des Taumels zurück, und schritt, um sich mit seinen Gefährten zu
vereinigen, zur endgültigen Inangriffnahme seiner Pläne. Ocollo,
die den Erfolg vernahm, überließ sich dem tiefsten Schmerz und
den heftigsten Thränen. »Ich,« wiederholte sie, »soll mich den
barbarischen Liebkosungen deines Zerstörers hingeben, und soll dich
das Verbrechen, deinen Gott und dein Vaterland zu verrathen, beweinen,
oder dein Blutgerüst sehen....« Und ihr Angstgeschrei drang bis zum
Himmelsgewölbe.... Augenblicklich gewahrte man im Lager die unverhoffte
Veränderung, die sich wie ein Lauffeuer der Stadt mittheilte. »Der
Loskauf ist grausam übertreten worden,« war der allgemeine Ruf, der
in Cajamalca und im Heere ertönte.... Vericochas und Huascar hatten,
obschon sie nicht im Vertrauen schliefen, ebensowenig einen so
verhängnißvollen Ausgang erwartet, und sie marschirten, wenngleich
sie die Gefahr kannten, welche sie bedrohte, auf Pizarros Zelt zu
und offenbarten ihm ihr Erstaunen; aber der Eroberer ertheilte
unabänderliche Befehle.
Sehnsüchtig suchte Coya ihren Almagro, indem sie ihn einen treulosen
Verführer nannte.
»Ja, du und deine Gefährten,« sagte sie zu ihm, »seid Söhne des
Verbrechens. Warum hast du deine Liebe an ein unschuldiges Herz
verrathen? Warum hast du mich dem Cultus dieser Gottheit, welche ich
anbete, entrissen, um das Glaubensbekenntniß an einen Gott abzulegen,
der die Bösen beschützt? Ah! wenn wir eure vernichtenden Waffen hätten,
ihr müßtet entsetzt in euer höllisches Klima fliehen, wir entrissen den
Inka euren Armen und das leuchtende Gestirn würde wieder ruhig glänzen!«
»Nein, geliebte Coya....«
»Grausamer, und du wagtest noch von Liebe mir zu reden! Dein Bild hab’
ich bereits aus meinem Innersten gerissen, worinnen es wie ein Vulkan
erglänzte auf beschneiten Gipfeln.«
»Höre mich, Coya, und vielleicht verdiene ich dein Mitleid. Ich bin
gefühlvoll wie wenn ich in diesem Reiche geboren wäre, ein günstiges
oder widriges Schicksal aber hat mich unter meinen Gefährten auf diesen
Boden geführt. Ich sah dich, liebte dich, vergötterte dich, und umsonst
hätte ich ihnen meine Liebe verbergen wollen; sie wußten, daß in dem
Herzen eines Geliebten niemals ein Geheimniß mit seiner Angebeteten
Platz hatte, und behutsam verbargen Luque und Pizarro ihre Pläne vor
mir; noch habe ich etwas über die Mittheilungen mit unserm Kaiser
gewußt; nichts, Coya, noch habe ich, da ich mich mit deiner Liebe
begnügte und deine Liebe mein Weltall war, etwas zu erfahren versucht.«
Coya, welche niemals die Leidenschaft, die ihr Almagro eingeflößt
hatte, zu ersticken vermocht hätte, fühlte beim Anhören seiner
Betheuerungen ihren Zorn schwinden, und süße Thränen, die gegenseitig
an ihren Wangen herunterirrten, bewiesen die Arglosigkeit der beiden
gefühlvollen Seelen.
Das feindliche, unter Waffen stehende Lager nahm einen bedrohlichen
Anblick an; Atahulpa hielt seine Ruhe aufrecht: Er stieß tiefe Seufzer
aus, und Vericochas und Huascar flogen unermüdlich von Pizarros Zelt
zu dem des Inkas und bemühten sich umsonst, Vergleiche herbeizuführen.
Von den Pflichten als Vasall, von seinem Ehrgeiz, seiner Liebe und
seinem Fanatismus getrieben, konnte Pizarro in Nichts von den zuletzt
vorgeschlagenen Bedingungen nachlassen. Atahulpa vermochte weder den
Liebkosungen Ocollos zu entsagen, noch sein Vaterland, noch seinen
Gott zu verrathen und der Austrag der Unterhandlungen konnte nur ein
grausamer Abbruch sein.
Vergebens flehte Ocollo, in einen Thränenstrom gebadet, vielleicht zu
Füßen Pizarros knieend, sein Erbarmen an und bejammerte ihre Leiden.
»Wenn es gewiß ist, daß du mich liebst, werden meine Seufzer deine
Brust durchdringen und dein Mitleid regen. Du weißt es, du, der du von
einem mächtigen Gott abstammst, du weißt, daß Schwüre heilig sind, und
ich habe vor diesem Gott, der uns erleuchtet, meine Liebe Atahulpa
zugeschworen. Ueberbringe dieses kostbare Gold dem König im Osten,
aber laß diesem unglücklichen Reiche seinen Frieden und seine Wonne.«
»Ocollo,« wiederholte Pizarro, »ich bitte dich und bitte den Inka, wenn
ich dich seinen Armen entreißen, wenn ich diese schwachen Besitzungen
mit Feuer und Schwert überziehend, sie das Kreuz anbeten und sich vor
der Macht des Königs im Osten niederwerfen lassen könnte.«
Alles war umsonst, als der edle Almagro majestätischen Schrittes sich
seinem Gefährten näherte.
»Pizarro,« sagte er in strengem Tone zu ihm, »ich hatte dich bereits
gewarnt, daß ich eure Zurückhaltung kannte, aber niemals hätte ich
geglaubt, daß meine Gefährten ein überlegtes Verbrechen zuließen.
Wenn ihr unsere Pflichten nicht damit für erfüllt hieltet, dem König
von Castilien die Schätze von dem Loskauf des Inkas darzubieten,
wozu schwurt ihr in Christi Namen, die hochheiligen Uebereinkünfte
zu bewahren? Nicht der Verwüstung halber suchen wir entlegene
Himmelsstriche auf; um Tributpflichtige der Krone Spaniens zu machen,
um die Völker aus der Dummheit herauszuziehen und das Evangelium zu
verbreiten, erschloß unser gnädige Gott uns die Wogen der ungeheuren
Meere und führte uns in diese entlegenen Himmelsstriche.«
»Die Fahne Christis,« wiederholte Pizarro, »soll auf den Trümmern des
Reiches wehen.«
»Verwüstend und Schrecken verbreitend, können wir wohl Tributpflichtige
des Königs von Castilien, aber keine Anbeter Jesus machen: Die Liebe
verleiht uns den sichersten Triumph. Was werden sich die unschuldigen
Indianer für einen Begriff von dem ewigen Gott der Gerechtigkeit
machen, wenn vor unsern Schritten Gewaltthat, Verbrechen, Ruchlosigkeit
einhergehen? Wie sollen sie das Christenthum umarmen, wenn Christen
ihre Zerstörer sind? Gieb den Inka frei, wir werden in seinem Reiche
bleiben, wir werden den Peruanern die süße Moral Jesus einflößen,
indem wir sie mit Kunst und Wissenschaft erleuchten, sie die Würde des
Menschen erkennen lassen und uns, zu ihrem Heil gereichend, zu ihren
Brüdern machen.«
»Du bist nicht mehr der kriegerische Almagro, du bist ein schwacher, in
den Armen der Liebe schlafumfangener Jüngling.«
»Ich bin der kriegerische Almagro, nicht der grausame Pizarro; ich bin
ein gefühlvoller Mensch, der das Verbrechen verabscheut, aber freudig
in Kampf und Tod geht.«
»Ich bin der Statthalter von Peru.«
»Ich umgürte das schützende Schwert der Unschuld.«
Schon zogen die beiden Krieger wüthend ihre Degen, als Luque, der nicht
weit davon dem erbitterten Streite zuhörte, mit einem Cruzifix in den
Händen dazwischen flog. Feuer sprühten die Blicke der beiden erzürnten
Spanier, aber als Luque (wir sind im sechszehnten Jahrhundert) das
Kreuz erhob, legten sie demüthig ihre Waffen, die Racheblitze sprühten,
nieder. Eine starre Betäubung folgte der Wuth und Luque überwand den
Zorn. »Euer Gott,« rief er aus, »wird so ein schwarzes Verbrechen nicht
verzeihen; er führte euch an diese Gestade, um die Anbetung des Kreuzes
auszubreiten, und böse, nur für schwache Leidenschaften empfänglich,
kreuzt ihr die Waffen, und die Götzendiener sollen lächelnd zusehen,
wie ihr, statt den Triumph Jesu Christis herbeizuführen, euch selbst
zerfleischt.«
Obschon das Zelt Atahulpas, von einer gewaltigen Wache umgeben, dem
Verkehr der Indianer offen blieb, und Atahulpa, Huascar und Vericochas
mit der größten Ruhe an die Rettung des Reiches dachten, erkannten sie
am Ende doch die traurige Zukunft, welche ihm vorbehalten war. Huascar
und der Priester fürchteten für den Inka, und der Inka zweifelte,
nur um die Zukunft seines Reiches besorgt, nicht, daß sein Schicksal
bereits entschieden war. Vergebens schlugen sie Pizarro verschiedene
Vergleiche vor, vergebens boten sie ihm unermeßliche Summen Goldes als
jährlichen Tribut für den König im Osten an, aber nimmermehr ihm Ocollo
auszuliefern und noch weniger den Sonnencultus aufzugeben.
Huascar sah, da es nicht genügte, alle Mittel, welche die Klugheit
gebot, zu erschöpfen, das Unabwendbare, zu den Waffen zu greifen, ein,
und er marschirte nach Cajamalca, um seine Krieger zu ermuntern und
ihnen zuvorzukommen. Trotz aller Politik Pizarros waren die Beziehungen
zwischen den Indianern und Spaniern viel zu rege gewesen, als daß am
Ende die Bewohner jener Gegenden nicht mit den von Osten Gekommenen
vertraut geworden wären, und als daß sie nicht einen Theil von jener
frommen Scheu, welche sie ihnen anfänglich einflößten, verloren hätten;
die Wirkungen der Feuergewehre und der Artillerie jedoch waren noch
außer ihrer Fassungskraft, der Knall des Schießpulvers war ihnen noch
immer unbegreiflich, und dennoch maßen die Eindringlinge ihre geringen
Streitkräfte mit der ungeheuren Macht des Reiches.
War es Ueberstürzung der Peruaner oder nicht, das Gold zum Loskaufe
auf den Lagerplatz herbeizuschaffen, so war es unter den Umständen,
zu denen man gekommen war, schon sehr schwierig, es, so sehr sie
auch Pizarro hiezu einlud, wieder wegzufahren, weil der große König
im Osten das Abkommen, ohne die Zusätze, welche wir angegeben haben,
nicht gebilligt hätte, und die Peruaner sich ebensowenig um solch einen
Schatz bekümmerten, der, so unermeßlich er auch für die Eindringlinge
wäre, dem Reiche ziemlich verächtlich war. Wie wir bereits angezeigt
haben, war alles Zustandekommen unmöglich. Pizarro hatte unter dem
Schutze von Atahulpas Namen einen großen Theil des Goldes des Reiches
in seinen Zelten vereinigt; seine Soldaten sehnten sich, da es dem
Anführer ebenfalls paßte, wenn es in den nahe gelegenen Colonieen
in Umlauf gesetzt würde und sein Ruf durch die ganze Welt flöge,
damit neue Auszügler seine Streitkräfte vermehrten, schon nach dem
Augenblicke, die neue Beute zu vertheilen, und Alles trug dazu bei,
daß man beim Schall von Trommeln und Trompeten eine Verordnung bekannt
machte, wonach man den Waffenstillstand für beendigt hielt, und, mit
alleiniger Ausnahme Ocollos, die in Begleitung von zehn Peruanern in
das spanische Lager gehen durfte, den Verkehr der Lager abschloß.
Zu allen Zeiten wird man die Rechte der Vernunft und der Gerechtigkeit
nicht in den Heeren zu suchen haben, Allen ist das Recht der Stärke
überlegen; aber im sechszehnten Jahrhundert, als der Papst Alexander
die Verleihung der neuen Festländer den jeweiligen Monarchen gab,
da politische oder nutzbringende Gründe der römischen Curie es so
verlangten; als Diejenigen, welche nicht an das Kreuz glaubten,
ungeheuer auf Erden waren, die mit Schwert und Feuer ausgerottet
werden mußten; als man die unschuldigen Bewohner der neuen Welt für
nicht einmal zum menschlichen Geschlechte gehörige Wesen hielt, machte
Pizarro eine seinem Jahrhundert überlegene großmüthige Anstrengung,
indem er veröffentlichte, daß der Waffenstillstand beendigt sei und die
Feindseligkeiten von Neuem ausbrächen, eine Großmuth, welche in der
Geschichte die unermeßliche Beute beschönigt hat, die ihnen die falsche
Kriegslist von dem Loskaufe einbrachte.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 13.
Atahulpa.
Nach dem Ausbruch der Feindseligkeiten und der Räumung des spanischen
Lagers war die dringendste Nothwendigkeit, zur Vertheilung des
Schatzes unter die Eindringlinge zu schreiten. Wir bitten hier den
Leser um Nachsicht, wenn wir einen im Tempel von Cuzco vorgefundenen
peruanischen Text buchstäblich wiedergeben und ihn von Neuem daran
erinnern, daß sich unsere Geschichte auf das sechszehnte Jahrhundert
bezieht. Die ersten Strahlen der Sonne ergossen sich über die Spitzen
der Anden, und Luque, mit den Zierden seines Gottes bekleidet und den
Namen Jesus anrufend und seine Gnade erflehend, las eine feierliche
Messe, um die Früchte der Ruchlosigkeit zu vertheilen. Der Gott der
von Osten Gekommenen ist ein nach Gold lüsterner Gott im Munde seiner
Diener.
Ohne Willens zu sein, uns über diesen gottlosen Text aufzuhalten,
sagen wir, um mit unserer Geschichte übereinzustimmen, daß man
zur Vertheilung des Schatzes schritt; daß man, einige kostbare
Manufakturwaaren für ihn aufbewahrend, gewissenhaft einen Fünftel
für den König von Spanien trennte. Uebermäßige Summen wurden unter
Pizarro und seine Befehlshaber vertheilt und erst noch jedem Soldaten
fünfzehntausend harte Thaler[4] gegeben. Nein, niemals hat die
Geschichte ein anderes Beispiel eines so schnellen durch Militärdienste
erworbenen Vermögens dargeboten, noch wurde unter ein so geringes Heer
so reiche Beute vertheilt.
[4] Peso fuerte = 5 Frs.
Es würde vielleicht scheinen, daß, nachdem der Ehrgeiz der Abenteurer
befriedigt war, sie nur daran dachten, sich in ihr Geburtsland
zurückzuziehen, aber Pizarro, welcher das Ergebniß, das die Vertheilung
und die frühere Beute sehr wohl haben konnte, voraussah, war staatsklug
genug, den Folgen vorzubeugen. Während er sie der Leichtigkeit des
Triumphes versicherte, rührte er ihren Ehrgeiz, indem er ihnen die
Schätze schilderte, welche Cajamalca und Cuzco bergen mußten, wenn sie
so leicht den des Lösegeldes Atahulpas zusammengebracht hatten, und
die Edelsteine, welche die Gebirge einschlossen und die Ströme mit
sich führten. Luque erinnerte sie unermüdlich mit Begeisterung an die
Pflichten der Anbeter Jesus, und die Seelen der Spanier erweiterten
sich bei der Betrachtung, daß sie die Fahne des Kreuzes auf den
Trümmern des Reiches aufpflanzen würden. Die Tapferkeit, der Ehrgeiz,
der Fanatismus, die Furcht vor der strengen Mannszucht Pizarros, trug
dazu bei, daß sich die kurze Abtheilung in Nichts zergliederte und daß
sie unverzagt in den Sieg zogen.
An ewige Kämpfe gewohnt, brachte Pizarro viele Tage in einer
Unthätigkeit zu, die er für beschämend hielt, und er sehnte sich nach
dem Augenblick, von Neuem den Degen zu schwingen, um sich die Lorbeern
aufzusetzen. Andrerseits gewahrten sie in der Stadt einen gewissen
kriegerischen Anblick, und sie zweifelten nicht, daß sie den Inka immer
noch zu retten beabsichtigten oder unter allen Umständen zum Bruche
kommen wollten. Die Spanier ihren Theils hofften ebenfalls, die Mauern
Cajamalcas zu Grunde zu richten, und der Krater des Vulkans erbebte
schon bei dem dumpfen Getöse des Feuers, das in seinem Innern brannte.
Luque, ein merkwürdiger Fanatiker, hatte, wiewohl umsonst, dem Inka
schon tausendmal die Vorzüge des Christenthums dargelegt, und als er
bereits zu erkennen anfing, daß es nicht möglich war, Atahulpa von
seinem falschen Glauben und von seiner Götzendienerei abzubringen,
bereitete er im Geiste den düstern Scheiterhaufen der Inquisition
vor, worauf er diese gottlose Seele dem Teufel überliefern sollte.
Pizarro und Luque gingen in ihren Entwürfen stets einig, weil, wenn
von fremdartigem Charakter, ihre Gemüthsstimmung dieselbe war. Zu
wiederholten Malen hatte der Diener Christis den General gebeten,
den Inka endgültig zu nöthigen, das Christenthum zu umarmen, und da
die Schätze von dem Loskauf gesichert waren, konnte nichts mehr die
Ausführung des Vorhabens verhindern.
Wirklich ging Luque im Namen Pizarros selbst in das Zelt des Inkas und
erklärte ihm feierlich, daß, wenn er nicht das Christenthum umarmte
und sich zum Tributpflichtigen des großen Königs im Osten erklärte, er
sich dem Ausspruch eines Kriegsgerichtes zu unterziehen hätte, der ihn
als Ketzer und als Majestätsverbrecher verurtheilen würde. Ruhig, aber
wehmüthig, hob Atahulpa die Augen zum Himmel auf und rief schmerzlich
aus: »Oh, du gerechter Gott! Und also wirst du dein Reich verlassen
und also werden die Gerechten seufzen!« Vergebens wandte Luque Bitten
und Drohungen an; der Inka antwortete, daß er bereits sein Schicksal
kannte, daß er sein Leben auf einem Blutgerüste aushauchen würde, daß
er aber niemals zum Verräther an seinem Vaterlande würde, noch zum
Abtrünnigen des leuchtenden Gestirns, das er anbetete.
Nachdem die Hartnäckigkeit des Inkas, welche mit seinem Plan so sehr
übereinstimmte, von Pizarro erfahren worden, befahl er, die vornehmsten
Offiziere seiner kurzen Abtheilung zusammen zu berufen, und in
voller Berathung wurde Atahulpa als Ketzer und Majestätsverbrecher
angeklagt. Soto, Benalcazar, Ojeda, Mendoza, Luque, Pizarro, alle,
alle verurtheilten sie ihn, den Unglücklichen, einmüthig zum Feuertode,
und einzig Almagro vertheidigte kräftig die Rechte der Unschuld und der
Gerechtigkeit. Der Widerspruch war heftig, aber der Tod des Inkas war
beschlossen und Almagro mußte nachgeben. Die Macht jedoch, welche das
Gerechtigkeitsgefühl in seinem Herzen hatte, und die Anerbietungen, die
er Coya machte, brachten ihn sogar dazu, seine Waffe zu ziehen und den
Bürgerkrieg in dem spanischen Lager anzufachen, weil er ebenfalls auf
Anhänger rechnete; aber Luque, wenn er im Namen des Himmels sprach,
erfreute sich einer zauberhaften Gewalt über die Seele Almagros, weil
er als Ritter des sechszehnten Jahrhunderts am Ende doch fanatisch war.
»Almagro«, sagte er zu ihm, »die Wege des Herrn sind unerforschlich,
er will es, und Atahulpa wird, wenn nicht durch die Wucht der
spanischen Waffen, so doch am Feuer der Strahlen, welche er über
dessen Haupt schleudert, sein Leben beendigen. Der Inka ist ein
verblendeter gottloser Ketzer, dieses ausgedehnte Reich gehorcht blos
den Einflüsterungen des bösen Geistes, und die Fahne Zions soll auf der
ganzen Erde wehen.«
Almagro gab endlich nach, der Fanatismus hatte von jeher mehr Gewalt,
als die Unschuld und Tugend; und der Rath verurtheilte, obschon
sich Almagro zu stimmen enthielt, den Inka zum Tode. Aber als
Majestätsverbrecher sollte Atahulpa sein Leben damit enden, erschossen
zu werden; doch Luque stritt das Opfer ab, und da man das Verbrechen
der Ketzerei noch für größer hielt, sollte er auf dem Scheiterhaufen
der Inquisition verbrannt werden. Wirklich wurde, welch’ ein Greuel!
der Urtheilsspruch: »Als Ketzer und Majestätsverbrecher soll der Inka
Atahulpa angesichts des Heeres verbrannt werden.« unterzeichnet.
Ocollo, welche die spanischen Zelte betreten durfte, damit Pizarro
seine unzüchtigen Blicke an ihr sättigen konnte, war es, die
die Mittheilungen zwischen Atahulpa und dem Rathe von Cajamalca
aufbewahrte, und die, um den Inka zu retten, vergebens ihr Wehgeschrei
bis zur Sonne erhob. Sie war eben daran, ihn in seinem Unglück
zu trösten, als der gefühllose Soto dem Herrscher von Peru das
Todesurtheil zu melden kam. Wer vermöchte die Lage und die Seufzer der
beiden unglücklichen Gatten zu schildern!
Vielleicht, daß die Betrübniß Ocollo Kraft verlieh, denn sie sandte die
traurige Nachricht nach Cajamalca, und flog, um Pizarro aufzusuchen.
In einem Meer von Thränen zu seinen Füßen knieend, flehte sie ihn bei
der Sonne und beim Kreuze an, sich ihrer Leiden zu erbarmen, an ihren
Qualen theilzunehmen und auf das Mitleid zu hören.... Pizarro jedoch
hob sie ruhig in seine Arme, »Du, Ocollo«, sagte er zu ihr, »du kannst
ihn retten«.
»So unauslöschlich, so heftig ist die Liebe, die du in mir
entzündetest, daß in dir allein seine Rettung liegt. Ergieb dich meinen
Schmeicheleien....« Zitternd betrachtete die Unglückliche den Helden
bald mit Entrüstung, bald warf sie sich ihm zu Füßen, bald war sie
in tiefer Betäubung ein Opfer heftiger Zuckungen. Alles war umsonst,
Pizarro in seiner Raserei war bei Thränen unempfindlich.
Ocollo kehrte nach dem Zelte Atahulpas zurück. »Nein«, sagte sie zu
ihm, »weder meine Liebe, noch meine Schwäche, noch mein Gott erlauben
mir, es an der ehelichen Treue fehlen zu lassen; es wäre denn, um mich
den barbarischen Liebkosungen Pizarros zu ergeben, so hätte ich die
Fesseln, die dich bedrücken, schon gesprengt«.
»Oh!« rief der Unschuldige aus, »und zitterst du nicht davor, diese
abscheulichen Worte auszusprechen.«
»Ja, Atahulpa, komm mit deiner Hand an meinen Busen, du wirst seine
Erregung sehen. Aber noch verdiene ich deine Liebe, noch bin ich
würdig, dich zu retten, gewähre die letzte Bitte. -- Ich werde mich
dem Unmenschen ergeben, werde deine Ketten brechen, und werde auf die
Spitzen der beschneiten Anden fliehen, und werde mich in die Fluthen
stürzen, und dort meine Schande begraben; aber ich werde Atahulpa
retten.«
»Gottlose,« rief der Inka aus, »und du erdreistest dich, mir so einen
schimpflichen Vorschlag zu machen!... Die Flammen sollen mir ein
Bett von Blumen sein.« Es war ein Jammern und Wehklagen, aber die
Tugendhaftigkeit flößte ihnen zeitweise Ruhe ein.
Pizarro, der vor Liebe brannte und der den edlen Stolz Atahulpas sah,
blieb, um sich an der Schönheit Ocollos zu ergötzen, kein anderes
Mittel, als die Gewaltthätigkeit übrig. Vor Raserei toll geworden,
in seinen Hoffnungen genarrt, würde er die Schöne mit Gewalt an sich
gerissen haben, wenn Luque ihm nicht in des Himmels Namen nachdrücklich
sein Verbrechen zu erkennen gegeben hätte. Doch die Augenblicke
entflohen und das Urtheil mußte, um sich des Inkas zu entledigen und
Cajamalca angreifen zu können, vollzogen werden. Auf Pizarros Befehl
ging Soto in das Zelt Atahulpas hinüber, um Ocollo hervorzuholen und
nach der Stadt zu führen. Soto sagte ihr blos, daß der General sie zu
sprechen wünschte, und der Inka erinnerte sie mit Bestimmtheit an die
hochheiligen Pflichten eines Weibes. Als er sie bereits aus dem Zelte
Atahulpas hervorgeholt hatte, schärfte er ihr auf das Genaueste ein,
nach der Stadt zu gehen, da es ihr bereits ebensowenig erlaubt war,
die Zelte der Spanier zu betreten. Die Schöne wollte in Mitten ihres
Taumels bald von Neuem zu Füßen Pizarros, bald an die Seite ihres
Gatten fliegen und auf seinem gleichen Blutgerüste sterben, bald brach
sie in gerechte Verwünschungen gegen die von Osten Gekommenen aus; aber
gefühllos bei den Qualen Ocollos, riß sie Soto heftig nach Cajamalca
fort.
Als Ocollo sich in der Rathsversammlung vorstellte und alle die
Einzelheiten des Urtheils des Inkas berichtete, glänzten Entrüstung und
Tapferkeit in den Augen der arglosen Peruaner, und sich zum Kampfe zu
rüsten und auf dem Schlachtfelde umzukommen, oder den Inka zu retten,
war der allgemeine Ruf, der in Cajamalca widerhallte. Coya hoffte immer
noch auf das Versprechen ihres Almagros, und sie flehte zu ihrem neuen
Gott, er möchte gerecht sein, damit sie ihn liebte.
Sowie Ocollo aus dem Zelte des Monarchen heraustrat, ging Luque, der
von seinem Fanatismus getrieben, dem Schuldigen mit dem heiligen
Abendmahl beistehen zu müssen glaubte, den Inka zu besuchen. »Der
Augenblick ist angelangt,« sagte er zu ihm, »dein Tod ist beschlossen
und das Urtheil ist unabänderlich.«
»Ich weiß es, Priester, ich bin bereit; ich bin unschuldig, ich war
gerecht und fürchte nichts von dieser strahlenden Sonne, die uns
erleuchtet.«
»Tausendmal habe ich dir dargelegt, daß die ewige Erlösung nur im
Christenthum zu finden ist, daß der höllische Geist dich in der
Ketzerei verblendet und daß der wahrhaftige Gott dir durch meinen Mund
befiehlt, in seine Arme zu eilen und die Götzendienerei aufzugeben.«
»Dieses erhabene Gestirn,« sagte er, die Sonne betrachtend, »ist der
wahrhaftige Gott, er verbreitet die Glückseligkeit über die Erde und
belebt das Weltall; jener ist mein Gott und jener wird meinen Geist
empfangen.«
»Halte dich an die Gnade Jesu Christis.«
»Dein Gott kann kein Erbarmen haben, da du sein Priester bist.«
»Wehe dir, Atahulpa, wenn du in Sünde stirbst.«
»Ich bitte dich darum, Luque, gehe zu deinen unmenschlichen Gefährten,
sage, sie sollen meine Hinrichtung vorbereiten, aber laß mich ruhig
sterben, plage mich nicht mit deinem düstern Fanatismus, bis ich meine
müden Augenlider schließe.«
»Du wirst als Ketzer in den Flammen sterben und in den Flammen wirst du
deine ewige Pein finden.«
»Mein Geist ist ruhig.«
Brüllend vor Wuth ging Luque und legte seinen Gefährten die gottlose
Hartnäckigkeit des Inkas, seine Lästerungen, seine Frevelthaten und
seine Ruchlosigkeit dar. Alle schwuren ihm ihren Abscheu zu und der
Scheiterhaufen wurde vorbereitet, um, wie Luque sagte, diesen Hund zu
verbrennen. Das spanische Lager stand inzwischen unter Waffen, wenn
aber Alle mit Entrüstung die Gottlosigkeit Atahulpas ansahen, so gab
es doch noch gefühlvolle und edle Spanier, welche die Ungerechtigkeit
seines Todes kannten und Almagro rechnete auf Anhänger.
Wohl wußte Pizarro, daß die Fackel der Zwietracht in seinem Lager
brannte, er verhielt sich aber klug und fuhr beständig in der
Ausführung seiner Pläne fort.