viere, so bekommen meine Kinder nicht genug zu essen. Nun kann ich
deines Vorwitzes halber von neuem die Jagd beginnen.«
»Verzeihung, Frau Mordwespe, die arme Grille tat mir leid. Mit deiner
wilden Kraft wirst du gewiß bald eine andere bekommen. Lebe wohl und
entschuldige vielmals!«
Max nahm seinen Weg wieder auf. Der Zweikampf zwischen Wespe und Grille
und seine Unterhaltung mit dem betrogenen Sieger hatte ihn nicht im
geringsten in der Richtung des Weitermarsches beirrt.
»Ohne mein Eingreifen«, sprach er für sich, »wäre die Grille schön
eingegangen! Diese Mordwespen besitzen eine verteufelte Kraft. Man
sieht es ihnen gar nicht an. Gleichwohl muß ich meine Freundin
Gallwespe noch mehr bewundern. Sie ist viel kleiner und war doch
imstande, sich einen Weg durch ihre steinharte Kugel zu bahnen!«
Max wanderte und wanderte unermüdlich weiter. Ihn drängte die
Sehnsucht, ans Ziel zu gelangen, und der Weg zur Mutter war gar so
weit.
Bald nachher bemerkte er ein anderes Geschöpf, das den gleichen Weg
verfolgte wie er, aber auf eine bequemere und schnellere Weise. Es
war ein äußerst fein gebautes Insekt mit langem, dunkelgrauem, dünnem
Körper, mattgelb am Kopf, an der Brust gefleckt und mit vier leichten,
ja allerleichtesten Flügeln versehen. Damit bewegte es sich von einem
Strauch zum andern und tat, als ob es etwas suchte und durchaus nicht
finden könne.
»Ach, liebe Libelle«, sprach Max emporschauend, »was würde ich nicht
bezahlen, wenn ich jetzt Flügel hätte wie du!«
Das geflügelte Insekt schaute ihn mit seinen hervorstehenden Augen an
und lachte laut:
»Ich bin keine Libelle.«
»Was bist du dann?« fragte Max und blieb stehen.
»Wenn du's wissen willst, -- ich habe viele Beziehungen zu
deinesgleichen.«
»Das freut mich zu hören; dann können wir ja in Freundschaft verkehren!«
»Meinetwegen«, antwortete das Insekt nicht sehr höflich. Dabei setzte
es sich, unbekümmert um Max bedächtig umherspähend, auf einen Grashalm.
Max näherte sich, er wollte wissen, was es denn eigentlich zu tun
vorhabe.
25. Die geheimnisvolle Barke.
Nach einigen heftigen Anstrengungen schien das geflügelte Insekt
sich wieder zu erholen. Es streckte den Körper, drehte sich um sich
selbst und betrachtete mit Liebe ein Häufchen Eier, die am Grashalm
festgeklebt waren. Sie waren etwas über drei Millimeter lang, gelblich
und an dem dickeren Ende rot gefärbt.
»So, das hätten wir«, sagte das rätselhafte Geschöpf und beschaute
sichtlich befriedigt sein Werk. »Man lebt so kurz; aber wenn man für
die Nachkommenschaft gesorgt hat, kann man getrost sterben. Meine
Kinder werden weiterleben.«
Max, der unterdessen stumm vor Staunen dabeigestanden war, konnte sich
jetzt nicht länger halten und rief:
»Aber du bist einmal eine brave Mutter!«
»Hm, freilich«, erwiderte ganz verschmitzt das Insekt, »vielleicht käme
es dir besser zu statten, wenn ich es nicht wäre!«
»Ich begreife dich nicht. Doch da du keine Libelle sein willst, darf
man vielleicht fragen, wer du bist?«
»So viel kann ich dir sagen, ich bin eine große Verehrerin der Ameisen,
aber ich weiß nicht, ob sie mich ebenso lieben wie ich sie.« Dann fuhr
sie, Max spöttisch musternd, fort: »Gehe du nur einstweilen deiner
Straße; ich verweile hier, um meine Kinder in Sicherheit zu bringen,
denen ich wünsche, sie möchten in ihrem Leben recht vielen Ameisen
begegnen, die so gut sind wie du; du scheinst mir eine ausgezeichnete
Ameise zu sein.«
Die sonderbare Betonung der letzten Worte gaben dem Satz einen
unheimlichen Sinn. Oder sollten sie eine besondere Artigkeit bedeuten?
Max rannte, von einer innerlichen Stimme gemahnt, eiligst weiter, ohne
sich für eine solche Artigkeit mit diesem Beigeschmack zu bedanken.
In schweren Gedanken und mit einigem Herzklopfen zog er in langen
Schritten fürbaß und grübelte vergebens, in den verborgenen Sinn jener
Worte einzudringen. Nach einem guten Stück Weges hörte er hinter sich
sprechen:
»Willst du wirklich wissen, wer ich bin?«
Max schnellte erschrocken rasch herum. Auf einem Grashalm, der über ihm
schwankte, saß das Insekt, das er Libelle genannt hatte.
»Da wir weit genug von meinen Eiern sind und du sie vergeblich suchen
würdest, will ich es dir sagen: Zittere! Ich bin der Ameisenlöwe.«
Diesmal war es Max, der hellauf lachte. Der grausige Name, die
schreckliche Betonung, die theatralische Feierlichkeit, mit der das
Insekt ihn aussprach, versetzten unsern Helden in beste Laune. Mit
tiefer Verneigung nahm er die Vorstellung entgegen und ahmte antwortend
die herausfordernde Sprechweise dieses Löwen nach.
[Illustration]
»Entschuldigen Sie vielmals, Herr Ameisentiger, wenn ich Sie nicht
gleich erkannt habe! Auf Wiedersehen, Herr Ameisenleopard! Herr
Ameisennilpferd, ich empfehle mich Ihnen als Wärter für Ihre jungen
Löwen, die aus Ihren Eiern schlüpfen. Wenn Sie nur nicht mit ihren
Löwenkrallen die Eierschalen zu früh zerbrechen!«
Trotz aller schlechten Witze war sich Max nur zu sehr des unangenehmen
Eindrucks bewußt, den der Name auf ihn gemacht hatte. Er erinnerte
sich dunkel, während seines Lebens im Ameisenheim gehört zu haben, der
Herr Professor wolle eine Vorlesung über Ameisenlöwen halten. Fuska
sagte damals zu ihm, er möge recht aufpassen dabei; denn man müsse
sich arg vor diesen Geschöpfen in acht nehmen. Viel später erst sollte
unser verbannter, armer Kaiser mit eigener, entsetzlicher Lebensgefahr
die Erklärung des Geheimnisses finden, das in den Worten seines
unheimlichen Reisegefährten versteckt lag.
Ohne von der Richtung seines Hauses abzuirren, schritt er rüstig
vorwärts. Lange war er schon gegangen, als sich unversehens vor ihm
ein Hindernis einstellte, das mit einem Schlage alle frohen Hoffnungen
vernichtete, die er während des langen Marsches genährt hatte. Vor
seinen Füßen dehnte sich ein für eine Ameise unendlich großer See
aus. Man bedenke nur, daß ihn ein Mann kaum mit einem Satze hätte
überspringen können. Was tun? Wie ans jenseitige Ufer gelangen, ohne
die Richtung zu verlieren? Richtung verloren, alles verloren! Wo könnte
er je die Straße wiederfinden, die ihm seine Freundin Gallwespe gezeigt
hatte?
Das einzige wäre gewesen, den See in liniengerader Richtung zu
überqueren. Aber wie? Er konnte das jenseitige Ufer nicht einmal sehen.
Mit verzweifelnden Blicken schaute Max hierhin und dorthin und ließ
sie über den See gleiten, der blutrot gefärbt in der Abendsonne lag.
Vergebens wartete er auf eine gute Eingebung, und endlich erfaßte ihn
der Mut der Verzweiflung.
»Ich weiß nicht einmal«, jammerte er laut, »ob eine Ameise schwimmen
kann! Doch was liegt daran. Entweder werde ich meine Mutter
wiederfinden oder im Gedanken an sie ertrinken und sterben.«
So durchschritt er das letzte Grasbüschlein, das ihn vom Wasserrand
trennte, näherte sich entschlossen der Flut und wollte sich eben
hineinstürzen, als er mit einem Freudenschrei plötzlich zurückwich.
Unmittelbar vor ihm schwamm eine vornehme Barke mit sechs Rudern. Max
glaubte sogar, eine bequeme, gelbe Sitzbank darin zu sehen. Diese Barke
schien eigens auf ihn gewartet zu haben, mit keinem andern Zweck, als
ihn aus grausamer Verlegenheit zu retten.
Begreiflicherweise überlegte Max nicht zweimal. Da die Barke ein klein
wenig vom Ufer abstand, fand er sofort einen geistvollen Ausweg, um
einsteigen zu können, ohne zu ertrinken oder mindestens pudelnaß zu
werden. Er kletterte flugs auf einen langen Grashalm, der sich vom
Ufer über das Wasser neigte. An der Spitze angelangt, schaute er
sich genau um, brachte den Halm durch die Schwere seines Körpers in
Schaukelbewegung, und wie er gerade über das Schifflein zu pendeln
kam, sprang er ab und kam in der Barke vor die Bank zu stehen, die er
gesehen hatte.
»Jetzt aber tüchtig gerudert!« rief Max und versuchte die Ruder zu
ergreifen.
Aber das war gar nicht nötig. Als ob die geheimnisvolle Barke nichts
anderes erwartet hätte als seinen Befehl, streckte sich das letzte
Ruderpaar mit Zauberkraft weit aus, schlug mit kräftigem Schlag ins
Wasser und führte die Barke mit größter Schnelligkeit vom Ufer weg auf
hohe See.
26. Wie man eine Seefahrt auf einem Dampfschiff beginnen und sie zu
Pferde beenden kann.
»Ach, das ist ja ein Dampfschiff!« rief Max aus, als er mit
außerordentlicher Schnelligkeit in den See hinaustrieb.
Wie von unsichtbarer Hand bewegt, glitten die Ruder in gleichmäßigen
Schlägen auf und nieder, und Max dachte nicht anders, als daß die
Kraft durch einen Dampfkessel irgendwo im Innern des Schiffes erzeugt
würde, das die schlanke Form eines Kahnes hatte. Während Max auf
seinem Schnelldampfer stand, sah er eine Menge anderer Schiffe
seltsamster Bauart vorüberfahren. Sie erschienen oft plötzlich an
der Oberfläche und verschwanden rätselhaft in die Tiefe, so daß Max
in hellem Vergnügen glaubte, er befinde sich mitten im Manöver einer
Unterseebootflottille. Für einen Augenblick vergaß er vor Glück über
diesen herrlichen Anblick, den der Zufall ihm schenkte, sein ersehntes
Ziel. Sofort auch beschäftigten ehrgeizige Träume seinen erregten Sinn.
»Wie wäre es«, dachte er hochstrebend, »wenn ich hier als gefürchteter
Admiral einige feindliche Schiffe in den Grund bohrte?«
Erfüllt von neuen kriegerischen Plänen, spazierte er sinnend und wie
ein echter Seebär mit breitspurig schwankendem Gang auf dem Deck seines
Schiffes hin und her. An einer Stelle bemerkte er eine Reihe von
Röhrchen, eines dicht neben dem andern. Aufmerksam verweilte er hier
und sagte schlau:
»Aha, da haben wir die Sprachrohre!«
Er beugte seinen Kopf über eines der Röhrchen, und da es offen war,
rief er hinab ins Innere des Dampfers:
[Illustration]
»Hallo! Maschinisten, Heizer, Achtung!«
Eine Stimme antwortete:
»Hallo! Wer da?«
»Hier Admiral Max Butziwackel! Alle Mann an Bord! Rasch herauf!«
Einen Augenblick war es still, dann ertönte die Antwort:
»Hinaufkommen? Ich finde es gescheiter, hinunterzutauchen!«
Mit einem gewaltigen Ruck und Schlag streckten die zwei Ruder sich aus.
Das Schiff bäumte sich erst auf, dann fuhr es kopfüber in die Tiefe.
Max wurde mit hinuntergerissen, und schwindelnd dachte er:
»Aha, ein Tauchboot!« Dabei umklammerte er voll Geistesgegenwart das
Rohr, das ihm als Sprachrohr nicht besondere Dienste geleistet hatte.
Zugleich begriff er mit Schrecken, daß die Unterwasserreise für ihn auf
offenem Deck nicht lange dauern müsse, um ihn dem Tode des Ertrinkens
zu weihen. Deshalb ließ er seine Stütze lieber los und zappelte wie
rasend, bis es ihm gelang, an die Oberfläche emporzukommen. Doch das
Wasserschlucken, der Schrecken und die Überanstrengung hatten seine
Kräfte so erschöpft, daß er sich zu elend fühlte, um noch weiter zu
kommen. Er glaubte sich verloren, und einer Ohnmacht nahe, stammelte er
als letzten Stoßseufzer:
»O du meine liebe Mutter!«
Ein Schatten glitt über ihn hinweg. Max streckte seine Arme aus, faßte
etwas und klammerte sich so fest daran, wie es nur ein Ertrinkender
fertigbringt. Von oben aber rief's:
»Oho, wer zieht an meinem Bein?«
Der arme Schiffbrüchige nahm seine letzten, sinkenden Kräfte und seinen
ganzen Mut zusammen, denn er sagte sich:
»Habe ich ein Bein erwischt, so gehört es wohl einer Person, die auf
dem Wasser spazieren kann. Eine solche kann ich aber gerade brauchen,
also Mut!«
Er kletterte an dem langen, schwarzen Bein hoch, und mit dem Erfolg
wuchsen Kraft und Mut. Wie durch ein Wunder gelangte er über Wasser
und schwang sich gewandt auf den Rücken des fremden Beinbesitzers, der
abwehrend ausrief:
»Wer steigt mir auf den Rücken?!«
»Ich bin es«, sagte Max, indem er sich rittlings zurechtsetzte.
»Eine Ameise bin ich, mit zwei vorzüglich scharfen Zangen bewaffnet,
kraft deren ich dich höflichst ersuche, mich schleunigst ans Ufer zu
befördern.«
Der Ton, in dem Max sprach, ließ seinen Träger vermuten, daß die
Ameise zu allem eher als zum Ertrinken entschlossen war und keinen
Widerspruch duldete. Deshalb nahm das merkwürdige Geschöpf den Weg auf
dem Wasser gutwillig wieder unter seine Beine. Inzwischen betrachtete
Max sein Wasserpferd genauer. Es war ein dunkles Insekt mit langem,
dünnem Körper und einem Kopf, der allein ein Drittel seiner Gesamtlänge
ausmachte und der mit außerordentlich langen Fühlern versehen war.
Sechs gleichlange Beine standen weit vom Körper ab und waren ebenfalls
ungewöhnlich lang.
»Gesegnet seien deine Beine!« sagte Max bedeutend freundlicher als
vorhin, »sei du nur froh, daß du nicht auch auf ein Unterseeboot zur
Überfahrt angewiesen bist. Doch bitte, wer bist du?«
»Ich bin ein Wasserläufer«, erwiderte das Insekt mit Freimut. »Wir
Wasserläufer haben zwar Flügel, doch macht es uns keinen Spaß, sie
oft zu benützen. Höchstens, wenn wir einmal über Land zu einem andern
Gewässer wollen.«
So sprechend, öffnete das Tierchen zierlich die hornigen schwarzen
Flügeldecken, die auf seinem Rücken lagen. Unter ihnen kamen zwei ganz
dünne, dunkle Hautflügel zum Vorschein, denen Max mit einem gewandten
Ruck auswich.
»Ich will nicht prahlen«, fuhr der Wassertreter fort, »aber in meiner
Familie gibt es Leute, die noch tüchtiger sind als ich. Diese können
gegen die Strömung reißender Flüsse laufen, andere spielen auf den
gefährlichen Wassern tropischer Meere.«
Max merkte längst, daß er es mit einem fein gebildeten Herrn zu tun
hatte, und er fühlte die Verpflichtung, sich wegen der unverfroren
kecken Art zu entschuldigen, mit der er einen Freiplatz auf seinem
Rücken beansprucht hatte. So entspann sich zwischen Roß und Reiter
eine artige Unterhaltung. Max erzählte haarklein sein Abenteuer auf
dem verzauberten Schiff, das ihn mit sich in die Tiefe gerissen hatte.
Der Wasserläufer nickte verständig mit seinen Fühlern und sagte
nachdenklich: »Das wird jedenfalls der Rückenschwimmer gewesen sein,
die ~Notonecta glauca~.«
»Was, so heißt das Schiff?«
»Nein, nein, so heißt das Insekt. Es gehört zu meiner Ordnung und
lebt wie ich im stehenden Wasser. Aber während ich nur auf der
Wasserfläche schreite, taucht dieses auch in die Tiefe, um drunten auf
dem Schlammgrunde kleine Wassertiere zu fischen, die es mit seinem
giftigen Schnabel tötet. Kommt es an die Oberfläche, so bleibt es mit
dem Unterleib nach oben liegen. Dann sieht man seine gelbe Brust,
seinen behaarten Bauch und seine sechs ausgestreckten Beine, von denen
das hinterste, längste Paar zum Rudern dient. Es kommt eigentlich nur
herauf, um Luft zu schnappen, denn die vermeintlichen Sprachrohre, die
Haarröhrchen, dienen ihm, um Luft damit zu sammeln.«
»Was sagst du mir da!« entsetzte sich Max, der seinen ungeheuerlichen
Irrtum mit Beschämung einsah.
»Es ist so, wie ich sage, und du wirst dich noch mehr wundern. Der
Rückenschwimmer hat auch Flügel, stärkere als ich, und er versteht
vortrefflich zu fliegen.«
»Ei, ei, welch bevorzugtes Geschöpf, mit vielseitiger Begabung! Es
fährt als Unterseeboot und ist zugleich Wasserflugzeug. Diese Erfindung
haben die Menschen im großen Kriege noch nicht gemacht!«
So plauderten sie höchst unterhaltend, bis der Wasserläufer mit seinem
Reiter am Ufer anlangte. Voll freudigen Dankes sprang Max von seinem
Wasserpferd ans Land und rief:
»Teurer Wasserläufer, in tausend Jahren könnte ich dir deinen
liebenswürdigen Dienst nicht vergessen. Nenne mir doch die Ordnung, der
du zugehörst.«
»Ich gehöre zur vornehmen Ordnung der Schnabelkerfe und Halbdecker. Wir
Wasserläufer bilden eine eigene Familie, wie auch die Rückenschwimmer.«
»Wohlan, gesegnet seien alle Wasserläufer. Begegnest du aber dem
Rückenschwimmer, so sage ihm, daß es eine Ungezogenheit ist, wie er
ahnungslose Reisende, die sich ihm anvertrauen, behandelt!«
Der Wasserläufer lächelte still vor sich hin, drehte sich elegant
um und entfernte sich in langen, raschen Schritten vom Ufer. Max
folgte mit feuchten Blicken dem schattenhaften Wesen, dessen dünne
Beine lautlos über die Fläche glitten. Als längst nichts mehr von
ihm zu sehen war, blickte Max einsam um sich und rief in großer
Niedergeschlagenheit aus:
»Was nun!«
27. Bei den Hummeln.
Was sollte nun der arme Verbannte beginnen so ganz allein, bei dunkler
Nacht, verlassen auf unbekannter Erde? Er kannte die Richtung seines
Weges nicht, er wußte nicht einmal, ob er nach seiner Seefahrt auch
tatsächlich an jener Küste gelandet war, die er erreichen wollte, oder
ob er gar wieder dahin zurückgekommen war, von wo er sich eingeschifft
hatte.
»Könnte ich wenigstens einen Unterschlupf zum Übernachten finden«,
seufzte Max.
Lange suchte er die Umgebung ab. Endlich fand er auf einem Hügelchen
ein Loch und schlüpfte ganz leise hinein. Dabei tastete er sich
vorsichtig mit den Fühlern voran und hielt für alle Fälle seine Zangen
bereit.
Es war ein vielfach gewundener, breiter und tiefer Schacht. Als Max bei
einer bestimmten Wendung dieses unterirdischen Ganges angelangt war,
hörte er einen langgezogenen, tiefen Ton, der in ihm alte Erinnerungen
weckte und seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.
»Es ist kein Zweifel«, sprach er zu sich selbst, »da herinnen wohnt
ganz gewiß ein Musiker, der ein wahrer Künstler ist auf seiner
Baßgeige.«
Neben dem ersten Spieler ließ sich bald ein zweiter, ein dritter, dann
ein vierter und fünfter vernehmen, und durch die geräumigen Gewölbe der
finstern Höhle klang eine feierliche Harmonie von Tönen im tiefsten
Baß, so daß Max meinte:
»Das ist mehr als ein Künstler! Das ist offenbar die hohe Schule für
Baßmusik.«
Max war entzückt über die schönen Töne und rief gleich nach der ersten
Pause:
»Bravo! Bravo! ~Da capo!~«
Nach diesem Beifall trat eine große Stille ein.
Dann aber gaben sich die trefflichen Musiker gegenseitig einige Töne
an, als ob sie ihre Instrumente stimmen wollten, und endlich spielten
sie mit stets wachsender Stärke die Melodie zu dem Liedchen:
»Rumpidibum, Rumpidibum,
Wer geht um, wer geht um?
Ist's ein Feind, so bleib' er fern,
Doch den Freund empfang' ich gern!
Wer steht vorm Tor,
Rumpidibum,
Der tret' hervor!«
Max, der das Lied vorzüglich verstand, näherte sich und sagte mit
einschmeichelnder Stimme:
»Ich bin ein armes, kleines Insektlein, welches bei den Herrschaften
für diese Nacht um Aufnahme bittet.«
[Illustration]
Da wiederholte ein einzelner Geiger den letzten Satz:
»Brüderlein fein, tritt herein! Rumpidibum!«
Unser Verbannter trat mit ausgestreckten Fühlern ein. Die Bewohner
kamen ihm in derselben Haltung entgegen. Sie betrachteten ihn genau mit
ihren Fühlern, um ihn kennenzulernen, und offenbar fanden sie an dem
Fremdling nichts auszusetzen, denn dieselbe Stimme, die ihn eingeladen
hatte einzutreten, redete ihn an:
»Ruhe bei uns aus, wie es dir gefällt, und fürchte nichts. Das
gastliche Haus der Hummeln birgt keinen Verrat!«
Max dankte tief bewegt. Er kroch in ein Winkelchen und streckte mit
Wonne die armen, müden Glieder aus, die so viel geleistet hatten.
Während der Nacht konnte unser Held verschiedene Konzerte von Baßgeigen
hören. Er bemerkte auch, daß die Bewohner der Höhle stets mit schweren
Schritten hin und her gingen und dabei unablässig brummten.
Stellt euch vor, mit welcher Neugier er den Morgen erwartete, um diese
merkwürdigen Musikanten bei Licht zu besehen. Da erblickte er denn
eine Anzahl wohlbeleibter, kugelrunder Tiere vor sich. Sie waren dicht
behaart vom Kopfe bis zum Abschluß des Hinterleibes. Die Behaarung
glänzte tiefschwarz und wurde nur unterbrochen von einer gelben
Halskrause, einer gleichfarbigen Schärpe über den Rücken und ging am
abgerundeten Ende des Körpers über in ein zartes Weiß. Am Bruststück
trugen die Tiere zwei Paar Flügel, ähnlich denen der Wespen.
»Was für reizende kleine Bären!« lobte Max.
Sie hatten ja wirklich etwas Bärenartiges an sich, und doch waren es
Insekten von milden, höflichen Sitten, voll Eifer für ihre Kinder, voll
Zuneigung für ihre Familie, unermüdliche Arbeiter, die vom Morgen bis
Abend beschäftigt waren, aus Blumen den Honigsaft für ihre junge Brut
heimzuholen.
Baukünstler sind die Hummeln nicht, das sah Max sofort. Ein verlassenes
Mausloch, einen von Ameisen noch nicht in Anspruch genommenen
Maulwurfshaufen, einen schlangenförmigen Gang desselben Tieres oder
sonstige Hohlräume im Erdboden und Steingeröll wählen die in der Erde
nistenden Arten. Andere bauen ihr Nest zwischen Moos und Gras. Aber
wenn auch am Hummelneste die Kunst fehlt, so herrscht drinnen dafür
eine friedliche Eintracht. Im Hummelstaate arbeiten alle. Männer und
Frauen führen das gleiche einfache, ehrliche Leben.
Die guten Hummeln! Immer leben sie zusammen in Frieden, immer brummen
sie, und immer sind sie gegen alle Gutgesinnten lieb und artig, obschon
sie ein so bärenhaftes Äußeres haben. Ein jeder mag daraus ersehen,
daß man die Leute nicht nach dem Äußern abschätzen und beurteilen
darf. Auch bei den Menschen birgt sich recht oft unter rauher und
unansehnlicher Hülle ein edles, vornehmes Gemüt, wie auch im Gegensatz
die Schönheit oft durch ihren inneren Unwert schwer enttäuscht.
Max, der rasch Freundschaft mit seinen Wirten geschlossen, fand bald
Gelegenheit, alle ihre guten Eigenschaften kennenzulernen, von denen
die Mildtätigkeit gegen Arme nicht die letzte ist.
Gerade als er seine Dankbarkeit für die gewährte Aufnahme äußern
wollte, erschien am Eingang der Wohnung ein haariges, schwarzes,
geflügeltes Insekt, welches einer Hummel glich, aber dessen Sprache
doch die Zugehörigkeit zu einer andern Sippe verriet. Es bettelte
bescheiden:
»Gebt doch einer armen, erwerbslosen Maurerbiene eine kleine
Unterstützung!«
Dann erzählte das Tierchen seine Jammergeschichte.
»Ich bin eine Mörtel- oder Maurerbiene. Seit zwei Tagen arbeite ich
an meinem Nest, das ich an der äußeren Wand einer Menschenwohnung
anlegte. Da kam eine Schwesterbiene von jener berüchtigten Art, die man
ja leider kennt, und reizte mich durch ihre unverschämten Ansprüche
an meinen mühsam erworbenen Besitz. In einem wilden Kampf um meine
Rechte zog ich den kürzern, und die Freche bemächtigte sich meines fast
fertigen Nestes. Übel zugerichtet, mußte ich fliehen und finde jetzt
nicht einmal mehr die Kraft, ein wenig Honig zu sammeln; darum wende
ich mich an euch, ihr guten Hummeln, daß ihr mir ein wenig zu essen
gebt.«
Von ihrer Darstellung ergriffen, bereiteten ihr die braven Leute sofort
ein ausgiebiges Frühstück, an dem auch Max sehr gern teilnahm, denn
sein Magen brummte bereits, als ob er selber eine Hummelgeige geworden
wäre. Nach dem Essen flogen die Hummeln alle weg, um draußen Honig zu
sammeln. Die Maurerbiene hatte sich herzlich bedankt und wollte auch
fortgehen. Da trat Max, auf den ihre Geschichte tiefen Eindruck gemacht
hatte, zu ihr hin und sprach:
»Höre, dir ist ein Unrecht geschehen, das ich wieder gutmachen möchte.«
Max hatte von seiner Mutter oft gehört, daß es Pflicht eines jeden
Ehrenmannes sei, sich für den Schwachen zu verwenden, wenn er der rohen
Gewalt ausgesetzt ist, und daß es sich gehört, das gute Recht gegen
jeden Unterdrücker zu verteidigen.
»Wo ist dein geraubtes Nest?« fragte Max.
Die Biene schüttelte traurig den Kopf und sprach:
»Wenn ich selbst es nicht verteidigen konnte mit meinem spitzen
Stachel, so bleibt wenig Hoffnung, liebe Ameise, daß du mir helfen
könntest, es zurückzuerobern. Doch will ich es dir für alle Fälle
weisen. Mein Nest ist an der Vorderseite eines Hauses, das in gerader
Richtung vor uns liegt. Es ist ziemlich weit von hier; man erkennt
es an einer großen Rebe, die sich an seinen Mauern bis unters Dach
emporrankt.«
Damit flog die Maurerbiene mit einem Seufzer fort und hörte nicht mehr
auf Max, der vor Aufregung kaum fragen konnte:
»Ist es eine Muskatellerrebe?«
28. Zwei Insekten finden ihr Haus wieder.
Es mußte sicher die Muskatellerrebe sein. Das Haus, an dem die Biene
ihr Nest gemauert hatte, mußte seine Heimat sein.