»Wie ich fürchte, bin ich zu spät gekommen«, murmelte in Sorge der

entthronte Kaiser, während er den Baum erkletterte.

»Aber wohin gehen wir denn?« wagte Großzang zu fragen, der wohl sah,

wie gedankenvoll Max geworden war.

»Wir wollen ein Bienendorf retten, das von einem schwarzen Dieb bedroht

ist.«

»O wie fein! Da kann man vielleicht ein bißchen Honig bekommen?«

Mit strengem Blick aber rügte Max:

»Adjutant! Es handelt sich jetzt um ein ruhmreiches Abenteuer zu edlem

Zwecke; und du denkst ans Essen!«

»Es ist wahr; aber daran ist mein knurrender Magen schuld; er ist so

leer, als ob er -- Gott behüte uns davor -- von einem Ameisenlöwen

ausgesaugt worden wäre.«

Die beiden Ameisen standen endlich vor dem Eingang zum Bienenstock.

Mit verzweifelten Gebärden stürzten eben einige Bienen daraus hervor

und summten in höchster Aufregung:

»Der Totenkopf! Der Totenkopf!«

Man sah sogleich, daß es im ganzen Bienendorf entsetzlich toll zuging.

Gefolgt von seinem Adjutanten stürmte Max hinein. Die verwirrten und

erschreckten Schildwachen beachteten ihn nicht, und bald stand er an

der Stelle, wo sich eben das bedrohlichste Schauspiel abwickelte.

Der entsetzliche Totenkopf war in den Stock eingedrungen. Da saß er

mit seinem großen plumpen Leib, bebend vor Gier, die riesigen Flügel

zitterten, sein Rüssel zuckte, und vergebens versuchte das Bienenvolk,

das ihn umgab, sein verderbliches Vordringen zu verhindern.

Vergebens bemühten sich die Überfallenen, den elastischen Panzer zu

durchstechen, von dem der dicke Körper des Tieres weich und nachgiebig

wie von einem Gummimantel umschlossen war. Angstvolle Stimmen schrien

in all diese Verwirrung hinein:

»Er wird alle unsere Lagerräume plündern!«

»Er frißt unsere Kinder!«

»Er wird die Königin töten!«

Max wandte sich zu seinem Adjutanten und sagte leise zu ihm:

»Hörst du, um eine Königin handelt es sich! Um jeden Preis muß diese

gerettet werden!«

»Aber wie? Wenn schon die Bienen mit ihrem Stachel nichts vermögen?«

fragte Großzang ratlos.

[Illustration]

»Dummkopf! Was der Stachel nicht kann, tut die Zange.«

Unbekümmert und rücksichtslos schlürfte inzwischen der Totenkopf

so viel Honig, als er nur konnte, trotz des lauten Protestes des

Bienenvolkes. Da gellte plötzlich ein Schrei aus dem vollen Munde des

Räubers:

»Au, mein Bein!«

Ein zweiter ungeduldiger Schmerzensruf folgte:

»Zum Kuckuck, wer schneidet mir denn meine Fühler ab?«

Zu gleicher Zeit rief Max, der sich rittlings auf den Totenkopf gesetzt

hatte:

»Großzang, wenn du ihm nur ein einziges Glied am Körper läßt, bist du

nicht länger mein Adjutant!«

Bei diesem ebenso unerwarteten als heftigen Angriff der Ameisen

versuchte der abscheuliche Totenkopf sich nach Kräften zu wehren. Er

schlug um sich und schleuderte dabei die armen Bienen umher, daß sie

mit den Beinchen nach oben herumwirbelten.

Der Kampfplatz war eng, und die gespreizten Flügel des Totenkopfes

versperrten den Weg. Aber schon hatte jemand an Abhilfe gedacht; denn

siehe, einer der Flügel fiel ab, und gleich löste der zweite, dritte

und vierte sich los. Das hatte Großzang mit seinen scharfen Zangen

wahrlich gut gemacht.

Ohne Flügel und ohne Fühler wollte sich der Totenkopf auf dem einzigen

Bein, das ihm geblieben war, aufrichten. Doch auch dieses zwickte

Großzang unbarmherzig ab. Der verstümmelte Rumpf des Untiers lag

nun da, ohne sich bewegen zu können. Im Nu hatte sich die Nachricht

davon in alle Ecken und Winkel des Bienenstockes verbreitet, und ein

hellstimmiger, unbeschreiblicher Siegesjubel brach los:

Viktoria! Viktoria!

Allen Lärm übertönend rief eine Stimme:

»Wer hat diesen Dieb auf solche Weise unschädlich machen können?«

Max erkannte die Stimme und rief:

»Süßchen, Süßchen! Bist du's?«

»Ei, ei!« sagte die Biene erstaunt und setzte sich zu Max auf den

Rücken des Totenkopfes, »das ist ja die Ameise, der ich auf dem

Rosenstock begegnet bin! Wie kommst denn du hierher zu uns?«

»Ich kannte die Absichten dieses schwarzen Herrn und bin herbeigeeilt,

das Bienendorf zu retten.«

»Du!« rief Süßchen und sah ihn gerührt an. »Schwestern«, rief sie,

»verneigt euch vor dieser Ameise. Ihr verdanken wir unsere Rettung!«

Ein schallendes »Hurra« folgte dieser Bekanntgabe.

Max dankte tief bewegt und sprach:

»Haltet ein! Nicht ich allein habe ein Recht auf euern Beifall. --

Großzang, Großzang, tritt vor!«

Aber Großzang antwortete nicht.

»Dieser Vielfraß«, dachte Max, »wird schon in eine Honigkammer

eingefallen sein. Aber er soll was hören, wenn er zurückkommt!«

Inzwischen hatte Süßchen mit der zärtlichen und liebevollen Stimme, die

sie sich im Umgang mit den Blumen angewöhnt hatte, gesagt:

»Du bleibst doch bei uns, nicht? Es ist zu spät geworden, um

heimzukehren!«

»O wie gerne!« beeilte sich Max zu antworten, »um so lieber, als ich

zurzeit keine Wohnung besitze.«

Süßchen schien sehr erstaunt über diese Erklärung und war nahe daran

zu fragen wie und warum; denn sie war neugierig, über ihren Befreier

Näheres zu erfahren; aber da sie eine höchst taktvolle Biene war,

überwand sie sich und sagte nur:

»Wie gerne hörte ich deine Geschichte; morgen erzählst du sie mir

vielleicht? Selbstverständlich bleibst du und jene Ameise, der du

eben gerufen hast, hier, d. h. wenn sie noch bei uns herinnen ist.

Ich selbst muß jetzt den Schwestern helfen, das Haus von diesem

Eindringling zu säubern.«

Max stieg mit ihr vom Rücken des Totenkopfes herunter. Süßchen aber

gesellte sich zu den andern Bienen, die mit vereinten Kräften den

Körper des Untiers fortzuschaffen versuchten.

Aber dessen Gewicht und Umfang war derart, daß es keine leichte Sache

war, ihn zu bewegen. Schließlich rief eine Biene:

»Hört mich an, ihr Lieben! Diesen greulichen Wicht aus dem Stock

hinauszuschaffen, ist ein Ding der Unmöglichkeit, ich schlage vor,

ihn auf die Seite des Ganges zu schleppen und ihn dort luftdicht

abzuschließen.«

Der Vorschlag wurde sofort angenommen. Alle Bienen stellten sich an der

einen Seite des schweren, häßlichen Körpers auf, hoben und schoben mit

verdoppelten Kräften den Dieb, bis es ihnen schließlich gelang, den

Koloß von der Stelle zu rücken. Nach dem ersten Ruck ließ sich unter

dem Tier eine schwache Stimme vernehmen:

»Gottlob! Länger hätte es nicht mehr dauern dürfen, sonst wäre ich

unter dieser Schuttmasse erstickt!«

Der mutige Großzang war unglücklicherweise unter den mächtigen

Schmetterling zu liegen gekommen, als er ihm das letzte Bein abgezwickt

hatte. Max half ihm hervor und rief mit feierlicher Gebärde:

»Adjutant! Du bist ein tapferer Soldat!«

»Ich folgte deinem Befehl; du hattest mich ja mit dem Verluste meiner

Stellung bedroht, wenn ich diesem Frechling ein einziges Bein lassen

würde.«

»Du hast männlich deine Pflicht getan; zum Lohne ernenne ich dich in

Gegenwart dieses edlen Volkes zum erlauchten Grafen aller Hautflügler.«

Großzang verstand kaum die volle Bedeutung dieser Auszeichnung; so viel

aber war klar für ihn, daß sein Kaiser ihm eine hervorragende Stellung

im Reiche der Insekten zugedacht hatte. Untertänig stammelte er mit

tiefer Verneigung:

»Majestät, ich danke!«

Der Körper des Totenkopfes war jetzt auf die Seite gerollt. Max setzte

im Triumphgefühl seinen rechten Fuß auf des Tieres Kopf, wies auf die

düstere, gelbe Schädelzeichnung über dem Rücken des Tieres und machte

dabei die Bemerkung:

»Der ehrsame Herr -- Gott hab' ihn selig! -- hat allem Anschein nach

bei Lebzeiten schon an seinen Tod gedacht; um uns die Kosten zu

ersparen für einen Grabstein, ließ er sich die Inschrift auf den Buckel

malen!«

35. Im Bienenreich.

Am nächsten Morgen erwachte Max, dem die dankbaren Bienen ein hübsches

Schlafkämmerlein angewiesen hatten, sehr schlecht gelaunt.

»Dieser greuliche Totenkopf«, sagte er, »hat mir die ganze Nacht

verdorben. Ich hatte gräßliche Träume über ihn. -- Großzang! Hallo,

Großzang! Großzang!«

Der gräfliche Adjutant schreckte aus seinem tiefen Schlummer auf.

»Na endlich!« rief Max, »was für eine Art zu schlafen! Ein kaiserlicher

Adjutant, das merke dir, schläft nur mit dem einen Auge, mit dem andern

hat er stets zu wachen.«

»Ich habe Hunger«, gähnte verschlafen der Herr Graf.

»Du bist unersättlich, mein Lieber! Gestern abend hast du bei dem

Schmaus, den uns die Bienen gaben, für Viere gegessen. Es ist unbedingt

nötig, daß du dich änderst; denn meine Einkünfte erlauben mir

vorderhand nicht, einen solchen Vielfraß von Adjutanten zu halten.«

Mit gnädigem Ton fuhr er dann fort:

»Etwas anderes! -- Heute morgen müssen wir den Palast der Bienen

besuchen, und wir werden der Königin vorgestellt werden. Verstehst du,

der Königin! Benimm dich deiner Stellung entsprechend und blamiere mich

nicht!«

Der Gedanke, der Königin vorgestellt zu werden, genügte, um Max wieder

in beste Laune zu versetzen.

Seinem Adjutanten gab er eine Menge Anweisungen über die höfischen

Sitten und Gebräuche und schärfte ihm ein, sich genau daran zu halten.

Gerade wollte er ihm noch einen schönen Vers beibringen, mit dem der

Adjutant den Kaiser der Königin vorstellen sollte, als jemand an der

Türe klopfte und fragte:

»Darf ich eintreten, liebe Freundin?«

Es war Süßchen.

Max ging ihr entgegen und sagte:

»Meine Teure, vor allen Dingen muß ich dir erklären, daß ich keine

Freundin bin.«

»Wie? Keine Freundin?«

»Nein, aber dein Freund; denn ich bin ein Mann.«

»Und diese andere Ameise?«

»Ein Freund, gleich mir: beide gehören wir dem männlichen Geschlechte

an.«

»Ihr habt doch keine Flügel; deshalb dachte ich, ihr seiet

geschlechtslose Ameisen, und hielt euch für tüchtige Arbeiter, wie ich

eine Arbeitsbiene bin.«

Max mußte lachen und schaute Großzang an.

»Arbeiter! Hörst du, Adjutant? -- Süßchen meint, wir wären zwei

Arbeiter. Sie hat keine Ahnung, was wir sind. Und wenn sie erst hört,

wer ich bin! Jetzt ist es Zeit, das Inkognito fallen zu lassen.

Großzang, stelle mich vor!«

Großzang verneigte sich tief, zeigte auf Max und sprach würdevoll:

»Max Butziwackel I., Kaiser der Ameisen.«

Max deutete auf Großzang und sprach:

»Mein Adjutant Großzang, Graf aller Hautflügler, des Kaisers

Butziwackel erster und einziger Offizier. Dickkopf, der zweite

Adjutant, wurde gestern von einem Ameisenlöwen ausgesaugt.«

Süßchen blieb unglaublich überrascht bei dieser Doppelvorstellung.

Max bemerkte, wie verständnislos sie seiner Größe gegenüberstand, und

erachtete es deshalb für nötig, eine Erklärung folgen zu lassen. Er

erzählte ihr vertraulich die Geschichte seines Aufstiegs zu fürstlicher

Höhe und den jähen Sturz von seinem Throne.

Die Biene hörte aufmerksam zu, und als er geendet hatte, sagte sie:

»Höre mal, ich habe nie einen Thron verloren und strebe nach keiner

Krone. Ich kenne nur den freudigen Drang zur vergnüglichen Arbeit. Hast

du, Unglücklicher, auch diesen verloren? Bitte, beeile dich, wenn du

jetzt unser Haus besichtigen willst.«

Diese Worte verdrossen Max ungeheuer, aber seinen Zorn schüttete er

über den unschuldigen Großzang aus, den er barsch anfuhr:

»Na, Adjutant, was tust du denn? Erhebe dich endlich! Hörst du nicht?

Wir gehen jetzt, den Palast zu besichtigen. Komme sofort. Wie lange

braucht es noch, bis du dich rührst?«

Dann verließ er majestätisch das Zimmer, Süßchen zur Seite, der

Adjutant hinterdrein.

Zunächst ging es zum Eingang, an dem Max eine Veränderung gegen gestern

wahrnahm. Die Toröffnung war viel niedriger und schmäler geworden. An

beiden Innenseiten des Ganges waren neue Mauern aufgeführt, die aus

einer braunen, klebrigen Masse bestanden.

»Ei«, bemerkte Max, »hier sah es doch anders aus, als ich eintrat.«

»Freilich«, erwiderte Süßchen, »das ist ein Neubau. In Zukunft wird

ein Totenkopf sich besinnen, hier einzutreten. Wir haben unser Haustor

verbessert.«

»Wie ist es möglich, in einer Nacht so gewaltige Mauern aufzuführen?«

»Bei uns geht alles flink«, scherzte Süßchen. »Wir sammeln, wie du

vielleicht weißt, bei den Pflanzen Harz, und dieses verarbeiten wir

zu einer klebrigen Masse, dem Kittwachs. Damit streichen wir im Hause

Ritzen und Löcher aus. Mit diesem Baumaterial haben wir den Eingang

verengert; wir kitten damit auch unsere Waben an der Decke und an den

Seitenwänden fest.«

»Welch großartige Leistung!« rief Großzang, der doch auch etwas sagen

wollte, bewundernd aus. »Und mit welcher Genauigkeit und Schnelligkeit

diese Veränderung ins Werk gesetzt wurde!«

»O, die Fixigkeit, die verstehen wir«, bemerkte Süßchen gutgelaunt.

»Bis man sich umschaut, errichten wir Mauern, vor denen sich einer

fürchten kann!«

Die Drei schritten in ihrer Besichtigung weiter. Max überzeugte sich

mehr und mehr, daß es sich keineswegs um ein Haus handelte, wie

Süßchen es nannte, noch um einen Palast, wie er glaubte, sondern um

eine wirkliche und wahrhaft große Stadt, erbaut nach allen Regeln der

Baukunst, der Gesundheitslehre und der Bequemlichkeit.

Die zwei Hauptmerkmale ihrer Bauart waren Harmonie der Linien und weise

Ausnützung des Raumes.

Das ganze Innere dieser weiten Stadt bestand aus einer Unmenge von

Zimmern, die alle in genau sechseckiger Form erbaut waren. An jeder

Seite des Sechsecks stieß ein benachbartes Zimmer an.

»Ihr werdet wohl verstehen«, sprach Süßchen zu den beiden Ameisen, »daß

das Sechseck die einzige Form ist, die uns gestattet, im gegebenen Raum

die größtmögliche Anzahl von Zimmern oder, wie wir sagen, Zellen zu

bauen. Jede andere Form würde für uns einen größeren Verlust an Raum

bedeuten.«

»Das ist klar«, erwiderte rasch überzeugt Max, »ihr habt die Raumfrage

in geistvoller Weise gelöst! Aber wie ist es möglich, diese Zellen so

regelmäßig und so genau zu machen?«

»Das geht so zu! Sobald wir den Platz für unsere Wohnung bestimmt

haben, sei es in einem Mauerloch oder in einem hohlen Baum, wie dieser

hier, bauen wir zuerst die inneren Wände der Zellen. Unser Baustoff ist

das Wachs, das wir an der Unterseite des Hinterleibes ausschwitzen.

Dieses befeuchten, kneten und formen wir mit dem Munde und fügen

Stückchen an Stückchen zusammen. Und weil wir viele sind und immerfort

einander ablösen, geht die Arbeit rasch voran. Bald entsteht aus einer

größeren Anzahl von fertiggebauten inneren Zellenwänden ein fester

Streifen Wachs. Man nennt ihn die Mittelwand, weil er die beiderseits

anzubauenden Zellen trennt. Von der Mittelwand aus ziehen unsere

gewandtesten und tüchtigsten Bauleute die Seitenwände unserer Zellen.

Wollt ihr das sehen?«

Süßchen führte die zwei Gäste an eine Stelle, wo gerade neue

Wachszellen gebaut wurden. Da wurde gehobelt, gemauert und poliert, bis

die sechs Seitenwände die nötige Länge erreicht hatten und ein bequemes

und sauberes Kämmerlein einschlossen.

»Wie schnell hier gearbeitet wird!« rief Großzang erstaunt.

»Und dabei gut!« fügte Max mit Kennermiene bei.

Er wunderte sich um so mehr, da er schon wußte, daß bei den Menschen

Schnellarbeiter und Schlechtarbeiter meistens das gleiche bedeutet.

Natürlich stimmt das nicht immer und nicht in jedem Fall.

»Da ist nichts zu verwundern«, erwiderte Süßchen; »wir sind imstande,

in einem Tag und einer Nacht bis zu viertausend Zellen zu bauen.«

»Welch eine Riesenarbeit!« meinte Max. »Aber ich erlaube mir zu

bemerken, daß die Zellen nicht gleich groß sind.«

»Das versteht sich!« rief Süßchen; »dies hier sind die Zellen

für solche Eier, aus denen wir Arbeitsbienen herauskommen, wir

Geschlechtslose«, und dabei deutete sie im Kreise herum, auch auf Max

und Großzang.

»Wir sind nicht geschlechtslos«, sagte Max ärgerlich. »Ich gab dir

bereits zu verstehen, daß wir Männer sind!«

»Das ist mir entfallen«, sprach Süßchen spöttisch und fuhr fort: »Hier,

diese größeren Zellen sind für jene Eier bestimmt, aus denen männliche

Bienen geboren werden, ... wirkliche Männchen, verstehst du? Und diese

letzteren hier sind die Zellen für die Weibchen; diese sind rund, groß,

prachtvoll, denn unsere Weibchen sind bestimmt, Königinnen zu werden.«

»Was? Wie?« sagte Max, »Königinnen!«

Auf dies hin hätte er gerne eine Reihe von Fragen gestellt, aber in

ebendemselben Augenblicke stand man vor einem sonderbaren Hügel, vor

dem Max neugierig anhielt.

»Süßchen, was ist denn dies?« fragte er voll Interesse.

»Dies ist der Körper des Totenkopfes, des Schmetterlings, den du

besiegt hast. Da wir ihn nicht hinausbringen konnten, haben wir ihn

einbalsamiert. So kann er nicht verwesen und uns die Luft verpesten.«

»Einbalsamiert!« rief Max und beguckte den harten Körper, der am Boden

festklebte.

»Was soll das heißen?«

»Das heißt, wir haben den Leichnam des Totenkopfes rings mit Wachs

ummauert und mit Kitt am Boden festgeklebt. So ist er luftdicht

abgeschlossen, kann darum nicht verwesen und uns die Luft verderben.

Ich will euch noch ein anderes Tier zeigen, das wir auf diese Art

unschädlich gemacht haben.«

Damit führte Süßchen die beiden in ein anderes Stockwerk und sprach:

»Seht ihr die Schnecke da? Sie ist einst in unser Haus gekrochen, und

wir haben mit ihr kurzen Prozeß gemacht. Ein Stich trieb sie in ihr

Schneckenhaus hinein, mit dem Kittwachs haben wir ringsumher am Boden

das Schneckenhaus festgeklebt, und jetzt ist sie in ihrem eigenen Haus

begraben.«

Max und Großzang waren aufs höchste erstaunt nicht nur über die

Kunst, sondern auch über die Geistesgegenwart der Bienen. Sie wollten

eben ihre Bewunderung ausdrücken, als sich plötzlich ein dreimaliges

taktmäßiges Gesumme wie ein Trompetensignal vernehmen ließ. Süßchen

flüsterte leise:

»Still, die Königin kommt!«

36. Ein Kaiser spricht mit einer Königin.

Eine Biene von majestätischer Haltung schritt einher. Sie war umgeben

von einer Anzahl junger Bienen, die ihr tausend Freundlichkeiten

erwiesen und ihr immer wieder den Rüssel boten, um sie mit süßer

Honigspeise zu erquicken.

»Das sind die Gesellschaftsdamen der Königin!« flüsterte Süßchen.

Vor jeder Zelle hielt die Königin an und legte ein winziges Ei hinein.

Umstehende sangen dabei begeistert für die fruchtbare Mutter ihres

Volkes das Königslied:

»Heil unsrer Königin,

Mutter und Herrscherin,

Summ, summ, summ, summ!

Lebensquell! Dienstbereit

Neigen wir allezeit

Dir uns in Ewigkeit.

Summ, summ, summ, summ!«

Da hielt die Königin in ihrer Beschäftigung ein.

»Ich hoffe«, sprach sie, »daß mein Volk mit mir zufrieden ist. Mit dem

Ei, das ich eben gelegt habe, sind es heute zweihundert geworden.«

Max machte einen etwas unkaiserlichen Sprung vor Staunen und rief:

»Zweihundert Eier an einem Tage! Wie lange geht diese Arbeit so weiter?«

»Je nachdem«, erwiderte Süßchen, »gewöhnlich dauert es drei Monate, bis

ungefähr fünfzehntausend Eier gelegt sind.«

»Fünfzehntausend Eier! Liebe Zeit, damit könnte man für alle Leute

Pfannkuchen backen!«

Während die beiden noch die wunderbare Bienenmutter bestaunten, die so

vielen Jungen Leben gibt, hatte sich Süßchen ehrfürchtig der Königin

genähert. Sie sprach einige Worte mit ihr allein und wandte sich dann

an die beiden Gäste:

»Die Königin teilt mir mit, daß sie sich freuen würde, euch

kennenzulernen. Sie wünscht eure Vorstellung.«

Dem Kaiser der Ameisen lief ein Ehrfurchtsschauer über den Rücken.

»Adjutant!« flüsterte er Großzang zu, »der Augenblick, mich zu melden,

ist gekommen. Denke genau an alle Unterweisungen, die ich dir für diese

große Stunde gegeben habe.« Auf dies trat er etwas in den Hintergrund

zurück. Großzang aber schritt wie ein ritterlicher Schildknappe vor die

Königin und meldete mit Gesang den Herrscher an:

»Der Kaiser kommt, der Kaiser kommt!

Tralallala! Tralallala!

Gebt alle Ehre, die ihm frommt!

Tralallala! Tralallala!«

Alles schwieg. Jeder schaute erstaunt auf Max, der mit feierlichem

Schritt vortrat, sich tief vor der Königin neigte und mit bewegter

Stimme sprach:

»Wir, Maximilian Butziwackel I., Kaiser aller Ameisen, sind erfreut,

der mächtigen, weisen Bienenkönigin Unsere Huldigung darzubringen.

Wir versichern sie Unserer Freundschaft und geben Unserer

Verwandtschaftstreue gebührenden Ausdruck!«

Die Königin war höchst erstaunt über dieses ihr fremdartige Gebaren der

Gäste. Aber um sich die Unkenntnis der neuen Sitte nicht anmerken zu

lassen, wandte sie sich mit liebenswürdigen Worten an beide Ameisen:

»Wer immer ihr seid, es ist meine Pflicht, euch vor meinem ganzen Volke

meine Dankbarkeit auszusprechen für die Rettung des Bienenstaates vor

einem seiner schrecklichsten Feinde. Betrachtet dieses Haus als das

eure!«

Max dankte mit überströmendem Herzen und einer tiefen Verneigung. Als

die Hofdamen um die Königin in respektvoller Entfernung einen Halbkreis

bildeten, gab der Kaiser seinem Adjutanten ein Zeichen, wie diese

zurückzutreten. Die Königin begann die Unterhaltung:

»Ich bin sehr zufrieden«, sagte sie mit gütigem Lächeln, »daß diese

Gelegenheit die Ameisen und die Bienen, die beiden edelsten und

verständigsten Arten der Hautflügler, einander näher gebracht hat!«

»Gewiß!« erwiderte Max, »wir haben viele Gewohnheiten und manche

Instinkte gemeinsam. Wie die Bienen leben auch wir in Gesellschaft,

und diese Gesellschaft ist wie die eure aus Weibchen, Männchen und

Geschlechtslosen oder Arbeitern zusammengesetzt. Bei dieser Gelegenheit

möchte ich jedoch feststellen, daß weder mein Adjutant noch ich zu

den Geschlechtslosen gehören, wie es wohl den Anschein hat. Wir sind

vielmehr Männer.«

»Wie sonderbar«, erwiderte ihm die Königin, »ich dachte, die Ameisen

töten wie wir ihre Männchen?«

Max hielt es nun für nützlich, dem Gespräch eine Wendung zu geben. Ohne

auf die Bemerkung der Königin einzugehen, sprach er:

»Majestät, ich hatte das Vergnügen, Ihr Reich zu besuchen ... Ich war

erstaunt, ein Reich von außergewöhnlicher Größe zu finden.«

»Jawohl! Aber auch ihr Ameisen bildet große Staaten. Ist euer Reich

vielleicht kleiner als meines?«

»O viel kleiner!« erwiderte Max ein wenig verlegen. »Und wie zahlreich

müssen erst Ihre Untertanen sein?« beeilte er sich, weiter zu fragen.

»Es sind ungefähr dreißigtausend Einwohner.«

»Dreißigtausend Bienen! Das ist eine überwältigende Zahl!«

»Wie groß ist euer Ameisenvolk?«

»Ach, Majestät!« antwortete Max immer verlegener, »meine Untertanen!

... Da stehen sie alle.« Er wies auf seinen Adjutanten und rief:

»Großzang, Graf aller Hautflügler, mein letzter Untertan und

Flügeladjutant.«

Großzang verneigte sich tief.

Max bemerkte, daß die Königin ihn nicht recht verstand. Er hielt es

also für nötig, ihr die bemerkenswertesten Taten seines Lebens zu

erzählen; so fing er denn an:

»Teuerste Majestät! Unter uns können wir ja ohne Umstände reden. Ich

bin ein armer, entthronter Kaiser, ein Fürst ohne Volk und Land, und

ich kann nicht umhin, dich in der glücklichen Lage einer wahren Königin

zu beneiden. Bedient, geachtet und angebetet lebst du inmitten deines

Volkes!«

Bei diesen Worten verzog die Königin den Mund, neigte sich zu Max und

sagte ganz vertraulich:

»Königin? Ich bin es und bin es nicht!«

»Du bist es! Ich wollte, ich könnte so wie du regieren!«

»So, so? Was würdest du dazu sagen, wenn du den lieben, langen Tag Eier

legen müßtest?«

Bei dieser Bemerkung wurde Max trotz seiner schwarzen Haut ganz rot vor

Entrüstung.

»Bedenke doch«, fuhr die Biene fort, »daß ich in meinem Reich zugleich

etwas mehr und etwas weniger bin als Königin. Ich bin die gemeinsame

Mutter, die Lebensquelle des Volkes. Ich sichere ihm den Bestand, weil

ich allein für die Nachkommenschaft sorge. Dies Volk ist mein, weil

ich es schuf, es zur Welt brachte; es ist mein Kind und ich bin seine

Mutter. Aber glaubst du, daß ich zu meinem Vergnügen Königin geworden

sei? Ich bin Königin, damit ich Eier lege, viele Eier! Bin es nur unter

der Bedingung, daß ich das Volk erhalte, und Königin bin ich nur,

solange ich dem Volk Mutter sein kann. An dem Tage, an dem ich mein

Reich nicht mehr vergrößere, höre ich auf, Königin zu sein. Wie du

siehst, ist meine Stellung sehr hoch von einem hohen Gesichtspunkt aus

betrachtet, sehr erbärmlich von einem niederen aus gesehen.«

Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute · 第 10 / 13 段