Die tiefste Ruhe herrschte in dem feindlichen Lager und im Heer der

Peruaner; das Interesse der einen wie der andern erforderte die genaue

Innehaltung des bei dem Loskauf Atahulpas vollzogenen Abkommens; und da

eine der Bedingungen der freie Verkehr zwischen den Lagern war, kamen

die Peruaner nach den Zelten der Spanier, und die Spanier zogen in

Cajamalca ein. Die wenigen Adeligen, die dem Blutbade in das Gefängniß

des Inkas entrannen, kamen beständig, um ihrem unglücklichen Monarchen

ihre Huldigung darzubringen, und das Volk und die Soldaten liefen, bald

um den Inka zu sehen, bald um die Söhne der Sonne, deren Anblick und

deren Waffen ihnen jedes Mal um so unbegreiflicher und geheimnißvoller

waren, zu bewundern, um die Wette, die Zahl der Hundert, welche die

Zelte betreten durften, voll zu machen. Pizarro jedoch gestattete

seinen Soldaten nicht, daß sie allzuhäufig nach Cajamalca gingen.

Ueberzeugt, daß seine größte Gaukelei darin bestand, wenn die Spanier

wie übernatürliche Wesen angesehen wurden, paßte es ihm nicht, daß die

Peruaner ihre menschlichen Schwächen in der Nähe sahen. So sehr haben

die Vorurtheile über das Schicksal der Völker entschieden! Flößten sie

doch, wenn einige Spanier, angethan mit ihren glatten Panzern, und

mit ihren großen, schwarzen Bärten prahlend, die Stadt betraten und

zu ihren fürchterlichen Waffen griffen, den einfachen Bewohnern einen

frommen Schauder ein, der ihnen zum Siege verhalf.

In so schmeichelhafter Ruhe ging es, indeß die Kundschafter Atahulpas

mit Blitzesschnelle die Provinzen des Reiches durcheilten, um das Gold

zum Loskauf zusammen zu bringen, in den feindlichen Lagern einige

Tage fort. Weder Vericochas, noch der tapfere Huascar hetzten die

Gemüther gegen die Spanier auf, und weder Pizarro noch die Seinen

gaben, indem sie emsig auf die ungeheuren Schätze warteten, den

geringsten Anlaß zu Klagen. Nur der unduldsame und fanatische Luque

konnte den Kultus des Reiches, noch dessen religiöse Lehre nicht mit

Gleichgültigkeit ertragen; er verbarg jedoch seine Intoleranz und fügte

sich den Augenblicken. Mit dem Kreuz und dem Gebetbuch munterte er

unermüdlich seine Gefährten auf, erinnerte sie beständig daran, daß

ihre erste Pflicht sei, den Glauben an Jesus Christus in der neuen

Welt auszubreiten, und daß, wenn es das Schicksal wollte, daß sie bei

dem schwierigen Unternehmen umkommen sollten, ihrer, den von Gott

Geliebten, in der andern Welt die ewige Seligkeit wartete. Oh! wann ist

jemals ein Heer von Fanatikern besiegt worden!

Täglich besuchte Ocollo, ihn mit schmeichelhaften Hoffnungen erfüllend,

ihren angebeteten Inka; und von dem höflichen Gebahren Pizarros

verführt, sann Atahulpa auf eine köstliche Zukunft, und fluchte nicht

einmal den von Osten Gekommenen. Pizarro, der sich bereits von Anfang

an für die Reize Ocollos empfänglich gezeigt hatte, stürzte sich

wider Willen von Tag zu Tag mehr in eine heftige Leidenschaft, welche

seinen Interessen schaden konnte. Es kam ihm wie eine Herabwürdigung

seiner Siege und seines Charakters vor, wenn er der Schönen seine

Liebe gestände und abgewiesen würde, und wie ein feuriger Vulkan,

der zu zerbersten droht, erstickte er sie in seiner Brust. Ocollo,

welche, voller Liebe zum Inka, die verborgene Leidenschaft Pizarros

weder wissen, noch sich einbilden konnte, erwiderte, ihre zärtlichen

Blicke ihrem angebeteten Inka zugewandt, dessen höfliches Gebahren und

dessen freundschaftliche Aeußerungen, und der Eroberer nährte seine

Hoffnungen, geliebt zu werden.

Seit seiner Gefangennahme ertheilte Atahulpa, obwohl in Gegenwart

der Wache habenden Officiere, die nöthigen Befehle und regierte das

Reich. Ruhig feierten die Sonnenpriester ihre prunkhaften Bräuche

und ihre unschuldigen Opfer, und die Gattin und der Gatte überhäuften

sich in der Stille mit süßen Liebkosungen, und Alles athmete Glück

und Frieden. Huascar jedoch, im Kriege auferzogen und wie von den

Göttern begeistert, wartete insgeheim die vollständige Bewaffnung und

Ausrüstung seiner Krieger ab und beobachtete so viel wie möglich die

Waffen der Spanier. Stets edel und tapfer, war sein Benehmen mit dem

Monarchen und mit dem Volke das Freieste; weit entfernt von dem Ehrgeiz

nach dem Oberbefehl, war die Liebe zum Vaterland seine Triebfeder,

und in seinem Herzen hatte die Treulosigkeit keinen Platz. Klug und

nachdenkend, hoffte Vericochas sehnlichst auf die Freilassung, und in

tiefem Schweigen hütete er sich sehr wohl, das Mißtrauen unter die

Sonnenanbeter zu verbreiten, und seine Befürchtungen kamen nur aus

seinem Herzen, um das Erbarmen des dem Reiche wohlthätigen Gottes

anzurufen. Er war kein menschenfresserischer Priester, er war ein

Diener Gottes des Friedens und Gottes des Lichtes.

Umsonst versuchte Almagro, ob seiner verzehrenden Leidenschaft

entbrannt, verstört und besorgt, seine Liebe vor den Augen seiner

Gefährten zu verbergen. War Coya in Cajamalca, war auch Almagro da;

durchstreifte sie die Flur, setzte Almagro seinem Pferde zu und folgte

ihren Schritten; begab sie sich in das Zelt Atahulpas, heftete Almagro

seine durchdringenden Blicke auf sie. Luque und Pizarro erkannten

das ganze Traurige, das eine so heftige Liebe ihrem Unternehmen sein

könnte, und sie handelten unter sich mit Zurückhaltung ihres Gefährten,

weil, wie Luque sagte, in dem Herzen eines Geliebten kein Geheimniß

Platz hat. Almagro durchschaute die Zurückhaltung seiner Gefährten

auch, aber zufrieden mit der Verehrung Coyas bat er sie weder um

Aufschluß, noch dachte er an die Eroberung von Peru.

Ebenso wenig war Huascar die Leidenschaft Coyas unbekannt, denn er sah

mit Wohlgefallen auf die entstehende Liebe, weil sicher dessen, daß es

die Peruanerin nicht an ihrer Ehre, noch an ihrem Gotte, noch an ihrem

Vaterlande fehlen lassen würde, sie in die Geheimnisse der Spanier,

welche für das peruanische Heer von nicht geringer Wichtigkeit waren,

eingeweiht werden könnte. Die beiden glücklichen Geliebten unterließen

keinen Augenblick, sich ihre Liebesbetheuerungen zu wiederholen, und

da ihre Liebe jedes Mal unauslöschlicher war, konnte sie bald nur

noch der Tod trennen. Manchmal überkam Almagro der traurige Gedanke

von der Ungleichheit ihrer religiösen Culte, und Coya bisweilen der

an die stumme Abwesenheit; im Augenblicke aber, da sie sich ansahen,

im Augenblicke, da die Sinne wirkten, schwieg die schwache Vernunft,

welche uns beim Antriebe erhabener Empfindungen stets verläßt.

Immer größer wurde das Entsetzen der die Zelte Pizarros betretenden

Peruaner, wenn sie die Artillerie, die Pferde und die Ausrüstung der

Spanier in der Nähe beobachteten. Aber die in Cajamalca einziehenden

Expeditionäre bemerkten die Schwäche seiner Mauern und seiner Gebäude,

die Einfachheit der Indianer und die Wahrscheinlichkeiten, die ihnen

den Sieg sicherten. Noch mehr zogen die unendlichen Schätze, die

sie in den Tempeln, in den Palästen und in den Häusern sahen, ihre

Aufmerksamkeit auf sich, und von Habgier entflammt, sehnten sie den

Augenblick herbei, wo beim Schalle der Kriegstrompete zum Angriff

geblasen würde. Ernst und strenge in der Mannszucht, veröffentlichte

Pizarro einen Erlaß, worin er jeden Anführer oder Soldaten, der das

Verbrechen des Raubes beginge, zum Tode verurtheilte. Obschon die

Gewaltthätigkeiten allgemein waren, machten die Indianer, immer

menschlich, dem Oberhaupte niemals Mittheilung von irgend welcher

Ausschreitung; aber Pizarro selbst sah einen seiner Soldaten, wie

er einer jungen Peruanerin den goldenen Zierrath entriß, womit sie

sich brüstete, und der Verbrecher wurde mit dem Tode bestraft. Wohl

wußte er, wie wichtig für ihn ein Soldat war, er sah aber auch das

Unerläßliche der Strenge und der Disziplin ein, und wie wunderbar es

für seine Feinde wäre, seine Unerbittlichkeit, und bei der Bewegung

seines gewaltigen Mundes, einen Sohn der Sonne, wie vom Blitze

getroffen, fallen zu sehen.

Dem Schuldigen wurde mit dem ganzen geistlichen Troste beigestanden,

und da das Ereigniß bis nach Cajamalca um sich gegriffen hatte,

ging ein ungeheures Volk auf das Feld hinaus, um der Hinrichtung

beizuwohnen. Es lag der Politik Pizarros daran, das Geleite, welches

den Schuldigen zu erschießen hatte, selbst zu befehligen, damit man ihn

für den Herrn hielt, der über die Blitze verfügte, und wirklich rief

er Feuer und das Opfer fiel, von Kugeln durchbohrt. Der Schrecken der

Peruaner war unerklärlich, als sie die Unerbittlichkeit Pizarros mit

seinen eigenen Waffengefährten sahen, und als sie sahen, daß bei seiner

Stimme und bei dem Knalle des fürchterlichen Strahles ein Sohn der

Sonne in das Nichts versank.

Dreißig Tage vergingen so in schöner Ruhe und die, um goldene

Geräthschaften zu sammeln, nach Quito, Cuzco, Potosi und andern Ländern

gesandten Boten kamen eben, mit dem kostbaren Metall beladen, in

Cajamalca an. Gewohnt, den Befehlen der Inkas blindlings zu gehorchen,

übergaben die Peruaner, obschon Atahulpa gefangen war, seinem Befehle

unterwürfig, das Gold aus den Tempeln und Palästen, mit der Hoffnung

beruhigt, ihren Monarchen wiederum, sein Reich regierend, in Freiheit

zu sehen; und das kostbare Metall floß in Strömen durch alle Theile

nach Cajamalca, und das rothe Metall riß den Untergang des Reiches mit

sich fort.

Stets unermüdlich in seinem Bekehrungseifer, predigte Luque allen

Indianern, die auf den Lagerplatz kamen, täglich von den Geheimnissen

und den Lehren des Christenthums; aber der Sonnencultus war in Peru

so alt wie das Reich und die metaphysische und auf dem Glauben

begründete Religion Jesus Christus entging dem spärlichen Scharfsinn

der Indianer. Der Sonnengottesdienst stellte sich ihnen unter einem so

einfachen System von Empfindungen vor, daß Luque vergebens inbrünstig

und begeistert das hochheilige Wasser der Taufe anbot. Andrerseits

predigten Vericochas und die übrigen Priester den Indianern mit

orientalischer Beredsamkeit über die falschen Glaubenslehren der

Eindringlinge, sie erinnerten sie an die wohlthätigen Eigenschaften des

leuchtenden Gestirns und an dessen göttlichen Einfluß, an das Leben

und an die Kraft, welche es in der Welt verbreitete, und was für ein

schwarzer Undank es wäre, ihm die Anbetung zu versagen.

Tapfer und artig, vereinigte Almagro alle seltenen Tugenden in sich,

welche einen Ritter des sechszehnten Jahrhunderts auszeichneten.

Die Liebe, die Tapferkeit und das Christenthum waren seine ersten

Eigenschaften, und der bloße Gedanke, daß Coya nicht auf den Pfad der

ewigen Seligkeit geführt würde, ließ ihn in Schwermuth versinken. Es

war schwierig, sie zum Christenthum zu bekehren, noch schwieriger

aber war es Almagro, sie nicht mehr zu verehren, oder sie, ohne daß

sie die heilige Taufe empfing, weiter zu lieben. Bei ihren öftern

Zusammenkünften erforschte Almagro unmerklich das Herz Coyas, die Liebe

flößte seinem Munde Ueberzeugung und Beredsamkeit ein und die Liebe

erschloß bei den Worten ihres Angebeteten das Herz der Schönen.

Bereits in einer ruhigen Nacht sollten sie sich am Ufer des sanften

Baches, der ihre erste Liebe belauschte, sehen, und Almagro hatte

Luque zum Voraus benachrichtigt, in jener Nähe zu sein, da vielleicht

ein Kind des Glaubens die heilige Taufe empfinge. Die Stunde des

Stelldicheins kam heran, die beiden Liebenden trafen sich und von einer

tiefen Schwermuth verzehrt, erweckte Almagro die Neugierde seiner

Angebeteten.

»Was wird dein Gesicht so bleich?« frug ihn Coya, »zweifelst du etwa an

meiner Liebe?«

»Nein, redliche Jungfrau, deine Liebe ist so unveränderlich wie die

Sterne; aber du selbst hast es gesagt, unsere Liebe werde ein schwarzer

Unstern sein.«

»Sprich, was für ein Geheimniß....«

»Höre, schöne Coya. Kaum schloß ich gestern zum Schlaf die Augenlider,

als mir mein Schutzengel in wunderbarer Gestalt im Traume erschien.

›Und so beleidigst du deinen Gott,‹ wiederholte er mit Donnerstimme,

›daß du eine Götzendienerin liebst! Fliehe vor ihren Liebkosungen und

fordere nicht den Zorn des allmächtigen Gottes heraus.‹«

»Und dein ungerechter Gott wird unsere unschuldige Liebe stören!«

»Ach, Coya, ihn nicht zu lieben, wäre ein Verbrechen, er ist der Vater

des Gottes, den du anbetest.«

»Die Sonne überschüttet uns mit ihren unermeßlichen Gaben und fordert

von uns nur unschuldige Opfer an Früchten, welche sie uns ertheilt, sie

fordert keine Herzensopfer von uns.«

»Du kennst die Macht der von Osten Gekommenen und wirst die Macht ihres

Gottes ahnen können. Ewig, allmächtig, unbegreiflich, beten wir seine

Rathschlüsse an und forschen nicht nach den Ursachen.«

»Es ist wahr, er muß sehr mächtig sein, seine Söhne sind unverwundbar

und schleudern Blitze.«

»Und wirst du ihn nicht lieben?...«

»Ja, ich liebe ihn auch, weil er dein Gott ist.«

»Und würdest du, deinen falschen Lehren entsagend, nicht das Wasser der

Taufe empfangen und dem Glauben an Jesus nachfolgen?«

»Nein, Almagro, auch die Sonne ist mächtig, sie ist der Gott meiner

Ahnen, der Gott meines Vaterlandes und ich bin ihre Tochter.«

»Und also, Coya, sprichst du den verhängnißvollen Beschluß unserer

ewigen Trennung aus? Mein Gott verbietet mir, eine Götzendienerin zu

lieben, und ich allein kann seine ewigen Rathschlüsse erfüllen.«

»Und so ein schwarzes Verbrechen und so ein barbarisches Opfer wird

dein Gott von einer Unglücklichen fordern?«

»Ich verehre dich, Coya; ich kann nur dein Bestes wollen, mir hat das

Schicksal gewährt, tiefere Wahrheiten zu durchdringen. Deine ewige

Glückseligkeit, Coya, hängt davon ab, ob du den Glauben deines Almagros

umarmst.«

»Es ist wahr, dir haben die Götter mehr Geheimnisse geoffenbart, dein

Gott ist, obschon ich ihn nicht kenne, mächtiger als der Meine; unsere

Liebe erfordert es, du befiehlst es mir, so werde ich denn das Wasser

der Taufe empfangen.«

»Oh! Bild der Götter, komm an mein vor Liebe und Dankbarkeit

entbranntes Herz....«

»Ein ewiges Geheimniß aber wird meine finstere Abtrünnigkeit bedecken?«

»Ja, ich schwöre es dir.... Hier wird der Priester unverzüglich sein.«

Almagro ging, um Luque aufzusuchen, der wenige Schritte entfernt seiner

wartete, und kehrte mit ihm an das Ufer des Baches zurück, den Coya mit

ihren Thränen vermehrte.

»Peruanerin,« sagte der Priester zu ihr, »ich werde über dein Haupt das

Wasser des ewigen Heiles ausgießen, wenn du vor diesem Gekreuzigten

schwörst, daß du an dessen ewige Allmacht, daß du an die Geheimnisse

und Glaubensartikel glaubst und seinen Namen anbetest.«

»So will es Almagro, ich schwöre es,« erwiderte Coya trostlos.

»Ewige Verdammniß, die Pein der Hölle,« sagte der christliche Priester,

»erwarten dich in der zukünftigen Welt, wenn du die Worte Jesus

Christus mißbrauchst.«

»Nein, Luque, quäle ihr betrübtes Herz nicht noch mehr; taufe sie im

Namen deines Gottes, denn so will es Coya, ich schwöre es dir,« sagte

der gefühlvolle Krieger zu ihm.

Endlich mit zum Himmel emporgehobenen Händen, auf die Kniee

niederfallend, empfing die Schöne das Wasser der Taufe und sagte das

Glaubensbekenntniß her, welches ihr Luque befahl.

Dann zog sich der Diener Gottes gegen die Zelte zurück und Almagro

begleitete die unglückliche Peruanerin, welche, um nicht die

Aufmerksamkeit Vericochas, Huascars und aller Bewohner Cajamalcas

auf sich zu ziehen, ihren Kummer ein wenig gestillt und ihre Thränen

getrocknet hatte, bis nach der Stadt.

In dieser Nacht verzeichnete das Christenthum im Süden der neuen Welt

seinen ersten Sieg; die Prophezeihung der heiligen Schrift, welche

den Triumph des Kreuzes bei allen Religionen verkündigte, fing an, im

sechszehnten Jahrhundert glänzend an den Küsten zu erstrahlen, und die

herrlichen Tempel der Sonne erzitterten in jenem Augenblicke, wie wenn

sie von einem heftigen Erdbeben erschüttert würden.

[Illustration]

Kapitel 12.

Feindseligkeiten.

Die Kundschafter Atahulpas, welche, das zum Loskauf nothwendige Gold

vereinigend, das Reich durchzogen, langten endlich, ungeheure, nach der

Liste auf jede Provinz vertheilte Mengen mit sich führend, in Cajamalca

an; voller Ungeduld sehnten sich Alle nach dem Augenblick, um den das

Zelt bis zu der übereingekommenen Höhe zu füllenden Bedarf beisammen

zu sehen, und Alle trugen bereitwillig und emsig zu dem Zwecke bei,

und inzwischen schienen, wie wir gesehen haben, die feindlichen Lager

in der schönsten Eintracht zu sein. Ocollo trennte sich nicht von

dem Zelte ihres angebeteten Inkas, und sogar Huascar und Vericochas

hatten mit den feindlichen Befehlshabern häufige Zusammenkünfte und

berührten oberflächlich einige Punkte über Religion und Politik. Wie

ein Löwe, der hinter der scheuen Löwin her seine Mähne kräuselt, folgte

Pizarro erglühend den Schritten der schönen Ocollo, und von Tag zu Tag

entflammte mit um so größerer Heftigkeit die Flamme der Liebe, die in

seinem Herzen brannte und die den wachsamen Blicken Luques nicht gut

entgehen konnte.

»Erinnere dich, Freund, erinnere dich,« sagte er eines Tages zu ihm,

»daß du deinen König und Gott gröblich beleidigst, wenn du diese

Götzendienerin liebst. Die kolossale Macht des Thrones von Castilien

auszudehnen und die Anbetung des Kreuzes auszubreiten, bist du

an diese entlegenen Gestade gekommen, nicht um, wie ein schwacher

Jüngling, als Opfer der Liebe zu seufzen.«

»Nicht wie ein schwacher Jüngling, nein,« antwortete ihm Pizarro....

»Hier in meiner Brust fühle ich eine unauslöschliche Gluth, doch

fürchte nicht, daß ich mich seufzend zu Füßen dieser Undankbaren

niederwerfe, um ihre Gunst zu erflehen; der Eroberer von Peru wird sie

den Armen des Inkas, dem Heer der Peruaner zu entreißen wissen und die

Gewaltthätigkeit....«

Immer großmüthig, gestand Almagro den Gefährten seine feurige Liebe zu

Coya, er schilderte ihnen mit der ganzen Begeisterung eines entzückten

Geliebten ihre Reize und in seinen Vorsätzen und Aeußerungen athmete

die Menschlichkeit eines den Einflüsterungen göttlicher Liebe fühlbaren

Herzens. Er gestand seinen Gefährten offen, daß er die Zurückhaltung

kannte, mit der sie die Pläne zur Eroberung des Reiches ausbreiteten,

aber daß er ihnen völlige Freiheit ließe, da er bereits Coyas Herz

erobert hatte, das mehr als die Eroberung der ganzen Welt galt.

Das in Cajamalca vereinigte Gold belief sich auf unermeßliche Summen,

und der Rath glaubte, daß es genügte, das Abkommen bei dem Loskaufe

Atahulpas zu erfüllen. Sehnsüchtiger als irgend ein Mensch, seine

Freiheit zu erkaufen, befahl Atahulpa, es, sei es in Barren oder in,

wenn auch von mehr oder weniger künstlerischer Arbeit, dem Lande

eigenen Manufakturen, unverzüglich in das Zelt zu schaffen, worin er

gefangen war. Wirklich brachten unzählige Indianer das Gold für den

Loskauf herbei, und die sehnsüchtigen Blicke der Eindringlinge ruhten

auf einem Wunder, das die herrlichen Vorstellungen übertraf, die sie

sich von dem Lande gemacht hatten. Ein Tag um den andern fuhr die

Herbeischaffung mit der größten Thätigkeit fort und nahe, an tausend

Centner Goldes kamen in die Zelte Pizarros.

Unsere Leser werden nicht vergessen haben, daß das für den Loskauf

feierlich begangene Abkommen war, das Zelt des Inkas bis zu Mannshöhe

mit Gold zu füllen, und daß Pizarro das Gemüth des großen Königs im

Osten zur Annahme des Abkommens bewegen sollte, ohne dessen Billigung

es nicht endgültig bestätigt werden konnte. Sei es, daß die Peruaner

die Genehmigung des Herrn im Osten, vermittelst seines Abgeordneten

erlangt zu haben glaubten, sei es die brennende Angst des Inkas, sich

in Freiheit zu sehen, sei es die äußerste Liebe und Achtung, welche die

Peruaner zu ihrem Kaiser hatten, sicher ist, daß man voreilig und ohne

der Genehmigung des Königs im Osten nachzufragen, das Gold mit aller

Thätigkeit auf den Lagerplatz zu bringen anfing, indem man es, bis daß

es die verabredete Höhe erreichte, mehr oder weniger sorgfältig in dem

Zelte des Inkas unterbrachte; aber der Raum war zu beträchtlich und es

fehlte etwa noch ein Fuß hoch mit Gold anzufüllen.

Dem Loskauf gemäß brachte man das Gold zusammen, Pizarros

Aufmerksamkeitsbezeugungen mit dem Inka wurden immer kälter, und

er nahm eine, von dem bis dahin beobachteten Betragen sehr fremde,

überlegene Miene an. Gar bald gewahrte Atahulpa dieselbe, und

da er glaubte, daß sie von dem Fehlen des noch übrig bleibenden

Goldes herrührte, richtete er sich an ihn und sagte mit wirklich

unschuldsvoller Offenherzigkeit zu ihm: »Nein, fürchte nichts, Sohn der

Sonne, seinen Schwur zu brechen, ist in Peru das schwärzeste Vergehen,

und niemals werde ich den Zorn der Gottheit, welche ich anbete,

herausfordern. Wenn auch meine Loskaufssumme nicht voll ist, werden in

kurzem die Boten aus den entfernten Provinzen ankommen und du wirst

mehr Gold, als nothwendig, beisammen sehen.«

»Ja, Atahulpa,« gab ihm der Spanier ernst zur Antwort, »du und ich, wir

wollen unser Uebereinkommen gewissenhaft erfüllen; unglückseligerweise

aber ist, den eben erhaltenen Befehlen gemäß, mein Herr, der große

König im Osten, nicht in allen Theilen damit einverstanden. Seine

strengen und unabänderlichen Befehle versagen dir die Freiheit, außer

du bekennest dich zu seinem Tributpflichtigen, und verlassest deine

barbarischen, frommen Ansichten und umarmest den Glauben an das Kreuz.«

»Und kann der große Herr im Osten!...« wollte der Inka in starrem

Erstaunen erwidern.

»Er ist mächtig und kann Alles, ihm unterwürfig, gehorche ich seinen

Befehlen.«

»Und das angehäufte Gold?...«

»Ist dein,« bestätigte ihm Pizarro, »du kannst darüber verfügen, aber

die siegreichen Waffen meines Königs und Gebieters werden es schon in

deinen Palästen und in den Tempeln deiner verfluchten Götzen holen.

Ich für meinen Theil werde den Befehlen meines Königs nachkommen, und

ich fordere nur von dir, daß du, den Liebkosungen der bezaubernden

Ocollo entsagend, mir eine so große Schönheit überlässest, wonach ich,

vor Begierde brennend, trachte.... Die Befehle des Herrn im Osten und

Pizarros sind unabänderlich, denke an deine Rettung.«

Man kann sich die tiefe Betäubung, in welche der Inka versunken war,

wohl denken, aber nicht erklären. Als er bereits den Augenblick, seine

Freiheit, seinen Thron, die Liebkosungen seiner Schönen wieder zu

erlangen, gekommen glaubte, hört er die Donnerstimme Pizarros, welche

alle seine trügerischen Einbildungen mit sich fortreißt. Aber Atahulpa,

der Sohn von zehn Inkas, der Sohn der Sonne, der Herrscher des Reiches,

der beleidigte Mann, kehrte bald wieder zu der dem Unschuldigen eigenen

Ruhe und Würde zurück. »Ja, Pizarro,« sagte er zu ihm, »ich weiß

meine Lage, erfülle die Befehle des Kaisers im Osten, aber halte mich

nimmermehr für einen Schwächling, noch Verbrecher.«

»Nimm meine Bedingungen an und du wirst der bevorzugte Vasall des

großen Königs, Karls V., sein und deine ewige Erlösung finden.«

»Ich, Tributpflichtiger eines räuberischen Königs und Anhänger eines

Gottes, den ich nicht kenne, dessen Söhne *ihr* aber seid!!...«

»Gotteslästerer, erzürne nicht die Strahlen, die schon in seiner

Rechten zucken.«

»Einst, eines Tages, hielt ich dich für einen Sohn der Sonne und für

meinen Bruder; aber nein, du stammst nicht von der Sonne, du wirst von

der schwarzen Hölle stammen.«

»Ich gebiete den Strahlen, ich bin unverwundbar. Fordere nicht meinen

Zorn heraus.«

»Ruhig kann ich deine Anmaßung beschimpfen.«

Die Eroberung von Peru · 第 6 / 17 段