gaben sich die Eindringlinge, ohne Furcht, angegriffen zu werden,
in Mitten ihrer üppigen Beute der Schwelgerei und dem Lachen hin,
und unverzüglich schritt man, gewissenhaft einen Fünftel für den
König von Spanien bei Seite legend, entsprechend den militärischen
Abstufungen zur Vertheilung so großer Schätze, und nach den besten
peruanischen Texten entfielen auf jeden einfachen Soldaten Beträge von
fünfzehntausend Duros.[3] Der Lärm und die Fröhlichkeit ertönten in
einem mit dem Wehklagen der Verwundeten und den Seufzern Atahulpas,
und so zog die schweigsame Nacht bereits ihren Schleier ein und der
Morgenstern erhellte den Horizont.
[3] Span. Thaler = 5 Frs.
Der Inka konnte in den ersten Augenblicken seiner Gefangennahme,
in Mitten seines Erstaunens, kaum an einen so unerwarteten und
überraschenden Erfolg glauben; gar bald aber sah er die ganze
Entsetzlichkeit seines Schicksals ein und seine Niedergeschlagenheit
entsprach der Höhe, von wo er gefallen war. Pizarro, der die Vortheile,
welche ihm der Besitz eines so ansehnlichen Gefangenen einbringen
mußte, zu verlieren befürchtete, bemühte sich, ihn mit Liebes- und
Achtungsbezeugungen zu trösten, und andrerseits erklärte ihm Luque
bedächtig die Geheimnisse des Christenthums und ermahnte ihn, den
Heiland am Kreuze anzubeten. Aber der Inka bat ihn in Mitten seines
Entsetzens innigst, seine Ermahnungen einzustellen, da sie späterhin
mit Bedacht über den Gegenstand sprächen, weil jene Augenblicke
Gefühls- und nicht Verstandessache seien.
Pizarro indessen befahl seinen Soldaten, den Kaiser mit aller der einem
so hohen Gefangenen gebührenden Aufmerksamkeit zu behandeln und zu
bedienen, und kaltblütig berechnete er die Vortheile, welche er durch
ihn aus einem ihre Herrscher vergötternden Volke ziehen konnte. Seitdem
sich Pizarro der Person Atahulpas bemächtigt hatte, hielt er sich für
den unumschränkten Herr des Reiches, er mußte sich aber noch so lange
verstellen, bis daß ihm die Zeit sein Verhalten bezeichnete. Endlich,
da er seinen Versprechungen nicht nachkam, triumphirte er, und trotzdem
er den frommen Schrecken kannte, den seine Ankunft im Reiche verursacht
hatte, konnte er doch nicht voraussehen, wie sich die Peruaner
verhalten würden, und umsonst mochte er unter hundert Vermuthungen
seinen Feldzugsplan entwerfen.
Das war der Zustand des feindlichen Lagers, als sie, nachdem bereits
der Abend eingetreten war, ein kurzes und einfaches Gefolge aus der
Stadt herausgehen sahen. Die schwachen, von einem unermeßlichen Volke
gekrönten Mauern Cajamalcas zeigten die Erregung seiner Bewohner und
die Wichtigkeit der Abordnung, worauf sie ihre Blicke hefteten; und
Pizarro durchschaute alsbald, daß dieser Schritt ihm großen Aufschluß
für seine Absicht geben würde. Wirklich kamen Ocollo und Coya mit einem
kurzen Gefolge aus der Stadt heraus und lenkten ihre Schritte nach
dem Lager der Eindringlinge. Aus einiger Entfernung sandten sie eine
Botschaft an Pizarro, indem sie um Erlaubniß baten, ihn sprechen zu
dürfen, was ihnen alsbald gewährt wurde, worauf sich die Peruanerinnen
dem Lagerplatze näherten.
Nichtsdestoweniger überraschte es ihn, daß nur zwei schöne Frauen
der Abordnung vorstanden, worauf, wie er glaubte, das Schicksal des
Reiches beruhte; aber er verbarg sein Erstaunen während eines einzigen
Augenblicks, als Ocollo zögerte, sich ihm vor die Füße zu werfen. »Sohn
der Sonne«, rief sie aus, »welches ist das Schicksal Atahulpas, lebt
dein Bruder, der Inka, noch?« Verwirrt hob sie Pizarro vom Boden und
sagte zu ihr: »Er lebt noch, schöne Peruanerin, er lebt noch, und noch
ist es Zeit, um ihn zu retten; stille deine Erregung.« Almagro heftete
seine Blicke auf die göttliche Coya: Er fühlte die Liebe, welche sie
ihm bereits eingeflößt hatte, immer heftiger entbrennen, und in tiefer
Betäubung wahrte er das beredteste Stillschweigen. Coya durchdrang die
Seele Almagros; arglose jungfräuliche Schamröthe erglänzte auf ihren
Wangen, und die Flamme der reinsten Liebe loderte in ihrem Herzen.
Durch die tröstenden Worte Pizarros wurde Ocollo wieder beruhigt und
sie bat ihn inständig, er möchte ihr erlauben, mit dem Monarchen zu
sprechen. Sie sagte ihm ausführlich, wer sie war, die Liebe, welche
sie zum Inka hatte, daß der Inka sie verehrte und die Zufriedenheit,
welche ihm ihr Anblick verursachen würde; aber von seiner Freilassung,
noch von dem Zustande Cajamalcas und des Reiches sagte sie ihm
nichts. Pizarro sah die Schönheit und Reize Ocollos nicht mit
Gleichgültigkeit; wenn auch ehrgeizig und stolz, war er am Ende doch
ein Mensch und der Liebe empfänglich. »Ja, Ocollo«, sagte er zu ihr,
»du kannst den Monarchen, den glücklichen Sterblichen, der sich deiner
Reize erfreut, wohl sehen....« Und die Augen des Kriegers funkelten,
ohne ihren rohen Stolz zu verlieren, vor lauter Liebe. Er befahl, sie
in das nahe Zelt der Inkas zu führen, trug aber der Wache auf, daß
sie nicht von deren Seite wiche, bald damit sie keine Liebkosungen
austauschten, auf die Pizarro schon neidisch war, bald damit Atahulpa
keine wichtigen Mittheilungen machte.
Almagro und Coya seufzten, von der Liebe, die sie im Innersten ihres
Herzens verbargen, bedrängt; aber von hundert Zeugen umgeben, war es
ihnen nicht möglich, ihre Schmerzen zu beklagen, noch ihre Leidenschaft
auszulassen. Almagro jedoch benutzte einen Augenblick und sagte zu
Coya, daß, wenn sie diese Nacht mit einigen Regimentern auf das Feld
hinausginge, er die Flur durchstreifen und sie sehnlichst suchen würde,
um ihr wichtige Geheimnisse zu enthüllen. Die Schöne durchschaute
Almagros ganzen Gedanken, sie nahm die Bestellung an, und die Stille
schien in diesen beiden beunruhigten Herzen einzukehren.
Ocollo wurde an das Zelt des unglücklichen Inkas geführt, der
unter einer zahlreichen Bewachung seufzte, und als sich die beiden
Ehegatten sahen, liefen sie, von einem höhern Antrieb, als ihrer
Niedergeschlagenheit und ihrer Gefahr, hingerissen, sich an einander
zu schmiegen. Trotz der sie umstehenden Spanier und Peruaner
schmiegten sich ihre Herzen zärtlich aneinander, und ihre brennenden
Lippen schlossen sich in hundert Liebesküssen. Lange Zeit herrschte,
ähnlich der Windstille der Wogen nach schweren Gewitterstürmen, in
dem Zelte und im Lager der Sieger ein tiefes Schweigen; reichliche
Thränen benetzten die unschuldigen Ehegatten, und die Liebe, die
Freude und großes Herzeleid glänzte auf den Gesichtern und lähmte
die Lippen. Ocollo brach endlich das Stillschweigen, indem sie den
Inka mit süßeren Liebkosungen als die Luft an heißen Sommerabenden
tröstete, und Atahulpa frug nach seinen Edlen und seinen Kriegern,
und jedes Mal, wenn ihm gesagt wurde, daß einer auf dem Schlachtfelde
von Cajamalca getödtet worden sei, wandte er die Augen zur Sonne
und rief geängstigt aus: »Gott des Lichtes, und du willst noch, daß
ich lebe.« Ocollo versüßte seine Leiden, sie berichtete ihm die
Aufmerksamkeitsbezeugungen, womit Pizarro sie empfangen hatte, sie
wiederholte ihm die Liebe seiner Unterthanen und den Auftrag, den sie
vom Rathe mitbrachte, seine Freiheit um jeden Preis zu erwirken.
Der Inka, der gesehen hatte, wie man ihn der Schätze beraubte, womit er
geschmückt war, der gesehen hatte, wie man den Leichen die Edelsteine
entriß, welche sie bedeckten, der den Ehrgeiz der von Osten Gekommenen
befühlt hatte, faßte begründete Hoffnungen, auf Kosten von Schätzen
seine Freiheit zu erkaufen. Als Ocollo und der Inka bereits ein wenig
ruhiger geworden waren, kam Pizarro an das Zelt heran und erfüllte mit
seinen gewohnten Achtungsbezeugungen die beiden bekümmerten Seelen mit
Hoffnung. Atahulpa sagte ihm, daß sie ihn insgeheim sprechen müßten,
und der Spanier befahl denen, die sie umgaben, sich zurückzuziehen
und flößte ihnen Freiheit ein, damit sie ihm vertrauensvoll ihr Herz
eröffneten.
Das Wohl des Reiches, sagte der Inka zu ihm, beruht einzig darauf,
daß der Monarch wieder zu seinem umtrauerten Throne zurückkehrt.
Ich und mein Volk schlagen einen, deiner und des großen Herrn im
Osten, würdigen Loskauf vor. Wenn du dem Herrscher Perus die Freiheit
giebst, füllt man dir dieses Zelt bis zu Mannshöhe mit Gold. Trotz den
großartigen Begriffen, welche Pizarro von dem Reichthum Perus hatte,
mochte ihn nichtsdestoweniger ein so herrliches Angebot verwundern
und überraschen; das Zelt war zweiundzwanzig Fuß lang und dreizehn
Fuß breit, die Summe war ungeheuer, und Pizarro zögerte, obwohl er
immer zum Inka sagte, er müsse die Bestätigung des Königs im Osten
abwarten, dessen Gemüth wohl ebenfalls zur Annahme hinneigen würde,
keinen Augenblick mit dem Zugeständniß eines Lösegeldes, das seinen
Ehrgeiz erfüllte. Er ging zu seinen Gefährten, theilte ihnen das
unermeßliche Angebot mit und sie freuten sich schon sehnsüchtig auf
den Augenblick, die Schätze der neuen Welt zu vertheilen, und Ocollo
und Atahulpa gaben sich, als sie sahen, daß sie um den Preis eines
blassen Metalles von Neuem zu den zärtlichsten Liebkosungen und zu dem
stillen Glück zurückkehren würden, den reinsten Fröhlichkeitsergüssen
hin. In Begleitung Luques kehrte Pizarro nach dem Zelte zurück und sie
kamen überein, die Feindseligkeiten einzustellen und das Gold in den
Zelten zusammenzubringen, bis daß Pizarro von seinem Herrn, dem König
im Osten, die Bestätigung des Abkommens empfinge, ohne dessen Gutheißen
er nicht für sich allein entscheiden konnte. Man versprach sich, da die
beiden Heere untereinander verkehren durften, überdies gegenseitig die
freundschaftlichsten Beziehungen, indem man den Auszüglern bis zu zehn
an der Zahl den Eintritt in Cajamalca gestattete und die Peruaner bis
zu hundert an der Zahl an die europäischen Zelte herankommen durften;
daß das Lager Pizarros mit Lebensmitteln zu versehen war und man in
jener Nacht den Sonnenpriestern gestattete, die Leichen, welche die
Flur bedeckten, zu begraben.
In der Hoffnung, seine Freiheit wieder zu erlangen, sandte Atahulpa,
vor Freude hingerissen, Boten nach Cuzco, Quito, Tititaka und andern
goldreichen Ländern, damit man, um den Preis seines Lösegeldes
aufzubringen, bald von den Tempeln, bald von den Palästen der Inkas,
alle Schätze sammelte und sie nach Cajamalca überführte; und Ocollo,
vor Lust und Freude aufathmend, zog nach der Stadt, um den Rath und das
Volk von dem glücklichen Erfolge ihrer Botschaft in Kenntniß zu setzen.
Von Neuem umarmte sie Atahulpa, der ein wenig getröstet blieb, und
da die Verbindung offen war, trennte sie nicht mehr die stumme
Abwesenheit. Almagro, mit seinen durchdringenden Blicken der schönen
Coya folgend, hatte mit ihr das Stelldichein wiederholt, und die beiden
Geliebten flehten die Nacht an, baldigst ihren schwarzen Schleier
auszubreiten. Die Bewohner Cajamalcas, welche auf den Mauern thronten,
zeigten die Ruhe, die im Lager der von Osten Gekommenen herrschte,
von glücklicher Vorbedeutung an und zweifelten, als sie Coya und
Ocollo zurückkommen sahen, nicht, daß die Sonne, welche das Reich den
ganzen Tag rein und schön erleuchtet hatte, ihre flehentlichen Bitten
anhörend, ihnen das Ende ihrer Leiden zu berühren gewährte. Schließlich
stellten sich die beiden Schönen dem Rathe vor; die Aeltesten des
Reiches und ein zahlreiches Volk hofften sehnlichst, das Ergebniß der
Botschaft zu erfahren, und als sie vernahmen, daß der Inka lebte, als
die Schönen die gegenseitigen Schwüre berichteten, welche Pizarro und
Atahulpa sich vor ihren Göttern geleistet hatten, herrschten Freude und
Jubel in den Umkreisen der Stadt; einfache Laute bewegten harmonisch
die nächtliche Luft, das Volk und die Krieger stimmten Freiheitslieder
an und die Priester erhoben göttliche Gesänge als Dankgebet zu ihrem
Gott, der sein wohlthätiges Licht über sie ergoß.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 10.
Leichenbegängniß.
Die Nacht hatte ihren düstern Schleier ausgebreitet, die glänzenden
Sterne sandten ihr spärliches Licht auf die Erde und schwarze Schatten
bedeckten, obschon in friedlicher Ruhe, den Horizont. Ocollo hatte
den Rath von dem mit Pizarro getroffenen Abkommen und demzufolge von
der Freiheit, worin die Priester waren, die Leichen der Peruaner zu
bestatten, verständigt. Vericochas verlor keinen Augenblick, um die
ehrwürdigen Sonnenpriester zu der frommen Feier zu versammeln, und das
bereits beruhigte Volk, das sich von Neuem auf die Verheißungen der
Söhne der Sonne verließ, fand sich in Trauergepränge im Tempel ein, um
ihre traurigen Stimmen mit dem Grabgesang der Priester zu vereinigen;
aber die schöne Coya nahm, obschon sie ihr geliebtes Vaterland innig
verehrte, in tiefe Betäubung versunken, kaum Theil an der allgemeinen
Zufriedenheit, welche in Cajamalca herrschte: Die dunkle, stille Nacht
folgte ihrem unveränderlichen Lauf, die Augenblicke verflogen und um
zwölf Uhr sollte sie ihren artigen Almagro sprechen. Die reinste Liebe
einer unschuldigen Jungfrau brannte in ihrem gütigen Busen und die
köstlichste Unruhe bekämpfte ihr gefühlvolles Herz.
Nachdem sich die Priester in dem Tempel versammelt hatten und das
Sinnbild des Mondes auf sehr reiche Bahren untergebracht worden war,
ertheilte Huascar die nöthigen Befehle, damit zehn Bataillone auf
dem Felde aufgestellt würden, welche das Gepränge des kriegerischen
Begräbnisses erhöhten, und wobei Coya die militärischen Bewegungen
leitete. Im Augenblick bereitete sich die Kriegsmacht vor; beim Tone
von Trauermusiken zogen sie aus der Stadt hinaus und stellten sich,
ohne Ueberstürzung, auf dem Felde, das der Schauplatz so großen
Schreckens gewesen war, auf. Der junge, herzhafte Almagro streifte,
von tausend Aengsten bewegt, im Lager der Spanier umher. Obschon
unter Blut und Greuel der neuen Welt auferzogen, hatte er ein edles,
gefühlvolles und großmüthiges Herz und Coya flößte ihm die reinste
unauslöschlichste Liebe ein. Mit Sehnsucht erwartete er die zwölfte
Stunde, um seine Angebetete zu sprechen, er befürchtete aber, seine
Liebe verschmäht und sie ihrer politischen Lage entsprechend zu sehen.
Im Lager Pizarros schlief indessen Alles ruhig und die peruanischen
Bataillone zogen zur Stadt hinaus und stellten sich auf der Flur auf.
Die Eindringlinge konnten im Augenblick den Zweck jener militärischen
Bewegung nicht begreifen und beim plötzlichen Schall der Trommel
machten sie sich über die Waffen her und zündeten große Scheiterhaufen
an, welche die Schatten der Nacht ein wenig erhellten.
Eine ungeheure Menge ging, die Priester begleitend und mit brennenden
Fackeln, welche in der dunklen Nacht wie schwermüthige Kometen
erglänzten, dem Sinnbild des Mondes, vorausgehend, aus Cajamalca
heraus; und ein dumpfes Gemurmel unterbrach die hochheilige Stille und
vermehrte die Scheu vor dem prunkvollen Aufwand. Alsbald erkannten die
Spanier, daß jene herrlichen Bräuche für die Bestattung der Todten
waren, sie verhielten sich aber beobachtend, um einer Kriegslist, die
sie bloßstellen konnte, vorzubeugen, und Almagro, der zwanzig Pferde
befehligte, ritt ohne Bedeckung aus, um die schöne Coya aufzusuchen und
sich vor ihre Füße zu werfen und ihr seine feurige Liebe zu enthüllen.
Von den ersten Stunden der Nacht an hatten viele Peruaner große
Gräben ausgegraben, die den Todten zum Begräbniß dienen sollten,
und der feierliche Traueraufzug erstreckte sich bis nach jener Art
von Verschlägen, um den noch Unbeerdigten eine Ruhestätte zu geben.
Einfache Weisen, aber von einer Macht, von einer zauberhaften
Erhabenheit, begleiteten die Stimmen zahlreicher Chöre, welche für
die Seelen ihrer verstorbenen Mitbürger heiße Gebete an ihren Gott
richteten.
Volk.
Lieblicher Aufenthalt des Todes,
In dessen Schatten kein Verbrechen wohnt,
Der Tugend heilig’ Lager fleht dich an,
In deinem Schooß die Tugend thront.
Priester.
Der Erd’ und Himmel du erleuchtest,
Gott, und gebietest weit und breit,
Zu dir flieht der Gerechten Seele,
Bei dir sucht sie Glückseligkeit.
Volk.
Wenn schon als Staub zur Erde du gekehret,
Entflammet dein Gedächtniß das Gemüth,
Dein Dasein schwand nicht wie ein Feuer,
Das in dem Aether nachts erglüht.
Priester.
Ewiger Gott des strahlenden Tages,
Wenn deine höchste Macht entweih’n
Schwächliche Menschen mit Verbrechen,
Mögst du den Sterblichen verzeih’n.
Volk.
Lieblicher Aufenthalt des Todes,
In dessen Schatten kein Verbrechen wohnt,
Der Tugend heilig’ Lager fleht dich an,
In deinem Schooß die Tugend thront.
Priester.
Der du das Erdenrund belebest,
Dem Boden spendest sein Gedeih’n,
Rufst du hinauf uns in den Himmel,
Mögest du uns barmherzig sein.
Volk.
Wenn schon als Staub zur Erde du gekehret,
Entflammet dein Gedächtniß das Gemüth,
Dein Dasein schwand nicht wie ein Feuer,
Das in dem Aether nachts erglüht.
Der Grabgesang ertönte schwermüthig und erhaben, die nächtliche Luft
bewegte die Flammen der Fackeln lieblich hin und her, ein sehnsüchtiges
und ununterbrochenes Schluchzen befeuchtete die heiligen Gräber und
Alles flößte einen unbegreiflichen, frommen Schauder ein. Erstaunt und
unbeweglich sahen die Spanier der religiösen Feier zu; Luque vielleicht
hob seine Augen auf zum Himmel, den er, beim Anblick des prunkhaften
Gottesdienstes, den die Peruaner Satan zollten, erzürnt glaubte, und
er dachte dort in seinem Sinne über die Rache nach, welche er dem
erzürnten Himmel geben mußte. Der Gott der Spanier war, wenngleich am
Kreuze gestorben, der Vater der Sonne und des Weltalls; Luque war sein
großer Stellvertreter in der neuen Welt und Luque hielt sich wegen der
Götzendienerei der Indianer dem Himmel für verantwortlich.
Es war nachts zwölf Uhr und Coya sollte ihren Almagro sprechen; sie
gab die nöthigen Befehle, und allein und von tausend trüben Aengsten
angefochten, marschirte sie nach dem östlichen Theile hin, woselbst sie
das Stelldichein verabredet hatten. Der edle Spanier irrte bereits auch
auf der Suche nach seiner Angebeteten auf dem Felde umher, und bald
trafen sich die beiden süßen Geliebten am Abhange eines friedlichen
Baches, der lieblich rauschend an einem frischen Ufer dahinfloß. Sie
erkannten sich und ein schmerzliches Zucken bemächtigte sich des
Spaniers und der schönen Peruanerin. Ein langes Stillschweigen folgte
der süßen Besorgniß, bis endlich Almagro das Schweigen brach.
»Schöne Coya,« sagte er zu ihr, »von dem Augenblick an, da ich deine
durchdringenden Reize sah, fühlte ich mit unwiderstehlicher Gewalt
deren ganze bezaubernde Macht. Hier, in meiner Brust....« und eine
heiße Thräne lief an seinen Wangen herunter.
»Ich habe meine Krieger verlassen,« antwortete ihm Coya, »auf daß du
mir die wichtigen Geheimnisse enthüllest, welche du mir angezeigt
hattest. Sprich also, die Nacht verfliegt, die fromme Feier ist bald zu
Ende und ich muß meinen Posten einnehmen; sprich Sohn der Sonne.«
»Ach Coya« (und er warf sich ihr zu Füßen), »ich liebe dich, ich bete
dich an, du hast mein Herz bezwungen, hast meine Ruhe entrissen und
mich in die grausesten Qualen gestürzt. Hier in meiner Brust brennt ein
Feuer ewiger, unauslöschlicher Liebe; laß dich zum Mitleid rühren....«
»Steh’ auf, verlange nicht, daß meine Thränen auch mit den Deinen
fließen. In dem Augenblick, da die Priester ihre Gebete für die Seelen
so vieler Peruaner zum Himmel richten, entweihest du die Heiligkeit der
Nacht mit Liebesworten!«
»Verzeihe, o Coya! Meine Liebe ist so rein, so heilig wie dieser
Grabgesang, beleidige nicht die Sonne, welche du anbetest....«
»Und du liebtest mich und warfest dich mit deinen Gefährten auf
unsere wehrlosen Bataillone und verdammtest, Blitze schleudernd, den
peruanischen Hof und den Adel zum Tode und beludest den Herrscher von
Peru, deinen Bruder, mit Fesseln!«
»Oh! nicht ich war schuld, nein Coya, die heilige Erfüllung der Befehle
des großen Königs im Osten....«
»Ich bin auch eine Tochter der Sonne und niemals hat sie mir befohlen,
den feierlichen Schwur zu brechen. So eine schwarze Unthat ist in Peru
ein Todesverbrechen.«
»Schöne Coya, ich verdiene wenigstens dein Mitleid.«
»Und werden du und deine Gefährten Freunde Perus und des Inkas sein?«
»Almagro ist ein Freund Perus und auch seine Gefährten werden es sein.«
»Und wenn ich dich liebe, wird uns nachher die stumme Abwesenheit
trennen?«
»Ah! nein Coya, wenn du mich liebst, bin ich der Glücklichste der
Menschen; nur der Tod könnte mich deinen zarten Armen entreißen. Mit
dir würde ich den Morgenstern aufgehen sehen, mit dir würde ich die
Sonne durch den weiten Himmelsraum stürzen sehen, mit dir würde ich ihr
Antlitz zum Untergange neigen sehen und unter süßen Liebkosungen sieht
auch der Mond auf uns hernieder.«
»Ja, Almagro, ich verehre dich auch; hier in meinem Busen erstickte ich
im Stillen die reine Liebe, die mir deine feurigen Blicke einflößten.«
»Und du liebst mich, Coya!...«
»Ob ich dich liebe, und mein Gott kündigt mir deine Liebe als einen
schwarzen Unstern an.«
»Nein, meine Schöne, stille deine Erregung, dieser glückliche
Augenblick wird der Anbruch günstiger Tage sein. Coya wird meine ganze
Wonne sein, ich werde nur für Coya leben, Coya wird der Gegenstand
meiner Anbetung sein.«
»Oh! wenn es uns vergönnt wäre, in sanfter Ruhe von Liebe zu reden....
Aber Almagro, wir entweihen diese heilige Nacht, wo einzig
fromme Verehrung und schuldige Achtung vor den Todten herrschen soll,
mit Liebesworten; lebe wohl, meine Krieger erwarten mich schon. Lebe
wohl.«
»Warte, Coya, wenn du mich liebst, wie ich dich verehre, wird dir, fern
von mir, das Leben eine unerträgliche Last sein; gewähre mir, nun der
Verkehr der Lager gestattet ist, daß ich dich in Cajamalca aufsuche,
daß meine Augen vor lauter Liebe in den Deinen tauchen....«
»Ja, in Cajamalca und auf der Flur werden wir uns sehen, lebe wohl.«
Aufrichtige Thränen rannen über die Wangen der beiden Geliebten; Coya
wandte sich schwankenden Schrittes ihren Bataillonen zu und Almagro
bestieg in starrer Betäubung sein Pferd und suchte Soto auf, der, die
peruanischen Streitkräfte beobachtend, mit dem Vortrab zurück geblieben
war. Vielleicht befürchtete die schöne Coya, indem sie Almagro
ihre Liebe gestand, die Schamhaftigkeit einer züchtigen Jungfrau
überschritten zu haben, allein bald war sie davon durchdrungen, daß
sie auf Antrieb einer unwiderstehlichen Macht, auf Antrieb der Liebe
handelte, welche die brennenden Herzen, die sie in heftiger Ausdehnung
zu ersticken drohen, endlich durchbricht. Entzückt, fühlte Almagro das
ganze Glück seines Triumphes, er hielt sich für den Glücklichsten der
Menschen, sah aber, wie es Coya prophezeit hatte, ebenfalls voraus, daß
seine Liebe ein schwarzer Unstern sein sollte.
Die Priester und das peruanische Volk erhoben in einmüthigen
Chören ihre Gebete zur Gottheit, und trotz des ganzen Gepränges
war das Begräbniß schon zu Ende. Die dunkle, stille, nur von den
Scheiterhaufen der Spanier, und den Trauerfackeln erhellte Nacht,
ging dem Ende ihrer trägen Laufbahn entgegen, als Atahulpa, der
seinen schwermüthigen Erinnerungen nicht mehr widerstehen konnte,
Pizarro inbrünstig darum bat, ihm zu einem glücklichen Tode zu
verhelfen, um an dem Ruhm seines Hofes, seiner Adeligen und seiner
Krieger theilzunehmen, aber Pizarro und Luque vertrösteten ihn mit
schmeichelhaften Hoffnungen und erinnerten ihn an seinen baldigen
Loskauf.
Schließlich waren die Priester, neue Gebete murmelnd, mit der
Feierlichkeit bereits zu Ende, und zogen sich, gefolgt von der
ungeheuren Menge, nach Cajamalca zurück. Coya marschirte ebenfalls
mit ihren Bataillonen, Almagro zog sich mit seinem Vortrab zurück,
und es herrschte wieder eine Grabesstille auf der Flur. Der Schatten
Columbus’, so geht das Gerücht, erschien in jener Nacht, in strahlende
Wolken eingehüllt, und reichliche Thränen auf die Erde, welche so viele
menschliche Ueberreste bedeckte, vergießend ob dem spanischen Lager, um
abermals in den weiten Himmelsräumen zu verschwinden.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 11.
Taufe.