Ein geschichtliches Studium der Musik ohne alle und jede theoretischen
Kenntnisse möchte wohl unmöglich sein. Selbst der bloße Clavierspieler
kann den Generalbaß schwer entbehren, und kein Lehrer sollte einem
vorgerückten Schüler ein Stück einüben, über dessen innern Bau jener
sich in völliger Unwissenheit befände. Wer gar keine Akkordenlehre
kennt, der spielt meist die Noten wie ein Kind, das ein lateinisches
Gedicht auswendig gelernt hat, ohne dessen Sinn zu kennen. Ein anderes
Gleichniß bezeichnet Dir wohl genauer, was ich meine: ein Maler,
der nicht Anatomie studirt hat, wird nie den menschlichen Körper so
ausdrucksvoll malen, als ein anderer, welcher genau weiß, welche Muskel
sich unter der Haut bewegt. Sogar dem Faltenwurf siehst Du es an, ob der
Maler nur die Oberfläche seines Gegenstandes beobachtet hat. Ganz ebenso
hörst Du aus dem Vortrag des Spielers heraus, ob ihm das Skelett der
Composition bewußt ist oder nicht.
Es giebt zwar große Talente, deren musikalisches Ahnungsvermögen sie ohne
alle Kenntnisse an ein weiteres Ziel führt, als andere Minderbegabte
trotz ihres Wissens erreichen, aber das hebt meine Behauptung nicht auf,
denn was hätten jene =mit= den Kenntnissen erreichen können, was würden
diese =ohne= sie geblieben sein?
Ein Dilettant, der es nur so weit gebracht hat, daß er Musik von der
Schwierigkeit der leichtern Mozartschen Sonaten bewältigen kann, müßte
soviel Generalbaß verstehen, daß er ein Vorspiel oder eine Begleitung zu
einem Liedchen improvisiren und in jede Tonart transponiren könnte. Dieß
ist eine so kleine Anforderung, und doch, wie viel mehr Werth hätte für
Jeden ein solches Können, als das fertigste Spielen eines schweren
Clavierconcerts?
Die Generalbaßstudien, wie ich mir sie für das Bedürfniß junger Mädchen
etwa denke, die der Musik als nur einem Theil ihrer allgemeinen Bildung
wenig Zeit opfern können, dürfen freilich nicht so eingerichtet werden,
daß sie bloß auf dem Papier bleiben, und nach unendlicher Schreiberei
endlich das Resultat eines höchst trockenen Compositionsversuches
erzielt wird. Nein, sogleich auf dem Clavier muß jeder neugewonnene
Akkord praktisch angewendet und, wo er in fremden Compositionen
vorkommt, wieder erkannt werden. Dieß spornt den Trieb, mehr zu wissen,
und mit jedem neueroberten Fußbreit wächst die Freude und das Interesse
an der Musik. Wie verehrungswürdig schauen den Schüler die Räthsel in
den reichhaltigern Kunstwerken an, deren Größe er nun zu ahnen beginnt,
da sein Ariadnefaden nicht mehr ausreicht, um in ihre labyrinthischen
Tiefen einzudringen -- und wie sinkt in seinen Augen alles Seichte und
bloß Aeußerliche, wenn er den ärmlichen Stoff durchschaut, mit dem das
Blendwerk hingestellt wurde! Und das ist schon ein Gewinn, wenn der
Schüler einsieht: hier ist eine Leistung über meinen Horizont, die darf
ich mit meinem Urtheil nicht antasten; oder: jenes gefällt mir zwar,
weil es dem Ohr schmeichelt, aber ich sehe dennoch ein, daß es eine
werthlose Arbeit ist. Ist er sich bewußt, daß ihm etwas Dummes gefallen
und ein Erhabenes fremd bleiben konnte, so quält er den Künstler nicht
mehr mit albernem Kunstgeschwätz, denn dieß ist und bleibt, wie sich der
Schaffende auch darüber hinwegsetzen möge, ein stetes Hemmniß für den
Fortschritt der Musik.
Alles Mathematische ist für die weibliche Natur mit einer besondern
Schwierigkeit verknüpft; darum das Erlahmen der meisten Schülerinnen,
wenn der Generalbaß sie erst in die umgekehrten Contrapunkte führt,
deren Princip der Mann spielend auffaßt. Man muß außerordentlich kleine
Schritte machen und so geduldig sein, wie bei eines Kindes ersten
Redeversuchen.
Laß mich Dir beschreiben, welches Gängelband ich mir ausgesonnen habe,
um das System der verwandten Tonarten jungen Mädchen rasch und leicht
einzuprägen. Ein Rigorist wird es vielleicht verspotten; aber da es sich
mir in unzähligen Fällen praktischer erwiesen hat, als das bisherige aus
den Büchern, so habe ich jedenfalls die Erfahrung für mich.
Zuerst wird eine Tabelle auf Notenpapier von zwölf Systemen linirt, und,
dem Quintenzirkel nachfolgend, jede Tonleiter hineingeschrieben, so daß
_C-dur_ oben anfängt, auf der siebenten Linie _Fis-dur_ mit _Ges-dur_
verwechselt wird und _F-dur_ die unterste Linie beschließt.
Nun wird auf die Prime und die Quinte der Dreiklang gesetzt, vorher
darauf aufmerksam gemacht, daß die Intervalle desselben schon in der
Tonleiter enthalten waren, und oben die Namen Tonica und Dominante
angeschrieben. Damit haben sie das ganze Blatt herunter die Uebersicht
des wichtigen Dominante-Akkords auf der fünften Stufe einer jeden
Tonart. Jetzt müssen sie kleine Stückchen erfinden, in denen bloß diese
beiden Akkorde abwechseln: hierin ist kein Irren möglich; denn wenn sie
nur mit der Tonica anfangen und aufhören, so stimmt es immer. Sie dürfen
zur Abwechselung weite und enge Arpeggien daraus machen, und nichts ist
ihnen verboten, als daß Ober- und Unterstimme in Quinten und Oktaven
fortschritten. Eher dürfen sie keinen Schritt weiter, bis sie darin fest
sind. Die Allerunachtsamste selbst hat sich leicht gemerkt, daß das
einfachste Mittel hierzu ist, mit der rechten Hand herunter zu greifen,
wenn die Linke steigt, und umgekehrt, oder daß die eine Hand einen
kleinen Schritt machen muß, wenn die andere einen großen thut.
So darf man denn bald der Schülerin noch einen dritten Akkord
preisgeben, nämlich den Dreiklang auf der Unterdominante (vierte Stufe
der Tonleiter); der ist wieder leicht zu finden: Tonica in der Mitte,
von da fünf Töne herauf mit der Linken zur Dominante, oder vom ersten
Ausgangspunkt fünf Töne zurück zur Unterdominante. Ueberhaupt darf die
Linke, bis die verwandten Tonarten der Tabelle sämmtlich vorgekommen
sind, nichts greifen als den Grundbaßton. Alle Umkehrungen verwirren
die Anfängerinnen, ehe sie alle Dreiklänge in ihrer ersten natürlichen
Gestalt mit den verschiedenen =Lagen= sich fest eingeprägt haben. Fällt
ihnen keine neue Form mehr ein, um aus jenen drei Akkorden ein Sätzchen
zu bauen, so muß der Lehrer ihnen nachhelfen und ihnen irgend eine neue
Figur innerhalb derselben zeigen.
Fast die meisten Volkslieder lassen sich mit diesen drei Akkorden
begleiten, und thut man gar einen Mollakkord hinzu, so ist ja beinahe
der Stoff vorhanden, um eine ganze italienische Oper zu machen.
Der nächste Akkord, den man in den Kreis mit hineinzieht, ist am
besten: der Dreiklang auf der sechsten Stufe der Tonleiter, dem man die
Ueberschrift: Parallel-Tonart, giebt, denn unter diesem Namen kennen
ihn die Schülerinnen schon vom ersten Erlernen der Tonleiter auf dem
Claviere her. Dieser Akkord paßt wieder überall hin, und zwischen jedem
der vorherigen harten, strengen Dreiklänge, bildet er ein weiches,
weiblich vermittelndes Element. Will man schnell vorwärts kommen, so
lasse man die Schülerinnen die alten Figuren wieder anbringen, denen ja
ohnehin durch das Hinzutreten der Molltonart nun eine frische
Mannigfaltigkeit zugewachsen ist.
In dieser Weise fährt man ruhig fort, jeden neu hinzugekommenen Akkord
durch alle Tonarten anbringen zu lassen, wobei man, wie oben erwähnt
wurde, Alles, nur keine Quinten- und Oktavenfortschreitungen zwischen
Ober- und Unterstimme dulden darf. Nach der Parallel-Tonart läßt sich
am leichtesten der weiche Dreiklang auf der zweiten Stufe der Tonleiter
einflechten, zuletzt, als der schwierigste, der auf der dritten Stufe
(Mediante). Man mache den Schüler darauf aufmerksam, daß dieser am
natürlichsten nach der Dominante, mit der er am nächsten verwandt ist,
angebracht werden kann.
Ist dieser Gang vollendet, und das geht bei einer Schülerin, die nur
irgend musikalisches Gehör hat, in einem Monat reichlich, so macht sie
von selbst keine Quinten- und Oktavenfortschreitungen mehr.
Lehrst Du sie nun noch den Hauptseptimen-Akkord richtig anbringen und
auflösen, so kann sie sich für alle Dilettantenbedürfnisse selbst
helfen. Hat sie den Trieb, weiter zu gehen, so füge der Tabelle die
Umkehrungen der Akkorde bei, und lehre sie dieselben ebenso, wie das
Vorige, nach und nach behandeln, wobei Du aber ohne schriftliche
Aufgaben zugleich nicht fertig werden wirst. Dann mündet die Sache
ferner vollständig in den Generalbaß ein, in die Kenntniß sämmtlicher
Akkorde, Vorhalte, Modulationen u. s. w., wozu ein dilettirendes
Frauenzimmer keine Zeit hat, und im Fall sie es auch lernte, wenn ihr
die Schöpferkraft fehlt, nichts damit zu machen wüßte. Sehr besonnenen
Naturen kann man höchstens die verschiedenen leitereigenen
Septimenakkorde noch beibringen.
Großen Talenten wird nach diesem Vorhergehenden die vollständige Theorie
ein unerläßliches Bedürfniß werden. Aber der Lehrer darf nicht außer
Acht lassen, welchen Schnitt in alles Lernen der Frauen die Heirath
macht. Diese Rücksicht allein schon macht es nöthig, für Dilettantinnen
bestimmte Stufen anzuordnen, auf denen es möglich ist, sich so
festzustellen, daß sie im Laufe des Lebens das Erlernte nicht mehr
verlieren können.