Diego de Almagro, sein Genosse, war ein in Stürmen und Gefechten

abgehärteter Krieger, und immer nüchtern, unermüdlich und geduldig,

verachtete er die Gefahren und zog, mit den wenigen Tugenden des

sechszehnten Jahrhunderts geschmückt, muthig in den Sieg. Von

zierlicher, schlanker Gestalt, rundlichem, hübschem Aussehen, und

lebhaften, weitgeöffneten Augen, bildete er, kaum vierundreißig Jahre,

die Vereinigung einer stattlichen, mehr wegen seiner Geschicklichkeit

in der Handhabung der Waffen, als wegen den außergewöhnlichen

Kräften, die er erreichte, bemerkenswerthen Person. So beträchtlich

aber das Glück dieser beiden Soldaten war, so genügte es doch nicht,

den Aufmerksamkeiten der ausgedehnten Eroberung, die sie im Sinne

hatten, gerecht zu werden, und sie verbanden sich noch mit Fernando

Luque, einem habsüchtigen Geistlichen, der mit allen Mitteln, die

der Aberglaube seinem Stande im sechszehnten Jahrhundert verlieh,

verschwenderisch ausgestattet war. Im Alter von fünfzig Jahren,

klein und bucklig, mit einer großen Adlernase, schwarzen, buschigen

Augenbrauen, tiefliegenden Augen und ungestalten Zügen, war Luque eine

abschreckende und sogar ekelhafte Persönlichkeit. Diese drei berühmten

Männer bildeten, indem Pizarro und Almagro den militärischen und Luque

den religiösen Theil auf sich nahm, eine zu gleichen Theilen feierliche

Verbindung zur Eroberung Perus. Sie sollten das peruanische Reich

unter sich vertheilen, und dieser ehrgeizige Plan wurde, indem Luque

öffentlich eine Hostie weihte, die für ihn und seine Gefährten in drei

Theile getheilt wurde, noch durch den Fanatismus besiegelt; und eine

Vereinigung, die Plünderung und Zerstörung zum Zwecke hatte, wurde im

Namen des friedlichen Gottes bestätigt, indem sie bei dem göttlichen

Blute schwuren, sich trotz Strömen von Menschenblutes zu bereichern.

Oh, verbrecherischer Mißbrauch des Christenthums im sechszehnten

Jahrhundert!

Am 14. November 1525 ging Pizarro mit einem schwachen Fahrzeug und

hundertzwölf Mann an Bemannung und Waffen endlich unter Segel; Almagro

sollte ihm Verstärkungen zuführen, und Luque blieb, bis daß der Ehrgeiz

die drei Genossen in den Thälern Perus vereinigte, um sehnlichst

ihre Beute zu vertheilen, an der Spitze der Beziehungen in Panama.

Ohne genaue Kenntnisse über die Theorie der Winde und der Strömungen

irrte Pizarro siebzig Tage lang auf den Wogen umher, bis er endlich

an verschiedenen Gestaden des Festlandes anfuhr und sich von der

Unannehmlichkeit des Landes, das ihm schon Andere so wahr geschildert

hatten, überzeugte. Flaches, sumpfiges Erdreich, von undurchdringlichen

Wäldern bedeckte Gebirge, wenige und dafür um so wildere und tapferere

Einwohner, das war es, was sein Ehrgeiz entdeckte. Der Hunger, die

Müdigkeit, die häufigen Kämpfe mit den Eingebornen des Landes und mehr

noch die den feuchten Ländern allgemein eigenen Krankheiten schwächten

und zerstörten beinahe sein verächtliches Expeditionsheer, und er sah

sich genöthigt, an der Insel Cuchamá, der Perleninsel gegenüber, zu

landen, woselbst er von Panama Verstärkungen und Vorräthe zu empfangen

hoffte.

Inzwischen ging auch Almagro, der in Panama Leute vereinigte, mit

sechszig Mann unter Segel, um seinen Gefährten aufzusuchen und

ihm Hülfe zu leisten. Vergebens landete er, dem Aufenthaltsort

Pizarros nachspürend, ebenfalls mehrere Male auf festem Boden; die

Indianer griffen ihn an und vernichteten ihn; und vertrieben und

sogar verwundet, die gleichen Gebrechen wie sein Gefährte ertragend,

fand er sein Heil in der Flucht, das Schicksal aber führte ihn nach

Cuchamá, wo ihn sein Freund erwartete. Am 14. Juni war es, als die

ersterbende Mannschaft Pizarros ein Fahrzeug jene unbekannten Meere

durchfurchen sah, und beim Flattern der Fahne Panamas bemächtigte sich

der entmuthigten Herzen gegenseitig ein göttliches Entzücken und nach

langen Monden entstand der Trost in den geängstigten Gemüthern. Nach

stummer Umarmung trösteten sie sich, einander ihre traurigen Abenteuer

und erlittenen Schiffbrüche erzählend, und jeder tiefe Seufzer, den sie

ausstießen, ergoß eine unüberwindliche Tapferkeit in ihre Seele.

Weder die Erinnerung an die Gefahren noch der Anblick des Todes

an unbekannten und düstern Gestaden entmuthigten jene für große

Unternehmungen geborenen Seelen. Almagro brach in der Absicht, neue

Anwerbungen zu machen, nach Panama auf und Pizarro überließ sich, auf

der Suche nach dem Goldlande, abermals der Ungunst der Winde. Nachdem

er dieselben Trübsale wie bei seinem ersten Auszug erlitten hatte,

segelte er längs der Bucht von San Mateo an der Quitoküste hin und

landete in Tamanes, fruchtbareren und civilisirteren Gegenden, als

diejenigen, welche er an der Küste des südlichen Meeres erkannt hatte.

Er folgte dem Laufe seiner Nachforschungen, als der fürsorgliche

Himmel, seine Schleußen öffnend, dem Donner und den Blitzen gebot,

das schwache Fahrzeug, die Ueberbringerin so vielen Schreckens, zu

begraben, und die Blitze kreuzten sich und die Wogen brüllten mit

Entsetzen und zerschellten das gebrechliche Schiff. Ein gnädiges

Schicksal bot den Schiffbrüchigen die nahe Gorgona- oder Hölleninsel

an, wo der größte Theil derer, die Himmel und Meer zum Tode zu

verdammen schienen, sich retten konnte.

Auf dieser wegen der Unbeständigkeit ihres Klimas, ihrer

undurchdringlichen Wälder und ihrer abschüssigen Gebirge, wegen der

Unmenge von Insekten und Thiere, die ihren Boden bedecken, wegen der

ewigen Nacht, wozu sie die dichten Nebel verdammen, allgemein die

Hölleninsel genannten Insel, hielt sich Pizarro, nicht um aufzuathmen

und an seine Rettung zu denken, sondern um sein Schiff wieder in Stand

zu setzen und neue Gefahren aufzusuchen, fünf Monate lang auf. Es wäre

schwierig, die Qualen zu schildern, welche die Spanier an jener Stätte

des Todes zu erdulden hatten; aber ihre Kraft war noch nicht gebrochen,

sie gingen zum dritten Mal auf die Suche nach reichen Gestaden aus und

entdeckten am zwanzigsten Tage die Küsten von Peru.

Nachdem er verschiedene unbedeutende Punkte berührt hatte, landete

er in Tumbez, einer unter dem dritten südlichen Grade des Aequators

gelegenen, ziemlich bevölkerten Stadt, wo sie einen großen Tempel und

einen Palast der Inkas, der Beherrscher jenes Landes, vorfanden. Hier

bewunderten die Spanier, da sie eine bevölkerte und mit Industrie

betriebene Gegend und die Eingebornen anständig gekleidet sahen, zum

ersten Mal den Anblick der Ueppigkeit und Civilisation des peruanischen

Reiches; insbesondere aber zog ein solcher Ueberfluß an Gold und

Silber die Aufmerksamkeit auf sich, daß diese Metalle nicht allein

zur Verzierung der Tempel, sondern auch als gewöhnliche Gefäße und

Geräthschaften zu häuslichem Gebrauche dienten, was keinen Zweifel

ließ, daß in dem Lande ein ungeheurer Ueberfluß sein mußte. Pizarro

und seine Gefährten hielten ihre Hoffnungen bereits für verwirklicht,

sie zweifelten nicht, sie glaubten im Besitze ausgedehnter Gebiete und

unerschöpflicher Schätze zu sein.

Pizarro jedoch erkannte, daß er ein großes Reich nicht mit einer

so schwachen Kolonne bedrängen konnte; er unterdrückte seinen

Ehrgeiz, untersuchte, in der besten Eintracht mit den Bewohnern

lebend, die Küsten und erlangte von deren Großmüthigkeit für tausend

Aufmerksamkeiten einige Hausthiere, einige silberne und goldene Gefäße

und einige Werke der Industrie; sichere Proben, die er als Beweis der

Entdeckung der neuen Continente vorzulegen gedachte, und er segelte

nach Panama, woselbst er nach dem dritten Jahre seiner Abfahrt landete.

Nein, kein Abenteurer hat so viele Drangsale erlitten, noch so vielen

Gefahren getrotzt, wie Pizarro auf seiner dreijährigen Pilgerfahrt, und

seine Geduld und seine Tapferkeit übertrafen alle Heldenthaten, die uns

die Geschichte der neuen Welt aufweist.

Weder die Beziehungen, die Pizarro mit den von ihm entdeckten Ländern

unterhielt, noch alle Anstrengungen der Verbündeten vermochten den

Statthalter von Panama zu verpflichten, daß er ihnen irgend welchen

Schutz angedeihen ließ; im Gegentheil, er glaubte, daß die Colonie

nicht im Stande war, ein mächtiges Reich zu überfluthen, und er

weigerte sich, eine Expedition zu ermächtigen, welche die seinem

Befehle übertragene Provinz, ihr so die Arme, deren sie benöthigte,

entreißend, zu Grunde richten könnte; sein Widerspruch aber vermochte

den Eifer der drei Genossen nicht zu schwächen. Sie wußten, daß sie

der Ausführung ihres Planes ohne den Schutz des Statthalters folgen,

oder aber von ihrem Landesherrn die Erlaubniß, die ihnen vom Verwalter

der Provinz verweigert wurde, einholen mußten, und Pizarro flog nach

Madrid, um ihre gemeinschaftlichen Wünsche zu erlangen.

Die ausführliche Geschichte seiner Leiden und die schwülstigen

Berichte, welche er über die von ihm entdeckten Länder abgab, bestätigt

durch die von Tumbez mitgebrachten Erzeugnisse, machten auf Karl und

seine Minister einen derartigen Eindruck, daß sie nicht nur den Plan

einer neuen Expedition bewilligten, sondern den Anführer noch dazu

ermunterten, dieselbe zu verwirklichen. Pizarro wurde zum Statthalter

und Oberbefehlshaber ernannt, und über alle Länder, die er entdeckte,

mit einer sowohl in Civil- als in Militärsachen unumschränkten

Vollmacht mit allen bis dahin den Eroberern der neuen Welt

zugestandenen Vorrechten ausgestattet; Almagro zu seinem Stellvertreter

und Luque zum Generalverweser aller Besitzungen Pizarros. Mit so gutem

Erfolge am spanischen Hofe kehrte er von Neuem nach Panama zurück,

um sich mit seinen Genossen zusammen zu thun und um die letzten

Anstrengungen zu machen.

Trotz alledem fehlte es ihnen bereits an Geld, und obschon sie

ungeheure Opfer brachten, vereinigten sie nur drei kleinere Fahrzeuge

und hundertfünfundneunzig Soldaten mit siebenunddreißig Pferden;

eine solche Ueberlegenheit flößten jedoch den Spaniern damals ihre

Siege in Amerika ein, daß Pizarro nicht daran zweifelte, das mächtige

Reich, das durch seinen Ehrgeiz und seine Habsucht geplündert werden

sollte, mit einer so schwachen Truppenmacht anzugreifen. Im Februar

1671 ging er unter Segel, und von der Gewalt der Winde und Strömungen

getrieben, gedachte er in der Bucht von San Mateo zu landen; er

wandte sich aber, ohne vom Ufer abzulassen, nach Süden, um mit desto

größerer Leichtigkeit den Entsatz, den er von Panama erwartete, zu

empfangen. Neue und große Entbehrungen bewiesen bei diesem Aufbruch

seine Tapferkeit und Geduld. Anstatt sich das Vertrauen der Bewohner zu

erwerben, griff Pizarro dieselben thörichter Weise an und nöthigte sie,

aus ihren unschuldigen Zufluchtsorten zu entfliehen, und der Krieg, der

Hunger, die Ermüdung und die dem Lande eigenen Krankheiten brachten die

Eindringlinge in so eine grausame Nothlage, wie sie sie bei der ersten

Expedition erlebt hatten. Die Küste von Peru ist an einigen Stellen

unfruchtbar, ungesund und wenig bevölkert, die mächtigen Ströme,

reißend und gefahrvoll zu überschreiten, durch den Muth aber, der von

ihrem Ehrgeiz beseelten Spanier, war ihnen Alles möglich und leicht,

und wenn ihnen der Sieg Beute und Ruhm sicherte, war der Triumph ihnen.

Sie gelangten endlich in die Provinz Coaque, und die Bewohner der

Hauptstadt überraschend, bemächtigten sie sich der goldenen Gefäße

und Verzierungen im Werthe von dreißigtausend Pesos[2] und vieler

anderer Reichthümer, die das Mißtrauen, das sie angesichts der

unfruchtbaren Gebiete, welche sie durchzogen hatten, gefaßt haben

mochten, verschwinden ließen. Voll Vertrauen setzten sie, die ruhigen

Einwohner, die sich unterwarfen, oder in das Innere des Landes

flüchteten, ungestüm angreifend, ihren Marsch fort. Dieses plötzliche

Erscheinen von Fremden, die in ihr Land einfielen, deren Gestalt und

deren Sitten ihnen gleicherweise außergewöhnlich waren, und denen kein

Mensch widerstehen konnte, machte auf die Peruaner denselben Eindruck

des Schreckens, den es bei den andern Nationen Amerikas hervorgebracht

hatte. Kämpfend, siegend und verwüstend kam Pizarro endlich in Pinca

und in Tumbez an, wo er seine Truppen rasten ließ und auf Almagro und

Luque wartete. Das waren die Männer, das Heer und die Hülfsquellen,

womit man die Eroberung eines viertausend Meilen von der Metropole

entfernten Reiches unternahm.

[2] Peso (Piaster) = 5 Frcs.

Ewiger Ruhm und Ehre solchem Muth und solchem Wagniß! Ewiger Ruhm den

Spaniern und der glorreichen Regierung Karl des Fünften, die zur Zeit,

als deren siegreiche Waffen den Hochmuth ganz Europa’s demüthigten,

auch noch eine neue Welt eroberten und den entferntesten Zeiten eine

nie versiegende Fülle von Glück und Seligkeit eröffneten!!!

[Illustration]

[Illustration]

Kapitel 5.

Peru.

Südamerika zählte im sechszehnten Jahrhundert auf seinem ungeheuren

Territorium, von der Landenge von Panama bis zum Kap Horn, eine Unmenge

von Volksstämmen und Nationen, die zu jenen Zeiten größtentheils

unbekannt waren, ohne daß die Spanier in ihren glorreichen Triumphen

weiter als über die Punta Rumena und den Rio Colorado vordrangen. Als

Pizarro an den Gestaden des stillen Oceans landete, war das große

Reich Peru, das sich von Norden nach Süden, der ganzen Küste des

südlichen Eismeeres entlang, fünfhundert Meilen weit erstreckte, und

das von Osten nach Westen von den riesigen Gebirgen der Anden, die

sich ihrer ganzen Länge nach von einem Ende bis zum andern ausdehnen,

eingeschlossen war, die mächtigste und ausgebreitetste Nation.

Ursprünglich war Peru, wie die ganze neue Welt, in herumziehende und

unabhängige Stämme eingetheilt, die sich sowohl in ihren Sitten als

auch in ihrer grotesken Art und Weise von einander unterschieden.

Ohne Kultur und ohne Industrie, ohne gesellschaftliche Rechte noch

Pflichten, zogen die Peruaner der Vorzeit wie wilde Horden, die

besonders von der Jagd und vom Fischfang lebten, herum. Aber so wie

alle Völker der Erde ihre ursprüngliche Civilisation gehabt haben,

so verdankten auch die Peruaner zweieinhalb Jahrhunderte vor dem

Erscheinen der Spanier an ihren Küsten dem Zufall zwei gerechte,

einmüthige und erleuchtete Wesen, die sie sanft der Geselligkeit

zuführten.

Wirklich erschienen während der Zeit der neuen Aera an den Ufern des

großen Tititaka-Sees zwei erhabene Wesen von majestätischer Gestalt und

gebildeten Manieren, die sich vornahmen, die Civilisation jenes Reiches

durchzuführen; und wie alle berühmten Gesetzgeber, verfielen sie, um

über den Menschen zu stehen, welchen sie zu befehlen hatten, auf den

Aberglauben. Vergebens würden unter Völkern, denen kaum die Vernunft

bekannt war, diese Legislatoren, um anfänglich die Aufmerksamkeit der

Wilden auf sich zu ziehen, zu erhabenen und metaphysischen Theorieen

gegriffen haben, und sie mußten daher zu natürlichen Dingen, die

unter dem Reiche der Sinnesgefühle standen, ihre Zuflucht nehmen.

Nichts Sichereres, als zu dem majestätischen Vater des Tages, dessen

göttlicher Beeinflussung die Wilden zugänglich waren, die Augen zu

erheben. Wenn der rosige Osten in herrlichem Purpur erstrahlt, lichtet

sich die düstere und schwermüthige Finsterniß, die Vögelein entfalten

ihre hellstimmigen Schnäbel, der Wald belebt sich, die Blumen blühen

und es herrscht lauter Fröhlichkeit. Dann spannt der Wilde seinen Bogen

und schärft seine Pfeile, wirft seine Netze aus und verehrt den Gott

des Lichtes. Der erhabene Kultus der Sonnenanbetung lag im Bereiche

der Bewohner der neuen Welt, und die weisen Gesetzgeber kündigten

sich als Söhne dieser wohlthätigen Gottheit an, welche, mitleidig

auf die Uebel der menschlichen Geschlechter herabschauend, sie, wie

sie sagten, schickte, um dieselben zu belehren, sie zu bilden und

glücklich zu machen. Vereint mit der Achtung, welche die Gottheit, in

deren Namen sie sich anzeigten, einflößte, bestimmten jene Ermahnungen

viele herumziehende Wilde, sich unter sich zu vereinigen, und da

sie die Unterweisungen dieser beiden außergewöhnlichen Wesen als

himmlische Befehle empfingen, folgten sie ihnen nach Cuzco, wo sie sich

niederließen und eine Stadt gründeten.

Manco Capac und Mama Ocollo (das waren die Namen der beiden als Söhne

der Sonne Angekündigten), so viele nomadisirende Stämme vereinigend,

gründeten unter den Peruanern diese gesellschaftliche Verbindung,

welche, indem sie das Ziel der Wünsche vervielfacht und die Kräfte

der menschlichen Abart verbindet, zur Industrie antreibt und die

Fortschritte aller Klassen belebt; sie gaben denselben weise Gesetze

und flößten ihnen jene gesunde Moral ein, die an dem Glücke der

Nationen wirkt, und Manco Capac wäre vielleicht der erste aller

Legislatoren, wenn Confuzius ihn nicht darin überträfe, sich nicht

des Aberglaubens bedient zu haben, um Moral und Gesetze empfangen und

befolgen zu lassen.

Manco Capac stiftete die Sonnenanbetung, und es wurden Tempel errichtet

und die Menschenopfer abgeschafft, und nur seine Nachkommen waren als

Söhne der Sonne, dieser wohlthätigen und beschützenden Gottheit des

Reiches, die ersten Priester des peruanischen Volkes. Manco Capac

gab seinem Volke weise und strenge Gesetze, die seine Unterthanen

von der Sonne, welche ihre Thaten erleuchtete, ausgegangen glaubten;

die Uebertretung eines Gesetzes war eine Entweihung und bei ihren

religiösen Handlungen offenbarten sie deren geheimste Umgehungen und

verlangten deren Bestrafung. Die Inkas (Herren oder Könige von Peru),

ebenfalls Nachkommen Manco Capacs und Mama Ocollos und daher Söhne der

Sonne, waren die Tugendhaftesten im ganzen Reiche; ihr Betragen war das

Vorbild der Thaten ihrer Unterthanen und niemals beging ein Inka ein

Verbrechen. So wohlthätige Herrscher hätten ihre unumschränkte und auf

jede Art und Weise in deren Hände gelegte Macht niemals mißbrauchen

können, und durch weise, einfache, in unvollkommenen Hieroglyphen

oder Quipos geschriebene Vorschriften bestimmte man die verschiedenen

gesellschaftlichen Rangordnungen und die unverjährbaren, jedoch stets

mäßigen und gelinden Abgaben für die Unterhaltung des Kaisers und der

übrigen Beamten des Reiches, sowie für das prunkhafte Gepränge des

Sonnenkultus und zur Erbauung seiner prächtigen, kuppelgewölbten,

goldenen und silbernen Paläste.

Die Inkas, oder Herren von Peru, waren unumschränkt wie die Beherrscher

Asiens, und nicht nur wie Monarchen, sondern auch wie Gottheiten

verehrt. Ihr Blut galt als heilig; man ließ nicht zu, daß es sich

durch irgend welche Vermischung herabwürdigte, und die Ehen zwischen

dem Volke und den Inkas waren, obschon man ihnen eine Menge Konkubinen

gestattete, damit sich das Geschlecht der Söhne der Sonne vermehrte,

verboten. Ihre Familie zeichnete sich durch Kleidungen und Verzierungen

aus, die kein Mensch gebrauchen durfte; niemals zeigte sich der Monarch

ohne die Abzeichen des Thrones vor dem Publikum und er empfing von

seinen Unterthanen Achtungsbezeugungen, die beinahe an Verehrung kamen.

Diese unbegrenzte Macht aber der Herrscher Perus war stets mit einer

zärtlichen Bemühung für die Glückseligkeit seines Volkes vereint.

Wenn wir den indianischen Texten glauben sollen, trieb nicht die

Eroberungssucht die Inkas dazu an, ihr Reich auszudehnen, sondern der

Wunsch, die Vortheile der Civilisation und die Kenntniß der Künste

unter die barbarischen Völker, welche sie unterwarfen, auszubreiten.

In der Aufeinanderfolge von zwölf Reichen war kein Inka von dieser

wohlthätigen Denkungsart abgewichen, kein Inka hatte es unterlassen,

sein Volk glücklich zu machen.

Eine so schöne moralische Aussicht bot Peru dar, als die Spanier an

seinen Gestaden landeten, und die Pracht seiner Tempel und Paläste,

seiner großartigen Straßen, seiner Brücken, kurz, seiner Denkmäler,

deren Ueberreste das siegreiche Volk, das sie in den Staub stieß, noch

bewundert, bewiesen die Fortschritte der Peruaner in den Künsten, der

Industrie und der Mechanik. Unglückseligerweise aber kannten sie die

Schrift nicht, und gerade ihre Gesetzgebung und Geschichte sollte

noch alle die verhängnißvollen Folgen der nationalen Ueberlieferungen

verspüren, weßwegen, falls wir beim Uebersetzen des Quipos oder der

peruanischen Alphabete, die viel unvollkommener als die mexikanischen

Hieroglyphen sind, in dieser Geschichte irgend eine Ungenauigkeit

begängen, wir mit um so größerem Recht die Güte unserer Leser verdienen.

Mit diesen leichten Andeutungen werden wir uns von dem physischen und

moralischen Zustande des ungeheuren Reiches, das der verwegene Pizarro

sich vornahm, an den Siegeswagen des mächtigen Karl V. zu binden,

leicht einen vollständigen Begriff machen und klar ableiten können, wie

die Vorurtheile und der Fanatismus der einen und der andern Völker im

sechszehnten Jahrhundert die Streitkräfte des großartigen Reiches mit

den Streitkräften Pizarros, gefolgt von einer Hand voll Abenteurer,

maßen.

Die Sanftmuth der Religion des Reiches trug über die Maßen zur

Reinheit seiner Sitten und seines Glückes bei. Manco Capac leitete den

ganzen frommen Kultus natürlichen Dingen zu. Die Sonne, als die erste

Quelle des Lichtes, der Fruchtbarkeit der Erde und der Glückseligkeit

ihrer Bewohner, war der erste und hauptsächlichste Gegenstand ihrer

Verehrung; und alsdann erlangten der Mond und die Sterne, welche

die Sonne in ihrem wohlthätigen Einfluß unterstützten, die Huldigung

der Peruaner. So lange der Mensch, die Ordnung und die Herrlichkeit,

welche in der Natur wirklich vorhanden sind, betrachtend, eine höhere

Macht anbetet, ist der Geist des Aberglaubens mild und lieblich; im

Gegentheil aber, hat man, die Welt regierend, Werke der Einbildung und

des Schreckens der Menschen unterschoben, dann nimmt der Aberglaube die

grausamsten und greulichsten Formen an.

Die erste dieser Religionen war diejenige der Peruaner und die zweite

die der Mexikaner. Die an das strahlende Gestirn, das durch seine

universelle und belebende Kraftfülle das schönste Sinnbild göttlicher

Wohlthätigkeit ist, gerichteten gottesdienstlichen Bräuche waren milde

und menschlich. Sie boten der Sonne einen Theil der Früchte, welche

die Erde durch deren Wärme hervorgebracht hatte, dar, sie opferten zum

Beweise ihrer Dankbarkeit einige Thiere, von denen sie aßen und deren

Dasein sich durch ihren Einfluß vermehrte. Sie boten ihr ausgewählte

und kostbare Werke des Gewerbefleißes aus ihren von deren Licht

erleuchteten Händen dar. Niemals bespritzten die Inkas die Altäre mit

Menschenblut, niemals bildeten sie sich ein, daß die Sonne, ihr Vater,

Gefallen daran finden könnte, so barbarische Opfer zu empfangen. So

verdankten die Peruaner, weit entfernt von diesem blutigen Kultus, der

die Empfindsamkeit abstumpft und angesichts der Leiden der Menschen die

Gefühle des Mitleidens erstickt, selbst dem Geiste ihres Aberglaubens

einen sanfteren Nationalcharakter, als den der übrigen Völker Amerikas.

Dieser Einfluß der Religion erstreckte sich sogar auf ihre bürgerlichen

Einrichtungen. Die Macht der Inkas wurde, obschon die willkürlichste

der Gewaltherrschaften, durch den Einfluß der Religion gemildert. Die

Seele der Unterthanen fühlte sich bei dem Gedanken an eine einem ihm

ähnlichen Wesen gegenüber gezwungene Unterwürfigkeit weder gedemüthigt

noch gering geschätzt. Der Gehorsam, den sie ihrem mit göttlichem

Ansehen bekleideten Herrscher leisteten, war freiwillig und würdigte

sie nicht herab. Ueberzeugt, daß die achtungsvolle Unterwerfung seiner

Unterthanen davon herrührte, daß sie ihn für himmlischen Ursprungs

hielten, verlor der Monarch die Gründe, die ihn dazu bewegten, das

wohlthätige Wesen, das er vorstellte, nachzuahmen nicht aus den Augen

und so findet man in der Geschichte Perus kaum eine Revolution gegen

den regierenden Fürsten und keiner von den zwölf Inkas war ein Tyrann.

Die Eroberung von Peru · 第 2 / 17 段