»Kühe? Wo? Melken? Wie?« -- Kopfschüttelnd ging er hinter Fuska

her, die ihn in einen schiefen, aufwärts strebenden Gang führte,

der bis zur Erdoberfläche reichte. Er fühlte die Luft freier und

kühler wehen und bemerkte, daß der Gang oberhalb des Erdbodens weiter

senkrecht emporstieg. Im Hohlraum des Ganges stand aus dem Erdboden

herauswachsend der Stengel einer Pflanze. Es war ersichtlich, daß der

röhrenförmige Bau errichtet war, um diese Pflanze zu schützen. Sie

kletterten in die Höhe und gelangten schließlich in einen erweiterten

Raum. Dieser glich einer hohlen Kugel. Hier lebten Insekten, die

Max nicht gleich erkannte. Durch ein kleines Fensterchen drang ein

Lichtstrahl ein, und Max sah, daß es Tierchen waren, wie er solche oft

herdenweise an den Rosenzweigen in seinem Garten beobachtet hatte und

die Onkel Walter Blattläuse nannte.

»Hier hast du zwei Arten von Milchkühen«, lud Fuska ein, »wähle und laß

es dir tüchtig schmecken.«

Max stand verblüfft vor den Blattläusen und den Gallenläuschen, die

Fuska Kühe genannt hatte.

»Melken? Ja, wie denn? -- wo denn?«

»Nun hinten!« ermunterte ihn Fuska.

Max war verblüffter als zuvor. Wahrhaftig, für eine saubere Ameise, die

sogar an den Füßen ihre Kämmchen mitführte, war dies eine schmutzige

Geschichte. Allerdings hatte seine Mutter einmal in der Küche Brötchen

mit einer gewissen Schnepfensache bestrichen, die dem Namen nach auch

nichts Schönes versprach, die sich aber als Leckerbissen herausstellte.

Ohne länger zimperlich zu zaudern, ahmte er Fuskas Beispiel nach, fing

sich eine fette Kuh aus der Herde und begann tüchtig zu melken und zu

schlucken, was sich die Blattlaus ohne Widerrede gefallen ließ. Es

war natürlich keine Milch, was ihm da so gut mundete, sondern der ihm

bereits bekannte vorzügliche Sirup. In mächtigen Zügen trank er sein

Bäuchlein so rundlich voll, daß er zur Verdauung an die frische Luft zu

gehen wünschte.

Durch das Fenster stieg er mit Fuska ins Freie und kletterte längs der

Außenwand zur Erde hinab. Nun lag das anmutige Bauwerk im Mondlicht vor

seinen Blicken, dessen Äußeres er sich vorher nicht gut vorzustellen

vermochte.

Vom Erdboden aus erhob sich der Röhrenbau in Gestalt einer

wohlgeformten, fast senkrecht stehenden Walze und schloß zu oberst

in einer kugeligen Ausbuchtung ab. In diesem erweiterten Raume lebten

die Blattläuse und Gallenläuse. Eine zierliche Krönung fand das hübsch

gebaute Türmchen durch die langen, grünen Blätter der Pflanze, die aus

der Dachöffnung herauswuchsen.

»Beim Anblick dieses Bauwerkes steht mir ja der Verstand still«, meinte

Max.

»Und doch ist es gar nicht schwer, das alles zu begreifen«, sprach

Fuska. -- »Die Blattläuse saugen ihre Nahrung aus der saftigen Rinde

der Pflanzen. Wir verzehren mit Vorliebe den Honigseim, den sie in

ihrem Körper bereiten und nach außen abgeben. Darum holen wir uns diese

Insekten herbei, halten sie als Haustiere und melken sie, wie du es

eben selbst getan hast.«

»Ja, ja!« unterbrach Max schmunzelnd die Belehrung, »ich habe heute

melken gelernt, und es hat mir geschmeckt wie noch nie im Leben.«

»Gewiß! -- Allein, damit die Tierchen ihre süße Flüssigkeit von sich

geben können, müssen sie auch zu essen haben. Darum haben wir ihnen

den Stall um eine lebende Pflanze gebaut; auf dieser finden sie ihre

Nahrung. Für gewöhnlich halten wir unsere Kühe in einem Raume innerhalb

des Hauses. Das erspart viel Arbeit und ist viel bequemer. Aber wenn

wir beim Ausheben unserer unterirdischen Höhlenwohnungen nicht auf

die Wurzeln einer lebenden, saftigen Pflanze stoßen, dann müssen wir

außerhalb des Hauses solche Bauten aufführen.«

Wenn die Ameisen, wie es manchmal Menschen zustößt, sich hinterdenken

könnten, dann hätte Max vor Verwunderung seinen Verstand verloren. --

Unglaublich! -- Die Ameisen hatten, geradeso wie die Menschen, ihre

melkbaren Kühe, sie bauten für diese Ställe, und diese Ställe waren in

allem der Lebensweise ihrer Bewohner angepaßt. Die Kühe fanden darin,

ohne daß man es ihnen hätte hintragen müssen, ein gutes Futter und

gaben dafür ihre süße Milch. Was Max bis jetzt vom Ameisenleben gelernt

hatte, war fast zuviel für seinen kleinen Kopf.

Er mußte immer noch darüber nachdenken, als sie den Turm wieder

hinaufkletterten, durch das Fenster einstiegen und durch die Röhre in

das Ameisenhaus zurückkamen. Was er gelernt hatte, erregte seine helle

Begeisterung: Die kleinen Ameisen sind Kindergärtnerinnen, Lehrer,

Bergmänner, Soldaten, Maurer, Baumeister, Bildhauer und schließlich gar

noch Viehzüchter.

Doch als sich Max an Fuskas Belehrungen über die Natur der Blattläuse

erinnerte, kam auch ein banges Gefühl der Besorgnis über ihn, und er

sprach zu sich selber:

»Gott soll mich davor bewahren! Aber ich habe eine Ahnung und bringe

sie nicht los. -- Am Ende hat die Gesellschaft auch noch einen

Lateinprofessor, und ich muß wieder Grammatik studieren. -- +O je, o

je!!+«

11. Eine Ameise, der das Latein Leibweh macht.

Max war wieder in das Innere des Hauses zurückgekommen. Bald sollte er

erfahren, daß Ameisen nicht an Verdauungsbeschwerden leiden.

Drunten arbeiteten die Gefährten immer noch glättend, befestigend und

erweiternd an dem neu gegrabenen Gang. Als drei dieser Fleißigen unsere

Ankömmlinge bemerkten, eilten sie auf diese zu und begannen:

»Wir haben Hunger, wollt ihr uns zu essen geben?«

»Du hast für viere gegessen«, wendete sich Fuska zu Max, »sättige die

drei!«

Ehe Max begriff, was sie wohl meinte, hielt eine Arbeiterin ihren Mund

an den seinen und saugte ihm eine gehörige Portion vom genossenen Sirup

aus dem Leibe.

Er konnte nur ganz einfältig dabei stillhalten.

»Aber das sind dumme Witze!« rief er, als sie fertig war.

Fuska erklärte: »In deinem Kröpfchen hast du einen Teil deiner

genossenen Nahrung aufgespeichert. Das ist dein Vorratskämmerchen, aus

dem du Larven und hungrige Arbeitsschwestern speisen kannst, wenn diese

letzten vor Eifer keine Zeit finden, selber Nahrung zu suchen.«

»Ach«, dachte Max, »bei den Menschen ist das nicht so einfach!

Diejenigen Leute, die so viele Zeit, Mühe und Geld anwenden, sich alle

Tage toll und voll zu essen, würden sich bedanken, wenn hungrige Leute

sie um solche Unterstützung anriefen. Fleißige Ameisen finden also

Kameraden, die ihnen das Essen in den Mund stecken, während es genug

fleißige Menschen gibt, die manchmal weder Arbeit noch Essen finden,

selbst wenn sie mit der Laterne danach suchten! Alle Ameisen haben, so

sehe ich, einen unwiderstehlichen Trieb zur Arbeit, was man von den

meisten Menschen gewiß nicht behaupten kann!«

Seine Erlebnisse gaben Max einen großen, schönen Begriff von dem

weisen, hilfsbereiten, brüderlichen Zusammenleben des Ameisenvolkes,

das er als Kind so oberflächlich beachtet hatte. Als er zum ersten

Male das Ameisenhaus betrat, hatte er sich mit seinem Verstande den

kleinen Insekten hoch überlegen gedünkt. Jetzt aber begriff er, daß die

Menschen ihnen kaum etwas voraushatten. Nicht einmal den Honig! Der

Zuckersaft, den er verspeist hatte, war ja herrlich!

In einem einzigen Tage hatte er eine neue Welt entdeckt, von der er

sich nie hätte träumen lassen.

Leider gibt es aber neben dem Guten auch Schlimmes in jeder Welt.

Das erlebte Max schon am nächsten Morgen, als Fuska zu ihm sprach:

»Heute ist schönes Wetter; da wird die Schule im Freien gehalten. Gehe

mit den jungen Ameisen jetzt hinaus.«

Bei diesen Worten verging Max alle Begeisterung. Schlechtgelaunt,

verstimmt und ohne Lust schlich er hinaus hinter den andern her. Unter

einem großen, schattigen Kürbisblatt hielt man an. Dort stand schon mit

ernsten Mienen eine alte, würdevolle Ameise auf einem Kieselsteinchen.

Dieses sollte jedenfalls den Tisch des Lehrers bedeuten.

Die Ameislein wisperten und flüsterten sich zu, daß dies die älteste

Ameise der Stadt sei, die schon viel von der Welt gesehen und erlebt

habe und unendlich viel wisse.

»Meine lieben Ameisen«, so begann der Professor, »es wird euch gut tun,

wenn ihr kleinen, vor kurzem geborenen Leute etwas von der Geschichte

und der Lebensweise des Ameisenvolkes erfahrt.«

Hier räusperte sich der Professor und fuhr fort:

»Wir gehören zur vornehmsten Ordnung der Insekten, zu jener der

Hautflügler; diese darf sich rühmen, daß ihr zwei Insektenfamilien

angehören, die durch Klugheit, Fleiß und geordnetes Zusammenleben vor

andern sich auszeichnen: die Ameisen und die Bienen. Tausenderlei

Sippen gibt es bei uns, über die ganze Welt sind wir verbreitet,

von der kleinen, arbeitsfrohen braunen Ameise angefangen bis zur

riesig großen, räuberischen Eciton, die in kleinen Kolonnen den

Wald durchziehen, um Ameisennester zu plündern, die ihnen besonders

gefallen. Von der häuslichen, rührigen gelben Schwester bis zur frechen

südamerikanischen Raubameise, die des Nachts in die Wohnungen der

Menschen einbricht und ihnen das Brot stiehlt. Wir leben in geordneten

Volksstaaten. Jeder arbeitet, jeder hat dieselben Pflichten, dieselben

Rechte, einer achtet und liebt den andern, und alle sind Brüder einer

Familie.« Max sah die Sache ins Breite gehen, und weil er meinte, in

der Ameisenschule gälten dieselben Zeichen wie bei den Menschenkindern,

hob er schlau sein rechtes Vorderbeinchen in die Höhe, um eilig

hinausgehen zu dürfen. Allein der Professor schien ihn nicht zu

verstehen.

Er fuhr, ohne Max zu beachten, in seiner Rede fort:

»Ich bin eine alte Ameise, und nach vielen und ernsten Erfahrungen

glaube ich, daß in weiten, fernen Tagen unser Volk einer leuchtenden,

sonnigen Zukunft entgegengeht. Heute sind wir ja noch durch falsche

Überlieferungen, irrige Meinungen und kleinliche Selbstsucht in viele

Stämme geschieden und zu gegenseitigem Kampf und Krieg verdammt. Wir

kennen heute noch nicht einmal die edle Freude der Gastfreundschaft,

und jede fremde Ameise, die unserem Herde in Zutrauen naht, wird

von uns grausam ermordet. Allein wer weiß es, ob nicht doch der Tag

erstehe, an dem alle Ameisen der Erde ihre Irrtümer einsehen und ihren

gegenseitigen Nutzen richtiger erkennen? Sie werden dann ihre sinnlose

Feindschaft begraben und alle ihre Kräfte vereinigend das erste Volk

der Insekten werden! Dann werden alle Rassen und Stämme von der

~Mutilla europaea~ bis zur ~Oecodoma cephalotes~ --«

»Au, au, o weh, o weh!«

Die fremden Namen der ~Mutilla~ und der noch schlimmere ~cephalotes~

waren Max so auf die Nerven gegangen, daß er sich vor grimmigem Leibweh

nach allen Seiten wand.

12. Butziwackel wird erkannt.

Beängstigt unterbrach der Professor seine Lektion, trat vom Steinpult

zu Max herab und fragte besorgt:

»Wo fehlt es dir?«

»Au, au, mir ist so übel! Es tut mir überall weh, hier oben, dort

unten, in den Beinen, am Kopf -- au weh! au weh!«

Der Professor war ein tüchtiger Kinderarzt und begann sogleich eine

gründliche Untersuchung.

»Verletzungen finde ich keine«, sagte er dann, »dein Körper ist

tadellos gewachsen. Du hast Kopf, Brust, Hinterleib und sechs Beine.

Hm, hm! Tut dir's hier weh? dort? da?« und dabei klopfte und horchte er

an Brust und Kopf des Patienten.

»Jawohl, hier und dort und da tut's weh!« wimmerte Max.

»Merkwürdig! Dein Muskelsystem ist gut, und du kannst wie jede andere

Ameise ein Gewicht ziehen, das dreißigmal schwerer ist als du selbst,

während der Herr der Schöpfung, der Mensch, oft nicht so viel heben

kann, als er selbst wiegt. Hier -- was fühlst du hier?«

»O, es tut weh ... unten, hinten, vorne -- und oben auch!«

»Aber dein Blut fließt regelrecht durch die Adern, Magen und Darm

arbeiten, wie sich's gehört, hm, hm! Atme mal recht tief! Auch die

Atmung ist gut. Sind's vielleicht die Nerven?«

»Ach ja, die Nerven sind's vielleicht, Herr Professor. Ich spürte einen

Stoß in allen Nerven, als ich vorhin die abscheulichen Fremdwörter

hörte.«

»Untersuchen wir also deine Nerven. -- Ich kann auch hier nichts

Krankes finden! Die Nervenstränge sind in bestem Zustand, in den

Nervenzentren liegen keine Störungen vor; du hast deren mehrere, und

jedes arbeitet unabhängig vom andern. Würde man dich in zwei Stücke

schneiden, könntest du einige Zeit in zwei getrennten Teilen leben.

Untersuchen wir noch das Gehirn!«

Zerknirscht lispelte Max:

»Ich habe vielleicht recht wenig?«

»Nichts dergleichen, genug hast du. Wie bei jeder richtigen Ameise ist

das Gehirn der zweihundertachtzigste Teil deines Körpers, das heißt,

es hat ungefähr dasselbe Größenverhältnis wie bei den entwickelten

Säugetieren. Daher unsere hohe Geisteskraft«, fügte der Professor

belehrend bei.

Auf einmal wurde der Professor stutzig. Ganz sorgfältig betrachtete er

mit seinen drei einfachen Augen den Hinterleib des Patienten und sagte:

»Sapperlott! Da ist doch was nicht in Ordnung!«

»Was ist's?« wollte Max erschrocken wissen.

»Dreh dich herum! Ein ganz merkwürdiger Fall! So etwas habe ich mein

Lebtag nicht gesehen!«

Max fühlte, daß der Professor an etwas zerrte, und fragte kläglich, was

er denn so Seltsames hätte.

»Wer weiß, ob es nicht ein Gewächs ist«, meinte der Professor.

»Ein Gewächs! O Gott, o Gott!«

»Es ist biegsam, ein Gewebe, das ich nicht erklären kann.«

Alle Ameisen kamen jetzt neugierig näher heran, so daß Max mitten in

einem Kreise stand, und alle riefen:

»Wie seltsam! Was mag das für ein weißes Zipfelchen sein?«

»Zipfelchen!« schrie Max, am ganzen Körper zitternd vor Aufregung.

Ein gräßlicher Gedanke durchfuhr blitzgeschwind sein Hirn. Wild blickte

er um sich, stürzte sich auf einen Grashalm, der sich nebenan über eine

Wasserpfütze neigte, kletterte an ihm empor und ließ sich, mit zwei

Beinchen daran festgeklammert, frei über dem Wasser schweben. So konnte

er sein Hinterteil im Spiegel betrachten. Es blieb kein Zweifel mehr.

Klar widerspiegelte das Wasser seinen Körper, und genau sah er am

obern Ende seines Hinterleibes das weiße Fähnchen. Es hätte nicht viel

gefehlt, so wäre er vor Schreck ins Wasser gefallen.

Mühsam zappelte er mit den Beinen, schwang sich wieder auf den Halm und

kletterte zum Ufer hinab; er wollte seinem eigenen Bilde entfliehen.

Am Ufer erwarteten ihn erregt die andern Ameisen und sprachen

durcheinander:

»Dieses weiße Ding ist verdächtig!«

»Diese Ameise gehört nicht zu unserer Familie.«

»Es ist eine Fremde!«

»Ein Eindringling!«

»Bringen wir sie um!«

»Reißen wir ihr den Kopf ab!«

Der arme Max aber war von seiner Entdeckung so erschüttert, daß er gar

nicht daran dachte, sich zu wehren, obwohl er größer und stärker war

als seine Gegner. Diese folgten ihrem Instinkt, und trotz der Lehren

ihres weisen Professors umzingelten sie unsern Helden und wollten sich

wie die Wilden mit aufgesperrten Kieferzangen auf ihn losstürzen.

»Da habe ich viel Erfolg erzielt mit meinem Unterricht!« sprach traurig

der Professor und überschaute ungehalten den Tumult.

13. Das weiße Fähnlein.

In dieses Getobe mischte sich mit lautem Angstschrei eine Stimme:

»Ruhig! Was fällt euch ein!« Fuska war es. Beschützend trat sie

zwischen Max und seine Feinde. Mit zitternden Fühlern und drohend

aufgesperrten Kieferzangen stellte sie sich den Angreifern entgegen,

die sofort einige Schritte zurückwichen.

»Schämt euch!« rief Fuska empört. »Wie könnt ihr euch unterstehen, euch

das Recht über Leben und Tod eines Gefährten anzumaßen? Ihr, die ihr

kaum einen Tag alt und noch nicht trocken hinter den Ohren seid!«

»Er gehört nicht zu unserem Stamm!« wagte jemand zu widersprechen.

»Er hat ein weißes Zipfelchen hinten!« fügte ein anderer keck hinzu.

Immer zorniger entgegnete Fuska:

»Zipfel hin, Zipfel her! Erfahrene Ameisen haben das Ei als eines der

Unseren erkannt und heimgebracht. Ich muß mich höchlich wundern, daß

ihr, die ihr sozusagen noch die Eierschalen auf dem Rücken habt, daß

ihr euch ein Urteil über einen solchen Fall anmaßt! Gelbschnäbel seid

ihr! Nasenweise Rangen!«

Alte Ameisen kamen in Eile herbeigerannt und halfen treu zu Fuska,

während der Professor, die Vorderbeine auf dem Rücken verschränkt, das

Haupt bekümmert schüttelte.

»Immer das gleiche«, murmelte er tief verstimmt, »werden denn

die Ameisen niemals ihre törichten Vorurteile ablegen lernen? --

Dieses ewige Mißtrauen ist die alleinige Ursache ihrer grausamen

Unverträglichkeit. Schrecklich! Ich habe meine kostbare Zeit mit diesen

Unverbesserlichen vergeudet!«

Übrigens, der Wahrheit die Ehre, die kleinen Ameisen standen beschämt

vor Fuska, die jetzt Max bei einem Vorderbeinchen nahm und ihn den

andern vorstellte.

»Seht ihn an«, sprach sie würdevoll, »und erkennt euer Unrecht. Sein

Rücken ist schwärzlich, Brust und Kopf rötlich. Sind das nicht die

hauptsächlichen Merkmale unserer Familie? Wer leugnet, daß er eine

Rasenameise ist wie wir alle?«

Bei diesen Feststellungen schwand in Maxens Feinden jedes Gefühl der

Abneigung. Zum Zeichen ihrer Freundschaft umringten sie ihn alle, und

jeder drängte herzu, ihn zu umarmen.

Fuska nahm darauf Max mit sich und redete ihm in ihrer liebevollen

Weise zu:

»Komm ins Haus, du mußt dich von dem ausgestandenen Schrecken erholen.«

In einem abseits gelegenen Kämmerlein angelangt, ließ Max seinem Kummer

freien Lauf, und er klagte:

»O liebe Fuska, ich bin ja gewiß dankbar. Aber wenn du wüßtest, wie

unglücklich ich bin!«

»Nicht doch, beruhige dich nur, liebes Kind.«

»Das ist leicht gesagt, sich beruhigen«, klagte er.

»Wer befreit mich von dem unseligen weißen Wackelfähnlein!«

»Das schadet dir wirklich nichts, glaube mir. Ich hatte es längst

bemerkt; ich fand es unwichtig, und zudem steht es dir ganz nett an.«

»War es denn schon an meinem Ei?« Max besann sich jetzt deutlich,

wie er bei seiner Verwandlung mit letzter Kraft versucht hatte, das

heillose Zipfelchen zu verstecken.

»Schon am Ei sah ich das Ding«, erzählte Fuska. »Dann kam es zum

Vorschein bei Larve und Puppe; jetzt bist du größer geworden und das

Dingelchen ist mit dir gewachsen, doch wie gesagt, es fiel mir gar

nicht weiter auf.«

»Gelt, es ist recht groß geworden?« jammerte Max in neuer Bestürzung.

»Nun ja, aber denke doch nicht darüber nach. Bemühe dich nur, eine

brave Arbeitsameise zu sein, und dann wirst du sehen, wie geehrt du mit

dem weißen Fähnlein sein wirst!« Nach diesen Trostworten verließ Fuska

das Zimmer. Max war nahe daran gewesen, sein Geheimnis der Pflegemutter

anzuvertrauen, aber er ließ sich durch ein gewisses Schamgefühl

abhalten. Aber nun, da er allein war, überkam ihn Schmerz und Kummer

über das herbe Geschick, welches ihn für immer zum Tragen dieser

verhaßten Fahne zwang.

»Nicht einmal als Ameise habe ich mich von diesem verhaßten Stück

meines Hemdes befreien können«, rief er wütend aus. »Als Kind bin ich

von Schwester und Bruder ausgelacht worden, und nun werde ich auch den

Ameisen zum Gespötte sein. Früher war es noch besser! Da konnte ich

wenigstens mit einer Handbewegung das Zipfelchen verstecken, aber nun?

Was tun? Jetzt ist es festgewachsen, und ich muß es immer, immerfort

tragen. Wie oft habe ich mich gewehrt, die alten Höschen zu tragen,

aber Mutter wollte nicht hören, und ...«

Der Gedanke an seine Mutter war ihm, seit er Ameise geworden, plötzlich

zum zweiten Male gekommen und beschäftigte ihn derart, daß er alles

andere darüber vergaß.

»Mütterlein«, murmelte er mit einem tiefen Seufzer. »Armes Mütterlein,

wie lange habe ich dich nicht mehr gesehen, und du weinst jetzt um

deinen kleinen Max. Doch sei ruhig, lieb Mütterlein, und verzeihe mir,

daß ich dir beinahe Vorwürfe gemacht hätte. Immer bist du meine liebe

Mutter, und wenn ich auch eine Ameise geworden bin, so will ich doch

immer dein Kind, dein Max bleiben. Ich habe dich so lieb und möchte

dich so gerne sehen und dir Küsse geben! Wenn ich nur etwas von dir

hätte, das immer bei mir bliebe!

[Illustration]

Ah, schau, das habe ich ja auch! Dieses Fähnlein, das mir jetzt

festgewachsen ist, stammt von Mutters Händen. Um ihr sparen zu helfen,

trug ich die alten Höschen, die immer von neuem zerrissen, und so

trage ich jetzt zum Andenken an meine liebe Mutter das Fähnchen! Wie

bin ich froh, daß es mir geblieben ist! Wer weiß, vielleicht bringt es

mir noch Glück; denn alles, was eine Mutter tut, auch wenn man's nicht

begreift, geschieht zum Besten ihrer Kinder.« Lachend und weinend zog

er jetzt lustig an dem Wackelendchen, das ihm hinten herunterbaumelte

und das dem kleinen Schelm den Namen Butziwackel verschafft hatte.

Zuletzt erleichterte er sein Herz und weinte Freudentränen aus allen

seinen hundertdreiundzwanzig Augen.

14. Ein feindlicher Angriff.

Nach wenigen Tagen war aus Max eine stattliche Ameise geworden.

Sein Körper war kräftig entwickelt, seine Lehrzeit erfolgreich

vollendet. Fuska entließ ihn aus ihrer Pflege und sagte:

»Du hast von mir nichts mehr nötig!«

»Sprich nicht so«, erwiderte Max, »deine Liebe habe ich immer nötig.«

-- Er wußte jetzt auch, daß man bei den Ameisen alle Leute mit »Du«

anspricht, und deshalb ließ er das steife »Sie« fallen. Im täglichen,

lustigen Ringkampfe mit seinen Gefährten war Max sehr kräftig geworden

und in den Turnstunden -- die Ameisen treiben alle gern körperliche

Übungen -- bekam er immer die erste Note. Es ist daher nicht zu

verwundern, wenn die ganze Ameisenfamilie in ihm einen der tüchtigsten

Soldaten sah.

Wenn es galt, gewagte Unternehmungen zu veranstalten oder gefürchtete

Wachtposten zu stehen, wurde stets Max dazu gewählt. Max bildete sich

etwas darauf ein. Eines Tages fand er ein Hanfkörnlein und machte sich

erfinderisch einen Panzer daraus. Er biß oben und unten sowie an jeder

Seite ein Loch hinein, höhlte es aus und schlüpfte wie in einen Küraß

hinein. Die Vorderbeinchen streckte er zu den Armlöchern heraus, und im

Innern des Panzers hielt er das mittlere Beinpaar versteckt.

So sah er, auf den Hinterfüßen stehend, wie ein stolzer Krieger aus.

Eine derartige Uniform hatten die Ameisen nie gesehen, zuerst staunten

sie ihn an; aber bald schenkten sie der Neuheit keine Beachtung mehr.

Gab es doch viel Wichtigeres zu denken.

Ernste Besorgnisse regten sie auf und störten das friedliche Leben des

ruhigen, fleißigen Volkes.

Seit einigen Tagen konnte man in der Nähe öfter fremde Ameisen

bemerken, die sich sehr verdächtig benahmen und schleunigst die Flucht

ergriffen, sobald sie sich beobachtet wußten. Ihr auffallendes Benehmen

konnte nichts Gutes bedeuten. Und wirklich, eines heißen Mittags, als

alle ermüdet im Mittelraum Kühlung suchten, erscholl plötzlich der

Schreckensruf:

»Die Roten Ameisen kommen!«

Es waren die Wachen, die Lärm schlugen. -- Auf diesen Ruf stürzten

viele Ameisen, Max an der Spitze, in den vordersten Gang, während ein

unbeschreibliches Gewimmel im Kinderzimmer losbrach. In höchster Eile

schleppten Hunderte von Pflegeschwestern Eier, Larven und Puppen in die

untersten Räume, um sie der Gefahr zu entreißen. An der engsten Stelle

des Ganges stießen die Kämpfer bereits auf eine eindringende Schar.

Sofort erfaßte Max den Vorteil der Stellung gegenüber dem angreifenden

Feinde. Dieser suchte denn auch vergeblich, sich den Durchbruch zu

erzwingen, denn die Hausgenossen leisteten grimmigen Widerstand.

»Einen Augenblick später«, behauptete Fuska, »und die Feinde wären in

unsere ganze Stadt eingedrungen.«

»Wir stehen wie eine feste Mauer«, schwor Max, indem er einen der

Hauptangreifer zurückdrängte, »hier kommt keiner durch!«

[Illustration]

Trotzdem war er von dem Fortgang des Kampfes unbefriedigt. Festgehalten

konnten in diesem Engpaß die Feinde wohl werden, allein sie wichen auch

nicht wesentlich zurück, und da es in dieser Lage unmöglich war, eine

Entscheidungsschlacht zu liefern, drohte die Sache gefährlich zu werden.

»Es müssen ihrer viele sein«, meinte düster Fuska; »denn wenn sie nicht

von rückwärts Unterstützung hätten, wären sie sicher schon geflohen.«

Max überlegte eine Weile in schweren Gedanken versunken.

»Fuska«, sagte er dann, »willst du die Verteidigung des Ganges

übernehmen?«

»Das ist nicht schwer«, erwiderte sie, »aber so, wie es jetzt ist, kann

der Kampf ein Jahr dauern. Keiner wird nachgeben!«

»Das wollen wir sehen!« rief Max. -- »Genügen dir zwanzig Leute, um den

Feind hier festzuhalten?«

»Das ist mehr als genug!«

»Dann verlaß dich nur auf mich!«

Max befahl zwanzig Ameisen, bei Fuska auszuhalten, und ganz leise, ohne

daß der Feind etwas merkte, führte er ein ganzes Regiment rückwärts zu

dem Gange, den wir von dem Einbringen des Regenwurmes kennen.

Max Butziwackel der Ameisenkaiser: Ein Buch für Kinder und große Leute · 第 3 / 13 段