III.

Es versteht sich, daß man den Anfängern nur die Beobachtung des

=grammatischen= Accents zur Pflicht mache, und den =oratorischen= auf

einige Jahre hinausschiebe. Der erstere, obschon man voraussetzen

sollte, daß jeder Musiker ihn kennt, wird unbegreiflicher Weise von

den meisten Lehrern stillschweigend übergangen. Man braucht nur ein

provinzialstädtisches Orchester spielen zu hören, um den Mangel des

grammatischen Accents höchst empfindlich zu spüren. Kein inneres Band

hält den Zusammenklang der Instrumente, Alles zerflattert, als ob sie

im nächsten Augenblick umwerfen wollten. Dieses Gefühl von Unsicherheit,

das den Zuhörer quält, die Unklarheit der Akkorde selbst da, wo kein

entschieden falscher Griff vorwaltet, rührt allein vom Nichtwissen oder

Nichtbeachten der Accente her.

Es reicht deßhalb durchaus nicht hin, daß ein Lehrer seinem Schüler

oberflächlich ein für allemal diese Regel mittheilt, sondern ihr

Nichtbeachten muß jedesmal streng als ein Fehler gerügt werden: man muß

innehalten, eben sowohl als ob eine falsche Note gegriffen wäre, und

einen vergessenen oder verkehrt angebrachten Accent so lange korrigiren

und wiederholen lassen, bis er richtig steht.

Am leichtesten begreifen Kinder den Accent, wenn man ihnen seine

Uebereinstimmung mit den Versfüßen klar macht. Die umständlichen oder

verwirrenden Namen: guter und schlechter Takttheil, schwere und leichte

Zeit, Niederstreich und Aufstreich, Thesis und Arsis, unter welchen

diese einfache Regel in den Clavierschulen behandelt wird, verwechseln

sie leicht, oder übertreiben mit gezwungener Steifheit die Betonung

des guten Takttheils. Aber gelingt es Dir, ein bekanntes Liedchen

aufzufinden, das gleichen Rhythmus mit ihrem Stückchen hat, so brauchst

Du ihnen nur dieß falsch betont vorzudeklamiren, um sie von der

unausstehlichen Wirkung schlecht markirter Takttheile innerlich zu

überzeugen. Ich will einmal annehmen, ein Kind spiele sein erstes

Stückchen im Viervierteltakt; sagst Du ihm: Viertel eins und drei sind

=gute=, zwei und vier aber =schlechte= Takttheile, die erstern müssen um

einen Grad stärker markirt sein als die beiden andern, so wird es die

Ursache nicht einsehen und mit großer Befangenheit ein steifes Forte und

Piano abwechseln lassen. Die oben erwähnte Weise hingegen setzt sich

sogleich im Gefühl fest. Z. B. =eins= zwei =drei= vier werden betont

wie die Worte: =Lie=be, =Gu=te. Du sagst nicht Lie=beeh=, Gu=teeh=, daß

der Ausdruck auf die kurze Silbe fällt; eben so wenig setzest Du beide

Silben mit breitem, schläfrigem Ton gleich lang gezogen neben einander.

Gerade so unwillkürlich wie Du im Sprechen die eine Silbe betonst und

die andere fallen lässest, so mußt Du Dich gewöhnen, dem guten Takttheil

seinen leisen Nachdruck zu geben. Wird dieser Druck übertrieben, so wird

der Vortrag roh und häßlich; das klingt so, wie schlechte Schauspieler

deklamiren, die mit einem Schrei auf die eine Silbe fallen und die

andere unhörbar lispeln. Läßt man ihn aus, so klingt jede Melodie wie

das Lallen eines Kindes oder das Radebrechen der Sprache von einem

Ausländer.

Den Unwissenden geschieht es fast immer, daß ihnen der Ton just auf dem

guten Takttheil nicht deutlich anspricht, und der darauf folgende auf

dem schlechten um so gewaltsamer hervorstolpert. Zum Abgewöhnen dieser

Unart sind wieder die ersten Handstückchen und leichtesten Etüden

zweckmäßig zu benützen. Schüler, die schon das falsche Accentuiren als

eine eingerostete Gewohnheit mitbringen, kann man allerdings nur dadurch

heilen, daß man sie eine Zeitlang nöthigt, den guten Takttheil ganz

übertrieben zu markiren und nachher das Zuviel geduldig wieder

ausschleift. Ihre andern Mißgriffe behandle man lieber so lange mit

einiger Milde, aber man necke sie jedesmal unbarmherzig, wenn ihre

Finger falsch deklamiren.

Der Sechsachteltakt prägt sich Kindern etwa durch die Worte: »Freundliche,

Liebliche« ein, die man sie statt: »=ein= zwei drei =vier= fünf sechs«

ein paarmal deklamiren läßt.

Man hat eine Anekdote drucken lassen, welche berichtet, wie der berühmte

Philosoph Moses Mendelssohn von Kirnberger die Theorie der Musik lernen

wollte, und dieser sich vergebens abmühte, ihm begreiflich zu machen,

daß Dreiviertel- und Sechsachteltakt verschieden seien. Er hätte ja nur

zu sagen gebraucht: »Dreiviertel sind drei Trochäen und Sechsachtel

zwei Daktylen,« so hätte das seinem gelehrten Schüler gewiß besser

eingeleuchtet, als seine Benennung: »Tripeltakt und gerader Takt.«

Wessen Gefühl die richtige musikalische Deklamation früh eingeprägt

wurde, der hat den Vortheil, daß der gute Takttheil in seinem Spiel wie

ein leiser Pulsschlag in einem lebendigen Organismus empfunden wird,

ohne sich je, die Grazie des Vortrags störend, aufzudrängen. In dem

Spiel desjenigen, der erst später diese Regel nachgelernt hat, pickt

der Accent eher wie ein Uhrwerk und giebt uns den Eindruck von etwas

Automatischem. Dennoch möchte ich noch lieber dieß geschmacklos heftige

Accentuiren dulden, als es ganz und gar entbehren. Wie leicht finden

sich beim Primavista-Spielen in vierhändigen Stücken, oder beim größern

Zusammenwirken diejenigen zurecht, die den guten Takttheil in Fleisch

und Blut spüren, während jeder, der dieses Wegweisers entbehrt, beim

geringsten Versehen sogleich stecken bleibt.

Wenn Du Spieler hörst, die bei bedeutender Fertigkeit einen total

charakterlosen Anschlag haben, so kannst Du sicher sein, daß sie vom

Unterschied der Takttheile nie etwas gehört haben. Macht man sie darauf

aufmerksam, so wollen sie ihre Unwissenheit nicht gestehen, schieben die

Sache als etwas Gleichgültiges weg und meinen, es sei die Hauptsache,

daß man »mit Gefühl« spiele. Als ob ein Mensch mit Gefühl spielen könne,

dem der falsche Accent einmal fest in den Fingern sitzt!

Eine unendliche Confusion ist in den musikalischen Unterricht durch die

Unwissenheit der ersten Autoritäten gekommen, welche die Theorie der

Takttheile feststellten. Schlägt man die Generalbaßbücher auf, so

findet man den guten Takttheil Thesis genannt, während die Metrik im

Vers die entsprechende Stelle als Arsis bezeichnet. Obgleich in der

Vokalmusik die Accente zusammentreffen müssen, läßt man musikalisch oder

sprachlich angewendet diesen Begriff sich widersprechen. Alte Theoretiker

geben hiervon eine erstaunungswürdig naive Erklärung; sie sagen nämlich:

»Arsis und Thesis bedeutet Hebung und Senkung.« Da nun beim guten

Takttheil der Taktstock sich senkt (was auch Aufstreich und Niederstreich

bedeuten), so versteht es sich, daß die accentuirte Note die Thesis

heißen muß.

Es wäre sehr zu wünschen, daß ein Musiker von allgemeiner Berühmtheit

endlich durch eine öffentliche Erklärung diese lächerliche Wort- und

Begriffsconfusion aufhöbe.

Schließlich erinnere ich Dich noch an eine Feinheit im Beachten des

grammatischen Accents, nämlich die, daß sich jeder Takttheil, er sei

ein guter oder ein schlechter, nochmals in kleinere Theilchen spaltet,

die wieder unter sich mehr oder weniger Gewicht bekunden. Passagen von

Sechzehnteln oder Triolen zum Beispiel gewinnen sehr, wenn durch einen

unmerklichen Druck des Fingers ihre kleinen Gliederungen in Drei- oder

Vierzahl eben nur geahnt wird. Doch um solche Superfeinheiten des

Anschlags bis in die letzten Consequenzen durchzuführen, gehört sich

schon eine ziemlich geübte Hand, und den Anfänger verschone man lieber

mit dieser Forderung.

Ueber Anschlag wird in der musikalischen Welt viel überflüssiges Gerede

gemacht; ich wollte Dich deßhalb nur an die vorstehenden Mängel desselben

erinnern, weil sie mir mit wenigen Ausnahmen bei allen neuen Schülern

wiederkehrten. Leute, die der Rococo-Periode des Clavierspielens anhängen,

verstehen unter schönem Anschlag nur eine Art von halbem Stackato in

den Läufen, welches sie mit einer Perlenschnur zu vergleichen belieben.

Man könnte bei diesem Anschlag zwar eben sowohl an einen Korb

ausgeschütteter trockner Erbsen erinnert werden. Abgesehen von der

Geschmacklosigkeit dieser Manier, wenn sie durchgängig angebracht wird,

ist es schon deßwegen verkehrt, auf sie, als auf das Grundprincip des

Anschlags, einen Werth zu legen, weil die Läufe und Verzierungen, zu

denen sie allenfalls paßt, eher Nebensache sind, während alles Tiefere:

Großartigkeit, Innigkeit des Gefühls, von dem Spieler allein durch

richtiges Accentuiren zur Darstellung gebracht wird.

Acht Briefe an eine Freundin über Clavier-Unterricht · 第 3 / 8 题