Himmel, inmitten des Wohlgeruches aller Blumen jubelten die Männchen
summend ihr nach. Sie erwählte sich einen Bräutigam, mit dem sie sich
vermählte. Dieser starb gleich nach der Hochzeit draußen auf blumiger
Flur. Die Königin aber kehrte als fruchtbare Mutter zurück zu ihrem
Volke und sang ihr Lied:
»Kommende Völker umschließet mein Schoß.
Mächtig entfaltet
Sich euer Reich.
Einig erhaltet,
Kinderlein, euch!
Ehret die Mutter, sie machet euch groß!«
40. Eine Fahrt erster Klasse.
Die zwei Ameisen kamen am Fuße des Baumes an, der in seinem hohlen
Innern das Bienenvolk beherbergte, als die Sonne im höchsten
Mittagglanze stand. Das von ihren Strahlen liebkoste Land leuchtete vor
Freude und Behagen im goldenen Lichte.
Max sah noch einmal empor zur Höhe, um dem gastlichen Bienenstock
einen letzten Gruß zuzuwerfen, da bemerkte er, daß um ihn und Großzang
ein dichter Regen von geflügelten Insekten herniederging, wobei ein
kläglicher Chor von Seufzern ertönte:
»O weh, o weh! Hilfe! Ich sterbe. -- Ich sterbe.«
Am Fuß der Eiche war der Boden bedeckt von dickleibigen Bienen mit
wahren Glotzaugen.
»Aha, ich merke was!« murmelte Max. »Das sind die armen Männchen!«
[Illustration]
Es waren in der Tat die Drohnen. Die Hochzeit mußte beendet sein. Die
Arbeitsbienen durchbohrten mit ihrem furchtbaren Speer die wehrlosen
Männchen und warfen sie aus der Stadt hinaus; denn sie wollten darin
nur die geschickten und fleißigen Arbeiterinnen behalten.
»Gewissenlose Unterdrücker der Wehrlosen!« rief Max empört aus und
wendete sich zornig ab.
Wir wollen die Sache mit Ruhe erwägen. -- Dieses wilde Gemetzel ist
zur Erhaltung der gesellschaftlichen Ordnung der Bienen nötig. Die
Männchen, die den Namen Drohnen haben, stellten jetzt nichts weiter vor
als eine Anzahl von Herumstehern, Nichtstuern, Schmarotzern, die von
den Mühen anderer leben wollen.
Die Arbeiterinnen sind weise genug, die unnützen Faulenzer aus ihrem
Staate zu verjagen, wo jeder von der Arbeit lebt.
Dieser Auftritt war allerdings nicht geeignet, in den beiden
Ameisen frohe Gedanken zu erwecken; sie verfolgten ihren Weg mit
niedergeschlagenen Augen, schwermütig, ohne Ziel, ohne Hoffnung in
eine unsichere, dunkle Zukunft hinein. Max glaubte nicht mehr an eine
Möglichkeit, heimzukehren; er dachte sich verurteilt, das Leben eines
unsteten, ewig herumirrenden Insektes zu führen; er wagte nicht mehr
zu hoffen, daß es ihm in diesem Leben je beschieden sei, als Herrscher
eines großen Reiches seine ehrgeizigen Träume zu verwirklichen.
Großzang war bescheidener, erinnerte sich mit Wehmut an die drei
täglichen Mahlzeiten, von denen eine süßer geschmeckt hatte als die
andere. Nun waren die schönen Tage vorüber! Von jetzt ab hieß es wieder
gegen den Appetit ankämpfen, Großzangs wildesten und unüberwindbarsten
Feind. So wanderten die beiden geraume Zeit, als sie über sich in den
Zweigen eines weitästigen Baumes lautes Gesumme hörten.
Sie blieben stehen und lauschten.
An dem äußersten Zweige eines der untersten Äste hing eine Riesentraube
von Bienen. Eine klammerte mit den Vorderbeinen fest an der andern,
und aus dieser lebenden Traube drangen tausend Stimmen, die deutlich
die Worte summten:
»Jetzt hängen wir lange genug hier. Wir müssen einen Ort finden, wo
wir uns einrichten, aber in der Nähe! Die Königin hat den Leib voll
Eier und kann nicht mehr weit fliegen. Schnell, dorthin! Nein, lieber
dahin! ...«
Max brach in einen hellen Freudenschrei aus, denn mitten aus dem
Gesumme hatte er seine Freundin Süßchen herausgehört. Zu gleicher Zeit
rief er auch schon Großzang warnend zu:
»Obacht! Hier ist der Fuß eines großen Tieres.«
In Wirklichkeit war es eines Mannes Fuß. Aber die kleinen Insekten
machen keinen wesentlichen Unterschied zwischen einem Menschenfuß
und dem eines Ochsen; sie wissen nur, daß beide mit der nämlichen
Gedankenlosigkeit stets bereit sind, sie zu zertreten. Max konnte
sich gerade noch retten und sah vor sich einen Mann mit einer
Drahtmaske über dem Gesicht. In den Händen hielt er, die Öffnung nach
oben gerichtet, einen glockenförmigen Strohkorb und näherte diesen
vorsichtig dem Zweig, von dem die Bienentraube herabhing. Max hatte
kaum Zeit zu rufen:
»Süßchen, gib acht, er fängt dich!«
Da hatte der Mann dem Zweig schon einen heftigen Stoß gegeben, so
daß die ganze aneinanderhängende Bienenschar in den Korb fiel.
Geschwind deckte der Mann den Korb mit einem Brettchen zu und ging
mit dem Bienenvolke freudig grinsend fort. Kurz entschlossen sagte
Max zu Großzang: »Rasch! Mir nach!« und kletterte auf den Stiefel des
Mannes, dann stieg er weiter empor und rastete erst auf dem Rande des
Stiefelrohres.
»Bist du da, Adjutant?« fragte Max besorgt.
»Zu Befehl! Aber wozu diese Kletterpartie?«
»Aus zwei Gründen, lieber Adjutant! Erstens sparen wir uns die Mühe, zu
Fuß zu wandern, und zweitens lassen wir uns sicher und bequem an den
Ort tragen, wo unsere Freunde ihre neue Stadt bauen werden.«
»Wohin trägt sie denn dieser Mensch?«
»Ich vermute, in einen Bienenkasten, den Menschen gebaut haben, um den
Honig ernten zu können.«
»Spitzbuben!« schrie Großzang, der die Sache vom Ameisenstandpunkt aus
betrachtete. »Schämen diese großen, dicken Menschen sich denn nicht,
von der Arbeit winzig kleiner Geschöpfe zu leben? Solche Schmarotzer
sollte es nicht geben!«
Max schwieg betroffen. Auch war die Reise zu unbequem zum Plaudern. So
oft der Fuß, auf dem sie saßen, auf die Erde stapfte, gab es beiden
einen solchen Ruck, daß sie sich kaum im Gleichgewicht halten konnten,
um nicht herunterzupurzeln.
»Wir müssen einen sicherern Platz suchen«, entschied Max. »Hier ist
scheint's dritter Klasse; wir wollen sehen, ob es uns nicht gelingt, in
ein Abteil erster Klasse zu gelangen.«
Gefolgt von Großzang hielt er sich an den Hosen des Mannes fest,
überschritt sodann kühn wie ein Seiltänzer ihren unteren Saum,
kletterte außen empor bis zur Jacke und stieg an dieser hoch, bis er
den Rockkragen erreicht hatte.
»Hier sitzt man gut«, rief er. »Es ist zwar ein bißchen schmierig;
für erste Klasse dürfte es sauberer sein. Der Mann, der diesen Kragen
trägt, hält nicht viel auf Reinlichkeit!«
Er hatte kaum diese Betrachtung angestellt, als er ganz nahe über
sich, mitten in einem Walde von roten Haaren, ein graues Tier sah, das
neugierig auf die beiden Ameisen herunterschaute.
»Heda!« bemerkte es mit bissigem Ausdruck, »was wollt ihr hier oben?
Das ist mein Feld. Wißt ihr, wer ich bin?«
»Um Gottes willen, sag' es lieber nicht!« sprach Max mit Ekel, »es ist
zwar das erste Mal, daß ich dich sehe, allein ich erkenne dich nach dem
Orte, wo du wohnst!«
»Oje! du brauchst dich nicht so zu zieren«, sagte die Sprecherin,
streckte ihren Leib aus dem zerrauften roten Wald heraus und klammerte
sich dabei mit scharfen Krallen am Ende eines Haares an; »ich gehöre zu
einer Insektenart, die geradesoviel gilt wie die deine!«
»Sag's nochmal, so will ich es glauben«, spöttelte Max.
»Jawohl! Was bildest du dir ein? Ich bin eine brave Laus, und in meiner
Ordnung gibt es berühmte Gesangskünstler, die Zikaden, kühne Seefahrer,
die auf dem Wasser gehen können, wie der Wasserläufer, berühmte
Maler, die das Geheimnis einer herrlichen Farbenbereitung besitzen,
die Kochenille; auch schimmernde Sterne gibt es bei uns, die Licht
verbreiten -- die Laternenträger!«
»Kann sein«, erwiderte Max unwirsch; »ich kann mir denken, wie diese
guten Leute sich schämen, mit dir verwandt zu sein!«
»Oho! Ihr Ameisen schämt euch aber nicht, soviel ich weiß, meine
Verwandten, die Blattläuse auszusaugen, die ihrerseits den Pflanzen den
gleichen Dienst erweisen wie wir den Menschen.«
»Saubere Dienste!« höhnte Max.
»Sauber oder nicht! Ich sage dir nur, wenn du noch weiter da
heraufspazierst, rufe ich meine sämtlichen Kinder herbei, dann kannst
du etwas erleben.«
»Ha, ha, Kinder hast du auch?«
»Das wollte ich meinen«, sagte das graue Weiblein stolz; »ich kann
fünfzig Eier legen in einem Tage.«
»Glückauf! Möchten sie alle fünfzig noch jung geknickt werden!«
Max wandte sich gern ab, lief vom Kragen eilfertig über die linke
Schulter des Mannes herab und versteckte sich tief in einer Ärmelfalte,
nur um das greuliche Tier nicht länger zu sehen.
»Eine merkwürdige Sache«, bemerkte Großzang, der Max auf Schritt und
Tritt nachlief, »dieser Mensch raubt den Bienen ihren Honig, und das
Insekt da droben saugt dem Menschen das Blut aus.«
»Na, an Steuern und Abgaben kommt keiner vorbei«, schloß Max die für
Großzang merkwürdig kluge Beobachtung. »Aber es muß einer schon ein arg
schmutziger Kerl sein, wenn er den Läusen freiwillig einen Blutzoll
entrichtet!«
41. Dritter Klasse, Abteil für Raucher.
Schon geraume Weile reisten Max und sein Adjutant auf dem Ärmel,
als der Mann anhielt. Max sah zwischen den Bäumen künstliche
Bienenwohnungen und erkannte, daß er sich im Besitztum des
Bienenzüchters befand, der mit seinem Vater wohl bekannt war, und
der ungefähr tausend Schritte von seinem Haus entfernt wohnte:
für ein Kind eine kleine Entfernung, aber ein ungeheurer Weg für
Ameisenbeinchen! Der Mann, auf dem Max reiste, beugte sich nieder
und stülpte mit rascher Bewegung die Strohglocke über ein zu ihr
passendes, walzenförmiges Unterteil. Jetzt war die neue Familie in
einem kuppelförmigen Bienenhäuschen untergebracht, in dem sie sich sehr
wohl befand, denn die fleißigen Arbeitsbienen machten sich sogleich an
ihre Geschäfte. Max gab Großzang ein Zeichen und rief:
»Schleunig absteigen!«
Zunächst liefen die beiden am Ärmel empor, gegen die Schulter hin, um
dann über den Rücken der Joppe den Abstieg zu nehmen. Der Mann hatte
sich inzwischen die Drahtmaske abgenommen und beguckte sorgfältig
seine Bienenvölker. Eines davon schien verdächtig unruhig. Er mußte,
um nachzusehen, was da vorgehe, den Deckel heben. Die Bienen waren
schlecht gelaunt und sehr erregt. So stürzte im Nu ein wütendes Heer
aus dem Stocke auf den Mann los und hüllte ihn wie eine Wolke ein,
brummend und summend sein Gesicht bedrohend. Schnell lief er davon;
doch die zornigen Bienen verfolgten ihn und zerstachen ihm jämmerlich
Gesicht und Hände. Endlich ließen sie von dem Gepeinigten ab, der sich
fluchend an einem Grabenrand niederließ, den Kittel auszog und sich
mit ihm das schmerzhaft anschwellende Gesicht rieb. Dann legte er das
Kleidungsstück neben sich ins Gras.
Das war alles so schnell vor sich gegangen, daß die beiden Reisenden
todsicher auf unbekanntes Gebiet gestürzt wären, hätten sie nicht das
unglaubliche Glück gehabt, in die Rocktasche zu fallen. Freilich war
es trotzdem ein zweifelhaftes Vergnügen, denn Max und sein Adjutant
befanden sich jetzt mitten in einem Gekrümmel von Tabakresten und
Zigarrenstummeln. Um dem greulichen Gestank zu entgehen, blieb nichts
anderes übrig, als in die Tabakpfeife zu flüchten, wo es durchaus
nicht besser roch. Als der Kittel bewegungslos lag, sagte Max:
»Nur geschwind heraus! Wir ersticken hier!«
[Illustration]
Nicht ohne Mühe fanden sie den Ausgang und liefen im Eiltrab davon, dem
Graben entlang, an dessen Rand der Verletzte jammernd die Bienenstachel
sich aus den Händen entfernte. Der arme, gehetzte Kaiser rannte mit
seinem Adjutanten so schnell, als gelte es einen Wettlauf an ein
bestimmtes Ziel. Es war aber die innere Unruhe über die Ungewißheit
seiner Lage, die ihn so dahinjagte. Die Hoffnung, bei den befreundeten
Bienen wieder anzukommen, war vernichtet. Vielleicht war er ihnen nahe,
wer weiß es? Aber die Reise in der finstern Tasche und die Kreuz-
und Quersprünge des zerstochenen Bienenvaters waren schuld, daß sie
beide aus dem verlässigen Ortssinn der Insekten keinen Nutzen ziehen
konnten. Sie rannten also aufs Geratewohl vorwärts, und Max hätte gern
sein Kaiserreich, das er nicht besaß, hingegeben für ein sicheres
Nachtquartier. Großzang hätte für einen Imbiß der bescheidensten Art
seinen Grafentitel geopfert.
Die zwei Wanderer waren bereits ein gut Stück Weges dahingezogen, als
Großzang, seinen Kaiser betrachtend, plötzlich erschrocken ausrief:
»Majestät! Die Krone!«
Max betastete eilig sein Haupt. Die Krone, die kaiserliche Krone, sie
war nicht mehr da! -- Ach Gott! die lag in der Joppentasche, bei den
Stummeln und der Tabakspfeife, als klägliches Beispiel, wie man aus
den höchsten Ehren dieser Welt jäh in den Staub stürzen könne. Das war
für unsern Helden ein harter Schlag! Er blieb erst stumm stehen, dann
übermannte ihn der Schmerz; er fiel zur Erde und brach in Wehklagen aus:
»Teuerster Adjutant! Es ist unnütz, noch weiter zu gehen. Wohin? Wozu?
Es ist gescheiter, wir erwarten hier den Tod -- alle beide.« Ohne auf
Großzang zu hören, der ihn trösten wollte, murmelte er:
»O Mutter, meine liebe, gute Mutter!«
Der Gedanke an die Mutter hatte ihn noch jedesmal gestärkt, so auch
diesmal. Als er den Blick erhob, bemerkte er ein schönes Insekt, das
auf ihn zuflog. Dies Insekt kannte er. Es erinnerte ihn an sein teures
Haus, seine liebe Familie. War es doch auch in jenem Haus geboren wie
er selbst.
»Frau Holzwespe!« rief Max ihm zu.
»Ei«, sprach die Holzwespe erfreut, »bist du es denn wirklich, lieber
Freund?«
Es war richtig jener stahlblau leuchtende Hautflüger, der damals als
Larve für sich und Max den Weg durch den metallenen Türbeschlag gebohrt
hatte.
»Ja, ich bin es! O liebe Holzwespe, wenn du wüßtest, welcher Trost,
welche Freude es für mich ist, dich zu sehen!«
»Für mich keine geringere!« sagte das Insekt artig und setzte sich
neben die zwei Ameisen. »Niemals vergesse ich dir den Dienst, den du
mir erwiesen hast! Du hast mich aus der Gefahr gerettet, von jener
Menschenfrau zerdrückt zu werden! -- Aber wie kommst du denn hierher?«
»Ach, das Unglück hat mich so verfolgt, daß ich nicht mehr weiß, wo ich
mein müdes Haupt hinlegen soll!«
»O du Ärmster!«
Die Holzwespe dachte ein wenig nach, dann sagte sie:
»Warte! Vielleicht kann ich dir eine Wohnung verraten, wo du, wenn mich
nicht alles täuscht, gut aufgehoben wärst. -- Siehst du die Eiche dort?«
»Jawohl, ich sehe sie!«
»Also gut! Als ich vorhin auf ihren Zweigen saß, hörte ich in ihrem
Innern ein schwaches Geräusch, wie wenn jemand drinnen Holz zersägte.
Du weißt, in solchen Dingen habe ich ein wenig Erfahrung. Irre ich
nicht, so handelt es sich um ein Insekt, das seine letzte Verwandlung
erreicht hat und jetzt versucht, herauszukommen. Willst du, daß wir
zusammen die Wohnung besichtigen?«
»Ja, natürlich!« willigte Max freudig ein.
So gingen sie zusammen zur Eiche, und nachdem Max der Holzwespe seinen
Adjutanten vorgestellt hatte, sprach er zu ihm:
»Teurer Adjutant, dieser zarte Freund beißt sogar Eisen durch; ich habe
es selbst gesehen!«
Jedoch Großzang war nicht einmal so arg verwundert darüber, wie es Max
erwartet hatte. Er hatte selbst so sehr Hunger, um in ein Eisen zu
beißen, und sagte kühl:
»Ich glaub's gern!«
Die Holzwespe stieg an der Eiche empor, gefolgt von den beiden Ameisen.
An einer gewissen Stelle hielt sie inne:
»Hört ihr's!« fragte sie hinhorchend.
Man vernahm ein ganz leises Geräusch aus dem Innern des Baumes.
»Wir müssen etwas warten«, sagte sie weiter, »aber es dauert sicher
nicht mehr lange. Der Freund da drinnen arbeitet wie rasend.«
Richtig, gleich darauf, unmittelbar vor Max, öffnete sich ein winziges
Löchlein, und es erschien ein drollig lebhaftes Köpfchen, das sich nach
allen Seiten hin bewegte und zugleich große Freude und großes Staunen
ausdrückte.
Man hörte ein süßes, feines Gesumse, das lautete:
»Endlich atme ich dich, du gesegnete Luft!«
Aus dem Löchlein kamen jetzt zwei reizende Pfötchen hervor, die sich
fest am Rande anklammerten, und nach und nach erschien ein prächtiges
Insekt mit Flügeln und einer herrlich metallisch violetten Färbung.
»Eine Biene!« rief Max, der eine Flut von Fragen in Bereitschaft hatte.
Doch das Insekt breitete mit Wonne die Flügel aus, streckte und putzte
die Beinchen, wiegte den Kopf hin und her, machte sodann eine artige
Verbeugung, flog fort und rief:
»Wie wunderschön ist das Leben!«
»Sie hat recht«, sagte die Holzwespe zu Max, der über diese rasche
Flucht ein wenig beleidigt dastand; »glaube mir, Lieber, für ein
Geschöpf, das so lange im Finstern eingeschlossen war, das als
Larve nur in einer einzigen Hoffnung lebte, für den einzigen Zweck
arbeitete, endlich als vollkommenes Insekt an das Licht zu kommen, ist
dieser Augenblick, wenn er endlich da ist, zu wichtig, als daß man sich
mit neugierigen Leuten ins Plaudern einließe. Ich kann das sagen, ich
habe es selbst erlebt.«
»Ich kann es begreifen«, sagte Max beschwichtigt.
Aber die Gleichgültigkeit Großzangs der erstaunlichen Nagekunst seiner
Wespenfreundin gegenüber, konnte er noch nicht verwinden. Es drängte
ihn daher, seinem stumpfsinnigen Adjutanten den Vorgang näher zu
beschreiben:
»Verstehst du denn auch, diese Dame hat Eisen, richtiges Eisen zernagt,
um aus ihrem Gefängnis auszubrechen!«
»Ach ja«, sagte Großzang gelangweilt. »Meinst du denn, ich sei taub?
Übrigens, um ein solches Meisterstück auszuführen, kommt es nur auf den
Zustand an, in dem sich einer gerade befindet!«
»Wie meinst du das?«
»Nun, ich zum Beispiel, ich würde gegenwärtig Eisen nicht nur zernagen,
sondern sogar aufessen.«
Max betrachtete ihn kopfschüttelnd und hätte ihm gern einiges erwidert,
wenn nicht im selben Augenblicke aus dem Löchlein ein zweites Köpfchen
hervorgeschaut hätte, dem ersten gleich in jeder Hinsicht.
Mit süßem Gesumme sprach das Bienchen:
»Gelobtes Land, endlich sehe ich dich!«
Und wie seine Schwester breitete es die Flügel aus, machte eine
Verneigung und flog davon, ohne daß Max nur ein Wort mit ihm hätte
sprechen können. Da verlor er die Geduld und sagte entschlossen:
»So, nun ist die Reihe an mir; ich trete jetzt in das Haus ein.«
Wie bestürzt blieb er aber stehen, als er drinnen immer noch wütend
bohren und sägen hörte! Nicht lange, so erschien abermals ein zartes
Köpfchen und rief:
»Endlich!«
»Endlich möchte ich doch auch wissen«, unterbrach sofort unwillig Max
die begonnene frohe Rede, und griff fest zu. »Jetzt habe ich satt mit
der unanständigen Eile. Endlich! Wer bist du? Wie heißt du? Woher
kommst du? Was willst du tun? Wohin gehst du? Ich sage dir, wenn du
mir nicht Rede stehst, so lasse ich dich nicht fliegen, und du kannst
zusehen, wie du deine Geschäfte ohne Kopf besorgst!«
42. Großzang findet beinahe den Hungertod.
Bei der Drohung, den Kopf zu verlieren, erschrak das arme Geschöpf
dermaßen, daß es kein Wort herausbrachte. Max bereute schnell seine
grobe Heftigkeit und sagte lächelnd:
»Sei doch nicht so! Es war nur Scherz. Ich tue dir gewiß nichts.«
»Danke!« sprach gerührt die Biene. »Es wäre gräßlich, wenn man sterben
müßte, wo man eben zu leben anfängt.«
»Fürchte dich nicht! Ich bin ein großer Bienenfreund, und du bist doch
eine Biene, nicht wahr?«
»Ja, ich bin eine Holzbiene.«
»Eine Holzbiene? -- Du arbeitest also wie ein Schreiner? Ich hätte dich
eher für einen Tapezier gehalten.«
Max glaubte, eine gute Bemerkung zu machen, und war daher enttäuscht
über den ernsten Ton, mit dem die Holzbiene erklärte:
»Die Tapezierbienen bauen ihr Nest etwas anders.«
»Was? Es gibt wirklich solche?«
»Natürlich; wie es Maurerbienen, Wollbienen und Erdbienen unter uns
gibt.«
Die Holzbiene gab jetzt ihre Ungeduld zu erkennen. Max bemerkte es und
sagte:
»Ich sehe, du hast es eilig, und ich halte dich mit meinem Geplauder
auf. Sage mir nur noch schnell: Ist dies hier dein Haus?«
»Es war bis jetzt mein Haus«, erwiderte die Biene, »aber von heute an
habe ich ein größeres, schöneres, helleres, meine Wohnung ist jetzt die
weite Welt!«
»Dann bleibt dies Haus leer, und man braucht keine Miete zu bezahlen,
wenn man hier wohnen will?«
»Nein, aber es sind noch meine zwei Schwestern in ihren Zimmern da
drinnen. Sie arbeiten schon an ihrer Türe. Hörst du sie?«
Man vernahm in der Tat jetzt wieder das bekannte Geräusch, als ob
jemand immerzu Holz sägte.
»Unser Haus ist von meiner Mutter erbaut worden, so wie ich eines für
meine Kinder machen will. Darum kann ich dir sagen, wie es gemacht
wird. Man gräbt einen schönen Gang in einen Baumstamm, am Ende
desselben legt man einen Brei aus Honig und Blütenstaub hinein.«
Da schrie Großzang gierig dazwischen:
»Laß mich sehen, wie du den Teig bereitest!«
»Seinerzeit werde ich ihn schon machen«, fuhr die Biene fort, »ich
sammle ihn von Früchten und Blumen. In die Mitte des Teiges legen wir
das Ei, dann schließen wir das Zimmer mit einem Mäuerlein aus Sägemehl
zu, das wir mit Speichel anrühren. Auf diese Mauer legen wir einen
zweiten Brei mit einem andern Ei, schließen auf gleiche Weise auch dies
Zimmer, und so immerfort, solang der ganze Gang ist, den wir zuletzt
ebenso verschließen.«
»Und dann?«
»Dann finden die Larven, die sich aus dem Ei entwickeln, ihren Tisch
gedeckt.«
»Diese Glücklichen!« murmelte Großzang.
»Die Larven wachsen und füllen mit ihrem Körper zuletzt die ganze
Zelle aus. Sie verwandeln sich in Puppen, und endlich, wenn die Zeit
vollendet ist, werden sie vollkommene Insekten, wie ich jetzt eines bin
-- und --«
»Und?«
Im Baume hörte man eine Stimme rufen:
»He, Schwesterchen! Was machst du denn? Willst du, daß ich hier im
Dunkeln bleibe?«
Die Biene unterbrach deshalb ihre Rede, und mit rascher Bewegung
schlüpfte sie vollends aus dem Löchlein; sofort erschien hinter ihr
ein neuer Kopf. Zuletzt kam auch noch die andere heraus, und alle drei
machten eine artige Verbeugung und riefen froh:
»Es lebe die Sonne!«
Und weg flogen sie.
»Jetzt nehmen wir Besitz vom Hause«, sprach Max.
Gefolgt von Großzang schlüpfte er ins Haus hinein, während die
Holzwespe ihm nachrief:
»Ich bin zu groß, um hineinzukommen, ich erwarte dich hier außen.«
Nun war ja der Gang einer Holzbiene gerade nicht dazu angetan, einem
Kaiser wie Max zur Residenz zu dienen, aber es war doch wenigstens für
ihn ein bequemes Unterkommen; fünf saubere und nette Zimmerchen standen
ihm zur Verfügung.
Durch die Wand, die jede der fünf Holzbienenschwestern hatte durchnagen
müssen, um aus ihrer verschlossenen Zelle zu kommen, konnte man jetzt
herrlich aus- und eingehen.
Jede dieser Holzbienen hatte die Sägemehlmauer durchbohrt, die ihre
Zimmerdecke gewesen war. Die erste von ihnen hatte den Ausgang aus dem
Baumstamm gebohrt, die zweite öffnete die Türe, die sie in das bereits
leere Kämmerchen führte, und so fort bis zur letzten, die den Ausgang
durch die Kammern aller Schwestern fand.
»Das sind einmal gescheite Insekten! Alle Anerkennung!« rief Max, »die
stehen ja sogar uns Ameisen nicht nach. Das will was heißen. Denn man
darf nicht vergessen, daß unter uns sehr geschickte Holzarbeiter sind,
die kunstvolle Wohnungen in die Baumstämme graben, teurer Großzang!«
Dieser aber hörte wieder einmal recht zerstreut zu und durchsuchte
dafür um so angelegentlicher alle Zimmer bis ins hinterste. Wißt ihr,
nach was? Unzufrieden brummte er:
»Alles aufgegessen!«
»Was suchst du nur?« fragte Max.
»Ach, nichts! Ich schaute nur, ob nicht irgendwo noch eine Spur von dem
Honigbrei zurückgeblieben sei. Aber nicht eine Spur. Diese verwünschten
Bienen haben alles aufgeräumt, ohne zu bedenken, daß eines schönen
Tages dieses Haus von einem kaiserlichen Hof bewohnt werde, der die
glänzendsten Aussichten für die Zukunft und den riesigsten Appetit in
der Gegenwart hat!«
Wie er aber merkte, daß Max ihm wieder tüchtig den Kopf waschen wollte,
kauerte er sich in eine Zimmerecke und rief in hoffnungslosem Tone:
»Es ist unnütz, mir Vorwürfe zu machen. Wenn ich Hunger habe, hört
meine Vernunft auf. Augenblicklich ist er so groß, daß ich fürchte, vor
dir den Respekt zu verlieren. Ich will mich nun nicht mehr rühren und
erwarte hier den Tod. Kommt er, so will ich ihn mit dem Ruf begrüßen:
›Es lebe Kaiser Max Butziwackel der Erste!‹«
Bei diesen Worten legte sich sofort des Kaisers Zorn. Er war bewegt
durch so viel selbstlose Zuneigung und so todesmutige Ergebenheit für
seine Person. Er begriff um so besser die Größe des Opfers, das sein
Adjutant für ihn brachte, als er selber mächtig Appetit verspürte.
Darum stieg er langsam zum Eingang hinaus und sagte zur Holzwespe, die
auf ihn gewartet hatte:
»Liebe Freundin, ich finde keine Worte, um dir für das schöne Haus zu
danken, das du mir verschafft hast.«