der beiden Gesichtspunkte er vertrat und welche Auffassung von der
Würde einer Bienenkönigin er bekommen hatte, aber jedenfalls machten
die edle Sprache und das würdevolle Auftreten der hohen Frau einen
tiefen Eindruck auf ihn. So viel erfaßte er sicher, daß man, um bei den
Insekten etwas zu gelten, erst etwas Ordentliches leisten mußte.
Mit wehmütigem Ton setzte die Königin ihr Gespräch fort.
»Wenn ich wenigstens nach all meiner Sorge und Mühe ruhig altern
könnte! Aber im Handumdrehen kann es geschehen, daß ... nun, ich will
nicht weiter davon reden!«
Max hätte gern auf der weiteren Aussprache dieses begonnenen Gedankens
bestanden, allein er fürchtete, als taktlos zu gelten, und sagte nur:
»Hoffentlich erlaubst du mir, manchmal zu kommen, um mit einer
Ebenbürtigen zu plaudern.«
»Mit Vergnügen, mein Lieber!«
Max verneigte sich, küßte der Königin ritterlich das Vorderbeinchen
und verabschiedete sich von ihr, während ringsum lauter Jubel über das
festliche und noch nie erlebte Ereignis widerhallte:
»Hoch die Königin!«
»Es lebe die Ameise mit dem Wackelfähnlein!«
Freudestrahlend wandte sich Max an seinen Adjutanten:
»Dieser Freundschaftsbund berechtigt zu großen Hoffnungen! Wer weiß, ob
nicht doch noch meine Stunde schlägt!«
»Ach, alles recht!« flüsterte Großzang ihm zu, »aber mein Magen brummt,
und ich hoffe nur auf die Stunde, in der es was zu essen gibt!«
37. Das Geheimnis der Muskatellertraube.
In der schönen, großen Bienenstadt, wo es an nichts fehlte, inmitten
eines lieben, bescheidenen Volkes, führten die zwei Ameisen ein
stilles, süßes Leben.
»Ein Dasein, so süß wie Honig«, verglich Großzang; denn für Honig hatte
er ein ganz außerordentliches Verständnis. Dankbar für die erwiesenen
Wohltaten hatten die Bienen den beiden Gästen eine leere Kammer
zur Verfügung gestellt, wo auf einem Tischchen, das Max aus einem
Kürbiskern gefertigt hatte, dreimal des Tages ein Mahl aufgetragen
wurde, das wirklich eines Kaisers würdig war. Einmal bereitete Süßchen
für die beiden Gäste einen Königinnenbrei, ein ausgezeichnetes Gericht,
das noch viel besser schmeckte als der gewöhnliche Honig. Kaum hatte
der schleckige Adjutant davon gekostet, so rief er schon:
»Das bestelle ich für alle Tage.«
»Das geht nicht«, wehrte Süßchen. »Diese Speise enthält mehr Zucker
und andere kostbare Nährstoffe. Sie ist durch ihren hohen Nährwert
bestimmt, die ausschließliche Nahrung solcher Larven zu sein, die
Königinnen werden sollen.«
»Aha«, begriff Max, »der Brei hat ganz besondere Kraft?«
»Gewiß. Die Art der Nahrung ist von großem Einfluß auf die Entwicklung
der Larven. In gewöhnlichen Zellen speisen die Larven die alltägliche
Mahlzeit, und es kommt eine Arbeitsbiene hervor. In den königlichen
Gemächern wird der besondere Futterbrei aufgetragen, und dabei
entwickelt sich eine Königin, die wegen der kraftvollen Speise größer
wächst wie wir und in ihrer größeren Zelle auch Platz zum Größerwerden
hat. Gäben wir den Arbeiterlarven nur diese Speise, bekämen wir lauter
Königinnen.«
Max sperrte den Mund und alle hundertdreiundzwanzig Augen auf. Es wurde
ihm furchtbar unbehaglich zumute, und er fragte vorsichtig ängstlich:
»Süßchen, könnte es am Ende dahin kommen, daß ich eines Tages Hunderte
von Eiern legen müßte, weil ich von der Wunderspeise gegessen habe?«
Süßchen lächelte bloß über einen so sonderbaren Einfall.
»Süßchen, um des Himmels willen, antworte! Ich fühle schon etwas
Ungewöhnliches in mir vorgehen. Heiliger Gott, hilf! schnell! Ach, ein
solcher Verrat wäre gräßlich!«
Als Süßchen sah, daß Max ganz außer sich kam vor Angst und Unruhe,
sagte sie tröstend:
»Was du dir einbildest! Diese Speise kann doch bei Ameisen nicht die
gleiche Wirkung haben wie bei Bienenlarven.«
Max, der sich schon verurteilt gesehen hatte, bis zum Ende des Sommers
fünfzehntausend Eier legen zu müssen, holte einen tiefen Seufzer
der Erleichterung aus seiner Brust. Dann bat er, lieber doch keinen
Königinnenbrei mehr zu bringen, -- man könnte doch nicht sicher wissen,
wie er wirke. Das war aber nicht nach dem Wunsche des hungrigen Herrn
Grafen Großzang.
»O wie schade«, rief er mit aufrichtigstem Bedauern, »für jeden
Mundvoll dieser Götterspeise verpflichte ich mich, von früh bis abends
Eier zu legen!«
Da strafte ihn Max mit einem strengen Blick und rief:
»Schäme dich! Ein kaiserlicher Flügeladjutant und solche Pläne! Das
müßte sich gut ausnehmen! Dich muß ich einmal ordentlich vornehmen und
einige neue militärische Übungen machen lassen!«
Seit sich Kaiser Butziwackel im Bienenhaus befand, inmitten eines
Volkes, das seiner Königin treu ergeben war, seitdem er gar das
Vertrauen dieser hohen Frau besaß, war aller kindischer Ehrgeiz
in seinem Ameisenkopf aufs neue erwacht. Es reiften daraus die
wunderlichsten Pläne zukünftiger militärischer Abenteuer, von
glorreichen Unternehmungen, Eroberungen und Verbesserungen im Reiche
der gesamten Insektenwelt; Süßchen, die sich zwar all diesen geäußerten
Träumen gegenüber kühl und ablehnend verhielt, fühlte sich trotzdem
geschmeichelt durch Maxens Anspielung, daß sie eines Tages zur Herzogin
erhoben werden solle, um die oberste Verwaltung über sämtliche
kaiserliche Vorratskammern zu führen. Um Max zufriedenzustellen, hatte
sie ihm aus gelbem Wachs und braunem Kittwachs nach seinen Anweisungen
eine schöne Kaiserkrone verfertigt sowie auch zwei prachtvolle
Harnische. Einen für Max, den anderen für seinen Adjutanten.
[Illustration]
In dieser kriegerischen Rüstung wurde täglich feierliche Heerschau
gehalten, wobei Max seinem einzigen Offizier und Soldaten befahl:
»Abzählen! zu zwei!«
Und Großzang zählte:
»Eins!«
Rings um die zwei kampflustigen Krieger arbeitete mit fieberhafter
Lust das Bienenvolk, um das Leben des heranwachsenden Geschlechtes
sicherzustellen. Unter den scharfen Augen der spähenden Schildwachen
flogen am Eingang des Stockes die Arbeiterinnen. Sie trugen Futter für
die Larven ein und füllten die Vorratskammern mit Lebensmitteln für
die schlechte Jahreszeit. In jeder Minute kamen mindestens hundert
Arbeits- oder Trachtbienen schwerbeladen am Eingang an, und Max, der
oft dabeistand, um zuzusehen, beobachtete, daß jede Biene vier Flüge
täglich machte. Da nun das Volk dreißigtausend Bürger zählte, so
waren's zusammen hundertzwanzigtausend Ausflüge. Jeder Ausflug aber
bedeutete: Ernte. Dabei hatte sich Max aber doch verrechnet, denn von
den Dreißigtausend blieb ein Drittel zur Hausarbeit daheim. Es kamen
also in Wirklichkeit achtzigtausend honig- und blütenstaubbeladene
Bienen eingeflogen. Dieses emsige Aus und Ein gab einem oberflächlichen
Zuschauer allerdings den Eindruck von Unordnung und Verwirrung,
aber Max sah tiefer in dies Leben und konnte sich nicht genugtun im
Bewundern seiner fabelhaften Regelmäßigkeit. Jeder erfüllte pünktlich
seine eigene Aufgabe. Während die Sammlerinnen den Blütenstaub
ordnungsgemäß in die entsprechenden Vorratszellen einlegten, widmeten
sich andere der Reinigung des Gemeinwesens, andere sah er eine tote
Biene fortschaffen, und wieder andere beförderten einen fremden
Störenfried an die Luft. Mit liebenswürdiger Sorge verpflegt, wuchsen
die jungen Larven augensichtlich, und unser Max vergnügte sich damit,
sie in ihren Zellen zu besuchen, wo sie mit ihren fußlosen, weichen
Körperchen still lagen. Eines Morgens sah er befremdet, wie diejenigen
Bienen, die sonst Nahrung für die Larven herbeitrugen, sorgfältig die
Zellchen mit einer Wachsdecke schlossen.
»Nun müssen die Kinder ersticken!« rief Max besorgt.
»Ei, warum nicht gar!« beeilte sich eine Biene zu erwidern. »Diese
Larven sind nun genügend entwickelt, sie sollen sich jetzt verpuppen,
um danach vollkommene Bienen zu werden. Es wird ihnen nicht allzuviel
Mühe kosten, das Wachstürchen selbst durchzubrechen.«
Wißbegierig folgte Max solcher Arbeit, und er sah, wie unter andern
auch eine Königinnenzelle verschlossen wurde. Ihre Wachsdecke wurde
kuppelförmig geformt.
»Potztausend«, rief Max, »wie viele Vorrechte haben doch die Damen!«
Da kam gerade Großzang daher und meldete eifrig, daß die Mahlzeit
aufgetragen sei. Max folgte seinem Adjutanten in sein Zimmer, wo eine
von Süßchen beauftragte Biene ein leckeres Mahl auftischte. Max kostete
und prüfte gedankenvoll den herrlichen Bissen im Munde.
»Das kenne ich doch! Der Geschmack ist mir doch nicht neu! Wo in aller
Welt habe ich nur das schon gegessen?«
Plötzlich sprang er erfreut auf:
»Ich hab's! Meine Muskatellertrauben! Es schmeckt nach der Traube an
unserem Landhaus!«
Und zur aufhorchenden Biene gewandt, fuhr er in Erregung fort:
»Liebste Freundin, woher ist der edle Saft zu dieser Speise geholt? O
sage es mir, du hast keine Ahnung, wie notwendig ich das wissen muß!«
»Ja, der Saft ist gut. Wir holen ihn von einer hübschen Rebe, die sich
um ein Menschenhaus rankt.«
»Sie ist's, sie ist's! Mein Weinstock ist es! Sage, sage schnell, ist's
weit von hier?«
»Na, ziemlich weit!«
»Höre, liebstes Bienchen, sage mir eines«, bettelte Max dringlich,
»könntest du mich nicht auf deinem Rücken hintragen? O tue es, ich will
mich ganz leicht machen, und du bist mein Luftschiff, nicht?«
»Heute ist es auf keinen Fall mehr möglich, es gibt zuviel zu tun!«
»Morgen dann?!«
»Vielleicht morgen; kann sein!«
»Also abgemacht, morgen früh«, jubelte Max.
Er sprang und sang vor Freude, wie es sich für einen Kaiser eigentlich
gar nicht geziemt. Aber über der Hoffnung, sein Mütterlein zu sehen,
vergaß er allen Ehrgeiz und alle Träume der Zukunft mit einem Schlag.
Er hätte dem Tag die Geschwindigkeit eines Blitzes gewünscht. Morgen
wollte er nach seinem Hause zurückkehren, von dem er auf gröbliche
Weise durch Onkel Walter weggeschleppt worden war. Sicher genügte
jedesmal schon die Erinnerung an die Heimat, alle bösen Verstimmungen
zu verscheuchen.
Es bleibt eben ewig wahr, daß der Gedanke an eine gute Mutter alle
schlimmen Pläne aus dem Kopfe verjagt.
38. Die Stadt in Aufruhr.
Leider verging der Tag nicht mit Blitzesschnelle, sondern wie keiner
noch schlich er langsam dahin. Übrigens brachte er schwere schreckliche
Ereignisse. Max bemerkte schon in aller Frühe, als er der Königin
begegnete, eine unbegreifliche Veränderung. Sie war merkwürdig unruhig
und nicht so würdevoll gelassen wie sonst. Er hatte sich zu ihr
begeben wollen, um sein Scheiden aus ihrem Reiche zu melden. Sein
Adjutant, der ihn bei dem Abschiedsbesuch begleitete, wollte gleich
ihm sich bedanken für die große Gastfreundschaft, die beide empfangen
hatten.
Voller Erregung und mit rauher Stimme redete die Königin ihn zuerst an:
»Du kommst eben recht! Du hast mich vor kurzem um meine Macht und mein
Ansehen beneidet. Ist es nicht so?«
»Gewiß!« erwiderte Max, »ich wüßte niemand, der so mächtig, so
verehrt -- --«
»Mächtig? Verehrt?« fiel ihm die Königin in seine beginnende Lobrede,
»willst du erleben, wie groß meine Macht ist, wie mich meine Untertanen
ehren?«
Sie wandte sich an eine vorübereilende Gruppe von Bienen und rief ihnen
zu:
»Heda! Bringt mir das Frühstück!«
Bestürzt sah Max, wie die eiligen Bienen den Kopf schüttelten und sich
nicht weiter um den Befehl kümmerten.
»Ha, siehst Du, wie gehorsam meine Untertanen sind! Und warum? Man
erwartet die Geburt einer neuen Königin, der ich selbst das Leben gab.«
»Wie!« rief Max, »diese großen Zellen dort im Hintergrunde enthalten
also Königinnen, die dich stürzen wollen?« Die Königin antwortete
nicht, sondern sah gespannt nach der Richtung, die Max bezeichnet
hatte. Mit einem Wutschrei stürzte sie unversehens dorthin:
»Ah, da sind sie ja schon, diese neuen Königinnen!« rief sie gellend.
Max folgte ihr erschrocken. Aber bei den Königinzellen war ein dichter
Schwarm von Arbeiterinnen, die ersichtlich Wache standen. Sie hatten
die Ankunft der alten Königin im voraus erwartet, warfen sich ihr
entgegen, trieben sie zurück und schrien sie an:
»Hier kommt niemand durch!«
Max war außer sich über eine solche Frechheit. Er hatte seit seinem
Eintritt ins Bienenhaus so viele Beweise von Ergebenheit gesehen,
die dieses Volk seiner Herrscherin zollte, und konnte darum nicht
glauben, daß alles plötzlich anders geworden sei und heller Aufruhr
herrsche. Nun geschah doch das Unbegreifliche; es blieb nicht mehr zu
zweifeln: eine Umwälzung begann. An diesem Tag waren nur ganz wenig
Bienen ausgeflogen, die Stadt steckte voll von erregten Arbeiterinnen,
welche da und dort in Gruppen herumstanden und hastig hin und her
redeten. Im Vorübergehen hörte Max eine Biene, die mitten in einem
beifallspendenden Schwarm eine Rede hielt:
»Es sind zuviel hier bei uns!« schrie sie, »seit zwei Tagen sind
fünftausend neue Bürger geboren. Wenn wir nicht alle ersticken wollen,
müssen wir einen Entschluß fassen!«
Max begriff nichts. Aber gewiß handelte es sich um große Dinge im
Staat. Er suchte daher Süßchen auf, um es zu befragen; aber in der
wirren Menge konnte er sie nicht finden. Er verlangte Auskunft von
andern Bienen, aber sie antworteten ihm nicht. Sie waren alle zu
erregt, zu beschäftigt mit eigenen Gedanken, um auf ihn zu achten.
Max ging jetzt auf sein Zimmer und blieb dort in schweren Gedanken.
Hier traf er mit Unwillen Großzang, der, aller höheren Interessen bar,
die Reste des Muskatellerhonigs verzehrte.
»Unglückseliger!« rief er, »wie kannst du jetzt noch deinem
unersättlichen Magen dienen, wo draußen das ganze Volk in hellem
Aufruhr tobt!«
Der Adjutant stand mit offenem Munde vor Staunen da. Dann gab er sich
einer letzten Versuchung hin und rief:
»Majestät, noch einen Mundvoll, dann komme ich sofort!«
Max aber, auf dem Gipfel seines Zornes, ergriff ihn an der Gurgel,
schüttelte ihn heftig und schrie:
»Wenn du diesen Mundvoll hinunterschluckst, dann sollst du mich
kennenlernen!«
Er ließ ihn nicht eher los, bis er den schönen Mundvoll herausgegeben
hatte.
»Was gibt's denn?« stammelte Großzang, sobald er wieder Atem bekam.
»Sind denn alle verrückt geworden in dieser Stadt?«
Die Gärung hatte indessen zugenommen. Jetzt summten und brummten alle
Bienen, schlugen mit den Flügeln und gebärdeten sich so aufgeregt, als
ob sie wirklich alle den Kopf verloren hätten. Da näherte sich die alte
Königin. Erhaben und bewundernswert in ihrer Majestät sprach sie:
»Mein Volk! Bis jetzt glaube ich meine Pflicht als gemeinsame Mutter
peinlich genau erfüllt zu haben. Die ungeheure Zahl der jungen Bienen
beweist es, die ich unter euch sehe, lauter Kinder, die seit kurzem
geboren sind und denen ich das Leben gab.«
»Wahr ist's! Es lebe die Königin!« riefen viele.
»Danke!« erwiderte sie kühl das Haupt neigend. »Ich sehe, meine Sendung
ist erfüllt; die Nachkommenschaft, die ich geschaffen und für die ihr
alle gearbeitet habt, braucht Platz. Sie muß ihre eigene Tätigkeit
hier beginnen, muß ein neues und junges Reich gründen.«
Schon öffnet sich die Zelle einer neuen Königin.
»Es lebe die neue Königin!« riefen andere.
»Sie lebe!« fuhr die alte Königin fort, »und sei glücklich in eurer
Mitte! Doch ihr wißt, daß in einem geordneten Bienenstaat nicht
zugleich zwei Königinnen, zwei Mütter, leben dürfen. Unverbrüchlichen
Gehorsam, zarte Sorge und unteilbare Liebe bringt ihr der einen Mutter
des Volkes entgegen. Nie werden diese Gefühle für zwei bestehen können.
So bleibe denn die junge Königin hier. Möge sie neue, starke und mutige
Geschlechter erzeugen! Ich habe meine Lebensaufgabe noch nicht ganz
erfüllt; viele neue Wesen fühle ich noch an meinem Herzen schlagen,
viele junge Leben haben das meine noch nötig. Ich scheide daher und
gehe, um ein neues Reich zu gründen, neuen Kindern Mutter zu sein. Ich
danke der Natur, die mir die Kraft gegeben hat, zwei Völker zu gründen
und zu beherrschen. Wer mich liebt, der folge mir nach!«
Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, ging sie dem Ausgang zu.
In der Volksmenge entstand jetzt eine unbeschreibliche Verwirrung, ein
schreckliches Gedränge. Eine große Anzahl von Bienen folgte der alten
Königin zum Ausgang. Auf ein Zeichen von ihr nahmen sie in raschester
Bewegung ihren Flug hinaus zum Bienenstock. Mitten aus dieser dichten
Wolke von summenden Bienen hörten die beiden Ameisen eine Stimme rufen:
»Lebe wohl, lieber Max!«
Schnell lief er dem Ausgang zu, wo er Süßchen sah, die, ihrer alten
Königin treu, dem ausziehenden Schwarm folgte. Die zwei Ameisen
kehrten wehmütig in die Stadt zurück und waren untröstlich über die
Veränderungen. Sie wurden noch schmerzlicher bewegt, als sie sahen, daß
die Erregung im Hause immer noch wuchs. Die zurückgebliebenen Bienen
zogen in unordentlichen Reihen zu den Königszellen, wo immer noch der
dichte Bienenschwarm Wache hielt, der die alte Königin abgewiesen
hatte. Jetzt widerhallte im Stock ein Schreien und Rufen:
»Obacht! Hier ist sie schon!«
Eine junge Biene hatte eben die Wachsdecke ihres Geburtszimmerchens
durchbrochen. An dem längeren Körper sowie an den kürzeren Flügeln
konnte man gleich sehen, daß es ein Weibchen war. Sie schaute rings
umher. Als sie neben sich die königlichen Zellen bemerkte, geriet sie
in so schlechte Laune, daß sie sich plötzlich mit gezücktem Stachel
wuchtig auf die nächste Zelle warf. Sie war schon im Begriffe, deren
Decke mit ihrem spitzen Degen zu durchbohren und schrie:
»Was sollen diese andern? Weg mit ihnen!«
Die stets bereiten Wachen aber verhinderten die rasende Biene an einer
solchen Freveltat. Schnell wurde sie vom Volke umringt, fortgezogen,
und nicht nur an den Flügeln, sondern auch an den Beinen festgehalten.
Unmöglich konnte sie daher einen zweiten Versuch erneuern. Vergebens
suchte sie sich aus der Gefangenschaft zu befreien. Ermüdet und nach
überwundenem Zorn einsichtig genug, blieb sie schließlich sitzen. Man
sah aber, es ging in ihrem Innern etwas vor; denn ohne die Flügel
auszubreiten, bewegte sie diese leise bebend. In dieser Stellung sang
sie erst ganz leise, dann immer lauter das Morgenlied ihres Daseins:
»Stunde des Werdens, gegrüßet sei mir!
Leben zu geben,
Ordnung und Heil,
Ward mir das Leben
Heute zuteil.
Schöpfer des Lebens, wie danke ich dir!
Kommende Völker umschließet mein Schoß,
Mächtig entfaltet
Sich euer Reich.
Einig erhaltet,
Kinderlein, euch!
Ehret die Mutter, sie machet euch groß.«
Alle Bienen hielten still in der Arbeit ein. In Ehrfurcht neigten sie
das Haupt. Unwiderstehlich erfaßte sie das Lied der Mutter und Königin.
Alle gelobten Liebe und Treue.
Nach einigen Tagen erhob sich die Königin und sprach:
»Ich habe meinen hohen Beruf erfaßt und kenne meine Bestimmung.
Nun gehe ich hin, sie zu erfüllen. Wer begleitet mich zum frohen
Hochzeitsfluge?«
Eine Anzahl Bienen summte mit ihr lustig ins Freie. Drinnen aber rief
man ihnen nach:
»Heil unserer Königin! Sie kehre glücklich und gesegnet wieder!«
Max, der dabeistand, hörte noch eben zurückrufen:
»Leb' wohl, Kaiser Butziwackel!«
Es war die Stimme seiner Freundin, die er als Luftschiff sich erkoren
hatte.
»Ach Gott«, seufzte er traurig, »wie lange wird es jetzt wohl dauern,
bis ich mein Haus wiedersehe!«
39. Max verläßt das Bienenreich.
Max hatte als Kind schon vom Schwärmen der Bienen vernommen, aber jetzt
erst, wo er selbst als Ameise am Insektenleben teilnahm, erfaßte er die
Ursache, warum ein Bienenschwarm den Mutterstock verläßt.
Die Bevölkerung war durch den jungen Nachwuchs so zahlreich
geworden, daß sie sich mehr als verdoppelt hatte. Der Stock wurde
daher zu eng, er konnte die Tausende von Insekten nicht mehr
fassen. Gesundheitspflege, Reinlichkeit, geregelte Arbeit konnten
in so beengtem Zusammenleben des Volkes nicht mehr bestehen; die
gesellschaftliche Ordnung wurde in dieser ungeheuren Masse unmöglich;
die Verwirrung war auf den Gipfel getrieben, die weisen Einrichtungen
drohten durch Übervölkerung zu entarten. Was tun? Man brauchte
ein Mittel und zwar ein rasches, um eine Verminderung des Volkes
zu erreichen; es war nötig, daß ein Teil der Bevölkerung aus dem
Vaterlande auswanderte, damit es nicht als Ganzes zugrunde gehe. Und
siehe! Die alte Königin, die Mutter des Volkes, die Gründerin des
Staates, liefert den höchsten Beweis ihrer Hingebung und Sorge. Sie
geht zuerst. Sie wandert freiwillig aus und verläßt alles, was sie
geliebt hat. In höchster Aufopferung verbannt sie sich vom Vaterland,
um es zu retten. Sie geht, um irgendwo in der Fremde mit denen, die
ihr freien Willens folgen, einen neuen Staat zu gründen. Sie gibt
allen jungen Bienenmüttern das edle Beispiel, wie man erziehend auf
den Gemeinsinn der Nachkommen wirkt. Alles das geschieht, um künftigen
Geschlechtern ein gesundes Dasein zu sichern! Wenn so Hohes erreicht
werden soll, was liegt daran, daß viele den Ort verlassen müssen, an
dem sie geboren sind? Sie dienen künftigem Leben und erfüllen damit
die von Gott gegebene Aufgabe.
Max, der auch bisweilen auf einen klugen Gedanken kam, fand für das
Schwärmen der Bienen einen Vergleich in der Geschichte der Menschheit.
Da war es zur Zeit der Völkerwanderung auch geschehen, daß ganze Stämme
wegen Übervölkerung neue Wohnsitze suchen mußten.
Die Umwälzungen im Bienenstaate und die neugeschaffenen Verhältnisse
machten Max nach und nach das Leben bei seinen Gastfreunden
unbehaglich. Er vermißte die alte Königin; seine Freundin Süßchen war
fort. Fast alle Bienen, die vom Raubzug des Totenkopfes wußten, und
bei denen Max nebst Großzang aus Dankbarkeit für die Errettung in
einem gewissen Ansehen standen, hatten sich dem Schwarm beim Ausflug
angeschlossen. Das Volk war ein anderes geworden, es hatte sich
verjüngt und erneut, und die Zeit der Verwirrung war jetzt beendet.
Während dieser hatte keiner sich um die beiden Ameisen gekümmert, aber
nun passierte es manchmal, daß man im Vorbeigehen scheele Blicke sah
und gehässige Bemerkungen hörte. Es stand sehr zu befürchten, daß die
Bienen bald eine ganze Flut von Fragen an sie richteten: »Wer seid ihr?
Was tut ihr da? Mit welchem Rechte lebt ihr bei einem Volke, das nicht
das eure ist?« Dann quälte den armen Kaiser noch ein anderes schweres
Bedenken:
»Wenn sie mich für einen Feind halten, kann es geschehen, daß sie
mich eines schönen Tages einbalsamieren, wie sie es mit dem Totenkopf
gemacht haben.«
Die Furcht, eine Mumie zu werden, reifte einen großen Entschluß.
»Adjutant«, sagte er zu Großzang, »wir müssen uns zum Abmarsch
vorbereiten.«
»Wieso?«
»Wir müssen fort, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, daß diese neuen
Bürger uns mit Kittwachs einhüllen, um zwei Mumien aus uns zu machen.«
Großzang hörte sehr niedergeschlagen zu:
»Muß denn das sein? Es war so angenehm hier!« grollte er. »Wer wird uns
künftig Honig geben? Wie köstlich war das Muskatellergericht! Und den
Königinnenbrei bekomme ich nirgends wieder!«
»Ich werde dir Honig geben! Ich bereite dir auch ein
Muskatellergericht!« so drohte ihm erzürnt Max. »Mach', daß wir
fortkommen von hier!«
Großzang fügte sich mit wehem Herzen. Am Ausgang des Bienenstockes
standen sie noch ein Weilchen, überschauten Abschied nehmend nochmals
die gastliche Stätte und sagten still ein herzliches Lebewohl.
Hatten sie hier doch soviel Gastfreundschaft genossen, und bis jetzt
war ihnen nur Gutes widerfahren. Kaum hatten sie drei Schritte gemacht,
als sie im Hause hinter sich festliches Gesumse hörten, das sich dem
Ausgang näherte. Es erschien eine stattliche Bienenschar, die junge
Königin inmitten. Singend und tanzend flogen sie vorm Haustor auf und
nieder. Diese jungen Bienen hielten scharf Umschau und prägten sich
die Lage ihrer Wohnung und deren Eingang genau ein. Dann unternahm
die Königin einen Flug um den Stock, worauf sie zu den Genossen
zurückkehrte. Ein zweites und drittes Mal wiederholte sie dies
gefällige Spiel, bis sie endlich fröhlich ausrief:
»Nun finde ich meinen Weg sicher wieder allein zurück!«
Beifall summend rief die Menge:
»Es lebe die Königin! Es lebe die Braut!«