»Bah!« sagte sie spöttisch, »wir sind an andere Strapazen gewöhnt und
haben es nicht nötig, daß das stärkste und intelligenteste Volk der
Hautflügler sich für uns bemühe.«
Max kämpfte bei diesen Worten gegen seinen schwer getroffenen Hochmut.
»Es wäre mir übrigens lieb«, fügte die Wespe hinzu, »wenn du auf
das Raupenwürmlein ein bißchen aufpaßtest, während ich im Haus erst
nachsehen muß, ob alles zu ihrem Empfang bereit ist.«
»O, hast du vielleicht Angst, daß es entwische?«
»Das nicht, aber du sollst achtgeben, daß sich niemand der Raupe
nähert. Kann ich mich auf dich verlassen?«
»Aber natürlich!«
Mit fröhlichem Gesumse schlüpfte die Wespe in ihre Höhle hinein, und
Max blieb als Wachtposten bei der Raupe stehen.
Kaum war die Wespe verschwunden, als sich eine kleine, graue Fliege auf
den Körper der Schmetterlingsraupe niederließ, wie angepappt darauf
sitzen blieb und eifrig mit einer Arbeit beschäftigt war, für die Max
keine Erklärung fand. Er schrie:
»Mach, daß du weiter fliegst! Dieser Wurm gehört nicht dir!« Die Fliege
flog darauf hohnlachend davon und zischelte boshaft:
»Wenn auch nicht mir, so gehört er doch meinen Kindern!«
Als die Wespe gleich darauf wieder erschien, sagte Max, die Raupe
forschend betrachtend:
»Es fehlt kein Härchen an ihr! Sage mir nur, liebe Wespe, ißt du sie
denn ganz allein auf?«
»Aufessen! Gott, wie kommst du auf diesen Gedanken?«
»Ja, warum hast du sie denn ermordet?«
»Ich habe sie doch gar nicht ermordet! Sie ist nur gelähmt.
Verstehst du nicht, wenn sie tot wäre, und ich müßte sie in mein
Haus nehmen, würde sie in kurzer Zeit in Fäulnis übergehen, was sehr
gesundheitsschädlich wäre.«
»Du behältst sie im Hause? Was machst du nur mit solchen Sachen?«
»Ach, sie ist doch für meine Kinder!«
»O«, rief Max bestürzt, »dasselbe hat ja vorhin die graue Fliege auch
gesagt!«
Die Wespe fuhr mit einem Sprung zurück und schrie voll Zorn:
»Die graue Fliege sagst du? Ach, das Gesindel! Eine graue Fliege hat
sich am Ende wohl gar auf meine Raupe gesetzt? Antworte sofort!«
»Aber ... ja ...«, stammelte Max, der nicht verstand, wie man sich
wegen einer solchen Kleinigkeit so aufregen konnte. -- »Einen einzigen
Augenblick nur ist sie auf der Raupe gesessen, ich jagte sie ja gleich
weg!«
»Ach, diese Diebin, das hat sie mir angetan!« so heulte jetzt die Wespe
und untersuchte dabei die Raupe. »Da haben wir's schon! Da sind ihre
Spuren! Und ich hatte mich so geplagt! Meine Arbeit war nun für das
Lumpengesindel! Miserables Schmarotzerpack! Ah, sie hoffte am Ende
noch, daß ich die Raupe im eigenen Hause beschütze! Haha, der schönen
Augen ihrer Kinder zuliebe! O, die Elende!«
Die Wespe war jetzt derart gereizt, daß Max sich nicht getraute,
noch etwas zu sagen. Er duckte sich in seinen Hanfküraß zusammen und
murmelte:
»Gott bewahre mich! Wenn sie jetzt mit mir Streit anfinge, dann wäre
ich verloren, auch wenn ich mich in einen Zwetschgenkern verkröche!«
22. Letztes Lebewohl.
Nach und nach beruhigte sich die Wespe ein wenig, aber sie hörte nicht
auf zu brummen:
»Alle Mühe umsonst! Alle Arbeit weggeworfen! Nun muß ich wieder von
vorn anfangen!«
»Verzeihe!« sagte Max, dessen Neugier über die Furcht Meister wurde,
»erkläre mir doch, was haben denn deine Kinder und die Kinder der
grauen Fliege zusammen mit der armen Raupe zu tun, die so friedlich
schlummert, als ob ihr nichts geschehen wäre?«
»Wie, was! Ich habe doch diese Raupe einzig meiner eigenen Kinder wegen
erobert!«
»Warum bringst du sie dann nicht endlich in dein Haus?«
»Weil die graue Fliege sie jetzt für ihre Kinder weggenommen hat.«
»Langsam, langsam, mir schwindelt im Kopf! Wie kann sie dir genommen
worden sein? Die Raupe liegt ja noch hier!«
»Du weißt doch gar nichts! ... Nun wohl, so höre, ob ich nicht recht
habe, gegen dieses elende Fliegenweib aufgebracht zu sein. Wir
Wespen erjagen gewisse Tiere, lähmen sie und tragen sie heim, einzig
deswegen, um in ihren Körper unsere Eier abzulegen; nach einiger Zeit
kommen aus den Eiern die Larven -- unsere Kinder, verstehst du? Diese
finden sogleich ihre Nahrung bereit, indem sie das Innere des Tieres
aufessen, in das ihre Mutter sie vorsorglich hineingelegt hat. Die
Speise reicht so lange, bis die Larven ein Knäulchen spinnen und sich
in Puppen verwandeln, aus denen sie dann als vollkommene Insekten
hervorgehen, um im Lichte der Sonne zu leben. Einige Wespen meiner Art
erjagen sich Spinnen, andere Grillen, ich ziehe Raupen vor, weil sie
mehr Fleisch besitzen. So weit wäre alles gut! Allein da gibt es auch
in der Insektenwelt herumziehende Stromer, wie diese graue Mücke, die
das Leben ihrer Kinder auf dieselbe Art sichern müssen; doch haben
diese Feiglinge weder die Kraft noch den Mut, Spinnen und Raupen zu
jagen, wie wir es machen. Was tun sie also? Diese Gauner schleichen
um unsere Häuser herum, spitzeln alles aus, und sobald sie sehen, daß
wir die Mitgift für unsere Kinder heimbringen, leise, leise -- hast du
nicht gesehen, siehst du nimmer -- legen diese Diebe geschwind ihre
Eier in unsere Beute! Begreifst du es jetzt? Hättest du mich nicht
benachrichtigt, so hätte ich jetzt mein gutes Ei in die Raupe gelegt,
in der Meinung, für das Fortkommen eines meiner Kinder gesorgt zu
haben. Und was wäre statt dessen erfolgt? Die Eier der grauen Fliege
hätten sich rascher entwickelt als meines, und ihre Larven hätten die
ganze Raupe aufgegessen, während meine an den leeren Tisch gekommen
wäre und elend hätte verhungern müssen. -- Nun, sage, ist das nicht
eine gemeine Schurkerei von diesen schmarotzenden Insekten, die ihren
Kindern mühelos die Früchte unserer Arbeit zukommen lassen? Siehst du,
jetzt kann ich die ganze Geschichte von vorn anfangen; ich muß eine
andere Raupe erjagen und sie hierher schleppen. Aber in Gottes Namen!
Was tut eine Mutter nicht für ihre Kinder! -- Arbeiten und nur den Mut
nicht verlieren!«
Bei diesen letzten Worten schien es, als ob aller Zorn bei ihr
verraucht wäre.
»Auf Wiedersehen«, sagte sie in entschiedenem Tone. »Jetzt gibt es kein
besseres Mittel, als die verlorene Zeit wieder einholen.«
Sofort breitete sie ihre Flügel aus und summte in ihrer fröhlichen
Weise davon.
Max rief ihr noch nach: »Auf Wiedersehen, liebe Sandwespe!«
Er fühlte wirklich etwas wie Freundschaft für dies Tierchen. Es war
wohl eine Mordwespe, und ihre Jagdgebräuche waren geradezu grausam.
Aber nicht die Bosheit machte sie mordsüchtig und blutgierig. Sie tat
alles nur für das Leben ihrer Kinder, wie auch die graue Fliege nur
ihren Kindern zuliebe eine Diebin wurde. Die eine, stark und kühn, nahm
andern Tieren das Leben, um es ihren Kindern zu geben; die andere,
unfähig zum Raube, stahl zu dem gleichen Zweck dem Räuber seine Beute.
Max begann zu verstehen, daß alle Sorge und Arbeit der Insekten ohne
Ausnahme auf ein hohes, edles Ziel hinstrebt. Mochten sie es erreichen,
wie sie wollten, auch durch List und Mord, suchten sie einzig
ihrer Nachkommenschaft das Leben zu sichern. Alles Streben dieser
Tierchen ging darauf hinaus, daß das Ei befruchtet wurde, daß der
ausgeschlüpften Larve ihre Nahrung zur Verfügung stand, daß die Jungen
noch beschützt seien gegen alle Feinde, bis sie in ihrer Vollendung als
fertige Tiere auftreten konnten. Dann fängt das wunderbare Spiel von
vorn an. Das neue Geschlecht sorgt mit gleicher Fürsicht und mühender
Liebe, wie sie ihm selbst zuteil geworden war, für seine Nachkommen.
Max erinnerte sich von neuem an die Herzlichkeit, mit der ihn die gute
Fuska einst aufgenommen und in das Leben eingeführt hatte, als er
aus seinem Knäulchen schlüpfte. Fuska, die liebevolle Pflegerin, die
seinetwegen hatte sterben müssen!
In so traurigen Gedanken vertieft, war er wieder auf den Grabenrand
hinaufgeklettert. Nun wandte er sich gegen sein einstiges trautes
Ameisenhaus, das für ihn Heimat, leider auch der Schauplatz großen
Unglücks gewesen war. Da sah Max zwei Untertanen seines einstigen
Reiches, die mühsam einen Kürbiskern schleppten, und sein Herz wurde
ihm weit.
»Freunde!« rief er sie tiefbewegt an, »kennt ihr mich nicht mehr?«
»Da schau!« sagten sie ohne jegliche Gemütsbewegung und hielten ein
wenig an, »was und wo arbeitest denn du jetzt?«
»Ach, ich führe das Leben eines Verbannten«, klagte er bitter. »Wie
geht es euch? Wohin tragt ihr den Kürbissamen?«
»O du liebe Zeit! In unser Dorf, wo unsere Herren wohnen.«
»Wie? Eure Herren? Und nennt es doch noch euer Dorf?«
»Warum denn nicht? Wir sind ihre Knechte, so wollte es das Schicksal.
Wir arbeiten und quälen uns für sie, aber wir dürfen dort wohnen
bleiben.«
Max war empört über den Stumpfsinn, mit welchem die Brüder ihre
schmähliche Knechtschaft ertrugen. Er mußte sie verachten und rief
ihnen nach:
»Schmutzige Sklavenseelen, pfui!«
Dann setzte er seinen Weg fort und dachte nicht im geringsten daran,
daß die einzige Ursache ihrer traurigen und unverschuldeten Sklaverei
sein ungezügelter, unvernünftiger und herzloser Ehrgeiz gewesen war.
Was half es, wenn er auch jetzt gerade von einem guten Gedanken erfüllt
war? Er schaute hin und her, als ob er etwas suche. Wenige Schritte
vom Ameisenhaus entfernt blieb er lauschend stehen, denn er hörte
ein Geräusch, wie wenn ein Hund Knochen zerbisse. Max wandte sich
dem Lärm zu und stieß einen Schrei des Entsetzens aus. Vor ihm lagen
die traurigen Überreste seiner verstümmelten Mitgefangenen, die,
unglücklicher als er, ihr Leben lassen mußten. Die Köpfe vom Rumpfe
abgerissen, lagen sie da, und inmitten dieses jammervollen Haufens
zerrissener Körper saßen drei Ameisen -- es ist entsetzlich zu sagen --
beim Mahl. Sie verschlangen mit lustigen Scherzen die Überreste ihrer
Schwestern und Brüder.
»Ihr Elenden«, schrie Max, »so fehlt es denn auch unter Ameisen nicht
an schändlichen Hyänen und Schakalen!?«
Wirklich gibt es einige Ameisenarten, die so tief gesunken sind,
Leichen zu verzehren. Beispiele solcher Schande sind ja zum Glück
äußerst selten, aber sie genügen, um den guten Namen des ganzen Volkes
zu schänden, den es sich durch seine vielen Vorzüge und Tugenden unter
allen Insekten erworben hat.
So tragen die Schlechten, abgesehen von dem Schaden, den sie durch
ihre Missetaten den Guten zufügen, sehr oft die schwere Schuld, den
unbefleckten Namen einer ganzen Familie, ja selbst des ganzen Landes zu
beschmutzen, das diese Schädlinge hervorbrachte. Deshalb tat Max gut
daran, auf die drei kannibalischen Schwelger so grimmig loszugehen,
daß sie keine Zeit hatten, sich von ihrer Überraschung zu erholen und
Widerstand zu leisten. Alle drei fielen unter seinen Streichen.
Nun erst beschaute er genauer die Überreste der tapfern Gefährten. Vor
dem schauerlichen Bilde krampfte sich sein Herz zusammen.
Weinend warf er sich inmitten dieser Ärmsten auf die Knie, und in
tiefem Schmerze rief er:
»Verzeihung! Verzeihung! Hätte ich doch auf die Mahnungen des
Professors gehört! Wäre ich bescheiden und fleißig geblieben wie ihr
Teuren! Wieviel Unglück habe ich über euch gebracht! Fuska, liebe
Mutter und Lehrerin, auch du bist tot! Wäre es bei den Ameisen üblich,
so würde ich dir das schönste Denkmal aufstellen, daß alle Welt es
bewundern müßte. Darauf ließe ich mit goldenen Buchstaben die Inschrift
setzen:
+Fuska+.
Seiner guten Ameisenmutter
der entthronte Kaiser
Butziwackel I.«
23. Kaiser Butziwackel findet eine Freundin, die aus einer Eichengalle
herausspaziert.
»Und nun was jetzt?«
Das war die Frage, die Max beschäftigte, als er seinen Weg wieder
aufnahm, und auf die er vorderhand keine Antwort wußte. Ganz allein,
verloren in der weiten Welt, ohne Familie, ohne Freunde! Dies war
die traurige Lage des armen Insektleins, das vor wenigen Stunden zum
ersten Kaiser der Ameisen erwählt worden war. »Was verschlägt's«, so
dachte Max, »auch Napoleon der Erste mußte es erleben, nach St. Helena
verbannt zu werden!«
Doch dieser geschichtliche Vergleich war ein magerer Trost für ihn.
Während er den Graben, in dem die Sandwespe ihr Nest hatte, von neuem
durchquerte, betrachtete er schwermütig das Haus seiner Freundin, das
schon verschlossen war, und er flüsterte:
»Ach, ein jeder hat sein Haus! Ich allein finde kein Loch, wo ich die
Nacht zubringen könnte!«
Bei diesem Gedankengang kam ihm eine Erinnerung, die ihn mit Trost und
frohen Hoffnungen erfüllte.
»Hab' ich denn nicht doch ein Haus? Und in diesem Haus wohnt ja meine
Mutter und Onkel Walter. O wenn ich das finden könnte!«
Der Gedanke war gut; jawohl! Aber kaum hatte Max mit ihm zu spielen
begonnen, erhob sich auch schon schroff und steil die größte
Schwierigkeit, so daß er bitter ausrief:
»Der reinste Wahnsinn! Wie könnte ich armes, kleines Ameislein, für
das jeder Grashalm ein Baum, jeder Busch ein Wald, jeder Kiesel ein
Felsen, jede Scholle ein Berg ist, wie könnte ich einen Ort finden, den
ich nicht sehen kann, von dem ich nicht weiß, in welcher Richtung er
liegt!?« -- -- --
So schlich er entmutigt seines Weges, wohin ihn eben seine müden Beine
trugen, und kam dabei am Fuße einer großen Eiche an. »Wenn ich auf
ihren Gipfel stiege«, dachte er, »wer weiß, ob ich von dort oben nicht
mein Haus entdecken könnte?!«
Mutig kletterte er am Stamme empor. Nur der Gedanke an die Heimat
machte ihn zu dieser Anstrengung fähig. Kurz zuvor hatte er sich sehr
matt gefühlt. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß er seit geraumer Zeit
nichts gegessen hatte.
In einiger Höhe hielt er an und schaute ringsumher: Nichts! Er stieg
weiter bis ins oberste Gezweige. Ringsumher schaute er nur eine wirre
Welt. Jetzt begriff er, daß es mit den Augen einer Ameise unmöglich
sei, deutlich in die Ferne zu sehen.
Aus der traurigen Stimmung, in die ihn diese Erfahrung versetzte, wurde
er durch ein eigenartige Geräusch aufgestört. Es kam ganz aus der Nähe,
es mußte auf demselben Blatt sein, auf dem er stand. Er schaute sich
um und erkannte, daß er sich neben einer Eichengalle befand, einer von
jenen rötlichen Kugeln, die man häufig auf Eichenblättern sieht, und
mit denen er früher oft gespielt hatte.
[Illustration]
Max krabbelte auf diese Galle hinauf und war nicht wenig erstaunt, als
er merkte, daß das Geräusch aus dem Innern der Kugel drang. Als ob ein
feiner Bohrer durch hartes Holz seinen Weg suchte, so knirschte und
raschelte es da drinnen. Max lief rings um die Kugel und untersuchte
sie aufs genaueste. Da er auf der Oberfläche nicht die geringste
Öffnung fand, fragte er sich, welches Geheimnis wohl im Innern
eingeschlossen sein könnte. Plötzlich hörte er hinter sich ein feines
Stimmchen, das piepste etwas müde:
»Endlich bin ich so weit!«
Max drehte sich flugs um. Ein winziges Köpfchen guckte aus einem
Löchlein der Galle heraus, drehte sich hin und her und betrachtete
alles ringsum mit lebhafter Neugier.
»Ei, wie schön ist die Welt!« sagte das Stimmchen, bebend vor Vergnügen.
»Sei mir gegrüßt!« rief Max, »und komme doch ganz hervor!«
Aus dem Löchlein schoben sich zwei kleine Beinchen, die sich am Rande
anklammerten, dann folgte sogleich das ganze Tierlein. Es war kaum ein
paar Millimeter lang, schwarz, mit fadenförmigen, nicht geknickten
Fühlern und mit zwei allerfeinsten, durchsichtigen Flügelchen
ausgestattet.
»Oho«, rief Max, »eine kleine Fliege!«
»Entschuldige«, erwiderte das kleine Geschöpfchen, »ich bin keine
Fliege, ich bin eine Gallwespe; die Gelehrten nennen mich ~Cynips
gemmae~.«
»Eine Gallwespe?«
»Ganz richtig, ich gehöre zur Ordnung der Immen oder Hautflügler.«
»Dann bist du eine weitläufige Verwandte von mir. Als mein Bäschen
wirst du mir wohl erklären, wie du es fertig brachtest, in diese Kugel
einzudringen?«
»Eindringen? Ich bin nicht eingedrungen, du willst wohl sagen:
herauszuschlüpfen.«
Max betrachtete sie verwundert. »Das ist mir neu! Kann einer aus einer
Kugel herausschlüpfen, ohne erst hineingekommen zu sein?«
»So höre! Bei uns Gallwespen ist folgender Brauch: Unsere Mutter --
ich kann dir das sagen, weil ich es selber durch meine natürliche
Veranlagung weiß -- legt das Ei auf ein Eichenblatt, indem sie es mit
dem Legestachel ansticht. Aus diesem Legestachel tritt zugleich das Ei
heraus. Der Stich verursacht auf dem Blatt eine Wunde, und die Wunde
läßt das Blatt anschwellen, so daß sich eine kleine Kugel bildet. Diese
wächst durch den Saft der Pflanze. Inzwischen entwickelt sich aus dem
darinliegenden Ei die Larve. Diese findet in der Kugel ihre Nahrung
und ihr Häuschen. Hier bleiben wir ein Jährchen ungestört und essen,
verwandeln uns zur Puppe und werden danach ein vollkommenes Insekt.
Jetzt müssen wir von innen heraus die Kugel durchbohren, langsam,
langsam, bis sich eine Straße bildet, auf der wir endlich herauskommen,
wie ich es gemacht habe. -- Aber du kannst mir's glauben, da heißt es
kräftig drauflosnagen!«
»Ist es wohl so hart, dein Kugelhäuschen?«
»Geh mal herein und überzeuge dich selbst davon!«
Er schlüpfte zum Türchen hinein, das die Gallwespe gebohrt hatte, und
nun konnte er sich einen genauen Begriff von der Arbeit machen, die
seine neue Freundin fertig gebracht hatte. Im Innern der holzartigen
Galle war eine Art Kammer, die aus einem noch viel festeren Stoffe als
die äußere Kugel bestand. Die Wand dieser Kammer war so hart wie ein
Kirschkern.
»Und du«, rief Max erstaunt, »du hast so harte Mauern durchbrechen
können? Da gratuliere ich!«
»Ich danke dir. Wenn du wüßtest, wie froh ich jetzt bin! Verstehst du
das? Da drinnen eingesperrt sein ist kein Vergnügen; doch man weiß,
eines Tages wird man herauskommen, die Flügel ausspannen und in freier
Luft leben.«
»Ah!« atmete sie tief auf, »nun ist die große Stunde, die ersehnte
Belohnung für die lange Gefangenschaft gekommen!«
»Du Glückliche!« seufzte Max traurig. »Wenn ich doch auch Flügel hätte!«
Sein Wunsch brachte ihn auf einen Gedanken, der wie ein Hoffnungsstrahl
in sein düsteres Dasein leuchtete. Dringlich wandte er sich zur jungen
Gallwespe und sprach:
»Höre, liebe Freundin, ich hätte eine große Bitte ... wirst du so
freundlich sein ... Du bist zwar kaum geboren ... nun wohl: mit einer
guten Handlung kannst du dein Leben beginnen. Ich verspreche dir, daß
ich es dir nie vergessen werde! Willst du?«
»Du plauderst zuviel; bitte, laß mich hören, um was es sich handelt?«
»Richtig! Es handelt sich darum, daß ich ein menschliches Wohnhaus mit
einem Weinstock an der Wand finden möchte. Auf einem Rundflug könntest
du es vielleicht erspähen.«
»Aber Lieber, wie soll ich denn ein Menschenhaus erkennen? Ich bin doch
eben erst auf die Welt gekommen!«
Diese Bemerkung war richtig, und Max kostete es Anstrengung genug, um
dem jungen Insekt zu beschreiben, wie sein Haus aussähe. Endlich schien
die Gallwespe begriffen zu haben, und er brauchte ihr nur noch zu sagen:
»Du kannst mit deinen Flügeln nach allen Richtungen herumstreifen; dann
kehrst du zu mir zurück, mir zu sagen, ob es dir gelungen ist, mein
Haus zu entdecken, das ich so gern sehen möchte. Willst du mir diesen
großen Gefallen erweisen?«
»Ich will es versuchen! Es gelüstet mich sowieso, meine Flügel zu
erproben« -- -- -- und eins -- zwei -- drei -- -- -- erhob sich das
junge Gallwespchen vom Sitze und flog in die schöne Welt hinein.
Kaiser Butziwackel aber rief ihm noch zu:
»Wenn du es fertigbringst, schwöre ich dir ewige Freundschaft!«
24. Auf dem Weg zur Mutter.
Wie lange wartete Max auf seinem Blatt! Er wäre in Verlegenheit
gekommen, es uns genau zu sagen; denn er hatte keine Uhr bei sich. Aber
es kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Endlich konnte er der zurückkehrenden
Gallwespe zurufen:
»Na, und?!«
»Nun«, erwiderte diese und setzte sich zu ihm auf das Blatt, »ich
glaube etwas entdeckt zu haben, das deiner Beschreibung ähnlich ist.«
»O, wirklich? Ist's weit von hier? Ist es dorthin oder hierhin? Wo
ist's?«
»Bei meiner Galle! Gönne mir nur eine Minute zum Ausschnaufen! -- Höre,
das Haus, das ich sah, liegt in derselben Richtung wie das Blatt, auf
dem wir sitzen.«
»So, so, also dorthinaus!« deutete Max mit seinem rechten
Vorderbeinchen.
Max merkte sich genau die Richtung, besann sich und rief:
»Jetzt gehe ich ... Liebe Gallwespe, wie bin ich dir dankbar! ... Aber
wir werden uns wiedersehen, gelt!«
Er umarmte sie, empfahl sich höflich und stieg langsam den Weg, den er
auf die Eiche hinaufgeklettert war, wieder hinab.
»Langsam?« werden sofort alle kleinen Leser fragen. »Wie, er sehnte
sich so sehr heimzukommen, und er ging langsam?«
Gerade deshalb. Er ging langsam, weil er Eile hatte.
Ihr wißt es selbst, es gibt Kinder, die voll guten Willens sind. Sagt
man ihnen: »Geh mir rasch da- oder dorthin«, so laufen sie auch schon
und rufen: »Ich bin gleich dort.«
Dann aber müssen sie auf halbem Wege wieder umkehren; denn im Eifer
haben sie ganz vergessen, zu fragen, wohin sie eigentlich gehen
sollten. Zu große Eile macht oft, daß man erst recht zu spät kommt. Max
hatte als Kind immer alles mit kopfloser Eilfertigkeit angefangen. Als
Ameise aber lernte er: Erst überlegen, dann handeln! Anstatt also von
der Eiche herunterzustürmen, ging er seine Straße Schritt für Schritt,
schaute sich öfter um, beobachtete jeden Zoll des Weges und berechnete
die zurückgelegte Strecke. Auch überschätzte er die vor ihm liegende
mit einer Genauigkeit und Vorsicht, wie sie vielleicht nur diese
kleinen Geschöpfe kennen. Der Erfolg seines Rechnens und Überlegens
blieb nicht aus. Als er den Erdboden betrat, stand er mit dem Gesichte
genau in der Richtung, die das Blatt oben auf dem Baume hatte. Er
konnte daher seinen Weg sofort geradeaus in der Richtung verfolgen, die
ihm die Gallwespe angegeben hatte.
Dankbar fühlte unser Kleiner, daß er den wunderbar ausgebildeten
Richtungssinn der Insekten besaß. Mit ihm war er imstande, auf
die unbedeutendsten Zeichen zu achten und sich nach solch feinen
Wahrnehmungen zurechtzufinden, die für Menschen unfaßbar sind.
Gleichwohl bedauerte Max, daß er so viel Zeit zum Abstieg von der Eiche
hatte aufwenden müssen.
»Schade«, sagte er, »daß die Insekten keine Wegweiser auf ihren Straßen
haben!«
Beim Weitergehen kam ihm wieder der Gedanke, ob er nicht doch noch
dazu berufen sei, dem Insektenreiche höhere Bildung und Fortschritt zu
bringen. Allein er ließ bald von seinen Träumen ab und verfolgte mit
Eifer das eigentliche Ziel seiner Reise und sprach:
»Mit oder ohne Wegweiser! Ich will jetzt heim zur Mutter.«
Indessen näherte sich die Sonne dem Untergange. Ringsum bemerkte Max
allgemein eine geschäftige Bewegung von vielerlei Insekten, die alle
nach Hause eilten, ehe es dunkel wurde.
»Auch ich«, dachte der einsame Wanderer, »gehe jetzt nach Hause.« Diese
Erinnerung an die Heimat belebte aufs neue seine müden Beinchen, und
seine Reise schien ihm nicht mehr so unsicher und gefährlich. Auch den
Hunger spürte er nicht mehr so quälend.
Plötzlich wurde er aus seinen frohen Gedanken durch ein nahes Getöse
aufgeschreckt. Den erstickten Jammerlauten und den gewalttätigen
Drohungen nach zu urteilen, gab es da einen entsetzlichen Kampf auf
Leben und Tod.
Eine Wespe, von der Art der Sandwespe -- Max hatte nun schon eine ganz
nette Insektenkenntnis --, drückte mit aller Kraft eine Grille auf den
Boden nieder. Diese wehrte sich und zirpte um Hilfe. Schon wollte die
Wespe der besiegten Grille ihren fürchterlichen Stachel durch den Leib
bohren, als sie plötzlich davon abstand.
»Halt ein!«
Das war Max, der sie anschrie. Er kam zur guten Stunde für die Grille.
Die Angreiferin war überrascht, ließ ein wenig locker, und es gelang
der zu Tode Geängstigten, ihrem Feinde zu entschlüpfen. Mit einem Hupf
war sie in ihrem Loche. Dafür fiel die Wespe wütend vor Zorn über Max
her. Aber es ging ihr wie einstens der Sandwespe. Der tötende Stachel
glitt auf dem Hanfpanzer ab, und Max sagte lachend:
»Verehrteste Frau Mörderin, diesmal sind Sie schön ausgerutscht!«
»Was mischest du dich in meine Angelegenheiten, du hergelaufener
Fremdling! Drei Grillen habe ich bereits zu Hause eingebracht, und eine
fehlt mir noch; endlich hatte ich sie glücklich, und du bist schuld,
daß sie mir entwischte.«
»Genügen die dreie dir nicht?«