bereitete er die Ausführung seines Planes mit so großer Kaltblütigkeit
und so geringem Bedenken vor, wie wenn nicht andern Tags seine
Entehrung und der Schandfleck der Waffen seines Vaterlandes sein
könnte. Er theilte seine Kavallerie in zwei von Soto und Benalcazar,
verwegenen Offizieren, befehligte Flügel, welche die Flanken seiner
zum Kampfe entfalteten Infanterie bedeckten; in der Mitte behielt
er zwanzig seiner unerschrockensten Gefährten, die ihm bei dem
gefährlichen Unternehmen, das er sich vorbehielt, halfen, seine
Artillerie brachte er gegenüber dem Wege, durch den der Inka kommen
mußte, unter und gab der Division Befehl, nicht anzugreifen, bis daß
seine Stimme das Zeichen zum Ausbruch gäbe. Bedauern wir den Fanatismus
und die Rohheit des sechszehnten Jahrhunderts, um ein so großes
Verbrechen zuzudecken!...
In aller Frühe fingen peruanische Regimenter an, aus der Stadt zu
ziehen und sich auf dem Felde aufzustellen, und das ganze Volk war in
der größten Aufregung, weil Atahulpa Pizarro in aller Pracht besuchen
wollte. Obschon die Vorbereitungen sehr frühzeitig begannen, war
die Feierlichkeit und das Gepränge so groß, daß der Morgen bereits
zu Ende ging und der Inka nicht in das Lager seines Gastfreundes
kam. Ungeduldig, befürchteten die Eindringlinge bereits irgend ein
Mißtrauen seitens des Kaisers, das ihre Pläne vereitelte, als der
unschuldige Inka, von fünfhundert auf das Prächtigste ausgerüsteten
Adeligen umgeben, die beim Tone einfacher Militärmusiken einherzogen,
mit der ganzen Majestät unschuldigen Stolzes erschien. Atahulpa, der
auf einem goldenen, mit prächtigen, vielfarbigen Federn verzierten und
mit Edelsteinen beladenen Throne saß, wurde im Mittelpunkte des Hofes
auf den Schultern der edelsten Höflinge getragen und hinterher folgten
ihm desgleichen seine ersten Beamten. Ganze Truppen von Tänzern und
Musikbanden gingen einem so feierlichen Aufzuge voran und belebten ihn
und die mit mehr als dreißigtausend Soldaten bedeckte Flur bot das Bild
des mächtigen Reiches dar.
Der Tag war ruhig und heiter und die strahlende Sonne stand hoch am
Himmel. Ein lieblicher Wind bewegte sanft die farbigen Federn und
die weißen und faltigen Gewänder des prunkhaften Hofes, und in den
Strahlen der reinen Sonne Perus erglänzten die goldenen Tragbahren
und die todbringenden Waffen der Eindringlinge. Als Atahulpa sich dem
Lager Pizarros näherte, ertönten lärmend die dumpfen Trommeln und die
schmetternden Trompeten und die spanische, mit dem prächtigen rothen
Kreuz verzierte Fahne entfaltete sich im Winde. Wenn die Peruaner
überrascht den Achtung gebietenden Anblick der von Osten Gekommenen,
ihre mit langen Bärten bedeckten Gesichter und die Pracht und die
Herstellung ihrer grimmigen Waffen betrachteten, sahen Pizarro und
seine Gefährten nicht weniger mit Erstaunen den Glanz und die Pracht
des peruanischen Hofes und die anscheinende Mannszucht ihrer unzähligen
Soldaten. Der goldene Thron jedoch und die ungeheuren Reichthümer,
welche ihnen ein Sieg anbot, erregten zu sehr deren Einbildung, als
daß sie die Gefahren der Entzweiung berechneten. Inzwischen langte
Atahulpa, indem er fortwährend zu seinen ersten Beamten sagte: »Es sind
vom Himmel Gesandte, hütet euch wohl, sie zu beleidigen,« im Lager
seiner Feinde an.
Kaum hatte er den Lagerplatz betreten, als Luque, das Cruzifix in
der Linken und sein Brevier in der Rechten, auf den Inka zulief und
dem Monarchen in einer langen Rede und den dunkeln Glaubensansichten
des sechszehnten Jahrhunderts nach die Lehre von der Schöpfung, den
Sündenfall des ersten Menschen, die Menschwerdung Jesu Christis, die
Erwählung, welche Gott an dem heiligen Petrus vollzog, damit er sein
großer Stellvertreter auf Erden werde, die auf die Päpste übertragene
Macht des heiligen Petrus und die vom Papste Alexander, dem König von
Castilien gemachte Schenkung aller Ländereien der neuen Welt darlegte.
Nachdem er diese ganze Lehre auseinandergesetzt hatte, lud er Atahulpa
ein, die christliche Religion zu umarmen, die Machtvollkommenheit
des Papstes anzuerkennen, sich dem König von Castilien als seinem
rechtmäßigen Oberherrn tributpflichtig zu erklären, und wenn er also
thäte, er zu regieren fortfahren und der König, sein Gebieter, Peru
unter seinen Schutz nehmen würde; er ihm aber, wenn er zu gehorchen
sich weigerte und auf seiner Gottlosigkeit bestünde, unter Androhung
der fürchterlichsten Rache den Krieg erklärte.
Atahulpa verstand wenig von dieser sonderbaren Rede, da sie
unbegreifliche Mysterien und unbekannte Thatsachen enthielt, wozu die
ganze menschliche Beredsamkeit nicht ausreichte, einem Peruaner in so
kurzer Zeit deutliche Begriffe beizubringen. Auf die allereinfachsten
Dinge jedoch, die er verstanden hatte, antwortete er mit höchster
Mäßigung, daß er mit dem größten Vergnügen ein Freund des Königs von
Spanien, aber niemals sein Tributpflichtiger wäre, daß der Papst auch
gar zu unverschämt sein mußte, um so freigebig das zu verschenken, was
ihm nicht gehörte; daß er seine Religion niemals verließe und daß, wenn
die Christen ihren auf der Schädelstätte am Kreuz gestorbenen Gott
anbeteten, er die erhabene Sonne verehrte, die niemals stürbe; und
schließlich frug er den Verweser, wo er das, was er ihm von Gott und
der Schöpfung gesagt hatte, gelernt habe. In diesem Buche, antwortete
Luque, ihm das Brevier darreichend, bereits entflammt. Atahulpa nahm
das Buch mit Verwunderung, besah es von allen Seiten, hielt es an
sein Ohr und bestätigte dem Redner: »Das, welches ihr mir da gebt,
spricht nicht, sagt nichts,« und er warf es verächtlich weg. Da wandte
sich Luque, wüthend, an seine Gefährten, indem er schrie: Rache, ihr
Christen; das Wort Gottes ist entweiht worden, rächt diese Schmach,
verzehrt diese Ungläubigen.
Pizarro, der kaum die Ungeduld seiner Soldaten zügeln konnte, um sich
über die Reichthümer herzustürzen, die ihnen in die Augen stachen, gab
das Zeichen zum Angriff und die Trommeln und Trompeten spielten zum
Einhauen. Die Infanterie und Artillerie gab eine geschlossene Salve
ab, die Kavallerie griff mit dem Säbel in der Hand an und Pizarro
mit den zwanzig Auserwählten warf sich kurz entschlossen auf den
Inka. Voller Schrecken ergriffen die Indianer verzagt die Flucht, so
unerklärlich waren ihnen die Pferde, welche sie niederrannten, sowie
das Getöse der Infanterie und Artillerie, die sie zerfleischte und wie
ein unsichtbarer Strahl versengte, und die Eindringlinge richteten auf
der ganzen ausgedehnten Flur eine Niederlage und ein wahres Blutbad
an. Vergebens umgaben, mit ihren wehrlosen Brüsten eine Mauer für ihn
bildend, den Inka seine Edeln. Sie fielen alle unter der Wucht der
Klinge Pizarros, welcher den Monarchen an den Haaren schleppte und
ihn gefangen nahm, und die Kavallerie fuhr bis zur Tagesneige mit dem
Gemetzel fort. Eine Menge Prinzen von dem Geschlechte der Inkas, die
Minister, die Blüthe des Adels, Alles, was den Hof Atahulpas ausmachte,
und viertausend Soldaten und Frauen, Kinder und Greise, welche
hinausgegangen waren, um die prächtige Feier zu sehen, fielen unter der
Wucht der Waffen auf dem Schlachtfelde von Cajamalca; es war nichts als
Tod, Trostlosigkeit und Entsetzen.
Die Nacht breitete ihren traurigen Schleier aus und das von Blut
geröthete, leichenbedeckte Feld bot für das jungfräuliche Amerika den
entsetzlichsten Auftritt dar. Einige der Angreifer drangen noch in die
Stadt hinein, aber vereinzelt und zerstreut, mußten sie wieder zu ihren
Zelten zurückkehren, wo in Ketten gebunden der Unglücklichste aller
Sterblichen, jener Herrscher seufzte, der, von einem prunkvollen Hofe
umgeben, von den ersten Adeligen des Staates auf den Achseln getragen,
einen Augenblick vorher ein Bild der Götter schien. Eine schreckliche,
nur von dem Wehklagen der Verwundeten unterbrochene Stille herrschte
auf dem Felde der Niederlage, bis daß, nachdem sich die Eindringlinge
wieder in ihre Zelte zurückgezogen hatten, der von den tiefen Seufzern
der Sterbenden untermischte Siegestaumel die Umkreise zu betäuben
begann.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 8.
Fromme Bräuche.
Die wenigen Adeligen und Höflinge, welche sich vor dem Gemetzel
retteten, und das ganze Heer der Peruaner schlossen sich, als schon die
Nacht ihren schwarzen Schleier ausgebreitet hatte, in den schwachen
Mauern Cajamalcas ein. Da beweinte der Vater den Sohn, der Gatte die
Gattin, die Jungfrau ihren Angebeteten, das Volk seinen Herrscher, und
traurige und tiefe Seufzer ertönten in Mitten des frommen Schreckens,
der die neue Welt beschäftigte. Die Seufzer der Stadt vermischten
sich mit dem Wehklagen der Verwundeten, die ihr Leben auf dem Felde
der Niederlage aushauchten, und als der trübselige Mond aufging,
erfüllte er die unschuldigen Sonnenanbeter mit Entsetzen. Weder das
Rachegeschrei, noch die verzweifelten Verwünschungen trösteten die
Betrübten in ihren reichlichen Thränen; sie hielten jene Ausrottung für
ein Werk des Himmels, sie hielten die Europäer für Söhne Gottes, des
Lichtes, und wenn sich ihre Seufzer dem Innersten der Seele entrangen,
hefteten sie ihre Blicke nur auf die Erde und wagten nicht, dieselben
zum grauen Himmelszelt zu erheben.
Das Volk, der Adel, die Inkas, die Priester und die unzähligen, auf
den Plätzen und in den Straßen vermengten Krieger waren wie in einer
tiefen Betäubung versteinert und kein Mensch unterbrach jene fromme
Scheu. Schon neigte der verschwiegene Mond sein fahles Angesicht der
Erde zu und der erste Schimmer des Morgensterns fing an, den Horizont
zu erhellen, als Vericochas, der älteste Priester des Reiches, sich,
ohne sein Schluchzen zu unterdrücken, an das Volk wandte und mit
gebrochener Stimme anhub: »Peruaner, der erhabene Gott des Tages,«
rief er in Thränen gebadet aus, »durchbricht das Dunkel der Nacht und
taucht die Gebirge in Purpurroth. Vielleicht erzürnt, sein Antlitz von
lebendigem Lichte geröthet, fährt der grollende Donner und der zuckende
Blitz vor ihm her und die Himmel entbrennen. Beugen wir uns demüthig
vor seiner Macht, lobpreisen wir seine Allmacht und flehen wir ihn um
Erbarmen an. Eilen wir in den allerheiligsten Tempel, bringen wir ihm
unschuldige Opfer dar und besänftigen wir seinen Zorn.« So sprach er
und ruhigen Schrittes ging er auf den Tempel zu; die Priester umringten
ihn und das Volk und die Krieger folgten ihm nach.
Der Tempel von Cajamalca, geräumig und weit, faßte eine ungeheure
Menge. Mit prächtigen Federn verziert, mit Gold und Silber
ausgeschlagen und einem Fußboden von kostbarem Marmor, trug er den
ganzen Reichthum Perus, die ganze fromme Verehrung der Peruaner zur
Schau. Ein einfacher, aber geschmackvoller Altar stand im Hintergrunde
jenes majestätischen Raumes; ein in Mitten des Altars aufgestelltes
Sinnbild der Sonne war die Gottheit, vor der sich Herrscher, Volk und
Priester niederwarfen, und zu dessen Seiten standen, einfach bekleidet,
die Büsten der Inkas und der Bürger, die es ihrer ausgezeichneten
Tugenden wegen bis zur Nachahmung der wohlthätigen Gottheit gebracht
hatten.
Kaum barg der Tempel die Menge, als harmonische Laute das Gepränge der
religiösen Ceremonie verkündeten und zahlreiche Chöre den neuen Tag
begrüßten.
Hymne an die Sonne.
1. Chor.
Oh Vater des Tages! Oh Gott des Lichtes!
Nach Osten erhebe den Strahlenkranz;
Erleuchte die in Finsterniß seufzende Erde,
Erhabene Gottheit, gieße aus deinen Glanz.
2. Chor.
Am rauschenden Strome des göttlichen Feuers
Entstehet die Liebe und die Schatten entflieh’n;
Und die Welt belebt sich, es wachsen die Blumen
Und es kleidet der Wald sich in herrliches Grün.
1. Chor.
Oh Sonne! die du hoch am Himmel thronest
Und Alles erfüllest mit deinem Schein,
Du weißt, das deine Söhne das Feuer verehren,
Ruhig, ohne Verbrechen und rein.
2. Chor.
Es segnet der Gerechte dein leuchtendes Antlitz,
Und stumm im Finstern siehet die Welt;
Den elenden Bösewicht, der die Schatten suchend,
Lichtscheu, sich dem Verbrechen gesellt.
1. Chor.
Fackel, die du ewig am Himmel erglühest,
Ruhe spendest der Welt und Glück,
Heiter leuchtend, dein Volk zu trösten,
Ziehe dich nicht hinter Wolken zurück.
2. Chor.
Wenn trübe deinen Zorn du der Erde verkündest,
Brauset die See in tiefer Wuth,
Wenn heiter du glänzest, verbreitest du Stille
Und Meer und Wald athmen Liebesgluth.
Die Hymne an die Sonne ertönte durch die weiten Rundbogengewölbe,
indeß das leuchtende Gestirn bereits ruhig und heiter am Horizonte
glänzte. Gefolgt von vier Priestern, schritt Vericochas auf den
Altar der wohlthätigen Gottheit zu und brachte mit prunkvollen und
einfachen Bräuchen seinem Gotte in goldenen Gefäßen schöne Früchte
als unschuldiges Opfer dar und das Volk fiel auf die Kniee nieder
und es herrschte die tiefste, feierlichste Stille. Der Priester hob
nachher seine schwermüthigen Augen auf und in friedlichem Widerscheine
erglänzte die Sonne an den Rundbogengewölben. »Oh! ewiger Gott,« rief
er begeisterten Tones aus, »dein strahlendes Licht erfülle deine
unschuldigen Söhne mit Hoffnung; versage ihnen nicht, von nebligen
Dünsten bedeckt, deinen göttlichen Einfluß, noch verkündige ihnen
deinen Zorn.«
Wenn in der Religion der Peruaner sich die Sonne in ihrem ersten
Dämmerschein bewölkt darbot, so war der Gott erzürnt und kündete seinen
Zorn an; erschien sie, wiewohl nachher hell und klar erglänzend, drei
Tage lang undurchsichtig, so zeigte er seine Rache an und das Reich
erbebte. Bot sie sich im Gegentheil heiter und glänzend dar, war
Alles Lust und Freude, weil die Gottheit sich zufrieden zeigte. Als
die Peruaner die Sonne glänzen sahen, lächelte ihre Hoffnung, da sie
den Zorn ihres erzürnten Gottes nicht befürchteten. Die grauenhafte
Niederlage ihres Hofes jedoch, die Gefangennahme ihres Monarchen,
dessen Loos sie nicht kannten, der Gedanke, daß die Eindringlinge
übernatürliche Wesen waren, ein Eindruck, den die Kavallerie und
die Artillerie ihnen verursacht hatte, Alles stürzte sie in eine
unergründliche Verwirrung und in die schwermüthigsten Betrachtungen.
Betäubt, entzückt vor dem Altare knieend, verharrte Vericochas lange
Zeit hindurch in einer tiefen Entzückung, als er endlich mit hohlem
Echo, das dem Innersten seiner Seele entdrungen schien, ausrief: »Nein,
Peruaner, das Verbrechen und die Gottheit sind unbegreiflich. Diese von
Osten Gekommenen sind weder von dem Geschlechte der Inkas, noch können
sie Söhne des immerwährenden Gestirnes sein.«
Das Volk horchte erstaunt auf und der Priester fuhr mit begeisterter
Beredsamkeit fort: »Nein Peruaner, Verbrechen und Gottheit sind
unbegreiflich. Diese Fremdlinge haben tausendmal bei ihrem Gott
geschworen, daß sie kamen, um an der Wohlfahrt des Reiches zu
wirken; unter tausend heiligen Schwüren versprachen sie einem
unschuldigen Monarchen und einem einfältigen Volke, die im Vertrauen
auf Versprechungen von Gottheiten arglos in deren Arme liefen, die
schuldige Gewährleistung, als sie, die vernichtenden Waffen treulos
verbergend, auf eure Krieger und euren Hof einhieben und euern
Beherrscher an den Haaren schleppten! Strahlend leuchtet die Sonne,
nicht in Dünste eingehüllt, verkündigt sie ihren Zorn.« Und ein
heftiges Gemurmel rührte das Volk.
»Es ist wahr, noch sehe ich die schnellen Scheusale unsere Krieger
niederrennen; noch ertönt in meinen Ohren der fürchterliche Donner,
der unsere Reihen zerstörte, aber Alles kann das Werk eines boshaften
Geistes sein, Alles kann, bei dem Willen dieses Gottes, der uns
erleuchtet, unterliegen. Kommt, Peruaner, schwört vor dem Altare, daß
wenn uns der Himmel nicht enthüllt, ob es seine Söhne sind, und wir
unserm Schicksal weichen müssen, wir eher die fruchtbaren Fluren mit
unserm Blute besprengen, als uns unsere Gesetze, unsere Freiheit und
unsern Gottesdienst entreißen lassen werden.« Aber das vor Schrecken
erstarrte Volk seufzte nur bei der Stimme seines angebeteten Priesters.
»Und ihr bezweifelt es noch,« fuhr Vericochas fort, »ich hörte es aus
deren Munde, wir kamen, um euch die Geheimnisse des Christenthums
einzuflößen, um euch dem gebieterischen Sonnenkultus zu entreißen
und um euch den Heiland am Kreuze anbeten zu lassen, und damit ihr
den großen König im Osten als Herrscher und Gebieter anerkennt.« Die
Edelleute, die den Monarchen umgaben, welche das Gespräch, das Luque
an ihn richtete, hören konnten, waren auf dem Felde vor der Wucht der
Waffen gefallen. Vericochas und Huascar waren die Einzigen, die, wegen
ihres Adels in unmittelbarer Nähe stehend, sich vor dem Tode gerettet
hatten und die mit Bewunderung den Vorschlag hörten, sich dem Herrscher
im Osten zu ergeben und dem erhabenen Sonnenkultus zu entsagen.
Vericochas erpreßte dem Volke Thränen und Huascar rief entzückt aus:
»Peruaner, ich habe es auch gehört.« Ein dumpfes Geflüster fing an,
in dem geräumigen Tempel zu herrschen, die gerührte Menge gab bereits
ihre Begeisterung zu erkennen, und Vericochas machte mit Aufbietung
der ganzen Macht der Beredsamkeit das Volk mit der Nothwendigkeit, das
Loos des unglücklichen Monarchen zu erforschen, bekannt, Huascar zum
Oberbefehlshaber des Heeres zu ernennen und die Eindringlinge, wenn es
nöthig wäre, anzugreifen oder wenigstens die Mauern von Cajamalca zu
vertheidigen, um ihre Reichthümer, ihre Gesetze, ihre Freiheit und ihre
Tempel zu retten.
Den Schrecken, der es erstarrte, ein wenig abschüttelnd, eilte das
Volk endlich im Getümmel nach den Altären, und vor dem Sinnbild der
Sonne liegend, schwuren alle Peruaner Vericochas in die Hand, den
Triumph der Eindringlinge nicht zu überleben. Huascar, der Edelste aus
dem Geschlechte der Inkas, derjenige, welcher mit dem meisten Rechte
darnach trachten konnte, als Herrscher gewählt zu werden, der tapferste
Krieger, wurde zum Häuptling von Peru ernannt, und um den Tempel nicht
mit dem Rachegeschrei zu entweihen, lief das Volk nach den prächtigen
Säulenhallen, und hier entflammten Vericochas und Huascar ihren Zorn
und machten sie damit bekannt, daß das Verbrechen und die Gottheit
unbegreiflich seien, daß die von Osten Gekommenen nicht Söhne der Sonne
sein konnten, daß es Sterbliche waren und der Tapferkeit erlägen.
Der Rath der Aeltesten, welcher einberufen wurde, berathschlagte
bedächtig über das Verhalten, das man mit den von Osten Gekommenen zu
wahren hatte, und über die Art, den Krieg zu führen und sich kräftig
auf die Rache vorzubereiten. Sie kamen überein, daß eine Botschaft in
das Lager Pizarros abgehen sollte, um, wenn er noch nicht gestorben
war, das Schicksal des Monarchen bestimmt zu erfahren und um jeden
Preis seine Freilassung zu erwirken; aber an den Mangel an Glauben
der Eindringlinge erinnernd, glaubte man mit Recht, daß sie die
Abordnung umbrächten und sie in keiner Weise ihren Zweck erreichen
würde. So groß jedoch war die Liebe der Peruaner zu ihren Inkas, so
groß das Interesse an der Gesandtschaft, so groß die Vaterlandsliebe
jener unschuldigen Bewohner, daß sich, so sicher sie ihrem Tode
entgegensahen, Alle anerboten, in das Lager Pizarros zu gehen. Die
Umsicht des Rathes durfte nicht gestatten, daß sich die Abordnung aus
den ersten Persönlichkeiten des Reiches zusammensetzte, aber dessen
ungeachtet konnten sie den flehentlichen Bitten Ocollos und Coyas nicht
widerstehen.
Ocollo, die Schönste, die Tugendhafteste von Atahulpas Konkubinen,
diejenige, welche am Meisten die Liebe des Monarchen verdiente,
stellte sich, in Trauer gekleidet und in Thränen gebadet, dem Rathe
vor und trug ihren Entschluß vor, in das Lager Pizarros zu gehen, um
das Schicksal des Inkas, den sie verehrte, zu erfahren, und um, wenn
er in Ketten seufzte, sich zu Füßen seiner Unterdrücker zu werfen, um
mit ihren heißen Thränen deren Mitleid zu rühren. Coya, die berühmte
Prinzessin aus dem Geschlechte der Inkas, jene schöne Coya, welche
dem stattlichen, artigen Almagro so große Liebe eingeflößt hatte, war
bei den schmachtenden und durchdringenden Blicken des kriegerischen
Spaniers ebensowenig unempfindlich gewesen, sie liebte ihn im Innersten
ihres Herzens, sie hatte erkannt, daß sie geliebt wurde, und sie
verlangte nach dem Augenblicke, ihren Angebeteten wieder zu sehen.
Die beiden unschuldigen Opfer der Liebe überredeten den Rath und
man verfügte, daß sie in das Lager der von Osten Gekommenen gehen
sollten. Die Aeltesten kannten die heiße Liebe Ocollos zu Atahulpa sehr
wohl und sie waren überzeugt, daß die Europäer ihre Waffen nicht so
leicht an einer Schönheit mit Blut besudeln würden und hielten es für
vortheilhaft, daß sie die Botschaft auf sich nahm. Nicht so meinten sie
von Coya, die, vertraut mit den Gefahren, tapfer in den Schlachten, mit
zarter Hand geschickt die Pfeile zu lenken wußte, sich der Liebe des
Heeres erfreute und muthig die Krieger in den Tod trieb. Berühmt durch
ihre Geburt, ihrer Reize wegen angebetet, würde, wenn sie Ocollo nicht
nothwendig begleiten müßte, ihr Tod das Reich in Trauer versetzen.
So wiederholt und rührend waren aber ihre Bitten beim Rathe, der die
Ursache, welche dieselben hervorbrachte, nicht kannte, daß er am Ende
nachgab und die beiden Schönen ziehen ließ.
Die Sonne war bereits nahe der Mitte ihrer friedlichen und strahlenden
Laufbahn, sie belebte mit ihrem göttlichen Einflusse die Peruaner,
welche, ein wenig von ihrem Schrecken erholt, auf besseres Glück
hofften, wie es ihnen die wohlthätige Gottheit in ihrem Glanze
verkündigte. Schon bereiteten sich die Krieger, welche die Mauern
besetzten, von Neuem vor, beim Zischen der Strahlen der Eindringlinge
zu fallen, aber ihre Furcht war nicht so groß, weil sie anfingen zu
bezweifeln, daß es Götter waren. Bei der Betrachtung der Niederlage
ihres ganzen Hofes und ihres Adels bot das mit Leichen bedeckte Feld
mit dem Lager Pizarros, worin Schwelgerei und Gelächter herrschten,
den schrecklichsten Gegensatz dar. Nachdem die Botschaft vorbereitet,
richteten die unschuldigen Bewohner von Cajamalca, in schwermüthige
Erinnerungen versunken, von einem stürmischen Uebel der Beunruhigung
erfaßt, die sehnsüchtigsten Blicke an ihren Gott, und die beiden
Schönen schickten sich an, nach dem Lager der Sieger zu gehen.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 9.
Waffenstillstand.
Müde, auf den Feldern Cajamalcas zu schlachten, zogen sich die
Eindringlinge, als die erschrockenen Peruaner sich bereits in den
Mauern eingeschlossen hatten, und die Nacht ihren dunkeln Schleier
über den mit Blut bespritzten Kampfplatz ausbreitete, abermals in
ihre Zelte zurück. Eine unermeßliche Beute war die Frucht jenes
berühmten Tages, so unermeßlich, daß sie die riesigen Begriffe und
Hoffnungen, welche die Abenteurer von jenen reichen Gebieten gefaßt
hatten, bei Weitem übertraf. Der prächtige, goldene Thron Atahulpas,
die ungeheuer vielen Edelsteine, welche den Monarchen, seinen Hof und
seine Adeligen bedeckten, Alles fiel in die Gewalt der Sieger, die
sich in einem günstigen Augenblicke sozusagen der Reichthümer des
Reiches bemächtigten. Obwohl unter sanften Vorstellungen und Gebärden,
wurde der gefangene Kaiser, indem man ihm sagte, daß dieses, da es
der Papst Alexander ihm überlassen hatte, dem großen König im Osten
gehörte, aller seiner Reichthümer, womit er sich schmückte, beraubt,
und wie es bei allen Siegen natürlich ist, zerstreuten sich die Sieger
über das Schlachtfeld und beraubten und entkleideten beim Scheine des
flimmernden Mondes die Leichen und Verwundeten. Es waren Ketzer, die
unglücklichen Sonnenanbeter, denen das sechszehnte Jahrhundert nichts
als Entsetzen, Verachtung, Tod und Verderben gewährte.