An eine Erwähnung zu Anfang meines vorigen Briefes nochmals anknüpfend,
spreche ich es als meine besondere Meinung aus, daß alle nicht von Natur
musikalisch organisirten Personen besser das Singen und Spielen bleiben
ließen, als uns arme Clavierlehrer zu Märtyrern der Geduld zu machen.
Warum gerade die Musik eine so ausschließliche gesellschaftliche Mode
geworden ist, begreife ich nicht. Ein gebildetes Haus, in dem kein Clavier
stünde, gälte für eine Unmöglichkeit. Mädchen, die kein Gedicht richtig
vorlesen können, lernen dennoch singen. Kaum, daß man eine Gesellschaft
besuchen kann, ohne Musik ausstehen zu müssen, und was für entsetzliche
Musik! Musik=freunde= und Musik=feinde= werden gleich empfindlich durch
den Anblick eines geöffneten Claviers mit zwei Lichtern darauf berührt,
wenn sie einen Salon zur Erholung betreten. Dieß Musiciren zwischen der
Unterhaltung ist eine auflösende Säure für das Gespräch. Hat man zum
Glück einen verstehenden Menschen gefunden, mit dem man die höchsten
Interessen durchsprechen kann, drängen sich einem die Gedanken in Fülle
entgegen zu wechselseitigem Austausch, so schneidet uns die anregendste
Mittheilung plötzlich der Schreckensruf ab: »Von der Alpe tönt das
Horn.«
Du bezwingst Deine Ungeduld, hörst das hundertmal gehörte Lied mit
verbissenem Ingrimm zu Ende, und nimmst das vorige Thema wieder auf. Ehe
Du Deinem Freunde eine Lebensfrage bündig beantworten konntest, ergeht
an Dich schon die andere vom Clavier her: »Mein Herz, ich will dich
fragen, was ist die Liebe? sag!«
Du verlierst endlich alle Lust, an ein so zerstückeltes Gespräch die
mindeste Aufmerksamkeit zu wenden, und lässest alles indolent an Dich
herankommen, Geklimper und Geschwätz, Thee und Kuchen, wie es fällt.
Eine Hauptursache der Geistlosigkeit unserer meisten deutschen
Gesellschaften ist dieß unausstehliche Musiciren, das man den Leuten
aufdringt, ohne zu fragen, ob sie Geschmack daran finden. Wenn Jemand
Musik hören will, so gehe er ins Concert, und wenn er Conversation
sucht, in Gesellschaft. Wie tückisch ist es nun, einen mit der Aussicht
auf Conversation in eine Gesellschaft zu locken, und ihn dann zu
zwingen, Musik anzuhören. Das Geringste wäre doch, es einem vorher
ehrlich zu sagen, es wird Musik gemacht, damit man seine Ohren weit
genug flüchten kann.
Der Musiker, der täglich in dem Traumleben von Klängen befangen ist,
bedarf zu seiner Erholung eines totalen Heraustretens aus dieser Sphäre
geistiger Dämmerung in die sonnenhellen Regionen des Verstandes, wo der
Gedanke am Gedanken die elektrischen Funken schlägt. Welch ein Genuß ist
eine wohlgeordnete, sich wie ein Kunstwerk entwickelnde Conversation!
In höchster Virtuosität verstehen wohl nur die Franzosen sie zu führen,
und darum müssen wir auch den Namen selbst ihrer Sprache entlehnen. Daß
unsere »=Unterhaltung=« die Sache nicht genau bezeichnet, beweist sich
schon aus dem Mißbrauch, musikalische Abendunterhaltungen an ihre Stelle
zu setzen. Wie nothwendig bedürften viele Frauen dieser Kunst der
edleren Conversation, die den klaren Blick über alle Zustände schärft!
Statt dessen sitzen sie schweigend mit ihren Strickzeugen in der
Gesellschaft, und lassen die Musik nur eben auf ihre Sinne wirken, um
des Denkens überhoben zu sein. Diejenigen, die noch eine Stufe tiefer
stehen, schwatzen zwischen der Musik Allotria, und betrachten sie in
unbegreiflicher Rohheit nur als ein Mittel, um die Pausen zu verdecken,
die etwa im Gespräch entstehen könnten. Gesellschaft und Musik stehen
jetzt wie Staat und Kirche; mit beiden kann es nur besser werden, wenn
sie scharf gesondert bleiben.
Muß die Geselligkeit durchaus die Allianz irgend einer Kunst suchen,
um sich über das Gemeine emporzuheben, so wähle sie doch lieber die
der Conversation analogere Poesie als die Musik. Wie unbekannt bleiben
unsere größten lyrischen Dichter im Verhältniß zu den geringsten
Liedercomponisten! Rein darum, weil die Sitte unsern Damen nur
gestattet, singend, nicht aber sprechend sich vor größern Kreisen zu
produciren. Wie viel mehr bildend würde die Poesie in alle Kanäle
dringen, wenn sich die Frauenwelt mit gleichem Eifer ihrer Verbreitung
annehmen wollte, als sie es bisher mit der Musik gethan!
Sonderbar, daß ein junges Mädchen sich nicht scheut, vor Hunderten zu
singen, aber vor Zittern und Beben in der kleinsten Gesellschaft kein
Gedicht recitiren könnte.
Und doch, wie schlecht kennen die Mädchen hier ihren Vortheil! Die Wahl
des Lieblingsdichters und der Ton der Stimme, mit der sie seine Verse
sprächen, vergönnte ihnen einen unmittelbareren Seelenerguß, als die
geheimnißvolle Tonsprache, die so Wenige zu deuten verstehen.
Ihre eignen Gefühle idealisch darzustellen, ist angebornes Bedürfniß
jeder Mädchenseele. Daher dieser Drang zu singen, selbst wo Stimme und
Talent fehlen. Nun kömmt noch ein äußerer Impuls hinzu, der, wie ich
fürchte, häufig die Schuld trägt, daß Mädchen ohne inneren Beruf zur
Musik sich dennoch in ihren Tempel drängen: ich meine, daß wir so
vorherrschend im musikalischen Zeitalter leben, daß singende und
clavierspielende Mädchen sich vor ihren nicht musicirenden Schwestern
eines ungerechten Vorzugs erfreuen. Sie werden schon in frühester Jugend
in größere Kreise gezogen, mehr beachtet, und verheirathen sich eher als
andere, deren Eigenschaften unbemerkt bleiben. Mädchen von kaltem
Gemüthe erscheinen oft seelenvoller als andere, weil sie wohleinstudirte
Empfindungen mit einer melodischen Stimme ausdrücken, zu denen sie
selbst gar nicht befähigt sind. Andere, die sich nicht mit diesem
Blendwerk umgeben können, haben vielleicht tiefes Gefühl, aber ihre
unmusikalischen Laute lassen es wie eine bittere Ironie erscheinen.
Die Letztern müßten zu ihrem eignen Wohl nothwendig aus der Musik
ausgeschieden und zu Vertreterinnen der Redekunst angewiesen werden.
Du wirst diesen Brief eine seltsame Abschweifung nennen, indem ich,
während ich versprach, Dich auf der Bahn des musikalischen Unterrichts
zu fördern, mich auch einmal =gegen= die Musik erkläre. Aber ich weiß,
daß durch die vielen ungehörigen Elemente unsere Kunst nur zerfressen
wird, und ich möchte jede Mutter warnen, aus bloßer Modesucht einen
Theil der Lebenszeit ihres Kindes dem Erlernen derselben aufzuopfern,
wenn es nicht natürliches Talent oder große Vorliebe dafür äußert.