»Obwohl ich im Grunde nie große Lust zum Lernen hatte, bin ich doch

stets ein gescheites Kind gewesen. Da ich Ameise geworden bin, finde

ich es nur natürlich, daß ich es bei diesen kleinen Ameisen so bald

schon zum Kaiser brachte.«

Wenn aber einer ein ehrgeiziger Streber ist, so trifft ihn todsicher

die gerechte Strafe dafür. Der Ehrgeiz läßt sich nämlich niemals

befriedigen. Sobald der Streber ein Ziel erreicht hat, steckt er sich

gleich ein anderes, noch höheres. So kam auch unser Max nicht mehr

zur Ruhe. Der Traum einer neuen, größeren Stellung lockte ihn; hinter

dieser winkte eine noch größere Würde, und so immer weiter. Niemals

würde er sagen können: »Jetzt ist mir's wohl! Ich bin froh und habe ein

zufriedenes Gemüt.«

»Kaiser der Ameisen«, dachte Max eben bei sich, »das ist durchaus nicht

mehr als ein Titel, der mir gebührt. Ich muß noch viel mehr werden!

Die Ameisen sind nur ein Teil der großen Ordnung der Hautflügler. Wie

wäre es, wenn ich das Oberhaupt der ganzen Ordnung würde? Und dann,

nachdem ich schon ein Bündnis mit den Bombardieren geschlossen habe,

könnte ich ja meine Macht über die Ordnung der Käfer auch ausdehnen.

Und wer könnte in weiterer Folge etwas dagegen haben, wenn ich Kaiser

über sämtliche Insekten der Welt würde? Ist vielleicht der Mensch nicht

der Beherrscher der Tiere? Wenn schon also ein Menschenkind sich in ein

Insekt verwandelt, so muß es zum mindesten danach streben, Kaiser aller

Insekten zu werden!«

Vorderhand freilich mußte er sich begnügen, auf der immerhin sehr

erhabenen Sprosse in der Leiter seines Ruhmes zu stehen; der Ehrgeiz

aber riß seine Gedanken und ausschweifenden Wünsche zur schwindelnden

Höhe aller Ehren und Würden empor. Im Tone gnädiger Herablassung

sprach er zu seinen Leuten:

»Gut, gut! Ich will den Titel eures Kaisers annehmen; doch wird es der

Form halber gut sein, in mein Reich mit euch zurückzukehren, um dort in

aller Feierlichkeit von meinem erhabenen Amte Besitz zu nehmen.«

Ganz leise fügte er für sich hinzu: »Was für ein Gesicht wird wohl

der einfältige Professor mit seinem unnötigen Latein dazu machen? Der

wird sich hübsch ärgern!« Mit kühnem Blick überflog er noch einmal

das Schlachtfeld. Dort vergnügten sich die Bombardiere daran, die

Roten Ameisen, welche im Gasdampf erstickt waren, laut schmatzend

aufzufressen. Max aber verlor für solchen ekelhaften Anblick keine

Zeit; er stellte sich an die Spitze seines Heeres und führte es zum

Ameisenhaus zurück. Vor dem Eingang blieb er wie angewurzelt stehen.

Ein kalter Schrecken überfiel ihn.

»Was ist hier los!« rief er bestürzt.

Es mußte etwas Schlimmes geschehen sein. Schon das Äußere machte

einen unordentlichen Eindruck. Der ringsum aufgeführte Schutzdamm war

teilweise zerstört, der Gang ins Innere da und dort schwer beschädigt.

Max stürmte voll böser Ahnungen mit seinem Generalstab ins Innere.

Im großen Saal befand er sich zu seinem maßlosen Staunen von einer

Menge Ameisen umringt, die er im ersten Schrecken gar nicht erkannte.

Deutlich vernahm er sofort eine scharfe Stimme:

»Auf, ihr Leute! Sorgt, daß dies Heer nicht mehr hereinkommt!«

Diese Worte und verschiedene andere gefährliche Zeichen entschleierten

plötzlich dem armen Max die entsetzliche Lage, in welcher er sich mit

den Gefährten befand. Sein Reich, sein eigenes Reich war bereits von

den Roten Ameisen besetzt! Er konnte weder das Wie noch das Woher

verstehen, aber der Fall war so klar, daß kein Zweifel blieb. Während

er in seiner Aufregung vergeblich nach einer Erklärung suchte, spürte

er zwei fremde Fühler, die ihn zudringlich betasteten. Auf einmal

schrie's mit höhnender Stimme:

[Illustration]

»Aha, da haben wir ihn, den General mit dem Hanfküraß. Das ist der

Held, der die großen Feldschlachten liefert!«

Voll Zorn schrie Max: »Das geht mir denn doch zu weit. Was soll das

heißen?«

»Gleich erkläre ich es dir, hochberühmter Schlachtenlenker! Du dachtest

uns daranzukriegen, und inzwischen haben wir dir ein Schnippchen

geschlagen. Nach unserer gestrigen Niederlage hätten wir kaum mehr

einen Angriff gewagt. Aber du bist mit deinem Heere ausgerückt, um

die große Schlacht zu schlagen. Du wolltest uns angreifen. Wir waren

durch unsere Spione über deine Absichten wohlunterrichtet und haben dir

inzwischen hier im Hause einen schönen Empfang bereitet!«

Richtig. Max erinnerte sich, daß Adjutant Großzang ihm ein Fähnlein

Roter Ameisen gemeldet hatte, die in der Nähe umhergeschlichen waren.

»Nachdem wir«, fuhr der andere fort, »unsere Erkundigungen durch Spione

eingezogen hatten, schickten wir dir fünfzig Leute entgegen mit dem

Befehl, dich um jeden Preis aufzuhalten und irgendwie zu beschäftigen.

Das geschah. Während du die Fünfzig verfolgen ließest, sind wir mit

ganzer Heeresmacht hierher marschiert, haben dein Reich, das du ohne

Verteidigung zurückließest, überfallen, und jetzt ..., nun, du wirst ja

hören und sehen, was weiter geschieht.«

Der Sprecher befahl nun in völlig verändertem Tone:

»Bewacht diesen Gefangenen! Ich werde ihm zeigen, was wir Roten aus

seiner Kriegskunst gelernt haben!«

Max stand wehrlos der Übermacht gegenüber. Den Sinn der letzten Worte

verstand er bald nur zu gut. Aus den Bewegungen rings umher und

aus den Kommandorufen, die er hörte, konnte er schließen, daß die

Roten dasselbe Spiel wiederholten, das er selbst gegen sie gestern

angewendet hatte. Während eine Abteilung Roter den Eingang verteidigte,

marschierte eine andere durch den berühmten Regenwurmtunnel, um von

hinten her in Maxens Regiment einzufallen und es zu vernichten.

Einen Augenblick hoffte er, daß seine wackeren Soldaten dem Angriff

widerstehen würden, und er verharrte in atemloser, gespannter Angst um

die Seinen. Die Minuten schienen zur Ewigkeit zu werden. Da hörte er

die Stimme von vorhin von der Höhe des Haupteinganges herunterschreien:

»Sieg, Sieg!«

Nun blieb dem armen Max keine Hoffnung mehr. Sein gutes Heer war

geschlagen, alles war verloren. Geknickt beugte er sein Haupt, und so

leise, daß niemand es verstehen konnte, flüsterte er:

»Jetzt ist's vorbei mit Kaiser Butziwackel I.!«

19. Viele Köpfe rollen in den Sand, weil einer den seinen zu hoch

getragen.

Die Roten hielten jetzt Kriegsrat. Jene Ameise, die, wie es Max schien,

Generalsrang bei den Roten besaß, ließ sich neuerdings hören:

»Wir haben den Krieg gewonnen«, so sagte sie, »der Feind ist

niedergerungen, und wir haben von seinem Reich Besitz genommen. Es ist

unnötig, seine Eier, Larven und Puppen in unsern Bezirk zu bringen. Wir

sind hier die Herren und werden unsere Macht in diesem Reich ausüben

durch eine Besatzungstruppe, die hier bleibt. Im Kampfe hat jeder von

euch auf seinem Posten seine Pflicht getan. Darum gelten die Rechte

des Sieges für alle in gleicher Weise. Die Ameisen, die sich hier aus

Eiern, Larven und Puppen entwickeln und der Rasse des besiegten Volkes

angehören, sollen Sklaven unseres Reiches sein, zum Nutzen aller ohne

Ausnahme.«

Während die Roten den Worten ihres Generals lauten Beifall

zollten, konnte Max nicht umhin, sein eigenes Vorgehen mit dem des

Räuberhauptmanns zu vergleichen. Zum ersten Male bedrückte ihn

zentnerschwer die ungeheure Last seiner Verantwortung. Entgegen den

Ratschlägen seiner vielerfahrenen Kameraden, der eigenen Ehrsucht

zuliebe, hatte er den Feind herausgefordert. Vom blutigen Kriege

hatte er den Vorteil gezogen, Kaiser zu werden. Er war allein die

Ursache des Zusammenbruches, er allein hatte das namenlose Unglück

über dieses gute, bescheidene und fleißige Volk gebracht, welches

nichts anderes begehrte, als in Frieden zu arbeiten und zu leben.

Rauh wurde er aus seinen herzbeklemmenden Betrachtungen aufgeschreckt

durch des siegreichen Generals Stimme: »Kriegsgefangene vor das Haus!

Hinrichtungen werden im Freien vollzogen! Dies erspart uns die Mühe,

die Leichen der Verurteilten wegzubringen.«

Könnten einer Ameise die Haare zu Berge stehen und könnte schwarze Haut

erblassen, Max wäre kreideweiß geworden, und er hätte am ganzen Körper

eine Gänsehaut bekommen -- wäre er noch ein Kind gewesen.

Zwei Soldaten führten ihn hinaus, und hier konnte er den feindlichen

General beim Tageslicht betrachten.

Es war eine Ameise mit kräftigem Körperbau und wohlgeformten Gliedern.

Auf seinem Gesichte lag ein so wildverwegener Ausdruck, daß eine

ehrliche Ameise zu Tode erschrocken wäre, wäre sie ihm im Mondschein

begegnet.

»Wie schade«, sagte Max, dem beim Tageslicht der Mut wieder wuchs,

»hätten wir Schutzleute und Gendarmen, dies wäre der erste Galgenvogel,

den ich einsperren ließe!«

Der Rote General verstand ihn nicht. Er wandte sich an seine Schergen

und befahl:

»Beginnt die Hinrichtungen mit dem Ältesten.«

Max wandte sich um und sah den Professor, der in Sinnen vertieft

zwischen seinen Wächtern stand. Als dieser den Befehl des Roten

vernahm, erhob er seinen geistvollen Kopf mit Ernst und Würde und

sprach:

»Ehe ich sterbe, wende ich mich noch einmal an alle Ameisen der Welt,

von welchem Stamme sie auch sein mögen. Alle frage ich, wielange noch

soll die unvernünftige Feindschaft herrschen zwischen Völkern, die

die Natur zu Brüdern schuf? Gibt es nicht genug gemeinsame Feinde zu

bekämpfen unter Insekten der fremden Ordnungen und vor allem unter

den Vögeln? -- Durch den inneren Aufbau unserer Staaten ragt ihr über

alle andern Insekten hervor. Ihr seid ihnen an Geist überlegen, eure

Arbeitsfreudigkeit steht einzig da in der Welt. Vereinigt eure Staaten

zum großen Völkerbunde! Ihr Ameisen der ganzen Welt, vereinigt euch!

Dies ist der letzte Wunsch eines Sterbenden, der lange genug gelebt hat

und der euch nun für immer verläßt. Ich nenne euch alle zum Abschied

Brüder und Schwestern, und dieser Name soll euch bedeuten: Friede und

Verzeihung!«

Max war erschüttert von den aus tiefster Seele gesprochenen Worten

dieses ehrwürdigen Ameisengreises, dieses wahrhaften Volksfreundes.

Wer weiß, ob nicht auch unter den Roten etliche waren, die von der

tiefernsten Rede ergriffen und überzeugt wurden?

Aber, hatte vielleicht er sich überzeugen lassen damals, als man ihm

Vernunft und Einsicht predigte? Wenn uns jemand auf künftige Gefahren

und düstere Möglichkeiten aufmerksam macht, die ein eitles Streben nach

vermeintlich großen Dingen in sich schließen, spricht er zu tauben

Ohren, und blind rennt der Tor seinen nichtigen Wünschen nach. Kommt

dann das große Unglück als Folge seiner Handlungen, dann, ja leider

erst dann dämmert ihm die Wahrheit, und er gibt dem weisen Ratgeber

recht.

Glaubt ihr also, daß die Roten, die die Schlacht gewonnen hatten und

im Siegestaumel ihrer Erfolge waren, den Reden des Professors Gehör

schenkten?

Der General gab ein Zeichen, und der erste Kopf, der fiel, war dieses

unersetzbare Haupt, abgebissen von den Kieferzangen eines rohen

Henkers. In gleicher Weise erging es allen Kriegsgefangenen. Wie

entsetzlich, wie schauderhaft aber war für Max der Augenblick, als er

unter den Verurteilten seine liebe Pflegemutter erkannte.

»Fuska!« schrie er auf im wütenden Schmerze.

»Gib dich zufrieden meinetwegen«, sprach die Gute, »was wirklich wehe

tut, ist der Gedanke, daß unsere Kinder in Sklaverei geraten.«

Max konnte sich nicht mehr länger halten, er sprang vor und rief:

»Nein, nein, schont meine Fuska! Ich selbst, ich bin allein schuld an

allem, ich ganz allein! Ich schwöre euch, sie wollte keinen Krieg, ich

aber war böse und ungehorsam und wollte ihren Rat nicht hören ...«

Weiter kam er nicht. Einige Rote hielten den Erregten fest, und der

Kopf der braven Fuska fiel. Max, beinahe wahnsinnig vor Schmerz und

gequält von Gewissensbissen, schrie:

»Tötet mich, tötet mich!«

»Halt!« rief da jemand. Alle drehten sich, um zu sehen, wer da komme.

Eine Rote Ameise hinkte staubbedeckt heran auf fünf Beinen; das sechste

fehlte ihr.

20. Das Kriegsgericht.

Die fünfbeinige Ameise schüttelte sich stöhnend den Staub ab, stellte

sich inmitten der Versammlung und rief mit zornbebender Stimme:

»Es wäre gut«, so sage ich euch, »diesem General mit dem Hanfpanzer den

Prozeß zu machen, ehe man ihn tötet.«

Max hatte im ersten Augenblick Hoffnung geschöpft, seine Lage könnte

sich verbessern, jedoch seine Täuschung währte nicht lange.

»Wie ihr seht«, so fuhr die Ameise fort, »bin ich eine von denen, die

dem Feind entgegengeschickt wurden, um ihn von unserem Heer abzulenken.«

»Vortrefflich!« rief der Rote General, »was bringst du Neues? Wie kommt

es, daß du allein bist?«

»Ach«, sagte mit bitterer Miene die Ameise, »die sind alle gestorben

und verdorben und längst verdaut.«

»Verdaut? Was soll das heißen?«

»Fragt den Hanfgeneral! Er weiß es.«

Max hielt es für klug, zu schweigen.

»Stellt euch vor«, begann die Klägerin und diesmal mit verächtlichem

Ausdruck, »daß dieser Tropf sich mit einem Dutzend Bombardieren

verbündet hatte. Verräterisch standen sie an der großen Kürbishalle,

und kaum hatten wir uns dorthin gewendet, beschossen sie uns dermaßen

mit Gas, daß die ganze Kolonne sofort betäubt niederstürzte. Ich selbst

bin wie durch ein Wunder entkommen, zwar nicht heil, aber doch lebend.

Diese elenden Bombardiere stürzten sich sofort auf die Gefallenen, um

sie zu fressen. Sie waren bereits gesättigt, bis sie an mich kamen, und

rissen mir nur noch ein Bein aus.«

Ein Schrei der Entrüstung ging nach diesem Berichte durch den

versammelten Rat der Roten.

»Was!« rief der General zu Max gewendet. »Das hast du getan? Du, der

du zu einer Ameisenart gehörst, die uns Barbaren und Räuber schimpft!

Anstatt offen und ehrlich zu kämpfen, hast du zu der gemeinsten und

unwürdigsten List gegriffen! Hast dich nicht entblödet, mit den Käfern,

diesen Kannibalen, ein Bündnis zu schließen!«

Max wollte erwidern:

»Auch die Menschen schließen im Kriegsfall Bündnisse mit andern, die

nicht zu ihrer gleichen Rasse gehören.«

Allein er wußte ja bereits, daß das Beispiel menschlicher Sitten und

Gebräuche auf die Ameisen keinerlei Eindruck macht.

»Wir sind ein Räubervolk«, rief der Rote General, »aber zu solchen

Gemeinheiten verstehen wir uns niemals!«

Die hinkende Ameise nahm jetzt wieder das Wort:

»Das ist noch gar nichts!« rief sie. »Ihr müßt wissen, daß ich auf der

Flucht aus jenem Gemetzel diesem Schlingel mit seinem Heer begegnet

bin. Ich versteckte mich hinter einem Stein, und ich habe gehört, daß

er sich zum Oberhaupt aller Ameisen ausrufen ließ mit dem Namen: Kaiser

Butziwackel der Erste!«

»Ausgezeichnet! Butziwackel der Erste!« rief hohnlachend der General

der Roten.

»Du hast also versucht, unsere gesellschaftliche Ordnung aufzuheben, in

der alle gleich sind mit denselben Rechten und Pflichten?«

Die Ameisen, die Max im Kreise umstanden, waren bei dieser Mitteilung

vollständig fassungslos. Max begriff jetzt, daß es unmöglich sei, mit

menschlichen Gedanken und Vorstellungen unter Ameisen auszukommen und

zu leben.

Allein für ihn war sowieso keine Rettung mehr vom Tode!

Was lag ihm auch noch daran, nachdem er mit Grauen das Unglück

überschaute, das sein Ehrgeiz angerichtet hatte! Was bot ihm das

Leben, nachdem seine liebe Fuska enthauptet war und der beste, größte

Lehrer der Ameisen seine letzten Worte gesprochen hatte!

Er war bereit, zu sterben. Doch seine mutige Ergebung wurde durch den

Roten General schwer erschüttert, der also anhub:

»Hört es alle an! -- Dieser Wahnsinnige hat sich unbeschreiblicher

Verbrechen schuldig gemacht, darum sei auch seine Strafe eine

unerhörte. Ergreift ihn, zwickt ihm nach und nach alle Beine ab, dann

die Fühler; sein Kopf soll zuletzt fallen, damit er noch mit eigenen

Augen seiner Strafe zusehen kann!«

Max war bei der Vorstellung einer solchen Tortur nahe daran, ohnmächtig

zu werden.

Mühsam erhob er sich auf seine Hinterbeine und rief flehend:

»Jawohl, ich bin schuldig; ich erkenne alle meine Fehler. Tötet mich,

aber laßt mich nicht so grausam leiden!«

Helles Hohngelächter gellte von allen Seiten. Man warf ihn zur Erde.

Zwei Henker ergriffen seine Hinterbeine; sie zogen aus Leibeskräften,

aber die Beine saßen fest und ließen sich nicht ausreißen. Zwei andere

zerrten an dem mittleren Beinpaar, das ohne Schwierigkeit vom Leibe

brach. Max aber schrie seine Henker in dieser unerhörten Lage an:

»Mörder! ... Diebe! ... Schurken!« ...

Doch merkwürdig. Der Verlust der beiden Beine hatte Max gar nicht

wehe getan, und auch nach dieser Verstümmelung fühlte er sich noch

im Vollbesitz seiner Kräfte. Sodann wollten die beiden Henker seine

Vorderbeine abreißen, aber diese saßen sehr fest, so daß der Rote

General, als er die unnütze Anstrengung seiner Diener sah, ganz wütend

wurde und ausrief:

[Illustration]

»Ihr Trottel seid zu nichts zu gebrauchen! Fort, laßt mich selber

machen! Ich will doch sehen, ob ich diesem Teufel nicht mit einem

einzigen Biß den Kopf abtrenne!«

Verwegen näherte er sich Max. Noch aber hatte er keine drei Schritte

getan, als er wankend ausrief:

»O weh! Das ist mein Tod!«

Wie Max das hörte, glaubte er, den General hätte ein Schlaganfall

getroffen, und er wollte schon der göttlichen Vorsehung dafür danken;

jedoch es war nicht dieses. Eine fremde Person erschien plötzlich, die,

wie es schien, auch ihrerseits an dem gräßlichen Werke der Hinrichtung

teilnehmen wollte und blitzschnell über den Roten General hergefallen

war. Mit verdüsterter Miene murmelte Max:

»Ich bin vom Regen in die Traufe gekommen!«

21. Ein hochvornehmer Mordgeselle.

Der neue Ankömmling war ein Insekt von der Familie der Grab- oder

Mordwespen. Sie stelzte auf hohen Beinen daher, besonders das hintere

Paar war unglaublich lang. An den Außenrändern der Unterschenkel saßen

so viel Stacheln und Zähne, daß sie wie Sägen aussahen.

Dieses kecke Tier war mir nichts, dir nichts in den hohen

Kriegsgerichtshof hereingeplatzt und fing ohne Umstände an, einem nach

dem andern mit seinem schrecklichen Stachel den Leib zu durchbohren.

Zwischen Richtern und Verurteilten gab es jetzt nicht mehr den

mindesten Unterschied.

In der Verwirrung, die entstanden war, konnten sich wohl einige Ameisen

retten, indem sie sich kopfüber in den nächsten Gang des Hauses

stürzten; aber mit einem fürchterlichen Satz war die Wespe schon auf

Max losgesprungen:

»So weit ist es mit mir gekommen!« seufzte schwerbedrückt der

unglückliche Kaiser Butziwackel der Erste.

Sobald er aber die Wespe winseln hörte: »Au weh, wie hart bist du

doch!« da wuchs schnell sein Mut. Er fühlte sich aufs beste geschützt

in seinem guten Hanfpanzer. Erleichtert aufatmend flüsterte er:

»Gesegnet sei mein Hanfküraß!«

Die Wespe stand jetzt mit hochgezogenen Beinen und forschendem Blick

vor ihm, betrachtete ihn mißtrauisch von allen Seiten und brummte

unverständliche Worte. Dabei ließ sie ihren Stachel prüfend in der

Scheide aus und ein gleiten, denn sie dachte nicht anders, als daß die

feine Spitze desselben schon beschädigt sei.

Aber die Waffe war noch in bestem Zustande und besaß nicht eine einzige

Scharte. Halb und halb begütigt über diese Entdeckung, halb zornig

noch über Max, fragte sie ihn:

»Sage mir auf der Stelle, warum du so harthäutig bist!« --

Max hatte jetzt seinen ganzen Mut wieder gefunden und antwortete nicht

ohne einen Anflug von Humor:

»Ei, so bin ich schon lange. Als ich noch zur Schule ging, meinte der

Lehrer, ich hätte einen harten Kopf. Aber seit einiger Zeit habe ich

eine harte Haut. Doch wer bist du?«

»Ich bin eine Mordwespe.«

»Heilige Zeit!«

»Jawohl, ich heiße ~Ammophila sabulosa~, zu deutsch: Sandwespe. Aber

man nennt uns Mörder, weil wir auf Fliegen, Spinnen, Raupen und Ameisen

Jagd machen. Gott sei Lob und Dank, daß nicht alle so hart sind wie du!«

»Höre«, sagte Max entrüstet, »was Spinnen, Raupen, Fliegen betrifft,

will ich nichts dagegen sagen; aber daß du Ameisen angreifst, ich sage

dir, für eine anständige Wespe finde ich das eine Spitzbüberei. Oder

weißt du nicht, daß wir verwandt sind?«

Er erinnerte sich nämlich, daß ihm die verstorbene Fuska einmal gesagt

hatte, daß alle Wespen, Bienen, Hummeln zur gleichen Ordnung wie die

Ameisen gehören und somit zum großen, ruhmreichen Volk der Immen und

Hautflügler, das wunderbar stark und klug ist.

Es entstand nun eine Pause im Gespräch, während der die beiden

Personen, die sich bisher in Verteidigungsstellung drohend

gegenübergestanden waren, sich gegenseitig mit etwas mehr Höflichkeit

betrachteten. Max zeigte eine aufrichtige Bewunderung in seinem Blicke,

als er den schrecklichen Angreifer von allen Seiten besah, und er kam

zu dem Schlußurteil:

»Ein Mörder mag sie sein, aber fein tritt sie auf. Sie muß aus guter

Familie stammen.«

Die Wespe hatte wirklich ein prachtvolles Kleid von lebhaft gelber

Farbe; sie war schlank, anmutig in ihren Bewegungen, höchst lebhaft und

viel schöner als alle andern Wespen, die Max als Kind beobachtet hatte.

»Welche Taille!« dachte der entthronte Kaiser.

»Jetzt verstehe ich erst, warum man scherzte, Mutterchen habe eine

Wespentaille!«

Da war er beim Gedanken an die Mutter den Tränen bereits wieder nahe,

und zu gleicher Zeit fühlte er im Herzen den unwiderstehlichen Wunsch,

sein Mütterlein wieder zu sehen, und um dieses Gedankens willen, den

diesmal die Wespe angeregt hatte, schenkte er dem schönen Tier seine

Liebe. Auch die Wespe schien jetzt besänftigt und unterbrach die Pause:

»Schau, schau, da sind wir also verwandt? Dann reiche mir das Bein,

damit wir Frieden schließen.«

Weil Max ein wenig unschlüssig dastand, fuhr sie lebhaft fort:

»Na, na, bist du vielleicht noch empört über meine Jagd auf Ameisen?

Wenn ich nicht irre, waret ihr bei meiner Ankunft damit beschäftigt,

euch recht brüderlich gegenseitig den Garaus zu machen. Mir scheint,

daß Mord unter Geschwistern ein ruchloseres Geschäft ist als unter

weitläufigen Verwandten!«

Gegen diese Rede ließ sich wirklich nichts einwenden, darum entgegnete

Max sanft und mild:

»Ja, ja, du hast recht. Durch dich wurde ich aus den Zangen meiner

Ameisenbrüder errettet, wenn du das auch nicht beabsichtigt hattest.

Aber trotzdem darfst du doch nicht vergessen, daß wir Ameisen unter den

Hautflüglern das stärkste, das klügste und das, das, das -- -- --«

[Illustration]

Max fand keine Zeit mehr, ein drittes lobendes Eigenschaftswort

für sein Volk zu finden, denn die Wespe ließ den Redner plötzlich

mit einer unerwarteten und raschen Bewegung im Stich, um über eine

ansehnlich große Raupe herzufallen, welche das Unglück hatte, in der

Nähe vorbeizukriechen. Es war das Werk eines Augenblicks. Die Wespe

ließ ihren Stachel aus der Scheide gleiten und versetzte die Raupe mit

ein paar Stichen in einen Zustand, der es ihr unmöglich machte, ihren

Spaziergang fortzusetzen.

»Hast du sie totgestochen?« schrie Max und lief herbei.

Die Wespe schüttelte den Kopf und murmelte auf geheimnisvolle Art:

»Was glaubst du wohl? Ich bin doch nicht so einfältig!«

Dann setzte sie sich vergnüglich singend rittlings auf ihr Opfer,

ergriff es mit ihren Zangen und begann den Körper, der zehnmal schwerer

war als sie selbst, gegen einen kleinen, sandigen Graben zu schleifen,

an dessen Abhang sich ein rundes Loch befand, mit Kieselsteinchen,

Hälmchen und Erdkügelchen wohl bedeckt und versteckt. Max war

erstaunt, ein so vornehmes Insekt zugleich so stark, so kühn und

geistesgegenwärtig zu finden; er folgte der Wespe Schritt für Schritt,

bis er ganz nahe am Grabenrande war. Hier sah er, wie sie sich mitsamt

der Raupe vollends hinunterstürzte, immer rittlings auf ihr sitzend.

Auf dem Grunde des Grabens angelangt, ließ die Wespe ihre Beute los,

schüttelte sich den Staub von den Flügeln und kehrte sich zu Max, der

noch oben am Grabenrand stand. Er hatte gefürchtet, daß die Wespe

drunten vom Gewicht ihres Opfers erdrückt werden könnte.

»Hast du dir wehe getan?« fragte er sie.

»Nicht die Spur«, antwortete lachend die Wespe.

»Diese Rutschpartie war der leichtere Teil meiner Arbeit. Schwerer

ist's, die Raupe in das Haus hineinzutragen!«

Dabei wies sie auf ihren Hauseingang, der an der Seite des Abhanges zu

sehen war. Max stieg vorsichtig hinab, und mit schlecht versteckter

Gönnermiene sprach er:

»Ich werde dir helfen.«

Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute · 第 5 / 13 段