Am Morgen des 16. November 1522, als der Inka ihn besuchen sollte,

bereitete er die Ausführung seines Planes mit so großer Kaltblütigkeit

und so geringem Bedenken vor, wie wenn nicht andern Tags seine

Entehrung und der Schandfleck der Waffen seines Vaterlandes sein

könnte. Er theilte seine Kavallerie in zwei von Soto und Benalcazar,

verwegenen Offizieren, befehligte Flügel, welche die Flanken seiner

zum Kampfe entfalteten Infanterie bedeckten; in der Mitte behielt

er zwanzig seiner unerschrockensten Gefährten, die ihm bei dem

gefährlichen Unternehmen, das er sich vorbehielt, halfen, seine

Artillerie brachte er gegenüber dem Wege, durch den der Inka kommen

mußte, unter und gab der Division Befehl, nicht anzugreifen, bis daß

seine Stimme das Zeichen zum Ausbruch gäbe. Bedauern wir den Fanatismus

und die Rohheit des sechszehnten Jahrhunderts, um ein so großes

Verbrechen zuzudecken!...

In aller Frühe fingen peruanische Regimenter an, aus der Stadt zu

ziehen und sich auf dem Felde aufzustellen, und das ganze Volk war in

der größten Aufregung, weil Atahulpa Pizarro in aller Pracht besuchen

wollte. Obschon die Vorbereitungen sehr frühzeitig begannen, war

die Feierlichkeit und das Gepränge so groß, daß der Morgen bereits

zu Ende ging und der Inka nicht in das Lager seines Gastfreundes

kam. Ungeduldig, befürchteten die Eindringlinge bereits irgend ein

Mißtrauen seitens des Kaisers, das ihre Pläne vereitelte, als der

unschuldige Inka, von fünfhundert auf das Prächtigste ausgerüsteten

Adeligen umgeben, die beim Tone einfacher Militärmusiken einherzogen,

mit der ganzen Majestät unschuldigen Stolzes erschien. Atahulpa, der

auf einem goldenen, mit prächtigen, vielfarbigen Federn verzierten und

mit Edelsteinen beladenen Throne saß, wurde im Mittelpunkte des Hofes

auf den Schultern der edelsten Höflinge getragen und hinterher folgten

ihm desgleichen seine ersten Beamten. Ganze Truppen von Tänzern und

Musikbanden gingen einem so feierlichen Aufzuge voran und belebten ihn

und die mit mehr als dreißigtausend Soldaten bedeckte Flur bot das Bild

des mächtigen Reiches dar.

Der Tag war ruhig und heiter und die strahlende Sonne stand hoch am

Himmel. Ein lieblicher Wind bewegte sanft die farbigen Federn und

die weißen und faltigen Gewänder des prunkhaften Hofes, und in den

Strahlen der reinen Sonne Perus erglänzten die goldenen Tragbahren

und die todbringenden Waffen der Eindringlinge. Als Atahulpa sich dem

Lager Pizarros näherte, ertönten lärmend die dumpfen Trommeln und die

schmetternden Trompeten und die spanische, mit dem prächtigen rothen

Kreuz verzierte Fahne entfaltete sich im Winde. Wenn die Peruaner

überrascht den Achtung gebietenden Anblick der von Osten Gekommenen,

ihre mit langen Bärten bedeckten Gesichter und die Pracht und die

Herstellung ihrer grimmigen Waffen betrachteten, sahen Pizarro und

seine Gefährten nicht weniger mit Erstaunen den Glanz und die Pracht

des peruanischen Hofes und die anscheinende Mannszucht ihrer unzähligen

Soldaten. Der goldene Thron jedoch und die ungeheuren Reichthümer,

welche ihnen ein Sieg anbot, erregten zu sehr deren Einbildung, als

daß sie die Gefahren der Entzweiung berechneten. Inzwischen langte

Atahulpa, indem er fortwährend zu seinen ersten Beamten sagte: »Es sind

vom Himmel Gesandte, hütet euch wohl, sie zu beleidigen,« im Lager

seiner Feinde an.

Kaum hatte er den Lagerplatz betreten, als Luque, das Cruzifix in

der Linken und sein Brevier in der Rechten, auf den Inka zulief und

dem Monarchen in einer langen Rede und den dunkeln Glaubensansichten

des sechszehnten Jahrhunderts nach die Lehre von der Schöpfung, den

Sündenfall des ersten Menschen, die Menschwerdung Jesu Christis, die

Erwählung, welche Gott an dem heiligen Petrus vollzog, damit er sein

großer Stellvertreter auf Erden werde, die auf die Päpste übertragene

Macht des heiligen Petrus und die vom Papste Alexander, dem König von

Castilien gemachte Schenkung aller Ländereien der neuen Welt darlegte.

Nachdem er diese ganze Lehre auseinandergesetzt hatte, lud er Atahulpa

ein, die christliche Religion zu umarmen, die Machtvollkommenheit

des Papstes anzuerkennen, sich dem König von Castilien als seinem

rechtmäßigen Oberherrn tributpflichtig zu erklären, und wenn er also

thäte, er zu regieren fortfahren und der König, sein Gebieter, Peru

unter seinen Schutz nehmen würde; er ihm aber, wenn er zu gehorchen

sich weigerte und auf seiner Gottlosigkeit bestünde, unter Androhung

der fürchterlichsten Rache den Krieg erklärte.

Atahulpa verstand wenig von dieser sonderbaren Rede, da sie

unbegreifliche Mysterien und unbekannte Thatsachen enthielt, wozu die

ganze menschliche Beredsamkeit nicht ausreichte, einem Peruaner in so

kurzer Zeit deutliche Begriffe beizubringen. Auf die allereinfachsten

Dinge jedoch, die er verstanden hatte, antwortete er mit höchster

Mäßigung, daß er mit dem größten Vergnügen ein Freund des Königs von

Spanien, aber niemals sein Tributpflichtiger wäre, daß der Papst auch

gar zu unverschämt sein mußte, um so freigebig das zu verschenken, was

ihm nicht gehörte; daß er seine Religion niemals verließe und daß, wenn

die Christen ihren auf der Schädelstätte am Kreuz gestorbenen Gott

anbeteten, er die erhabene Sonne verehrte, die niemals stürbe; und

schließlich frug er den Verweser, wo er das, was er ihm von Gott und

der Schöpfung gesagt hatte, gelernt habe. In diesem Buche, antwortete

Luque, ihm das Brevier darreichend, bereits entflammt. Atahulpa nahm

das Buch mit Verwunderung, besah es von allen Seiten, hielt es an

sein Ohr und bestätigte dem Redner: »Das, welches ihr mir da gebt,

spricht nicht, sagt nichts,« und er warf es verächtlich weg. Da wandte

sich Luque, wüthend, an seine Gefährten, indem er schrie: Rache, ihr

Christen; das Wort Gottes ist entweiht worden, rächt diese Schmach,

verzehrt diese Ungläubigen.

Pizarro, der kaum die Ungeduld seiner Soldaten zügeln konnte, um sich

über die Reichthümer herzustürzen, die ihnen in die Augen stachen, gab

das Zeichen zum Angriff und die Trommeln und Trompeten spielten zum

Einhauen. Die Infanterie und Artillerie gab eine geschlossene Salve

ab, die Kavallerie griff mit dem Säbel in der Hand an und Pizarro

mit den zwanzig Auserwählten warf sich kurz entschlossen auf den

Inka. Voller Schrecken ergriffen die Indianer verzagt die Flucht, so

unerklärlich waren ihnen die Pferde, welche sie niederrannten, sowie

das Getöse der Infanterie und Artillerie, die sie zerfleischte und wie

ein unsichtbarer Strahl versengte, und die Eindringlinge richteten auf

der ganzen ausgedehnten Flur eine Niederlage und ein wahres Blutbad

an. Vergebens umgaben, mit ihren wehrlosen Brüsten eine Mauer für ihn

bildend, den Inka seine Edeln. Sie fielen alle unter der Wucht der

Klinge Pizarros, welcher den Monarchen an den Haaren schleppte und

ihn gefangen nahm, und die Kavallerie fuhr bis zur Tagesneige mit dem

Gemetzel fort. Eine Menge Prinzen von dem Geschlechte der Inkas, die

Minister, die Blüthe des Adels, Alles, was den Hof Atahulpas ausmachte,

und viertausend Soldaten und Frauen, Kinder und Greise, welche

hinausgegangen waren, um die prächtige Feier zu sehen, fielen unter der

Wucht der Waffen auf dem Schlachtfelde von Cajamalca; es war nichts als

Tod, Trostlosigkeit und Entsetzen.

Die Nacht breitete ihren traurigen Schleier aus und das von Blut

geröthete, leichenbedeckte Feld bot für das jungfräuliche Amerika den

entsetzlichsten Auftritt dar. Einige der Angreifer drangen noch in die

Stadt hinein, aber vereinzelt und zerstreut, mußten sie wieder zu ihren

Zelten zurückkehren, wo in Ketten gebunden der Unglücklichste aller

Sterblichen, jener Herrscher seufzte, der, von einem prunkvollen Hofe

umgeben, von den ersten Adeligen des Staates auf den Achseln getragen,

einen Augenblick vorher ein Bild der Götter schien. Eine schreckliche,

nur von dem Wehklagen der Verwundeten unterbrochene Stille herrschte

auf dem Felde der Niederlage, bis daß, nachdem sich die Eindringlinge

wieder in ihre Zelte zurückgezogen hatten, der von den tiefen Seufzern

der Sterbenden untermischte Siegestaumel die Umkreise zu betäuben

begann.

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Kapitel 8.

Fromme Bräuche.

Die wenigen Adeligen und Höflinge, welche sich vor dem Gemetzel

retteten, und das ganze Heer der Peruaner schlossen sich, als schon die

Nacht ihren schwarzen Schleier ausgebreitet hatte, in den schwachen

Mauern Cajamalcas ein. Da beweinte der Vater den Sohn, der Gatte die

Gattin, die Jungfrau ihren Angebeteten, das Volk seinen Herrscher, und

traurige und tiefe Seufzer ertönten in Mitten des frommen Schreckens,

der die neue Welt beschäftigte. Die Seufzer der Stadt vermischten

sich mit dem Wehklagen der Verwundeten, die ihr Leben auf dem Felde

der Niederlage aushauchten, und als der trübselige Mond aufging,

erfüllte er die unschuldigen Sonnenanbeter mit Entsetzen. Weder das

Rachegeschrei, noch die verzweifelten Verwünschungen trösteten die

Betrübten in ihren reichlichen Thränen; sie hielten jene Ausrottung für

ein Werk des Himmels, sie hielten die Europäer für Söhne Gottes, des

Lichtes, und wenn sich ihre Seufzer dem Innersten der Seele entrangen,

hefteten sie ihre Blicke nur auf die Erde und wagten nicht, dieselben

zum grauen Himmelszelt zu erheben.

Das Volk, der Adel, die Inkas, die Priester und die unzähligen, auf

den Plätzen und in den Straßen vermengten Krieger waren wie in einer

tiefen Betäubung versteinert und kein Mensch unterbrach jene fromme

Scheu. Schon neigte der verschwiegene Mond sein fahles Angesicht der

Erde zu und der erste Schimmer des Morgensterns fing an, den Horizont

zu erhellen, als Vericochas, der älteste Priester des Reiches, sich,

ohne sein Schluchzen zu unterdrücken, an das Volk wandte und mit

gebrochener Stimme anhub: »Peruaner, der erhabene Gott des Tages,«

rief er in Thränen gebadet aus, »durchbricht das Dunkel der Nacht und

taucht die Gebirge in Purpurroth. Vielleicht erzürnt, sein Antlitz von

lebendigem Lichte geröthet, fährt der grollende Donner und der zuckende

Blitz vor ihm her und die Himmel entbrennen. Beugen wir uns demüthig

vor seiner Macht, lobpreisen wir seine Allmacht und flehen wir ihn um

Erbarmen an. Eilen wir in den allerheiligsten Tempel, bringen wir ihm

unschuldige Opfer dar und besänftigen wir seinen Zorn.« So sprach er

und ruhigen Schrittes ging er auf den Tempel zu; die Priester umringten

ihn und das Volk und die Krieger folgten ihm nach.

Der Tempel von Cajamalca, geräumig und weit, faßte eine ungeheure

Menge. Mit prächtigen Federn verziert, mit Gold und Silber

ausgeschlagen und einem Fußboden von kostbarem Marmor, trug er den

ganzen Reichthum Perus, die ganze fromme Verehrung der Peruaner zur

Schau. Ein einfacher, aber geschmackvoller Altar stand im Hintergrunde

jenes majestätischen Raumes; ein in Mitten des Altars aufgestelltes

Sinnbild der Sonne war die Gottheit, vor der sich Herrscher, Volk und

Priester niederwarfen, und zu dessen Seiten standen, einfach bekleidet,

die Büsten der Inkas und der Bürger, die es ihrer ausgezeichneten

Tugenden wegen bis zur Nachahmung der wohlthätigen Gottheit gebracht

hatten.

Kaum barg der Tempel die Menge, als harmonische Laute das Gepränge der

religiösen Ceremonie verkündeten und zahlreiche Chöre den neuen Tag

begrüßten.

Hymne an die Sonne.

1. Chor.

Oh Vater des Tages! Oh Gott des Lichtes!

Nach Osten erhebe den Strahlenkranz;

Erleuchte die in Finsterniß seufzende Erde,

Erhabene Gottheit, gieße aus deinen Glanz.

2. Chor.

Am rauschenden Strome des göttlichen Feuers

Entstehet die Liebe und die Schatten entflieh’n;

Und die Welt belebt sich, es wachsen die Blumen

Und es kleidet der Wald sich in herrliches Grün.

1. Chor.

Oh Sonne! die du hoch am Himmel thronest

Und Alles erfüllest mit deinem Schein,

Du weißt, das deine Söhne das Feuer verehren,

Ruhig, ohne Verbrechen und rein.

2. Chor.

Es segnet der Gerechte dein leuchtendes Antlitz,

Und stumm im Finstern siehet die Welt;

Den elenden Bösewicht, der die Schatten suchend,

Lichtscheu, sich dem Verbrechen gesellt.

1. Chor.

Fackel, die du ewig am Himmel erglühest,

Ruhe spendest der Welt und Glück,

Heiter leuchtend, dein Volk zu trösten,

Ziehe dich nicht hinter Wolken zurück.

2. Chor.

Wenn trübe deinen Zorn du der Erde verkündest,

Brauset die See in tiefer Wuth,

Wenn heiter du glänzest, verbreitest du Stille

Und Meer und Wald athmen Liebesgluth.

Die Hymne an die Sonne ertönte durch die weiten Rundbogengewölbe,

indeß das leuchtende Gestirn bereits ruhig und heiter am Horizonte

glänzte. Gefolgt von vier Priestern, schritt Vericochas auf den

Altar der wohlthätigen Gottheit zu und brachte mit prunkvollen und

einfachen Bräuchen seinem Gotte in goldenen Gefäßen schöne Früchte

als unschuldiges Opfer dar und das Volk fiel auf die Kniee nieder

und es herrschte die tiefste, feierlichste Stille. Der Priester hob

nachher seine schwermüthigen Augen auf und in friedlichem Widerscheine

erglänzte die Sonne an den Rundbogengewölben. »Oh! ewiger Gott,« rief

er begeisterten Tones aus, »dein strahlendes Licht erfülle deine

unschuldigen Söhne mit Hoffnung; versage ihnen nicht, von nebligen

Dünsten bedeckt, deinen göttlichen Einfluß, noch verkündige ihnen

deinen Zorn.«

Wenn in der Religion der Peruaner sich die Sonne in ihrem ersten

Dämmerschein bewölkt darbot, so war der Gott erzürnt und kündete seinen

Zorn an; erschien sie, wiewohl nachher hell und klar erglänzend, drei

Tage lang undurchsichtig, so zeigte er seine Rache an und das Reich

erbebte. Bot sie sich im Gegentheil heiter und glänzend dar, war

Alles Lust und Freude, weil die Gottheit sich zufrieden zeigte. Als

die Peruaner die Sonne glänzen sahen, lächelte ihre Hoffnung, da sie

den Zorn ihres erzürnten Gottes nicht befürchteten. Die grauenhafte

Niederlage ihres Hofes jedoch, die Gefangennahme ihres Monarchen,

dessen Loos sie nicht kannten, der Gedanke, daß die Eindringlinge

übernatürliche Wesen waren, ein Eindruck, den die Kavallerie und

die Artillerie ihnen verursacht hatte, Alles stürzte sie in eine

unergründliche Verwirrung und in die schwermüthigsten Betrachtungen.

Betäubt, entzückt vor dem Altare knieend, verharrte Vericochas lange

Zeit hindurch in einer tiefen Entzückung, als er endlich mit hohlem

Echo, das dem Innersten seiner Seele entdrungen schien, ausrief: »Nein,

Peruaner, das Verbrechen und die Gottheit sind unbegreiflich. Diese von

Osten Gekommenen sind weder von dem Geschlechte der Inkas, noch können

sie Söhne des immerwährenden Gestirnes sein.«

Das Volk horchte erstaunt auf und der Priester fuhr mit begeisterter

Beredsamkeit fort: »Nein Peruaner, Verbrechen und Gottheit sind

unbegreiflich. Diese Fremdlinge haben tausendmal bei ihrem Gott

geschworen, daß sie kamen, um an der Wohlfahrt des Reiches zu

wirken; unter tausend heiligen Schwüren versprachen sie einem

unschuldigen Monarchen und einem einfältigen Volke, die im Vertrauen

auf Versprechungen von Gottheiten arglos in deren Arme liefen, die

schuldige Gewährleistung, als sie, die vernichtenden Waffen treulos

verbergend, auf eure Krieger und euren Hof einhieben und euern

Beherrscher an den Haaren schleppten! Strahlend leuchtet die Sonne,

nicht in Dünste eingehüllt, verkündigt sie ihren Zorn.« Und ein

heftiges Gemurmel rührte das Volk.

»Es ist wahr, noch sehe ich die schnellen Scheusale unsere Krieger

niederrennen; noch ertönt in meinen Ohren der fürchterliche Donner,

der unsere Reihen zerstörte, aber Alles kann das Werk eines boshaften

Geistes sein, Alles kann, bei dem Willen dieses Gottes, der uns

erleuchtet, unterliegen. Kommt, Peruaner, schwört vor dem Altare, daß

wenn uns der Himmel nicht enthüllt, ob es seine Söhne sind, und wir

unserm Schicksal weichen müssen, wir eher die fruchtbaren Fluren mit

unserm Blute besprengen, als uns unsere Gesetze, unsere Freiheit und

unsern Gottesdienst entreißen lassen werden.« Aber das vor Schrecken

erstarrte Volk seufzte nur bei der Stimme seines angebeteten Priesters.

»Und ihr bezweifelt es noch,« fuhr Vericochas fort, »ich hörte es aus

deren Munde, wir kamen, um euch die Geheimnisse des Christenthums

einzuflößen, um euch dem gebieterischen Sonnenkultus zu entreißen

und um euch den Heiland am Kreuze anbeten zu lassen, und damit ihr

den großen König im Osten als Herrscher und Gebieter anerkennt.« Die

Edelleute, die den Monarchen umgaben, welche das Gespräch, das Luque

an ihn richtete, hören konnten, waren auf dem Felde vor der Wucht der

Waffen gefallen. Vericochas und Huascar waren die Einzigen, die, wegen

ihres Adels in unmittelbarer Nähe stehend, sich vor dem Tode gerettet

hatten und die mit Bewunderung den Vorschlag hörten, sich dem Herrscher

im Osten zu ergeben und dem erhabenen Sonnenkultus zu entsagen.

Vericochas erpreßte dem Volke Thränen und Huascar rief entzückt aus:

»Peruaner, ich habe es auch gehört.« Ein dumpfes Geflüster fing an,

in dem geräumigen Tempel zu herrschen, die gerührte Menge gab bereits

ihre Begeisterung zu erkennen, und Vericochas machte mit Aufbietung

der ganzen Macht der Beredsamkeit das Volk mit der Nothwendigkeit, das

Loos des unglücklichen Monarchen zu erforschen, bekannt, Huascar zum

Oberbefehlshaber des Heeres zu ernennen und die Eindringlinge, wenn es

nöthig wäre, anzugreifen oder wenigstens die Mauern von Cajamalca zu

vertheidigen, um ihre Reichthümer, ihre Gesetze, ihre Freiheit und ihre

Tempel zu retten.

Den Schrecken, der es erstarrte, ein wenig abschüttelnd, eilte das

Volk endlich im Getümmel nach den Altären, und vor dem Sinnbild der

Sonne liegend, schwuren alle Peruaner Vericochas in die Hand, den

Triumph der Eindringlinge nicht zu überleben. Huascar, der Edelste aus

dem Geschlechte der Inkas, derjenige, welcher mit dem meisten Rechte

darnach trachten konnte, als Herrscher gewählt zu werden, der tapferste

Krieger, wurde zum Häuptling von Peru ernannt, und um den Tempel nicht

mit dem Rachegeschrei zu entweihen, lief das Volk nach den prächtigen

Säulenhallen, und hier entflammten Vericochas und Huascar ihren Zorn

und machten sie damit bekannt, daß das Verbrechen und die Gottheit

unbegreiflich seien, daß die von Osten Gekommenen nicht Söhne der Sonne

sein konnten, daß es Sterbliche waren und der Tapferkeit erlägen.

Der Rath der Aeltesten, welcher einberufen wurde, berathschlagte

bedächtig über das Verhalten, das man mit den von Osten Gekommenen zu

wahren hatte, und über die Art, den Krieg zu führen und sich kräftig

auf die Rache vorzubereiten. Sie kamen überein, daß eine Botschaft in

das Lager Pizarros abgehen sollte, um, wenn er noch nicht gestorben

war, das Schicksal des Monarchen bestimmt zu erfahren und um jeden

Preis seine Freilassung zu erwirken; aber an den Mangel an Glauben

der Eindringlinge erinnernd, glaubte man mit Recht, daß sie die

Abordnung umbrächten und sie in keiner Weise ihren Zweck erreichen

würde. So groß jedoch war die Liebe der Peruaner zu ihren Inkas, so

groß das Interesse an der Gesandtschaft, so groß die Vaterlandsliebe

jener unschuldigen Bewohner, daß sich, so sicher sie ihrem Tode

entgegensahen, Alle anerboten, in das Lager Pizarros zu gehen. Die

Umsicht des Rathes durfte nicht gestatten, daß sich die Abordnung aus

den ersten Persönlichkeiten des Reiches zusammensetzte, aber dessen

ungeachtet konnten sie den flehentlichen Bitten Ocollos und Coyas nicht

widerstehen.

Ocollo, die Schönste, die Tugendhafteste von Atahulpas Konkubinen,

diejenige, welche am Meisten die Liebe des Monarchen verdiente,

stellte sich, in Trauer gekleidet und in Thränen gebadet, dem Rathe

vor und trug ihren Entschluß vor, in das Lager Pizarros zu gehen, um

das Schicksal des Inkas, den sie verehrte, zu erfahren, und um, wenn

er in Ketten seufzte, sich zu Füßen seiner Unterdrücker zu werfen, um

mit ihren heißen Thränen deren Mitleid zu rühren. Coya, die berühmte

Prinzessin aus dem Geschlechte der Inkas, jene schöne Coya, welche

dem stattlichen, artigen Almagro so große Liebe eingeflößt hatte, war

bei den schmachtenden und durchdringenden Blicken des kriegerischen

Spaniers ebensowenig unempfindlich gewesen, sie liebte ihn im Innersten

ihres Herzens, sie hatte erkannt, daß sie geliebt wurde, und sie

verlangte nach dem Augenblicke, ihren Angebeteten wieder zu sehen.

Die beiden unschuldigen Opfer der Liebe überredeten den Rath und

man verfügte, daß sie in das Lager der von Osten Gekommenen gehen

sollten. Die Aeltesten kannten die heiße Liebe Ocollos zu Atahulpa sehr

wohl und sie waren überzeugt, daß die Europäer ihre Waffen nicht so

leicht an einer Schönheit mit Blut besudeln würden und hielten es für

vortheilhaft, daß sie die Botschaft auf sich nahm. Nicht so meinten sie

von Coya, die, vertraut mit den Gefahren, tapfer in den Schlachten, mit

zarter Hand geschickt die Pfeile zu lenken wußte, sich der Liebe des

Heeres erfreute und muthig die Krieger in den Tod trieb. Berühmt durch

ihre Geburt, ihrer Reize wegen angebetet, würde, wenn sie Ocollo nicht

nothwendig begleiten müßte, ihr Tod das Reich in Trauer versetzen.

So wiederholt und rührend waren aber ihre Bitten beim Rathe, der die

Ursache, welche dieselben hervorbrachte, nicht kannte, daß er am Ende

nachgab und die beiden Schönen ziehen ließ.

Die Sonne war bereits nahe der Mitte ihrer friedlichen und strahlenden

Laufbahn, sie belebte mit ihrem göttlichen Einflusse die Peruaner,

welche, ein wenig von ihrem Schrecken erholt, auf besseres Glück

hofften, wie es ihnen die wohlthätige Gottheit in ihrem Glanze

verkündigte. Schon bereiteten sich die Krieger, welche die Mauern

besetzten, von Neuem vor, beim Zischen der Strahlen der Eindringlinge

zu fallen, aber ihre Furcht war nicht so groß, weil sie anfingen zu

bezweifeln, daß es Götter waren. Bei der Betrachtung der Niederlage

ihres ganzen Hofes und ihres Adels bot das mit Leichen bedeckte Feld

mit dem Lager Pizarros, worin Schwelgerei und Gelächter herrschten,

den schrecklichsten Gegensatz dar. Nachdem die Botschaft vorbereitet,

richteten die unschuldigen Bewohner von Cajamalca, in schwermüthige

Erinnerungen versunken, von einem stürmischen Uebel der Beunruhigung

erfaßt, die sehnsüchtigsten Blicke an ihren Gott, und die beiden

Schönen schickten sich an, nach dem Lager der Sieger zu gehen.

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Kapitel 9.

Waffenstillstand.

Müde, auf den Feldern Cajamalcas zu schlachten, zogen sich die

Eindringlinge, als die erschrockenen Peruaner sich bereits in den

Mauern eingeschlossen hatten, und die Nacht ihren dunkeln Schleier

über den mit Blut bespritzten Kampfplatz ausbreitete, abermals in

ihre Zelte zurück. Eine unermeßliche Beute war die Frucht jenes

berühmten Tages, so unermeßlich, daß sie die riesigen Begriffe und

Hoffnungen, welche die Abenteurer von jenen reichen Gebieten gefaßt

hatten, bei Weitem übertraf. Der prächtige, goldene Thron Atahulpas,

die ungeheuer vielen Edelsteine, welche den Monarchen, seinen Hof und

seine Adeligen bedeckten, Alles fiel in die Gewalt der Sieger, die

sich in einem günstigen Augenblicke sozusagen der Reichthümer des

Reiches bemächtigten. Obwohl unter sanften Vorstellungen und Gebärden,

wurde der gefangene Kaiser, indem man ihm sagte, daß dieses, da es

der Papst Alexander ihm überlassen hatte, dem großen König im Osten

gehörte, aller seiner Reichthümer, womit er sich schmückte, beraubt,

und wie es bei allen Siegen natürlich ist, zerstreuten sich die Sieger

über das Schlachtfeld und beraubten und entkleideten beim Scheine des

flimmernden Mondes die Leichen und Verwundeten. Es waren Ketzer, die

unglücklichen Sonnenanbeter, denen das sechszehnte Jahrhundert nichts

als Entsetzen, Verachtung, Tod und Verderben gewährte.

Die Eroberung von Peru · 第 4 / 17 段