V.

An eine Erwähnung zu Anfang meines vorigen Briefes nochmals anknüpfend,

spreche ich es als meine besondere Meinung aus, daß alle nicht von Natur

musikalisch organisirten Personen besser das Singen und Spielen bleiben

ließen, als uns arme Clavierlehrer zu Märtyrern der Geduld zu machen.

Warum gerade die Musik eine so ausschließliche gesellschaftliche Mode

geworden ist, begreife ich nicht. Ein gebildetes Haus, in dem kein Clavier

stünde, gälte für eine Unmöglichkeit. Mädchen, die kein Gedicht richtig

vorlesen können, lernen dennoch singen. Kaum, daß man eine Gesellschaft

besuchen kann, ohne Musik ausstehen zu müssen, und was für entsetzliche

Musik! Musik=freunde= und Musik=feinde= werden gleich empfindlich durch

den Anblick eines geöffneten Claviers mit zwei Lichtern darauf berührt,

wenn sie einen Salon zur Erholung betreten. Dieß Musiciren zwischen der

Unterhaltung ist eine auflösende Säure für das Gespräch. Hat man zum

Glück einen verstehenden Menschen gefunden, mit dem man die höchsten

Interessen durchsprechen kann, drängen sich einem die Gedanken in Fülle

entgegen zu wechselseitigem Austausch, so schneidet uns die anregendste

Mittheilung plötzlich der Schreckensruf ab: »Von der Alpe tönt das

Horn.«

Du bezwingst Deine Ungeduld, hörst das hundertmal gehörte Lied mit

verbissenem Ingrimm zu Ende, und nimmst das vorige Thema wieder auf. Ehe

Du Deinem Freunde eine Lebensfrage bündig beantworten konntest, ergeht

an Dich schon die andere vom Clavier her: »Mein Herz, ich will dich

fragen, was ist die Liebe? sag!«

Du verlierst endlich alle Lust, an ein so zerstückeltes Gespräch die

mindeste Aufmerksamkeit zu wenden, und lässest alles indolent an Dich

herankommen, Geklimper und Geschwätz, Thee und Kuchen, wie es fällt.

Eine Hauptursache der Geistlosigkeit unserer meisten deutschen

Gesellschaften ist dieß unausstehliche Musiciren, das man den Leuten

aufdringt, ohne zu fragen, ob sie Geschmack daran finden. Wenn Jemand

Musik hören will, so gehe er ins Concert, und wenn er Conversation

sucht, in Gesellschaft. Wie tückisch ist es nun, einen mit der Aussicht

auf Conversation in eine Gesellschaft zu locken, und ihn dann zu

zwingen, Musik anzuhören. Das Geringste wäre doch, es einem vorher

ehrlich zu sagen, es wird Musik gemacht, damit man seine Ohren weit

genug flüchten kann.

Der Musiker, der täglich in dem Traumleben von Klängen befangen ist,

bedarf zu seiner Erholung eines totalen Heraustretens aus dieser Sphäre

geistiger Dämmerung in die sonnenhellen Regionen des Verstandes, wo der

Gedanke am Gedanken die elektrischen Funken schlägt. Welch ein Genuß ist

eine wohlgeordnete, sich wie ein Kunstwerk entwickelnde Conversation!

In höchster Virtuosität verstehen wohl nur die Franzosen sie zu führen,

und darum müssen wir auch den Namen selbst ihrer Sprache entlehnen. Daß

unsere »=Unterhaltung=« die Sache nicht genau bezeichnet, beweist sich

schon aus dem Mißbrauch, musikalische Abendunterhaltungen an ihre Stelle

zu setzen. Wie nothwendig bedürften viele Frauen dieser Kunst der

edleren Conversation, die den klaren Blick über alle Zustände schärft!

Statt dessen sitzen sie schweigend mit ihren Strickzeugen in der

Gesellschaft, und lassen die Musik nur eben auf ihre Sinne wirken, um

des Denkens überhoben zu sein. Diejenigen, die noch eine Stufe tiefer

stehen, schwatzen zwischen der Musik Allotria, und betrachten sie in

unbegreiflicher Rohheit nur als ein Mittel, um die Pausen zu verdecken,

die etwa im Gespräch entstehen könnten. Gesellschaft und Musik stehen

jetzt wie Staat und Kirche; mit beiden kann es nur besser werden, wenn

sie scharf gesondert bleiben.

Muß die Geselligkeit durchaus die Allianz irgend einer Kunst suchen,

um sich über das Gemeine emporzuheben, so wähle sie doch lieber die

der Conversation analogere Poesie als die Musik. Wie unbekannt bleiben

unsere größten lyrischen Dichter im Verhältniß zu den geringsten

Liedercomponisten! Rein darum, weil die Sitte unsern Damen nur

gestattet, singend, nicht aber sprechend sich vor größern Kreisen zu

produciren. Wie viel mehr bildend würde die Poesie in alle Kanäle

dringen, wenn sich die Frauenwelt mit gleichem Eifer ihrer Verbreitung

annehmen wollte, als sie es bisher mit der Musik gethan!

Sonderbar, daß ein junges Mädchen sich nicht scheut, vor Hunderten zu

singen, aber vor Zittern und Beben in der kleinsten Gesellschaft kein

Gedicht recitiren könnte.

Und doch, wie schlecht kennen die Mädchen hier ihren Vortheil! Die Wahl

des Lieblingsdichters und der Ton der Stimme, mit der sie seine Verse

sprächen, vergönnte ihnen einen unmittelbareren Seelenerguß, als die

geheimnißvolle Tonsprache, die so Wenige zu deuten verstehen.

Ihre eignen Gefühle idealisch darzustellen, ist angebornes Bedürfniß

jeder Mädchenseele. Daher dieser Drang zu singen, selbst wo Stimme und

Talent fehlen. Nun kömmt noch ein äußerer Impuls hinzu, der, wie ich

fürchte, häufig die Schuld trägt, daß Mädchen ohne inneren Beruf zur

Musik sich dennoch in ihren Tempel drängen: ich meine, daß wir so

vorherrschend im musikalischen Zeitalter leben, daß singende und

clavierspielende Mädchen sich vor ihren nicht musicirenden Schwestern

eines ungerechten Vorzugs erfreuen. Sie werden schon in frühester Jugend

in größere Kreise gezogen, mehr beachtet, und verheirathen sich eher als

andere, deren Eigenschaften unbemerkt bleiben. Mädchen von kaltem

Gemüthe erscheinen oft seelenvoller als andere, weil sie wohleinstudirte

Empfindungen mit einer melodischen Stimme ausdrücken, zu denen sie

selbst gar nicht befähigt sind. Andere, die sich nicht mit diesem

Blendwerk umgeben können, haben vielleicht tiefes Gefühl, aber ihre

unmusikalischen Laute lassen es wie eine bittere Ironie erscheinen.

Die Letztern müßten zu ihrem eignen Wohl nothwendig aus der Musik

ausgeschieden und zu Vertreterinnen der Redekunst angewiesen werden.

Du wirst diesen Brief eine seltsame Abschweifung nennen, indem ich,

während ich versprach, Dich auf der Bahn des musikalischen Unterrichts

zu fördern, mich auch einmal =gegen= die Musik erkläre. Aber ich weiß,

daß durch die vielen ungehörigen Elemente unsere Kunst nur zerfressen

wird, und ich möchte jede Mutter warnen, aus bloßer Modesucht einen

Theil der Lebenszeit ihres Kindes dem Erlernen derselben aufzuopfern,

wenn es nicht natürliches Talent oder große Vorliebe dafür äußert.

Acht Briefe an eine Freundin über Clavier-Unterricht · 第 5 / 8 题