Ein Zuwachs an musicirenden Individuen wäre der Kunstwelt jetzt
eigentlich weniger vonnöthen, als eine Vermehrung derjenigen, die Musik
wahrhaft zu genießen und zu beurtheilen verstünden. Seit Anbeginn der
Musikgeschichte ist man dasselbe Geschwätz von den Dilettanten gewöhnt,
daß mit irgend einem Götzen der Gipfel erreicht sei, und daß die
Modernen nicht mehr komponiren könnten. Schade, daß durch diese
musikalische Kleinstädterei so manches Talent zu Tode gedrückt wird.
Alle, welche unfähig sind, die Kunst im Ganzen und Großen zu überschauen,
heften sich an die Namen berühmter Personen. Die sogenannten Leitkenner
in den kleinen Städten, denen das Publikum blindlings nachplaudert,
kreiren sich gewöhnlich ein paar musikalische Honoratioren, worunter
Beethoven stets obenan stehen muß, mit denen sie es allein für schicklich
halten, umzugehen, und jeder Musiker büßt bei ihnen an Vornehmheit ein,
der die musikalische Menschheit daneben in ihrer Würde bestehen läßt. Sie
pflegen sehr salbungsvoll von den vielen »=falschen Quinten=« zu reden,
die man bei den modernen Componisten finden soll, indem ihnen etwas
vorschwebt, was sie einmal von zwei =reinen= Quintenfortschreitungen
gehört haben. Die Kinder der »Leitkenner« werden in dieser komischen
Hochnäsigkeit geboren und erzogen und wollen schon, ehe sie die
Tonleitern begriffen haben, die _Sonate pathétique_ spielen.
Damit die folgende Generation nicht denselben Alpdruck vererbt erhalte,
unter dem wir während unseres Strebens geseufzt haben, wäre es das beste
Mittel, die Kenntniß der Musikgeschichte in weitern Kreisen einzuführen.
Nicht die genauen Kenner des Alten sind es, die sich feindselig dem
Neuen entgegenstemmen, sondern immer die Unwissenden und Nichtskönner.
Die Leute, die am heftigsten auf den Sebastian Bach schwören, und
vorgeben, nichts lieber als eine Fuge zu hören, sind die, welche, wenn
man ihnen ein Vorspiel nebst Fuge aus dem wohltemperirten Clavier
spielt, ganz ernsthaft sagen: »die =erste= Fuge hat mir am besten
gefallen, die =zweite= war nicht so schön.«
Unter der vermeintlichen ersten Fuge verstehen sie das Vorspiel, welches
sie seiner populären Läufe wegen besser begreifen, als die wirkliche
Fuge. Dieß Curiosum ist mir fast jedesmal vorgekommen, wenn ich einem
Leitkenner ein Präludium nebst Fuge von Bach vorspielte.
Tadelst Du das Mindeste an einer Beethoven'schen Composition aus den
triftigsten Gründen, so sind sie unverschämt genug, Dir vorzuhalten, daß
erst die künftige Generation befähigt sein werde, diesen Meister ganz zu
verstehen; spielst Du ihnen aber ein wenig bekanntes Stück des großen
Meisters anonym vor, so finden sie es »sehr trivial«.
Das Alles zerfällt in sich selbst, wenn man den geschichtlichen Gang der
Musik verfolgt. Wie oft zeigen uns die vergangenen Jahrhunderte einen
scheinbaren obersten Höhepunkt, von dem aus die Zeitgenossen kein
Aufwärts mehr annehmen, und wie hat das folgende Jahrhundert stets
solchen Aberglauben zu Schanden gemacht! Eben so sicher ist es, daß der
Geist, den ein Componist am frappantesten darstellt, Geist einer ganzen
Epoche ist, und daß sich beide in steter Wechselwirkung gegenseitig
anregen.
Wollen wir ein gerechtes Urtheil über einen Meister, so müssen wir die
Werke seiner Zeitgenossen und die verbindenden Glieder, die eine Epoche
an die andere knüpfen, eben so gründlich studiren, als die Werke, die
ausschließlich seinen Namen tragen. Es verschwindet uns dann freilich
der Nimbus eines einzelnen Hauptes, aber wir gewinnen dafür ein Ganzes
und Allgemeines.
Du wirst mir entgegnen, daß die Zeit eines Schülers, der die Musik
als ein Nebenfach betreibt, nicht ausreiche, ihm einen Ueberblick über
deren Gesammtgebiet zu verschaffen, ohne seine Fortschritte im Spielen
zu schmälern. Indeß bedenke, daß es wichtiger ist, den Schüler zu
einem wirklich musikalischen Menschen zu bilden, als die Zahl
der Claviervirtuosen zu vermehren, denn diese sind nächst den
Bravoursängern wohl die unmusikalischsten Personen auf der Welt.
Ein Claviervirtuose verbraucht fast alle seine Zeit, um die
Geschwindigkeit der Finger zu erlangen, welche zu seinen unaussprechlich
schweren und sonst völlig werthlosen Kunststücken nöthig ist. Daneben
erwirbt er sich selten Verständniß und Urtheil, denn durch den
ausschließlichen Verkehr mit dem Allerkleinlichsten der Kunst, wird
er stumpf und gleichgültig gegen ihr Höchstes, wenn es ihm einmal
entgegentritt. Solche bloßen Techniker sind meist die eitelsten,
fadesten, unleidlichsten Personen, denen sich der ganze Sternenhimmel
nur um ihre Läufe und Triller zu drehen scheint. Der erhabenste Gedanke
läßt sie kalt, weil er nicht in Vierundsechzigsteln ausgedrückt ist,
und sie halten Jeden für einen Heuchler, der eine so einfache Musik
entzückend findet. Ueber die Entstehung der Musik, ihre Entwicklung,
ihren Zusammenhang mit den andern Erscheinungen auf künstlerischen
Gebieten haben sie nie nachgedacht -- genug für sie, daß das Clavier
erfunden ist; damit ist ihre Wißbegier hinlänglich gestillt. Mir sind
concertgebende Virtuosen vorgekommen, die den Namen =Händel= nie gehört
hatten. Einer, welcher in der Meinung war, es sei ein neuer Componist,
äußerte, als er zuerst eine seiner Compositionen hörte: dieser junge
Mann werde wohl wenig Glück in der Welt machen.
Wenn Jeder, der täglich ein paar Stunden auf die musikalische Technik
wendet, davon nur eine halbe dem Studium der Geschichte seiner Kunst
zuwendete, so würde sich die kleine Einbuße an Fingergeschwindigkeit
reichlich belohnen. Unsere Dilettanten sollten doch einsehen, wie
lächerlich es ist, den Virtuosen nachzuäffen, und lieber ihren Ehrgeiz
auf den wissenschaftlichen Theil der Musik richten.
Wer aber weiter nichts will, als ein paar Clavierstücke spielen lernen,
der sollte sich mindestens allen Urtheilens und Mitsprechens enthalten,
um nicht eine unsäglich lächerliche Figur abzugeben.