VI.

Ein Zuwachs an musicirenden Individuen wäre der Kunstwelt jetzt

eigentlich weniger vonnöthen, als eine Vermehrung derjenigen, die Musik

wahrhaft zu genießen und zu beurtheilen verstünden. Seit Anbeginn der

Musikgeschichte ist man dasselbe Geschwätz von den Dilettanten gewöhnt,

daß mit irgend einem Götzen der Gipfel erreicht sei, und daß die

Modernen nicht mehr komponiren könnten. Schade, daß durch diese

musikalische Kleinstädterei so manches Talent zu Tode gedrückt wird.

Alle, welche unfähig sind, die Kunst im Ganzen und Großen zu überschauen,

heften sich an die Namen berühmter Personen. Die sogenannten Leitkenner

in den kleinen Städten, denen das Publikum blindlings nachplaudert,

kreiren sich gewöhnlich ein paar musikalische Honoratioren, worunter

Beethoven stets obenan stehen muß, mit denen sie es allein für schicklich

halten, umzugehen, und jeder Musiker büßt bei ihnen an Vornehmheit ein,

der die musikalische Menschheit daneben in ihrer Würde bestehen läßt. Sie

pflegen sehr salbungsvoll von den vielen »=falschen Quinten=« zu reden,

die man bei den modernen Componisten finden soll, indem ihnen etwas

vorschwebt, was sie einmal von zwei =reinen= Quintenfortschreitungen

gehört haben. Die Kinder der »Leitkenner« werden in dieser komischen

Hochnäsigkeit geboren und erzogen und wollen schon, ehe sie die

Tonleitern begriffen haben, die _Sonate pathétique_ spielen.

Damit die folgende Generation nicht denselben Alpdruck vererbt erhalte,

unter dem wir während unseres Strebens geseufzt haben, wäre es das beste

Mittel, die Kenntniß der Musikgeschichte in weitern Kreisen einzuführen.

Nicht die genauen Kenner des Alten sind es, die sich feindselig dem

Neuen entgegenstemmen, sondern immer die Unwissenden und Nichtskönner.

Die Leute, die am heftigsten auf den Sebastian Bach schwören, und

vorgeben, nichts lieber als eine Fuge zu hören, sind die, welche, wenn

man ihnen ein Vorspiel nebst Fuge aus dem wohltemperirten Clavier

spielt, ganz ernsthaft sagen: »die =erste= Fuge hat mir am besten

gefallen, die =zweite= war nicht so schön.«

Unter der vermeintlichen ersten Fuge verstehen sie das Vorspiel, welches

sie seiner populären Läufe wegen besser begreifen, als die wirkliche

Fuge. Dieß Curiosum ist mir fast jedesmal vorgekommen, wenn ich einem

Leitkenner ein Präludium nebst Fuge von Bach vorspielte.

Tadelst Du das Mindeste an einer Beethoven'schen Composition aus den

triftigsten Gründen, so sind sie unverschämt genug, Dir vorzuhalten, daß

erst die künftige Generation befähigt sein werde, diesen Meister ganz zu

verstehen; spielst Du ihnen aber ein wenig bekanntes Stück des großen

Meisters anonym vor, so finden sie es »sehr trivial«.

Das Alles zerfällt in sich selbst, wenn man den geschichtlichen Gang der

Musik verfolgt. Wie oft zeigen uns die vergangenen Jahrhunderte einen

scheinbaren obersten Höhepunkt, von dem aus die Zeitgenossen kein

Aufwärts mehr annehmen, und wie hat das folgende Jahrhundert stets

solchen Aberglauben zu Schanden gemacht! Eben so sicher ist es, daß der

Geist, den ein Componist am frappantesten darstellt, Geist einer ganzen

Epoche ist, und daß sich beide in steter Wechselwirkung gegenseitig

anregen.

Wollen wir ein gerechtes Urtheil über einen Meister, so müssen wir die

Werke seiner Zeitgenossen und die verbindenden Glieder, die eine Epoche

an die andere knüpfen, eben so gründlich studiren, als die Werke, die

ausschließlich seinen Namen tragen. Es verschwindet uns dann freilich

der Nimbus eines einzelnen Hauptes, aber wir gewinnen dafür ein Ganzes

und Allgemeines.

Du wirst mir entgegnen, daß die Zeit eines Schülers, der die Musik

als ein Nebenfach betreibt, nicht ausreiche, ihm einen Ueberblick über

deren Gesammtgebiet zu verschaffen, ohne seine Fortschritte im Spielen

zu schmälern. Indeß bedenke, daß es wichtiger ist, den Schüler zu

einem wirklich musikalischen Menschen zu bilden, als die Zahl

der Claviervirtuosen zu vermehren, denn diese sind nächst den

Bravoursängern wohl die unmusikalischsten Personen auf der Welt.

Ein Claviervirtuose verbraucht fast alle seine Zeit, um die

Geschwindigkeit der Finger zu erlangen, welche zu seinen unaussprechlich

schweren und sonst völlig werthlosen Kunststücken nöthig ist. Daneben

erwirbt er sich selten Verständniß und Urtheil, denn durch den

ausschließlichen Verkehr mit dem Allerkleinlichsten der Kunst, wird

er stumpf und gleichgültig gegen ihr Höchstes, wenn es ihm einmal

entgegentritt. Solche bloßen Techniker sind meist die eitelsten,

fadesten, unleidlichsten Personen, denen sich der ganze Sternenhimmel

nur um ihre Läufe und Triller zu drehen scheint. Der erhabenste Gedanke

läßt sie kalt, weil er nicht in Vierundsechzigsteln ausgedrückt ist,

und sie halten Jeden für einen Heuchler, der eine so einfache Musik

entzückend findet. Ueber die Entstehung der Musik, ihre Entwicklung,

ihren Zusammenhang mit den andern Erscheinungen auf künstlerischen

Gebieten haben sie nie nachgedacht -- genug für sie, daß das Clavier

erfunden ist; damit ist ihre Wißbegier hinlänglich gestillt. Mir sind

concertgebende Virtuosen vorgekommen, die den Namen =Händel= nie gehört

hatten. Einer, welcher in der Meinung war, es sei ein neuer Componist,

äußerte, als er zuerst eine seiner Compositionen hörte: dieser junge

Mann werde wohl wenig Glück in der Welt machen.

Wenn Jeder, der täglich ein paar Stunden auf die musikalische Technik

wendet, davon nur eine halbe dem Studium der Geschichte seiner Kunst

zuwendete, so würde sich die kleine Einbuße an Fingergeschwindigkeit

reichlich belohnen. Unsere Dilettanten sollten doch einsehen, wie

lächerlich es ist, den Virtuosen nachzuäffen, und lieber ihren Ehrgeiz

auf den wissenschaftlichen Theil der Musik richten.

Wer aber weiter nichts will, als ein paar Clavierstücke spielen lernen,

der sollte sich mindestens allen Urtheilens und Mitsprechens enthalten,

um nicht eine unsäglich lächerliche Figur abzugeben.

Acht Briefe an eine Freundin über Clavier-Unterricht · 第 6 / 8 题