Weshalb denn? Nun deshalb, weil Max sich nach dem Nest der Maurerbiene

erkundigt hatte, um ein gutes Werk zu tun. Gute Taten aber lohnen

sich immer. Und noch ein anderer Grund: Max hatte an seine Mutter

gedacht, sich ihrer Mahnungen erinnert und war jetzt voll Eifer, sie zu

befolgen. Wenn ein Kind sich so gut benimmt, kommt immer etwas Rechtes

dabei heraus.

»Ich scheide nun«, sagte Max zu den Hummeln, »mit einem Herzen voll

Dankbarkeit gegen euch. Ihr seid liebe Geschöpfe, und eure Güte ist so

groß, daß ihr selbst nicht wißt, wie vielen Unglücklichen ihr mit euren

Wohltaten Trost spendet. Denn seht, die Barmherzigkeit, die ihr an der

armen Maurerbiene übtet, bringt mir das unnennbare Glück, meine Heimat

wiederzufinden. Darum muß ich euch doppelt dankbar sein!«

Max hatte recht. Das ist die wunderbare Kraft der Nächstenliebe, daß

ihre Wirkungen weiter gehen, als jene ahnen, die Gutes tun. Darum

erntet auch ein Mensch, der seine Mitmenschen wirklich liebt und dem

Bedürftigen Wohltaten spendet, so vielen Dank, und der Segen der Armen

und Notleidenden strömt ihm zu und beglückt ihn wie den Wanderer der

Duft der Blüten, ohne daß er selbst wüßte, wie er so viel innere Freude

verdient hätte. Voll Mut und Vertrauen folgte also Max dem Weg, den ihm

die Biene angewiesen hatte. Er ging, ohne sich zu verweilen, rüstig

vorwärts. Die Straße war gut, und kein Hindernis stellte sich ihm

diesmal in den Weg. Als er fast den ganzen Tag marschiert war, befand

er sich endlich vor seinem Hause.

Es war wirklich sein Haus. Wer könnte beschreiben, liebe Kinder, mit

welchen Gefühlen Max die zwei Stufen emporkletterte, die er an jenem

denkwürdigen Julimittag, mit der lateinischen Grammatik in der Hand, in

Gesellschaft der Geschwister herabgestiegen war!

»Was ist aus Moritz und Therese geworden?«

Das war eine brennende Frage, auf die er keine Antwort wußte.

Erfährt er etwas darüber, wenn er ins Haus eintritt? Aber so groß auch

sein Verlangen war, erst wollte er der Biene, die ihm unverhofft so

unendlich nützlich gewesen war, sein Versprechen einlösen.

Es war ihm wie ein Gelübde, das er zu erfüllen hatte. Er krabbelte

an der geschlossenen Haustüre hinauf, lief kreuz und quer an

der Vorderwand des Hauses herum, um das Nest zu finden, das er

wiedererobern wollte. Ganz oben, unter dem Dache, sah er ein solches,

das sicher von einer geschickten und starken Maurerbiene gebaut worden

war. Es bestand aus Tonerde und sah sich von außen an wie ein schwach

gebogenes Rohr, das aus der Mauer herauswächst. Eben schlüpfte eilig

ein geflügeltes Insekt hinein, das eine arme Raupe mit den Vorderbeinen

an seine Räuberbrust drückte und mithineinschleppte. So rasch er

konnte, rannte Max zum Eingang der Röhre und rief hinein:

»Ist jemand zu Hause?«

Sofort ließ sich im Innern ein zorniges Kreischen und Schelten hören.

Gleich darauf erschien die rechtmäßige Besitzerin an der Schwelle des

wohlgebauten Häuschens.

Wäre unser Held nicht rasch beiseitegetreten, das Insekt, blind vor

Zorn, hätte ihn über den Haufen gerannt. Das Nest, an das Max geraten

war, gehörte einer Mauer-Lehmwespe. Diese ist ein kräftiges Insekt,

dabei aber mißtrauisch und zornwütig im höchsten Grade. Nur wenig

entfernt von dieser Stelle erblickte Max ein anderes Gebäude, das von

außen genau aussah wie eine Handvoll Schlamm, der an die Mauer gepappt

war. Als er es aber näher betrachtete und sich dabei der Beschreibung

erinnerte, die die Biene ihm von ihrem Haus gemacht hatte, erkannte er,

daß er jetzt gefunden hatte, was er suchte. Er entdeckte den Eingang,

näherte sich ihm und hörte jemand drinnen summen. Mit Geduld bewaffnet

und seine scharfen Zangen in Bereitschaft, stellte er sich hier auf und

wartete. Die Sonne war schon untergegangen, und Max stand seinem Worte

getreu noch da, um den Dieb, sobald er herauskäme, zu fassen. Endlich

kam das Gesumme näher, die Biene zeigte sich an der Türe des geraubten

Hauses. Mit sicherem Sprung saß er ihr auch schon auf dem Rücken,

ergriff sie mit den Kieferzangen beim Kopf, umschlang mit vier Beinen

ihre Flügel und den Leib, und wie er sie so kräftig unter sich gebracht

hatte, daß sie sich nicht mehr rühren konnte, sagte er spöttisch:

»Sie entschuldigen wohl gütigst, ich komme nur, um den Mietzins für das

Haus einzutreiben.«

Die Biene drohte mit ihrem Stachel. Aber Max biß ihn schnell mit seinen

Zangen ab und rief dazu:

»Tut mir leid, aber es muß sein. Sie haben keine Erlaubnis, Waffen zu

tragen!«

Auf diese Weise hatte er sie unschädlich gemacht; jetzt ließ er sie los

und sagte ihr verächtlich:

»Mach', daß du schleunigst fortkommst, und lasse dich hier nicht mehr

sehen. Sei froh, daß ich dir nur den Stachel nehme. Ohne ihn wirst du

deine frechen Räubereien in Zukunft wohl unterlassen.«

Die freche Landstreicherin verlangte nichts mehr und flog davon. Max

aber vernahm eine Stimme:

»Du liebe Ameise, laß dich umarmen!« Sie kam von der rechtmäßigen

Nestbesitzerin. Diese war von den Hummeln weggeflogen und hatte schon

wieder angefangen, sich in der Nähe ein neues Nest zu bauen. Aufmerksam

geworden durch die laute Zänkerei, war sie zufällig Zeugin des ganzen

Vorfalls zwischen Max und der bösen Biene gewesen.

»Siehst du, daß ich fähig war, mein Versprechen zu halten?« sagte Max.

»Jetzt kannst du wieder dein Haus beziehen ohne Furcht und Bangen, und

deine Feindin wird dir die Arbeit nie mehr vereiteln.«

Hierauf krabbelte unsere brave Ameise die Mauer hinab und ging der

Haustüre zu. --

»Und die Muskatellertrauben?« so werden die Leser mit wässerigem Mund

fragen.

Nun, die bleiben, wo sie waren.

Maxens Sinnen und Trachten war ganz darin aufgegangen, der armen

Maurerbiene zu ihrem Rechte zu verhelfen. Als er das getan hatte,

fühlte er nur den einen Drang, in sein Haus hineinzukommen. Darum fiel

es ihm heute auch gar nicht ein, die Muskatellertrauben zu versuchen,

an denen er früher als Kind tagtäglich genascht hatte.

29. Wie schwer es ist, in das eigene Haus zu kommen, wenn man keinen

Hausschlüssel hat.

»Endlich!« stöhnte der entthronte Kaiser Butziwackel I. bewegt,

»endlich kann ich sagen: Zu Hause!«

Aber wie ihr wohl schon längst bemerkt habt, hatte unser Freund den

Fehler, die Dinge immer zu leicht zu nehmen. Auch diesmal mußte er

leider bald erfahren, daß es nicht so einfach ist, in ein geschlossenes

Haus einzudringen, auch wenn man ein winzig kleines Tierchen geworden

ist.

Es sei zunächst gesagt, daß der Schreiner die Haustüre so genau

eingepaßt hatte, daß weder an den Pfosten noch auf der Schwelle ein

Spältlein zu finden war. Und Max suchte doch mit unendlichem Fleiß.

Er versuchte, durch das Schlüsselloch zu kommen, aber auch hier ging es

nicht, denn innen am Schlüsselloch war ein Messingschildchen, und er

mußte wohl oder übel wieder umkehren, nachdem er vergebens im Schloß

herumgekrabbelt war.

Da kam ihm der Gedanke, wieder an den Mauern hinaufzuklettern, um zu

sehen, ob er vielleicht durch ein Fenster hineinkäme; doch gab er den

Plan gleich wieder auf.

»Auch die Fenster werden fest verschlossen sein«, dachte er, »denn in

dieser Stunde schläft alles in meinem Hause.«

Ganz trostlos lief unser Butziwackel vor der Türe hin und her. Er, der

einst so viel von künftiger Größe geträumt hatte, wünschte jetzt zum

ersten Male, noch viel kleiner zu sein, als er schon war. Da gewahrte

er beim Mondlicht ein ganz kleines Löchlein in der Haustüre, wie es ein

Holzwurm ins Holz zu bohren pflegt.

»Ha, am Ende kann ich auf diesem Wege in mein Haus gelangen«, sagte er

für sich und machte gleich den Versuch.

Weil das Löchlein schrecklich eng war, nagte er am Rande mit seinen

Kieferzangen so lange, bis er durchschlüpfen konnte. Je weiter er

vorwärts kam, desto breiter und bequemer wurde der Weg. Es war ein

vielgewundener, dunkler Gang, der manchmal anstieg, manchmal abfiel und

voll Sägemehl lag, das jedenfalls von dem unbekannten Bewohner dieses

Ortes hier angehäuft worden war.

»Wer weiß«, dachte Max, »was für ein Kauz das sein mag, der sich damit

vergnügt, meine Haustüre durchzunagen!«

So schritt er, immer vorsichtig mit den Fühlern tastend, voran, um

allenfalsigen Überraschungen zuvorzukommen. Nach einem guten Stück

Weges hielt er an. Vor ihm lag etwas Weiches, Zartes, das die Straße

versperrte.

Zugleich ließ sich im Finstern eine Stimme hören, die sprach:

»Oho! Wer kratzt mich denn dahinten?«

So unglaublich das bei Maxens Veranlagung erscheint, diesmal machte er

zunächst eine weise Überlegung.

»Dieser Herr«, so sagte er sich, »ist also hinten sehr zart; aber sein

Kopf muß erschrecklich hart sein, sonst könnte er nicht Haustüren

durchnagen. Darum wird es sich empfehlen, mit ihm zu verhandeln, ehe er

sich gegen mich umdrehen kann.«

Er faßte mit den vier Beinen, die er noch hatte, den weichen, zarten

Körper, zwickte ihn ein ganz klein wenig mit seinen Zangen und sagte

listig:

»Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich vielleicht störe.«

»Au, au, du bringst mich ja um!«

»Das könnte schon geschehen; aber glaube mir nur, gerne täte ich es

nicht.«

»Gestatte doch wenigstens, daß ich mich umdrehe!«

»Das ist gar nicht nötig, wir können auch so ein paar Worte zusammen

plaudern.«

»Aber wer bist du denn, was willst du?«

»Sehen Sie, verehrter Herr, ich bin eine bescheidene, kleine Ameise,

aber wie Sie bemerkt haben, bin ich wohl imstande, Sie mit einem

einzigen Biß in zwei gleiche Teile zu zerlegen.«

[Illustration]

»Um Gottes willen.«

»Nur nicht erschrecken! Was ich von Ihnen wissen will, ist fürs erste

dies: Wenn ich Ihnen nichts zuleide tue, darf ich dann hoffen, daß auch

Sie Ihre Waffen nicht gegen mich gebrauchen? Nebenbei gesagt, ich habe

hohe Achtung vor Ihrem Handwerkszeug und beglückwünsche Sie.«

»Ich verspreche, daß ich dir nichts Böses tue.«

»Auf Insektenehrenwort?«

»Ich beschwöre es dir bei der Ordnung der Hautflügler, zu denen ich

mich rechne.«

»Ah, da schau!« rief Max überrascht aus, »dann können wir im vollsten

Vertrauen miteinander reden, denn ich gehöre auch zu deiner Familie.«

Sowie sich der Unbekannte frei fühlte, wendete er sich um, und Max

fühlte statt des weichen Körpers einen Kopf vor sich, der in eine

hornharte Spitze ausging.

»Jetzt könnte ich dich zu Mehl zerreiben«, sagte der Besitzer dieses

Kopfes, »aber ich gab mein Ehrenwort. Auch stehe ich gerade vor einem

neuen, bedeutsamen Abschnitt meines Lebens und will das gegebene Wort

nicht brechen.«

»Das ist ein sehr guter Entschluß.«

»Aber erkläre mir, wie bist du in meine Wohnung eingedrungen?«

»Ich bin in dein Haus eingedrungen, um in das meine zu gelangen. Mit

einem Wort, ich muß durch diese Türe hindurchkommen.«

»Für jetzt ist das unmöglich. Der Gang ist hier zu Ende.«

»Ach, könntest du die Türe nicht gerade durchbohren? Du bist doch so

geschickt!«

»Das werde ich allerdings bald tun müssen. Immer näher rückt die

feierliche Stunde. Gebe Gott, daß alles gut geht!«

Die rätselhaften Worte eines Unbekannten an solch finsterem Ort

erweckten in Max eine Riesenneugierde; er konnte nicht länger schweigen

und fragte:

»Sage mir doch endlich, mit wem ich es eigentlich zu tun habe, und

erkläre die Rätsel, die du mir fortwährend aufgibst, seit ich mit dir

rede.«

Der Unbekannte schwieg einen Augenblick, dann begann er feierlich:

»Ich bin der ~Sirex juvencus~, die Kiefernholzwespe. Durch den

Instinkt, den wir Insekten alle haben, fühle ich, daß die Stunde

meiner Verwandlung gekommen ist. Ich weiß, daß ich in kurzer Zeit ein

großes, schönes Insekt sein werde, das in der Luft fliegen kann. Seit

mehr als einem Jahr lebe ich hier innen. Meine Mutter legte das Ei in

dieses Tannenholz, und ich arme Larve habe, kaum dem Ei entschlüpft,

bohren und graben müssen, bohren und bohren immerzu. Je größer ich

wuchs, desto breiter mußte ich meinen Gang höhlen. Nach so viel Arbeit

bin ich endlich so weit, die Früchte meines Fleißes zu genießen. In

kurzem werde ich einschlafen, werde mich in eine Puppe verwandeln,

um aus ihr als vollkommenes Insekt hervorzugehen. Um aber ins Freie

zu kommen, muß ich mir erst einen Ausgang schaffen, weil ich nicht

zurückgehen kann; denn der Gang, den ich gegraben, als ich noch kleiner

war, ist jetzt, da ich groß geworden bin, viel zu eng für mich. Du

siehst, wie richtig ich sage, daß ich vor dem bedeutsamsten Augenblick

meines Lebens stehe.«

Max konnte seine Bewunderung für diesen geschickten Holzbohrer nicht

verbergen. Er wollte sich aber das Ansehen eines weitgereisten Insektes

geben, deshalb sagte er:

»Ich möchte dich doch darauf hinweisen, daß ich noch stärkeren Nagern

begegnet bin als dir. Ich habe sogar eine Freundin, die Gallwespe, die

versteht es, Kugeln auf Eichenblättern zu durchbohren, die härter sind

als ein Zwetschgenkern.«

Die Holzlarve lächelte überlegen, drehte sich um und begann von neuem

zu nagen. Das von dem starken Werkzeug des Insektes erfaßte Holz

stäubte wie ein Sägemehlregen umher, während sich der Gang rasch

verbreiterte und verlängerte.

Auf einmal unterbrach die Larve ihre Arbeit, und es war Max, als ob sie

murmelte: »Nein, das wäre doch niederträchtig!«

Dann bohrte sie wieder wütend weiter, aber plötzlich rief sie:

»O ich Unglückselige!«

Max drängte sich zu ihr.

Die arme Larve war an der Grenze der Holzschicht angekommen und

murmelte unverständliche Worte.

»Was ist geschehen?« fragte Max besorgt.

Die andere ließ den Kopf sinken und sprach mit schwacher Stimme:

»Das ist kein Holz, was mir den Ausgang verschließt.«

Max untersuchte die Wand. Das Ergebnis brachte ihn zur Verzweiflung.

Er stand mit seinem Holzbohrer vor dem inneren Eisenbeschlag der Türe.

30. Kaiser Butziwackel wird mit einem Floh verwechselt.

Das war eine traurige Lage.

Diese arme Larve hatte mehr als ein Jahr gearbeitet, um sich für die

Stunde ihrer Verwandlung einen Ausweg zu verschaffen; und jetzt, wo es

gerade am schönsten geworden wäre, war sie vor eine Metallwand geraten.

»Was tun?« fragte der ängstlich zuschauende Max mit Herzklopfen. Die

Wespenlarve aber schüttelte mit aller Seelenkraft ihren Ärger ab, nahm

sich fest zusammen und rief sich selber Mut zu:

»Nur nicht nachlassen, nicht verzagen! Ich muß durchkommen, ich fühle,

daß ich keine Zeit zu verlieren habe.«

»Wirst du umkehren? Einen neuen Weg suchen?«

»Umkehren? Was fällt dir ein! Ich nage das Metall durch«, so sprach sie

in stolzem Trotz.

Max schaute recht verblüfft darein. Sein Staunen wurde immer größer,

als er auch schon ein Geräusch hörte, wie wenn eine Feile rasch

und gleichmäßig über Metall raspelte. Wahrhaftiger Gott, die Larve

durchbohrte das Eisen! Wenn unser Freund gewußt hätte, daß berühmte

Naturforscher beobachteten, wie diese Insekten drei Zentimeter dicke

Bleiwände durchlöcherten, hätte er sich nicht so maßlos gewundert.

»Diese Holzwespe kann noch mehr wie meine Freundin, die Gallwespe«,

rief Max, »dieser Leistung gegenüber bedeuten die Holzkugeln nicht

viel. Lieber Freund«, scherzte er, »du könntest wirklich mit dem Kopf

die dicksten Mauern einrennen, ohne dir den Schädel zu zertrümmern.«

»Spaß beiseite«, erwiderte fast außer Atem die abgearbeitete Larve,

»für mich handelt es sich jetzt um Leben oder Tod. Hier sterben, im

Dunkeln, in dem Augenblick, der mich frei in den Lüften finden sollte,

das will mir nicht in den Sinn!«

»Willst du deine Verwandlung hier abwarten?«

»Ja, ich habe dazu Ruhe nötig; denn in kurzer Zeit bin ich Puppe, um

aus ihr schön und vollkommen zu erstehen. Aber der Durchgang ist offen,

willst du nicht ins Haus eintreten?« Sie wies mit artiger Bewegung an

das Löchlein, das ihr das Tor zum Leben bedeutete.

Max dankte mit innigen Worten:

»Wenn ich dir irgendwie einmal nützlich sein kann«, sagte er, »so soll

mir das eine Freude sein!«

»Danke, gönne mir jetzt Ruhe!«

Max kroch durch die Öffnung im Beschlag und lief an der inneren

Türseite hinab, bis er sich auf der Diele des Hauses befand. Sobald er

den Fußboden erreicht hatte, fing er vor Befriedigung zu tanzen an und

sang dazu:

»Ich bin daheim, ganz nahe bei lieb Mütterlein!«

Wie trieb ihn die Sehnsucht, sie wiederzusehen! Er rannte in der

Finsternis nach allen Enden herum, um die Türe zum Zimmer zu suchen.

Ein Hindernis im Wege hemmte seinen Lauf. Es lag da ein Apfelbutzen,

der durch irgendeine Unachtsamkeit am Boden liegengeblieben war. Mit

seinen Beinen hätte Max leicht darüber wegkommen können, aber wer

mit dem Vorbeilaufen nicht einverstanden war, das war der Magen. Der

brummte so heftig, als wollte er das Baßgeigenkonzert wiederholen,

das seit dem schönen Frühstück bei den guten Hummeln verstummt war.

So machte sich denn das hungrige Ameislein ohne viel Federlesens

ans Essen, wobei alte, schöne Erinnerungen erwachten. Mit innigem

Wohlbehagen sprach er kauend vor sich hin:

»Äpfel waren immer meine Leibspeise, aber erst jetzt weiß ich, daß

sogar der Butzen noch ganz vorzüglich schmeckt.«

Geraume Weile speiste er und ließ sich's wohl sein; hatte er doch seit

frühem Morgen nichts mehr gegessen, und nachdem er den Versuchungen

der Muskatellertraube so männlich widerstanden hatte, war ihm der

Genuß, besonders nach den Gemütsaufregungen im finstern Wespengang,

schon recht zu gönnen. Zu all dem brauchte er jetzt keine Angst mehr

auszustehen, die Richtung zu verlieren, deshalb entschloß er sich, sich

mit Seelenruhe die ganze Nacht dem süßen Apfelbutzen zu widmen. Bei

Tage wollte er dann die Zimmer besuchen.

Endlich brach ein schwacher Lichtschein durch den herzförmigen

Ausschnitt des geschlossenen Fensterladens, und beim Klappern eines

nahenden Trittes ließ Max geschwind die Reste seiner Mahlzeit im

Stiche. Franziska, das Zimmermädchen, kam, um wie an jedem Morgen die

Fenster zu öffnen. Da hörte Max ein eigenartiges Geräusch und gleich

dazu einen Schreckensschrei. Was war denn geschehen? Das konnte keiner

erraten. Durch ein Löchlein im Türbeschlag war ein großes Insekt

herausgeflogen. Sein Körper glänzte wie aus blauem Stahl, es hatte

rötliche Schenkel, gelbe Flügel und ungebrochene Fühler, die nach vorne

gerichtet waren und sich mit der Spitze ein wenig in die Höhe bogen.

Franziska hatte bei dieser überraschenden Erscheinung einen Schrei

ausgestoßen. Jetzt ergriff sie den Wischlappen, den sie an die Schürze

gesteckt hatte, und machte mit diesem eine unbarmherzige Jagd auf

den seltenen Eindringling, der in Todesangst einen Ausweg suchte.

Max erkannte sofort seine neu ausgeschlüpfte Holzwespe und hörte sie

verzweifelt rufen:

»O Ameise, hilf mir doch!«

Sofort wußte Max, was zu tun war. Er kletterte wie der Blitz über

Franziskas Schuh empor bis zum Strumpf, drang mit dem Kopf zwischen

zwei Maschen hindurch und zwickte, so kräftig er nur konnte, Franziska

gerade in dem Augenblick in die Haut, als sie mit dem Staubtuch das

arme Insekt erschlagen wollte. Sie stieß einen lauten Schrei aus und

ließ das Tuch fallen. Indessen flog das geängstigte Tier zum Fenster

hinaus und rief:

»Ameise, du hast mir das schöne Leben gerettet! Nie werde ich dich

vergessen!«

Max hatte sich rasch auf den Boden fallen lassen und lief eiligst

davon. Franziska aber juckte heftig an ihrem Bein und rief:

»Diese verwünschten Flöhe!«

31. Ohne Lateinprofessor wäre es auch diesmal besser gegangen!

Max war recht froh, der guten Holzwespe seine Dankesschuld abgestattet

zu haben. Er hatte dabei Geistesgegenwart gezeigt und war jetzt stolz

und zufrieden mit sich selber. Aber Menschenfüße flößten ihm wenig

Zutrauen ein, und da man im Hause nach und nach verschiedene Schritte

hörte, verkroch er sich vor Angst, zertreten zu werden. Lieber

kletterte er eine Wand hinauf, als noch länger einer solchen Gefahr

ausgesetzt zu sein.

»Nein«, dachte er, »wenn der Mensch, dieses Untier, wüßte, welche

wunderbaren Formen und Lebenskräfte in uns kleinen Wesen verborgen

sind, wäre er beim Gehen gewiß vorsichtiger, um uns nicht zu

zerdrücken.«

Im anstoßenden Zimmer ließen sich jetzt Stimmen vernehmen. Um besser

sehen zu können, stieg Max an der Wand empor auf den Kleiderrechen.

Hier nahm er auf dem Rand eines großen Filzhutes Platz und sagte leise

und fröhlich vor sich hin:

»Von hier aus beherrsche ich das ganze Zimmer. Gleich werden sie alle

zum Frühstück erscheinen, ich werde sie sehen und hören, was meine

Lieben sprechen!« Gleich darauf trat sein Onkel Walter ein. Wie bewegt

betrachtete ihn Max, aber seine Bewegung kehrte sich in Schrecken, als

er ihn sagen hörte:

»Franziska, den Hut abbürsten, ich will in die Stadt gehen!«

Max erschauderte. Der Hut wurde abgenommen; die Krempe erzitterte unter

seinen Füßen. Bei jedem Bürstenstrich erwartete er, mitsamt dem Staub

weiß Gott wohin geschleudert zu werden. Ach, vielleicht wäre es so

besser gewesen! Glücklicherweise aber nehmen es Zimmermädchen meistens

nicht besonders genau mit dem Ausbürsten der Kleider ihrer Herrschaft.

Franziska fand den Hut halb gebürstet sauber genug.

So war Max wieder einmal gerettet; allein er lebte jetzt von der Gnade

eines Hutes, und dieser wieder war abhängig von Onkel Walter. Ging

dieser spazieren, so mußte Max unbedingt mit ihm ausgehen.

»Einerlei«, dachte er ohne weitere Sorge. »Zwingt er mich jetzt zum

Spaziergang, so muß er mich auch wieder heimtragen.« Leichtfüßig und

leichtherzig spazierte er inzwischen den Hutrand entlang.

Leider aber machte Max die Rechnung ohne seinen Lateinprofessor. Dieser

Spielverderber mußte ihm jetzt sogar noch sein Ameisenleben verpfuschen!

Nicht weit entfernt vom Landhaus wurde Max durch einen Schwung vom

Hutrand unsanft im Bogen zur Erde geschleudert. Onkel Walter hatte vor

dem Lateinprofessor, der des Weges kam, in größter Hochachtung seinen

Hut tief gezogen. Er konnte ja nicht ahnen, daß er dabei seinem lieben

Neffen einen solchen Schabernack spielte.

Max erholte sich leichter von seinem Fall als von dem Schrecken über

sein Mißgeschick und rief zornbebend aus:

»Dieser greuliche Professor! Wenn ich meine Holzwespe treffe, sage ich

ihr, sie möge ihm ein Loch in seinen Kopf bohren.«

Unser Held war ganz außer sich, sonst hätte er so etwas Böses

keinesfalls gesagt. Man muß aber gerecht sein, diesmal hatte er

wirklich großes Unglück.

Nach harten Mühen, gefährlichen Abenteuern, nach so vielen

überstandenen Gefahren war er endlich in seinem Hause angelangt. Nun

sah er sich durch einen unglücklichen Zufall vom schwer erreichten

Ziel weiter als je entfernt. Er lag mit den Beinen in der Luft auf dem

Erdboden eines unbekannten Ortes; allem nach wird es ihm unmöglich

sein, sich zurechtzufinden. Da vernahm er eine Stimme in der Nähe:

»Noch nie in meinem Leben habe ich ein Insekt ohne Flügel so kühne

Purzelbäume schlagen sehen! Wäre einer von uns aus solcher Höhe

abgestürzt, mit den Beinen nach oben, der hätte nicht so leicht wieder

krabbeln können!«

Das waren sonderbare Geschöpfe, die mit solchen Bemerkungen das

Unglück unseres Freundes besprachen. Max konnte ein lautes Oho! der

Verwunderung nicht unterdrücken, als er ihrer ansichtig wurde. Es waren

Ameisen, ganz sicher, aber so merkwürdige, wie Max sich solche nicht

im Traume vorgestellt hätte. Ganz gelb, mit mächtigem Hinterleib und

schauderhaft dickem Bauch.

»Woher kommt ihr, dickbäuchige Schwestern?« rief Max sie an.

»Weither wie du«, sagte eine lachend. »Du kommst aus schwindelnder

Höhe, wir aus weiter Ferne.«

»Ei, woher denn?«

»Aus Mexiko.«

Max glaubte, die Ameisen wollten ihn zum besten haben, und schon wollte

er entsprechend erwidern, als eine sagte:

»Schwestern, macht weiter, es ist Zeit zur Heimkehr, die Sonne kommt!«

Die fremden Ameisen trotteten ihres Weges. Langsam schleppten sie sich

mit ihren dicken, gelben Bäuchen vorwärts, und unser Freund folgte

ihnen ohne Bedenken, er hätte gar nicht anders gekonnt; erstens wollte

er zu gern Näheres über sie erfahren, und dann wußte er im Augenblick

nichts Besseres anzufangen. Langsam erkletterte er mit den Gelben eine

Anhöhe, auf deren Gipfel sich ein kleiner, sandiger Erdhaufen erhob,

wahrscheinlich ihr Nest. Und richtig standen am Eingange des Sandhügels

drei Ameisen Wache, doch waren diese schlank und ohne jenen unförmigen

Bauch.

Die Wachen begrüßten die Ankommenden mit freundlichem Zuruf:

»Willkommen, Schwestern! Wie seid ihr schwerbeladen!«

Sogleich bemerkten sie auch Max, der heimlich hinter ihnen herschlich,

und riefen ihn scharf an:

»Wer ist der Fremde? Woher kommt er? Ausweis zeigen!«

Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute · 第 8 / 13 段