Alle Rechte vorbehalten.
Die
Eroberung von Peru.
Historische Originalnovelle
von
Don Pablo de Avecilla
General-Kriegsauditeur.
Aus dem Spanischen übersetzt
von
Adolf Knabenhans.
[Illustration]
Erfurt, Zürich, Leipzig.
Verlag von Eduard Moos.
1894.
Druck von Eduard Moos in Erfurt.
Einleitung.
Wenn wir im sechszehnten Jahrhundert auf alle europäischen Festländer,
auf die ganze alte Welt einen philosophischen Blick werfen, zieht sich
die Seele eines jeden gefühlvollen Menschen schwermüthig zusammen und
sein Herz pocht bewegt. Denn nicht nur in Spanien war es, wo man unter
dem Geklirre sarazenischer Waffen mit Entsetzen das harte Joch der
Feudalherrschaft und hernach die Tyrannei der Könige verspürte; nicht
nur die spanischen Grenzgebiete schauderten bei der Betrachtung der
gräßlichen Auftritte, womit der düstere Fanatismus die reine und süße
Religion Perus mit Blut befleckte; in dichte Nebel der Unwissenheit
gehüllt, bot die alte Welt, wo man hinsah, den trostlosesten Anblick
dar, und das Betragen der in jenem traurigen Zeitabschnitt der
Oeffentlichkeit angehörenden Männer, nach der Moralität und Philosophie
unseres Jahrhunderts zu bemessen, hieße in sehr schwere Irrthümer
gerathen. Der allergrößte Held des sechszehnten Jahrhunderts wäre der,
der vereinigt mit der wilden, persönlichen Verwegenheit in den Kämpfen,
in heldenmüthigerem Grade den religiösen Fanatismus seiner Zeit besäße.
In so düstern Augenblicken war es, als die Kühnheit der Europäer
sie bis nach dem Festlande der neuen Welt führte. Jene entlegenen
Gestade, voller Unschuld und Arglosigkeit, bildeten den schrecklichsten
Gegensatz zu den verfinsterten Herzen ihrer Entdecker. Aber nein;
ferne von uns der Gedanke, die schändlichen Auftritte zu beschreiben,
die der gefühlvolle Philosoph Raynal in seiner Geschichte der
europäischen Niederlassungen beider Indien geschildert hat; ferne von
uns, den Fußstapfen Robertsons in seiner Geschichte von Amerika zu
folgen, weit entfernt endlich, mit feuriger Begeisterung den Greuel
kläglicher Zeitabschnitte überladen zu wollen. Wenn die Pflicht jedoch
geschichtlicher Novellenschreiber uns Thatsachen berühren hieße, mag es
mit möglichster Leichtigkeit geschehen, und ohne deren düstere Farben
zu überladen.
Alle Nationen Europas gründeten mehr oder weniger wichtige
Niederlassungen in der neuen Welt, und alle Europäer verheerten deren
Grenzgebiete; aber nur die Spanier beherrschten in ihr ausgedehnte
Reiche und ungeheure Länderstriche, und die Kampfplätze der neuen
Gestade werden kaum genügen, die Thaten der Tapferkeit und die
Heldenthaten der spanischen Heroen aufzuzählen. Vertraut mit dem Kriege
in achthundert Jahren der Kämpfe mit den Sarazenen; an die Verfolgung
und Ausrottung der Gläubigen Mahomets gewohnt, mußten sie in den
neuen Gebieten mit den Anbetern anderer Götter jenen selben Charakter
des Schreckens und der Rohheit entfalten, der ihnen im Verlaufe so
vieler Jahrhunderte bereits eigen und angeboren war. Die berühmten
Ritter, in denen die wenigen Tugenden jenes Zeitabschnittes glänzen
konnten, überließen, noch an die glänzenden Kreuzzüge gewohnt, die
Gefahren der Wellen habsüchtigen Abenteurern, die sich mehr nach Gold
und Reichthümern, als nach den frühern Lorbeeren der Kampfplätze von
Palästina sehnten.
Wohl hausten die Spanier mit den wilden Naturtrieben jener Jahrhunderte
entsetzlich auf dem neuen Festlande; ihre Verbrechen aber wären
immer Verbrechen des sechszehnten Jahrhunderts, Verbrechen, die
allen Europäern gemein waren, welche die neue Welt überflutheten;
eigentliche Verbrechen des Fanatismus jener Zeiten der Unwissenheit
und des Irrthums; kurz, Verbrechen von Abenteurern, die wie alle
europäischen Abenteurer, den Tod oder ihren Ehrgeiz an den Schätzen
des jungfräulichen Amerikas zu sättigen suchten; wenn uns aber die
ersten Blätter der Geschichte der neuen Welt beschwerlich fallen
könnten, verdankten doch am Ende jene Regionen den Spaniern die Liebe
zur Freiheit, und das wahre Christenthum, die sie zur Civilisation
und Unabhängigkeit geführt haben. Und heute können wir zufrieden ganz
Europa sagen: *Sie nennen uns unsere Brüder!*
[Illustration]
Inhalts-Verzeichniß.
Einleitung. Seite
Kap. 1. Die katholischen Könige 1
2. Columbus 7
3. Mexiko 14
4. Pizarro, Luque und Almagro 27
5. Peru 39
6. Tumbez 51
7. Huldigung 61
8. Fromme Bräuche 70
9. Waffenstillstand 80
10. Leichenbegängniß 89
11. Taufe 98
12. Feindseligkeiten 109
13. Atahulpa 122
14. Cajamalca 134
15. Knechtschaft 145
16. Verstärkung 156
17. Cuzco 163
18. Botschaft 172
19. Sieg 188
20. Duell 198
21. Staatsklugheit 210
22. Verurtheilung 223
23. Die Anden 238
24. Rache 254
25. Schluß 269
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 1.
Die katholischen Könige.
Es ließe sich unsern Lesern die vollkommene Uebereinstimmung der
peruanischen Handschriften und Texte, welche uns bei Abfassung
dieses Werkes gedient haben, schlecht vor Augen führen, wenn wir den
politischen Stand der alten Welt im sechszehnten Jahrhundert nicht mit
kurzen, leichten Strichen zu schildern und den Hof der katholischen
Könige und dessen innere wie äußere Lage nicht etwas zu ergründen
suchten.
Spanien, dieser von der schönsten Sonne Europa’s beschienene Boden, ist
zu allen Zeiten der Tummelplatz gewesen, worauf mit Waffengewalt die
Schicksale der alten Welt entschieden worden sind. Nachdem sich die
kriegerische Republik Karthago auf den keltiberischen Schlachtfeldern
besiegt sah, unterlag auch die römische Hoheit auf ihren Kampfplätzen;
und wenn der Thron der Gothen im Verlaufe von Jahrhunderten auf
unserm Boden an Volksthümlichkeit und Macht zunahm, so öffnete die
Weichlichkeit der Höfe Witizas und Rodrigos den hinterlassenen Söhnen
Libyens die Thore Spaniens und duldete, damit ihre Freiheit, ihre
Unabhängigkeit und sogar ihren religiösen Glauben verlierend, während
acht Jahrhunderten das harte, verhängnißvolle Joch der Sarazenen.
Aber der spanische Löwe sollte nicht immer niedergeschlagen zu Füßen
seiner Unterdrücker brüllen; das Vaterland der Heroen erhob sein
furchtsames Antlitz und Damaskus erbebte. Der Trieb zur Freiheit und
die Liebe zum Vaterlande, eins mit dem Fanatismus und dem Aberglauben,
reizten die alten Keltiberen und Lusitaner bei Cueba Donga auf und
Pelayo eröffnete den hartnäckigsten und blutigsten Feldzug, den die
Geschichte jemals bekannt gab. Siebenhundertachtzig Jahre der Kämpfe
und dreitausendsiebenhundert Schlachten hatten die Sarazenen von den
kantabrischen Gebirgen bis zu den Bergen vor Toledo hinabgetrieben, von
den Bergen vor Toledo in die unwegsamen Sierras[1] von Andalusien und
hatten sie endlich bis vor die Mauern von Granada gebracht. Ferdinand
und Isabella behielt das Schicksal den Ruhm vor, die Kreuzesfahne auf
den Zinnen der Alhambra flattern zu lassen und wenigstens für einmal
machte der Fanatismus mit der Freiheit gemeinsame Sache.
[1] Gebirgsgegenden.
Zu so einem ungeheuren Feldzuge mußten von ihm mächtige Heere auf dem
Fuße gehalten werden, da er, selbst mit genügenden Hülfsquellen für
ausgedehnte Pläne, nicht einmal ein System öffentlicher Angelegenheit
geschaffen hätte. Obschon die katholischen Könige, alle Jahre die
Fluren der Sarazenen verwüstend, mit fünfzig- bis siebzigtausend Mann
einzogen, bestanden diese Heere doch nur aus Vasallen, welche ihnen in
früherer Zeit die feudalen Herren liehen, oder dann aus Fanatikern,
die der Herr im Vatikan im Namen Gottes vierzig Tage lang aufwiegelte.
Das französische Heer Karls VII. war die erste stehende Macht, welche
Europa kannte, und welche den bedeutenden Umschwung vorbereitete, den
Adeligen die Führung der staatlichen Militärgewalt zu entziehen. Die
Könige waren machtlos; ihre Staatskasse war so schwach, daß sie sich
weder auf Kosten noch auf Unternehmungen einlassen konnten, und gingen
sie das Volk darum an, leistete dasselbe ihnen nur geringen Beistand.
Am zweiten Tage des Jahres 1493 zogen Ferdinand und Isabella als
Sieger in Granada ein; um die Herrschaft der Sarazenen war es in
Spanien geschehen und durch die Vereinigung der Krone von Aragonien und
Castilien in Folge Vermählung dieser beiden Fürsten wurden, wiewohl sie
keine unumschränkte Macht besaßen, ihre Besitzungen sehr ausgedehnt.
Die gesetzgebende Gewalt lag in den Cortés und die ausführende des
Königs war sehr begrenzt. Das romantische Zeitalter war noch nicht
ganz zu Ende; die Herzhaftigkeit, Leutseligkeit und Tapferkeit waren
das Unterscheidungszeichen der adeligen Ritter, das Feudalwesen aber
erfreute sich unumschränkter Macht; die lehenspflichtigen Herren
waren die Könige und die Monarchen hohle Truggestalten ohne Glanz und
ohne Pracht. Doch Ferdinand, der die Frucht von viertausend Siegen
einheimste, wußte die Vortheile, welche ihm die politische Lage darbot,
auszunutzen. Von hohem Verständniß in der Zusammenstellung seiner
Pläne, zehrte die Thätigkeit, die Standhaftigkeit und Entschlossenheit
zu deren Ausführung, das Werk des Tyrannen, das ihm sein Herz
eingegeben und sein Stolz vorgeschrieben hatte, auf. Ferdinand, vom
Hofe in Rom nur der Katholische genannt, weil er ihn fürchtete,
beraubte die frommen Väter, das eine Mal unter verschiedenen Vorwänden,
das andere Mal unter Anwendung grausamer Gewaltthätigkeiten und
viele Male durch Urtheilssprüche der Gerichtshöfe, eines Theiles der
Besitzungen, die sie von der unbesonnenen Großmüthigkeit der früheren
Monarchen und hauptsächlich von der Schwachheit und Verschwendungssucht
seines Vorgängers, Heinrichs IV., erlangt hatten. Prächtig gestaltete
er seinen Hof und flößte den Großen mit Flitter und Prunk Achtung ein.
Er einverleibte der Krone die mächtigen Würden der Orden von Santiago,
Alcantara und Calatraya, und er war (wiewohl seine Macht noch geringer
als die anderer Herrscher Europas war) beständig ein scharfsinniger
Tyrann, wo es galt, das Volk seiner Freiheiten zu berauben. Spanien
war, bis auf die vollständige Niederlage, auf den Schlachtfeldern von
Villalar frei.
Wenn so viele Vortheile den Thron Ferdinands riesenhaft zu gestalten
vermochten, so schwächten jedoch seine politischen Mißgriffe dessen
Macht. Die Bekehrungswuth, das unzertrennliche Attribut der Fanatiker,
beherrschte Ferdinand, oder beherrschte zum mindesten dessen Politik,
denn kaum flatterte die Fahne Zions auf den Mauern Granadas, als eine
unsinnige Verordnung den in allen spanischen Provinzen zerstreuten
Juden und Mohamedanern anbefahl, sich binnen vier Monaten taufen zu
lassen oder aus den spanischen Besitzungen hinauszugehen. Wenige wurden
getauft, aber achthunderttausend jeden Alters und Geschlechts suchten
unter anderen Himmelsstrichen Duldung für ihren Glauben. Die durch den
Krieg verheerten Fluren, der in wenigen Händen befindliche Grundbesitz,
die kurze Ausdehnung des Handels und die geringe Entfaltung des innern
Verkehrswesens, Alles machte, daß der Ackerbau nachließ und der
öffentliche Reichthum sehr spärlich wurde. Ein verheerender Krieg von
acht Jahrhunderten, eine schreckliche, vom Fanatismus vorgeschriebene
Auswanderung, die den feudalen Rechten eigenthümliche Lähmung der Ehen,
Alles trug zur Entvölkerung und zur Spärlichkeit der Arme für die
Pflege der Künste und Wissenschaften bei.
Das war Spaniens politischer und innerer Zustand, als Columbus vor die
spanischen Monarchen hintrat und ihnen ein ungeheures Reich anbot,
dessen Vorhandensein ihm sein Antrieb eingegeben hatte. Obschon ein
wenig über den Trümmern der Feudalherrschaft erhaben, war Ferdinand
ein Herrscher, dessen schwache Staatskasse den inneren Anforderungen
nicht genügte; ein Monarch, der nicht allzusehr auf die Liebe seines
Volkes rechnete; ein Monarch endlich von größerer Pracht und Eitelkeit
an seinem Hofe als Macht für ausgedehnte Unternehmungen, und da seine
ganze Aufmerksamkeit von der Niederlage der Sarazenen in Anspruch
genommen war, war es nicht leicht, daß er einem Manne, den ganz Europa
für einen Träumer hielt, Gehör schenkte.
Wenn diese politische Lage den tugendhaften Entdecker der neuen Welt
auch nicht gerade begünstigte, so stellte sich ihm die Unwissenheit und
der Fanatismus als ein beinahe unüberwindliches Hinderniß entgegen. Die
Unfehlbarkeit des Papstes hatte diejenigen, welche an das Vorhandensein
der Antipoden glaubten, mit dem Kirchenbann belegt, und Spanien, wie
alle Nationen, in Dummheit und religiöser Furcht begraben, war es
nicht leicht, der Meinung eines dunkeln Mannes zu folgen, wo Papst
und Genesis jede Zuverlässigkeit aufgaben. Es wäre schwierig, die
Wegräumung so vieler Hindernisse zu erforschen, ohne dem Ehrgeiz der
Könige nachzuspüren; die heftige Begierde aber, zu regieren, und das
großartige Gepränge, ganze Reiche an den Siegeswagen zu befestigen,
welche die katholischen Könige zu beherrschen schien, ließen sie dem
unerschrockenen Columbus Gehör schenken, und indem sie der Genesis und
dem Papste Stillschweigen geboten, warfen sie sich, auf der Suche nach
Sklaven und Schätzen, der Wuth unbekannter Meere in die Arme.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 2.
Columbus.
Durch die Eroberungen, welche sie täglich den Händen der Sarazenen
entrissen, stolz, und in Folge der Triumphe, die sie, um ihre
oberherrliche Macht damit zu vergrößern, über ihre Vornehmsten und den
Adel, denen sie ihre alten, verbrieften Rechte entrissen, davontrugen,
übermüthig geworden, hielten die katholischen Könige verwegen Ausschau
auf den Ocean und ließen sich leicht von dem angenehmen Taumel
bethören, daß es hinter jenen beweglichen Bergen von Wogen noch andere
Reiche und andere Kronen gäbe, um damit ihre Stirnen zu schmücken und
ihre Macht zu vergrößern. Es war ein kühner Mann, der, größer als
sein Jahrhundert, eine neue Welt zu ihren Füßen niederlegte, und die
frühere Halbinsel war schon eng begrenzt, um die Macht der Könige von
Aragonien und Castilien in sich zu schließen. Columbus schmeichelte
der Eitelkeit dieser gewaltigen Herrscherpaare und Papst und Genesis
mußten vor dem unbeugsamen Willen der Eroberer Granadas, die an den
riesigen Thron Karls V. noch eine neue Welt knüpfen wollten, verstummen.
Christoph Columbus, von Geburt ein Genuese, hatte sein kostbares
Dasein mit mehr oder weniger wichtigen Seereisen zugebracht. Dieser
unbekannte Mann, an Kenntnissen in der Astronomie und der Schifffahrt
weiter fortgeschritten als sein Jahrhundert, wußte wie aus eigenem
Antriebe, daß es noch einen andern Erdtheil haben mußte, und daß
ihm der ewige Ruhm, denselben zu entdecken, vorbehalten blieb. Die
Antipoden, welche die Vernunft als ein Hirngespinnst und der Aberglaube
als einen Irrthum und als eine Gottlosigkeit hinstellten, waren für
diesen außerordentlichen Mann eine unbestrittene Wahrheit. Von dieser
Idee, der großartigsten, die je ein Mensch erdachte, besessen, schlug
er seiner Vaterstadt Genua vor, eine andere Erdhälfte unter deren
Gesetzgebung zu stellen. Von dieser schwachen Republik, von Portugal,
wo er lebte, von England, das stets für irgend ein überseeisches
Unternehmen bereit zu sein schien, verachtet, setzte er die einzigen
Hoffnungen seiner Pläne auf Isabella.
Die Minister dieser Prinzessin hielten den Mann, der eine neue Welt
entdecken wollte, gleich anfangs für einen Träumer, und lange Zeit
hindurch behandelten sie ihn, wie gewöhnliche Menschen inmitten
ihrer Glücksgüter Männer von Genie zu behandeln pflegen, von oben
herab. Columbus jedoch schrak angesichts der Schwierigkeiten nicht
zurück. Er besaß, wie alle diejenigen, welche außergewöhnliche Pläne
schmieden, die Seelenhoheit und die Begeisterung, die sie gegen irrige
Meinungen, gegen höhnische Verachtung des Stolzes, das Erniedrigende
des Müßiggangs belebt. Entschlossen, energisch und muthig, triumphirte
seine Klugheit und seine Geschicklichkeit über alle Hindernisse.
Isabella verkaufte ihr Geschmeide und ihre Edelsteine, sie berief sich
auf ihren Hof, und nachdem drei Fregatten mit neunzig Mann Besatzung
für ihn ausgerüstet worden waren, ging Columbus am 3. August 1493 unter
Segel, um die Welt in Erstaunen zu setzen.
Christoph Columbus gedachte die alte Welt umzugestalten und sein
Unternehmen erforderte hohen Muth. Nach einer langen Seefahrt fingen
die Mannschaften, entsetzt ob der ungeheuren Entfernung, welche sie
von ihrem Vaterlande trennte, an, mißtrauisch darüber zu werden, an
das Ziel ihrer Wünsche zu gelangen, und mehrmals wollten sie Columbus
in’s Meer werfen, um wieder nach Spanien zurückzukehren. Der Admiral
verstellte sich, so viel es ihm möglich war, bis daß, als er bereits
den Ausbruch mit dem entsetzlichen Knalle bedrohen sah, er vorschlug,
daß, wenn sie in drei Tagen kein Land entdeckten, sie nach Europa
segelten. Glücklicherweise wurde noch vor dem dritten Tage, im Monat
Oktober, die neue Welt entdeckt. Columbus landete auf der Insel San
Salvador und nahm im Namen Isabellas Besitz von ihr. Kein Mensch hielt
es damals in Europa für ungerecht, sich eines nicht von Christen
bewohnten Landes zu bemächtigen! Bei dem Anblick der Schiffe und
der von ihnen so sehr verschiedenen Menschen verwirrt, flohen die
Inselbewohner entsetzt in die Tiefen der Wälder. Die Spanier konnten
einige packen, die reichlich beschenkt und geherzt zurückkehrten, um
ihre Horden zu schicken, was genug war, sich das ganze herumirrende
Volk zuzuziehen.
Unter fröhlichem Gejauchze liefen die unglücklichen Bewohner der neuen
Welt an das Gestade und erkannten die Schiffe und herzten die Europäer.
Die Europäer hingegen, als sie kupferfarbene Menschen, ohne Bart in
ihrem Gesicht, ohne Flaum an ihrem Körper, in natürlicher Einfachheit
sahen, sahen dieselben für unvollkommene Thiere an, die zu ihrem
Abscheu und dazu geboren waren, um sie an das Halseisen zu befestigen,
um sie auf den Märkten zu verkaufen und sie zu ewiger Knechtschaft zu
verdammen.
Die Insulaner, welche, die Wälder bewohnend, nach wildwachsenden
Früchten der Natur suchten und ihrer Scham mit einfachen Geweben
genügten, wußten nichts von dem Werthe der Metalle, und das
verächtliche Kupfer und das ersehnte Gold stillten gleicherweise
ihren einfältigen Stolz; sie zierten ihre Tempel und erhöhten den
Liebreiz ihrer Schönen. Die Eindringlinge warfen inzwischen, auf der
Suche nach kostbaren Metallen und Edelsteinen, durchdringende Blicke
um sich her und sahen lächelnd die mit Schätzen beladenen Indianer
in ihrem Zierrath und im Innersten ihres Herzens sannen sie auf
Raub und Mord. Oh, erhabener Columbus! niemals wird die Geschichte
deine Tugenden beflecken. Der Wissensdrang, nicht die Geldgier, gab
dir das Vorhandensein neuer Erdtheile ein; hättest du das Buch der
Schicksale der Völker aufschlagen können, so läge Amerika in ewiger
Vergessenheit da, und du würdest nicht die Wogen ruhiger und entfernter
Gestade stören, um sie nachher von Blut geröthet zu sehen. Gefühlvoll,
weichherzig und tugendhaft, warst du die Liebe der einfachen
Inselbewohner und der Haß des Hofes von Castilien, und dein Gedächtniß
soll, indeß die Erinnerung an deine Tugend in den Herzen fortlebt, der
neuen Welt theuer sein.
Columbus’ unermüdlicher Eifer für Entdeckungen und der Anreiz des
Goldes in den Spaniern brachte sie nach der Insel Santo Domingo und
nach andern Festländern Amerikas. So lange als Columbus an der Spitze
der Mannschaften stand, stieß der Ehrgeiz der Expeditionäre auf einen
unüberwindlichen Damm. Da er aber wieder an den spanischen Hof zurück
mußte, da er sich zu neuen Entdeckungen der Unendlichkeit des Meeres
überlassen mußte, ließen die widerrechtliche Besitzergreifung, der
Fanatismus, die Grausamkeit und Unmenschlichkeit ihre Wuth an den
unschuldigen Sonnenanbetern aus. Ohne andere Waffen als ihren Bogen
und ihre Pfeile von Holz oder aus Fischgräten wagten die Indianer
vergebens Zusammenstöße mit Feinden, deren Waffen, deren Mannszucht
denselben so große Vortheile gewährten. Von ihren schwachen Opfern wie
Götter angesehen, stimmten dieselben, bevor sie kämpften, den Sieg
an und ihre Trophäen waren unmenschlich von Blut geröthet. Columbus
jedoch warf die Ruchlosen zu Boden und war der Schutzengel der
Indianer. Columbus aber würde der erste tugendhafte Kriegsheld sein,
der nicht ein Spielball der Höflinge wäre und der schließlich nicht den
Fußstapfen Belisars nachfolgte. Die Verleumdung richtete ihre grausamen
Geschosse auf ihn und nachdem man ihn in Santo Domingo in Ketten zu
legen befohlen hatte, wurde er wie der Gemeinste der Verbrecher nach
Spanien geführt. Ueber so ein schimpfliches Vorgehen beschämt, ließ ihn
der Hof zwar frei, jedoch ohne ihn an seinen Verleumdern zu rächen und
ohne ihn wieder in seine Titel und Aemter einzusetzen. Das war das Ende
dieses außerordentlichen Mannes! Die öffentliche Erkenntlichkeit hätte
wenigstens diesem neuen Erdtheil den Namen des kühnen Schifffahrers,
der ihn entdeckte, geben dürfen, und es wäre die geringste Huldigung,
die zu seinem Gedächtnisse beitragen könnte; bald aber entrissen ihm
der Neid, bald die Undankbarkeit, bald die Launen des Glückes, die
also über den Ruhm gebieten, das Geschenk, welches ihm das Schicksal
gewährt hatte, und sprachen es Florentino Vespucci zu, der nur
seinen Fußstapfen nachfolgte. Der erste Augenblick, in dem Amerika
für die übrige Welt bekannt wurde, wurde mit einer Ungerechtigkeit
besiegelt. Verhängnißvolle Vorbedeutung derer, deren Schauplatz jene
unglückseligen Länder werden sollten!
Nach dem Falle Columbus’ und dem Tode Isabellas fingen die Insulaner
an, die ganze Entsetzlichkeit des sie bedrohenden Schicksals zu
fühlen. Die Religion und die Politik des sechszehnten Jahrhunderts
dienten dem gottlosen Gesetze, das Ferdinand der Katholische im Jahre
1506 erließ, in welchem er die Indianer den Eroberern zutheilte,
damit sie dieselben bei den Ausbeutungen der Bergwerke und bei den
allerbeschwerlichsten Arbeiten verwenden sollten, zum Vorwande. So
lange wir, sagten sie sich in der freien Ausübung ihres Aberglaubens,
diese Barbaren lassen, werden sie weder das Christenthum umarmen, noch
dem Gehorsam den Nacken beugen. Oh! würdige Politik des sechszehnten
Jahrhunderts!... Die Inseln wurden in eine Menge von Bezirken
eingetheilt, und jeder Expeditionär erlangte, je nach seinem Grade,
seiner Gunst oder seiner Geburt mehr oder weniger Boden, und von diesem
Augenblick an waren die Indianer Sklaven, die ihrem Herrn ihren Schweiß
und ihr Blut schuldeten, und diese entsetzliche Verordnung wurde, da
die Krone unerhörte Abgaben über die Arbeiten an sich nahm, auf allen
Niederlassungen der neuen Welt befolgt.
Die Auszügler befriedigten ihren Ehrgeiz auf einige Augenblicke; aber
die schwächlichen, einer unerträglichen Arbeit nicht gewachsenen und
der Härte unmenschlicher Strafen erliegenden Indianer verschwanden von
ihren fruchtbaren Gefilden, und kaum blieben noch Arme dafür übrig,
wann der Augenblick der Rache donnerte. Umsonst berief man sich im
sechszehnten Jahrhundert auf gute Colonisationsprinzipien; umsonst
flehte man die Rechte der Menschlichkeit an; das gezückte Schwert und
der Name des Eroberers; das Crucifix in der Linken und die Fackel
in der Rechten; die Sklaverei oder der Tod; das Christenthum oder
der Scheiterhaufen; das waren sie alle die großen Grundsätze des
katholischen Hofes, wie aller Höfe Europas, in dem verhängnißvollen
sechszehnten Jahrhundert.
[Illustration]
Kapitel 3.
Mexiko.
Fanatismus und religiöse Vorurtheile entschieden im sechszehnten
Jahrhundert in Vielem die Schicksale der Völker, und wenn, nachdem
sie verschiedenen philosophischen Systemen und verschiedenen
Glaubensansichten gehuldigt, die Völker der alten Welt sich sozusagen
um das Kreuz geschaart hatten, waren doch die Nationen der neuen
Festländer Opfer der falschen Prophezeihungen ihrer Priester und
Propheten und die religiöse Furcht trug zur Herrschaft jener Reiche
so viel bei, wie der Schrecken vor den Waffen ihrer Eroberer. Ehe wir
uns daher den Gestaden Perus, dem Schauplatze unseres unsterblichen
Vorläufers zuwenden, werden wir über das erste von den Spaniern
eroberte Festland Amerikas und insbesondere über das von dem auf immer
unsterblichen Fernando Hernan Cortés eroberte, ungeheure mexikanische
Reich, philosophische Umschau halten müssen. Die Reiche Mexiko und
Peru vereinigen in ihren religiösen Voreingenommenheiten und in den
Weissagungen ihrer Propheten viele Berührungspunkte unter sich.
Im einen wie im andern Reiche sah man großen Revolutionen, welche
von Osten her kommen sollten, entgegen, und diese Aehnlichkeit der
Prophezeihungen wird unsern Lesern um so mehr auffallen, da dieselben
ursprünglich Religionen und Priester hatten, welche unter sich den
schrecklichsten Gegensatz bildeten. In Mexiko verehrte man falsche
und grausame Götzenbilder und Menschenfresser, deren Priester die
heiligen Altäre mit Menschenblut bespritzten. In Peru betete man
die erhabene Gottheit der Sonne an und die Priester brachten ihr im
Tempel unschuldige Opfer von Früchten dar, womit sie ihre Anbeter so
reichlich beschenkte. Oh! unaussprechliche Geheimnisse der Verirrungen
menschlicher Vernunft!
Nach dem Tode Columbus’ gründeten die Spanier in Jamaica, Puerto Rico
und Cuba bedeutende Niederlassungen und Francisco Hernandez de Cordoba
und Juan Grijalda erwarben im Jahre 1517 und 1518 in Betreff des
mexikanischen Reiches, über dessen Macht, dessen Ausdehnung, dessen
Sitten und Gesetze etc ausgedehnte Kenntnisse.
Die öffentliche Stimme jauchzte Fernando Cortés, der damals mehr wegen
seiner Hoffnungen, die er versprach, als wegen der Thaten, die er
aufzuzählen vermochte, bekannt war, als dem Eroberer Mexikos zu. Stark,
kräftig, beredt, kühn, verschlagen, von der ganzen Begeisterung für
den Ruhm, der die erste Tugend des Helden ausmachte, beseelt, sollte
Cortés die Fahne Castiliens auf den Trümmern des Thrones von Montezuma
aufpflanzen. So eine schmeichelhafte Aussicht bot, wenn nicht noch
schwerere Verbrechen so großen Ruhm verdunkeln würden, der erste Held
Amerikas dar.
Nachdem er die Hindernisse, welche Neid und Haß wider ihn erregten,
überwunden hatte, ging er am 10. Februar 1519 mit fünfhundertachtzehn
Soldaten, hundertneun Matrosen, einigen Pferden und einiger Artillerie
unter Segel. So ein schwaches Heer wollte einen Feldzug von drei
Jahrhunderten eröffnen! So kleine Auslagen auch so geringfügige
Expeditionen verursachten, gab die Regierung doch nichts her; Alles
geschah auf Kosten von Privatleuten, die sich zu Grunde richteten
und unglücklich wurden, daß nur ja ihr guter Erfolg das Reich der
Metropole immer mehr ausdehnen half. Von den ersten Expeditionen an
hatte der Hof niemals den Plan dazu entworfen, niemals seine Schätze
aufgethan, niemals Mannschaften ausgehoben; der Durst nach Gold, der
abenteuerliche Geist, der dazumal herrschte, trieben die Industrie und
die Thätigkeit an.
Cortés landete glücklich und griff die Indianer von Tabasco an,
besiegte sie und machte sie zu seinen Verbündeten. Die nüchternsten,
die an Mühen abgehärtesten, mehr wie kein anderes Volk Europas an
die Witterungsverhältnisse eines brennenden Klimas gewöhnten Spanier
waren damals die einzigen, welche die Beschwerlichkeiten eines
Krieges in der heißen Zone ertragen und sich zu ungleichem Feldzuge
rüsten konnten. Kaum erschien Cortés an der Küste Mexikos, so konnte
Montezuma, der mit unumschränkter Macht daselbst regierte, den
Schrecken, der ihm in die Glieder fuhr, nicht verbergen. Diese Furcht,
die einem so gewaltigen Monarchen eine Hand voll Abenteurer einjagte,
sollte, außer man erklärte denn Muthmaßungen und Ueberlieferungen für
genügend, jede Wahrscheinlichkeit übertreffen.
Die scheinbare oder wirkliche Bewegung der Gestirne um ihre Bahnen,
die überraschenden Wirkungen der größern oder geringern Krümmungen der
Erdoberfläche, die Ebbe und Fluth des Meeres und als erster Träger
dieser Naturerscheinungen der ewige Streit der Elemente, stürzen die
Bewohner des Weltalls in eine empfindliche Gefahr und in beständige
Sorgen um ihr Schicksal. Der Aberglaube und der Fanatismus haben
diese physischen Umwälzungen vergöttert und demzufolge ist auch,
vor Allem bei den fühlbareren und kürzlicheren Anzeichen dieser
Naturerscheinungen, der Schrecken der Völker gewesen.
Solch ein Bild bietet Amerika dar, wo die Ueberschwemmungen, die
vulkanischen Ausbrüche und die großen Erdbeben in der Natur häufiger
sind; ausgedehnte Meerbusen, unendliche Seen, unzählige Inseln,
mächtige Ströme, sehr hohe Berge, Alles zeugt von den Schlägen, von den
Trübsalen, womit die Natur diese Welt heimgesucht hat; dieser ganze
Schrecken rührt von der Trostlosigkeit dessen her, daß zu allen Zeiten
die Lüge Mißbrauch getrieben hat, um auf Erden zu regieren. Wie nichts
geschieht, das nicht unter dem Anscheine irgend eines Sternbildes
stünde, so hat man zu den Sternen gegriffen, um das Unheil, von dem man
die Ursache nicht kannte, zu erklären und die einfachsten Beziehungen
der Lage von Planeten zueinander haben für den menschlichen Geist,
der den Ursprung des Bösen immer in der Finsterniß sucht, bei allen
Umwälzungen einen unmittelbaren und nothwendigen Einfluß.
Vor Allem wurden die politischen, als die für den Menschen
allerwichtigsten Ereignisse in naher Beziehung zu den Gestirnen
geglaubt. Daher die falschen Prophezeihungen und die eigentlichen
Befürchtungen, welche die Welt beherrscht haben und die immer mehr
zunehmen, und im Verhältniß zur Unwissenheit fest wurzeln. Diese
Krankheiten des menschlichen Geistes fanden sich bereits in der neuen
Welt vor und man weiß nicht, warum sich in Santo Domingo und in Peru
und in anderen Regionen Nordamerikas eine Ueberlieferung zeigte, daß
Fremde von Osten her kommen sollten, die jene unglücklichen Länder
zerstören würden. Nicht, weil sie von unserm Dasein Kunde hatten,
sondern weil, wie alle Völker der Erde, daran gewohnt, ihre ersten
Blicke dahin zu richten, von wo die Sonne kommt, sie sich einbildeten,
daß die sie bedrohenden Umwälzungen ebenfalls von jenem Punkte der Erde
ausgingen.
Dieser Aberglaube, der einen Theil der Dogmen Mexikos ausmachte,
arbeitete, gestützt auf einige kürzliche, recht sonderbare Ereignisse,
mächtig in der von Natur aus unruhigen Seele Montezumas, als die
Spanier in seinen Staaten landeten. Was er im Allgemeinen von diesen
Fremden befürchtete und im Besondern davon sagen hörte, verwirrte
seinen zerrütteten Geist so sehr, daß er den durch die Gestirne, den
Propheten seiner Nation, angezeigten verhängnißvollen Augenblick für
gekommen hielt. Er schickte Abgesandte, um Cortés den Beistand, dessen
er bedurfte, anzubieten und um ihn zugleich zu bitten, er möchte
aus seinen Besitzungen hinausgehen; der Anführer der Spanier jedoch
erwiderte stets, daß er kommen müsse, um mit dem Kaiser von Seiten
des Machthabers im Osten zu sprechen. Vergebens bedrohten ihn die
Kundschafter mit der riesigen Macht des Reiches, die Hartnäckigkeit
führte zum Streit und Cortés, der, um zu siegen oder zu sterben, die
Schiffe verbrannte, marschirte, ohne bei seinem Heereszuge auf großen
Widerstand zu stoßen, auf Mexiko zu.
An den Grenzen der Republik Tlascala angelangt, bat er vergebens um
Durchzug und er mußte kämpfen. Die Tlascalteken waren tapfer und
mächtig, sie gingen muthig in den Tod, es fehlte ihnen nur an Waffen,
um zu siegen.... Da das Land in viele Cantone eingetheilt war,
befehligten Vizekönige, die man Caziken nannte: Sie stellten sich im
Kriege an die Spitze ihrer Unterthanen, legten Abgaben auf, handhabten
die Gerechtigkeit; ihre Gesetze und Erlasse aber mußten von dem Senate
in Tlascala, der aus Bürgern, welche in Volksversammlungen in jedem
Canton gewählt wurden, zusammengesetzt, der eigentliche Machthaber war,
bestätigt werden.
Cortés, der diese kriegerische Nation auf Kosten von tausend Gefahren
angriff und besiegte, machte dieselben, da sie den Mexikanern, die sie
ihrer Herrschaft unterwerfen wollten, von früherer Zeit her feindlich
gesinnt waren, durch seine Triumphe und seine Politik zu seinen
Verbündeten, sodaß sie ihm Truppen und Hülfe aller Art verschafften.
Mit diesem Beistand marschirte Cortés mitten durch ein von lieblichen
Strömen bewässertes und mit Städten und Gärten bedecktes, reiches
Land. Das an unbekannten Pflanzen fruchtbare Gefilde, die voller Vögel
mit prächtigem Gefieder bevölkerte Luft, die angenehme und herrliche
Natur, die gemäßigte Atmosphäre, der heitere Himmel, die in farbigem
Blumenschmucke prangenden Fluren, Alles athmete Unschuld, Fröhlichkeit
und Zauber. Aber so viele Schönheiten rührten die Auszügler in Nichts,
sie waren unempfindlich für ein derartig neues Schauspiel; sie
sahen blos, wie das Gold zur Verzierung der Häuser und Tempel, zur
Verschönerung der Waffen der Mexikaner und dazu diente, mit seinem
Gewichte die Schönheit zu ermüden und der Ehrgeiz verzehrte ihre Sinne
und sie sehnten sich nur nach Gold.
Montezuma sah mit Schrecken, daß Cortés nicht davon abließ, an
seinen Hof zu kommen, und seine von Betrachtungen niedergeschlagene
Seele dachte nicht an die Mittel der Vertheidigung. Er befahl über
dreiunddreißig Caziken, die mächtige Heere ausgerüstet hätten.
Seine Reichthümer waren unermeßlich, seine Macht unumschränkt, sein
Volk geschickt und fleißig, und wie damals die Europäer, kriegerisch
und ehrenhaft. Wenn er seine Macht in Bewegung gesetzt haben würde,
sicherte er seinen Thron; aber Montezuma, der das Scepter durch seine
Tapferkeit erlangt hatte, zeigte, als er trotz ihrer Waffen und ihrer
Mannszucht mit seiner ganzen Macht hätte über die Feinde herfallen und
sie vernichten können, nicht die geringste Geistesgegenwart und er zog
es vor, die Treulosigkeit gegen sie anzuwenden.
Während er sie in Mexiko mit Geschenken und Liebkosungen überhäufte,
beabsichtigte er, um den Rückzug zu sichern oder Unterstützungen
zu empfangen, sie in Veracruz, einer von den Spaniern gegründeten
Niederlassung, zu nehmen. Cortés, der es erfuhr, schreckte seine
Gefährten auf. »Wir müssen,« so sagte er zu ihnen, »diese Barbaren mit
einer überraschenden That in Verwunderung setzen; ich habe beschlossen,
den Kaiser zu ergreifen und mich seiner Person zu bemächtigen.« Nachdem
die Absicht gut geheißen und von seinen Offizieren ausgeführt worden
war, ging er zum Palast des Kaisers und deutete ihm die Wahl zwischen
Tod oder ihnen zu folgen an. Aus einer Niederträchtigkeit, die der
Verwegenheit seiner Feinde gleich kam, ließ sich dieser Fürst gefangen
nehmen, er verurtheilte die Generäle, die ihm nur Gehorsam erzeigt
hatten, zum Tode und huldigte dem König von Spanien.
Der Neid hatte Cortés’ Feinde erregt und Narvaez landete auf Geheiß
der Regierung mit bewaffneter Macht an der Küste von Veracruz, um ihn
seines Befehles zu berauben. Cortés suchte seinen Gegner auf, brachte
ihm eine Niederlage bei und nahm ihn gefangen, und da er durch sein
Zutrauen und seinen Edelmuth die Soldaten anzog, vergrößerten die
Streitkräfte Narvaez’ seine Reihen, und er kehrte nach Mexiko zurück,
woselbst er zweihundert Mann als Wache bei dem Kaiser zurückgelassen
hatte.
Die Mexikaner hatten nichts Barbarisches als ihren Aberglauben,
ihre Priester jedoch waren Ungeheuer, die mit dem abscheulichen
Gottesdienste, den sie der Leichtgläubigkeit des Volkes aufgedrungen
hatten, grauenhaften Mißbrauch trieben. Sie anerkannten statt diesen
nutzbringenden Lehren von Gemeinheiten und Entsetzlichkeiten ein
höchstes Wesen, ein zukünftiges Leben mit seiner Belohnung und
Bestrafung. Mit Abschluß eines jeden Jahrhunderts erwarteten sie das
Ende der Welt und in jenem Jahre gaben sie sich ganz der Fröhlichkeit
und Freude hin. Sie beteten Schutz- und Halbgötter an, kannten Sühne
und Bußen, zählten Wunder auf und hatten Propheten.
Die Priester, stets Menschenfresser, ließen auf den Altären
Menschenopfer verbluten. Sie brachten die Kriegsgefangenen im Tempel
des Gottes der Schlachten dar und die Priester aßen von denselben und
schickten dem Kaiser und den Vornehmsten des Reiches Stücke. Wenn
der Frieden lange Zeit andauerte, sagten die Priester zum Kaiser,
daß die Götter Hungers stürben, und es wurde aus dem einzigen Grunde
Krieg erklärt, um Gefangene zu machen und sie dann auf den Altären
hinzumorden. Alle diese Bräuche waren schaurig und blutig; die
gräßliche, entsetzliche Religion stürzte die Menschen in Schrecken und
mußte sie unmenschlich und die Priester allmächtig machen.
Indeß sich Cortés mit Narvaez schlug, war der mexikanische Adel über
die Gefangennahme ihres Fürsten und ob des Uebereifers der Spanier,
welche bei einem Feste zu Ehren der Götter des Landes die Altäre
umstürzten und die Anbeter und Priester niederhieben, entrüstet;
Alles hatte das Volk zu den Waffen aufgefordert. Man konnte den
Eindringlingen ihren Widerspruch gegen so barbarische Glaubenslehren
nicht zum Verbrechen machen, wenn sie dieselben nur nicht zerstört
hätten, indem sie über das wehrlose Volk herfielen, um es umzubringen,
und wenn sie nicht die Adeligen ermordet hätten, um sie zu berauben.
Bei der Rückkehr Cortés’ nach Mexiko fand er seine Gefährten auf das
Aeußerste bedrängt und nach harter Anstrengung betrat er ihr Lager.
Die Mexikaner thaten Wunder der Tapferkeit und Montezuma, der hinaus
ging an die Mauer, um sie von dem guten Einverständniß mit ihren
Unterdrückern zu überzeugen, starb von den Pfeilen seines Volkes
getroffen. Cortés erkannte die Nothwendigkeit, sich zurückzuziehen;
seine mit Gold beladenen Soldaten konnten sich nicht Alle dem Rückzuge
anschließen und es kamen viele im Thale von Otumba um; Allen drohte der
Tod, endlich aber gelangte der tapfere und mächtige Cortés in das Land
der Tlascalteken, seiner Verbündeten.
Das politische System und die religiösen Anschauungen hatten die
Zwietracht in dem Reiche gesät und geschickt wußte Cortés aus
diesem Vortheil Nutzen zu ziehen. Mit geringen Unterstützungen von
den spanischen Inseln und einigen Truppen, die er von der Republik
Tlascala erlangte, machte er neue Verbündete und griff die Hauptstadt
des Reiches abermals an. Mexiko war eine in Mitten eines großen Sees
gelegene Insel, welche zwanzigtausend Häuser, ein zahlreiches Volk und
prächtige Gebäude enthielt. Gärten, Springbrunnen, Bäder, Verzierungen,
prächtige Tempel, dreitausend Cazikenpaläste, Alles gab der Hauptstadt
eine ungeheure Ausdehnung. Rings um den See herum waren an die sechszig
Städte; zweimalhunderttausend Canoes durchschifften die Wogen und
unterhielten einen lebhaften Verkehr, und solid angelegte Kunststraßen
machten den Stolz mexikanischen Gewerbefleißes aus. Das Reich war
wählbar, und nach dem Tode Montezumas bestieg Guatimazin den Thron, ein
tapferer und verwegener Krieger, der die Hauptstadt in einen glänzenden
Vertheidigungszustand setzte.
Cortés fing den Feldzug damit an, indem er sich der Caziken
versicherte, welche in den Städten an den Ufern des Sees regierten.
Etliche vereinigten ihre Truppen mit denen des Siegers, die
andern wurden überwältigt und Cortés bemächtigte sich der drei
Hauptverkehrsstraßen Mexikos. Er wollte sich ebenfalls der Schifffahrt
auf dem See bemächtigen; er ließ Briggen herstellen, die er mit einem
Theile seiner Artillerie ausrüstete, und so Mexiko beschießend, hoffte
er, der Hunger würde ihm das Reich der neuen Welt übergeben.
Guatimazin machte außergewöhnliche Anstrengungen, um die Blokade
aufzuheben; seine Vasallen kämpften wüthender denn je, die Spanier aber
unterhielten ihre Laufgräben und jagten und verfolgten den Feind bis in
das Innere der Stadt hinein.
Als die Mexikaner den Sieg bezweifelten und es ihnen bereits an
Lebensmitteln fehlte, wollten sie wenigstens ihren Kaiser retten,
der gerne hierin einwilligte, um den Krieg im Norden seiner Staaten
fortzuführen. Ein Theil des Heeres ging, um ihm den Rückzug zu
erleichtern, den Feind zerstreuend und ihm zu schaffen machend, muthig
in den Tod; aber eine Brigg bemächtigte sich des Bootes, worin der
großmüthige und unglückliche Herrscher war. Julian Alderete, ein
spanischer Offizier, glaubte, daß Guatimazin geheime Schätze berge,
und um ihn zu einem Geständniß zu nöthigen, ließ er ihn auf glühende
Kohlen legen. Da wiederholte der amerikanische Held jene berühmten
Worte: »Ha, ich bin in einem Bett voll Blumen!« Ein Tod, der mit
allen denen, welche die Geschichte der Bewunderung der Menschen
übermittelt hat, zu vergleichen ist. Wenn die Mexikaner eines Tages die
Lebensbeschreibungen ihrer Märtyrer und die Geschichte deren Verfolger
aufstellen, so wird man Guatimazin sehen, wie er halbtodt aus einem
glühenden Ofen herausgezogen und unter dem Vorwand, es auf seine
Zerstörer abgesehen zu haben, öffentlich auf drei Jahre hin gehenkt
wird.
Bei willkürlichen Regierungen zieht der Tod oder die Gefangennahme des
Herrschers und die Einnahme der Hauptstadt allgemein die Unterwerfung
des ganzen Staates nach sich. So war es mit der Eroberung von Peru.
Das ganze Reich unterwarf sich den Spaniern, deren Ehrgeiz, obschon es
fünfhundert Meilen in der Länge und beinahe zweihundert in der Breite
hatte, immer noch nicht befriedigt war. Neue Welten, neue Reiche,
andere Helden, andere Siege sollten an den glorreichen Thron Castiliens
neue Welten hinzufügen.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 4.
Pizarro, Luque und Almagro.
Sobald Columbus seine geringen Mannschaften auf der Insel Santo Domingo
verstärken und eine kleine Niederlassung gründen konnte, die ihm als
Vorposten für seine großen Ausflüge diente, worüber er nachdachte, ging
er, seinem Drängen nachgebend, von Neuem unter Segel. Bei einem seiner
Forschungszüge entdeckte er den Orinoko, und bei einem andern die Bai
von Honduras. Er begriff, daß jene Länder ein Festland bildeten, und
schloß auch daraus, daß weiterhin noch ein Ocean sein müsse, der die
Gestade Ost-Indiens bespülte, und daß die beiden Meere unter sich in
Verbindung ständen, welche der kühne Schifffahrer begierig suchte.
Er sondirte die Küsten, landete, wenn es ihm möglich war, und stets
gerecht und menschlich erwarb er sich die Liebe der Bewohner aller
Länder. Die Landenge von Darien zog insbesondere seine Aufmerksamkeit
auf sich; er folgte den Strömen nach, die sich hier in einen Zufluß
des Oceans ergießen, der die Meere von Nord- und Südamerika durch eine
Meerenge verband, und er glaubte seinen Plan bereits verwirklicht; sah
jedoch seine Hoffnungen getäuscht und beschränkte sich darauf, eine
Niederlassung zu gründen. Aber die Habsucht und die Unvorsichtigkeit
seiner Gefährten vereitelten ihm den guten Willen jener Bewohner,
welche die Auszügler angriffen, und Columbus mußte sich wieder
einschiffen und auf seinen schwachen Fahrzeugen, die, beschädigt und
geborsten, zu keinen Unternehmungen mehr taugten, entfliehen.
Diese Expeditionen waren jedoch nicht fruchtlos. Americ, Ojeda, Nino,
Bastidas und andere verfolgten die Richtung, die ihnen Columbus
angegeben hatte; Abenteurer aber, welche von der Regierung nichts
erhielten, als die bloße Erlaubniß, Entdeckungen zu machen, dachten
weder daran Kolonieen zu gründen, noch an etwas Anderes, als ihren
Ehrgeiz und ihren Hochmuth zu befriedigen. Das Gold und das Blut
flossen von einer Welt zur andern. Unter der Menge von Abenteurern,
die jene unglücklichen Küsten plünderten und verheerten, befand sich
ein Mann, Vasco Nunez de Balboa, dem die Natur ein angenehmes Aeußere,
einen kräftigen Körperbau und volksthümliche Beredsamkeit verliehen
hatte, und in dem die Erziehung edle Gefühle hatte keimen lassen. Er
gründete in Darien, wo Ueberfluß an Reichthümern war, eine Kolonie.
Eines Tages aber, als er mit einem seiner Genossen Gold vertheilte,
fingen sie heftig an zu zanken. Da zog ein Wilder, der sie bediente,
entrüstet die Wage weg, indem er zu den beiden Spaniern sagte: »Und
so einer verächtlichen Sache wegen zankt ihr?« Wenn ihr dieses feilen
Goldes halber euer Vaterland verlaßt, um die Ruhe so vieler Völker zu
stören, kommt, ich will euch dahin bringen, wo ihr gesättigt werden
sollt. Er hielt sein Wort und führte sie an die Küste des südlichen
Meeres.
Panama, das im Jahre 1518 gegründet wurde, eröffnete der Unruhe und
Habgier der Europäer eine neue und ausgedehnte Laufbahn. Der Ocean,
der seine Mauern bespühlte, führte nach Peru, dessen Reichthum man
nur auf eine flüchtige Art erwog, und obschon die Kriegsmacht dieses
großartigen Reiches übertrieben wurde, schüchterten sie die Habgier,
die seine Schätze erregten, doch nicht ein. Drei in Niedrigkeit aber
für große Unternehmungen geborene Männer dachten darüber nach, auf ihre
Kosten einen Thron zu stürzen, der viele Jahrhunderte des Ruhmes zählte.
Francisco Pizarro, der bekannteste unter ihnen, war von kräftigem
Körperbau, unerschrockenen Muthes und von einem grenzenlosen Ehrgeiz
und einer Seele, zur Tugend und zum Verbrechen geneigt. Von nerviger
und riesenstarker Muskulatur, mit langem schwarzen Barte, der seine
breite Brust bedeckte, von würdevoller und ungezwungener Gestalt,
großen, schwarzen funkelnden Augen, nahe an den vierziger Jahren,
zeigte seine ganze herausfordernde Haltung jene unwiderstehliche
Anmaßung an, die von den eigenen Kräften herrührt. Immer furchtlos und
thätig, war er bei allen Expeditionen der neuen Welt zugegen gewesen,
und in allen hatte er sich ausgezeichnet, und in allen war der Name
Pizarros geachtet. Der Gebrauch, den er von seinen physischen und
moralischen Kräften gemacht hatte, flößte ihm den Dünkel ein, daß es
nichts Höheres gebe als ihn selbst, und die Eroberung Perus schien ihm
ein, seinen Hülfsquellen nach, weit geringeres Unternehmen zu sein.