IV.

Mit Gefühl spielen! Wie soll man die bezeichnenden Worte finden, um dem

Schüler diesen vagen Ausdruck begreiflich zu machen. Ein Gesanglehrer

hat es leicht, da der Text der Gesänge den besten Commentar für die

Melodie abgiebt. Bei der Instrumentalmusik können wir hingegen nur

gleichnißweise die Poesie benützen, um sie demjenigen näher zu bringen,

der nicht Musik =als= Musik begreift, sondern den sie erst dann recht

interessirt, wenn sie noch nebenher etwas Anderes bedeutet.

Es ist nun die Aufgabe des gebildeteren Musiklehrers, erwachsenen

Schülern gegenüber diejenige Bezeichnung zu errathen, für welche ihre

Subjektivität am empfänglichsten ist. Die Musik, sich äußernd in der

Form des Clavierspiels, hält man in unsern Tagen fast unerläßlich zur

Bildung einer jungen Dame der mittlern und höhern Stände. Ob mit Recht,

darüber will ich Dir ein anderesmal mein Glaubensbekenntniß aussprechen.

Genug, Talentvolle und Talentlose lernen jahrelang Clavier, und sie

fordern natürlich, daß es der Lehrer mit einer Kunstfertigkeit

gewissenhaft nehme, der sie so große Opfer bringen. Alle wünschen »mit

Gefühl« zu spielen, und doch liegt es schon im Worte »Gefühl,« daß man

es nicht lernen kann, wenn es einem nicht gegeben ist. Setzt man

indessen das Wort: »mit Verständniß« spielen, an die Stelle, so zeigt

sich, daß dieß vom Lehrer dem Schüler übertragen werden kann. Es sind

Mittel vorhanden, um eine bestimmte Empfindung im musikalischen Vortrage

darzustellen. _Legato_, _staccato_, _forte_, _piano_, und vor Allem der

oratorische Accent dienen dazu. Wo diese vom Componisten vorgeschrieben

stehn, reicht es hin, den Schüler daran zu erinnern, daß er solche

Zeichen treu beobachtet. Aber es ist unmöglich, daß ein Componist jeder

Note den Grad des Sforzando beifügte, ohne daß von der Masse der Zeichen

unser Auge völlig verwirrt würde. Also kommen wir doch wieder auf das

»Gefühl« zurück, welches uns eingiebt, wie stark wir betonen =dürfen=,

ohne daß die Grazie verletzt werde, wie stark wir betonen müssen, um die

dem Tonstück innewohnende Leidenschaft zur Anschauung zu bringen.

Oft kommen in Einem Takt mehrere oratorische Accente nach einander vor,

von denen jeder einen andern Grad der Betonung erhalten muß. Während

das Wesen des grammatischen Accents regelmäßige Wiederkehr ist, und der

Schüler ihn deßhalb bald begreift, giebt das Unvermuthete, Regellose im

Charakter des Oratorischen dem Lehrer keinen Anhaltspunkt, ihn dem

Schüler so zu bezeichnen, daß er ihn beim nächstenmal selbst herausfindet.

Am ehesten ist er ihm durch eine Analogie mit der Deklamation verständlich

zu machen.

Vom Lehrer setze ich voraus, daß ihm die Tonsprache aufgeschlossen sein

muß. Ist er aber eine noch so innerlich musikalische Natur, die ganz in

Tönen denkt und empfindet, so kommt davon nichts seinem Schüler zu Gute,

wenn er nicht seine innern Anschauungen mitzutheilen weiß. Er muß sich

also neben der musikalischen auch eine allgemeine Bildung, vor allem

seinem Redevortrag die äußerste Klarheit und Sicherheit aneignen. Er muß

Geistesgegenwart genug haben, um für jedes Musikstück sofort eine Analogie

zu finden, die es dem Schüler faßlich macht. Er muß in seinem Gedächtniß

passende Dichterworte bereit haben, um sie mit einer Musikstelle zu

vergleichen, bei der er die oratorischen Accente aufweisen soll.

Bei sehr talentvollen Schülern sind diese Umständlichkeiten kaum

erforderlich; bei talentlosen prallen sie sogar meist ab. Aber zwischen

talent=voll= und talent=los= giebt es eine lange Reihe von Abstufungen,

für welche eine und dieselbe Methode nicht ausreicht. Nimm nur eine

Verschiedenheit als Beispiel an.

Eine Schülerin, die treffliches Gehör und Taktgefühl, eine leichte Hand

und dabei nur Sinn für die oberflächlichsten Walzerkompositionen besitzt;

eine andere, der die Natur steife Finger und fast gar kein eigentlich

musikalisches Talent gegeben hat, die aber das Edelste und Größte in

der Musik begreift und genießt, wenn Du es ihrem vielfach gebildeten

Verstande auf anderem Wege nahe bringst. Du wirst es einsehen, daß Du

mit diesen Beiden eine ganz verschiedene Sprache reden mußt. Die erstere

kannst Du nur auf rein musikalischem Wege von der Nichtigkeit ihrer

bisherigen Richtung überzeugen, indem Du ihr wiederholt die Erfordernisse

einer guten Melodie, Harmonie und die eines schönen Rhythmus mit

Beispielen am Clavier praktisch erklärest, und die ächte Musik mit

derjenigen vergleichst, der diese drei Grundbedingungen fehlen. Der

andern wirst Du die Verwandtschaft des vorliegenden Musikstückes mit

dem Schönen aus einem fremden Gebiet aufweisen müssen, um ihr Interesse

dafür zu gewinnen.

Bei allen Schülern dieser letztern Klasse muß man ablauschen, welche ihre

anderweitigen Naturanlagen, Liebhabereien und Geschicklichkeiten sind, um

etwa durch die Phantasie der Musik Eingang zu schaffen, wenn es auf

sentimentalem Wege nicht gelingen will, oder um etwa einen Vergleich aus

der Malerei zu entlehnen, wenn bei ihnen der Sinn für Farbe und Gestalt

mehr ausgebildet sein sollte, als das Gefühl für Ton und Takt. So

fördert jedes Wissen des Lehrers von andern Bildungsgegenständen den

Schüler, wenn er es an der rechten Stelle anwendet, oft weit mehr, als

wenn er sich noch so tief in die musikalische Grammatik vergraben hätte.

Manche Schüler besitzen nur die eine Hälfte des musikalischen Talents,

nämlich die Auffassung ohne die Darstellungsgabe, oder umgekehrt. Den

Erstern nützest Du durch Vorspielen am meisten, den Letztern durch

mündliche Erklärung.

Einem oberflächlichen jungen Mädchen erscheint eine isolirte Melodie

um so schöner, weil die Armuth einer rhythmuslosen, vielleicht nur auf

zwei Akkorde gebauten Begleitung ihre Gedanken nicht in Anspruch nimmt.

Ueberhaupt die Melodie ist ihr Alles, und der Baß ist für sie eine

ganz überflüssige Zugabe. Sonderbarer Weise behaupten sie von einer

Composition, die in allen Theilen Reichthum und Fülle hat, z. B. von

einer Fuge etwa: sie habe =keine= Melodie. Das heißt nun recht den Wald

vor Bäumen nicht sehen, denn bei der Fuge ist jede Einzelstimme eine

gleichberechtigte Melodie, aber vier Melodien auf einmal zu hören, dazu

fehlt ihren Ohren so zu sagen der Ueberblick.

Du mußt von Zeit zu Zeit eine ganz vorzügliche Composition vor solchen

Schülern analysiren und sie nöthigen, ihre Aufmerksamkeit auf deren

innern Bau zu richten. Dann geht ihnen das Bewußtsein von der Macht

eines harmonisch bewegten Basses und selbstständiger Mittelstimmen

auf. So wie sie vorher jede Composition trocken fanden, bei der sie

den Zauber der Melodie zu vermissen glaubten, so wird ihnen bald kein

harmonisch ärmliches Werk so verführerisch klingen, weil es etwa den

wohlfeilen Vorzug einer hübschen Oberstimme hat. Endlich versäume nicht,

die Rhythmusprobe vorzunehmen, indem Du ein Thema von allen melodischen

und harmonischen Zuthaten entkleidet, auf einen einzigen Ton reducirest.

Ist ein Rhythmus wahrhaft originell und belebt, so interessirt er uns

noch, wenn wir ihn mit den Fingern auf den Tisch trommeln. Eben sowohl

kommen die Schwächen der Erfindung unläugbar zum Vorschein, wenn seine

Monotonie nicht mehr von der buntfarbigen Melodie übertüncht ist.

Auf diese Weise gewinnt der Schüler einen Ausgangspunkt, von dem er

selbst prüfen mag, ob die Musik, die ihm gefällt, stichhaltig bleibt

oder nicht. Es ist schon viel gewonnen, wenn er einsieht, daß ihm eine

Musik darum nicht gefallen hat, weil sie ihm zu hoch war, und daß er

im entgegengesetzten Falle sich beschämt bekennen muß, daß er sich am

Gemeinen besser ergötzte. Selbsterkenntniß ist auch in diesem speziellen

Falle der erste Schritt zur Weiterbildung.

Acht Briefe an eine Freundin über Clavier-Unterricht · 第 4 / 8 题