckens und der Verheerungen, welche die Reiterei
bei ihren Feinden veranlaßte, überzeugt, hatten die Eindringlinge sogar
die Zugpferde der Artillerie bestiegen, und die Sklaven schleppten die
Kanonen, welche gegen ihre Brüder donnerten. In den unterbrochenen
Gegenden und in den Gefechten war die unerbittliche Peitsche des
Gebieters immer gehoben, und der Unglückliche, welcher fiel, wurde
überfahren und zerfleischt, um mit Blitzesschnelle durch einen Andern
ersetzt zu werden, der auch lebte um zu leiden. Trotzdem die Sklaven
in fünffacher Anzahl als die Eindringlinge waren, war es ihnen nicht
möglich, sich gegen ihre Herren aufzulehnen. Ein großes Reservekorps
sorgte dafür, die Menge unterwürfig zu halten, und bei dem geringsten
Anzeichen von Ungehorsam wurde der Schuldbewußte auf die Folter
gespannt und das Blut von hundert Unschuldigen floß zum Schrecken ihrer
Gefährten.
Nachdem sich die Abtheilung auf den anmuthigen Auen von Cuzco
ausgebreitet hatte, schickte sie sich zur Einnahme der Stadt und
zum Untergange des Reiches an. Das peruanische Heer hatte innerhalb
der Mauern keinen Platz, und mächtige Korps streiften, bald die
Mittheilungen mit der Hauptstadt aufrecht haltend, bald dem Feinde
furchtbare Drohungen zurufend, in der Gegend umher. Alle Tage
entspannen sich mehr oder weniger beträchtliche Scharmützel, aber
niemals wagte man entscheidende Zusammenstöße, weil das eine wie das
andere Heer, sich gegenseitig beobachtend, dieselben vermied. Die
Eindringlinge kannten ihre geringe Anzahl und die Peruaner fürchteten
sich vor den Wirkungen der europäischen Waffen; aber stets verwegen
und ungestüm, stets wie ein unwiderstehlicher Strom zog Pizarro den
Siegeswagen hinter sich her und fügte jeden Tag seinem Lorbeerkranz ein
Blatt hinzu. Oh! wenn es gefühlvoll gewesen wäre!...
Almagro, der seine Coya nicht sah, verabscheute sein Dasein und die
Sonne glänzte nicht strahlend vor seinen Augen. Ein wenig mehr mit
seinen Gefährten vereinigt, sprach er, ihnen stets Milde einflößend,
endlich eines Tages in einer seinem Charakter eigenen Sprache: »Um
etwa die neue Welt zu erobern, wird es nicht nothwendig sein, sie in
Blut zu röthen; die Sanftmuth, die Bewunderung und die Ueberzeugung
geben uns einen sicherern Sieg.« »Nein,« erwiderte Pizarro, »nur auf
die Zerstörung kann sich die Eroberung des Reiches gründen.« »Die
Götzendiener,« setzte Luque hinzu, »schwören ihre Götter nur auf dem
Scheiterhaufen ab: Jesus Christus und der Satan vergleichen sich nicht.«
Bald von dem Drange seines Herzens getrieben, bald von dem brennenden
Wunsche hingerissen, seine Coya zu sehen und zu sprechen, machte sie
Almagro beredt mit den Launen des Kriegsglückes, dem Kostbaren eines
jeden Tropfen spanischen Blutes, das man vergösse, bekannt, und brachte
sie endlich dahin, daß er eine Botschaft nach der Stadt auf sich nahm,
worin ihnen Bedingungen, um Tributpflichtige des Königs von Spanien
zu werden und das Christenthum zu umarmen, angeboten würden; und
wenigstens einmal behielt im sechszehnten Jahrhundert die Stimme der
Vernunft und der Menschlichkeit über die fanatische Wuth die Oberhand.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 18.
Botschaft.
Beredt und von allen Tugenden beseelt, gab Huascar seinen Soldaten
nicht nur ein Beispiel, die Gefahren zu verachten, sondern er hielt
ihnen auch jeden Augenblick eine begeisterte Ansprache über die Reize
der Freiheit und schilderte ihnen das Knarren der mächtigen Ketten,
welche, wenn sie sich von den von Osten Gekommenen besiegen ließen,
ihre Arme festbänden. Von Dankbarkeit durchdrungen, rief Vericochas die
unendlichen Gaben im Tempel aus, welche der Vater des Tages über die
Erde ergoß, wie die Menschen zu seiner Anbetung verpflichtet seien,
und was für ein schrecklicher Meineid, für ein schwarzes Verbrechen es
wäre, wegen dem Gotte gefühlloser Menschen, welche die Ausübung ihrer
Glaubenslehren mit nichts als Dolch und Scheiterhaufen erzwangen, den
Kultus ihrer Ahnen, den Kultus der Vernunft zu verlassen.
Nachdem die Seelen entbrannt waren, stürzten sich die Peruaner muthig
in den Tod und die Tapferkeit der Spanier schwebte tausend Mal in
Gefahr. Aber die Spanier waren im sechszehnten Jahrhundert die
Bewunderung Europas, ihre Tollkühnheit hatte ihnen das Reich zweier
Welten gegeben; Pizarro war von dem Schicksal so hingerissen, wie
geschmeichelt, und bei der Wucht seiner mörderischen Waffen gaben
die zahlreichen Heere des Reiches nach. Das Blut der Unglücklichen
röthete die anmuthigen Fluren von Cuzco, schon erbebten beim Donner
der Kanonen die Grundfesten der Stadt, als eine weiße Fahne vor den
Mauern vorzeigend, Almagro den Belagerten ein Zeichen gab, daß ein
freundschaftliches Abkommen gefeiert werden würde.
Die Lage der beiden Heere war schwierig, die einen wie die andern
hatten kaum mehr die Wahl als Sieg oder Tod, es war nicht nur ein
politischer, es war auch ein religiöser Krieg, und die traurige
Geschichte der Vorurtheile und des Fanatismus hat mehr als die
Thronfolge und der Ehrgeiz der Könige, die Blätter der Geschichte mit
Blut gefärbt. Das Abkommen wäre den einen wie den andern Streitern
vortheilhaft, es lag aber nicht in der Möglichkeit, die gegenseitigen
Interessen zu vereinbaren; Usurpation und Freiheit, Fanatismus und
Duldsamkeit haben keinerlei Berührungspunkte. Huascar und der Rath
beschlossen endlich, Almagro, welcher von zwei Reitern begleitet sich
den Mauern genähert hatte, den Eintritt zu gestatten.
So sehr auch Coya das Feuer verbarg, welches in ihr glühte, war ihre
Liebe den Großen des Reiches bekannt, aber duldsam und der Tugenden
der Heldin sicher, tadelten die Peruaner niemals ihr Betragen, noch
zweifelten sie an ihrer Treue und ihrer Liebe zum Vaterlande. Im
Gegentheil, Coya, welche ihre Wonne darin setzte, den Namen Almagros
zu wiederholen, erzählte Allen seine Tugenden, versicherte Allen, daß
er nicht von dem Geschlechte der von Osten Gekommenen sein konnte,
und der Name Almagros wurde unter den Opfern der Sieger nicht mit Haß
angesehen. Als Coya sah, daß er der Führer der Botschaft war, als sie
den Augenblick, ihren Angebeteten von Neuem zu sprechen, nahe sah,
versicherte sie, daß sie eine glückliche Zukunft ahnte, daß ihr Herz
ihr sagte, daß die Schrecknisse aufhören und wieder Ruhe und Glück
entstehen würde.
Hastig eilte Coya an das Thor, und die beiden gefühlvollen Geliebten
verstummten in tiefer Entzückung. Jene Empfindlichkeiten des Todes
Atahulpas entflohen aus dem Gedächtniß der Tochter der Sonne, und nur
die Zärtlichkeit begeisterte die Seelen. Zu welch’ theurem Preise die
Liebe gefühlvollen Herzen ihre Wonne verkauft! Unfreiwillige Thränen
liefen an den Wangen der beiden Liebenden herab und ihre Thränen
schienen der Strenge ihres Schicksals zu fluchen, aber Coya, an der
Seite ihres Abgottes, wiederholte ihm unter Schluchzen: »Ein süßer
Liebesblick lohnt ein Jahrhundert voller Qualen«.
Die Peruaner kannten die Namen der Spanier, und überhaupt diejenigen
der drei Anführer des Feldzuges sehr wohl, und derjenige Almagros war,
weil seine Tugenden bekannt waren, im Reiche beliebt: Bald gab er,
ihn von dem harten Halseisen losmachend, einem Sklaven die Freiheit,
bald rettete er einen unglücklichen Gatten vom Tode, bald half er
der Betrübniß der Besiegten auf, und Alle hatten, vor Dankbarkeit
aufathmend, seine Wohlthätigkeit und seine Frömmigkeit in Cajamalca,
Cuzco und in dem Heere bekannt gemacht. Ein ungeheures, blutiges Volk,
mit den Zeichen der Todesangst in dessen Zügen, umstand in einer
Grabesstille den Krieger auf Plätzen und Straßen; und ungeduldig
erwartete der im Vorhofe versammelte Rath und der Kaiser den Boten.
Kostbarer Marmor und Porphyr bedeckte den Boden des geräumigen Saales,
einfach angeordnete Bretter von Gold und Silber unterstützten die
Decke, und prächtige, tausendfarbige Federn schmückten die Räume mit
zarter Kunst. Nachdem Almagro dahin geführt worden war, herrschte
in der Versammlung und unter der ungeheuren Zuhörerschaft eine
Grabesstille, als Huascar sich von dem Präsidentenstuhle erhob und
ruhigen Tones ausrief: »Krieger, die Peruaner lassen sich eher unter
den Trümmern ihres Vaterlandes begraben, als schimpflich nachzugeben;
sprich, ob du einen ehrenvollen Frieden bringst, wenn nicht, gehe
und sage den Deinen, sie sollen unsere Gräber öffnen.« Ein dumpfes
Beifallsgemurmel rührte die Versammlung und beredt brach Almagro aus:
»Nein, unschuldige Peruaner, die von Osten Gekommenen haben keinen
Gefallen an Blut und Verderben, sie wollen eure Freundschaft und wollen
eure Brüder sein.« Die Arglosigkeit und das Lächeln erglänzte in der
Versammlung und Thränen der Rührung unterbrachen das Geschluchze. Ohne
ihre Blicke von Almagro abzuwenden, schien Coya in Mitten der Ruhe
bereits den köstlichen Kelch der Liebe zu kosten, und sie segnete den
Gott der Wahrheit, den sie anbetete.
»Ja, Almagro«, fuhr Huascar fort, »das Reich kennt deine Tugenden und
zweifelt nicht an der Aufrichtigkeit deiner Worte: Aber erinnere dich
der freundschaftlichen Anerbietungen, welche deine Gefährten von dem
unheilvollen Augenblicke an machten, da sie diesen Boden betraten;
erinnere dich ihrer ganzen Geschichte und der blutigen Auftritte, die
wir durchgangen haben, und du weißt wohl, daß wir unsere Waffen nicht
ablegen und auf neue Versprechungen hoffen können.«
»Nein, Peruaner, ich verbürge das Abkommen, mein Degen haftet euch
für dessen Heiligkeit und dessen Erfüllung.« »Sprich, würdiger Sohn
der Sonne, Abgott des Reiches,« brach eine unbekannte Stimme in der
Versammlung aus.
»Die von fernen Himmelsstrichen, wo die Sonne aufgeht, hieher
gekommenen Spanier,« fuhr Almagro fort, »haben ihrer Arbeitsamkeit und
ihrem Glücke eine wenn nicht gefühlvollere Seele als die eure, so doch
einen erleuchteteren und vielleicht kräftigeren Verstand zu verdanken.
Ihr werdet es bemerkt haben, unser Verstand und unsere Arme haben eure
zahlreichen Heere besiegt. Unser Herrscher, welcher über ausgedehnte
Länder gebietet, regiert ein ungeheures Reich, und wie der Hauch des
Allmächtigen, würde sein Hauch genügen, um euer Land zu begraben. Die
ewige Hand, welche dieses Weltall regiert, das euch mit Bewunderung
erfüllt, ertheilte auch uns ihre Gaben und bot uns die unaussprechliche
Glückseligkeit an. Jesus Christus, der Sohn Gottes, stieg in Gestalt
eines Menschen auf die Erde hernieder und sterbend am Kreuze
offenbarte er uns Geheimnisse, setzte uns mit Wundern in Erstaunen
und hinterließ uns, um die ewige Seligkeit zu erlangen, den Glauben
und die Taufe. Vielleicht wird eure Vernunft diese tiefen Geheimnisse
nicht durchdringen; wenn ihr aber den Gott der Spanier anbetet, wenn
ihr Vasallen ihres großen Herrschers seid, werden die Kriegsrohheiten
aufhören und eure Brüder werden euch bereitwilligst erleuchten, sie
werden euch auf den Weg des Heiles bringen und werden euch glücklich
machen.«
Ein tiefes Stillschweigen herrschte in der Versammlung, während Almagro
sprach, bis daß Huascar von Neuem ausbrach: »Großmüthiger Spanier, wenn
deine Gefährten deine Tugenden hätten, wären wir eure Brüder und es
flösse kein Blut, noch flöge die Zerstörung umher. Wir anerkennen die
Ueberlegenheit eures Verstandes, eurer Fortschritte, und bereitwillig
werden wir euch auf Kosten der Schätze, welche diesen Boden bedecken,
nacheifern. Doch sieh die leuchtende Sonne an, wie sie so erhaben in
Mitten des Firmamentes glüht; durch sie entstehen die Blumen und
wachsen die Früchte; ihr Licht belebt das Weltall und beseelt die
Menschen; sieh, wie unglücklich die Welt ist, wenn sie sich in’s Meer
vergräbt und uns der Finsterniß überläßt. Die Pflicht, die Dankbarkeit,
das hehre Beispiel unserer Vorfahren, unsere Vernunft, Alles stellt sie
uns unsern Augen als das erste Wesen der Welt vor. Jene unschuldige
Anbetung hat die Glückseligkeit dieser Regionen ausgemacht und ihre
Verlassung dem Tode vorzuziehen, wäre das schwärzeste Verbrechen. Wir
kennen euren Gott nicht, wir haben nur die entsetzlichen Scheiterhaufen
gesehen, worauf die Unglückseligen, welche euren Cultus nicht umarmt
haben, ihren Geist aushauchten. Wir haben das Blut unsere Felder
überfluthen sehen, wir haben eure Meineide gesehen, und die Qualen und
die Flammen sind uns ein Bett von Blumen, ehe wir es an unsern frommen
Glaubenslehren fehlen lassen. Wenn ihr Frieden wollt, wird der erste
Artikel die Unverletzlichkeit unserer Tempel und unserer staatlichen
Freiheit sein.«
Almagro inzwischen vergoß Thränen der Rührung und des Mitleids. »Der
Seligkeit würdig sind diese Seelen,« sagte er zu sich; »Jesus Christus
wird ihren Verstand erleuchten und ihnen seine Lehren offenbaren.«
»Gefühlvolle Peruaner,« wiederholte er, »ich stelle mich euch nicht
als ein Krieger und noch weniger als ein Eroberer vor, nur als ein
gefühlvoller Mensch, der euch liebt und euer Glück wünscht. Eure
Empfindsamkeit und eure Tugenden machen euch des irdischen Glückes und
der ewigen Seligkeit würdig; glaubt dem, der euch liebt, umarmt den
Glauben an Jesus, werdet Vasallen des großen Königs von Spanien, und
daß das Weinen und die Zerstörung aufhöre.«
»Mein ist, als Priester des Reiches, das Recht,« brach Vericochas aus,
»auf deine frommen Uebereinkünfte zu antworten, und das Volk und der
Senat werden vielleicht die Meinung des Priesters achten. Den Vater des
Tages verehrend, blühte das Reich Jahrhunderte lang, die Dankbarkeit
begeistert dessen Anbeter, aber das leuchtende Gestirn will in seinen
Söhnen die Ueberzeugung der Vernunft, nicht die Sprache der Lippen.
Wenn jener erhabene Gott, an den du glaubst, die Herzen der Peruaner
begeistert und die Vernunft sie ihrer Anbetung entreißt, mögen euch
eure Proselyten glücklich folgen, aber ebenso ruhig loben wir, die wir
seinen Wohlthaten niemals undankbar sein werden, in unsern Tempeln den
Gott, der die Tage entflammt. Peruaner, im Namen der Sonne verlange ich
von euch, daß, ehe wir ihn, wenn sie unsere Vernunft gefangen nehmen,
uns mit seinem finstern Zorne bedrohen sehen, ehe wir davon lassen, ihn
anzubeten, wir unter die Trümmer des Reiches versinken.«
Heftige Rufe leisteten von allen Seiten den Schwur, den Vericochas
verlangte, und Almagro erhob seine Hände zu dem wahrhaftigen Gott,
damit er diese Seelen aus der Götzendienerei herausrisse.
»Ich, als euer Herrscher,« rief Huascar aus, »stimme in Bezug auf
unsere staatliche Freiheit überein, und das Volk und die Priester
werden vielleicht meiner Stimme beipflichten. Entfernt von mir der
Ehrgeiz nach dem Oberbefehle, würde ich, um meinen Thron aufrecht zu
erhalten, niemals an meinem Vaterlande zum Meineidigen werden. Unsere
staatlichen Gesetze haben die Glückseligkeit unserer Vorfahren gemacht,
in unsern Gesetzen steht unser Glück geschrieben, und wenn wir die von
Osten Gekommenen in das Meer stürzen könnten, würde unser Blut den Baum
unserer Glückseligkeit begießen. Ich stimme für den Krieg: Beweinen
wir, um glücklich zu sein, nicht die Noth des Vaterlandes, das Grab
bietet uns eine ruhige Stätte an....«
»Nein, Huascar,« unterbrach ihn Almagro, »laß dich nicht von der
Tapferkeit und der Begeisterung hinreißen. Ich schwöre euch noch
einmal, wir werden euer Glück machen, wir wollen keine Sklaven, wir
wollen Brüder, wir wollen mit euch glücklich sein. Werft einen dichten
Schleier über das Vergangene, traut meinem Schwure.«
Ein greiser Rath erhob die Stimme und sagte: »Der Friede oder der
Krieg entscheiden das Schicksal des Reiches; wenn sich der Gesandte
zurückzieht, werden wir mit mehr Freiheit und Gelingen das Schicksal
unseres Vaterlandes entscheiden können.« Coya, welche in Mitten der
Rathsversammlung, bei der Erinnerung an die traurige Nacht, da sie, den
Cultus der Sonne verlassend, das Wasser der Taufe empfing, die Liebe,
die in ihrem Herzen brannte, noch die Unruhe, die ihre Seele verzehrte,
verbergen konnte, beeilte sich, Almagro einzuladen, daß er, in soweit
der Rath berathschlagte, nach ihrem Palast auszuruhen ginge. Der edle
Krieger, welcher sich, von seinem gefühlvollen Herzen hingerissen,
so sehr nach Frieden sehnte, den die Liebe zu Coya, das Glück, sie
zu sehen, einen Augenblick mit ihr zu sprechen, nach Cuzco getrieben
hatte, hielt den Augenblick, wonach sein Herz sich sehnte, für
gekommen, und der Jubel und das Lächeln erglänzten auf seinem Antlitze.
»Jedoch,« rief er eilig aus, »und meine Gefährten, die von euren Waffen
besiegt wurden, segnen sie eure Tugenden, kann ich sie in meine Arme
schließen?«
»Ja, Almagro,« erwiderte Huascar, »in Ausübung ihres Cultus sind sie,
mit Menschenwürde behandelt, weder zu harten Sklavendiensten verdammt
worden, noch haben sie weder Dolch noch Scheiterhaufen dem Glauben an
Jesus entrissen, um den Gott des Tages anzubeten.«, »Oh! herrliche
Seelen! Ich schwöre euch von Neuem meine Liebe zu; mein Degen wird
das Bollwerk eurer Freiheit sein. Jesus Christus wird euren Verstand
erleuchten und vielleicht werdet ihr eines Tages die von Osten
Gekommenen segnen,« sagte Almagro, und gefolgt von Coya und einem
zahlreichen Volke, ging er aus dem Senat, um sich den Liebkosungen der
reinsten Liebe zu überlassen.
Coya, eine Abkömmlingin der Inkas, Tochter der Sonne und Prinzessin des
Reiches, hatte einen einfachen, mit prächtigen, tausendfarbigen Federn
verzierten Palast, mit Decken und Fußböden von Gold. Dahin geführt,
warf sich, ohne weitere Zeugen als glänzendem Gefolge, welches die
fernen Thore und die Räumlichkeiten der Säle bedeckte, Almagro mit vor
Liebe entflammtem Herzen, und in den Blicken Coyas brennenden Blicken,
wie von einem Strome, von einem Sturmwind hingerissen, zu Füßen Coyas,
indeß Coya ihren edeln und großmüthigen Geliebten mit ihren Thränen
benetzte.