Maxens Plan war eines großen Feldherrn würdig. Er fühlte sich bereits

als ein Hindenburg der Ameisen. Am Ausgang des Ganges ließ er seine

Schar, es waren etwa hundert Soldaten, lauter auserlesene Mannschaften,

Halt machen. Er selbst bestieg einen Hügel, von dem aus man zum Haustor

hinsehen konnte. Fuska hatte recht. Dort stand in langen Marschkolonnen

das feindliche Heer vor den Toren und drängte den Vordersten nach,

die bereits zum Angriffe eingedrungen waren. Max kam zu seiner Truppe

zurück und befahl:

»So ruhig wie möglich muß vorgerückt werden! Vorwärts! Marsch!«

15. Max wird General auf dem Schlachtfeld.

Ihr wißt, liebe Kinder, daß es unter den Menschen Faulenzer gibt.

Obwohl sie gesund und kräftig genug sind, auch Arbeit genug fänden,

geben sie den Menschen vor, krank und elend zu sein, betteln sie an

und verdienen sich ihr Brot mit Lüge und Heuchelei. Andere Faulpelze

werden frech und stehlen oder rauben dem arbeitsamen Mitbürger, was

sie zum Leben brauchen. Bisweilen rotten sie sich zu einer Räuberbande

zusammen, holen den fleißigen Landwirten die Früchte vom Felde und von

den Bäumen, dringen in die Häuser der Leute ein und rauben den Bauern

das Vieh aus dem Stalle, dem Kaufmann das Geld aus der Kasse. Wenn

sich jemand den Räubern widersetzen will, werden sie frech, mißhandeln

die Guten und schlagen sie tot. So macht die Trägheit aus den Menschen

Diebe und Räuber. Ganz ähnliche Verhältnisse findet man auch bei den

Insekten. Eine schlimme Diebs- und Räuberbande sind die Roten Ameisen.

Wild, roh, zur Arbeit unfähig, haben sie allen ordentlichen Ameisen

den Krieg erklärt, sich zu richtigen Räuberhorden vereinigt, greifen

ruhige Arbeiterfamilien an, dringen in ihr Haus ein, rauben alles, was

sie finden, sogar das Vieh, die Blatt- und Gallenläuse, und tragen

alles fort in ihre Höhlen. Ganz unerhört aber ist es, daß sie auch

Eier und Larven der Arbeiterameisen wegschleppen. Wißt ihr warum?

Sie lassen diese Arbeiter bei sich zu Hause ausschlüpfen und halten

sie als Sklaven. Diese als Kinder geraubten Ameisen müssen, wenn sie

groß geworden sind, den Räubern alle häuslichen Geschäfte besorgen,

ihnen dienen und sie sogar waschen und kämmen. Daher sagt man von

den blutroten Raubameisen, sie seien ein gemischtes Volk. Außer der

eigenen Sippe findet man bei ihnen eine fremde Art als Sklaven. Die

Roten selbst sind Krieger. Als Sklaven suchen sie sich mit Vorliebe die

dunklen Rasenameisen, weil diese sehr geschickt und fleißig sind.

Ihr könnt euch vorstellen, mit welch wilder Gier sie vor dem

Ameisenstaat standen, in dem Max und Fuska die Verteidigung leiteten.

Sie konnten kaum den Augenblick erwarten, in den Bau einzudringen.

Dann wollten sie als Sieger die Einwohner vernichten und ihre Habe an

sich reißen. Aber urplötzlich ertönte über ihnen das Kriegsgeschrei:

»Schlagt sie tot, die Räuber!« Mit seiner ganzen Schar brach Max

seitlich in die feindlichen Marschreihen ein. Die Roten, die eine

derartige Überrumpelung keineswegs erwartet hatten, stoben auseinander.

Vergeblich versuchten sie sich wieder zu sammeln. Max mit seinen

Getreuen zögerte nicht, den Feind in zwei Haufen zu trennen; so

verhinderte er sie, geordneten Widerstand zu leisten. Wo immer er

erschien, brachen Schrecken und Verwirrung los bei den Roten. So

vorzüglich gelang der Überfall, daß der Feind an nichts anderes als an

Flucht denken konnte.

»Verfolgt die verfluchten Räuber! Schont mir keinen!« so feuerte Max

die Seinen an.

Während das siegreiche Regiment die Flüchtigen verfolgte, sprang er

selbst rasch zu dem Eingang des Hauses und verdeckte ihn sorgfältig

mit einem dürren Blatt, so daß nur eine winzige Öffnung blieb, durch

die mit Mühe eine einzelne Ameise sich durchzwingen konnte. Denn die

Feinde, die in den Gang eingedrungen waren, befanden sich noch immer

drinnen. Sie hatten noch nicht bemerkt, daß ihr draußenstehendes

Volk bereits eine schwere Niederlage erlitten hatte, und suchten den

Durchbruch zu erkämpfen.

»Diese Schufte«, so überlegte Max, »haben den Eingang und einen Teil

unseres Hauses kennen gelernt. Es wäre gefährlich für uns, wenn

sie am Leben blieben, denn sie hätten für ein zweites Mal unsern

Festungsplan!« Er setzte sich mit seinem ganzen Gewicht auf das

vorgeschobene Blatt, belauerte mit gezückten Kieferzangen die kleine

Öffnung und schrie mit mächtiger Stimme hinein:

»Hier stehe ich, Fuska, jage die Halunken heraus!«

[Illustration]

Im Innern des Ganges entstand sofort eine grenzenlose Verwirrung. Die

Roten, entsetzt, eine feindliche Stimme von dorther zu vernehmen, wo

sie ihre eigenen Leute zur Rückendeckung glaubten, machten in nie

gesehener Eile kehrt und stürzten dem Ausgange zu, verfolgt von Fuska

und ihren Tapfern. Geschoben und gedrängt, drückten sie sich am

Eingang zu einem Knäuel zusammen, bis sie mit Not und Mühe die winzige

Öffnung fanden, die Max für sie offen gelassen hatte. Einer nach dem

andern mußten sie sich herausdrücken. Das war es gerade, was Max

beabsichtigte. Lauernd stand er schon bereit. Mit offener Zange stürzte

er sich auf jede herauskrabbelnde Rote und zwickte ihr ohne Umstände

blitzschnell den Kopf ab. Bei dem blutigen Handwerk erfaßte ihn eine

berauschte Stimmung. Er kam sich vor wie ein Rasierer, in dessen Stube

die Leute auf Behandlung warten, und wie jener rief er jedesmal, wenn

ein feindlicher Kopf in den Sand rollte:

»Fertig! Der nächste Herr!« Elf Feinde waren schon auf diese Weise

erledigt, und eben schickte er sich an, das Dutzend vollzumachen, da

tönte es ihm entgegen:

»Halt, oho, was fällt dir ein!?«

Es war Fuska.

»Ums Himmels willen!« rief Max zum Tode erschrocken, -- grauenhaft!

-- er mochte es gar nicht ausdenken, welch schauerliches Unheil er in

seinem wilden Eifer beinahe angerichtet hätte.

»Ach, verzeihe«, stammelte er entschuldigend, »ich war so im Zuge, und

schau dich hier nur mal um!« Mit Staunen und Grauen betrachtete sie die

Köpfe der Feinde. Nicht einer war entkommen.

»Laß mich nur machen«, fuhr Max eifrig fort; dann lief er suchend umher

und sammelte vor dem Eingang elf feste Tannennadeln. Auf jede spießte

er einen abgebissenen Kopf und pflanzte sie wie Pfähle nebeneinander

vor dem Tore auf.

»Künftighin«, meinte er, »werden sich's die Raubritter überlegen, uns

anzugreifen, wenn sie diesen Gartenzaun vor unserem Hause betrachten.«

»Sie werden trotzdem wiederkommen«, sagte ernst Fuska, »die Roten sind

unversöhnliche Feinde. Morgen erleben wir einen neuen Angriff.«

Aus der Ferne hörte man schon seit einiger Zeit Rufe. Sie kamen näher

und wurden immer lauter. Es war Maxens siegreiches Heer, das von

der Verfolgung zurückkam. Als diese Tapfern ihren Führer neben den

aufgespießten Feindesköpfen sahen, brachen sie in hellen Siegesjubel

aus, der kein Ende nehmen wollte.

»Hurra! Hurra! Es lebe der Held mit der weißen Fahne! Butziwackel lebe

hoch! Unser General Butziwackel dreimal hoch!«

Wie ein Donner rollte das Freudengeschrei der Sieger über das

Schlachtfeld. Max legte heute zum erstenmal mit hoher Genugtuung sein

rechtes Vorderbeinchen an seine Fahne, dachte dabei an seine Mutter und

murmelte leise und tiefbewegt:

»Gutes, liebes Mütterlein! Wie glücklich wärest du wohl, wenn du es

wüßtest:

Heute ist dein Max bei den Ameisen General geworden!«

16. Ein Gasangriff auf General Butziwackel.

Noch jubelte das begeisterte Ameisenheer seinem siegreichen Feldherrn

zu, als sich mitten im Volk die ernste Stimme des greisen Professors

vernehmen ließ. Alles wurde plötzlich still, er aber sprach gelassen:

»Eure Tat war gut, da ihr unsere Heimat verteidigt habt. Der Krieg

aber ist an sich ein Verbrechen. Selbst wenn er aus gerechten

Ursachen geführt werden muß, kann man ihn doch nur als eine traurige,

beklagenswerte Notwendigkeit bezeichnen. Darum solltet ihr euch

jetzt nicht der ungezügelten Siegerfreude hingeben, sondern vielmehr

die Tatsache betrauern, daß unsere friedliche Arbeit durch den

Gewaltstreich einer Räuberbande unterbrochen wurde. Allein die Arbeit

und nichts anderes bringt einem kultivierten Volke Ruhm und Ehre.«

Max wollte gegen die Auffassung des gelehrten Mannes Einwände

vorbringen, dieser aber fuhr unbeirrt weiter:

»Der Krieg bleibt immer ein Unglück, auch für den Sieger. Seht nur her;

ihr erblickt tot und verwundet viele eurer Gefährten; den Larven und

Puppen sind die Pflegeschwestern entrissen, viele starke Kieferzangen,

die der Arbeit unseres Staates geweiht waren, sind für immer verloren!«

Fuska, die Weise, gab dem Professor vollkommen recht. »Es ist so«,

sprach sie. »Wir müssen daran denken, mit doppeltem Fleiße die Toten zu

ersetzen. Jetzt heißt es zunächst, unser Haus von allem Ungesunden zu

reinigen. Die Leichname unserer Helden und der gefallenen Feinde müssen

fortgeschafft werden.«

Alsbald nahm dieses vernünftige Volk die Arbeit mit Kraft und Mut

wieder auf. Die Toten wurden weggeschafft, sofort begann im Hause die

alte Friedenstätigkeit.

Max gelüstete es, den Kriegsschauplatz noch einmal zu besichtigen. Ganz

allein mit seinen hohen Gedanken schlenderte er durch die Umgebung.

Nach dem errungenen Siege spürte er in sich eine stille Befriedigung.

Sein Herz pochte stolz, wenn er alle Einzelheiten des vergangenen Tages

betrachtete. Schon stieg ihm der Ehrgeiz zu Kopfe.

Träume von kühnen Schlachten und herrlichen Triumphen erfüllten seine

Seele. An einen Grashalm gelehnt, ließ er seinen siegestrunkenen

Phantasien freien Lauf.

»Mag der Professor predigen, was er will«, dachte er, »ich fühle mich

als Ameise zu großen Dingen berufen. Der erste Schritt auf dem Wege des

Ruhmes ist getan; ohne Frage bin ich der größte Schlachtenlenker, der

bei einem Ameisenvolke lebte. Morgen werden uns die Roten, wie Fuska

sagt, wieder angreifen. Das soll für mich ein neuer, glänzender Sieg

werden. Und hernach -- was könnte mich dann noch hindern, in unserem

Staate regierender Fürst und später König aller Ameisen zu werden!«

[Illustration]

In diesem Augenblicke vernahm er in der Nähe ein sonderbares Geräusch,

das hörte sich an, als ob ihn jemand ob seiner ehrgeizigen Träume

auslachen wollte. Aber schon war er eingehüllt in eine Nebelwolke, die

einen unerträglichen Gestank verbreitete. Max sprang entsetzt zur Seite

und gewahrte ein unbekanntes Insekt. Sein Rücken war schwarz, Hals und

Beine ziegelrot. Rücksichtslos kehrte es ihm das Hinterteil entgegen.

»Wer hat dich solche Unanständigkeit gelehrt?« rief Max wütend.

Statt jeder Antwort schickte ihm das Insekt mit demselben Geräusch eine

zweite Ladung entgegen. Eine übelriechende Gaswolke hüllte Max ein, so

daß er nahe daran war, zu ersticken.

Der Zorn stieg ihm aber jetzt so hoch, daß er die Kraft fand, sich auf

diesen schlechterzogenen Frechling loszustürzen. Er sprang ihm auf den

Rücken und packte ihn mit den Vorderbeinen fest beim Schopfe. Schon

ging er daran, ihn mit seinen starken Kieferzangen zu köpfen, wie er es

vor kurzem mit seinen Feinden gemacht hatte.

»Um Gottes willen«, winselte das Tier, »töte mich nicht!«

»Tut mir leid, ich kann nicht anders. Was glaubst du eigentlich? Einem

General so etwas anzutun!«

»Ach, ich glaubte, du wolltest mich angreifen, und ich suchte nur mich

zu verteidigen.«

»Papperlapapp! Das nennst du verteidigen? Machen es vielleicht alle so

aus deiner Verwandtschaft?«

»Ja, so machen wir es alle.«

»Dann seid ihr alle abscheuliche Leute. Wie heißt ihr euch?«

»Wir sind Bombardiere.«

»Na, ausgezeichnet. Aber diese Art von Schießerei mißfällt mir

gründlich.«

Und geschwind öffnete er die Zangen, um diesem Herrn Bombardier den

Kopf abzuzwicken. Aber zu guter Letzt kam ihm ein besserer Gedanke. Er

beugte sich zu dem Insekt herab und schrie es ordentlich an:

»Sage mal, Bombardier, wenn ich dir das Leben schenke, willst du dann

versprechen, mich nie mehr zu beschießen?«

»Darauf gebe ich dir das Wort eines ehrlichen Käfers.«

»So bist du also ein Käfer?«

»Freilich, siehst du es nicht? Schau mal her!«

Der Bombardier spannte die Flügel aus und machte Max aufmerksam auf

die besondern Merkmale seiner Gattung. Er besaß zwei außerordentlich

feine Hautflügel zum Fliegen; diese lagen unter einem andern Flügelpaar

von kräftiger Hornmasse wohl beschützt, wenn er sie nicht zum Fliegen

brauchte.

»Diese Anordnung der Flügel«, erklärte der Bombardier, »findest du

fast bei allen Käfern. Ich selber heiße ~Brachinus crepitans~, aber

die wenigsten Leute nennen mich bei meinem ehrlichen Namen, und sie

schelten mich schlechthin Bombardier. Ich gehöre zur Familie der

Laufkäfer. Wir haben unter unsern Brüdern die schönsten Deckflügel und

glänzen schillernd in allen Farben.«

»Ihr könnt so schön sein, als ihr wollt«, bemerkte Max, »aber Erziehung

habt ihr keine!!«

»Du spielst wohl auf den Dampf mit scharfem Geruch an, den wir aus

unserem Hinterleib ausstoßen können?«

»Ein schöner Dampf!« rief Max, »schön scharf, ich danke!«

»Je nun, das ist meine Waffe! Sie schützt mich vor Angriffen und hilft

mir, kleine Insekten zu erjagen.«

»Elender! Du wolltest mich also verspeisen?«

»Ich will es nicht leugnen. Aber du bist meiner Waffe nicht unterlegen.

Das ist mir noch nie vorgekommen.«

»Gott sei gedankt! So höre, was ich dir sage: Kannst du mir ein Dutzend

Bombardiere, wie du einer bist, verschaffen?«

»Ich kann es. Fünf wohnen mit mir unter einem Stein, andere haben ihre

Wohnung in meiner Nachbarschaft.«

»Sehr gut. Wie gefiele es euch, wenn ich euch hundert und mehr Ameisen

zu einem Mittagessen besorgte?«

»Ei, potztausend!«

»So höre. Morgen in aller Frühe findest du dich mit deinen Leuten unter

jenem Kürbisblatt ein. Du siehst dort das große Blatt?«

»Zweifle nicht, wir sind zur Stelle.«

»Dann werde ich morgen die nötigen Anweisungen geben. Lebe wohl,

Freund! Bringe alle deine Leute und hebt mir eure Kanonenschüsse gut

auf, wir werden die ganze Munition nötig haben.«

Nach dieser Verabredung entfernte sich Max, in Gedanken und Plänen

versunken. Die Vorderbeine auf dem Rücken verschränkt, murmelte er

befriedigt von seinem Erlebnis in sich hinein: »Die Weltgeschichte wird

einst zu schreiben haben von den Taten des Generals Max Butziwackel.

Wenn mich jetzt der große Napoleon sähe, wie klein müßte er sich

vorkommen vor mir!«

17. Kaiser Butziwackel I.

Am folgenden Tag beim Morgengrauen versammelte Max alle erwachsenen

Ameisen im großen Saale, und mit dem schnarrenden Befehlston eines

Offiziers, der das Kommandieren längst gewöhnt ist, sagte er ohne

Umschweife:

»Ich teile euch mit, daß ich heute morgen einen Angriff auf die Roten

Ameisen beabsichtige und ihnen eine Feldschlacht liefern will.«

Der Professor schüttelte höchst mißbilligend den Kopf und sprach ernst:

»Auf solche Weise verlassen wir das gute Recht und stellen uns auf die

Seite des Unrechts. Gestern handelten wir in gerechter Notwehr, heute

dagegen wollen wir bösartige Angreifer werden.«

Eifrig hielt Max eine Gegenrede:

»Wir müssen entschieden dem Handel ein kurzes Ende machen, sonst kann

aus dem glorreichen Siege, den ich euch gestern erstritten habe, keine

Gewähr für eine sichere Zukunft erstehen.«

»O weh!« warnte der gute, weise Lehrer.

»Du beginnst bereits, uns deine geleisteten Dienste vorzuzählen und zu

prahlen, weil du deine Pflicht erfülltest!«

»Ach was, Pflicht«, versetzte Max unwirsch, »hätte ich nicht meinen

Mann gestellt, weiß Gott, wie es heute um euch stünde! Kurzum, meine

Anordnungen sind gegeben, ich werde mich in kurzer Frist mit meinem

Heer in Bewegung setzen.«

Nun sprang der Professor aber zornbebend auf.

»Dein Heer? Dein Heer! Wer gibt dir, Unsinniger, ein Recht, über Leib

und Leben deiner Kameraden wie über dein Eigentum zu verfügen? Hast du

denn ganz vergessen, daß in unserem Staate alle gleich sind und jeder

dieselben Rechte und Pflichten hat?«

»Wenn alle gleich sind«, antwortete Max hochmütig, »warum hat dann

nicht ein anderer getan, was ich tat?«

Ohne weitere Einwände anzuhören, ohne selbst auf Fuskas entschiedenen

Rat zu achten, verließ er den Saal und rief mit erhobenem rechten

Vorderbein:

»Ob es euch zusagt oder nicht, -- die Soldaten, die mich gestern

kämpfen sahen, haben Vertrauen zu mir und werden mir folgen!«

Und unglaublich! Der größte Teil der Ameisen, berauscht vom Siege

und der Aufregung des vorigen Tages, folgte mit Begeisterung Maxens

Anordnungen.

Schnurstracks marschierte er mit seiner Streiterschar zum Tore hinaus

und dachte: »Kein Zweifel, das Heer ist mir zugetan. Ich kann sicher

auf dessen Treue zählen, und nach der siegreichen Rückkehr ist ein

Staatsstreich unausbleiblich.«

An nicht allzu ferner Stelle kommandierte er »Halt!« Seine Soldaten

stellte er in Reihen auf und verteilte Ämter und Würden. Dies wollte

er tun, um ihren Ehrgeiz zu spornen, dann aber auch, um die einzelnen

an sich zu fesseln, schließlich aber auch, um folgende Rede halten zu

können:

»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ihr habt bereits Beweise

eures Mutes gegeben, ich werde mit eurer Hilfe auch heute den Feind

vernichten.«

»Hoch der General mit der weißen Fahne, hoch, hoch, hoch!« so schrien

sie alle im Chor, und Max fuhr fort:

»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Heute kann ich euch die

besten Hoffnungen machen. Durch eine Überraschung wird uns der Sieg

über die Feinde sicher sein. Bleibt hier in Bereitschaft und erwartet

mich! Sobald ich zurückkomme, werden wir gegen den Feind anmarschieren!«

Nach dieser Rede übertrug er das Kommando an Dickkopf und Großzang,

zwei verdiente Krieger, die er zu seinen Adjutanten erhoben hatte und

in die er volles Vertrauen setzte. Dickkopf gehörte zwar nicht zu den

Gescheitesten, besaß aber eine außerordentliche Kraft und Ausdauer.

Großzang war mit zwei schrecklichen Kieferzangen bewaffnet. Er hatte

nur einen Fehler, und zwar den, daß er nie satt werden konnte. Tag und

Nacht quälte ihn der Appetit. Diese beiden tapferen Streiter hatten

ihrem Führer Max schon derartige Beweise ihrer Ergebenheit geliefert,

daß er sich unbedingt auf sie verlassen konnte.

Max begab sich zu dem bekannten Kürbisblatt, in dessen kühlem Schatten

der gute Professor seinerzeit so warm für den Ameisenvölkerfrieden

eingetreten war. Hier gerade traf General Butziwackel mit dem Käfer

zusammen, mit dem er tags zuvor ein Bündnis für den Krieg geschlossen

hatte.

»Gut, daß du da bist!« sagte er ihm. »Wo sind die andern Bombardiere?«

»Hier sind sie«, sprach der Käfer.

Max sah unter einem Blatt die Kameraden seines Verbündeten versammelt,

überzählte sie und rief erfreut:

»Ihr seid ein volles Dutzend! Gut! Die andern stehen alle

selbstverständlich unter deinem Kommando, nicht wahr?«

»Jawohl!«

»So passe jetzt mal gut auf! Ich bin der General, vorderhand

wenigstens, später hoffe ich es noch weiter zu bringen; ich bin der

General der Ameisen und Höchstkommandierender. Mein Heer ist ganz in

der Nähe bereitgestellt, und ich werde es an den Feind heranführen!

Sobald wir mit ihm in Fühlung geraten sind, üben wir einen Druck

auf ihn aus, nach dieser Seite hin, verstanden? Sobald er in euern

Feuerbereich kommt, kommandierst du sofort ›Feuer!‹ und bum! bum! bum!

schießt ihr alles ohne Gnade und Erbarmen über den Haufen!«

»Verlaß dich auf uns!« sprach der Herr Oberbombardier, -- »sie sollen

schwimmen in ihrem Blute!«

»Nun, guten Morgen und guten Appetit zur rechten Stunde!« rief Max und

eilte zu seinem Heer zurück.

»Nichts Neues?« fragte er Großzang und Dickkopf.

»Zu Befehl, Herr General«, meldete Großzang, »in kurzer Entfernung von

uns machte sich ein Fähnlein Roter bemerkbar, das gegen uns anzurücken

schien. Als sie uns sahen, sind sie fluchtartig entwischt.«

»Vorwärts also! Wir spüren sie auf, umzingeln sie und drängen den Feind

dorthin zu jenem Kürbisblatt.« -- Er zeigte mit wichtiger Miene die

genaue Stelle. -- »Dort steht meine Artillerie. Bataillon! Vorwärts,

marsch!«

Das Heer ging vor. Neben Max marschierte als Führer eine Ameise, die

von der gestrigen Verfolgung her die Straßen genau kannte. Von dieser

kundigen Ameise geführt, gelang es in kürzester Zeit, das Feindesheer

zu entdecken, das bereits den Kampf zu erwarten schien.

Mittels eines schlauen Manövers umging Max den Feind derart, daß er

ihn im Rücken fassen und leicht nach der gewünschten Richtung drängen

konnte. Der Gegner schien keine Ahnung von den Plänen des Feindes zu

haben.

»Welch einfältige Kerle!« murmelte Max. »Sie haben keinen Begriff von

Kriegskunst.«

Im geeigneten Augenblick ging er zum Angriff über. Die Roten versuchten

keinen Widerstand, da sie höchstens zu fünfzig waren.

»Drängt sie vorwärts!« rief Max seinen Soldaten zu.

Doch es war unnötig. Als ob die Roten gar nichts Besseres wünschten, so

ließen sie sich zum Kürbisblatt hintreiben. Nur hie und da schaute, in

voller Flucht, einer sich um, ob man ihnen auch wirklich noch auf den

Fersen sei.

Im selben Augenblick, als sie an dem Kürbisblatt ankamen, hörte man das

laute Kommando:

»Feuer!«

Ein donnernder Schuß mit einer wohlgezielten Ladung folgte dem

Kommando. Die Roten waren plötzlich in eine Rauchwolke gehüllt, deren

ekler und scharfer Geruch ihnen den Atem raubte. Nochmal wiederholte

sich das Kommando, und nochmal, dichter und heftiger, verbreitete sich

der Dampf. Max hielt sein Heer an, zeigte seinen Leuten die dichten

Gaswolken und rief:

»Dort stehen meine Bombardiere, die den Feind mit Kanonendonner

empfangen!«

Jetzt begriffen alle, welch frohe Überraschung ihnen Max zum

glücklichen Ausgang des Kampfes bereitet hatte; in unbändiger

Begeisterung toste es durch das Heer:

»Hurra! Hurra! Hurra!«

Indessen drang aber der üble Dampf der Geschosse bis zu den eigenen

Reihen. Max ließ darum eine Schwenkung nach links machen, und während

die erstickten Roten im letzten Todeskampf zuckten, führte er seine

Leute hinter einen Steindamm in Sicherheit, stellte sie in Reih und

Glied auf und hielt folgende Ansprache:

»Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ehe wir zu dieser Schlacht

ausrückten, wollten sich einige alte Ameisen mit allen möglichen

Behauptungen meinen Plänen widersetzen. -- Und nun seht! Ein schöner,

großer Erfolg krönt mein Werk. Dank den mächtigen Verbündeten, welche

ich für unsere Sache zu erwerben wußte, ist unser Haus gerettet vor

seinem unerbittlichen Erbfeinde!«

»Jawohl, jawohl!« riefen die Soldaten.

»Längst schon habe ich beobachtet«, fuhr Max mit sorgenschwerer Miene

fort, »daß die Regierung unseres Staates eine recht mangelhafte und

einseitige ist! Viel zu wenig persönliche Freiheit gewährt sie, viel

zu wenig Fortschritt ist von ihr zu erhoffen. Fortschritt und Freiheit

aber sind die zwei notwendigsten Dinge für eine moderne Ameise. Wenn

die Gleichberechtigung aller Ameisen weiter besteht, dann werden wir

auch ferner mit Altweibergeschwätz, mit veralteten Anschauungen und mit

Kinderängsten zu kämpfen haben.

Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften! Ich schlage daher vor, daß

ihr aus euren eigenen Reihen eine Ameise von Geist und Mut erwählt,

eine Ameise, zu der ihr volles Vertrauen habt; daß ihr diese Ameise zu

eurem Oberhaupte ernennt, zu eurem König oder, wenn ihr wollt, zu eurem

Kaiser!«

»Jawohl, jawohl!« riefen alle zusammen.

»Kurz, es müßte eine Ameise sein von hervorragenden Gaben des Geistes

und des Herzens wie zum Beispiel ich; eine Ameise, welche die

Kriegskunst kennt, wie ich sie kenne; eine Ameise, die gegebenenfalls

eine Schlacht zu gewinnen verstünde wie ich! Eine Ameise braucht ihr,

die euch zum Ruhm zu führen weiß, wie ich es tat! Doch ich selbst

mische mich nicht in eure Wahl. Ihr seid frei, zu wählen, wen ihr wollt

und wer euch gefällt.«

Nach diesen Worten zog sich Max mit unglaublicher Bescheidenheit und

edlem Anstand zurück.

Aber das Heer brach einstimmig in den Ruf aus:

»Max wollen wir wählen! Unsern Butziwackel mit dem weißen Fähnlein.«

Das ließ sich unser Held nicht zweimal sagen.

Würdevoll trat er vor seine Soldaten, grüßte, alle Reihen abschreitend,

vornehm seine Truppen und erklärte feierlich:

»So nenne ich mich denn:

›Butziwackel I.,

Kaiser aller Ameisen.‹«

Und alles Volk rief:

»Hoch Kaiser Butziwackel I., hoch, hoch, hoch!«

18. Der Überfall.

So war also Maxens Traum verwirklicht.

Seinen Ehrgeiz wußte er vor sich selbst glänzend zu rechtfertigen, und

er sprach still vor sich hin:

Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute · 第 4 / 13 段